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Full text of "Religion und Kultus der Römer"

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Received (Otst' ^^ 190 If, 




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HANDBUCH 

DER 

KLASSISCHEN 

AETERTUMS-WISSENSCHAIT 

in systematischer Darstellung 

mit besonderer Rücksicht auf Geschichte und Methodik der einzelnen 

Disziplinen. 



In Verbindung mit Gymn.-Rektor Dr. Autenrieth f (Nürnberg), Prof. Dr. Ad. 
Bauer (Graz), Prof. Dr. Blass (Halle), Prof. Dr. Brug^mann (Leipzig), Prof. Dr. 
Busolt (Kiel), Prof. Dr. v. Christ (München), Prof. Dr. Leop. Cohn (Breslau), 
Prof. H. Gleditsch (Berlin), Prof. Dr. 0. Gruppe (Berlin), Prof. Dr. Günther 
(München), Gymn.-Kektor C. Hammer (Würzburg), Prof. Dr. Heerdegen (Er- 
langen), Prof. Dr. Hommel (München), Prof. Dr. Hübner f (Berlin), Prof. Dr. 
Judeich (Erlangen), Prof. Dr. Jul. Jung (Prag), Prof. Dr. Krumbacher 
(München), Prof. Dr. Larfeld (Remscheid), Dr. LoUing f (Athen), Prof. Dr. 
Niese (Marburg), Prof. Dr. Nissen (Bonn), Prof. Dr. Oberhummer (München), 
Priv.-Doz. Dr. Ohmichen (München), Prof. Dr. Pöhlmann (München), Gymn.- 
Dir. Dr. 0. Richter (Berlin), Prof. Dr. M. von Schanz (Würzburg), Prof. Dr. 
Schiller (Leipzig), Gymn.-Dir. Schmalz (Rastatt), Prof. Dr. Sittl f (Würzburg), 
Prof. Dr. F. Stengel (Berlin), Prof. Dr. Stolz (Innsbruck), Prof. Dr. ünger 
(Würzburg), Prof. Dr. v. ürlichs f (Würzburg), Prof. Dr. Moritz Voigt 
(Leipzig), Gymn.-Dir. Dr. Volkmann f (Jauer), Prof. Dr. Windelband 

(Strassburg), Prof. Dr. Wissowa (Halle) 

herausgegeben von 

Dr. Iwan von Müller, 

ord. Prof. der klassischen Philologie in München. 



*■•■» 



Fünfter Band, Vierte Abteilung. 

Eeligion und Kultus der Römer. 



K>cOf^B>fK3>Oo. 



MÜNCHEN 190S 
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 

OSKAR BECK 



1191 







RELIGION UND KULTUS 



DER RÖMER 



Von 



DR. GEORG WISSOWA 

OBD. PAOFEdSOB AN DER UNIVEBSITIT HALLE 







MÜNCHEN 1902 
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBÜCHHANDLUNG 

OSKAR BECK 



OCT 4 1904 



/• 

Alle Rechte vorbehAlteo. 



0. H. Beok'sohe Buchdmekerti in Nördlingan. 






THEODOR MOMMSEN 



IN VEREHRUNG UND DANKBARKEIT 



ZUGEEIGNET 



Vorwort. 



Als im Jahre 1887 nach dem frühen Tode AuGUST Eeiffer- 
8CHEIDS an mich die Aufforderung herantrat, an seiner Stelle die Be- 
arbeitung der römischen Religion für dieses Handbuch zu übernehmen, 
wurde es mir nicht ganz leicht, mich zur Zusage zu entschUessen. 
Denn so sehr mich auch damals schon die Probleme der römischen 
Religionsgeschichte gefesselt hielten, so schreckte mich doch die Form 
des Handbuchs mit seiner Nötigung zum dogmatischen Lehrvortrage 
und zur gleichmässigen Behandlung aller Abschnitte, wobei notwendig 
auf der einen Seite vielfach Bekanntes und Anerkanntes wiederholt, 
auf der anderen Neues und Bestrittenes ohne die Möglichkeit er- 
schöpfender Beweisführung aufgestellt werden musste ; ich hatte viel- 
mehr an eine längere Reihe monographischer Untersuchungen gedacht, 
in denen ich — etwa in der Weise, wie ich es in meinen Abhand- 
lungen über die Penaten und über die di indigetes gethan habe — 
die Kernfragen der römischen Religion und des römischen Sacralrechts 
in meinem Sinne zu erörtern beabsichtigte. Wenn ich mich schliess- 
lich doch für die Übernahme der Aufgabe entschieden habe, so waren 
dafür ausser Rücksichten der Pietät gegen meinen Lehrer Reifper- 
SCHFID zwei Erwägungen massgebend: einmal dass sich die Probe auf 
die Richtigkeit einer Grundauffassung nur machen lässt durch den 
Versuch ihrer Durchführung an allen Einzelfragen und an allen Teilen 
des gesamten Forschungsgebietes, sodann dass die Hoffnung, Mit- 
arbeiter für die Lösung dieser mir am Herzen liegenden Aufgaben zu 
gewinnen, nur dann Aussicht auf Erfüllung haben konnte, wenn einer 
das Gebäude der römischen Religion im ganzen zu reconstruieren 
wagte, um einerseits klarzustellen, inwieweit Fundamente und Bauriss 
noch deutlich zu erkennen sind, andererseits eben durch die not- 
wendigen Mängel und Lücken seiner Wiederherstellung die bessernde 
und ergänzende Thätigkeit anderer hervorzurufen. Von der An- 
massung, etwas Abschliessendes geleistet zu haben, weiss ich mich 
frei, viel eher habe ich den Ehrgeiz, dass meine Darstellung als An- 



VIII Vorwort. 

fang und Anr^ung zu einer lebhafteren wissenschaftlichen Arbeit auf 
diesem seit Jahrzehnten ungebührlich vernachlässigten Forschungsfelde 
sich bewähre: ob diese Arbeit meine Ergebnisse bestätigt und weiter- 
führt oder niederreisst und durch andre ersetzt, mag mir persönlich 
lieb oder leid sein, für die Sache ist es gleichgiltig, wofern wir nur 
über den Weg des Irrtums der Wahrheit uns nähern. 

Viele werden enttäuscht sein, wenn sie in diesem Buche so 
manches nicht finden, was sie erwarteten, insbesondere nichts von 
„vergleichender" Religionsbetrachtung. Wenn ich in dieser Hinsicht 
— zuweilen mit Selbstüberwindung — strenge Zurückhaltung geübt 
habe, so möchte ich die Missdeutung abweisen, als wollte ich eine 
Betrachtungsweise, die Männer wie W. Mannhardt, E. Rohde, 
H. UsENER — um nur die verdienstvollsten zu nennen — zu der 
ihrigen gemacht und zum Teil mit glänzendem Erfolge angewendet 
haben, ignorieren oder verwerfen: aber für die römische Religion hat 
diese Betrachtungsweise in der grossen Mehrzahl der Fälle in die 
Irre führen müssen, weil sie verfrüht war. Für jede Vergleichung 
ist die erste und unerlässliche Vorbedingung, dass vorher die zu ver- 
gleichenden Objecte jedes für sich nach Eigenart und Beschaffenheit 
klargestellt seien: dieser Forderung ist gerade für die römische Re- 
ligion nur selten genügt worden, indem man statt der ältesten und 
reinsten Form der Überlieferung diejenige heranzog, die die meisten 
Vergleichspunkte zu bieten schien, und dabei übersah, dass diese 
Vergleichspunkte nicht auf ursprünglicher Ähnlichkeit, sondern auf 
späterer, zum Teil mit Absicht und Bewusstsein vollzogener Über- 
tragung und Angleichung der verglichenen Sagen und Kulte beruhten. 
Indem ich überall das specifisoh Römische herauszuarbeiten und die 
älteste römische oder latinische Form eines jeden Gottesdienstes zu 
ermitteln bemüht gewesen bin, glaube ich einer späteren vergleichen- 
den Betrachtung besser gedient zu haben, als wenn ich durch reich- 
liche Heranziehung wirklicher oder vermeintlicher Parallelen aus der 
Religion der Griechen und anderer verwandten Völker zwar vielleicht 
für diese oder jene Erscheinung eine ansprechende Erklärung ge- 
wonnen, dabei aber das Hauptziel, die voraussetzungslose Feststellung 
der Thatsachen der römischen Religion, verschoben hätte. In dem 
den Kultus behandelnden Abschnitte habe ich das antiquarische Detail, 
für das wir ja in dem MARQüARDT'schen Handbuche ein durch Voll- 



Vorwort. IX 

standigkeit und Zuverlässigkeit ausgezeichnetes Hilfsmittel besitzen, 
möglichst beiseite geschoben und auf die Hervorhebung der sacral- 
rechtlichen Gesichtspunkte den Hauptwert gelegt, wobei ich freilich 
auf Schritt und Tritt die Beobachtung zu machen hatte, dass hier 
nicht viel weniger als alles noch zu thun bleibt. Da mir in diesem 
Teile besonders daran gelegen sein musste, den Text nicht durch 
Abschweifungen und Erörterung einzelner strittiger Punkte zu unter- 
brechen, habe ich von dem bequemen Auskunftsmittel der Fussnoten 
einen etwas weitgehenden Gebrauch gemacht. 

Die Drucklegung des Bandes, die zweimal auf längere Zeit 
unterbrochen werden musste, hat S\ Jahre in Anspruch genommen, 
wobei es natürlich nicht ohne mancherlei Ungleichmässigkeiten und 
Wiederholungen abgegangen ist, die ich milde zu beurteilen bitte; 
manche bedeutsame Erscheinung der neueren Litteratur, wie z. B. 
FüBTWÄNGLERS Gemmenwerk und das Schlussheft (I 2) von CüMONTS 
Mithras kamen erst in meine Hände, als diejenigen Partien, für die 
ich von ihnen hätte Gebrauch machen können, bereits fertig gedruckt 
vorlagen. So hätte ich schon jetzt mancherlei Nachträge und Berich- 
tigungen zu machen, aber es widersteht mir, dem Bande solch ein 
Sündenregister anzuflicken, das doch in ein paar Wochen schon 
wieder unvollständig sein würde. Nur darauf soll hier hingewiesen 
werden, dass ich die falsche Ansetzung der staatlichen Anerkennung 
des Isiskultes S. 7 9 auf Grund erneuter Prüfung der Frage nachher 
S. 294 f. berichtigt habe, sowie dass die auf S. 334 gegebene Er- 
klärung der legum dictio durch die abweichende, auf S. 453 A. 1 be- 
gründete zu ersetzen ist. 

Mein eigener Name findet sich unter den Citaten der Anmer- 
kungen häufiger, als mir selbst angenehm ist; aber da ich seit dem 
Jahre 1882 in einer grossen Anzahl von Einzelbeiträgen die Dar- 
legungen dieses Bandes vorbereitet und begleitet habe, war es unver- 
meidlich, auf sie zu verweisen, wenn ich nicht das ganze in ihnen 
gebotene Beweismaterial wiederholen und damit dieses Buch über 
Gebühr belasten wollte. Um diese Aufsätze, die eine notwendige 
Ergänzung zu dem vorliegenden Buche bilden, aber, soweit sie nicht 
längst vergriffen sind, teilweise in Festschriften und Universitäts- 
programmen ein weltentrücktes Dasein führen, einem weiteren Kreise 
als bisher zugänglich zu machen, werde ich die wichtigsten von ihnen 



X Vorwort. 

in überarbeiteter und erweiterter Gestalt und um das eine oder andre 
neue Stück vermehrt im Sommer kommenden Jahres unter dem Titel 
„Gesammelte Abhandlungen zur römischen Religions- und Stadt- 
geschichte" im gleichen Verlage neu herausgeben. 

Das Schlusswort dieser Vorrede gehört dem Danke an die drei 
Männer, die meine Lehrer gewesen sind und auf deren Einfluss auch 
die Entstehung dieses Buches zurückgeht: ÄüGUST Retfferscheid , 

Heinrich Brunn, Theodor Mommsen. Der erstgenannte würde, das 

weiss ich sehr wohl, an dem Buche keine ungeteilte Freude haben, 
denn je tiefer ich in den Gegenstand eingedrungen bin, um so 
weiter haben meine Wege sich von denen Reipferscheids entfernt 
oder doch von mancher seiner Lieblingsideen abgeführt: meine Dank- 
barkeit gegen ihn aber ist darum gewiss keine geringere, denn er 
hat mir zuerst dieses Arbeitsgebiet erschlossen und mir eine Fülle 
von Anregungen geboten, die, wenn sie auch mehr in der Frage- 
stellung als in der Lösung sich bewährten, doch nie unfruchtbar 
waren. HEINRICH Brünn, ein Mann, auf den das Wort oV ovi' aivetv 
ToTm xaxoTtfi ^äfiig eigens geprägt scheint, ist mir nicht nur allewege 
in Leben und Wissenschaft ein väterlicher Freund und Berater ge- 
wesen, sondern hat mir auch sowohl durch seine Schriften als noch 
viel mehr in unvergesslichen Gesprächen den Blick geschärft gerade 
für die Unterscheidung griechischen und römischen Wesens in Re- 
ligion und Kunst. Beide Männer sind längst dahingegangen; nur 
der dritte weilt noch unter uns, durch unvergängliche Lebens- und 
Schaffenskraft uns Jüngeren wie der letzte Spross eines stärkeren und 
glücklicheren Geschlechtes erscheinend, zu dem wir in Bewunderung 
emporsehen. Wenn ich heute dieses Buch, das durch mehr als ein 
Dutzend Jahre in guten und bösen Tagen mein Gefährte und noch 
zuletzt in schwerem Unglück mein Trost gewesen ist, in die Hände 
Theodor Mommsens lege, so gebe ich damit nur einen kleinen Teil 
dessen zurück, was ich von ihm empfangen habe: dass ohne MoMMSENS 
Lebenswerk, vor allem ohne das Staatsrecht und den Commentar zum 
Festkalender, kein Kapitel dieses Buches hätte geschrieben werden 
können, wird jeder Sachkundige leicht sehen. 

Halle (Saale), am Winckelmannstage 1901. 

Georg Wissowa. 



Inhalt 



/" 



1. Die Quellen . 

2. GeschichtUcheB 



Einleitung. 



Seite 
1 

9 



Erster Teil. 
Überblick über den Entwicklungrsgrangr der römischen Religrion. 

Erster Abschnitt 
Die Beligion der ältesten Zeit bis snr Erbauung des oapitolinisohen Tempels. 

3. Die di indigetes 15 

4. Allgemeiner Charakter der altrOmischen Religion 20 

5. Alter nnd Entstehung der ftltesten Götterordnong 24 

6^ Die Formen der ältesten Crötterverehrong 28 



Zweiter Abschnitt. 
Bis snm zweiten pnnischen Kriege. 

7. Die Grflndung des capitolinischen Heiligtomes and die gleichzeitigen Neuemngen 

8. Die Erweitenmg des Kreises der römischen Staatsgötter 

9. Die Aufnahme italischer und griechischer Gottheiten 

10. Yermehnmg der Götter durch Spaltung und dnrch Vergöttlichung abstrakter Begriffe 

11. Die äusseren Formen des Staatskultus 

Dritter Abschnitt. 
Bis cum Ausgange der Bepublik. 

12. Die Hellenisierung des Kultus 

13. Litteratur und Wissenschaft 

14. Verfall der Staatsreligion 

Vierter Abschnitt. 
Die Beligion der Kaiserseit. 

15. Die religiösen Reformen des Augustus 

16. Die religiösen Verhältnisse in den beiden ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit 

17. Die Zeit der Auflösung seit den Antoninen 

18. Das Ende der römischen Religion 

Zweiter Teil. 
Die Götter der römischen Staatsreligrion. 

Erster Abschnitt. 

Die di indigetes. 

19. Janus 

20. Juppiter 

21. Juno 

22. Gottheiten aus dem Kreise des Juppiter 

23. Mars ....... 

24. Quirinus .... 
»ö. Vesta 



33 
38 
42 
46 
50 



54 
58 
63 



66 
71 

78 
84 



91 
100 
113 
120 
129 
139 
141 



XII 



Inhalt. 



26. Di penates 

27. Lares 

28. Genius 

29. Gottheiten der Erde nnd des Landbaas 

30. Gonsus und Ops 

31. Satumns and Laa .... 

32. Faanas. Faana. Silvanas . 

33. Die Gottheiten des Wassers 

34. Volcanas and Maja .... 

35. Unterwelts- and TotengOtter 

36. Sonstige Gottheiten des ältesten Kreises 

Zweiter Abschnitt. 
Di novenaidea italischer Herkunft. 

37. Diana .... 

38. Minerva 

39. Fortuna 

40. Castor and Pollax 

41. Hercales 

42. Feronia 

43. Vortanmus 

44. Venus .... 

Dritter Abschnitt. 

Di novenaides griechischer Herkunft. 

45. Apollo .... 

46. CereSi Liber und Libera 

47. Mercurins 

48. Neptunus 

49. Aesculapius und Salus . 

50. Dis pater und Proserpina 

51. Mens .... 

52. Sol und Luna 

53. Mater deum magna Idaea 

Vierter Abschnitt. 
XTengeschaffene Gottheiten. 

54. Personifikationen abstrakter Begriffe .... 

55. Dea Roma und die Divi imperatores .... 

Fünfter Abschnitt. 
Sacra peregrina. 

56. Die kappadokische Mä-Bellona 

57. Isis und die Götter Aegyptens 

58. Die syrischen Gottheiten 

59. Der Mithrasdienst 

60. Sonstige Fremdkulte 

Dritter Teil. 
Die Formen der Götterverehrungr 

61. Sacralrechtliche Grundlagen 

62. Die gottesdienstlichen Handlungen 

63. Die Festzeiten .... 

64. Die Spiele ... 

65. Die Oertlichkeiten des Kultus 

66. Die Priesterordnung 

67. Das Pontificalcollegium 

68. Die Augures .... 

69. Die Quindecimviri sacris faciundis und die 

70. Die priesterlichen Sodalit&ten 

Anhang I. Der römische Festkalender 
Anhang II. Die römischen Staatstempel 

Register I. Namen- und Sachregister 
Register II. Stellenregister 



Haruspices 



fipite 

145 

148 
154 
159 
1^". 
It* 
172 
179 
184 
187 
193 



198 
203 
206 
216 
219 
2.^1 
233 
234 



239 
242 
248 
250 
253 
255 
259 
260 
363 



271 

280 



289 
292 
299 
307 
312 



318 
344 
365 
381 
399 
410 
430 
450 
461 
475 

491 

516 

520 
533 



Einleitung. 

1. Die Quellen. Entscheidender als auf irgend einem andern Ge- 
biete ist auf dem der römischen Religionsforschung die Stellungnahme zu 
den Quellen und die richtige Wertung der Überlieferung. Das Eigenartige 
im Entwicklungsgange der römischen Religion beruht darauf, dtfss hier 
nicht eine stetig von innen heraus erfolgende Ausgestaltung ursprüng- 
licher Anschauungen vorliegt, sondern der normale Entwicklungsprozess 
durchkreuzt worden ist durch den übermächtigen Einfluss der auf ganz 
anders geartetem Boden erwachsenen griechischen Religionsvorstellungen, 
die, einmal in Rom eingedrungen, die Kraft besassen, die altrömische 
Religion von Grund aus umzugestalten und sich zu assimilieren. Wenn 
J. A. Habtukg (Relig. d. Römer I p. IX) in einem vielfach citierten Bilde 
diese Verhältnisse so charakterisiert »es ist ein alter Tempel von einem 
Überbaue verhüllt worden, sodann sind beide eingestürzt, und wir haben 
nun die Trümmer des ersteren Gebäudes unter dem Schutte des zweiten 
hervorzugraben*^, so wird er damit den Schwierigkeiten der historischen 
Aufgabe insofern nicht voll gerecht, als es mit der blossen Sichtung des 
Schutthaufens in Trümmer griechischer und römischer Herkunft bei weitem 
nicht gethan ist ; oft hat — um in dem einmal gewählten Bilde zu 
bleiben — bei jenem Überbau die Hand des neuen Meisters ein ungefüges 
Werkstück des alten Gebäudes zu einer zierlichen griechischen Ornament- 
platte umgeschaffen und nur ein zufällig stehengebliebener Überrest verrät 
dem sorg&ltig prüfenden Auge die ursprüngliche Bestimmung. Jener 
Neubau aber hat sich in seinen Hauptteilen vollzogen in einer Zeit, die 
nicht nur vor der unserer erhaltenen Quellen, sondern überhaupt vor dem 
Beginne der in Rom erst spät ins Leben tretenden Litteratur liegt. Ist 
also der wesentliche Teil unserer Aufgabe die Rekonstruktion des ursprüng- 
lichen Bauwerkes, so wird die Auskunft^ die uns unsere Gewährsmänner 
— gleichviel ob ihr Zeugnis im Original vorliegt oder erst aus den An- 
gaben Späterer wiedergewonnen werden muss — zu geben im stände 
sind, eine recht beschränkte sein, wertvoll nur in dem Falle, wenn sie 
auf in die Zeiten des alten Baues zurückreichender Überlieferung beruht. 
Wie sich aber die alten Gewährsmänner ihrerseits den ehemaligen Tempel- 
bau, den sie nicht mehr erlebt haben und von dem nur spärliche Kunde zu 
ihnen gedrungen ist, vorgestellt und was sie über seine Baugeschichte und 

EAodbaoli der Umb. AltertiumnriMeiMohaft. V. 4. 1 



Religion und Koltiui der BOmer. SinleÜuiig. 



den Plan des Baumeisters zusammenkombiniert haben, das mag für die Be- 
urteilung ihres Scharfsinnes und ihrer Denkweise von hohem Werte sein, 
für die Sichtung der Trümmer und die Würdigung der Bruchstücke aber 
vermag es uns wenig oder nichts zu helfen, und es kommt dabei nicht viel 
darauf an, ob der sogenannte Zeuge, der sich die Vergangenheit auf seine 
Weise zurechtlegt, ein ernsthafter Forscher oder ein leichtbeschwingter 
Dichter ist. So selbstverständlich und einleuchtend das erscheint, so wenig 
pflegt es beachtet zu werden: Ovids frei erfundene oder den Griechen 
nacherzählte cuxta gelten als italische Mythen, Varros Konstruktionen der 
Oöttersysteme des Evander, Romulus, Titus Tatius, Numa u. s. w. werden 
wie Überlieferung behandelt, aus den philosophisch-theologischen Speku- 
lationen der Verfallzeit über Sinn und Bedeutung der einzelnen Götter 
hofft man die geoffenbarten Grunddogmen der römischen oder italischen 
Religion herausmünzen zu können, und schliesslich gibt all das zusammen 
ein Bild, dessen Buntheit für den Mangel an historischer Wahrheit nicht 
zu entschädigen vermag. Es scheint darum unerlässlich, einen Überblick 
über di8 wichtigsten Quellen mit kurzer Erörterung ihrer Zuverlässigkeit 
und Ergiebigkeit vorauszuschicken. 

Weitaus die wichtigste Quelle für die Kenntnis der altrömischen 
Religion, wie sich dieselbe vor der Einwirkung des Griechentums gestaltete, 
ist der römische Festkalender, dessen ursprüngliche Gestalt sich aus 
den uns in bedeutenden Bruchstücken vorliegenden Exemplaren der ersten 
Kaiserzeit mit voller Sicherheit herstellen lässt. Wir besitzen aus der 
Zeit etwa von der Schlacht bei Actium bis auf Kaiser Claudius Fragmente 
von rund 20 Ausfertigungen des stadtrömischen Kalenders,^) welche — für 
den Gebrauch in Rom oder den Municipien der benachbarten Landschaften 
bestimmt — offenbar sämtlich auf dasselbe officielle Exemplar zurückgehen 
und sich gegenseitig zu einem fast lückenlosen Bilde des römischen Kirchen- 
jahres ergänzen. Mit unverkennbarer Deutlichkeit heben sich auf jedem 
Exemplare schon durch die Dimensionen der Buchstaben zwei Gattungen 
von Aufzeichnungen von einander ab: in grossen Schriftzügen und einem 
mit geringen Abweichungen überall in gleicher Weise durchgeführten 
Systeme von Abkürzungen geben die Kalender a) die Nundinalbuchstaben, 
b) die den rechtlichen Charakter des Tages als Fest- oder Werktag be- 
zeichnenden Siglen, c) (zwischen a und b eingereiht) die Namen der Tage, 
soweit denselben solche zukommen, nämlich die Benennungen Kalendae 
Nonae Idus und die Namen von 45 ständigen Staatsfesten (fet-iae publicae) ; 
in kleinerer Schrift treten dann eine Reihe weiterer Notizen hinzu, deren 
Bestand und Fassung in den verschiedenen Kalendern viel mehr variiert, 
nämlich d) für die nicht benannten Tage die Ziffern des Abstandes von 
den nächstfolgenden Kalendae, Nonae, Idus; e) Bemerkungen über Ein- 



') Bei MoMMSEN CIL I* p. 205 ff. in 
folgender (m. E. nicht Überall begründeter) 
chronologischer Anordnung: I Esquilini. II 
Caeretani. III Arvalium. IV Tusculani. V AI- 
lifani. VI Pinciani. VII Sabini. VIII Venu- 
Bini. IX Maffeiani. X Feriale Cumanum. 



XI Praenestini. XII Vallenaes. XI II Panüni. 
XIVVaticani. XV Amitemini. XVIPighiani. 
XVII Antiates. XVIII Famesiani. XIX Frag- 
menta minora. XX Guidizzolenses. Nene 
Bruchstücke aus Rom Bull. aroh. com. XXII 
1894, 221 ff. XXIU 1895> 126 f. 



1. Die Qaellen, 3 

Setzung und Anlass der in caesarisch-augusteischer Zeit dem Jahre neu 
eingefügten feriae; f) Bemerkungen über die Zugehörigkeit der feriae der 
alten Ordnung (c) zu bestimmten Göttern, in der Form z. B. feriae lovi; 
g) Angabe der sacrißcia, epuUie, ludi (auch der mercatus); die scu^rificia, 
d. h. die in jeder aedes publica alljährlich am Tage ihrer Dedication dar- 
gebrachten Opfer, werden verzeichnet mit Angabe des Qottes im Dativ 
und Angabe der Örtlichkeit, z. B. lano ad theatrum MarceUi; h) verein- 
zelte astronomische Bemerkungen; i) zuweilen kommentierende Notizen 
über Bedeutung und Anlass der Festnamen, Sinn der Siglen u. s. w. Es 
ist das hohe Verdienst Th. Mommsens nachgewiesen zu haben (CIL P 
p. 361 ff. = I^ p. 283 ff.), dass wir in den mit grossen Schriftzügen aus- 
geführten Angaben der erstgenannten Art die älteste römische Kalender- 
aufzeichnung besitzen, wie sie den Römern selbst für die Jahresordnung 
des Numa galt und während der gesamten Zeit der Republik bis auf 
G. Julius Caesar ohne jede Abänderung bestanden hat. Aber auch die 
Notizen der zweiten Art sind von hoher Wichtigkeit, indem sie uns, wenn 
auch nicht mit so unbedingter Vollständigkeit und Authenticität, von den 
in republikanischer Zeit eingesetzten Spielen, Festf eiern und Tempel- 
gründungen Nachricht geben (g). Die Angaben über die als feriae be- 
gangenen Gedenktage der caesarisch-augusteischen Zeit (e) erhalten eine 
besondre Erläuterung durch ein erhaltenes Beispiel eines ausserrömischen 
Kalenders, das sog. feriale Cumanum (CIL X 8375; vgl. dazu Mohmsen, 
Hermes XVII 631 ff.), welches nur die Festtage des Augustustempels zu 
Cumae umfasst. Wichtige Zeugen für die Zeiten des ausgehenden Heiden- 
tums sind drei Kaiendarien des 4. bezw. 5. Jahrhunderts, zwei handschrift- 
liche, das des Furius Dionysius Philocalus vom J. 354 n. Chr. und das des 
Polemius Silvius vom J. 448/9,^) und ein inschriftliches Festverzeichnis 
für Capua und die Provinz Campanien vom 22. November 387 n. Chr. 
(CIL X 3792). So führen uns die verschiedenen Gestaltungen des römi- 
schen Festkalenders, wie sie uns in authentischen Urkunden vorliegen, 
durch die ganze Geschichte der römischen Religion von der ältesten Zeit 
bis zu ihrem Untergänge. Das was sie uns geben und worauf ihr Wert 
beruht, ist die grosse Menge von sakralen Thatsachen, deren Bedeutung 
und Zusammenhang zu erschliessen erst Aufgabe der Kombination ist. 
Schon die Forschungen der alten Gelehrten über die Geschichte ihrer 
heimischen Religion knüpfen zum Teil ausgesprochnermassen an den Fest- 
kalender an, und es gab eine reiche Litteratur de fastis (vgl. Teuffbl- 
ScHWABE, Rom. Litt.Gesch. § 74, 4), aus der uns recht erhebliche Nieder- 
schläge noch erhalten sind: die Erörterung der römischen Festnamen bei 
Varro de 1. 1. VI 12 ff., die auf Verrius Flaccus zurückgehenden erklärenden 
Anmerkungen der praenestinischen Fasten, die insbesondre auf Varro und 
Verrius Flaccus beruhende Darstellung der sechs ersten Monate des römi- 
schen Jahres in Ovids fasti,*) die bei Macrob. S. I 12—16 u. s. erhaltenen 



^) Zusammen abgedruckt CIL V p. 332 ff. 
= I« p. 254 ff. 

') Yg]. H. WnrTHBB, De faatis Verrii 
Flacci ab Ovidio adhibitis, Diss. Berolini 



1885; über Varro als Quelle s. Ch. Hülsen, 
Varronianae doctrinae quaenam in Ovidii 
fastis vestigia extent, Diss. Berolini 1880. 
A. ScHMEKBL, De Ovidiana Pythagoreae doc- 

1* 



Beligion und KnltiiB der BOmer. fiinleitimg. 



Auszüge aus Suetons Buche de anno Romanorum,^) ja noch in spätester 
Zeit das 4. Buch von des Johannes Laurentius Lydus Schrift negl firjvöSi^ 
enthalten reichen Stoff zur Geschichte des römischen Kultus und ergänzen 
vielfach das aus den Steinkalendern gewonnene Wissen aufs erwünschteste. 
Nur darf hier wie in der gesamten für unser Oebiet in Betracht kom- 
menden litterarischen Überlieferung niemals die an sich selbstverständ- 
liche Forderung ausser acht gelassen werden, dass aufs strengste zu 
scheiden ist zwischen den von unsern Oewährsmännem beigebrachten 
Thatsachen des Kultus und der Beligionsübung und dem, was sie auf 
örund dieser Thatsachen und eigner Kombination über Alter, Herkunft 
und Bedeutung der einzelnen Kulte und Feste feststellen zu können 
glauben : die Grenzlinie zwischen Überlieferung und Hypothese ist in den 
meisten Fällen mit Sicherheit zu ziehen. Der Schatz authentischer Nach- 
richten über Einzelheiten des römischen Rituals, der uns durch Vermitt- 
lung der gelehrten Litteratur der Alten überkommen ist, ist ein recht 
ansehnlicher und noch keineswegs völlig ausgebeutet: über Gebetsformeln 
und rituelle Geremonien, über Zulässigkeit und Angemessenheit der ein- 
zelnen Opfertiere und sonstigen Opfergaben in den verschiedenen Kulten, 
über die Mitwirkung der einzelnen Priester auf der einen und des Publi- 
kums auf der andern Seite, über volkstümliche Festbräuche u. a. m. liegen 
zuverlässige Zeugnisse in solcher Reichhaltigkeit vor, dass sie uns nicht 
nur einen ziemlich klaren Einblick in die Praxis und die Organisation 
der äusseren Religionsübung verstatten, sondern uns auch erlauben, darüber 
hinaus auf die Gegenstände dieses Kultus und die ihrer Verehrung zu 
Grunde liegenden Vorstellungen sichere Schlüsse zu machen. Solche Nach- 
richten, die wir ja gewöhnlich erst aus dritter und vierter Hand erhalten, 
gehen in der Hauptsache auf zwei Ströme der Überlieferung zurück. Auf 
der einen Seite ist es die antiquarisch-historische Litteratur, die 
besonders durch Vermittlung der viel gelesenen Antiquitates rerum divl- 
narum des M. Terentius Varro,*) daneben auch durch Nigidius Figulus,*) 
Verrius Flaccus, Julius Hyginus u. a., auf Gellius, Macrobius, die Vergil- 
erklärer, die Kirchenväter, von Griechen besonders auf Dionys von Hali- 
kamass^) und Plutarch^) stark eingewirkt hat: Urkunden wie die allerdings 
dürftigen und stark entstellten Reste des Liedes der Salier,®) die alten Ge- 
betsformeln {carmina) bei Livius und Macrobius,') die Festordnung der Ar- 



trinae adumbratione, Diss. Oryphiswaldiae 
1885 S. 26 ff. 

*) Vgl. G. WissowA, De Macrobii Sa- 
turnalioniin foDtibus capita tria, Diss. Vratis- 
laviae 1880 S. 16 ff. 

*) Disposition bei Aagustin. c. d. VI 3; 
FragmentsammluDg bei R. Merkel, Proleg. 
in Ovid. fast. p. CVI ff.; s. auch £. Sohwakz, 
Jahrb. f. Philo!. Suppl.Bd. XVI 407 ff. und 
besonders die Sammlung der Bruchstücke 
von B. T. XIV. XV. XVI durch R. Agahd, 
Jahrb. f. Philol. Suppl.Bd. XXIV 1 ff. 

') Fragmentsammlung von A. Swoboda, 
Vindobonae 1889. 

*) Vgl. A. EiBSSLiNO, De Dionysi Bali- 



camasei antiquitatum auctoribus latinis, Dias. 
Bonn., Lipsiae 1858 S. 38 ff. 

^) A. Babth, De Jubae ouoioTtjaiy a 
Plutarcho expressis in quaesüonibus Ro- 
manis et in Romulo Numaque, Diss. Got- 
tingae 1876. P. Glaesser, De Varronianae 
doctrinae apud Plutarchum vestigiis, Leipz. 
Stud. IV 1881 S. 159 ff. 

^) CM. Zandeb, Carminis saliaris reli- 
quiae, Lundae 1888. Baehrens, Fragm. poet. 
Rom. p. 29 ff. B. Maurbnbrbcher, Carmi- 
num saliarium reliquiae, Jahrb. f. Philol. 
SuppLBd. XXI 315 ff. 

') z. B. die Devotionsformel Liv. VIII 
9, 4 ff., die carmina evocationis et devotioms 



1. Die Quellen. 



geerprozession bei Varro de 1. 1. V 45 ff., die bei den Kirchenvätern wieder- 
holt herangezogenen Litaneien der Indigitamenta, die von den Historikern 
hin und wieder im Wortlaute angeführten sibyllinischen und sonstigen 
Orakel ') u. a. stammen aus dieser Überlieferung. Auf der andern Seite 
gab es bei dem engen Zusammenhange, in dem bei den Römern Religion 
und Recht standen, eine reiche juristische Litteratur de iure pontificio, 
dann auch über einzelne Zweige des Sakralrechtes wie de auspiciis, de 
religionibus u. a., welche in augusteischer Zeit in den Werken des Antistius 
Labeo und Ateius Capito de iure pontificio eine Art von Zusammenfassung 
erfahr und dadurch namentlich auf das uns in den Auszügen des Festus 
und Paulus vorliegende Werk des Verrius Flaccus de verborum significatu,^) 
dann auch auf Gellius, die V ergilscholien u. a. einwirkte: wir verdanken dieser 
Litteratur insbesondere Zeugnisse über Rangordnung und Rechtsstellung 
der einzelnen Priesterschaften, ^) über die verschiedenen Gattungen von 
heiligen Handlungen und ihre Träger,^) über die bei bestimmten Vor- 
kommnissen erforderlichen Opfer, ^) auch wichtige Einzelurkunden wie 
die über die Anordnung des Septimontium (Fest. p. 340. 348) und die lex 
de spoliis opimis (Fest. p. 189). In letzter Linie stammen alle diese An- 
gaben aus den Archiven der einzelnen Priesterschaften: kaum eine der 
letzteren hat ihrer Aufzeichnungen entbehrt, wenn auch deren Umfang 
je nach Bedeutung und Wirksamkeit des betreffenden Priestertums ver- 
schieden gewesen sein mag: Mitgliederverzeichnisse, Statuten, Sitzungs- 
protokolle, Gebetsformulare, Ritualvorschriften u. a. m. machten den In- 
halt dieser lUnH oder commentarii sacerdotum^) aus, die allerdings zum 
überwiegenden Teile nicht jedermann zugänglich waren, aber doch durch 
einzelne schriftstellerisch thätige Mitglieder der betreffenden Kollegien für 
die Öffentlichkeit ausgezogen wurden: es wird immer die letzte Aufgabe 
der Forschung sein, aus den uns vorliegenden Angaben der späteren Kom- 
pilatoren über die von diesen zunächst benützten antiquarischen und 
juristischen Sammelwerke hinaus vorzudringen bis zu jener Urquelle, den 
Priesterschriften, und deren Rekonstruktion zu versuchen.^) Je schwieriger 
aber bei der Beschaffenheit der durch vielfache Brechung getrübten und 



bei Macr. S. III 9, die AnfOhningen ans den 
carmina der Fetialen bei Liv. I 24. 82. 38 
(Tgl. auch Gell. XVI 4, 1), die Fonnel der 
Inraguration bei Liv. I 18, 9 (vgl. Varro de 
L 1. VII 8) u. a. m. 

So namentlich die von H. Dibls, Si- 
bylliniflche Blätter, Berlin 1890 ins rechte 
Ucbt gesetzten sibyllinischen Orakel bei 
Phlegon mirab. 10 a. macrob. 4 (= Zosim. 
116); die carmina Mareii vatia bei Liv. 
XXV 12 (vgl. Macr. I 17, 28), das angeb- 
liche delphische Orakel bei Liv. V 16, 8 u. a. 

^) Vgl. R. Reitzbkstbdt, Verrianische 
Forschungen (Breslaa 1887) S. 45 ff. H. Wil- 
LBB8. De Verrio Flacco glossarom interprete 
(Balis 1898) S. 10 ff. 

') z. B. Fest. p. 185 s. Ordo gacerdotum, 
GslL I 12. 

*) z. B. Fest p. 157 s. MuniHpalia Sa- 



cra; p. 287 8. Peregrina sacra; p. 245 s. 
Publica Sacra; p. 258 s. PoptUaria sacra 
u. a. m. 

^) z. B. Fest. p. 186 s. Optatam hostiam; 
p. 218 8. Praecidanea porca; p. 223 B.Praeci- 
danea agna; p. 238 s. Porcam auream und 
Propudialis porcus; p. 250 s. Prodiguae ho- 
stiae \m^ Prtusentanea porca; p. 802 s. Suc- 
cidanea hostia n. a. m. 

^) Ueber die Identität der früher fälsch- 
lich geschiedenen liM und commentarii vgl. 
P. Rboell, De augurum publicorum libris, 
Diss. Vratislayiae 1878 S. 80 ff. 

') Ein beachtenswerter Versuch, die de 
sacerdotibus publicis handelnde!! Abschnitte 
der libri pontifieales wiederherzustellen, bei 
R. Fbtbb, Quaestionum pontificalium speci- 
men, Diss. Argentorati 1886. 



Religion und Koltna der Römer. Einleitung. 



verdunkelten Überlieferung diese Aufgabe ist und je lückenhafter natur- 
gemäss das Ergebnis sein muss, von um so unschätzbarerem Werte sind 
für uns Urkunden, die sich als direkt aus der Praxis des Kultus und 
den Archiven der Staatspriester herrührend zu erkennen geben. Inschrift- 
lich ist mancherlei derart auf uns gekommen, z. B. eine Anzahl von Tempel- 
statuten (leges templorutn) und analogen Vorschriften der Sakralpolizei, ^) 
Ausfertigungen von Verordnungen der Pontifices (CIL X 8259) und Quin- 
decimvirn (CIL X 8698), das Reglement über Rechte und Pflichten des 
flamen Augusti der narbonensischen Provinz (CIL XII 6038), auch mehrere 
Bruchstücke der Mitgliederlisten einzelner Priesterschaften aus der aus- 
gehenden Republik und der Eaiserzeit,^) die für die frühere Zeit, wo 
inschriftliche Zeugnisse fehlen, zum Teil aus Livius wiederhergestellt 
werden können,') da die ursprünglich von den Pontifices geführte Stadt- 
chronik den Personalveränderungen in den höheren Priesterstellen ebenso 
wie den Tempelgründungen, Prodigien und anderen Ereignissen sakraler 
Natur besondre Aufmerksamkeit schenkte. Aber an Bedeutung und Um- 
fang weit über all diesen Urkunden stehen die in Zahlzeichen Bruch- 
stücken auf uns gekommenen Protokolle über die Sitzungen und Amts- 
handlungen der fraires Arvales,*) die, obwohl durchweg der Eaiserzeit 
(von Augustus bis auf Qordianus) angehörig, doch gerade für die Kenntnis 
des altrömischen Qottesdienstes von grundlegender Wichtigkeit sind: 
denn einmal geben die jede Bewegung und Handreichung mit peinlich- 
ster Genauigkeit registrierenden Aufzeichnungen offenbar ein seit Ur- 
zeiten unverändertes und den Ausführenden selbst nur zum geringsten 
Teile noch verständliches Ritual wieder, andererseits beschränkt sich 
der Gesamtdienst der Arvalen auf den einheimischen Götterkreis: Apollo 
und Diana, Ceres und Venus finden in ihren Opfern keine Stelle, dafür 
aber in unsern sonstigen Quellen halb oder ganz verschollene Gottheiten 
wie die Famuli divae und Virgines divae, Adolenda Coinquenda Commolenda 
Deferunda u. a.; das in dem Protokoll über die Festfeier des Jahres 218 
im Wortlaute mitgeteilte carmen der Arvalbrüder^) ist wohl das älteste 
auf uns gekommene Denkmal lateinischer Sprache. Eine wichtige Er- 
gänzung nach der Seite des graecus ritus hin hat unsere aus den Arval- 
monumenten gewonnene Kenntnis römischer Religionsübung neuerdings 
erfahren durch die Auffindung von Bruchstücken der Akten über die 
Säkularspiele des Augustus und Septimius Severus,^) die uns zum ersten 



M Statut der aedea lovis Liberi zu Furfo 
CIL IX 3513, der ara Äugusti zu Narbo CIL 
XII 4333, des Jnppiteraltars zu Salona CIL 
in 1933, die leges der Haine von Luceria 
(CIL IX 782) und Spoletium (Bobmann, Mis- 
cellanea Capitolina, Romae 1879 p. 5 fF. 
E. ScHNBiDER, Dialect. Italic, exempla l 1 
nr. 95); kleinere Stttcke der Art CIL Y Suppl. 
Ital. 1273. VI 826. VIII Suppl. 11796; vgl. 
auch Cass. Dio LV 10. 

») CIL VI 1976 ff.; vgl. auch XI 3254 
(Album der pontifices von Sutrium). 

') C. Babdt, Die Priester der vier grossen 
Collegien aus römisch -republikanischer Zeit, 



Berlin 1871. 

*) G. Mabini, Gli Atti e Monumenti de' 
fratelli Arvali, Roma 1795. Guil. Henzbn, 
Acta fratrum Arvalium, Berolini 1874. CIL 
VI 2023 -2119, Nachträge dazu gesammelt 
von Chb. Hülsbk, Ephem. epigr. VIII p. 316 ff., 
8. auch D. Vaglibbi, Notiz, d. Scavi 1897, 
309 ff. 

^) Text mit Verzeichnis der neueren Lit- 
teratur am bequemsten bei E. Schnbidbb, 
Dialectorum Italicarum exempla selecta I 1 
nr. 392. Buechblbb, Anthol. epigr. nr. 1. 

•) Veröffentlicht von F. Babnabki, D. 
Mabcbbtti und Th. Mommsbn in Monumenti 



1. Die Qaellen, 



Male einen etwas tieferen Einblick in den unter der Leitung der Quin- 
decimvim stehenden Gottesdienst und seine Formen gestatten. 

Sind wir nun über den Staatskultus nicht nur nach seinen äusseren 
Formen, sondern auch nach seinem inneren Gehalte verhältnismässig gut 
onterrichtet, so ist es mit den Zeugnissen für die Geschichte der Volks- 
religion und ihrer Wandlungen um so ärmlicher bestellt. Je mehr in 
den oberen Schichten der Bevölkerung die griechische Bildung überwiegt 
und die färben- und gestaltenreiche griechische Mythologie die heimische 
Religion verdrängt, um so weniger sind die litterarischen Quellen im 
stände, uns über Religionsübung und Religionsvorstellungen der Menge 
einen Aufschluss zu geben: viel grösser als zwischen Schriftsprache und 
Voikajargon ist die Kluft zwischen der litterarischen Darstellung der 
Götterwelt bei Dichtern und Gelehrten und den Anschauungen, welche 
die Stellung des gemeinen Mannes zur Gottheit und seinen Verkehr mit 
derselben bedingen. Wären wir auf die Schriftsteller angewiesen, so 
wäre von diesen Anschauungen blutwenig zu wissen : des alten Gate Schrift 
vom Landbau mit ihren kostbaren Gebetsformeln für die Vorkommnisse 
der bäuerlichen Thätigkeit, wenige Partien der nur mit grosser Vorsicht 
zu benützenden plautinischen Komödien, eine Anzahl von Stellen der 
Naturgeschichte des älteren Plinius, ein paar Dutzend zerstreute Notizen 
von nicht immer zweifelloser Zuverlässigkeit und Tragweite, all das zu- 
sammen würde nicht entfernt ausreichen, auch nur eine dürftige Grund- 
lage unseres Wissens abzugeben, wenn hier nicht die monumentalen 
nnd inschriftlichen Quellen in weitem Umfange ergänzend einträten. 
Von Art und Bedeutung des häuslichen Kultes der Laren, Penaten, des 
Genius haben uns erst die aufgedeckten Häuser Pompeis mit ihren Haus- 
kapellen und Sakralbildern eine Vorstellung vermittelt, Votivstatuen und 
Altarreliefs, auch die Münzbilder*) haben uns über die Auffassung und 
den Kultzusammenhang einzelner Gottheiten unvermutete Aufschlüsse ge- 
geben, vor allem aber bieten die Tausende erhaltener Weihinschriften aus 
allen Gegenden des römischen Reiches einen fast unermesslichen Stoff, 
dessen volle Verwertung erst gelingen wird, wenn einst eine umfassende. 
Form und Inhalt, Zeit und Ort, Person des Weihenden und Anlass der 
Weihung in gleicher Weise berücksichtigende Statistik vorliegen wird. 
Zwar für die Zeit der Republik ist das zufällig erhaltene Material zu 



antielii della R. Acoad. dei Lincei I (1891) 
601 ff. nnd von Th. Mommsen, Ephem. epigr. 
VIU p. 225 ff. 

') Reiche Ziuamineiistellimgen bei A. 
Dk Mabcbi, II colto pnvato di Rioma antica, 
I, Milano 1896. 

*) Nftchst den Göiterköpfen des ältesten 
idmiscfaen Knpfergeldes kommen namentlich 
die Reversbilder der republikanischen De- 
nare (erst die dahinsprengenden Dioskuren, 
dann Gottheiten auf dem Zweigespann; vgl. 
A. Klüokamii, Zsofar. f. Nnmism. V 1877, 62 ff.) 
in Betracht» dann die von MOnzmeistem und 
Kaisern mit Rficksicht auf Personen oder 
Zeitverhftltniflse gewählten Prägungen. Ma- 



terial am bequemsten bei E. Babelon, De- 
scription historique et chronologique des mon- 
naies de la r^publique Romaine, 2 Bde., Paris 
1885—86. U. Cohen, Description historique 
des monnaies frapp^es sous V empire Romain, 
2. ^dit. (fortgesetzt von J. Fsüabdent), 8 Bde., 
Paris 1880—1892. Th. Momksek, Geschichte 
des rdraischen Münzwesens, Berlin 1860 (da- 
neben von selbständigem Werte die franzö- 
sische Uebersetzung vom Herzog von Blaoas, 
4 Bde., Paris 1866—75). Für die Schau- 
münzen der Eaiserzeit W. Fbobhnbb, Los 
m^daillons de Tempire Romain depuis le rögne 
d'Attgnste jusqu*ä Priscus Attale, Paris 1878. 



8 



Beligioii nnd Koltiu der Römer. Einleitung. 



dürftig, um bindende Schlüsse zu gestatten ; aber auch hier geben manche 
Reihen zusammengehöriger Denkmäler, wie die Weihinschriften von 
Pisaurum (CIL I 167—179) und die schwarzen Thonschalen mit Qötter- 
inschriften (z. B. Aecetiai pocolom, CIL I 43 ff. und neue Zusammenstellung 
bei H. Jobdan, Annali d. Instit. 1884, 7 f., vgl. auch C. Pascal, Notiz, d. 
Scavi 1895, 44 f.) überraschende Einblicke in sonst unbekannte Oebiete. 
Für die Kaiserzeit aber ist der Nutzen der inschriftlichen Zeugnisse gar 
nicht hoch genug anzuschlagen : sie lehren uns nicht nur die zeitliche und 
räumliche Verbreitung der einzelnen Kulte kennen, sondern zeigen uns 
auch das Zurücktreten und Verschwinden mancher ehemals hochange- 
sehenen Gottheit, die Bevorzugung dieses oder jenes Kultes durch be- 
stimmte Stände und Gesellschaftsklassen, die Anpassung fremder, barbari- 
scher Götternamen und -anschauungen an den römischen Vorstellungskreis 
und unzählige andere wichtige Dinge, für welche uns die litterarischen 
Quellen völlig im Stiche lassen. Dabei soll der in das Grenzgebiet von 
Religion und Aberglauben fallenden Denkmäler wie der sortes,^) der zur 
Verwünschung eines Feindes (defixio) dienenden Bleitäf eichen,^) der Amu- 
lette,^) so wichtig sie für die Kenntnis der Nachtseiten der Volksreligion 
sind, nur mit einem Worte gedacht werden. 

Völlig auszuscheiden ist für die römische Religionsforschung eine 
Art von Überlieferung, die auf griechischem Gebiet eine hervorragende 
Rolle spielt, die mythologische Dichtung. Wohl erzählen Ovid und 
Properz und mancher andere Sagen, als deren Helden Götter mit römischen 
Namen auftreten und deren Pointe die Begründung irgend eines Kult- 
brauches ist; aber während die griechischen Dichter den Mythus in letzter 
Linie aus einer Tempellegende, einer volkstümlichen Überlieferung, einer 
Lokalsage entnehmen und ihn nur mit dichterischer Freiheit, aber kon- 
trolliert durch das lebendige Bewusstsein des Volkes, erweitern und aus- 
bilden, sind die Erzählungen der römischen Dichter bewusste Erfindungen und 
Übertragungen griechischer Vorbilder, denen die Wurzel in der Volkssage 
fehlt. Die römische Religion kennt keine tsQol koyoi, keine Götterehen und 
Götterkinder, keine Heroenwelt, die zwischen Gottheit und Menschheit 
die Brücke schlägt, sie hat mit einem Worte keine Mythologie. Das 
römische Volk hat eine aussergewöhnlich harte Jugend durchzumachen 
gehabf und ist der drückenden Sorgen und aufreibenden Kämpfe um die 
eigene Existenz erst ledig geworden im gereiften und nüchternen Mannes- 
alter, dem für das bunte Spiel der Sage und Dichtung Neigung und Ver- 
ständnis abgeht. Beim Beginne der römischen Litteratur war der sagen- 
bildende Trieb im Volke, der an sich gewiss nicht ganz gefehlt hat, er- 
loschen, und was von Volkssagen vorhanden war, wie etwa die Stamm- 
und Wandersagen der Picenter, Hirpiner u. s. w., verkümmert und ver- 
flacht ; so sind die römischen Dichter auf ihre eigene Phantasie angewiesen 



>) CIL P p. 267 ff. XI 1129. 

') Material bei Mabqüabdt, Staatsverw. 
III 111 f. und dazu neuerdings C. 0. Zubbtti, 
Riviata di filologia XX (1891) 1 ff., aUes zu- 
sammen in der Praefatio von R. Wünsch, 



Defixionum tabellae Attioae, Berl. 1897. 

') 0. Jahn, Ber. d. sächs. Gesellsch. d. 
Wissensoh. 1855, 28 ff. und mehr bei Mas- 
QUABDT a. a. 0. 106 ff. 



2. Geschiphtliohes. 



und kombinieren die zum grössten Teil bereits für die Menge zu inhalts- 
losen Namen gewordenen Gestalten der römischen Qötterwelt nach Laune 
und Belieben:^) was sie von ihnen zu erzählen wissen, ist wertvoll für 
die Beurteilung ihrer Erfindungsgabe und Darstellungskunst, auch für die 
Ermittlung ihrer Quellen und Vorbilder, römische oder italische Sage ist 
es nicht, und nicht nur die einzelne Erzählung ist für die Religions- 
forschung wertlos, auch die den dichterischen Erfindungen zu Qrunde 
liegende Gesamtauffassung der meisten Götter ist eine von der des Kultus 
abweichende und darum irreführende: wenn z. B. Ovid von Fauni und 
Sävani in der Mehrzahl spricht und den Faunus nach Analogie des 
griechischen Pan mit Hörnern und Bocksbeinen ausstattet, so ist das eine 
Vorstellung, die mit der zur gleichen Zeit für Staats- und Hauskult mass- 
geblichen in striktem Widerspruche steht. ^) Vergil und Horaz, beide in 
dem Gedankenkreise der augusteischen religiösen Reformen sich bewegend 
— für Horaz sind ausser dem carmen sasculare namentlich auch die 
Götteranrufungen, z. B. carm. I 2, 25 flf. oder I 12, 13 flf. von Wichtigkeit — , 
zeigen allerdings ein erheblich besseres Verständnis für die Götter der 
Staatsreligion, aber ihre Identität mit den entsprechenden Gestalten des 
griechischen Olymp steht ihnen so sicher, dass sie nicht im stände sind, 
die griechischen und römischen Gharakterzüge auseinanderzuhalten: auch 
dem Horaz (carm. DI 18) ist, um bei demselben Beispiele zu bleiben, der 
italische Gott Faunus der Nympharum fugientum amator und Veneris sodalis, 
also etwas ganz anderes als der alljährlich an den Lupercalia gefeierte 
Staatsgott. Die Dichter können mithin als Quelle für die Geschichte der 
römischen Staats- und Volksreligion nur in beschränktem Umfange und 
mit grosser Vorsicht herangezogen werden; in einer Richtung aber be- 
lehren sie uns häufig nicht durch den Inhalt ihrer Darstellungen, sondern 
durch den sprachlichen Ausdruck. Gerade in Rom nimmt in der Dichter- 
sprache der metonymische Gebrauch der Göttemamen einen sehr breiten 
Raum ein und die Einsetzung des Eigennamens für die unter seinem 
Schatze stehende bezw. durch ihn göttlich verkörperte Sache ist in einem 
für uns zuweilen geradezu befremdlichen Masse üblich: wenn Naevius 
(com. frg. 121 Ribb.*) sagt cocus edit Neptunum Cererem et Vener em ex- 
pertam Volcanom, Liberumque obsorbuü pariter (anstatt pisces, panem, holera 
igni cocta, vinum), so mag das eine auf die komische Wirkung berechnete 
burleske Übertreibung sein, aber geläufige Wendungen wie sub love fri- 
ffido, Vestam (d. h. focum) vino perfundere, e Lare egredi, Genium suum de- 
fraudare u. a. m. geben wichtige Fingerzeige für das Verständnis der be- 
treffenden Gottheiten. 

2. Ctoschichtliches. Bevor B. G. Niebuhrs Kritik der Überlieferung 
die römische Geschichtsschreibung in ganz neue Bahnen lenkte, konnte von 
einer wirklich historischen Betrachtung der römischen Religion nicht die 
Rede sein : Mythologie und Religion der Römer wurde von der griechischen 
nicht geschieden und gegenüber dieser völlig vernachlässigt, nur die sogen. 



*) Einige Beispiele behandelt von Wis* 
BowA, Philo!. Abhandl. M. Hertz dargebracht 
(1888) 8. 156 fiP. 



") Vgl. WiBBowA, Mitt. d. röm. Instit. I 
164 f. 



10 



Religion und Kaltwi der Römer. Einleitung. 



Antiquitäten des Kultus und des Sakralrechtes fanden ihre Darstellung 
in den mehr sammelnden als sichtenden Monographien der Qelehrten des 
16. und 17. Jahrhunderts über das iiis pontificium, über Insignien und Rechte 
einzelner Priesterschaften, über Auspicien und Augurien u. s. w.,^) in des 
hervorragenden Juristen Babnabe Bbisson noch heute unentbehriichem 
Werke de formulis et solennibus populi Romani verbis libri VIII (1583, beste 
Ausgabe von F. G. Conbadi, Halae et Lipsiae 1731), in G. Mabinis reich- 
haltigem Kommentar zu den Arvalmonumenten (1795) und ähnlichen 
Arbeiten, die aber im besten Falle über die Feststellung von Einzelheiten 
nicht hinauskommen konnten, weil ihnen ebensowohl eine feste Stellung- 
nahme zu den Quellen wie eine klare Vorstellung des zu erstrebenden 
Zieles fehlte. Niebuhb selbst hat in seiner Römischen Geschichte (1811) 
die Religion und Mythologie nirgends im Zusammenhange behandelt, in 
die Gesamtdarstellung der römischen Geschichte ist die Ausmünzung der 
sakralen Überlieferung im vollen Umfange erst von seinem getreuesten 
Nachfolger A. Schwegleb (1853) hereingezogen worden, der die Entstehungs- 
geschichte der Erzählungen über die älteste römische Religion namentlich 
aus ätiologischer Konstruktion in sehr vielen Fällen richtig erkannte und 
sich um die Sonderung brauchbarer und wertloser Zeugnisse hohe Ver- 
dienste erwarb. Aber Niebuhrs Vorgang rief auch eine Reihe grund- 
legender Arbeiten hervor, die sich die Geschichte der römischen Religion 
und ihrer Wandlungen zur Spezialaufgabe stellten und teils im Anschlüsse 
an Niebuhr, teils im Gegensatze zu ihm die durch ihn eingeführte und 
begründete Betrachtungsweise auch auf diesem Gebiete zur Anwendung 
brachten. Schon im Jahre 1836 unternimmt J. A. Habtung in seiner „ Re- 
ligion der Römer" eine Gesamtdarstellung, die trotz vieler ihr anhaftender 
Mängel einen sehr grossen Fortschritt bezeichnet und gegenwärtig durch- 
weg nicht hinreichend gewürdigt zu werden pflegt : obwohl sich das Buch 
mit dem späteren Preller'schen Handbuche weder was Reichhaltigkeit des 
Stoffes noch was die Analyse der Quellen anlangt messen kann, so hat es 
vor diesem doch die richtigere Erkenntnis der Aufgabe voraus, indem es 
die Scheidung einheimischer und fremder, italischer und griechischer Ele- 
mente nicht nur in erster Linie fordert, sondern, wenn auch nicht stets 
auf Grund zwingender Beweisführung, so doch mit unleugbarem Takte 
durchzuführen versucht. Eine Ausscheidung der griechischen Einflüsse in 
Sage und Kultus versuchte bald darauf R. H. Klausen in einem ebenso 
stoffreichen wie ungeniessbaren Buche, das trotz der phänomenalen Gelehr- 
samkeit des Verfassers fast völlig wirkungslos vorüberging, weil die Fülle 
des Materials und der Einfälle bei dem gänzlichen Mangel klarer Auf- 
fassung und durchsichtiger Anordnung nur verwirrend und abschreckend 
wirkte; nur in J. Rubinos nachgelassenen „Beiträgen zur Vorgeschichte 
Italiens^, dem schwächsten Werke des sonst hochverdienten Verfassers, 
äussert sich in der Unordnung der Beweisführung und der Häufung un- 
genügend fundierter Hypothesen zum Schaden der Sache Klausen'scher 



^) Zorn grössten Teil gesammelt in des 
J. 6. Grabyius Thesaarus antiquitatum Ro- 
manarum (Utrecht 1694—1699), besonders 



in Bd. y, sowie in den Supplementen dazu 
von Sallbkobe (1716—1719) und PoLnnTB 
(1730-1740). 



2. GeBohiohtliches. H 

Einfluss. Im direkten Gegensatze dazu verdankt L. Prellebs «Römische 
Mythologie" (1858) die wohlverdiente Anerkennung, die sie ebenso wie des- 
selben Verfassers «Qriechische Mythologie* in weitesten Kreisen gefunden 
hat, zum grossen Teile den Vorzügen der Darstellung, der guten und 
übersichtlichen Verarbeitung des Quellenmaterials, der geschickten Dis- 
position, der stets fesselnden und anmutigen Erzählweise; dagegen ist 
gerade ihm als dem Bearbeiter der Mythologie beider Völker verhängnis- 
voll geworden, dass er die Verschiedenheit der Aufgaben griechischer 
und römischer Religionsforschung nicht klar genug erkannt und darum 
sowohl den Erzählungen der römischen Dichter als auch der Deutung der 
Göttervorstellungen einen viel zu grossen Raum gewährt hat auf Kosten 
einer methodischen Ausbeutung der Thatsachen des Kultus. Zudem ist 
das Buch gegenwärtig um so mehr veraltet — die überreichen Nachträge 
in den Anmerkungen der von H. Jobdak bearbeiteten diitten Auflage (1881 
— 83) lassen den Abstand des Textes vom heutigen Stande der Wissen- 
schaft besonders deutlich erkennen — , je thätiger die Einzelforschung in 
der Zwischenzeit gewesen ist. Während die zunächst auf die Rekon- 
struktion varronischer Schriften gerichteten Forschungen von L. Kbahneb 
und R. Mebkel für die Sichtung und Würdigung der litterarischen Über- 
lieferung eine neue Grundlage schufen, erfuhr die Kenntnis des römischen 
Sakralwesens reichen Zuwachs durch die ergebnisreichen Arbeiten von 
J. Akbbosch über die Priesterarchive, von L. Mebgexin über die Organi- 
sation des römischen Priestertums, von E. Luebbebt über die Grundbegriffe 
des pontifikalen Rechts u. a., Untersuchungen, die dann J. Mabqüabdts 
zusammenfassende Darstellung der römischen Kultusaltertümer (zuerst 1856) 
ermöglichten. Bahnbrechend wirkte aber vor allem Th. Mommsens Behand- 
lung des römischen Festkalenders und der römischen Chronologie, sowie eine 
Reihe einzelner, zum Teil an das durch das Corpus inscriptionum latinarum 
erst allgemein zugänglich gemachte Inschriftenmaterial anknüpfender Ar- 
beiten desselben Autors; auf denselben Wegen bewegen sich die Unter- 
suchungen von B. Bobghesi, G. B. de Rossi, W. Henzen u. a. bis herab auf 
A. V. DoKASzEWSKis vortrefflicho, auf die Beherrschung eines unendlich 
weitverzweigten Materiales gegründete Untersuchungen über die Religion 
des römischen Heeres. H. Bbukn regte die archaeologische und historische 
Untersuchung des Typenvorrats der sakralen Kunst in Rom an und durch 
die vielfach im Gegensatze zu einander stehenden Abhandlungen von 
H. Jobdan und A. Reiffebschbid wurde die Geschichte der Übernahme 
und Anpassung griechischer Göttertypen in einer Reihe von Fällen über- 
zeugend nachgewiesen und für die Religionsgeschichte verwertet; H. Nissen 
legte in feinsinnigen und gedankenreichen Untersuchungen, wenn auch im 
Ergebnisse nicht selten über das Ziel hinausschiessend, in Recht und Reli- 
gion der Elömer weithin wirksame Grundanschauungen bloss und erschloss 
so neue Erklärungsgründe für längst bekannte Thatsachen ; der Aufschwung 
der Forschungen zur römischen Topographie und Stadtgeschichte kam bei 
dem zuerst von Ambbosch verwerteten engen Zusammenhange zwischen 
römischem Boden und Kultus der Religionsgeschichte in weitem Umfange 
zu Gute und insbesondre die verdienstvollen Arbeiten H. Jobdans wurden 



12 Religion und KoltuB der Römer. Einleitung. 

durch seine Beherrschung beider Gebiete befruchtet. Dagegen hat die 
Betrachtungsweise der sog. ,vergleichenden' Mythologie hier mehr vei^ 
wirrend als fördernd gewirkt, indem sie geneigt war, alles bei römischen 
Autoren unter römischen Namen Überlieferte, sofern es die behauptete 
,Urbedeutung* der betreffenden Gottheit zu bestätigen schien, für italische 
Sagen und Mythen anzusehen, und ursprüngliche, auf die indogermanische 
Urzeit zurückgehende Übereinstimmung der Vorstellungen annahm, wo 
spätere Übertragung vorlag; selbst die vielfach anregenden und geist- 
vollen Untersuchungen von W. Mannhabdt und H. Useneb, die unter Fern- 
haltung des nivellierenden Suchens nach einer einheitlichen physikalischen 
Grundbedeutung der einzelnen Götter mehr darauf ausgingen, die bei den 
verschiedensten Völkern in ähnlichen Bräuchen zur Darstellung kommenden 
Volksvorstellungen namentlich des ländlichen Lebens als Grundlage der 
Mythen nachzuweisen und die Genesis religiöser Begriffe und Vorstellungen 
im allgemeinen aufzuklären, haben für Rom zu überzeugenden Ergeb- 
nissen nicht zu führen vermocht, da hier die erste Vorbedingung für diese 
Art der Untersuchung, eine einheimische Sagenwelt, so gut wie ganz fehlt. 
Eine auf die beiden nächstverwandten Vorstellungskreise, den griechischen 
und den römischen, beschränkte vergleichende Betrachtung konnte förder- 
lich sein, wenn der Ausgangspunkt ein so glücklich gewählter war wie 
in dem trotz ungünstiger Anordnung und mangelhafter Durcharbeitung 
doch sehr fördernden Buche von A. Pbeuneb über Hestia und Vesta; wo 
aber die Gleichheit der Grundgedanken eines griechischen und eines römi- 
schen Kultes nicht so evident war, wie in diesem Falle, sondern erst nach- 
gewiesen werden sollte, wie es z. B. W. H. Roscheb für Hera und Juno, 
ApoUon und Mars versuchte, erlag man gewöhnlich der naheliegenden 
Versuchung, über den wirklichen oder vermeintlichen Übereinstimmungen 
die Verschiedenheiten zu übersehen oder zu unterschätzen, und verwischte 
dadurch gerade das für die Erkenntnis des spezifisch Römischen Wesent- 
liche und Bedeutsame. 

Die folgende Darstellung stellt sich zur Aufgabe eine Schilderung 
der römischen Staatsreligion nach ihren Gegenständen und Formen, 
zerfällt also naturgemäss in zwei Hauptabschnitte, die Götterlehre und 
die Darstellung des Kultus, denen als einleitender Teil eine kurze Über- 
sicht über den äusseren Entwicklungsgang der römischen Religion voraus- 
geschickt ist. Der Begriff der Staatsreligion ist dabei aufgefasst im Sinne 
der theologia civilis des Varro, als die Summe der im öffentlichen wie im 
Privatleben hervortretenden und in geregelten Verehrungsformen sich be- 
thätigenden Vorstellungen von den Göttern und ihrem Verhältnisse zu den 
Menschen, im Gegensatze zur theologia mythica der Dichter und der theo^ 
logia physica, d. h. der Spekulation der Philosophen. Die Beschränkung 
auf Rom war schon durch die Beschaffenheit der Quellen gegeben. Mag 
es auch das letzte Ziel der Forschung sein, von einer Betrachtung der 
römischen Staatsreligion vorzudringen zur Erkenntnis der italischen Volks- 
religion, so kann man sich doch darüber einer Täuschung nicht hingeben, 
dass dies Ziel gegenwärtig und für absehbare Zeit ein völlig unerreich- 
bares ist. Was uns von der Religion der Umbrer, Osker, Sabeller, La- 



2. GeBohiohtlioheB. 13 

tiner, Etrusker und anderer italischer Stämme durch authentische Zeug- 
nisse überliefert ist, ist im Gesamtinhalte so dürftig, die einzelnen Nach- 
richten sind so verzettelt und so wenig benutzbar, die zeitliche Fixierung 
gegebner Thatsachen ist so schwierig und unsicher, dass es zur Begrün- 
dung einer halbwegs klaren Vorstellung von der Religion des ältesten 
Italiens ausserhalb Borns nicht entfernt ausreicht, zumal sich häufig das, 
was wir anfangs für altitalisches Gemeingut religiöser Anschauung hielten, 
als Entlehnung von Rom her herausgestellt hat. Die weitaus wichtigste 
und umfangreichste Urkunde ausserrömischen italischen Gottesdienstes, die 
Tafeln von Iguvium, beweisen mit den zahlreichen Rätseln, die sie uns 
aufgeben, aufs deutlichste, wie wenig trotz mancher frappanten Überein- 
stimmungen die Kenntnis römischer Sakralverhältnisse ausreicht, um uns 
für die Religion eines andern italischen Stammes das Verständnis zu er- 
schliessen, und gegenüber den andern Stämmen ist unsere Lage eine noch 
weit ungünstigere, da sich mit den wenigen aus Inschriften bekannten 
Göttemamen kaum etwas anfangen lässt und auch für die Religion der 
Etrusker die scheinbare Fülle der Zeugnisse über den Mangel einer zu- 
verlässigen und zusammenhängenden Überlieferung nicht hinwegzuhelfen 
vermag. Es war selbstverständlich geboten, für die vorliegende Darstel- 
lung alles über die Religionen der italischen Stämme Bekannte zu ver- 
werten, soweit es entweder auf Herkunft und Auffassung der römischen 
Gottheiten Licht zu werfen im Stande war oder sich die Entlehnung oder 
Anpassung auf der einen oder andern Seite nachweisen liess; die Gesamt- 
aufgabe des Werkes jedoch anstatt auf die römische Staatsreligion auf 
die italische Gesamtreligion richten, hiesse das Ziel in eine Nebelwelt 
rücken, durch welche nicht mehr die Sterne der historischen Wissenschaft, 
sondern nur die Irrlichter schweifender Hypothese den Weg weisen. Auch 
für die späteren Zeiten der geschichtlichen Entwicklung musste die nahe- 
liegende Versuchung abgewiesen werden, anstatt einer Darstellung der 
römischen Religion eine solche der religiösen Verhältnisse im römischen 
Reiche zu geben und die in den einzelnen Provinzen unter ganz ver- 
schiedenartigen historischen Voraussetzungen erwachsenen Erscheinungen 
zu einem gemeinsamen Bilde zu verarbeiten, dessen Einheitlichkeit und 
Geschlossenheit nur durch Preisgabe der wesentlichen und charakteristi- 
schen Einzelzüge erkauft werden könnte. Die Religionsgeschichte der 
römischen Provinzen in dem Geiste zu schreiben, der den fünften Band 
von Mommsens Römischer Geschichte beherrscht, bleibt eine lockende und 
lohnende Aufgabe der Zukunft; der vorliegenden Darstellung kommt es 
nur zu, darzulegen, welchen Einfluss das Anwachsen des Reiches und die 
Kulte der unterworfenen Nationen auf die Ausgestaltung der römischen 
Staatsreligion ausübten. 

Litteratar. J. A. HARTimo, Die Religion der Römer nach den Quellen dargestellt, 
2 Bde., Erlangen 1886. R. H. Klaüsbn, Aeneas und die Penaten. Die italischen Volks- 
reb'gionen unter dem Einflasse der griechischen dargestellt, 2 Bde., Hamburg und Gotha 
1889, 1840. J. RuBiKO, Beiträge zur Vorgeschichte Italiens, Leipzig 1868. L. Pbbllbb, 
Römische Mythologie, Berlin 1858; 2. Aufl. von R. Kobhler, 1865; 8. Aufl. von H. Jobdan, 
2 Bde., 1881—88. L. Kbahnbb, Grundlinien zur Geschichte des Verfalls der römischen 
Staatsreligion bis auf die Zeit des August, Halle 1887; Art. Penates in Ersch u. Grubers 
AUgem. Encycl. Sect. III Bd. XV (1841) S. 409 ff.; M. Terentii Varronis Curio de cultu 



14 BeUgion und KnltiiB der Römer. Einleitang. 

deorom, Friedland 1851; Die Sage von der Tarpeja nach der üeberlieferung dargestellt, 
Friedland 1858 u. a. m. R. Mbbkel, De obscuris Ovidii Faatorum, in seiner Ausgabe von 
Ovids fasti, Berolini 1841 (darin p. CVI— GGXLVII Fragmentsammlnng von Varrros Anti- 
quitates remm divinamm). J. A. Ambrosch, Stadien und Andeutungen im Gebiete des 
altrömischen Bodens und Cultus, 1. Heft, Breslau 1839 ; De sacerdotibus curialibus diaser- 
tatio, Vratislaviae 1840; Observationum de sacris Romanorum libris particula prima, Vratis- 
laviae 1840; Ueber die ReligionsbQcher der Römer, Bonn 1843 (vorher in der Bonner 
Zeitschr. f. Philos. n. katbol. Theol. N. F. lll 1842); Prooemium quaestionum pontificalium, 
Vratislaviae 1847; Quaestionum pontificalium caput 1 .. II .. III, Vratislaviae 1848, 1850, 
1851. L. Mbrcklih, Die Cooptation der Römer. Eine sakralrecbtliche Abhandlung, Mi tau 
. und Leipzig 1848; Ueber die Anordnung und Einteilung des römischen Priestertums (M^> 
langes gr^co-romains I 305 ff.)f 1852. £. Luebbbbt, Gommentationes pontificales, Berolini 
1859. J. Marquabdt in W. A. Bbckbr und J. Mabqüardt's Handbuch aer röm. Altertümer, 
Bd. IV, Leipzig 1856; neue Bearbeitung: J. Mabqüabdt, Römische Staatsverwaltung Bd. III 
(= Mabqüabdt-Mommsbn, Handb. d. röm. Altertümer Bd. VI), Leipz. 1878; 2. Aufl. besorgt 
von G. WissowA, 1885. Th. Mommsen, Fasti anni luliani mit seinen Commentarii diumi, 
im CIL P (1863) p. 293 ff. = P (1893) p. 203 ff.; Die Römische Chronologie bis auf Caesar, 
Berlin 1858, 2. Aufl. 1859; Elömische Forschungen, Band II, Berlin 1879 und zahlreiche 
Einzelabhandlungen (ein bis 1887 reichendes Verzeichnis bei K. Zangbmeistbr, Theodor 
Mommsen als Schriftsteller, Heidelberg 1887). A. von Domaszbwski, Die Religion des 
römischen Heeres (Westdeutsche Zeitschr. f. Gesch. u. Kunst Bd. XIV), Trier 1895. H. 
JoBDAK, Vesta und die Laren auf einem pompejanischen Wandgemälde, Berlin 1865; Sym- 
bolae ad historiam religionum Italicarum, I und II, Regimonti 1883, 1885; Der Tempel 
der Vesta und das Haus der Vestalinnen, Berlin 1886 und viele Einzeluntersuchungen in 
den Annali dell* Institute archeol. (insbesondere 1862, 300 ff. 1872, 19 ff. 1885, 105 ff.), im 
Hermes, in der Ephemeris epigraphica, in Eönigsberger Universitfttsprogrammen u. s. A. 
Rbiffbbschbii), Annali d. Instit. archeoL 1863, 121 ff. 361 ff. 1866, 210 ff. 1867, 352 ff. u. a. 
H. Nissen, DasTemplum. Antiquarische Untersuchungen, Berlin 1869; dazu Weiterführungen 
im Rhein. Mus. N. F. XXVlll 1873, 513 ff. XXIX 1874, 369 ff. XL 1885, 38 ff. 328 ff. 
XLU 1887, 28 ff. W. Mannhabdt, Wald- und Feldkulte, Bd. II: Antike Wald- und Feld- 
kulte aus nord-europäischer Üeberlieferung erläutert, Berl. 1877; Mythologische Forschungen, 
herausgegeben von H. Patzio (= Quellen und Forschungen Bd. LI), Sfarassburg 1884 (ins- 
besondere S. 72 ff. 156 ff.). H. Usbneb, Italische Mythen, Rhein. Mus. N. F. XXX 1875, 
182 ff.; Göttemamen, Versuch einer Lehre von der religiösen Begriffsbildung, Bonn 1896. 
A. Pbbunbb, Hestia- Vesta. Ein Cyclus religionsgeschichtlicher Forschungen, Tübingen 1864 
(dazu auch Philologus XXIV 1865, 243 ff.). W. H. Roscheb, Studien zur vergleichenden 
Mjrthologie der Griechen und Römer. I ApoUon und Mars. II Juno und Hera, Leipzig 
1873, 1875. — Die auf die römischen Götter bezüglichen Artikel in dem von W. H. Ro- 
SCHBB herausgegebenen Ausführl. Lexikon der griechischen und römischen Mythologie (seit 
1884 im Erscheinen) rühren von E. Aüst, Th. Bibt, R. Pbteb, W. H. Roscheb, H. Stbu- 
DiNO, G. WissowA u. a. her. Jahresberichte über römische Mythologie von A. Pbeuneb, 
Jahresber. über die Fortschr. d. klass. Altertumswissensch. VII (1876) 65 ff. 144° ff. XXV 
(1891) 394 ff. A. Bouch^-Lbolebcq, Revue de l'histoire des religions II 1880, 352 ff., nachher 
regelmässig fortgesetzt von G. Lafayb und später von A. Audollent. 

Ueber die Religionen der italischen Stämme : K. 0. Möllbb, Die Etrusker. Neu be- 
arbeitet von W. Debokb, 2 Bde., Stuttgart 1877. W. Debcke, Etruskische Forschungen. 
Viertes Heft: Das Templum von Piacenza, Stattgart 1880 (dazu Nachtrag ebd. Fünftes 
Heft, Stuttgart 1882 S. 65 ff.); Die Falisker, Strassburg 1888. F. Buecheleb, Umbrica, 
Bonnae 1883. H. Jobdan, Quaestiones Umbricae, Regimonti 1882. Th. Mommsen, Die unter- 
italischen Dialekte, Leipz. 1850. Für die Osker mannigfache Anregungen bei H. Nissen, 
Pompejanische Stadien zur Städtekunde des Altertums, Leipz. 1877, sowie in zahlreichen 
Aufsätzen F. Bueobblebs, namentlich Rhein. Mus. N. F. XXXIII 1878, 1 ff. 



Erster Teil. 

Überblick über den Entwicklungsgang der römischen 

Religion. 



Erster Abschnitt. 

Die Religion der ältesten Zeit bis zur Erbauung des 

kapitolinischen Tempels. 

3. Die di indigetes. Die älteste und wichtigste Unterscheidung 
des römischen Sakralrechtes ist die zwischen di indigetes und di noven- 
sides oder, wie sie später mit geläufigem Lautübergange hiessen, novensilea.^) 
War auch in der augusteischen Zeit die Bedeutung dieser Bezeichnungen 
den meisten unklar geworden,^) so lässt doch sowohl die Bildung der 
Worte wie ihre Anwendung in alten sakralen Formeln den ursprünglichen 
Sinn noch mit hinreichender Deutlichkeit erkennen : wenn in der Devotions- 
formel bei Liv. YIII 9, 6 nach der Nennung von Janus, Juppiter, Mars, 
Quirinus, Bellona, Lares die nach römischem Ritus am Schlüsse erforder- 
liche Oesamtanrufung der Götter in der Form geschieht di novensiles, di 
indigetes, divi quorutn est potestas nostrorum hostiumque, so geht daraus 
mit Sicherheit hervor, dass di indigetes und di novensiles zwei sich gegen- 
seitig ausschliessende, aber auch zugleich zusammen den Oesamtkreis der 
römischen Staatsgottheiten umfassende Götterklassen sein müssen; auch 
in der Eidesformel bei Diodor XXXVII 17 Bekk. hat man in den am Schlüsse 
angerufenen xtiiTtat yeYet'rjfibvoi vrjg ^Pw^rfi tjfiix^eot und <rvvav^ij(ravTeg tfj%' 
T^ysfioviav avtfjg f^Qfoeg eine wenn auch schiefe Wiedergabe der Ausdrücke 
di indigetes und di novensides zu erkennen. Unrichtig ist dabei die unter 
dem Einflüsse der griechischen Heroenlehre enstandene Bezeichnung als 
7ifu&€0€ oder r^fmeg^ dagegen vollkommen zutreffend die Auffassung der 



') üeber die beiden Namensformen s. 
JoBDAH, Krit. Beitr. S. 45; SsBUCAimy Aas* 
Sprache des Latein 8. 310; im allgemeinen 
IfABqvABDT, Rom. Staatsverw. III 86. 

*) Erschöpfende AnfzAhlang der alten 
nnd modernen Dentungsversnche der Indi- 



getes bei R. Pbtbr, Roschers Lexikon II 
132 ff.; hinzugekommen sind seitdem F. 
Stolz, Archiv f. lat. Ijexikogr. X 151 ff. 
(vgl. 384). F. Bbchtbl, Bezzenb. Beitrftge 
XXII 282 f. 



16 



Beligion und Kultus der ROmer. !• BeligionBgesehiohte. 



einen als der ursprünglichen Gottheiten der römischen Gemeinde, der an- 
dern als später hinzugekommener; diese Scheidung ist auch in den Namen 
indigetes = indigenae, ivdoyerslg und novensides von novus und inses^ etwa 
= vsonoiXxai deutlich ausgesprochen. Dieselben Klassen von Gottheiten 
meint TertuUian (ad nat. II 9), wenn er unter Vermeidung der unverständ- 
lich gewordenen alten Namen zwischen di publici und adventicii scheidet, ') 
von denen die ersteren einen Altar auf dem Palatin, also in dem alier- 
ältesten Bezirke der Stadt, die letzteren einen auf dem Caelius (bei der 
Kapelle der Göttin Carna) besässen; dieses wird demnach ein Altar der 
di novensides gewesen sein, wie wir solche durch erhaltene Inschriften 
aus Pisaurum und dem Marserlande kennen.') So sondert sich auch inner- 
halb des Ki*ei6es der römischen Staatsgötter Patriziat und Plebs; beide 
Klassen, die alten Götter wie die neueingebürgerten, stehen im vollen Ge- 
nüsse des sakralen Bürgerrechtes, aber auf verschiedner rechtlicher Grund- 
lage und unter strenger Scheidung beider Kreise; nicht nur die gleich- 
zeitige Zugehörigkeit zu beiden Gruppen ist ausgeschlossen, sondern auch 
der Übertritt aus der einen in die andere: der Kreis der di indigetes gilt 
von einem bestimmten Zeitpunkte an als abgeschlossen, alle die zahl- 
reichen Aufnahmen neuer Kulte vermehren nur die Klasse der di noven- 
side^.^) Die erste Aufgabe römischer Religionsforschung muss demnach 
die Ermittlung des ursprünglichen Kreises der di indigetes bilden. Die 
historisch-antiquarische Überlieferung der Alten lässt uns für die Beant- 
wortung dieser Frage ganz im Stich ; selbst die ältesten aus Bruchstücken 
und Anführungen bekannten sakralen Urkunden und Formeln, wie z. B. 
die rituellen Gesänge der Salier und Arvalbrüder, sind dafür nur mit Vor- 
sicht zu gebrauchen, da sie im Laufe der Zeit manche Veränderungen 
erfahren haben; so kam in dem Gesänge der Salier eine der ältesten rö- 
mischen Götterordnung sicher fremde Gottheit, Minerva, vor (Paul. p. 3). 
Eine sehr wichtige Quelle bildet die Ordnung des römischen Priester- 
wesens: während der gesamten republikanischen Zeit sind neue Priester- 
tümer nicht geschaffen worden — denn die Einsetzung der Vllviri epu- 
lones im J. 558 = 196 geschah nur zur Entlastung der Pontifices und 
bedeutet nicht sowohl eine Neugründung als eine Verstärkung dieses .Gol- 
legiums — , ihre Entstehung reicht durchweg in eine Zeit zurück, aus 
der wir eine authentische Überlieferung nicht besitzen. Sehen wir von 
den Ilviri sacris faciundis ab, die nachweislich jünger sind als die übrigen 
Priesterschaften, so dürfen wir diese letzteren, d. h. die Pontifices (mit 
Einschluss der zu ihnen gehörigen Vestalinnen, Flamines und des Rex 
sacrorum^)), die Augures, die Fetiales und die Genossenschaften der Lu- 
perci, Salii, Titii und Arvales, unbedenklich für die di indigetes in An- 
spruch nehmen und von der Voraussetzung ausgehen, dass zugleich mit 



') Vgl. auch Augustin. c. d. III 12. II 4. 
Tertull. apol. 25. 

•) CIL 1 178. IX p. 349 (Zvbtaiepp, Inscr. 
Ital. med. dial. nr. 37). Eine Weihuog an 
die di indigetes CIL X 5779. 

°) Ganz analog war in Athen die Schei- 
dung von iBQtt naTQia and ini^Bxa, Aristot. 



"A&. noX, 3, 3. 

*) Dass dieser erst nach Aufhebung der 
monarchischen Staatsform eingesetzt ist, 
kommt hier insofern nicht in Betracht, als 
ihm während der Königszeit ein bestimmter 
Funktionskreis des Königs selbst entspricht. 



A« Aelteste Zeit. 8. Die di indigeies. 17 

dem Kreise dieser Götter auch der der Priesterschaften geschlossen wurde. 
Soweit daher die altrömischen Priestertümer dem Dienste einzelner, noch 
zu ermittelnder Gottheiten gewidmet sind, wie z. B. namentlich die Fla- 
niines, dürfen wir diese Gottheiten als zu den indigetes gehörig betrachten. 
Aber unser Wissen von den letzteren würde ein überaus geringes sein, 
wenn wir nicht in der durch die Steinkalender uns aufbewahrten ältesten 
römischen Festtafel eine authentische Urkunde besässen, die uns einen 
annähernd vollständigen Überblick über denjenigen Götterkreis gewährt, 
den die römische Gemeinde in der ältesten auf dem Wege historischer 
Forschung erschliessbaren Periode ihres Bestehens verehrte. Wir kennen 
durch diese Urkunde den Kreis der im Laufe des Jahres ständig wieder- 
kehrenden Festtage der ältesten Religionsordnung, und da von diesen 
Feriae ein grosser Teil schon durch den Namen die Zugehörigkeit zu dem 
Kulte bestimmter Gottheiten kundgibt, während dieselbe für eine bedeu- 
tende Anzahl andrer durch unverdächtige Zeugnisse sichergestellt wird, 
so gewinnen wir eine lange Reihe von Götternamen der ältesten Zeit, 
während die Lage und Anordnung der Feste im Jahre uns gleichzeitig 
oft über die Bedeutung der betreffenden Gottheit und die Zusammen- 
gehörigkeit mancher Kulte unter einander Auskunft gibt. Die so ge- 
wonnene Götterliste lässt sich noch auf manche Weise ergänzen. Einmal 
enthält die Festtafel nur die ständigen Feste, während die ebenfalls all- 
jährlich wiederkehrenden Wandelfeste (feriae conceptivae), die aus andern 
Nachrichten bekannt sind und ihrer Entstehungszeit nach sicher hinter 
den feriae statae der Festtafel nicht zurückstehen, von ihr ausgeschlossen 
bleiben (Compitalia, Sementivae, Ambarvalia u. a.); dasselbe scheint von 
denjenigen Festen zu gelten, die von der Gemeinde nicht in ihrer Gesamt- 
heit, sondern nach ihren verschiedenen Gliederungen pro mo7Uibus, pagis, 
curiis, sacellis (Fest. p. 245) gefeiert werden (Septimontium, Paganalia, 
Fomacalia); endlich vermissen wir in dem Verzeichnis der Feriae einige 
durch zuverlässige Naffhrichten und durch das bei ihnen zur Anwendung 
kommende Ritual als uralt charakterisierte Sta^tsfeste, deren Auslassung 
darin ihren Grund hat, dass sie auf die Kalendae oder Idus fielen oder mit 
andern Feiertagen zusammentrafen und darum in den Hemerologien, da sie 
auf die Benennung des Tages und seinen rechtlichen Charakter keinen 
Einfluss mehr hatten, nicht vermerkt wurden: sichere Beispiele eines der- 
artigen Zusammenfallens zweier Feste bieten der 17. März (Liberalia und 
Agonium Martiale) und der 15. Oktober (Juppiterfeier der Idus und Mars- 
opfer des Oktoberrosses), doch lässt sich die Zahl solcher Fälle durch 
wahrscheinliche Kombination noch bedeutend erhöhen.*) Auf Grund all 
dieser Ermittlungen kann man etwa folgende Götterreihe für die älteste 
Periode der römischen Religion zusammenstellen (ich füge die zuge- 
hörigen Priester und Feste bei und gebe die Namen derjenigen Götter, 
für welche die Festtafel keine ständigen Feriae verzeichnet, in cursivem 
Druck) : 



Namentlich Varro de 1. 1. VI 12 ff. | tafel. 
und die erläuternden Beischriften der Fest- | *)Wi8sowa, De feriis anni Rom. p. XI ff. 

Huidboch der klan. Altertamswlmenacbaft. Y, 4. 2 



18 



Beligion und Kultus der BOmer. I. Beligionsgesohichte. 



Anna Perenna 

Carmenta (Flamen Carmentalis) 

Carna 

Ceres (Flamen Cerialis) 

Consus 

Diva Angerona 

Falacer (Flamen Falacer) 

Faunus (Luperci) 

Flora (Flamen Floralis) 

Föns 

Furrina (Flamen Furrinalis) 

Janus (Rex sacrorum) 

Juppiter (Flamen Dialis, Fetiales, 
Augures) 



Larenta 
Lares 
PLemures 
Liber 
Mars (Flamen Martialis, Salii) 



Mater Matuta 

Neptun US 

Ops 

Pales, Palatua (Flamen Palatualis) 

Pomona (Flamen Pomonalis) 

Portunus (Flamen Portunalis) 

Quirinus (Flamen Quirinalis) 

Robigus 

Saturnus 

Tellus 

Terminus 

Vejovis 

Vesta (Virgin es Vestales) 

Volcanus (Flamen Volcanalis) 

Volturnus (Flamen Volturnalis) 



Fest am 15. März 

Carmen talia II. 15. Januar 

Fest am 1. Juni 

Cerialia 19. April 

Consualia 21. Aug. und 15. Dez. 

Divalia 21. Dez. 

Luper calia 15. Febr. 

Florifertum (?) 

Fontinalia 13. Okt. 

Furrinalia 25. Juli 

Agonium 9. Jan. Sühnopfer am l.Okt. 
(tigiUum sororium) 

Festtage : alle Idus ; Vinalia 23. April 
und 19. Aug. Meditrinalia 11. Okt. 
Poplifugium 5. Juli. Fest am 
23. Dez. 

Larentalia 23. Dez. 

Compitalia 

Lemuria 9. 11. 13. Mai 

Liberalia 17. März 

Festtage: Equirria 27. Febr. und 14. 
März. Fest am 1. März. Agonium 
Mnrtiale 17. März. Quinquatrus 
19. März. Tubilustrium 23. März 
(und 23. Mai ?). Opfer des Oktober- 
rosses 15. Okt. Armilustrium 
19. Okt. Ambarvalia 

Matralia 11. Juni 

Neptunalia 38. Juli 

Opieonsivia 25. Aug. Opalia 19. Dez. 

Parilia 21. April 

Portunalia 17. Aug. 

Quirinalia 17. Febr. 

Robigalia 25. April 

Saturnalia 17. Dez. 

Fordicidia 15. April. Feriae Semen- 

tivae 
Terminalia 23. Febr. 
Agonium 21. Mai 
Vestalia 9. Juni 
Volcanalia 23. August 
Volturnalia 27. August, 



Manches bleibt in dieser Göttertafel dunkel und unsicher, z. B. ob 
das Fest Lemuria auf Götter des Namens Lemures zu schliessen erlaubt 
oder die allgemeine Bezeichnung eines Totenfestes enthält, wie die Feralia 



A. Aelteste Zeit. 3. Die di indigetes. 



19 



am 21. Februar; ebenso kann man im Zweifel sein, ob Feste wie Fontinalia, 
Terminalia, Robigalia als Festfeiern bestimmter Götter Föns, Terminus, 
Robigus zu fassen sind, oder nach Analogie des Uainfestes der Lucaria 
(19. 21. Juli) schlechthin als Feste der Quellen, des Orenzbeganges, der 
Bitte um Abwehr des Kornbrandes ; für manche Götter gewinnen wir auf 
diese Weise nichts mehr als den später verschollenen und uns unverständ- 
lichen Namen (Falacer, Furrina), andre, die in der späteren Religions- 
entwicklung eine grosse Rolle spielen, haben nachweislich in dieser ältesten 
Periode unter dem gleichen Namen eine ganz andre Bedeutung gehabt, 
ohne dass es uns möglich wäre, dieselbe mit Sicherheit zu ermitteln 
(Liber, Neptunus). Aber so zahlreich die Lücken und Unsicherheiten sein 
mögen, die Festtafel bietet doch eine ganz unschätzbare Grundlage, von 
der aus wir die zerstreuten Zeugnisse und Angaben über altrömische 
Gottheiten zu sichten, zu würdigen und zur Ergänzung heranzuziehen im 
stände sind. Es ist eine Eigentümlichkeit der altrömischen Religion, die 
Ctötter paarweise zusammenzustellen, so dass entweder dieselbe göttliche 
Funktion oder zwei sich ergänzend gegenüberstehende Wirkungskreise 
in einem Götterpaare, einem männlichen und einem weiblichen Repräsen- 
tanten, verkörpert erscheinen. So zeigt die Verbindung der entsprechenden 
Festfeiern im Kalender, dass Gonsus und Ops ein derartiges Paar bilden, 
für Janus und Yesta geht das Gleiche aus einer Reihe von Zügen ihres 
Kultes hervor, andre Paare geben sich schon durch die Namensformen 
als zusammengehörig zu erkennen, Jovis (Juppiter) und Jovino (Juno),^ 
Faunus und Fauna, Liber und Libera, noch andre werden uns aus alten 
Gebetsformeln der Pontificalschriften (Gell. XUI 23) überliefert, wie Mars 
und Nerio, Neptunus und Salacia, Quirinus und Hora, Satumus und Lua, 
Volcanus und Maja: von den weiblichen Gottheiten dieser Paare haben 
nur Ops und Vesta eine eigne Vertretung in der Fest- und Priester- 
ordnung erhalten, die übrigen sind im Kulte mit ihren männlichen Ge- 
nossen zusammen verehrt worden und neben ihnen so in den Hintergrund 
getreten, dass weitaus die meisten früh verschollen sind und nur die Ver- 
ehrung der Juno, zum Teil unter Aufnahme ausserrömischer Kultelemente, 
eine selbständige Entwicklung genommen hat! Dieselben Gebetsformeln 
zeigen uns aber auch, dass man gern um eine Gottheit einen Kreis unter- 
geordneter, dienender Gottheiten gruppierte, so wie noch bei den Piacular- 
opfern der Arvalbrüder neben den höheren Gottheiten auch die famuli divi 
ihr Opfer erhalten;^) als solche famuli oder, wie sie in der sakralen Sprache 
heissen, anculi und anculae (Paul. p. 19) der betreffenden Götter werden 
wir die Virites Quirini und Moles Martis ansehen dürfen, und wahrschein- 
lich haben in einem ähnlichen Verhältnisse die Camenae zu Carmenta, 
die divae Comiscae zu Juno u. a. gestanden. Das Gefühl für eine gewisse 
Abstufung der göttlichen Macht, das sich in dieser Annahme dienender 
Gottheiten kundgibt, zeigt sich auch darin, dass man unter den Opfer- 
priestem flamines maiores und minores unterscheidet:^) die drei flamines 
maiores verwalten den Dienst von Juppiter, Mars und Quirinus, und dieser 



«) Vgl. CIL I 813 = VI 357 mit Momm 
Biors Erkllrang. 



') Hbnzbn, Acta fratr. Arval. p. 145. 
') Marquardt, Staatsverw. III 326 f. 

2* 



20 Religion nnd Kultna der BOmer. L Beligionsgeschiobte. 

Dreiverein von Göttern ist es auch, der uns in den verschiedensten, aus 
ältester Zeit stammenden sakralen Formeln als der leitende entgegentritt.*) 
Auf derselben Voraussetzung beruht auch die noch am Ausgange der 
Republik geltende Rangordnung der höchsten Priester, der zufolge der 
Rex sacrorum allen voranging, dann die Flamines Dialis, Martialis, Quiri- 
nalis folgten und der Pontifex maximus den Schluss machte (Fest. p. 185): 
je weniger das den thatsächlichen Macht- und Bedeutungsverhältnissen 
der einzelnen Priester in späterer Zeit entspricht, mit um so grösserer 
Sicherheit hat man in dieser Abfolge eine Spiegelung der in ältester Zeit 
geltenden Anordnung der durch die verschiedenen Priester vertretenen 
Gottheiten erkannt und daraus die Reihenfolge Janus, Juppiter, Mars, 
Quirinus, Vesta erschlossen:*) die herrschende Göttertrias wird von dem 
Paare Janus -Vesta umrahmt nach der noch bei den Opfern der Arvalen 
befolgten uralten Sakralvorschrift, dass bei allen Götteranrufungen Janus 
den Anfang machen und Vesta den Schluss bilden müsse.') Im Qbrigen 
ist die ursprüngliche Rangordnung der ältesten Gottheiten nicht mehr im 
einzelnen zu ermitteln; nur dass Consus und Ops nächst den genannten 
fünf Gottheiten eine hervorragende Stelle im Kulte eingenommen haben 
müssen, wird man daraus schliessen dürfen, dass ihnen je zweimal im 
Jahre Feste gefeiert werden. 

Litteratur: Mommsbk, CIL P p. 375 ff. = P p. 297 ff. Ph. E. Huschke, Das alte 
römische Jahr und seine Tage, Breslau 1869. G. Wissowa, De feriis anni Romanorum 
vetustissimi observationes selectae, Marpurgi 1891; De dis Romanorum indigetibus et no- 
vensidibus disputatio, Marpurgi 1892. 

4. Allgemeiner Charakter der altrömischen Religion. Die in dieser 
alten Götterordnung sich offenbarenden religiösen Anschauungen sind 
schlichte und einfache, es spiegeln sich in ihr die Interessen einer in 
Ackerbau und Viehzucht, in harter Arbeit und endlosen Kämpfen lebenden 
Gemeinde. Von einer unmittelbaren Verehrung der zu persönlicher Vor- 
stellung erhobenen Mächte und Erscheinungen der Natur zeigen sich keine 
Spuren, nirgends finden wir eine Hindeutung auf einen Gestirndienst, 
Sonne und Mond, Sturm und Gewitter, Meeresrauschen und Waldesdunkel 
haben die religiöse Phantasie der Römer nicht in erkennbarer Weise an- 
geregt. Ebensowenig aber sind es ethische Ideen, die in den Göttern 
verkörpert sind : die grosse Zahl von Abstraktionen, von göttlich personi- 
fizierten Eigenschaften, die wir in späteren Perioden der religiösen Ent- 
wicklung in Rom antreffen und als charakteristisch für die römische 
Denkweise anzusehen gewöhnt sind, fehlt hier noch vollständig. Sämt- 
liche Gottheiten sind sozusagen rein praktisch gedacht als wirksam in all 
denjenigen Dingen, mit denen der Römer im Gange des gewöhnlichen 



') Im Ritual der Salier Serv. Aen. VIII 
663; beim Abschlüsse des foedua durch die 
Fetiales Polyb. III 25, 6; in der Devotions- 
formel Liv. VIII D, 6; bei der Weihung der 
Spolia opima Fest. p. 189. Plut. Marceil. 8. 
Serv. Aen. VI 860; wenn in der letztgenannten 



liehe Trias scheint an der Spitze des am- 
brischen Göttersystems gestanden zu haben ; 
denn in den iguvinischen Tafeln führen die 
drei Götter Juppiter, Mars und Vofionus den 
auszeichnenden Beinamen Grahovius, 

^) Ambbosch, Quaest. pontific. I p. 3 ff. 



Formel Festus anstatt Quirinus den Janus ' Mbbcklin, M^Ianges gr^coromains I 319 ff. 

Quirinus nennt, so erweisen die andern bei- I Mabqüardt, Staatsverw. 111 27. 

den Zeugen das als ein Versehen. Eine ahn- i ^) Hbnzen, Acta fratr. Arval. p. 144. 147. 



A. Aeliesie Zeit. 4. Allgemeiner Charakter der altröm. Religion. 21 

Lebens zu thun bat; die örtlicbe Umgebung, in der er sich bewegt, die 
verschiedenen Thätigkeiten, die ihn in Anspruch nehmen, die Ereignisse, 
die das Leben des einzelnen wie der Gemeinde bestimmend gestalten, 
sie alle stehen unter der Obhut klar gedachter Gottheiten mit scharf 
umgrenzten Machtbefugnissen. All diese Götter existieren nur als Gott- 
heiten der römischen Gemeinde, die ihnen auf Grund einer ein für allemal 
eingegangenen Verpflichtung die schuldige Verehrung zollt und dafür er- 
warten darf, dass auch jeder Gott innerhalb seines Kompetenzbereiches 
das Seinige thue, um ihr Wohl zu fördern und Übles von ihr abzuwehren. 
Selbst der allumfassende Uimmelsgott Juppiter erhält seinen bestimmten 
Wirkungskreis angewiesen: er schickt Regen und Sonnenschein, jedes zu 
seiner Zeit, und fördert so das Gedeihen der Felder und vor allem der 
Weinberge, er gibt durch Blitz und Donner Zustimmung oder Missbilligung 
zu erkennen und lenkt damit die Entschliessungen der Gemeinde zum 
Besten, er ist überall sichtbar und daher der gegebene Zeuge bei jeder 
Abmachung und Vereinbarung und überall, auch in der Schlacht und 
ausserhalb der römischen Feldmark, bereit, das Wohl der Gemeinde zu 
schützen; ebenso ist Tellus dem Römer nicht etwa die urewige Mutter 
des Menschengeschlechtes, sondern die göttliche Verkörperung seines Ackers, 
der die Saat empfangt und die Frucht trägt. Noch deutlicher tritt in 
allen übrigen Göttern die ganz spezielle Beziehung auf die eigne Um- 
gebung und Thätigkeit hervor: Haus (Janus, Vesta) und Flur (Lares), 
Wald (Faunus) und Weide (Pales), Quell (Föns) und Fluss (Volturnus) 
.sind unter den Göttern eben so vertreten, wie Aussaat (Saturnus) und 
Ernte (Consus, Ops), Wachstum (Ceres), Blüte (Flora) und Frucht (Pomona); 
auch der Wandel der-Zeiten, wie er sich im Jahreswechsel (Anna Perenna) 
und im Zunehmen der Tage (Angerona) darstellt, findet seinen Ausdruck, 
und bei der Geburt (Mater Matuta, Carmenta), wie beim Tode (Larenta, 
Cama, Vejovis) des Menschen treten bestimmte Götter in Wirksamkeit; 
die grosse Rolle, die der Krieg im Leben der jungen, noch um ihre Exi- 
stenz kämpfenden Gemeinde spielt, spiegelt sich wieder in der Doppel- 
verehrung des Kriegsgottes (Mars, Quirinus) und in der grossen Zahl stän- 
diger Marsfeste, aus denen man sieht, dass der Feldzug wie Aussaat und 
Ernte zu den alljährlich regelmässig wiederkehrenden Ereignissen zählt. 
Wie in Mars nicht nur der Vorkämpfer der Gemeinde, der die römischen 
Waffen zum Siege führt, verehrt wird, sondern auch der furchtbare Ver- 
heerer der Fluren und Saaten, den man mit Gebet und Opfern anfleht^ 
von der römischen Feldmark fern zu bleiben, so sichert die Verehrung 
von Volcanus und Robigus gegen die schweren Gefahren, die durch Feuers- 
brunst und Misswachs drohen. Sehr bezeichnend ist das bereits deutlich 
hervortretende Streben nach Spezialisierung der göttlichen Funktionen: 
im Hause erhalten Thür (Janus) und Herd (Vesta) eigne Verehrung, ausser 
dem Gotte des Flusses wird ein eigner Schützer des Landungsplatzes (Por- 
tunus) verehrt, der Grenzstein auf dem Acker untersteht der besondern 
Obhut des Gottes Terminus. Im inneren Betriebe des Kultus kam dieses 
Streben, jede einzelne Seite einer Thätigkeit einem bestimmten Gotte zu- 
zuweisen^ noch viel mehr zum Ausdrucke, wie die von den Pontifices zu- 



22 



Beligion und Kaltus der Römer. I. BeligionsgeBohiohte. 



sammengestellten und aufbewahrten Litaneien (indigitumenta) zeigen:^) so 
werden beim Beginne der Aussaat für das Gedeihen der Feldfrucht vom 
Flamen Cerialis nicht weniger als zwölf göttliche Mächte angerufen, je 
eine für jede auf dem Acker vorzunehmende Thätigkeit vom ersten Brach- 
pflügen bis zum Einfahren und Verwenden des fertigen Getreides (Serv. 
Georg. I 21); die in dieser nämlichen Richtung thätigen grossen Götter 
Tellus und Ceres, Robigus und Flora, Satumus und Consus erscheinen in 
dieser Liste nicht, die überhaupt keine göttlichen Eigennamen, sondern nur 
lauter von den Arbeiten des Landmanns gebildete nomina agentis enthält 
( Vervactorem, Reparatorem [?], Imporcüorem, Insitorem, Obaratorem, Occatorem, 
SarrUorem, Subruncinatorem, Messorem, Convectorem, Conditorem, Promitorem). 
Entsprechend haben sich auch in Gebetsformeln, die andre Anlässe (Geburt, 
Tod, Hochzeit) betrafen, solche Reihen von Anrufungen um das feste Gefüge 
der staatlichen Götterordnung gerankt, ohne dass wir festzustellen vermöch- 
ten, in wie weit die Ausbildung dieser Litaneien, die von der antiken Gelehr- 
samkeit als eine Schöpfung des Numa in Anspruch genommen werden, schon 
dieser ältesten Periode zufällt; nur so viel steht sicher, dass auch die Folge- 
zeit noch zur Ausgestaltung dieser Listen beigetragen hat^) und dass es sich 
bei denselben nicht um Schaffung neuer Götter, sondern nur um begriffliche 
Zerlegung des Wirkens der göttlichen Macht handelt. In ganz ähnlicher 
Weise zeigt sich der Spezialisierungstrieb bei den Gottheiten örtlich be- 
grenzter Kompetenz: wenn der Staat nur einen Gott aller Quellen (Föns) 
und einen aller ,sich dahinwälzenden^ Flüsse (Volturnus) verehrt, so schliesst 
das nicht aus, dass man sich in jeder Quelle, jedem Flusse, ebenso wie 
auf jedem Berge und in jedem See, eine eigne Gottheit waltend vorstellt, 
die der einzelne verehren und die auch der Staat, wenn er dazu Veranlassung 
findet, in den Kreis seiner Götter aufnehmen kann. Vor allem aber haben 
einzelne Gottheiten die Fähigkeit, sich ins Ungezählte zu vervielfältigen: 
der Staat verehrt die Laren seiner Feldflur und die Yesta als Schützerin 
des Staatsherdes, aber auf jedem Grundstücke walten eigne Laren und 
an jedem Herde eine eigne Yesta, denn wie der Staat, so hat auch jedes 
Haus seine Götter für sich; dass auch der Waldgott Faunus in ähnlicher 
Weise differenziert wurde, wird dadurch wahrscheinlich, dass Silvanus, 
der in der Folgezeit an seine Stelle getreten ist, oft durch individualisierende 
Beinamen als Gott eines einzelnen Grundstückes (z. B. Silvanus Naevianus) 
bezeichnet wird. Aber wie in jeder Örtlichkeit, jeder Handlung, so waltet 
endlich auch in jedem Individuum eine eigene göttliche Macht, der Genius, 
die sich zu ihm ebenso verhält, wie Vesta zum Herdfeuer oder Satumus 
zur Thätigkeit des Säens: dass wir dem Genius im Staatsgottesdienste 
der ältesten Religionsordnung nicht begegnen können, ist selbstverständlich, 
denn diese Vorstellung haftet am einzelnen Menschen, und die Anschauung, 



*) Die reiche Litteratur über diese ist 
voUstflndig verzeichnet ond exzerpiert bei 
R. P£TBB in Roschers Lexik. 11 129 ff., dazu 
neuerdings R. Aoahd, Jahrb. f. Phüol. Suppl. 
XXIV 130 ff. 

') Das gilt erweislich von den Qöttem 



der Kupfer- und Silberprägung Aescolanus 
und Argentinus, während bei Einführung der 
Goldprägung in Rom ein eigner Gott (etwa 
Aurinus) nicht mehr gesch^en wurde (Au- 
gustin. c. d. IV 21. 28). 



A. Aelteate Zeit. 4. Allgemeiner Charakter der altröm. Beligion. 



23 



dass es auch einen Genius populi Romani gebe, hat sich erst sehr viel 
später herausgebildet. 

Die grosse Anzahl von Götternamen und die unbegrenzte Menge gött- 
licher Wesen, denen wir in der altrömischen Religion begegnen, beruht also 
keineswegs auf einer besonderen Vielseitigkeit der religiösen Vorstellungen, 
sondern nur auf dem Bedürfnisse, im Nächstliegenden und Alltäglichen das 
göttliche Walten zu erkennen und sich mit ihm in Einklang zu setzen. 
Die beschränkte Anschauung, dass alle diese Götter nur für den römischen 
Staat da sind, schliesst eine Vertiefung in die Fragen nach den ersten 
Gründen alles Daseins vollkommen aus. Eine kosmogonische Sage konnte 
es nicht geben, denn die römischen Staatsgötter, die doch die Träger 
einer solchen sein müssten, treten erst mit und nach der Schöpfung eines 
römischen Staates in die Erscheinung; über das was früher war, gibt 
weder Dogma noch Sage Auskunft.^) Ein Alters- und Rangunterschied 
kann unter den Göttern nicht durch Zeit und Art ihres Auftretens bei der 
Weltschöpfung oder innerhalb der Göttergeschichte bedingt sein, sondern 
nur dadurch, dass sie früher oder später in den Kreis der römischen 
Staatsgottheiten eingetreten sind, und nach der Wichtigkeit, die ihr Wirken 
für die Wohlfahrt des Staates hat. Persönliche Eigenschaften und indi- 
viduelle Züge gehen diesen an den Orten und Dingen haftenden Göttern 
naturgemäss völlig ab, sie stehen nebeneinander ohne jede andere Ver- 
knüpfung, als die, welche durch die Nachbarschaft und Ähnlichkeit ihrer 
Wirkungskreise gegeben ist: vor allem fehlen der römischen Religion 
alle Vorstellungen von Götterehen und Göttergenealogien; was die spätere 
.Zeit von solchen zu berichten weiss, beruht durchweg auf freier dichterischer 
Erfindung oder auf gelehrter Kombination. Die oben (S. 19) berührten 
paarweisen Verbindungen einzelner Gottheiten verschiedenen Geschlechtes 
sind keine Götterehen, denn sie ermangeln durchweg des Nachwuchses; 
ebenso wenig erlauben die Beinamen pater und mater, welche den meisten 
Gottheiten dieses ältesten Kreises in den rituellen Formeln zukommen^) und 
oft mit dem Eigennamen völlig verschmelzen (vgl. ausser Juppiter nament- 
lich Mater Matuta, deren Fest nicht Matutalia, sondern Matralia heisst), an 
Götterfamilien zu denken : diese Beinamen kennzeichnen vielmehr nur das 
Verhältnis, in dem die Götter zu der sie verehrenden Gemeinde stehen.^) 
Plastische menschenähnliche Gestalt haben die Götter dieser ältesten Zeit 
nie angenommen; wenn einzelnen von ihnen heilige Tiere zukommen, so sind 
dieselben nicht, wie vielfach im griechischen Mythus, als die Begleiter der 
in Menschengestalt auftretenden Götter zu denken, sondern als Angehörige 
des ihnen zufallenden Machtbereiches, die darum als ihre Vertreter und 
als Zeichen ihrer unsichtbaren Gegenwart zu gelten haben: in diesem 



*) Bekaontlich ging Varro in der Ein- 
leitung seiner atUiquUates verum divinarum 
davon ans, dass die Lehre von den res di- 
nach der von den res humanae zu 



vtnae 



behandeln sei, weil erstere als eine Institu- 
tion des Staates notwendig jflnger sein müss- 
ten als der Staat (Angust c. d. YI 4). 
') A. Znizow, Der Yaterbegriff bei den 



römischen Gottheiten, Pyritz 1887; vgl. na- 
mentlich das bekannte Laciliusfragment 8 
Baehr. nemo sit nostrum quin atU pater op- 
timus divom aut Neptunus pater, Liber, ^- 
tumus pater, Mars, lanus, Quirinus pater 
siet ac dicatur ad unum (sämtliche aufge- 
zählten sind d% indigetes) und Gell. V 12, 5. 
') JoBDAK, Tempel der Yesta S. 58. 



24 



Religion und Kultas der Römer. I. Religionsgesohiohte. 



Sinne sind die Vögel des Himmels internuntii lovis, ebenso wie den Laren 
als Flurgöttern der Wachthund, dem im Hause waltenden Genius die 
Schlange (als beliebtes Haustier) heilig ist. Es ist nicht zufällig, dass die 
spärlichen Reste italischer Sagenbildung, wie sie in den Stammsagen ein- 
zelner Völker (Picenter, Hirpiner, Samniten) vorliegen, von den heiligen 
Tieren des Mars, Specht, Wolf und Pflugstier, nicht aber von einem persön- 
lichen Eingreifen des Gottes zu berichten wissen. 

Je mehr diese ganze Götterordnung auf die Bedürfnisse und Interessen 
der römischen Gemeinde beschränkt ist, um so sicherer dürfen wir aus 
ihr Rückschlüsse machen auf die zur Zeit ihrer Geltung in Rom herrschenden 
Kulturzustände. Ackerbau, Viehzucht und Krieg sind offenbar diejenigen 
Beschäftigungen, die ausschliesslich oder ganz überwiegend geübt werden ; 
dass der Tiber bereits als Verkehrsstrasse dient, zeigt die Verehrung des 
Portunus an der Landungsstelle innerhalb des Stadtgebietes; dagegen 
scheint die See noch nicht in den Gesichtskreis der Römer getreten zu 
sein, da der später mit Poseidon identifizierte Neptunus ursprünglich mit 
Meer und Meerfahrt nichts zu schaffen hat. Gewerbliche Thätigkeit und 
Handelsverkehr, deren Pflege schon in frührepublikanischer Zeit unter 
dem Schutze von Minerva und IkJ!ercurius blüht, sind in dem alten Götter- 
systeme noch unvertreten, ebenso wie auch die nachmals in den Wechsel- 
fällen eines bewegten Staatslebens in mannigfacher Form verehrte Fortuna 
fehlt. Aber auch jeden politischen Zug vermissen wir : im internationalen 
Verkehr von Gemeinde zu Gemeinde, der der Natur der Sache nach selten 
ein anderer als kriegerischer ist, vertreten Juppiter, Mars und Quirinus 
vereint den römischen Staat, ohne dass sich aber bei der Verehrung des 
Juppiter die Vorstellung von einer ordnenden und staatserhaltenden Macht, 
wie sie sich später im Kulte des Juppiter Optimus Maximus wie in dem 
des Juppiter Latiaris deutlich ausspricht, irgendwie geltend machte. Die 
Ausgestaltung dieser Ideen erforderte einen weiteren Horizont, wie er 
damals der römischen Gemeinde sich noch nicht bot. 

Litteratur: Mommsen, Elöm. Gesch. I* 160 ff G. G. Zumpt, Die Religion der 
Römer, Berlin 1845. E. Zeller. Religion und Philosophie bei den Römern, 2. Aufl., Berlin 
1872 = Vorträge und Abhandlungen fl 93 ff. Madvig» Verfassung und Verwaltung d. 
röm. Staates II 580 ff. 

5. Alter und Entstehung der ältesten Götterordnung. Die im 

Yoranstehenden charakterisierte Gestaltung der römischen Religion reprä- 
sentiert die älteste für uns zu ermittelnde Phase ihrer Entwicklung, aber 
sie ist an sich keineswegs etwas ursprüngliches, sondern das Ergebnis 
eines historischen Prozesses, dessen Zeitdauer wir kaum annähernd richtig 
abzuschätzen vermögen und dessen Einzelheiten sich wohl immer unserer 
Kenntnis entziehen werden.^) Denn wir befinden uns jenseits jeder Über- 
lieferung, und die bis ins einzelne ausgeführten Erzählungen der antiken 
Pseudohistorie, so sehr sie auch selbst nach Niebuhr die moderne Auf- 
fassung beeinflusst haben, können uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass 



^) Sicher sind eine grosse Anzahl von 
Göttern bereits vor Aufstellung der Fest- 
tafel wieder verschollen, so dass nur un> 
sichere Indizien noch von ihrer einstigen 



Bedeutung zeugen, z. B. das alte Götterpaar 
Gacus und Caca (vgl. Wissowa, Real-Encycl. 
III 1165 f.) und manche andre der unten 
in § 36 behandelten Gottheiten. 



A. Aelieste Zeit. 6, Alter und Entstehung der ältesten Götterordnnng. 25 



auch die gelehrtesten und besonnensten antiken Forscher über die Anfänge 
der römischen Religion ebensowenig wie über die ganze römische Ur- 
geschichte eine authentische Überlieferung besassen und in Ermanglung 
aller zu sicheren Schlüssen berechtigenden Anhaltspunkte allein auf Hypo- 
these und Konstruktion angewiesen waren. Man hat sich bestrebt, alle 
die Götter und Kulte, deren Aufnahme in Rom vor dem Beginne schrift- 
licher Aufzeichnungen erfolgt war und die demgemäss als uralt galten, 
nach wirklichen oder vermeintlichen Alterskriterien in eine ungefähre Ab- 
folge zu bringen und ihre Einführung gruppenweise über die verschiedenen 
Generationen der römischen Vorzeit und Königsgeschichte, wie sie durch 
die landläufige Überlieferung allen geläufig war, zu verteilen; so wurde 
jedem der latinischen und römischen Könige sein Anteil zugewiesen, von 
Evander (oder dem mit ihm gleichgesetzten Faunus) bis auf die tarquinische 
Dynastie ging keiner leer aus, wenn auch Evander, Romulus, Tullus Uo- 
stilius, Ancus Marcius hinter Titus Tatius und Numa Pompilius weit zurück- 
stehen mussten: ersteren machte eine durch den Reatiner Yarro zu fast 
kanonischer Geltung gelangte Hypothese zum Träger der sabinischen Ein- 
flüsse, die man im römischen Kulte in weitem Umfange zu erkennen 
glaubte,') auf letzteren wurde der weitaus grösste Teil der altrömischen 
Religionsordnung zurückgeführt und er verdankt seinen Platz in der römi- 
schen Königsliste nur dem Bedürfnisse, neben dem Begründer des Staates 
und seiner politisch-militärischen Ausstattung auch einen Stifter der Staats- 
religion und ihres Ceremonialgesetzes zu besitzen.') Sehen wir von der 
Verknüpfung der einzelnen Götter und ihrer Verehrung mit den völlig 
unhistorischen Personen der römischen Königslegende ab, so ist gewiss 
nicht zu leugnen, dass sich in der antiken Überlieferung oft eine ganz 
richtige Anschauung von den relativen Altersverhältnissen der verschiedenen 
Kulte ausspricht, aber auf der andern Seite werden die haltlosesten und 
verkehrtesten Erklärungen mit ganz derselben Sicherheit vorgetragen — 
z. B. wenn Varro die Veranlassung zur Gründung des bereits der ältesten 
Festtafel angehörigen Festes des Poplifugium in Ereignissen der gallischen 
Invasionszeit findet^) — und wir sind völlig ausser Stande, das Wahre vom 
Falschen zu scheiden und etwa durch Aussonderung des nachweislich 
Erfundenen und Irrigen zu einem Grundstocke echter und wertvoller Über- 
lieferung zu gelangen. Wohl aber lässt eine genauere Prüfung des 
durch den ältesten Festkalender uns bekannten Götterkreises innerhalb 
desselben manche Altersunterschiede erkennen. Besonders wichtig ist es, 
dass mehrere der Namen dieses Kreises von Haus aus nicht Eigennamen 
sind, sondern Beinamen älterer Götter ; dies gilt namentlich von Portunus, 
der sich von Janus als Vertreter einer besonderen Funktion dieses Gottes 
abgespalten hat, ferner von Liber und Terminus, die wir ursprünglich als 
Benennungen Juppiters kennen, die aber zur Zeit der Aufstellung der 
Festtafel bereits ihre Selbständigkeit erlangt haben, endlich sogar von 
einem der Götter der leitenden Trias, Quirinus, dessen Name sich als 



^) Ambrosch, Studien u. Andeutungen 
S. 159 ff. ; über die Tatiuslegende vgl. Momm- 
BBii, Hermes XXI 570 ff. 



•) Vgl. ScHWBOLER, Rom. Gesch. I 551 f. 
') Die Zeugnisse bei Mommssn CIL I* 
p. 320. 



26 Beligion und Knltus der Römer. I. Religionsgeschichte. 

Beiwort des Janus, Juppiter und Mars nachweisen lässt und aller Wahr- 
scheinlichkeit nach durch Trennung von letzterem Gotte zu selbständiger 
Bedeutung gekommen ist. Auch sonst bietet die Bildung der Götter- 
namen, unter denen sich besonders wirkliche Eigenamen (Jovis, Mars), 
zu diesem Range erhobene Appelativa (Janus, Ops, Tellus) und adjectivische 
Bildungen (Neptunus, Yolcanus) scheiden lassen, vielleicht noch manchen 
Anhaltspunkt zur Bestimmung ihres Alters, ebenso wie auch die der Fest- 
bezeichnungen bei vorsichtiger Benützung einige Ausbeute ergeben dürfte: 
als ältester unter den Namen der feriae pMicae darf agonium gelten, da 
wir hier keinen Eigennamen vor uns haben, sondern eine einfache Be- 
zeichnung der Opferhandlung ohne Rücksicht auf die Gottheit der dieselbe 
gilt, so dass die vier im Kalender mit diesem Namen bezeichneten Tage 
(9. Januar, 17. März, 21. Mai, 11. Dezember) sämtlich verschiedenen Gott- 
heiten zukommen; ebenso tragen Bildungen wie Quinquatrus (ursprünglich 
ebensowenig wie agonium ein Festname, sondern blosse Datumsbezeich- 
nüng^)), Regifugium, Poplifugium, Tubilustrium, Armilustrium, Equirria einen 
älteren Charakter an sich, als die grosse Menge der von den Götternamen 
abgeleiteten Bildungen auf -alia (Saturnalia, Opalia, Larentalia), von denen 
sich wieder die mit derselben Endung von Appellativa gebildeten Namen 
(Vinalia, Meditrinalia, wohl auch Lupercalia) als besondere Gruppe abheben. 
Aber diese Grundlage ist vorläufig noch zu unsicher, um darauf weiter- 
gehende Folgerungen zu bauen, so dass wir bei dem gegenwärtigen Stande 
unserer Hilfsmittel darauf verzichten müssen, das allmälige Anwachsen 
des römischen Götterkreises Schritt für Schritt zu verfolgen. Vorläufig 
nicht zu beantworten ist für uns besonders die überaus wichtige Frage: 
welche religiösen Vorstellungen des altrömischen Glaubens beruhen auf 
allgemein italischer Grundlage, welche sind Sondereigentum des latini- 
schen Stammes oder gar erst im Schosse der römischen Gemeinde ent^ 
wickelt worden? unsere Kenntnis der Religionen der italischen Stämme 
ist eine so dürftige und lückenhafte, dass wir bei jedem Schritte auf unüber- 
windliche Schwierigkeiten stossen. Dass Juppiter und Mars und die mit 
diesen Kulten verknüpften heiligen Bräuche der Himmelsbeobachtung und 
Lustration bei den Umbrern ebenso zu Hause waren, wie bei den Latinem, 
zeigen die iguvinischen Tafeln: aber die Verehrung der Vesta ist ausser- 
halb Latiums nirgends in Italien nachweisbar, und wir würden geneigt 
sein, sie für eine ganz ausschliesslich latinisch-römische Gottheit zu halten, 
wenn nicht die Identität sowohl des Namens wie der Grundbegriffe bewiese, 
dass dieselbe den Römern mit den Griechen gemeinsam ist, also natur- 
gemäss auch allen Italikern bekannt gewesen sein muss.') Ebenso begegnen 
uns charakteristische Züge der römischen Priesterordnung nicht nur in 
den übrigen latinischen Gemeinden, sondern auch in weiterem Umkreise, 
die Fetialen z. B. scheinen sich auch bei oskisch-sabellischen Stämmen zu 
finden, und für die bei den fratres Arvales zu Tage tretende Auffassung 
einer priesterlichen Genossenschaft als Bruderschaft bieten die einzige 
Parallele die frater Atiieäiur von Iguvium : aber wie weit hier gemeinsam 

MoMMSEN CIL I* p. 306. WiasowA, 1 *) Wissowa a. 0. p. X. 

Pe feriis anni Rom. p. XII. 1 ') Jordan, Der Tempel der Vesta S. 78. 



A. Aelteste Zeit. 5. Alter nnd Entstehung der ältesten Götterordnung. 27 



italisches Erbgut reicht, wo die Entlehnung und Übertragung von Rom 
aus beginnt, ist oft schwer oder gar nicht zu entscheiden, und die wichtige 
Frage z. B., ob Name und Institut der pontifices italisches Gemeingut 
oder latinische bezw. römische Sonderschöpfung ist, harrt noch heute der 
Beantwortung. Nur das lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass in dem 
in der Festtafel zur Darstellung kommenden ältesten Götterkreise neben 
den allgemein-italischen und latinischen Gottheiten diejenigen spezifisch 
römischer Gestaltung bereits einen recht breiten Raum einnehmen, die 
Fixierung der Festtafel also erst geraume Zeit nach der Aussonderung 
der Römer aus dem latinischen Stamme erfolgt sein kann. Wir vermögen 
stellenweise an den Kulten noch das allmälige Anwachsen der Stadt zu 
verfolgen : der Umlauf der Luperci um den Fuss des palatinischen Berges 
an den Lupercalia beweist, dass zur Zeit der Stiftung dieses Festes Rom 
auf den Palatin beschränkt war, die Feier des Septimontium am 11. Dezem- 
ber stammt aus einer Zeit, wo die Stadt sich über den Palatin, die Velia, 
den Esquilin und den vorderen Teil des Caelius erstreckte;^) am wichtig- 
sten aber für die Datierung der Fest^fel, für die uns die den Alten 
geläufige Zurückführung auf Numa^) keinen Schritt weiter bringt, ist die 
Verehrung des Quirinus an hervorragender SteUe: da dieser Kult 'untrenn- 
bar am Qnirinalischen Hügel haftet, so kann die Ferienordnung erst nach 
Einbeziehung dieses Hügels in das städtische Weichbild festgelegt worden 
sein, und wir werden damit in die Zeit der Vierregionenstadt^) geführt. 
Was uns über die Örtlichkeiten der ältesten Kulte bekannt ist, lässt sich 
mit dieser Sachlage sehr wohl vereinigen : die Heiligtümer liegen auf dem 
Palatin (Faunus, Pales), in den den Berg umgebenden Thälem, so nach dem 
Flusse zu (Carmenta, Angerona, Larenta, Matuta, Portunus), am Forum 
(Janus, Volcanus, Saturn us, Ops, Vesta), im Circusthale (Consus), dann 
auf dem capitolinischen Berge (Juppiter, Terminus, Liber, Vejovis), auf dem 
Caelius (Garna), zwischen Gapitol und Quirinal (Föns), endlich auf dem 
Quirinal selbst (Quirinus, Flora) ; nur der Kriegsgott Mars hat seinen Altar 
ausserhalb des Pomerium im Gebiete des imperium militiae, und die Feste 
einiger Gottheiten finden in Hainen ausserhalb des Weichbildes statt, teils 
in geringer Entfernung (Furrina, Anna Perenna), teils an den Grenzen 
der römischen Feldmark (Robigalia, Ambarvalia). Wichtig für die Zeit- 
bestimmung der Festtafel ist auf der andern Seite, dass sie der capitolini- 
schen Trias (sowie des etwa gleichzeitig in Rom aufgenommenen Kultes 
der Diana) nicht gedenkt, sowie dass wir in diesem Götterkreise noch 
keiner einzigen griechischen Gottheit begegnen: denn wenn auch Ceres 
und Liber schon verhältnismässig früh mit Demeter und Dionysos gleich- 
gesetzt worden sind, so sind sie doch von Haus aus, wie ihre Namen be- 
weisen, einheimisch italische Gottheiten ebensowohl wie Flora und Nep- 
tunus, die ja ebenfalls später durch Aufnahme griechischer Elemente eine 
völlige Umgestaltung ihres Wesens erfuhren. Wenn nun die alte Über- 
lieferung sowohl die Gründung des capitolinischen Heiligtums als die Zu- 



>) J)ß R088I, Bullett. d. Inst. 1884, 8. 
*) O. RicHTBB, ^ Handb. III 753; über 
den Stadtnmfang zur Zeit des Septiinontiain 



s. WissowA, Satura Viadrina (1896) 1 ff. 

») Liv. I 19, 7 u. a. 
' *) 0. RioHTBB, Handb. III 754. 



28 Religion und Ealtns der Römer. I. Religionsgeschichte. 

lassung griechischer Kulte, wie sie sich in der Aufnahme der sibyllinischen 
Bücher und der Einsetzung der Ilviri sacris faciundis ausspricht, dem 
tarquinischen Eönigsgeschlechte zuweist, und man soviel als sicher an- 
nehmen darf, dass beide Ereignisse vor Beginn der republikanischen Zeit- 
rechnung an den Ausgang der Königszeit gehören, so führt uns die Fest- 
tafel in eine jenseits dieser Periode liegende Zeit: will man die Erzählungen 
der Alten von den Religionsstiftern der römischen Vorzeit so verstehen, 
dass Numa auf der einen und die Tarquinier auf der andern Seite die 
beiden vorrepublikanischen Entwicklungsphasen der römischen Religion 
verkörpern, so mag man getrost, um einen Namen zu haben, die Ferien- 
ordnung und das eben dargestellte Göttersystem als die Schöpfung des 
Numa bezeichnen. 

Litteratur: Gelehrte aber fast durchweg haltlose Kombinationen über die Ge- 
schichte der ältesten römischen Kulte und ihren Zusammenhang mit der räumlichen Ent- 
wicklung der Stadt bei 0. Gilbert, Geschichte und Topographie der Stadt Rom im Alter- 
tum. Bd. I, Leipzig 1883. 

6. Die Formen der ältesten Götterverehrung. Wenn Yarro an 
einer oft citierten Stelle seines Logistoricus Curio de cultu deorum die Be- 
hauptung aufstellte, dass die Römer über 170 Jahre lang ihre Götter ohne 
Bilder verehrt hätten, und damit, wie richtig erkannt worden ist, der ganzen, 
vor der Gründung des capitolinischen Heiligtums liegenden Periode die 
Kenntnis menschenähnlicher Götterbilder absprach, so findet diese Ansicht 
in den sonstigen Zeugnissen ihre volle Bestätigung. Die Beschaffenheit 
der altrömischen Göttervorstellungen schloss eine Darstellung in mensch- 
licher Gestalt völlig aus, und bei der Anschauung, dass die Götter an 
bestimmten Orten und Thätigkeiten hafteten, fiel überhaupt jedes Bedürfnis 
nach einer gesonderten Darstellung der Götter fort: Thür und Herd waren 
die Stätten, an denen Janus und Yesta walteten, ganz ebenso wie Quell und 
Fluss die Sitze der Götter Föns und Volturnus sind, oder das Saatfeld 
und der Grenzstein die der Tellus und des Terminus ; die Gottheit ist nur 
im Gegenstande ihrer Wirksamkeit vorhanden, und für eine Trennung von 
dieser, wie sie für die Schaffung eines Bildes notwendig ist, lag weder ein 
Anlass noch eine Möglichkeit vor. Nur für diejenigen Gottheiten, deren 
Machtbereich minder nahe und greifbar war, wünschte man sichtbare An- 
zeichen und Bürgschaften ihres Waltens zu besitzen, und darum begegnen 
uns im Kulte des Juppiter der heilige silex, das Abbild des Donnerkeils, 
und in dem des Mars die heiligen Schilde {ancilia) und Lanzen: aber es 
sind das nicht Symbole, in denen man die Gottheit verehrt, sondern Aus- 
rüstungsstücke, welche die Priester dieser Götter (Fetiales und Salii) mit 
sich führen und deren sie sich bedienen, wenn sie im Namen ihres Gottes 
in Funktion treten. Die meisten Götter dieses Kreises haben auch später 
eine bildliche Darstellung nie erhalten; diejenigen aber, die eine solche 
plastische Ausgestaltung erfahren haben, sind zu derselben unter dem 
Einflüsse griechischer Göttertypen und durchweg in erheblich späterer 
Zeit gelangt, meist erst nachdem auch das innere Wesen und der Kult 
der einzelnen Gottheiten bereits tiefgehende Umwandlungen erfahren hatten ; 



*) Vgl. H. KsTTNBR, Varron. Stud. S. 57 f. Detlefs bn, De arte Roman, antiquiss. I 3 f. 



A. Aelteste Zeit. 6. Formen der ältesten GOtterTerehrang. 29 

auch vermeintlich uralte Götterbilder, wie das des Janus, machen davon 
keine Ausnahme. Mit dem Götterbilde ist auch das Gotteshaus dem ältesten 
Kultus fremd: erst der in menschlicher Gestalt gedachte Gott bedarf eines 
Wohnhauses, der einfacheren Auffassung ist der Gott in den Gegenständen 
seines Wirkens gegenwärtig, und jedes Saatfeld und jeder Herd bilden 
eine Verehrungsstätte der Tellus und der Yesta : der Staat freilich braucht 
für seinen Gottesdienst bestimmte heilige Lokalitäten, aber es genügt für 
ihn, aus den zahlreichen Stätten der Wirksamkeit eines Gottes eine aus- 
zuwählen, an der man sich ihn vornehmlich gegenwärtig und thätig denkt: 
es sind entweder Haine (Anna Perenna, Furrina, Robigus) oder Altäre (Mars, 
Saturnus, Consus) oder fana, d. h. heilige Bezirke mit unbedeckten Altären 
(Carroenta, Carna u. a.). In der Art der Kultstätten gibt sich vielfach 
das Wesen der betreffenden Gottheit deutlich zu erkennen: dem Wald- 
gotte Faunus kommt die Wolfshöhle (Lupercal) am Palatin zu, der Altar 
des Erntegottes Consus liegt unterirdisch in einer Grube, wie man sie als 
primitive Aufbewahrungsräume für die Feldfrucht benützte, und ähnlich 
ist es auch zu verstehen, wenn das Fest der Larenta, in deren Kult alles 
auf eine Toten- und Unterweltsgottheit hinweist, angeblich an ihrem im 
Yelabrum gelegenen Grabe stattfand. Manche Gottheiten scheinen eigne 
Heiligtümer überhaupt nicht besessen zu haben ; die Feier der Ops an den 
Opiconsivia wenigstens fand in einem Sacristeiraum (sacrarium) der Regia 
statt, und ebenda wurden auch die heiligen Gegenstände, wie die ancilia 
und hastae Martis, aufbewahrt. Nur Yesta hat ein bedecktes Heiligtum, 
weil der Staatsherd mit seinem immer brennenden Feuer nicht unter freiem 
Himmel stehen kann; aber auch später, als an Stelle des ursprünglich 
jedenfalls sehr einfachen Baues ein steinerner Tempel getreten war, hat 
sich dieser von allen übrigen nicht nur durch seine Form und seine kleinen 
Dimensionen, sondern auch durch das Fehlen eines Tempelbildes unter- 
schieden, weil er eben nicht als Wohnung der Göttin, sondern nur als 
Obdach des heiligen Feuers gedacht war. Das sind die Stätten, die der 
Staat auf seinem Grund und Boden [in loco publico) der Gottesverehrung 
bestimmt hat und an denen seine Organe diejenigen Handlungen vornehmen, 
durch welche die von ihm übernommenen religiösen Yerpflichtungen ihre 
Erfüllung finden. Der einzelne Bürger, dem es natürlich unbenommen 
bleibt, auch seinerseits an diesen Staatsaltären bei besonderem Anlass ein 
Opfer zu bringen oder eine Yotivgabe zu spenden, genügt seinen laufenden 
Nichten gegen die Gottheit innerhalb seines Eigentums; hier finden der 
Genius des Hausvaters, die Laren des Grundstückes, die Yesta des Haus- 
herdes ihre Yerehrung und neben ihnen die dl penates, d. h. die Gesamtheit 
derjenigen Gottheiten, die in diesem einzelnen Haushalte als die Förderer und 
Beschützer seines Wohlstandes und Gedeihens gelten. Die häusliche Gottes- 
verehrung vollzieht sich überall in denselben Formen wie die staatliche, 
den Staatsfeiertagen entsprechen in jeder Familie als feriae privatae die 
Geburtstage und Totenfeiern der Angehörigen und sonstige Gedenktage; 
analog den zur Lustration von Stadt und Feldmark von Staatswegen vor- 



»J Vgl. JoKDAN, Hermes XIV 577. 



30 



Religion und Kultus der BOmer. I. Beligionsgeaohichte. 



genommenen Sühnumgängen des Amburbium und der Ambarvalia vollzieht 
jeder Grundeigentümer alljährlich für sein Gut die lustratio agri u. s. w. 
Ueberall ist der Verkehr zwischen Mensch und Gottheit ein direkter, nir- 
gends schiebt sich ein zur Vermittlung allein berechtigter Priesterstand 
ein: die Speziaipriester der einzelnen Gottheiten sind deren Diener und 
sichtbaren Stellvertreter, daher treten sie auch in einem dem Wirkungs- 
kreise ihres Gottes entsprechenden Aufzuge auf, die Luperci des Faunus 
als halbnackte Waldmenschen, die Salier des Kriegsgottes behelmt und 
gepanzert, mit Speer und Schild, die Fetialen mit dem Scepter und dem 
silex des Juppiter, und das umständliche Ceremoniell, welches die Vesta- 
linnen und von den Flamines namentlich den Flamen Dialis und seine 
Gattin umgibt, hat in derselben Anschauung seine Begründung: was der 
einzelnen Gottheit fremd und feindlich ist, darf auch der sie vertretende 
Priester weder thun noch sehen. 

Was die Formen anlangt, unter denen die Götter verehrt werden, 
so haben schon die Alten als charakteristische Merkmale der altrömischen 
Religion auf der einen Seite die grosse Einfachheit der Ausstattung, auf 
der andern die Peinlichkeit und Kompliziertheit des Rituals hervor- 
gehoben.») Bei der grossen Stabilität, die allen Gebräuchen und Vor- 
schriften religiöser Art in Rom noch mehr als anderswo innewohnt, zeigen 
sich uns im sakralen Ceremoniell der späteren Zeit noch vielfach erstarrte 
Überreste aus einer weit zurückliegenden Entwicklungsperiode: die beim 
Bundesopfer der Fetialen vorgeschriebene Tötung des Opfertieres durch 
einen Schlag mit einem Steine (.9t7ßx), der Ausschluss des Eisens von den älteren 
Kulthandlungen zu Gunsten der Bronze, die alleinige Verwendung thö- 
nerner, ohne Anwendung der Töpferscheibe gefertigter Gefasse zum >Jieili- 
gen Gebrauche, Vorschriften wie die, dass das erloschene Feuer der Vesta nur 
auf die alte Weise durch Reiben zweier Holzstücke wieder anzuzünden 
sei, oder dass die Speltkörner zum Opferschrot nur gestossen, nicht gemahlen 
werden durften,*) lassen uns in die Zeiten einer noch sehr primitiven Kul- 
tur und entsprechend bescheidenen Gottesdienstes zurückblicken und zeigen, 
wie früh die rituellen Formen ihre Feststellung erfahren haben. Dass die 
dargebrachten Opfergaben im ältesten Staatskulte ebenso bescheiden waren, 
wie sie es in der häuslichen Gottesverehrung auch in historischer Zeit 
noch sind, zeigt der Dienst der Vestalinnen, von dem ein sehr wesentlicher 
Teil darin besteht, die ältesten und einfachsten Nahrungsmittel, Spelt- 
schrot {molu saha) und Salzlake {muries) für den Gebrauch beim Opfer 
herzustellen. Unblutige Opfergaben, wie wir sie im Hauskulte finden, 
Kränze, Abgaben von den Speisen des Tisches, Erstlinge der Feld- und 
Baumfrüchte, Lichterspenden und einfaches Räucherwerk, haben sicher 
in der ältesten Zeit auch im Staatsgottesdienst die Hauptrolle gespielt; 
eine besonders beliebte Opfergabe waren Opferkuchen, für die verschie- 



*) Cic. de rep. II 27: sacrorum aufetn 
ipsorum diligentiam difficilem, apparatum 
perfacilem esse voluit: nam quae perdiscenda 
quaeque observanda essent, multa constituUy 
sed ea sine hnpensa. Mehr bei Mabqcardt, 



Staatsverw. III 6 f. 

') Helbio, Die Italiker in der Poebene 
S. 80 f. 86. 72. Jobdan, Der Tempel der 
Vesta S. 80. Vgl. auch Mommskk. Grenz- 
boten 1870 I 162. 



A. Aelteste Zeit. 6. Formen der ältesten Götterrerehrnng. 31 

denen Gottheiten nach Form und Benennung verschieden, ^ und der Flamen 
Dialis war gehalten, stets ein Gefäss mit zwei Arten solcher Kuchen, 
sirues und fertum, bei der Hand zu haben. ^) Aber auch Tieropfer sind trotz 
gegenteiliger Behauptungen pythagoreisierender Gewährsmänner dem Gottes- 
dienste des Numa nicht fremd, sondern bereits in mannigfacher Form ver- 
treten: das Fest der Fordicidia hat seinen Namen von dem der Tellus 
dargebrachten Opfer von fordae boves, d. h. trächtigen Kühen, das Opfer 
des Ovis Idulis an Juppiter, des Rosses an Mars, eines Hundes an den 
Lupercalia und Bobigalia u. a. gehören ohne Frage schon dieser ältesten 
Zeit an und aus ihr stammen jedenfalls schon die Grundzüge des späteren 
Opferrituals, welches für jeden Gott und jeden Anlass genaue Vorschriften 
über Art, Geschlecht, Alter und Beschaffenheit der zulässigen Opfertiere 
enthält. Wie unter den unblutigen Opfergaben Milch, Bohnen und Spelt 
entsprechend den einfachsten Ernährungsverhältnissen auch später noch 
in den aus ältester Zeit stammenden Kulten eine grosse Rolle spielen,') 
so steht unter den Opfertieren das Schwein als das am meisten gehaltene 
Haustier oben an,^) das bedeutendste Opfer bilden die aus Vertretern 
aller drei Hauptarten des Viehstandes (Schwein, Schaf, Stier) zusammen- 
gesetzten Suovetaurilia, wie sie dem Mars bei dem Flurumgange der Am- 
barvalia und beim Lustrum dargebracht werden; auf ehemalige Menschen- 
opfer weist keine sichere Spur hin, so sehr sich alte und neue Gelehrte 
bemüht haben, Gebräuche der späteren Zeit aus solchen zu erklären.^) Die 
Opfer bilden den Mittelpunkt jeder Festfeier, aber eine Menge anderer 
Gebräuche umgeben dieselben: rituelle Tänze und Umläufe der Priester, 
wie bei den März- und Oktoberfesten der Salier und an den Lupercalia, 
Prozessionen, an denen sich ausser den Priestern auch die Staatsbeamten 
und das Volk beteiligen (Robigalia, Ambarvalia); an den Consualia und 
an den Marsfesten des 27. Februar, 14. März und 15. Oktober werden be- 
reits Rennspiele gefeiert, aber in anderer Weise als später, nicht als be- 
sondere SchausteUung, sondern als ritueller Akt, indem man zu Ehren des 
Elmte- und des Kriegsgottes die ihnen besonders zukommenden Tiere, 
das Zugvieh und die Streitrosse, rennen lässt.^) Oft gestalten sich diese 
Featfeiern zu wahren Volksfesten, an denen sich die grosse Menge mit 
allerlei alten Bräuchen und oft in ausgelassener Fröhlichkeit beteiligt; 
letzteres gilt namentlich von den Festen, die für die Angehörigen be- 
stimmter Verbände und Oertlichkoiten Bedeutung haben, wie die Terminalia 
für die Grenznachbam, die Fornacalia für die Mitglieder der Curien, die 
Compitalia für die Anwohner eines Compitum, die Feste des Septiniontium 
und der Paganalia für die Berg- und Gaugenossen; das Fest der Anna 
Perenna zeigt eine Reihe fröhlicher Neujahrsbräuche, während an dem 
ursprünglichen Hirtenfeste der Parilia verschiedene Ceremonien der Reini- 
gung und Sühnung von Mensch und Vieh vorgenommen werden. Aber 
diese Beteiligung des Publikums ist für die allgemeinen Staatsfeste etwas 



>) Marquardt, Staatsverw. III 169. i ^) Material bei Th. Roeprr, Lucnbra- 

*) Gell. X 15, 14. I tionum pontificalium primitiae (Gedani 1849) 

») HsLBiG a. a. 0. S. 70 f. ! 38 ff. 

*) Varro de r. r. !l 4, 9. «j Mommsen, Rom. Forsch. II 42 f. 



32 Religion und Knltns der Römer. I. Religionsgeschiohte. 

Nebensächliches, die eigentliche ErftÜlung der an diesen Tagen fälligen 
religiösen Verpflichtungen fällt den Organen des Staates zu, ebenso wie 
auch die Unterabteilungen und lokalen Verbände, wie die Gurien oder 
die montani und pagani durch ihre Vorsteher {curiones bezw. magist ri) unter 
Mitwirkung eigener Priester (flamines) mit der Gottheit verkehren. 

Sind demgemäss diejenigen Akte, durch welche der Staat wie der 
einzelne den Göttern ihre Verehrung kundgeben, an sich weder besonders 
mannigfaltig noch kompliziert, so zeigt sich die oft betonte Peinlichkeit 
und Skrupulosität der altrömischen Anschauung in dem diese Akte um- 
gebenden Ceremoniell und dem umfangreichen Apparate von Gebeten und 
Formeln, der überall zur Anwendung kommt. Die Gottheit hat ein An- 
recht darauf, immer genau in derselben Weise verehrt zu werden, in der 
es von Alters her geschehen ist und die sie einmal acceptiert hat : da gibt 
es keine Scheidung von Wichtigem und Nebensächlichem, sondern jede 
Handreichung, jede Bewegung, jedes Wort müssen genau in der vor- 
geschriebenen Weise erfolgen, wenn nicht die ganze Handlung ungiltig sein 
soll. Daher die genauen Vorschriften über die jeder heiligen Handlung 
vorangehenden Reinigungen, über die nach den einzelnen Kulten und Ge- 
legenheiten verschiedenen Erfordernisse der Opfergaben, über Stellung und 
Haltung des Betenden und Opfernden, vor allem aber über die in jedem 
einzelnen Falle anzuwendenden Gebets- und Anrufungsformeln {carmina), deren 
Zahl eine sehr grosse war. Für jeden Anlass existieren verschiedene, zu- 
weilen in rhythmische Fassung gebrachte, öfter nur durch einen gewissen 
Parallelismus der Glieder und durch feierliche Wiederholungen und Häu- 
fungen synonymer Begriffe stilisierte Formeln, die der amtierende Priester 
zur Anwendung bringt oder, falls ein Beamter des Staates die Kulthand- 
lung vollzieht, diesem vorspricht, für Gelübde und Konsekration, für die 
Inauguration und die Evokation der Götter aus einer belagerten Stadt, für all 
die zahlreichen in regelmässiger Abfolge wiederkehrenden Anlässe bei Opfer 
und Festfeier; ein Rest dieses reichen Schatzes von Gebeten und Formeln 
sind noch die zahlreichen verba pontificalia, die der voll entwickelten Sprache 
bereits fremd geworden waren und den späteren Gelehrten, z. B. Verrius 
Flaccus, ein weites Feld für die Ausübung ihrer Deutungskunst boten. Denn 
auch an der sprachlichen Form der Gebete durfte nichts geändert werden, 
gleichviel ob sie dergestalt den Priestern selbst unverständlich wurden: die 
Salier und Arvalbrüder haben bei der Absingung ihrer rituellen Lieder 
sicher höchstens eine ganz dunkle Vorstellung von dem gehabt, was dieselben 
besagten; aber jede Modernisierung des Textes würde das Gebet ebenso 
wertlos gemacht haben, als wäre es völlig unterlassen worden. Ganz be- 
sonders wichtig ist die Anrufung der Gottheit, sowohl was die Auswahl 
der in jedem einzelnen Falle heranzuziehenden Götter anlangt, als auch 
ihre Reihenfolge und die Form der Namensnennung: denn nur wenn er 
in richtiger Weise angerufen wird, nimmt der Gott die ihm dargebrachte 
Leistung als empfangen an, die geringste Verfehlung macht eine Wieder- 
holung nötig, wenn man nicht dem Gotte das ihm Zukommende schuldig 
bleiben will. Daher ist die Kunst, allzeit die rechte Gottheit in passender 
Form anzurufen, zu grosser Fertigkeit ausgebildet, und ihr Ergebnis sind 



B. Bie sum 2. pnniflohen Kriege. 7. Das oapitoliniBohe Heiligtum. 



33 



die unter Verwahrung der Pontifices stehenden indigitamenta; um aber in 
jedem Falle gedeckt zu sein, fügt man in den Gebeten meist einen Vor- 
behalt des Irrtums ein in der Form sive quo alio nomine fas est nominare^)^ 
oder man hütet sich, wenn man sich über Namen und Wesen der Gott^ 
heit, die bei dem augenblicklichen Anlasse einen Rechtsanspruch auf Be- 
lücksichtigung haben könnte, nicht klar ist, überhaupt einen Namen zu 
nennen und ersetzt denselben durch Wendungen wie sive deus sive dea^) 
oder sive mos sive femina.^) Damit aber kein Berechtigter sich über Ver- 
nachlässigung beklagen könne, schreibt das Ritual für jedes Gebet nach 
Nennung der speziell in Betracht kommenden Götter eine generalis invo- 
catio^) aller Gottheiten vor, entweder in der allgemeinen Wendung di 
deaeque omnes oder ceieri di ceteraeque deae oder in einer Zusammenfassung 
in bestimmte Gruppen, wie di omnes caelestes vosque terrestres vosque infemi 
(bei der indictio belli durch die Fetialen Liv. I 32, 10) oder di indigetes 
di novensides (s. oben S. 15) und vielen ähnlichen:') es ist auf diesen 
Gebrauch zurückzuführen, das uns in Rom so zahlreiche Namen für der- 
artige Zusammenfassungen einer Mehrzahl von Göttern begegnen, unter 
welchen die der di penates und der di manes die wichtigsten und bedeute 
samsten sind. 

Litteratnr: Walz in Panlys Realencycl. VI 1 S. 430 ff. Pabllbb-Jobdan, Rom. 
Mjthol. I 1C4 ff. WissowA, Neue Jahrb. f. d. klass. Altert. I 1898, 161 ff. Ueber die 
ftltesten Formeln und carmina Jobdan, Erit. Beitr. z. Gesch. d. latein. Sprache S. 178 ff. 
R. Pbtbr, Comment. philol. in honorem A. Reifferscbeidii (1884) S. 67 ff., der die gesamte 
ftHere Litteratnr anführt. C. M. Zandbb, Versus Italici antiqui (Lundae 1890) S. 24 ff. 
und p. CCV ff. 



Zweiter Abschnitt. 

Bis zum zweiten punischen Kriege. 

7. Die Gründung des capitolinischen Heiligtumes und die gleich- 
zeitigen Neuerungen. War die älteste römische Götterordnung den Inter- 
essen und Bedürfnissen einer in engsten Verhältnissen lebenden kleinen 
Stadtgemeinde angepasst, so wird in der nun folgenden Periode die Ge- 
staltung der religiösen Verhältnisse dadurch bestimmt, dass Rom über 
die städtischen Grenzen hinauswächst und sich durch allmälige Auf- 
saugung der Nachbargemeinden und -Stämme, mag dieselbe sich durch 
friedlichen Bündnisvertrag oder durch gewaltsame Unterwerfung vollziehen, 
zu einem stetig wachsenden und zukunftssichern Staatswesen umbildet. 
Die veränderten politischen Verhältnisse kommen auf sakralem Gebiete 



*) Devotionsformel bei Macr. III 9, 10; 
TgL Serv. Aen. 11 351. CIL XI 1823. 

*) So bei den Arvalen CIL VI 2099 n 1. 3. 
2104 a 2. 2107, 9, in der Evocationsformel 
Maer. III 9, 7 und beim lueum eanlucare Cato 
de agric. 139, femer auf den Altären CIL 
VI 110. 111. XIV 3572. Notiz, d. Scavi 1890, 
218. Ephem. epigr. V 1043; vgl. Gell. II 28. 
liv. VII 26, 4. Amob. III 8. C. Pascal, Bull. 
areheol. coman. XXII 1894, 188 ff. = Studii 
di antichitä e mitologia p. 85 ff. 

HAadbuch der Ua«. AltertamswiaKOBcbaft. V. 4. 



») Serv. Aen. Tl 351. Plut. Q. R. 61. 
Macr. lU 8, 3. 

*) Serv. Georg, l 21; Aen. VIII 103. 

s) Vgl. namentlich Plaut. Gist. 512 a/ 
Ua me di deaeque superi atque inferi et 
medioxumi, ein Scherz, aus dem dann Apu- 
leius (de dogm. Plat. I 11 p. 73, 14 Goldb. 
= Serv. Aen. VIII 275. Mart. Cap. II 154) 
und andre (Serv. Aen. III 134) ernsthaft eine 
besondere Klasse di medioxumi gemacht 
haben. 

3 



34 



Religion und Kiiltne der BOmer. L BeligionsgMeliichie. 



zum deutlichen Ausdrucke: die alte Göttertrias Juppiter, Mars, Quirinus 
tritt zurück und erhält sich nur in den aus der älteren Zeit stammenden 
Oebetsformeln ; an ihre Stelle tritt ein neuer Götterverein Juppiter, Juno, 
Minerva, der auf der die Stadt beherrschenden Höhe seinen Sitz erhält.^) 
Die Gründung dieses Tempels, die in mehr als einer Beziehung den Beginn 
einer neuen Zeit bedeutet, wird von den Alten mit Einstimmigkeit auf 
die tarquinischen Könige zurückgeführt:') die Überlieferung weist aber 
derselben Dynastie auch eine Reihe anderer wichtiger Neuschöpfungen 
auf religiösem Gebiete zu, die Erbauung des aventinischen Dianaheiligtums ^) 
und die Stiftung des latinischen Bundesfestes,'') die Erwerbung der sibj'-l- 
linischen Sprüche und die Einsetzung des Priestertums der Orakelbe wahrer,^) 
die Erbauung des Circus sowie die Einführung der römischen Spiele*) und 
des Triumphalceremoniells.^) So schwankend und willkürlich auch in 
dieser Überlieferung die Verteilung der einzelnen Leistungen unter die 
verschiedenen Könige des tarquinischen Hauses ist, so darf doch die un- 
gefähre Gleichzeitigkeit und der innere Zusammenhang all dieser Neuerungen 
als gesichert gelten, nicht weil es so überliefert ist, sondern weil eine Prüfung 
der unanfechtbar feststehenden Thatsachen zu demselben Ergebnisse führt. 
Unzweifelhaft ist zunächst, dass der Tempel der Diana auf dem Aventin 
Bundesheiligtum* für Rom und die latinische Eidgenossenschaft war: noch 
Dionysios von Halikarnass (IV 26) sah in diesem Tempel die Bundes- und 
Festordnung auf einer Erztafel aufgezeichnet, und da wir wissen, dass 
das Dianaheiligtum zu Aricia, von dem das römische eine Filiale darstellt, 
das religiöse Zentrum eines latinischen Städtebundes bildete,^) so wird 
man als sicher annehmen dürfen, dass durch die Übertragung dieses Diana- 
kultes nach dem Aventin zugleich die sakrale Yorstandschaft dieses Bundes 
an Rom überging [commune Latinorum Dianae templum Varro de 1. 1. V 43) : 
wie durchweg die Erweiterung des römischen Götterkreises der fort- 
schreitenden Ausdehnung der römischen Herrschaft parallel läuft, so spiegelt 
sich hier in der Aufnahme der dem römischen Staatskulte bisher fremden 
Diana der Beginn des Aufgehens der Latiner in Rom wieder. Dass dieses 
Heiligtum das erste war, das unter neuen Verhältnissen auf Grund eines 
ausgeführten Tempelstatutes in Rom gegründet wurde, beweist der Um- 
stand, dass noch in der Kaiserzeit die lex arae Dianae in Aventino, und 
nur diese, für allgemein wiederkehrende Bestimmungen das Vorbild ab- 
gibt, auf welches andre Tempelsatzungen verweisen.^) Von diesem römisch- 
latinischen Bundesheiligtume lässt sich aber die Einsetzung oder Er- 
neuerung des Festes auf dem Albanerberge und die damit zusammen- 
hängende Gründung des Tempels des Juppiter Latiaris»®) nicht wohl 



') Vgl. Anrufungen der capitolinischen 
Götter in Gebeten z. B. Liv, VI 20, 9. XXXVIII 
51, 9; denselben Sinn bat es, wenn der rö- 
mische Beamteneid der republikanischen Zeit 
auf Juppiter 0. M. (und die Penaten) gestellt 
ist (MoMMSEN, Abhandl. d. sächs. Gesellsch. 
d. Wissensch. llf 460 f.). 

') Zeugnisse bei Jordan, Topogr. 1 2 S. 8 f. 

») Liv. I 45. Dion. Hai. IV 26 u. a. 

*) Dion. Hai. IV 49. 



») Dion. Hai. IV 62 und inehr bei 
ScHWEGLBB, Röm. Gesch. I 773 f. 

^) Liv. I 35. SoHWBOLBR a. a. 0. 1 674. 

') Strabo V 220. Plut. RomuL 16. Plin. 
n. h. XXXm 63 u. a. 

') Cato bei Prise. IV p. 129. VII p. 337; 
vgl. Beloch, Der ital. Bund S. 179 ff. 

») CIL III 1933. XI 361. XH 4333. 

*^) Die Ueberlieferung bezeichnet den 
Tempel als eine Gründung entweder des 



B. fiie nun 8. pnnisohen Kriege. 7. Das capitolinisohe Heiligtum. 35 

trennen: beide Schöpfungen verfolgen dasselbe Ziel, die Dokumentierung 
der Führerschaft Roms in Latium; kommt dieselbe auf der einen Seite 
dadurch zum Ausdrucke, dass Rom den sakralen Mittelpunkt des latinischen 
Bundes in seine Feldmark und unmittelbar vor die Grenzen des städtischen 
Weichbildes legt, so erhält sie durch die Weiterführung der albanischen 
Feier unter römischer Yorstandschaft eine Art nachträglicher historischer 
Legitimation. Man darf mit Sicherheit annehmen, dass das früh zerstörte 
Alba Longa an der Spitze eines die ganze latinische Nation umfassenden 
Bundes, der also erheblich weiter reichte, als der nach Albas Fall an 
seine Stelle getretene aricinische, gestanden hatte; diesem galten die in 
dem Gebiete dieser Stadt auf dem Mens Albanus gehaltenen Festfeiem, 
durch deren Wiederaufnahme Rom seine Hegemonie über das ganze nomen 
Latinum zum Ausdrucke brachte; die erhaltenen Auszüge aus dem offi- 
zieUen Verzeichnisse der an der Feier des Latiar teilnehmenden Gemeinden ^ 
zeigen, dass dieser Kreis das ganze Gebiet der prisci Latini umfasste und 
dass darum die Erneuerung des gemeinsamen Festes unter römischer 
Leitung auch neben der Überführung des aricinischen Bundesheiligtums 
nach Rom noch ihre eigne hervorragende Bedeutung hatte. Die Erbauung 
des Tempels des Juppiter Latiaris auf dem Albanerberge wird man, auch 
abgesehen von der Überlieferung, an sich geneigt sein für gleichzeitig 
mit der Wiederaufnahme der feriae Latinae zu halten, und die Aus- 
grabungen haben jedenfalls die hohe Altertümlichkeit des Baues sicher 
gestellt.') Diese spärlichen Trümmer lassen aber zugleich im Grund- 
plane des Tempels und in der Bauweise eine so auffallende Überein- 
stimmung mit den Überresten des capitolinischen Heiligtumes erkennen, 
dass sich die Vermutung, beide möchten derselben Zeit angehören, nicht 
wohl abweisen lässt. Diese Annahme findet in unverkennbaren alten Be- 
ziehungen, welche zwischen beiden Heiligtümern obwalten, eine bedeutende 
Stütze: das Bundesopfer weisser Stiere^) ist das nämliche, welches die 
römischen Consuln am Tage ihres Amtsantrittes auf dem Capitol dar- 
bringen/) die albanische Festfeier wirkt auch in Rom selbst nach, indem 
während derselben auf dem Capitol ein Wagenrennen abgehalten wird,^) 
als End- und Zielpunkt des Triumphzuges tritt der Tempel des Juppiter 
Latiaris in derselben Weise auf, wie der capitolinisohe.^) Diese Erschei- 
nungen finden eine zwanglose Erklärung nur durch die Annahme, dass 
beide Heiligtümer ungefähr gleichzeitig und unter den gleichen histo- 
rischen Voraussetzungen entstanden sind, das eine als Mittelpunkt des 
wenigstens sakral geeinten Latium, der andere als Sitz der Götter der 
Hauptstadt. In beiden Fällen ist es Juppiter, dem die Verehrung gilt, 
auf dem Albanerberge als Schutzherr von Latium, auf dem Capitol als 
der Höchste und Beste, der die Schutzgötter anderer Gemeinden eben so 
weit überragt, wie Rom seine Nachbarstädte; ihm zur Seite steht nicht 



Tarqainiiis Priscns (Dion. Hai. VI 95. Schol. 
Cic. Bob. p. 255 Or.) oder des Tarquinius 
Soperbos (Dion. Hai. IV 49). 

') Pün. n. h. III 68 f. Dion. Hai. V 61. 
Vgl. MoHHBRK, Hermes XVII 42 ff. 



314 ff.; vgl. Annali 1871, 239 ff. und G. B. 
DE Rossi, Annali 1873, 163 ff. 

8) Arnob. II 68. 

*) MoMMSEN, Staatsr. I 594. 

*) Pün. n. h. XXVII 45. 
>) M. St. DB RoBSi, Annali d. Inst. 1876, | «) Michaelis, Annali d. Inst. 1876, 113 ff. 

3* 



36 Religion und Enltiu der Römer. I. Religionsgesohiohte. 

nur die schon in der älteren Anschauung ihm zugesellte Juno, sondern 
auch als neue Genossin Minerva, und so entsteht eine Trias ganz andrer 
Art als die alte von Juppiter, Mars, Quirinus. Die Herkunft dieses Götter- 
vereins i) liegt im Dunkeln; die Ansicht, dass derselbe auf einer allgemein 
italischen Kultanschauung beruhe, hat ihre Hauptstütze verloren, seitdem 
erkannt ist, dass die zahlreichen CapUolia italischer und auswärtiger 
Städte erst Nachbildungen des römischen sind und das Recht zur Grün- 
dung eines solchen den coloniae vorbehalten war; die teils in ihrer Be- 
deutung überschätzte, teils grundlos angezweifelte Thatsache, dass es 
schon vor der Gründung des capitolinischen Tempels auf dem Quirinal 
eine Kapelle von Juppiter, Juno, Minerva gab,*) beweist nichts weiter, als 
dass dieser Götterverein schon eine Zeit lang vorher in bescheidnerer Form 
in Rom Aufnahme gefunden hatte, ehe er die beherrschende Stelle auf 
dem Capitol einnahm. Da sich in engster Verbindung mit dem capito- 
linischen Kulte sowohl etruskische als griechische Einflüsse nachweisen 
lassen, so ist es am wahrscheinlichsten, dass wir es mit ursprünglich 
griechischen Vorstellungen zu thun haben, die durch Etrurien und wohl 
nicht ohne dort vorgenommene Modifikationen an Rom übermittelt worden 
sind: die etruskische Vermittlung erklärt es, dass der Kult ebensowenig 
mehr als ein von Haus aus griechischer empfunden wurde wie z. B. der 
über Tusculum nach Rom gelangte Dioskurenkult. Dass in Etrurien bei 
der Städtegründung die Anlegung eines Stadtheiligtums von Juppiter, Juno 
und Minerva erforderlich war, lehrte die disciplina Etrusca:^) die Gottheiten 
sind alle drei italisch, ihre Verbindung aber wird sich entweder so er- 
klären, dass die ganze, in Griechenland allerdings nur vereinzelt nachweis- 
bare^) Trias Zevg, ''Hqa, Ad^rjvä von dort aus in Etrurien Aufnahme fand 
und mit den genannten einheimischen Göttern gleichgesetzt wurde, oder 
dass ebendaselbst nur Minerva unter dem Einflüsse der griechischen Vor- 
stellungen von der Stadtgöttin Athene zu Juppiter und Juno gesellt worden 
ist.^) Etruskischer Einfluss gibt sich sowohl in dem aus den Resten noch 
deutlich erkennbaren Schema des Tempelgrundrisses ^) wie in der Deko- 
ration des Gebäudes mit Thonreliefs und thönernen Verzierungen und dem 
aus gleichen Materiale hergestellten Tempelbilde kund, so dass die Nach- 
richten der Alten, die von der Mitwirkung aus Etrurien herbeigeholter 
Künstler reden, von dieser Seite her als durchaus glaubwürdig erwiesen 
werden.'') Da nun aber wieder die Ausstattung des Triumphators nach 
der des Tempelbildes geformt ist und zum Teil geradezu von diesem ent- 
lehnt wird,*) so gewinnt die Überlieferung, welche auch die Triumphal- 
insignien aus Etrurien herleitet, eine besondere Bedeutung. Einen Teil 
des Triumphzuges aber bilden ursprünglich die Festspiele, die erst als ludi 



*) Varro erklärte Juppiter, Juno, Mi- | Dach den weiblichen Gottheiten der capito- 

nerva für die ältesten Götter (Tertull. ad | linischen Trias durch M. Zbitlin, Revue de 

nat. 11 12). I rhistoire des relig. XVII 1896, 320 ff. bringt 

*) Varro de 1. 1. V 158; über das Capi- | nichts Neues, 

tolium vetus s. Hülsen, Real-Encycl. III 1540. ' •) Vgl. darüber H. Deobrifo, Nachr. d. 

») Serv. Aen. I 422; vgl. Vitruv. I 7, 1. ' Götting. Gesellsch. d. Wissensch. 1897, 153 ff. 

*) Pausan. X 5, 1. ' ') Zeugnisse bei Jordan, Topogr. 12 8. 8 ff. 

') Die ausführliche Erörterung der Frage ^) Marquabdt, Staatsverw. II 586 f. 



B. Bis smn 2. pnnisohen Kriege. 7. Das oapitolinische Heiliginm. 37 

magni oder votivi ausserordentlicher Weise, dann als ludi Romani ständig 
gefeiert wurden und das Vorbild für alle später eingesetzten derartigen 
Festfeiem wurden; wie der Triumph stehen sie im engsten Zusammen- 
hange mit dem capitolinischen Kulte und schliessen sich darum, sobald 
sie ständig geworden sind, unmittelbar an den Stiftungstag dieses Tempels 
an; damit tritt auch diese Institution in den Kreis der unter etruskisch- 
griechischem Einflüsse stehenden Neuerungen. In den Kellerräumlichkeiten 
des capitolinischen Tempels endlich wurden bis auf Augustus die sibylli- 
niscben Bücher aufbewahrt,^) jene Sammlung griechischer Orakelsprüche, 
die, im Laufe der Zeit vielfach vermehrt und in ihrem Bestände verändert, 
die Grundlage für die während dieser Periode sich vollziehende helleni- 
sierende Umbildung des römischen Staatsglaubens und Staatsgottesdienstes 
abgegeben hat und deren Hüter und Deuter, die Ilviri sacris faciundis, 
auf diese Weise zu einer so hohen Bedeutung gelangten, dass sie neben 
den altrömischen Staatspriestertümem als Vertreter des graecus ritus ihre 
gleichberechtigte Stelle fanden. Verkörpert das oapitolinische Heiligtum 
mit seiner künstlerischen Ausstattung und seinem Ceremoniell den auf dem 
Umwege über Etrurien und in entsprechender Brechung und Verdunkelung 
nach Rom gelangten griechischen Einfluss, so sind die sibyllinischen Bücher 
Träger der unmittelbar von den Griechenstädten Italiens, in erster Linie 
von Cumae aus, vordringenden griechischen Elemente, wie sich das deutlich 
in einer scheinbaren Nebensache ausspricht: wie uns gut bezeugt ist, 
waren es vejentische Handwerker, die Tempel und Götterbild des Capitols 
schufen, während an dem ersten auf Grund sibyllinischer Weissagungen 
in Rom erbauten Tempel, dem der Göttertrias Ceres, Liber, Libera, grie- 
chische Künstler, Damophilos und Gorgasos mit Namen, thätig waren.') 
Die Zeit, in der die hier aufgezählten überaus folgenschweren Neu- 
erungen auf religiösem Gebiete erfolgten, lässt sich genau nicht bestimmen 
und abmessen: nur soviel steht sicher, dass sie vor den Beginn der 
republikanischen Zeitrechnung fallen und unter sich in einem so engen 
innerlichen Zusammenhange stehen, dass sie, wenn sie nicht Schöpfungen 
ein und derselben Person sind, so doch jedenfalls dem gleichen eng be- 
grenzten und von denselben leitenden Gedanken beherrschten Zeiträume 
angehören. Die Alleinherrschaft der alten di indigetes ist gebrochen. 
Wie man zu der Zeit, als durch die servianische Verfassung eine für 
Patrizier und Plebejer gemeinsame staatsrechtliche Grundlage geschaflfen 
wurde, den Kreis der patrizischen Häuser derartig abschloss, dass die 
Aufnahme neuer gentes nicht mehr erfolgte,') sondern alle Neubürger nur 
die Plebs vermehrten, wie in der gleichen Zeit die Meinung zum Durch- 
bniche kam, dass das Pomerium der Stadt, das früher wiederholt vor- 
geschoben worden war, unverrückbar bleiben müsse, und so bei der wei- 
teren Ausdehnung des angebauten Terrains oder sogar des Mauerringes 
das neue Stadtgebiet nicht in die Weichbildsgrenze aufnahm, sondern 
während der ganzen republikanischen Zeit (bis auf Sulla) als extra- 



«) Dion. Hai. IV 62. 
») Plin. n. h. XXXV 154; vgl. A. Philippi, 
Jahrb. f. Philol. CVll 205 ff. 



') MoMMSBN, Staatsrecht II L 82; vgl. 
Rom. Forsch. I 71 ff. 



38 Beligion nnd Enliaa der Bömer. I. BellgionageBchichte. 

pomerial in gesonderter Rechtsstellung beliess, so hat man in derselben 
Periode der geschichtlichen Entwicklung auch den Kreis der Stamm- 
götter {di indigetes), der bisher mancherlei Zuwachs erfahren hatte, für 
geschlossen erklärt und alles, was durch Aufnahme und Neuschöpfung 
hinzukam, gewissermassen einem äusseren aber gleichberechtigten Kreise 
von Staatsgottheiten, den di novensides^ zugewiesen. Alles das geschah 
am Ausgange der Königszeit, und die Periode der di novensides in der 
römischen Staatsreligion wird eröffnet durch den capitolinischen Kult und 
die gleichzeitigen sakralen Neuerungen. Von der Thatsache, dass sich 
am Ende der Königszeit eine tiefgehende Umwälzung in den religiösen 
Verhältnissen des Staates vollzogen hatte, war den Alten eine Erinnerung 
wohl geblieben, Geschichte und Hergang derselben im einzelnen war ihnen 
jedoch nicht minder dunkel als uns: unverkennbar ist aber, dass eben 
diese Umgestaltungen für die weitere Entwicklung der römischen Religion 
die alleinige Grundlage abgegeben haben, und dass alles, was wir bis zum 
Ausgange des 3. Jahrhunderts auf sakralem Gebiete in Rom sich voll- 
ziehen sehen, nur geschieht in Weiterverfolgung der Bahnen, die durch 
diese den tarquinischen Königen zugeschriebenen Reformen eröfifhet wurden : 
die Religion der Tarquinier ist in den Grundzügen die des republikanischen 
Rom bis zum hannibalischen Kriege. 

Litteratur: Schweolbb, Rom. Gesch. I 673 ff. 696 ff. 706 f. 730 f. 770 ff. 792 ff. 
Ambbosch, Stadien und Andeutungen S. 196 ff. 0. Weise, Rhein. Mus. XXXVI [1 551 ff. 
Ueber Rom und Latium Momhsen, Staatsr. III 607 ff.; über ausserrömische Gapitole 
0. EuHFBLDT, De Gapitoliis imperii Romani, Berolini 1883. A. Castan, Les Gapitoles pro- 
vinciauz du monde romain, Besanfon 1886. De Rossi, Bull, archeol. com. XV (1887) S. 67 f. 
E. AusT in Roschers Lexik. II 739 ff. Wissowa, Real-Encycl. III 1538 f. 

8. Die Erweiterung des Kreises der römischen Staatsgötter, 
Wie sich in den ersten drei Jahrhunderten des Freistaates die Ausbreitung 
und Befestigung der römischen Herrschaft über ganz Italien (einschliess- 
lich Siciliens) vollzieht, so dehnt sich ganz ebenso der Kreis der römischen 
Staatsgötter dem Vorschreiten der äusseren Grenzen und der Verviel- 
fältigung der auswärtigen Beziehungen entsprechend von Generation zu 
Generation weiter aus. Die dem gesamten Polytheismus eigne Toleranz 
gegen fremde Religionen ist von den Römern, die stets mit gewissen- 
haftester Sorgfalt darauf bedacht sind, keinem göttlichen Rechtsanspruche 
zu nahe zu treten, in besonders weitem Umfange geübt worden, natürlich 
unter der Voraussetzung, dass dadurch die auf früher eingegangenen Ver- 
einbarungen beruhenden Rechte der älteren Götter nicht geschmälert 
wurden. Wenn der Römer in seinen Gebeten am Schlüsse alle Gott- 
heiten des Himmels und der Erde, die Götter des eignen Staates und die 
der Feinde, die er bekämpft {di quibus est potestas nostrorum hostium- 
que Liv. VHI 9, 6) anruft, so spricht er es deutlich aus, dass er die 
augenblickliche Begrenzung des Kreises seiner Staatsgottheiten für eine 
rein zufällige und vorübergehende hält und die Existenz gleichberech- 
tigter göttlicher Wesen ausserhalb dieser Grenzen durchaus anerkennt: 
nur sind jene ihm bisher nicht bekannt, er ist aber bereit, sobald sie 
ihm näher treten, auch seinerseits zu ihnen Stellung zu nehmen. Jede 
Ausdehnung seines Gebietes und jede Anknüpfung neuer politischer Be- 



B. Bis iiim 2. panischen Kriege. 8. Erweiterung des Götterkreises. 39 

Ziehungen bringt den Staat mit Göttern in Berührung, die ihm bisher 
unbekannt waren, deren Verehrung er aber jetzt sich anzueignen in der 
Lage oder gar verpflichtet ist. Eine Verpflichtung zur Aufnahme neuer 
Götter tritt für den Staat ein, sobald er die politische oder die that- 
sächliche Existenz einer andern Gemeinde aufhebt: die sakralen Ver- 
pflichtungen dieser letzteren erlöschen nicht etwa, sondern sie gehen in 
ihrem vollen Umfange auf ihre Rechtsnachfolger, die Römer, über; die 
Götter der untergegangenen Gemeinde werden Staatsgottheiten des rö- 
mischen Volkes 1) und erhalten entweder ihren Kult an der alten Stätte 
und durch Angehörige der alten Gemeinde, die aber nun im Namen des 
römischen Staates auftreten und unter der Aufsicht des römischen Ponti- 
ficalkollegiums stehen,') oder es wird ihnen in Rom ein Heiligtum geweiht 
und ihr Dienst den Staatspriestern zugewiesen. Diese Verpflichtung haben 
die Römer stets anerkannt und dem auch in feierlicher Form Ausdruck 
gegeben, indem sie bei der Belagerung einer feindlichen Stadt die Götter 
derselben durch evocatio aufforderten, ihre bisherige Stätte zu verlassen 
und die ihnen zugesicherten neuen Sitze in Rom einzunehmen.') Aber es 
bedurfte keiner Eroberung und keiner direkten Verpflichtung, um die Auf- 
nahme von Göttern anderer Gemeinden auch in den römischen Staatskult 
zu veranlassen. Die enge Gemeinschaft des commercium^ die Rom mit 
den latinischen Gemeinden verband und dem Latiner die Erwerbung des 
römischen Bürgeirechts leicht machte, musste vielfach zu einer staatlichen 
Anerkennung der entsprechenden Götter führen : natürlich wurde der nach 
Rom übergesiedelte und zum römischen Bürger gewordene Tusculaner oder 
Ardeate dadurch der einmal übernommenen Pflichten gegen die Götter 
seiner Heimat nicht ledig, und der römische Staat durfte ihm bei der Er- 
füllung derselben nichts in den Weg legen ;^) von der Duldung dieser 
privaten Ausübung eines staatlich nicht anerkannten Kultes kam man aber 
in vielen Fällen zur officiellen Reception desselben. War die Zahl der 
Anhänger eines Gottes eine geringe, so hielt sich seine Verehrung natur- 
gemäss immer innerhalb der Grenzen häuslichen Kultes, und wir dürfen 
annehmen, dass so ziemlich alle Götter, die in den mit Rom in Verbindung 
stehenden italischen Gemeinden anerkannt waren, in diesem oder jenem 
römischen Hause ihre Verehrung fanden: war aber der Zuzug aus einer 
bestimmten Stadt nach Rom besonders stark, und standen die Familien, 
welche die Hauptträger der betreffenden Kulte waren, in hohem Ansehen 
und Wohlstand, so erfolgte meist die Aufnahme der letzteren in den Ver- 
band der römischen Staatsgötter, wofür die Übernahme des Herculesdienstes 
der Ära maxima, den bis dahin die aus Tibur stammenden Pinarii als 
Gentilkult ausgeübt hatten, auf den Staat in der Censur des Ap. Claudius 
Caecus ein besonders lehrreiches Beispiel bietet. Naturgemäss kam dabei 
auch sehr viel auf die Beschaffenheit der zur Aufnahme vorgeschlagenen 



>) MoMxsKH, Staatsr. III 579 f. 

*) Fest. p. 157: municipalia sacra vo- 
cantur, quae ab inUio habiierunt ante civi- 
totem Bomanam aceeptam, quae observare eos 
wUuerunt pantifiees et eo more facere quo 
adsuetaent antiquitfM. 



») Macr. S. III 9. Plin. n. h. XXVIII 18. 
Serv. Aen II 244. 851. Liv. V 21. Fiat. Q. 
R. 61; vgl. Pbbnioe, Sitz.Ber. d. Berl. Akad. 
1885, 1157. 

*) MoMMSBN, Histor. Zeitschr. N. F. 
XXVIII 404 f. 



40 



Beligion und Kultus der BOmer. I. Religionsgeschiohte. 



Götter und Kulte an, und in den ersten Jahrhunderten der Republik ist 
man entschieden mit grosser Vorsicht und Umsicht verfahren : obwohl an 
sieh die Träger der obersten Beamtengewalt befugt sind, einer Gottheit 
von Staatswegen einen Tempel zu geloben und damit die Gemeinde rechts- 
giltig zu verpflichten, 1) so hat doch wahrscheinlich die Aufnahme neuer 
Gottheiten in den römischen Götterkreis von jeher zu den Akten gehört, 
bei welchen der Magistrat gehalten war, den Senat zuzuziehen und später- 
hin seiner Meinung sich zu fügen. >) Der Senat hat naturgemäss die 
wenigsten Bedenken haben können, wenn es sich um Gottheiten handelte, 
die bei den nächsten Nachbarn und Stammesgenossen verehrt wurden 
und deren Kult sich im allgemeinen in denselben Formen bewegte wie 
der römische: diese Gottheiten konnte man, wenn sie auch in die Klasse 
der di novensides gehörten, ebenso behandeln wie die einheimischen und 
die Ausübung des Kultes den Staatspriestem überweisen. Anders stand 
man den Gottheiten des sprachfremden Auslandes, also vor allem denen 
der griechischen Städte Unteritaliens und Siciliens gegenüber:') man 
konnte sich der Erkenntnis nicht verschliessen , dass es sich hier um 
prinzipiell abweichende Religionsanschauungen und -Übungen handele, und 
hat daher — allerdings vergeblich — zu verhindern gesucht, dass durch 
sie eine Trübung und Schädigung der alteinheimischen Religionsvorstel- 
lungen herbeigeführt werde : daher steht die Oberaufsicht über diese Kulte 
nicht den Pontifices, sondern den Orakelbewahrern zu, die Ausübung des 
Gottesdienstes geschieht nicht durch römische Bürger sondern durch Priester, 
die aus der auswärtigen Heimat des Kultes nach Rom gezogen werden, 
und die Tempel dieser fremden Götter bleiben, obwohl sie, so gut wie alle 
andern, Staatstempel sind, bis gegen Ende der hier geschilderten Periode 
von der durch die heilige Weichbildslinie des Pomerium umgrenzten Innen- 
stadt ausgeschlossen. 

Das Anwachsen des römischen Götterverbandes ist aber keineswegs 
nur durch Zuzug von aussen, sondern in nicht geringerem Umfange auch 
durch Vermehrung von innen heraus erfolgt. Waren in der älteren Zeit 
die Vorstellungen, die man mit den einzelnen Göttern verband, einfache 
und ungebrochene gewesen, so führte jetzt die reichere Gestaltung des 
äusseren Lebens der Gemeinde und der lebhaftere Verkehr dazu, dass sich 
auch die Kompetenzen der einzelnen Götter vervielfachten und man die 
Äusserungen der einem jeden zukommenden Macht auf verschiedenen Ge- 
bieten schärfer trennte. Bei der Neigung der Römer zur Spezialisierung 



>) MoMKBBN, Staatsr. II 602. 

') MoMMBEN, Staatsr. III 1051; auf die 
ohne diese Zustimmung erfolgte oder ver- 
suchte Weihung des Heiligtumes eines sonst 
unbekannten Gottes Albumus durch einen 
M. xiemilius (der Name ist unsicher, s. Wis- 
sowA, Real-Enoycl. I 1838) wird bei Tertul- 
lian wiederholt angespielt (adv. Marc. I 18; 
ad nat. I 10; apol. 5 = Euseb. bist. eccl. 
II 2). 

^) Diese beiden Kategorien von nctcra 
peregrina bat wahrscheinlich Verrius Flaccus 



unterschieden, dessen Ansicht bei Fest. p. 237 
etwas verdunkelt scheint: peregrina sacra 
appeUantur, quae aut evocatis dis in oppu- 
gnandis urbUfus Romam sunt eoacta, aut 
quae ob quasdam religianes per pacem sunt 
petita, ut ex Fhrygia Matris Magnat, ex 
Graecia Cereris, Epidauro Aeseulapi, quae 
coluntur eorum more, a quibus sunt 
accepta. Der letzte Zusatz zeigt, dass die 
zweite Klasse nur nichtitalische Gottheiten 
umfasste. 



B. Bie ram 2. pnnisoheii Kriege. 8. Erweitenmg de« Götterkreises. 41 

der göttlichen Funktionen tritt diese getrennte Auffassung der verschie- 
denen Seiten im Wesen eines und desselben Gottes nicht nur in speziali- 
sierenden Beinamen hervor, sondern die einzelnen Differenzierungen lösen 
sich als mehr oder minder selbständige Individuen von einander ab, so 
dass Juppiter Feretrius und Juppiter Stator, Juno Moneta und Juno Lucina 
kaum mehr blos als verschiedne Seiten desselben göttlichen Wesens, sondern 
als geti*ennte Gottheiten empfunden werden;^) nicht selten tritt auch der 
Fall ein, dass ein derartiges Attribut eines Gottes sich von demselben 
völlig freimacht und als eignes göttliches Wesen seine Stelle im Kulte 
findet. Von derselben Anschauung geht auch die Verehrung der Ab- 
straktionen und Personifikationen sittlicher Mächte und Eigenschaften aus : 
hatte man zuerst den Juppiter als Schützer der Treue oder Mars als 
den Eriegsgott verehrt, so war es von da nur ein Schritt zur Schöpfung 
eigner Göttinnen Fides und Bellona, und diese ihrer Natur nach uner- 
schöpfliche Quelle neuer göttlicher Mächte hat noch zu einer Zeit be- 
fruchtend auf die religiöse Phantasie gewirkt, in der dieselbe sonst einer 
eignen Schöpfungskraft bereits völlig bar war. Fraglich bleibt es, ob 
diese Art der Neukreierung von Staatsgöttern durch Spaltung älterer Gott- 
heiten oder durch Aufnahme neuer Personifikationen rechtlich ebenso be- 
handelt wurde wie die Reception fremder Kulte, und ob es für die Er- 
richtung eines Altars eines bereits anerkannten Gottes unter neuem Kult^ 
beinamen oder einer neuen göttlichen Abstraktion ebenfalls eines eignen 
Senatsbeschlusses bedurfte: dass das römische Sakralrecht beide Kate- 
gorien schied, geht daraus hervor, dass Cicero in seiner Schrift von den 
Gesetzen zweimal (II 19 und 25) im Gegensatze zu den bisher anerkannten 
Staatsgöttern di novi und advenae (oder alienigenae) von einander trennt 
und auch sonst in Verordnungen dem patrius ritus das novo aut externo 
rüu sacrificare {Liv.XXY 1, 12) gegenüber gestellt wird;*) wahrscheinlich 
galt die Schöpfung neuer Beinamen oder Personifikationen nur als Fort- 
führung der bestehenden Gottesdienste (s. unten S. 47), so dass es dafür 
einer besonderen Genehmigung nicht bedurfte. Die religiöse Freiheit des 
einzelnen Bürgers wird durch die Sakralpolizei nur insofern beschränkt, als 
er nicht in loco piMico sacrove andern Göttern als den staatlich anerkannten 
oder in anderm Ritus opfern darf, und im häuslichen Gottesdienste haben 
ohne Frage die di sive novi sive advenae oft einen grösseren Baum einge- 
nommen als die Staatsgötter: wie weit insbesondere im Privatkulte die 
Zerteilung der Gottheiten durch spezialisierende Beinamen und die Ver- 
mehrung der Personifikationen ging, lassen für die spätere Zeit die zahl- 
reichen Weihinschriften erkennen ; für die Zeit vor den puni sehen Kriegen, 
für welche uns derartige unmittelbare Zeugnisse nicht zu Gebote stehen, 
sind wir allerdings auf Rückschlüsse und Vermutungen angewiesen. Für 
den Staatskult können wir das fortwährende Eindringen auswärtiger und 

^ Nor 80 erklArt es sich, dass bei den 1 bene Definition (oben S. 40 Anm. 3) der pere- 

Aryalbrfldem in derselben Opferhandlang grina aacra (Fest. p. 237) urafasst nur die 

erst Juppiter O. M. und dann Juppiter Victor ' zweite der beiden klassen. Vgl. Glaudian. 

jeder ein besondres Opfer erhalten, z. B. CIL de hello Gild. 131 : maertnt indigetea et ai 

VI 2086, 26 f. u. s. i quoa Roma recepit aut dedit ipaa deoa. 

*) Auch die von V^errius Flaccus gege- | 



42 Religion nnd Eultas der BOmer. I. Beligionsgeschichte. 

neuer Kulte deutlich verfolgen an den in der Stadtchronik verzeichneten 
Gründungen neuer Tempel, deren Liste sich seit Beginn der republi- 
kanischen Zeitrechnung mit annähernder Vollständigkeit wiederherstellen 
lässt. Dieselbe ermöglicht es uns nicht nur, wenigstens einen Teil der 
Einflüsse zu erkennen, die in verschiednen Zeiten die religiöse Politik des 
römischen Staates bestimmten, sondern zeigt auch deutlich, wie mit dem 
fortwährenden Zuströmen neuer Götter ein Absterben der alten zusammen- 
geht : nur ein Teil der in der ersten Periode verehrten Gottheiten hat an 
Stelle der ursprünglichen offenen sacella wirkliche Tempel, wie sie jetzt 
das gegebene Lokal für den Gottesdienst bilden, erhalten, andre, wie 
Carna, Angerona, Furrina, Larenta u. a., haben sich nach wie vor mit 
ihren Hainen und kleinen Kapellen begnügen müssen, und die Unkenntnis, 
die bei den späteren über die Bedeutung dieser Götter herrscht, zeigt, 
wie früh dieselben zur Antiquität geworden sein müssen. 

Litteratur: Mabquardt, Rom. Staatsverw. III 30 ff. E. Aubt, De aedibus sacris 
populi Romani inde a primis liberae reipublicae temporibus ueque ad Augueti imperatoris 
aetatem Romae conditis, Marpurgi 1889. Gilbert, Gesch. u. Topogr. d. Stadt Rom III 
57 ff. WissowA, De die Romanorum indigetibus et novensidibus p. IX ff. 

9. Die Aufnahme italischer und griechischer Gottheiten. Die Auf- 
nahme des in dem naheliegenden und stammverwandten Aricia gepflegten 
Dianakultes in die römische Staatsreligion eröffnet eine lange Reihe ähn- 
licher Receptionen von Hauptgöttern benachbarter Gemeinden. Haben 
wir auch von den Spezialgottesdiensten der Städte von Latium und Süd- 
etrurien nur sehr spärliche Nachrichten, so sehen wir doch, dass diejenigen, 
die uns bekannt sind, nach und nach sämtlich im römischen Staatskult 
Aufnahme gefunden haben; wo wir einen solchen Vorgang nicht mehr 
nachweisen können, ist es wahrscheinlich, dass die Gottheiten der be- 
treffenden Gemeinden mit den altrömischen nach Namen und Wesen sich 
deckten und somit von einer formellen Reception Abstand genommen 
werden konnte. Wo aber eigenartige Kulte vorhanden waren, hat sich 
Rom ihrem Einflüsse nicht zu entziehen gewusst: so legt ein deutliches 
Zeugnis für die nahen Beziehungen, die zwischen Rom und Tusculum 
schon lange vor der Aufnahme letzterer Stadt in den römischen Bürger- 
verband obwalteten, die schon im zweiten Jahrzehnt der Republik erfolgte 
Reception des Dioskurenkultes ab, der in Tusculum der Mittelpunkt der 
Staatsreligion war. Wie dieser Kult, weil er aus einer latinischen Nach- 
bargemeinde nach Rom gekommen war, obwohl von Haus aus ein griechi- 
scher, doch nie als solcher empfunden und von den auf Grund sibyl- 
linischer Orakelsprüche in Rom aufgenommenen griechischen Gottesdiensten 
immer durchaus ferngehalten worden ist, so erklärt sich wahrscheinlich 
die ähnliche Stellung, welche der griechische Herakleskult seit sehr 
früher Zeit in Rom einnimmt, und die hier hervortretende eigentüm- 
liche Mischung griechischer und italischer Religionsanschauungen auf 
ähnliche Weise, da wir wissen, dass Hercules der leitende Gott und 
Schutzherr des benachbarten Tibur war.«) Die führende Gottheit von 



») Vgl. Dessau CIL XIV p. 254. 

') Dbssaü CIL XIV p. 367 f.; s. unten § 41. 



B. Bis sam 2. panischen Kriege. 9. Italische und griechische Gottheiten. 43 

Lanuvium, die zwar den Namen der römischen Juno trägt, sich aber sowohl 
in ihren Beinamen (Juno Sospes Mater Regina), wie in einzelnen Zügen 
des Kultes als aus eigenartigen Anschauungen erwachsen verrät, gehörte 
seit der Incorporation von Lanuvium (416 = 838) zu den römischen Staats- 
göttem, wenn sie auch einen Tempel in der Stadt erst im J. 557 = 197 
erhielt, und d^i* Kult der Venus, der in Rom lange, ehe die griechische 
Aphrodite unter diesem Namen verehrt wurde, jedenfalls schon im 4. Jahr- 
hundert V. Chr., seine Stätte hatte, ^) ist wahrscheinlich von dem ange- 
sehenen Heiligtume, das diese Göttin bei Ardea besass, dorthin übertragen. 
Nur gegen die Aufnahme des weitberühmten Kultes der Fortuna Primi- 
genia von Praeneste hat man sich wegen mancher fremdartigen Züge im 
Ritual und wohl namentlich wegen der damit verbundenen Orakel lange 
gesträubt,') und erst als im zweiten punischen Kriege gegenüber den 
fremden Religionsübungen eine lässigere Praxis Platz gegriffen hatte, 
fand auch sie ihren Tempel in Rom : immerhin aber ist es nicht unwahr- 
scheinlich, dass die schon vorher unter etwas anderen Formen in der 
römischen Staatsreligion auftretenden Fortunenkulte (vor allem der von 
Fors Fortuna) durch latinische Fortunendienste, wie die von Praeneste 
oder Antium, mit angeregt sind, wie sich ja überhaupt derjenige Aus- 
tausch religiöser Anschauungen, der nicht zur Aufnahme einer bestimmten 
auswärtigen Gottheit, sondern nur zur Modifikation der römischen Vor- 
stellungen in einzelnen Punkten führte, sehr weit erstreckt haben muss, 
ohne im einzelnen kontrollierbar zu sein. Wie weit diese Einflüsse reichten, 
beweist die Thatsache, dass sogar einzelne an bestimmten Lokalitäten der 
latinischen Landschaft haftende Gottheiten nach Rom wanderten; so ging 
der Name der im Gebiete von Lavinium am Numicus göttlich verehrten 
Quelle Juturna^) auf eine Quelle Roms über, und die zugehörige Göttin erhielt 
— wir wissen nicht bestimmt wann — ihren Tempel und ihren Festtag. 
Entsprechend dem Bundesverhältnisse, das zwischen Rom und den latini- 
schen Städten herrschte, ist dieser Austausch ganz überwiegend auf fried- 
lichem Wege erfolgt, während im Gegensatze dazu bei den Gottheiten 
südetrurischer Gemeinden die Übertragung nach Rom in der Regel erst 
nach Zerstörung der betreffenden Stadt oder Aufhebung ihrer politischen 
Existenz eintritt. Das gilt vor allem von der Burggöttin und Stadtherrin 
von Veji, Juno Regina, deren auf Grund einer evocatio erfolgte Über- 
fQhrung nach Rom das älteste bekannte Beispiel dieses Verfahrens bildete ; 
um dieselbe Zeit ist auch die capenatische Göttin Feronia in Rom ange- 
siedelt worden, da Gapena damals, bald nach der Eroberung Vejis, in den 
romischen Staatsverband eingetreten ist.^) In ähnlicher Weise folgt im 
Jahr 490 = 264 dem Triumphe über Volsinii die Aufnahme des dort 
heimischen Gottes Vortumnus unter die römischen Staatsgötter, ^) und nach 
der Zerstörung von Falerii 513 = 241 finden die Götter der vernichteten 

') Mab^üabdt, Staatsverw. III 476. 1 auspiciis enim peUriis, non cUienigenis rem 



*) WissowA, De Veneria aimulacris Ro- 
mania (1882) p. 6 f. 

') Noch ZOT Zeit dea ersten] pnniscfaen 
Kriegea wird die Befragung des praenesti- 
niscbeD Orakels durch den Senat abgelehnt: 



publicam administrari iudicabant operiere 
(Val. Max. Epit. l 3, 2). 

*) Serv. Äen. XII 139. 

*) Bbloch, Der italische Bund S. 119. 

*) AusT, De aedibus sacris p. 15. 



u 



Religion und Kultus der Römer. I. ReligionsgeBohichte. 



Stadt, Juno Quiritis und Minerva, in Rom eine neue Heimat. ^ Weiter 
hinaus scheint sich aber die Neigung der Römer, die Gottheiten ihrer 
italischen Stammverwandten aufzunehmen, nicht erstreckt zu haben, denn 
Götter wie die Angitia der Marser, ^) die Vacuna des Sabinergaues,') die 
Marica von Minturnae^) und zahlreiche andre Gottheiten der nach und 
nach von Rom unterworfenen entfernteren Gemeinden und Stämme Italiens 
haben eine Aufnahme in den Staatskult nicht gefunden,^) wenn sie auch, 
wie Weihinschriften zeigen, von Privatleuten noch in der Kaiserzeit ver- 
ehrt wurden. •) 

Andre Gesichtspunkte sind es, die für die Aufnahme griechischer 
Kulte in die römische Staatsreligion massgebend waren. Es ist bemerkens- 
wert, dass sich eine grössere Zahl derartiger Receptionen gerade in die ersten 
Jahrzehnte der Republik zusammendrängt, während wir dann längere Zeit 
hindurch von nichts Ahnlichem hören: man kann daraus den auch durch 
andre Beobachtungen bestätigten Schluss ziehen, dass gerade um die Wende 
von Königszeit und Republik ein besonders starker Strom griechischer 



1) Jordan, Hermes IV 248 f. 

*) Hauptsitz ihrer Verehrung ist Lucus 
Angitiae {nemua Ängitiae Verg. Aen. \\l 759), 
heute Luco (Mommskn CIL IX p. 367), von 
wo auch die Inschrift CIL IX 3885 stammt ; 
eine Mehrheit von Angitiae hei den Paelig- 
nern in Sulmo CIL IX 3074; verwandt wohl 
auch die di ancites von Furfo im Vestiner- 
lande CIL IX 3515, kaum die Anagtia dii- 
viia eines Goldringes von Aesernia (Zve- 
TAiBFF, Inscr. Ital. infer. dial. nr. 107, vgl. 
BuBOHBLER, Rhein. Mus. XXXVU 643 f.). 
Deutungsversuche bei Serv. Aen. VII 750. 
Solin. 2, 28 f. ; vgl. Wissowa, Real-Ency cl. 
I 2191. 

") Vaeunae netnora bei Reate und dem 
locus Velinus erwähnt Plin. n. h. III 109, 
und aus der Gegend von Reate stammen die 
Weihinschriften CIL IX 4751 f., aus dem 
oberen Velinothale CIL IX 4636; fanum pu- 
tre Vaeunae beim Sabinum des Horaz epist. 
I 10, 49. Da gegenüber anderen Deutungen 
der Göttin (als Minerva, Bellona, Diana, 
Ceres) Varro ihre Gleichsetzung mit Victoria 
vertrat (Schol. Hör. a. a. 0.; Auson. epist. 
14, 101 p. 249 Peip. setzt einfacli Vacuna 
fttr Victoria ein), so hat man mit Recht in 
der nach Dion. Hai. ant. I 15 (aus Varro) 
am See von Cutilia verehrten NUti Vacuna 
erkannt (Prellbr, Ber. d. sächs. Gesellsch. 
1855, 191 ff. = Ausgew. Aufs. 256 ff.); da- 
gegen ist es fraglich, ob man die bei Vico- 
varo, also in der Gegend des horazischen 
Landgutes, gefundene Bauinschrift Cl L XIV 
3485 Imp. Caesar Vespasianus . . . aedem 
Victoriae vetusiate dilapsam sua impensa 
restituit auf Vacuna beziehen darf, da man die 
Umsetzung des Namens in Victoria wohl in 
der gelehrten Litteratur, nicht aber in einem 
Denkmale des Kultes erwarten darf. All- 
gemein erwfthnt die antiqua Vacuna und die 



VacunaUs foci Ovid. fast. VI 307 f. 

*) Der Hain der Marica bei Mintumae 
in den Sümpfen der Lirismündung wird häufig 
erwähnt (Liv. XXVII 37, 2. Plut. Mar. 39. 
Strabo V 233 und mehr bei R. Pbteb in 
Roschers Lexik. II 2374); man deutete sie 
teils auf Venus (Serv. Aen. VII 47 dicutU 
alii per Maricam Veneretn intellegi debere, 
cuius fuit sacellum iuxta Maricam, in 
quo erat scriptum Uaytitj *J(pQodiTij)f teils 
auf Circe (Serv. Aen. XII 164. Lact. I 21, 
23), deren altberühmtes Heiligtum in dem 
unfernen Circeji (Strabo V 234 ; vgl. Cic. nat. 
deor. III 48) noch im J. 213 n. Chr. durch 
die römischen Quindecimvim wiederherge- 
stellt wurde (CIL X 6422). Wenn Verg. Aen. 
VII 47 die Marica nach Laurentum versetzt, 
so ist das dichterische Freiheit, dass aber 
ihr Kult auch ausserhalb Mintumaes vorkam, 
zeigt die Weihinschrift von Pisaurum CIL 
I 175 (CIL V 7363 aus Dertona ist ver- 
dächtig). 

^) Eine Liste solcher in Rom nicht reci- 
pierter italischer Municipalgottheiten gibt 
Varro bei Tertull. apol. 24; ad nat. II 8: 
Deluentinus von Casinum, Visidianus von 
Narnia, Numitemus von Atina, Ancharia von 
A Senium, Nortia von Volsinii, Valentia von 
Ocriculum, Hostia von Sutrium, ausser Nortia 
(8. § 43) und Numitemus (s. CIL X 5046) 
durchweg gänzlich verschollene Namen. Aus 
gelegentlichen Erwähnungen können wir 
noch manchen Namen hinzufügen, z. B. den 
der in Ardea als Beschützerin der Geburten 
verehrten Göttin Natio (Cic. de nat. deor. 
III 47) und den Fucinus bei den Marsem 
am Fuciner See (CIL IX 3656. 3847. 3887). 

') Man kann damit die von Mommsbn, 
Staatsr. III 575 hervorgehobene lokale Be- 
grenzung der Verleihung des Halbbflrger- 
rechtes (ius Caeritum) vergleichen. 



B. Bis sam 2. panischen Kriege. 9. Italische und griechische Gottheiten. 45 

Einflüsse von Unteritalien aus in Rom Eingang gefunden haben muss, der 
zuerst die staatliche Anerkennnung der sibyllinischen Orakelsammlung 
herbeiführte und dann vermittels der letzteren einer Reihe griechischer 
Götter Einlass verschaffte. Da die sibyllinischen Sprüche in engster Be- 
ziehung zum Kulte des Apollo stehen und dieser der Hauptgott von 
Cumae war, von wo die antike Tradition mit Einstimmigkeit die Herkunft 
der Orakelsammlung ableitet/) so ist dieser Gott sicher der erste ge- 
wesen, der durch unmittelbare Herübernahme aus dem griechischen Kultur- 
kreise in Rom Anerkennung fand, wenn wir auch von der Erbauung eines 
Tempels erst im Jahr 321 = 433 hören: nur so erklärt es sich, wenn 
das Priestertum der Uviri sacris faciundis, dem die Vorstandschaft über 
die Gesamtheit der recipierten griechischen Kulte zukonmit, speziell als 
antistites Apoüinaris sacri bezeichnet wird (Liv. X 8, 2) und die Embleme 
seiner Würde, Dreifuss und Delphin, aus dem apollinischen Kulte entlehnt. <) 
Es folgen dann fast gleichzeitig die Aufnahme einerseits des griechischen 
Hermes, andererseits der Göttertrias Demeter, Dionysos und Köre, von 
denen der erstere 259 = 495, die andere 261 = 493 ihre eigenen Tem- 
pel erhalten, Thatsachen von grosser Wichtigkeit, weil sie uns einen, 
wenn auch beschränkten Einblick in diejenigen Bewegungen gewähren, 
welche Rom für die griechischen Einflüsse empfanglich machten. Hermes 
ist nach Rom als Handelsgott gelangt, wie aus der lateinischen Form seines 
Namens und aus dem Umstände hervorgeht, dass mit der Erbauung seines 
Tempels die Gründung einer Kaufmannsgilde {coUegium mercatorum) ver- 
bunden war:') wir dürfen darin einen deutlichen Hinweis darauf erblicken, 
dass Handelsbeziehungen zwischen Rom und Unteritalien diesem Gotte 
den Eingang öffneten. Der Tempel von Ceres, Liber, Libera aber hat nicht 
nur seine anerkannte Bedeutung für die Getreidezufuhr von Sicilien nach 
Rom, sondern spielt sogar eine politische Rolle, indem er für die plebeische 
Gemeinde eine besondere Wichtigkeit hat und den plebeischen Unterbeamten, 
den Aedilen, in derselben Weise als Amtslokal dient, wie der unmittelbar 
vorher erbaute Tempel des altrömischen Gottes Saturnus der niederen 
Magistratur der patrizisch-plebeischen Gesamtgemeinde, den Quaestoren :^) 
wir werden also die Träger der hellenisierenden Richtung vorwiegend in 
den Kreisen des aufstrebenden zweiten Standes zu suchen haben, eine An- 
nahme, die auch darin ihre Bestätigung findet, dass das Priestertum der 
Orakelbewahrer das erste ist, welches den Plebejern zugänglich wird. Die 
Reserve, die man diesen fremden Religionsübungen gegenüber auch nach 
ihrer staatlichen Anerkennung noch zu beobachten für angezeigt hält, 
zeigt sich nicht nur in dem Ausschlüsse ihrer Kultstätten vom Pomerium, 
sondern auch darin, dass die griechischen Namen der Gottheiten dem römi- 
schen Gebrauche angepasst werden, indem man entweder an Stelle des 
griechischen Eigennamens eine lateinische Bezeichnung der Funktion des 



*) ScHWitoLKB, Rom. Qesch. 1 802; vgl. 
dazu auch R. RBirzENsrnif, Inedita poetarum 
Graecomm fragmenta II (Rostochii 1891) 



359 f. 384. 

») Liv. II 27, 6. 

*) ScHWEOLBB, Rom. Gesch. II 278. 



p. 10 f. MoMMSEN, Staatsr. IT 468, 1; s. unten § 46. 

') Vgl. Marqüardt, Staatsverw. III 



46 Religion und Ealtns der Römer. I. Religionsgeechiohte. 

Gottes treten lässt (Mercurius-Hermes) oder die griechischen Götter mit 
alteinheimischen identifiziert; so hat man Demeter, Dionysos und Eore 
zu Ceres, Liber und Libera umgedeutet, und dieser Vorgang hat sich später 
bei andern Gottheiten vielfach wiederholt, wobei oft die Gleichsetzung 
auf rein zufalligen Ähnlichkeiten oder einer missverständlichen Auffassung 
beruhte. Von diesen Gründungen der früheren republikanischen Epoche an, 
zu denen auch die in ungewisser Zeit erfolgte Aufnahme des griechischen 
Poseidonkultes zu rechnen ist, verstreicht dann bis zur nächsten Reception 
eines griechischen Gottes eine geraume Zeit: erst nach völliger Beendi- 
gung des Ständekampfes und nachdem durch die Freigebung der höchsten 
Priestertümer durch die lex Ogulnia (454 = 300) den Plebejern auch auf 
sakralem Gebiete die volle Gleichberechtigung zuerkannt worden ist, be- 
ginnt eine neue Reihe solcher Aufnahmen, die bereits über den Kreis 
der Götter des griechischen Unteritalien hinausgreift: am wichtigsten ist 
die Einholung des griechischen Asklepiosdienstes von Epidauros (461 = 293), 
die zugleich die Aufnahme der griechischen Arzneikunst in Rom bedeutet, 
ferner im Jahr 505 = 249 die Übernahme der griechischen Unterwelts- 
vorstellungen durch die Stiftung der ara Ditis, endlich die im Jahr 516 = 238 
durch die Stiftung der ludi Florales vollzogene Einführung eines griechi- 
schen Kultes, dessen Inhaberin den Namen der altrömischen Göttin Flora 
annimmt, während schon die üppige Art der Festfeier den ausserrömischen 
Ursprung verrät. Immerhin vollzieht sich in dieser Periode das Ein- 
dringen griechischer Religionsübung noch sehr allmälig und unter Wah- 
rung der Rechte des alteinheimischen Kultus, bis dann in der Zeit des 
zweiten punischen Krieges die ganze Flut hellenischer Religionsvorstellungen 
Einlass findet und die griechischen Gottesdienste nicht nur in grosser Zahl 
neben die altrömischen und italischen treten, sondern diese selbst voll- 
kommen durchdringen und umbilden. 

Litteratur: lieber die Kulte der latinischen Gemeinden vgl. A. Bormamn, Altlati- 
nische Chorographie nnd Städtegeschichte, Halle 1852 und H. Dessau im XIV. Bande des 
CIL. lieber die griechischen Kulte in Rom Klausen, Aeneas und die Penaten S. 245 ff. 
J. MöRSCHBACHKB, Ucber Aufnahme griechischer Gottheiten in den römischen Kultus, Gymn. 
Progr. Jülich 1882. 

10. Yermehmng der Götter durch Spaltung und durch Vergött- 
lichung abstrakter Begriffe. Die römische Anschauung von ganz be- 
stimmt abgegrenzten Wirkungssphären der einzelnen Gottheiten und das 
Streben, jeden Gott bei der Seite seines Wesens anzurufen, die man im 
einzelnen Falle funktionieren zu sehen wünscht, hat schon in ältester Zeit 
zur Ausbildung zahlreicher Kultbeinamen geführt, und schon im ältesten 
Götterkreise begegneten uns Beispiele dafür, dass einzelne derartige Bei- 
namen, wie Terminus, Liber, Quirinus, sich von der Gottheit, der sie nur zur 
Bezeichnung eines Teiles ihrer Macht dienten, loslösten und eine selbständige 
Entwicklung nahmen (S. 25 f.). Doch waren es in diesen Fällen ganz be- 
sondre Gründe, welche die Abspaltung veranlassten, während im grossen 
und ganzen die Götter der ältesten Periode als ziemlich geschlossene und 
einheitliche Gestalten dastehen: die Mehrzahl derjenigen Beinamen, deren 
alter Ursprung sicher steht, charakterisiert mehr das ganze Wesen eines 
Gottes, als seine einzelnen Funktionen, und wenn Juppiter als Lucetius, 



B. Bis smn 2. pnnisohen BIriege. 10. Spaltmig und Personiflcaiion. 47 

Mars als Gradivus, Yolcanus als Mulciber, Janus als Patulcius Clusivius 
in alten Ritualformeln angerufen wurden, so deckten sich diese Bezeich- 
nungen derartig mit dem Gesamtbegriff der betreffenden Gottheiten, dass 
eine Loslösung nicht möglich war: dazu kommt, dass in der ältesten Zeit 
die Anzahl der Eultstätten eine sehr beschränkte war und an einem Altar 
oder in einem Haine der Gott nach allen Seiten seiner Wirksamkeit hin 
verehrt wurde. Anders wird es in dieser Periode. Viele der alten Götter 
allerdings waren ihrem ganzen Wesen nach so einfach angelegt, dass eine 
Zerlegung ihres Wesens ausgeschlossen war: Saturnus und Consus, Ro- 
bigus und Pales haben nur eine einzige eng begrenzte Kompetenz, und 
wer sie anrief, war nicht genötigt, die Richtung, in der er die Wirksam- 
keit dieser Gottheiten erflehte, näher zu bezeichnen. Um so vielgestaltiger 
waren andre Götter, von den älteren namentlich Juppiter und Juno, später 
vor allem Hercules, Fortuna, Venus u. a., die uns im Staatskulte über- 
haupt kaum mehr mit ihrem Namen schlechthin, sondern stets nur in 
einer durch einen Beinamen näher bestimmten Beziehung begegnen. Das 
hat seinen Grund zum Teil darin, dass die in diesen Göttern verkörperten 
Vorstellungen, wie z. B. die Idee der männlichen und der weiblichen Him- 
melsgottheit in Juppiter und Juno, einer reichen Variation fähig sind, zum 
Teil aber auch darin, dass diese Gottheiten auch bei den Nachbargemeinden 
ihre Verehrung fanden, doch so, dass unter Beibehaltung der ursprüng- 
lichen Gleichheit des Namens an den verschiednen Orten ganz verschiedne 
göttliche Wesen verehrt wurden, indem hier dieser und dort jener Zug in 
den Vordergrund gestellt und besonders entwickelt war: wenn die Falisker 
die Juno als lanzenschwingende Göttin (Quiritis) verehrten, während man 
in Latium und über seine Grenzen hinaus in ihr vor allem die göttliche 
Geburtshelferin (Lucina) sah, so fanden in Rom beide Anschauungen ihre 
Anerkennung und beide Göttinnen erhielten ihren Tempel, ebenso wie 
Juppiter bald als der im Blitz und Donner sich verkündende Gott (Fulgur, 
Tonans), bald als der siegreiche Schlachtenlenker (Victor) erscheint. So 
dehnten sich einzelne Gottheiten auf Kosten andrer aus (das Zurückgehen 
des Kultes der Carraenta z. B. hat seinen Grund wahrscheinlich in dem 
Ansehen, das Juno Lucina genoss) und vervielfältigten sich so zu sagen; 
mochte das Volk die verschiednen Epitheta beinahe als verschiedne Gott- 
heiten ansehen, >) so hat das Sakralrecht doch daran festgehalten, dass 
der gleiche Eigenname mit verschiednen Qualitätsbezeichnungen denselben 
Gott bezeichne: es tritt das namentlich darin hervor, dass die von Alters 
her dem Juppiter bezw. der Juno heiligen Tage der Idus bezw. Kalendae 
für die Tempel dieser Gottheiten ohne Unterschied des Beinamens als 
Stiftungstage gewählt werden und z. B. nicht nur die Juno Lucina und 
Juno Honeta, sondern auch die vejentische Juno Regina und die lanuvi- 
nische Juno Sospes ihr Tempelopfer an Kalendae begehen.") Es fehlt 
aber auch jetzt nicht an Fällen, wo sich ein derartiger Beiname ver- 



^) Hierher gehört die bekaonte Erzählung ', Juppiter Tonans bereite. Suet. Aug.91. Cass. 

von dem Traume des Augustns, in welchem j Dio LIV 4. 

sich der capitolinische Juppiter über die Kon* '^) Aust, De aedib. sacr. p. 38. 

kurrenz beklagt, die ihm der benachbarte 



48 Religion nnd Eulins der Römer. I. Religionsgeschiohte. 

selbständigt. Ein sicheres Beispiel für eine solche Loslösung bietet der 
Gott des nächtlichen Himmels, Summanus, der erst im Anfange des 
3. Jahrhunderts v. Chr. einen eignen Kult erhielt und noch später, wenn 
auch ausserhalb Roms, unter dem Namen Juppiter Summanus auftritt;^) 
ein ähnliches Verhältnis waltet auch zwischen Silvanus und Faunus ob, 
von denen letzterer als der altursprüngliche Gott im Staatskulte alleinige 
Verehrung geniesst, dagegen in der privaten Religionsübung durch SU- 
vanus völlig zurückgedrängt worden ist. Das lehrreichste Beispiel ist 
die Verehrung von Dius Fidius und Fides. Als Schützer von Recht und 
Treue, als welcher er ja von Alters her im Dienste der Fetialen hervor- 
trat, erhielt Juppiter die Bezeichnung Diovis Fidius oder Dius Fidius, die 
die Griechen mit vollem Recht durch Zevg Iliaiioq wiedergeben, und unter 
diesem Namen schon im J. 288 = 466 einen eignen Tempel auf dem 
Quirinal : die Trennung dieses Gottes von Juppiter wurde durch die im Laufe 
der Zeit entstandene lautliche Verschiedenheit der ursprünglich identischen 
Namen Juppiter und Dius erleichtert und das Gefühl für den früheren 
Zusammenhang ging verloren. Neben diesen göttlichen Vertreter der 
Treue trat aber im dritten Jahrhundert v. Chr. eine eigene Göttin der 
Treue, Fides, die auf dem Capitol in unmittelbarer Nachbarschaft des 
Juppiter 0. M. ihren Tempel erhielt und deren Dienst von den drei grossen 
Flamines versehen wurde, so dass auf dem Quirinal Juppiter als Treugott, 
auf dem Capitol Juppiter und die Treue nebeneinander ihre Verehrung 
fanden; Analogien bietet die spätere Zeit z. B. im Kulte der Venus, die 
an der einen Stelle als Venus Felix, an der andern mit Felicitas zusammen 
gefeiert wird, oder einmal als Venus Victrix, das andre Mal als Venus 
Genetrix neben Victoria. >) Es ist also von diesen göttlichen Personifi- 
kationen ein Teil jedenfalls dadurch entstanden, dass man die hervor- 
ragendsten Eigenschaften und Thätigkeiten einzelner Götter einer beson- 
deren Verkörperung für würdig hielt und von ihrem Gotte loslöste: neben 
Juppiter Victor findet eine eigne Siegesgöttin Victoria ihre Stelle im Staats- 
kulte, neben dem Kriegsgotte Mars und in unmittelbarer Nachbarschaft 
seines alten Altars auf dem Marsfelde die Kriegsgöttin Bellona,^) aus dem 
Kulte des Juppiter Liber entwickelt sich nicht nur der des Liber, sondern 
auch der der Liberias, deren Tempel dicht bei dem des Juppiter Liber Platz 
findet. Auf Grund analoger Anschauungen wird dann das, was man von 
Eigenschaften an anderen schätzt und sich selbst wünscht, oder was man 
an Schicksalen und Zuständen erfleht und erstrebt, vom Staate oder von 
einzelnen selbst als göttlich verehrt, z. B. Erfüllung der frohen Hoffnung 
(Spes) und Eintracht der Bürgerschaft (Concordia), die Reinheit der Ehe 
(Pudicitia) und der im Verhältnisse der Kinder zu den Eltern sich bethäti- 
gende fromme Sinn (Pietas), je nachdem bestimmte Anlässe und Vorkomm- 
nisse des öffentlichen oder privaten Lebens die Veranlassung bieten. Über- 



>) CIL V 3256. 5660. 

*) WissowA, De Veneris simulacris Ro- 
manis p. 22. 

°) Besonders lehrreich ist dafür Tac. 
ann. III 18: cum Valerius Messalinus signum 



aureum in aede Martis Ultaris, Cciecina Se- 
verus aram Wtioni atatuendam censuissent: 
hier ist die Loslösung der Ultio von Mars 
Ultor ganz deutlich. 



B. Bis sam 8. paniBohen Kriege. 10. Spaltung und Personifloation. 49 

haupt geben einzelne Vorfalle, besonders solche drohender und gefährlicher 
Art, sowohl im öffentlichen wie im privaten Kulte sehr häufig den Anstoss 
zur Ereierung neuer Gottheiten dieser Art: in schwierigen Situationen, 
wo man nicht weiss, welcher von den bekannten Göttern zur Abwendung 
der drohenden Gefahr von Rechtswegen kompetent ist, hilft man sich 
damit, dass man die gefahrdi*ohende Macht selbst als göttliches Wesen 
fasst und ihr Opfer und Kult gelobt: die Häufigkeit der aus den feuchten 
Niederungen aufsteigenden Fieberkrankheiten ^) führte zu einer an meh- 
reren Punkten der römischen Bügel angesiedelten Verehrung der Göttin 
Febris, die dem vulkanischen Boden mancherorts entsteigenden Schwefel- 
dämpfe zum Kulte der Mefitis, die grosse Gefahr, in die die römische 
Flotte 495 = 259 durch schwere Stürme geriet, zur Gründung eines Tem- 
pels der Tempestates. Ganz entsprechend erhielten göttliche Mächte, deren 
Einwirkung man erfahren zu haben glaubte, ohne dass man sich über den 
Namen des Gottes klar gewesen wäre, ihren Dank und ihre Verehrung 
nnter einem neugebildeten Namen, der an die Veranlassung der Weihung 
anknüpfte: der Gott, der durch seine Stimme das Herannahen der Gallier 
verkündete, erhielt seinen Altar als Ajus Locutius,') der, welcher die Um- 
kehr Hannibals vor der Porta Capena veranlasst und Rom dadurch be- 
schützt haben sollte, ein fanum als Rediculus oder vielleicht Tutanus Redi- 
culus:') ob das nur Beinamen eines der bekannten Staatsgötter oder Be- 
zeichnungen neu in den römischen Gesichtskreis tretender göttlicher Ge- 
walten waren, Hess die vorsichtige Gewissenhaftigkeit der römischen Ponti- 
fices unentschieden; jedenfalls hatte der Staat seine Dankesschuld abge- 
tragen und man konnte annehmen, dass der zum Empfange der Leistung 
berechtigte Gott sich für befriedigt halten werde. In der Natur der Sache 
lag es, dass sich an Weihungen der letztgenannten Art ein dauernder 
Kult nur dann knüpfte, wenn die Veranlassungen ihrer Beschaffenheit nach 
bleibende oder wiederkehrende waren, wie dies bei den Göttern des Fiebers 
und der Stürme der Fall war, während man sich mit Gottheiten wie Ajus 
Locutins und Tutanus Rediculus, wenn sie nicht weitere Zeichen ihrer Wirk- 
samkeit gaben, durch die einmalige Weihung eines Altars ein für allemal 
abgefunden hielt. Daher haben Gottheiten der letzteren Art jedenfalls 
oft gar keine Spur in der Überlieferung zurückgelassen,*) und wir ver- 
mögen mit einiger Sicherheit nur über diejenigen Götter zu urteilen, die 
ihre Stelle im Staatskulte dauernd behaupteten und, was für diese Periode 
damit so gut wie gleichbedeutend ist, einen eignen Tempel auf römischem 
Staatsgrunde besassen: immerhin genügt das, um uns, wenn auch nicht 
jeden einzelnen in Rom von Staatswegen oder gar nur -von Privatleuten 
verehrten Gott, so doch diejenigen Richtungen kennen zu lehren, in denen 
die Ausdehnung des römischen Götterkreises und die innere Entwicklung 



>) NiBSBK, Ital. Landesk. I 413. 

*) Liv. V 32, 6. 50, 5. 52, 11. Cic. de 
div. 1 101. II 69. Varro bei Gell. XVI 17, 2 
and mehr bei B. Pstbr in Roschers Lexik. 
II 191. 

•) Fest. p. 282. Plin. n. h. X 122; vgl. 
Varro Menipp. frg. 213 und dazu R. Pbtbr 



a. a. 0. 218. 227. 

*) Was würden wir z. B. von Verminus, 
dem Goite der WOrmerkrankheit des Viehes, 
wissen, wenn nicht im J. 1876 sein offenbar 
aus Veranlassung einer Seuche dieser Art 
geweihter Altar gefunden worden wäre, 
CIL VI 3732? 



Btadlraeh der kliai. Altertumnrftneiiaofaalt. Y. 4. 4 



50 



Religion und Kultua der B5mer. I. Beligionsgeeohiehte. 



der religiösen Yorstellungen der Römer während dieser Periode vor sich 
gingen. 

Litteratur: Ftkr die Eultbeinamen der römischen (j5tter liegt jetzt eine gute Samm- 
Inng und Bearbeitung des reichen Materials vor bei J. B. Cabtbr, De deomm Romanoram 
cognominibos, Halis Saz. (Lipsiae) 1898; für die VergOttlichnng abstrakter Begriffe in der 
römischen Religion fehlt eine erschöpfende Spezialnntersnchong, denn R. Enoblhabd, De 
personificationibns qnae in poesi atque arte Blomanomm inveninntor, Diss. Gottingae 1881 
genügt in keiner Hinsicht. 

11. Die äusseren Formen des Staatskültas. Während im häuslichen 
Gottesdienste die alten einfachen Formen der Vorzeit mit geringen Aus- 
nahmen beibehalten werden, vollzieht sich in der öffentlichen Religions- 
übung eine tiefgreifende Umgestaltung. An die Stelle der anspruchslosen 
Kapellen und Altäre, die in der ersten Periode die Stätten des staatlichen 
Gottesdienstes bildeten, treten nur wirkliche Tempel, die als Wohnung 
des Gottes gedacht sind und wenigstens zum Teil bereits ein menschen- 
ähnliches Bild desselben einschliessen ; allerdings ist dies letztere die Regel 
nur bei den erst in dieser Periode neu eintretenden Gottheiten, während 
die der alten Ordnung angehörigen Götter, trotzdem sie bereits Tempel 
besitzen, auch in dieser Periode vielfach noch bildlos verehrt worden zu sein 
scheinen. Dagegen wissen wir von der Thonstatue des Juppiter im capi- 
tolinischen Tempel, von dem der ephesischen Artemis nachgebildeten 
Schnitzbilde der Diana auf dem Aventin, von einer ehernen Statue der 
Ceres im Tempel von Ceres, Liber, Liberal) und von manchen andern 
Götterbildern, die zugleich mit den betreffenden Kulten ihren Einzug in 
Rom hielten;*) bei den genannten Beispielen unterliegt der griechische Ur- 
sprung der Darstellung keinem Zweifel, und was auch sonst aus dieser Zeit 
von Götterbildern bezeugt ist, ist durchweg so entstanden, dass griechische 
Göttertypen mit einigen den abweichenden italischen Religionsvorstellungen 
entsprechenden Modifikationen herübergenommen wurden. Wie stark grie- 
chische Vorlagen die römische Darstellung beinflussten, zeigt die älteste 
römische Münzprägung: die auf den sechs verschiedenen Nominalen des 
Kupfers auftretenden Götterköpfe sind ausnahmslos griechischer Herkunft 
und dienen zum Teil zur Bezeichnung in Rom recipierter griechischer 
Gottheiten (Hercules, Mercur), zum Teil sind sie auf römische Götter 
(Janus, Juppiter, Minerva) erst übertragen. Was die Tempel selbst be- 
trifft, so hat man diejenigen, die einem der Götter des ältesten Kreises 
galten, mit Vorliebe an derselben Stelle angelegt, an welcher der Kult 
von alter Zeit her haftete, so dass die alten unscheinbaren Kultstätten durch 
die neuen Gotteshäuser ersetzt wurden.^) In derselben Weise hat man auch 
die Festtage dieser Tempel mit den alten fetHae der betreffenden Götter 
in Verbindung gebracht, indem man den Stiftungstag des Tempels, der 
bei seiner alljährlichen Wiederkehr durch ein Opfer gefeiert wurde, auf 
den Tag der alten Feriae legte ;^) bei neu aufgenommenen Gottheiten 
fielen derartige Rücksichten natürlich fort. Der Kreis der alten Feriae ist 
in dieser Periode nicht erweitert worden, sondern zu jedem neuen Tempel 



') Diese war allerdings nicht Eulthild, 
sondern Anathem, Plin. n. h. XXXIV 15. 
*) Dbtlefsbn, De arte Roman, antiquis- 



sima I p. 13 £P. 

') AüST, De aedibos sacris p. 50 ff. 
*) AusT a. a. 0. p. 34 ff. 



B. Bis siim 2. pimischeii Kriege. U. Aenssere Formen des Staataknlins. 51 

gehört ein Festtag, der nur in diesem einen Heiligtume mit einem feier- 
lichen Opfer begangen wird, ohne für die Allgemeinheit den rechtlichen 
Charakter des Tages zu bestimmen und ihn zu einem dies nefastus zu 
machen: dieser alljährlich wiederkehrende Festtag ist der natalis tempH, 
der Tag, an dem bei der Stiftung des Tempels die üebergabe des fertigen 
Gebäudes an die Gottheit erfolgt war, und die Ealendarien verzeichnen 
in ihren jüngeren Zusätzen diese Tempelopfer mit grosser Gewissenhaftig- 
keit. Wenn diese ncUcUes templorum selbst bei den angesehensten Heilig- 
tümern nie Feriae geworden sind, sondern an den betreffenden Tagen 
ohne weiteres Gerichtsverhandlungen und Volksversammlungen abgehalten 
werden konnten, so haben doch die Stiftungstage einer Reihe der ältesten 
und berühmtesten Tempel für das öffentliche Leben dadurch eine grosse 
Bedeutung gewonnen, dass bestimmte Stände und Kreise der Einwohner- 
schaft dieselben besonders festlich begingen, weil sie zu dem betreffendem 
Heiligtume in einer näheren Beziehung standen: so bildet das aventi- 
nische Minervaheiligtum, dessen Gründung unter den Heiligtümern der di 
navensides sehr hoch hinaufreicht, den sakralen Yereinigungspunkt für die 
Handwerkerzünfte, die darum seinen Stiftungstag (19. März) als artifieum 
dies in ihren Kreisen ganz besonders feiern, während der Staat an diesem 
Tage das damit gar nicht zusammenhängende alte Marsfest der Quin- 
quatrus begeht und sich um den Festtag der Minerva nur insofern küm- 
mert, als er in ihrem Tempel ein sacrificium publicum zur Erinnerung an 
den Stiftungstag darbringen last. In demselben Verhältnisse, in dem sich 
die Handwerker gegenüber der Minerva auf dem Aventin befinden, steht 
die Eaufmannsgilde zum Tempel des Mercur, die Gärtner zu dem der in 
Italien als Schützerin der Gärten verehrten Venus, alle diejenigen Ge- 
werbetreibenden, die zu ihrem Betriebe des Wassers besonders bedürfen, 
zu dem Heiligtume der Quellgöttin Juturna, und selbst die sakral natür- 
lich ebenso wie politisch rechtlose Masse der Sklaven nimmt den Stif- 
tungstag des Tempels der Diana auf dem Aventin als ihren Festtag in 
Anspruch.*) Wenn auch alle diese kollegialen Festlichkeiten nicht dem 
Staatskulte angehören, so zeigen sie doch, wie eng die genannten Kulte 
mit dem bürgerlichen Leben und seinen Äusserungen zusammenhängen, 
und dienen daher zur Charakteristik der Götterauffassung dieser Periode. 
Von Wichtigkeit ist es, dass nicht nur einzelne Stände und Berufs- 
klassen mit bestimmten Tempeln engere Fühlung halten, sondern dass 
manche Heiligtümer geradezu eine politische Rolle spielen und einzelnen 
Zweigen der Staatsverwaltung dienen: der Tempel des Saturn bildet zu- 
gleich die Schatzkammer des Staates, das Heiligtum der Trias Ceres, 
Liber, Libera ist Archiv und sakraler Mittelpunkt der plebeischen Ver- 
waltung, sein mit dem alten Feste der Cerialia zusammenfallender Stif- 
tungstag infolge dessen ein besonderes Plebejerfest, um den Tempel 
der Dioskuren am Markt gruppiert sich die römische Ritterschaft, deren 
Parade diesen Tempel zum Zielpunkte hat; vor allem aber ist der Tempel 



*) Vgl. auch die aneillarum feriae (Po- 
lem. Silv. CIL P p. 269) an dem wahrschein- 
lich schon der Ältesten Fest^ordnang ange- 



hörenden Feste der Nonae Caprotinae (Wis- 
sowA, Real-Encycl. III 1551 f.). 



52 Religion und Kultus der Römer. I, Religionsgesohiohte. 

auf dem Gapitole das sakrale Zentrum des ganzen Staates, an dem nicht 
nur die Staatsbeamten bei ihrem Antritte und bei bestimmten sonstigen 
Anlässen feierliche Opfer vollziehen, sondern welches auch der einzelne 
Bürger an wichtigen Gedenktagen seines Lebens aufsucht, so dass Capüo- 
lium adscendere geradezu zum technischen Ausdrucke geworden ist. In 
diesem Zusammenhange ist auch die Bestimmung zu erwähnen, dass für 
jedes in Rom geborene Kind eine Abgabe an die Kasse der Juno Lucina 
geleistet werden musste, für jeden Gestorbenen eine solche an Libitina, für 
jeden mündig gewordenen Jüngling an die Juventus:^) wenn die Über- 
lieferung diese Vorschrift auf Servius TuUius zurückführt, so liegt darin 
insofern etwas Richtiges, als dieselbe jedenfalls dieser zweiten Periode der 
römischen Religionsentwicklung angehört, da die genannten Gottheiten 
sämtlich der ältesten Religionsordnung fremd sind. 

Tritt auf diese Weise die Religion in eine viel engere Beziehung zum 
Leben des Tages, so zeigt sich gleichzeitig auch bei der Ausführung der 
gottesdienstlichen Handlungen eine grössere Rechnung auf Beteiligung des 
Publikums. Das tritt vor allem bei einer in dieser Zeit neu eingeführten 
Gattung sakraler Akte, den Spielen, hervor: ganz verschieden von den 
schon im ältesten Kultus sich findenden Rennspielen der Equirria und Con- 
sualia, die rein als rituelle Feiern zur Sühnung und Weihung der be- 
treffenden Tiere aufzufassen sind, sind die in dieser Periode gefeierten 
ludi zunächst ausserordentliche Dankfeste für den von den Göttern, vor 
allem dem Juppiter 0. M., verliehenen Sieg und schliessen sich daher ur- 
sprünglich unmittelbar an den Triumphzug an,') dann werden sie unter 
dem Namen von ludi Romani als ständiges Jahresfest in Verbindung mit 
dem Stiftungstage des capitolinischen Tempels gefeiert. Hier tritt der reli- 
giöse Akt gegenüber der Schaustellung wesentlich zurück, und diese Spiele 
sind ohne ein zuschauendes Publikum nicht denkbar. Eine Mitwirkung 
des Publikums bei den heiligen Handlungen zeigt sich ganz besonders 
deutlich in den auf Anordnung der Orakelbewahrer vorgenommenen Kult- 
handlungen griechischer Herkunft, die in dieser Periode mehr und mehr 
überhand nehmen und allmälig die Ceremonien des altrömischen Rituals 
ganz in den Hintergrund drängen. Das gilt vor allem von den Suppli- 
cationen und den in engem Zusammenhange mit ihnen stehenden Feiern 
der Götterbewirtungen {lectisternia und sellisternia); tragen die letzteren 
den Charakter einer öffentlichen Schaustellung, welche die ganze Bevöl- 
kerung in Mitleidenschaft zieht und auch in den Privathäusem ähn- 
liche Schmausereien veranlasst,^) so nehmen an den Sühn- und Bittpro- 
zessionen, den supplicationes, Männer und Frauen in festlicher Bekränzung 
Teil und selbst die Freigelassenen sind nicht ausgeschlossen; auch die 
gegenseitigen Bewirtungen, wie sie in den Kreisen der Plebejer am Ceres- 
feste, in denen der Patrizier später an den Megalesia üblich waren, und 
die bei der Ära maxima des Hercules vorgenommenen Yolksspeisungen 
knüpfen sämtlich an griechische Kulte an, ebenso wie das zum capi- 
tolinischen Kulte gehörige ständige epulum lovis, an dem der gesamte Senat 



Piso bei Dion. Hai. IV 15. 

') MoMMSEN, Rom. Forsch. II 42 ff. 



«) Liv. V 13, 7. 



B. Bis zum 8. punisohen Kriege. 11. Aenssere Formen des Staatsknltas. 53 



teilnahm, in seiner ganzen Einrichtung unverkennbar den griechischen Ein- 
fluss zeigt. ^) Die altrömische strenge Scheidung von staatlicher und pri- 
vater Gottesverehrung ist hier aufgehoben und im Gegensatz dazu das Prinzip 
aufgestellt, dass an den im Interesse der Gemeinde vorgenommenen Ritual- 
akten auch die ganze Gemeinde teilnehmen müsse, eine Anschaung, die so 
weit durchgeführt wird, dass in bestimmten Fällen von seiten der frem- 
den Kulte sogar die Anordnung eines allgemeinen Fastens (cdstus) statt- 
findet.*) Hand in Hand mit dieser Heranziehung der Massen zum Gottes- 
dienste gehört die grössere Sinnfälligkeit der Kulthandlungen; die Spiele 
lösen sich, zumal seit der Einführung der scenischen Aufführungen, vom 
Kulte ganz und gar los und werden zur unterhaltenden Yoi*stellung, die beim 
Lectisternium auf den pulvinaria liegenden, geputzten und geschminkten, 
am Opfermahle sich erfreuenden Götterbilder bieten der Schaulust der Menge 
reichen Stoff, und bei den Supplicationen musste das ausgebildete Gere- 
moniell und die Mitwirkung von Jungfrauenchören und Instrumentalmusik 
einen starken Eindruck auf die Sinne machen ; es liegt auf der Hand, dass 
die schlichte Peinlichkeit der ältesten Kultformen dadurch in den Schatten 
gedrängt werden musste. Immerhin aber ist hervorzuheben, dass sich von 
dieser Hinneigung des Gottesdienstes zur Veräusserlichung und zum Sinnen- 
reiz in dieser Periode erst die Anfänge zeigen und die darin liegende Ge- 
fahr noch verhältnismässig wenig zur Geltung kommt. Die Ludi Romani, 
wahrscheinlich erst seit 387 -- 367 ständig, sind bis kurz vor Beginn des 
zweiten punischen Krieges das einzige Jahresfest dieser Art geblieben und 
haben auch am Ende dieser Periode noch eine erheblich geringere Aus- 
dehnung gehabt als später, erst im J. 537 == 220 treten die plebeischen 
Spiele hinzu; die auf Grund von Anordnungen der sibyllinischen Sprüche 
vorgenommenen Bittgänge (suppUcationes) sind in dieser Zeit weder sehr 
zahlreich noch sehr prunkvoll, und die Lectisternia dieser Periode, deren 
nicht mehr als fünf bezeugt sind, gelten sämtlich nur drei Götterpaaren, 
Apollo und Latona, Hercules und Diana, Mercurius und Neptunus, Göt- 
tern, von denen die ersten fünf zweifellos griechische Eindringlinge 
sind, während bei dem letzten nur der Name der eines altrömischen 
Gottes ist, unter dem sich aber der in Rom recipierte griechische Posei- 
don verbirgt. Auch die auswärtige Kunst der etruskischen Haruspices 
wird vor dem zweiten punischen Kriege nur ausnahmsweise zur Sühnung 
und Abwendung göttlicher Ungnade zu Rate gezogen. Ist doch auch die 
Zahl von Anlässen, die eine Sühnung durch Anordnungen einheimischen 
oder fremden Rituals erforderlich erscheinen lassen, eine geringere, weil 
man auf die genaue Beobachtung und Procuration der Prodigien, d. h. der 
als Zeichen des göttlichen Zornes geltenden aussergewöhnlichen oder 
naturwidrigen Vorkommnisse, erst allmälig Wert zu legen anfängt; die 
regelmässige Aufzeichnung der prodigia eines jeden Jahres und wahr- 
scheinlich auch die ständige Berichterstattung über dieselben im Senate 
beginnt erst zur Zeit des ersten punischen Krieges,') und es lässt sich 



*) Mabqüardt, Staatsvemr. III 348 f. 
') Die Beschränkung auf nichteinhei- 
nüflche Gottesdienste hebt Varro bei Non. 



p. 197 ausdrücklich hervor; vgl. Wissowa, 
Real-Encvcl. III 1780. 

') MomaiBN bei 0. Jahn, Liv. perioch. 



54 



Beligilm und Kvltas der BAmer. L B#ligioiMg— chiohi». 



noch deatlich verfolgen, wie im Laufe der Jahre Zahl und Mannigfaltig- 
keit der gemeldeten Prodigien ebenso wächst wie die der Sühnungen. 
Letztere selbst verlieren bei häufiger Wiederkehr leicht ihr Ansehen und 
ihre Wirksamkeit und mOssen durch immer kräftigere Ceremonien über- 
boten werden ; so ist man schon vor dem zweiten punischen Kriege dahin 
gelangt, in schwerer Not des Staates auf Grund griechischer Orakelsprüche 
selbst Menschenopfer aus Vertretern feindlicher Nationen darzubringen, 
so in den Jahren 528 = 226 und 538 = 216 je ein Paar von Galliern 
und Griechen {GaUus et Gallo, Crraecus et Graeca) und in derselben Zeit 
das nachher durch eine stellvertretende Ceremonie abgelöste Opfer der 
27 Argei, d. h. Griechen. Auch griechische Geheimfeiern finden um 
dieselbe Zeit Eingang in den Staatsgottesdienst: die nächtliche Feier der 
Bona dea, die unter Mitwirkung der Vestalinnen pro populo stattfand, und 
das griechische Jahresfest der Ceres, bei dem aus Unteritalien herbei- 
gezogene Priesterinnen die römischen Matronen in die Mysterien der 
Göttin einweihten,*) bestanden bereits zur Zeit des hannibalischen Krieges. 

Litteratar: Mabqcabdt, Rom. Staatsverw. III 45 ff. Wackbbmanh, Das Lecti- 
Btemium, Progr. ▼. Hanao 1888. C. Pascal, De lectistemiia apad Romanos, Riviata di 
filologia XXII 18d4, 272 ff. = Stadii di antichitii e mitologia S. 19 ff. F. Lutbbbachbb, 
Der Prodigienglaobe und Prodigienatü der Römer. Progr. ▼. Bnrgdorf 1880. 



Dritter Abschnitt. 

Bis zum Ausgange der Republik. 



12. Die Hellenisieniiig des Kultus. Ein fQr die Geschichte der 
römischen Religion hervorragend wichtiges Jahr ist das zweite Jahr des 
hannibalischen Krieges 537 = 217. Die Not der Zeit und die tiefgehende 
Erregung der ganzen Bevölkerung liess füi* die massenhaft gemeldeten 
Prodigien aussergewöhnliche Sühnungen nötig erscheinen und man konnte 
sich nicht genug thun in immer neuen Versuchen, den Zorn der GK^tter 
zu besänftigen.') Aber das altrömische Ritual bot solcher ausserordent- 
licher Sühnmittel nur wenige; das einzige der Art, welches sich auftreiben 
liess, der fast verschollene altitalische Brauch des ver sacrum, wurde damals 
wieder hervorgesucht und ein ,, heiliger Frühling" gelobt für den Fall, si 
res publica populi Romani Quiritium ad quinquennium proximum steterü.^^ 
Auffallend ist, dass selbst diese alteinheimische Sühnung diesmal auf Grund 
von Anordnungen der sibyllinischen Bücher beschlossen wurde, wenn auch 
ihre Ausführung den Pontifices übertragen war. Aber die Orakelbewahrer 
haben auch sonst noch auf Grund der Orakel umfassende Massnahmen 
getroffeu, an denen das eine von besonderer Wichtigkeit ist, dass sie 
sich nicht auf die Einführung neuer griechischer Kulte oder die Anordnung 
von Opfern bei den Tempeln der griechischen Götter Apollo, Ceres u. s. w. 



p. XX. Bebkatb, Rhein. Mub. XII 436 = 
Ges. Abhandl. II 807. 

M Vgl. WissowA, Real-Encycl. II 697 ff. 

*) Diese beiden Geheimdienste nennt Gic. 
de leg. II 21: nocturna mulierum saerificia 
ne sunto praeter olla, quae pro populo rite 



fient; neve quae initianto nisi ut adsoiet 
Cereri graeco sacro, 

*) DiBLS, Sibyllinische Blfttter S. 84 ff. 

*) Liv. XXII 10; vgl. XXXOI 34, 1. 
XXXIV 44, 6. 



C. Bis snm Ansgange der Republik. 12. Hellenisierimg des Knltns. 



55 



beschränken, sondern über ihren Kreis hinansgreifen nnd auch Opfer in 
den Tempeln altrömischer oder in Rom recipierter italischer Gottheiten 
vorschreiben, die wir uns nicht anders als graeco ritu gefeiert vorstellen 
dürfen. So erhalten auf ihr Betreiben die capitolinischen Gottheiten, die 
Juno Regina auf dem Aventin und die Juno Sospita von Lanuvium Ge- 
schenke und Opfer und die Festfeier des alteinheimischen Gottes Saturnus 
erföhrt eine völlige Umgestaltung nach griechischem Vorbilde;^) insbe- 
sondere aber wird damals ein Lectistemium abgehalten, bei welchem sechs 
Paare von Göttern beteiligt sind, Juppiter und Juno, Neptunus und Minerva, 
Mars und Venus, Apollo und Diana, Yolcanus und Vesta, Mercurius und 
Ceres (Liv. XXTT 10, 9); es sind das die an vielen Orten Griechenlands 
als höchster Götterkreis verehrten zwölf grossen Götter,') gleichgesetzt 
mit ebenso vielen römischen, welche durch eben diese Gleichsetzung in 
den Bereich des griechischen Kultes mit hineingezogen werden. So ent- 
steht in Rom ein neuer Götterkreis, zusammengestellt ohne jede Rück- 
sicht auf Alter und Herkunft der Kulte und gruppiert nach griechischen 
Sagen und Kultbeziehungen;') damit wird die alte sakralrechtliche Scheidung 
von di indigetes und novensides aufgehoben und die neue Göttergenossen- 
schaft erhält unter dem Namen der vereinigten Götter, di consentes, offizielle 
Geltung ; die Bilder dieser Götter wurden in vergoldeten Statuen am Forum 
aufgestellt, analog den Zwölf göttern auf der Agora von Athen. ^) In das- 
selbe Jahr fällt aber auch noch eine andere bedeutungsvolle Thatsache; 
war bisher streng darauf gehalten worden, dass die Kultstätten der griechi- 
schen Gottheiten ausserhalb der sakralen Grenze des Pomeriums lagen, so 
wird diese Grenze nunmehr durchbrochen, indem die im genannten Jahre 
auf Grund sibyllinischer Weisung gelobten und zwei Jahre später einge- 
weihten Tempel der Mens und der erycinischen Venus ihren Platz auf 
dem Capitole erhielten.^) All diese Massregeln bezeichnen offenbar den 
Erfolg einer schon seit Jahrzehnten mit steigender Kraft wirksamen 
hellenisierenden Bewegung, die nunmehr unter dem Drucke der schweren 
Kriegsnot zum Siege gelangte und an Stelle des Nebeneinander von römi- 
scher und griechischer Gottesverehrung die Verschmelzung beider durch- 
setzte, die bei der ganzen Sachlage mit der völligen Hellenisierung des 
römischen Kultes gleichbedeutend war. Die Folgen lassen sich sowohl in 
der Religionsübung, wie in Leben und Litteratur der nächsten Generationen 
deutlich erkennen; die Einführung neuer griechischer Gottheiten hat im 
wesentlichen ihr Ende erreicht, denn es bietet sich nunmehr zum gleichen 
Zwecke ein weit einfacheres Mittel in der inneren Umgestaltung altrömischer 



») Liv. XXII 1, 17 ff.; vgl. auch XXI 
62, 7 ff. 

') Vgl. fiber diese Pbbllbb-Robkbt, Griech . 
Ilvthol. I 110 f. MoMXSBN, Rom. Chronol. 
8. 305 ff. 

*) Nicht nur die Paanmg von Apollo 
and Diana, Mars und Venus, sondern anch 
die von Neptnnns und Minerva hat die grie- 
chischen Yorstellangen zur Vorausset^angi 
wenn auch gemeinhin mit Athene vielmehr 
Hephaistos verbunden zu werden pflegt (doch 



findet sich auch bei den Griechen die Paarung 
Hephaistos -Hestia). Mercurius und Geres 
scheinen mit Rücksicht auf ihre fast gleich- 
zeitige und sicher in innerem Zusammen* 
hange stehende Reception in Rom gruppiert. 

*) Varro de r. r. I 1, 4. CIL VI 102; 
vgl. JoBDAK, Topogr. 1 2 S. 367 f. Wissowa 
in Roschers Lexik. I 922 f. und De dis Ro- 
man, indigetibus et novensidibus p. XII f. 

^) AusT, De aedibus sacris p. 49. 



56 



Beligion nnd Kulins der Römer. I. BeligionBgeaohiohte. 



Kulte unter Beibehaltung der alten Namen; wenn wir im Laufe der nächsten 
hundert Jahre von neu erbauten Tempeln von Juventus, Venus, Diana, 
Mars, Bona dea hören, so lässt sich in jedem einzelnen Falle nachweisen, 
dass sich unter den römischen Namen griechische Götter, Hebe, Aphrodite, 
Artemis, Ares, Damia, verbergen. Ein sehr bedeutsamer Träger griechischer 
Einflüsse war dabei die bildende Kunst. Das Bedürfnis, die Götter unter 
menschenähnlichem Bilde darzustellen, wurde unter dem Eindrucke der 
seit der Einnahme von Syrakus in stets steigender Menge nach Rom 
strömenden griechischen Kunstwerke^) ein allgemeines, und ihm konnte, 
da es eine einheimische sakrale Kunst und feste Göttertypen nicht gab, 
nur durch Herübernahme griechischer Bilder genügt werden. Den ein- 
fachsten Weg, die direkte Entlehnung griechischer Götterbilder, hat man 
für alle diejenigen Gottheiten, für welche die Gleichsetzung mit ent- 
sprechenden griechischen im Kulte bereits vorgenommen war oder sachlich 
nahe lag, ohne weiteres eingeschlagen ; für Juppiter, Juno, Mars, Saturnus 
boten Zeus, Hera, Ares, Kronos die gegebenen Typen, deren Aneignung, 
wie die Münzprägung zeigt, zum Teil schon vor dieser Periode erfolgt ist. 
Wo es sich jedoch um Vorstellungen handelte, für die es in der griechischen 
Religion an einer einwandfreien Analogie fehlte, musste wohl oder übel 
eine Anpassung der im griechischen Denkmälervorrat gegebenen Vorbilder 
an die römischen Anschauungen versucht werden ; wenn dieselbe in manchen 
Fällen, z. B. in den Bildern des Silvanus oder des Genius, sehr gut ge- 
lang, so hat sie auf der andern Seite vielfach nur mit grosser Gewaltsam- 
keit und unter Verflachung der dem betreffenden Kulte ursprünglich zu 
Grunde liegenden religiösen Vorstellungen durchgeführt werden können; 
den Dius Fidius durch Apollo oder die Penaten durch die Bilder der 
Dioskuren wiederzugeben war ein entschiedener Fehlgriff, der natürlich 
nicht ohne Rückwirkung auf das religiöse Bewusstsein des Volkes bleiben 
konnte*). 

Je mehr die griechischen Vorstellungen in den breiteren Massen der 
Bevölkerung Boden gewannen, um so fremdartiger und unbequemer wurden 
der Menge die alten Götter und die umständlichen Formen ihrer Verehrung. 
Zwar war durch die Stabilität aller sakralen Institutionen und die Ge- 
wissenhaftigkeit der Priesterschaft zunächst noch dafür gesorgt, dass die 
alten Feriae weiter begangen wurden und die Tempelopfer an den 
jeweiligen Stiftungstagen regelmässig stattfanden; aber für die grosse Menge 
hatten von den alten Staatsfesten nur noch diejenigen Bedeutung, die 
entweder mit volkstümlichen Vergnügungen und Festbräuchen verbunden 
waren (wie z. B. Gompitalia, Terminalia, Parilia u. a.) oder durch eigen- 
artiges Ceremoniell und den damit verbundenen ehrfürchtigen Glauben 
an ihre besondere Wirksamkeit (z. B. Lupercalia, Robigalia u. a.) das 
allgemeine Interesse wach erhielten ; die grosse Mehrzahl der Feste geriet 
derart in Vergessenheit, dass die Gelehrten des ersten Jahrhunderts v. Chr. 
in vielen Fällen nicht mehr im Stande waren, über Sinn und Bedeutung 



^) Vgl. L. Ubliohb, OriechiBche Stataen 

im republikaiuBchen Rom, Würzbnrg 1880. 

*) Vgl. darüber Wibbowa, Römische 



Götterbilder, Jahrb. f. klass. Altert. I 1898, 
161 ff. nnd den Anhang II. 



G. Bis Bom Ansgange der Bepnblik. 12. HelleniBierung des Knlins. 



57 



derselben Aufscfaluss zu erhalten. Ebenso waren im häuslichen Kulte zwar 
die alten Vorstellungen von Vesta und den Penaten, Genius und Lar fami- 
liaris so fest eingewurzelt, dass sie wohl getrübt und verdunkelt, nicht 
aber verdrangt werden konnten; aber die vielen Götter, die der Römer 
früher bei Geburt und Tod, bei Aussaat und Ernte, in den vielfaltigen 
Nöten des taglichen Lebens angerufen hatte, traten nunmehr zurück hinter 
die neuen griechischen oder griechisch gefärbten Kulte; Dis und Proser- 
pina verdrängen Vejovis und die ganze Sippe altrömischer Unterwelts- 
gottheiten, die griechische Ceres-Demeter tritt an die Stelle der ein- 
heimischen Tellus, Carmen ta und selbst Mater Matuta vermögen sich als 
Geburts- und Frauengottheiten gegenüber den zwar von Haus aus itali- 
schen, aber früh griechischen Einflüssen zugänglich gewordenen Kulten 
von Juno Lucina und Diana nicht zu behaupten. Das auf uns gekom- 
mene Material von Weihinschriften aus den beiden letzten Jahrhunderten 
der Republik reicht zwar zur Begründung einer beweiskräftigen Statistik 
nicht im entferntesten aus, aber es ist doch gewiss kein Zufall, wenn 
neben den verhältnismässig zahlreichen Widmungen an Juppiter, Juno, 
Mars, Apollo, Hercules die Namen so hervorragender Gestalten des ältesten 
Qötterkreises wie Janus, Consus, Faunus, Saturnus vollständig fehlen :0 es 
zeigt, dass diese Götter im Volke so gut wie verschollen waren, wiewohl 
von Staatswegen nicht nur ihr alter Kult weiter gepflegt wurde, sondern 
die meisten von ihnen gerade in dieser Periode neue Tempel erhalten 
haben. 

Aber auch noch von anderer Seite her drohte der altrömischen 
Religion schwere Gefahr. Am Ausgange des zweiten punischen Krieges, 
im Jahr 550 = 204, veranlassen die sibyllinischen Bücher die Einführung 
des Kultes der pessinuntischen Kybele, und der heilige Meteorstein der 
Göttin findet zunächst im Tempel der Victoria seinen Platz, bis im Jahre 
563 = 191 im Herzen der römischen Altstadt, auf dem Palatin, die aedes 
i/cdris Deum Magnae Idaeae eingeweiht wird. Damit hielt zum erstenmale 
ein Kult in Rom seinen Einzug, der nicht nur die griechische Sinnlichkeit und 
Veräusserlichung, sondern bereits die exzentrische Orgiastik des Orients mit 
sich dorthin brachte. Galt dieser Kult auch den Römern ebenso als ein 
griechischer, also einer verwandten Kultur angehöriger, wie der des ApoUo 
und der Ceres, und wurde er darum auch wie diese der Oberaufsicht der 
Xviri sacris faciundis unterstellt, so fühlte der Senat doch hier mehr als 
sonst das Bedürfnis, etwaigen üblen Folgen nach Möglichkeit vorzubeugen, 
indem er durch Polizeimassregeln die Schaustellungen dieses Kultes ein- 
schränkte und den römischen Bürgern die Beteiligung am Priestertume 
der Göttin verbot (Dion. Hai. H 19); es gelang ihm jedoch nicht, den 
aufregenden und anreizenden Eindruck des neuen Gottesdienstes wesent- 
lich abzuschwächen, und dass es nicht nur das niedere Volk war, welches 
an dieser neuen Art von Gottesverehrung Gefallen fand, zeigt die That- 
sache, dass gerade der Patriziat und die Nobilität das Fest der grossen 



') lo der etwa der Zeit des ersten puni- 
schen Krieges Angehörigen Serie der schwar- 
zen Thonachalen mit Göttemamen (s. oben 



S. 8) begegnen noch Saetumus, Kerus, La- 
vema, Aecetia, Coera. 



58 



Religion and KaltoB der Römer. L ReligionsgeBohichie. 



Mutter mit Schmausereien und gegenseitigen Bewirtungen begingen >) 
und sich aus diesen Kreisen Genossenschaften (sodalitates) zu Ehren der 
Göttin bildeten (Cic. Gate mai. 45). Im Gefolge der Magna Mater drangen 
bald allerhand orientalischer Aberglaube und andere ausschweifende Fremd- 
kulte, die sich mit gutem Grunde der Aufsicht der Staatsbehörden zu ent- 
ziehen suchten, in Rom ein, und selbst die spärlichen Nachrichten unserer 
Überlieferung lassen erkennen, dass der Senat während des ganzen 2. 
Jahrhunderts an der Ausübung der Religionspolizei keine leichte Aufgabe 
hatte; der Bacchanalienskandal vom Jahr 568 = 186^) und die im Jahr 
615 = 139 notwendig gewordene Vertreibung der orientalischen Astro- 
logen (Chaldaei), vor denen schon Cato (de agric. 5) warnte, aus Rom 
und Italien ') sind nur vereinzelte Symptome des sich allmälig voll- 
ziehenden Zersetzungsprozesses. Im letzten Jahrhundert der Republik sind 
die führenden Machthaber, L. Cornelius Sulla an der Spitze, mehr als 
andere jeder erdenklichen Art von Aberglauben ergeben und die grössten 
Förderer orientalischer Superstition. Der mithridatische Krieg und die 
folgenden Kämpfe im Orient, welche u. a. der Verehrung der kappadokischen 
Mä oder Bellona in Rom Eingang verschafften, brachten die römischen 
Soldaten in Asien bereits mit der Mithrasreligion in die erste Berührung 
(Plut. Pomp. 24) und haben wenigstens mittelbar auch das Eindringen der 
ägyptischen Isisverehrung in die Hauptstadt befördert; die vergeblichen 
Kämpfe, die seit dem Jahr 696 = 58 von den Staatsbehörden gegen 
diesen Kult geführt werden, sind ein redendes Zeugnis für die Macht- 
losigkeit der ersteren und die Gewalt der Bewegung, die weiter und 
weiter anwuchs, bis sie im 3. Jahrhundert der Kaiserzeit ihren Höhe- 
punkt erreichte und Rom nicht nur zum Pantheon der Welt machte, son- 
dern schliesslich die römische und selbst die griechische Götterwelt unter 
der Masse der ägyptischen, persischen, semitischen Gottesdienste er- 
sticken liess. 

13. Litteratur und Wissenschaft. Die Schnelligkeit und Gründ- 
lichkeit, mit der seit der Zeit des hannibalischen Krieges die griechische 
Denkweise die alteinheimischen Religionsvorstellungen der Italiker zurück- 
drängt und einen völligen Umschwung der Anschauungen herbeiführt, würde 
trotz der bisher dargelegten Gründe unverständlich sein, wenn nicht der 
Hellenisierung des Denkens durch die Anfänge der römischen Litteratur 
in hervorragender Weise Vorschub geleistet worden wäre: es ist kein Zu- 
fall, dass der erste Träger römischer Poesie, Livius Andronicus, im Jahre 
547 = 207 auch das Festlied für die zur Sühnung aussergewöhnlicher 
Prodigien nach dem Tempel der Juno Regina ziehende Jungfrauenprozession 
verfertigt; denn diese wurde nach griechischem Ritus unter Leitung der 
Orakelbewahrer abgehalten, und das Jungfrauenlied war ein nach dem 
Vorbilde eines griechischen Partheneion gebildeter Sühngesang. ^) Wenn 
die römische Dichtung mit einer ungefügen Übersetzung der Odyssee und 
mit Übertragungen griechischer Tragödien begann, so war es nicht nur 



») GeU. II 24, 2. XVIII 2, 11. Fast. 
Praen. z. 4. April. 

») Liv. XXXIX 8 flF. CIL P p. 43 f. 



•) Valer. Max. I 3, 3. 
*) Liv. XXVII 37; ygl. Dibls, SibyUin. 
Blätter S. 89 ff. 



G. BiB BQm AuBgange der Republik. 13. Litteratar nnd Wiuenachaft. 59 



die Vorführung griechischer Mythen an sich, die in der angedeuteten 
Richtung wirken musste, sondern in noch höherem Grade die Nötigung, 
die vorkommenden Namen griechischer Gottheiten durch lateinische Namen, 
d. h. durch Gleichsetzung mit den eigenen Göttern, dem Hörer und dem 
Leser zu verdolmetschen. Allerdings ist es nicht möglich festzustellen, 
in welchem Umfange solche Identifikationen schon vor der Litteratur ent- 
weder im Kultus oder im privaten Austausch griechischer und römischer 
Anschauungen vollzogen worden waren; die Gleichsetzung von Juppiter 
und Juno mit Zeus und Hera hat nicht erst Livius Andronicus vorge- 
nommen, auch dass Neptunus mit Poseidon und Saturnus mit Kronos^ 
identisch seien, ist schon vor ihm geläufig gewesen, aber wenn er Movüa 
mit Camena (frg. 1), Moiqa mit Moria (frg. 12), Mvrjfioavvrj mit Moneta 
(frg. 25) wiedergibt, so sind das gewiss mehr oder minder willkür- 
liche Übertragungen, die teilweise Beifall fanden, teilweise nicht durch- 
drangen. Je zahlreicher solche Gleichungen sich einbürgerten — wir 
können den Prozess leider nicht in seinen einzelnen Phasen verfolgen, 
aber bei Plautus z. B. kommen Ops = *PfcXK«) und Silvanus == ildv^) hinzu — 
umso mehr mussten auch die griechischen Mythen auf die entsprechenden 
römischen Gottheiten übertragen werden, und so entstand eine scheinbar 
römische Göttergenealogie und Göttersage, die aber in der That nichts 
war als eine Rückspiegelung der griechischen; Juppiter ist Sohn von 
Saturnus und Ops, Gatte der Juno, Bruder des Neptunus und Dis pater, 
Vater der Minerva; der römische Hercules, der im italischen Kulte eine 
ganz eigenartige Gestalt angenommen hat, wird wieder der abenteuer- 
frohe Held der griechischen Heraklessage ; der ursprünglich nur als Schützer 
des Handels in Rom verehrte Mercurius erscheint auch als Götterbote und 
Seelengeleiter u. s. w. Was die Dichter begonnen hatten, setzte die Konstruk- 
tion der Historiker und Antiquare fort; die allmälige Ausgestaltung der 
römischen Gründungssage und ihre immer stärker werdende Verknüpfung 
mit der griechischen Heldensage^) zu verfolgen, ist nicht unsere Auf- 
gabe ; wohl aber verdient besondere Hervorhebung, wie in die Konstruktion 
der italischen Urgeschichte auch die Namen der einheimischen Götter ver- 
flochten werden. Die nach dem Vorbilde griechischer xTfaetg abgefassten 
Gründungssagen und Ursprungsgeschichten der einzelnen Städte und Land- 
schaften machten den Versuch, an der Hand der Königslisten und Genealogien 
über die Grenzen der historischen Überlieferung hinaufzuführen, und griffen. 



■) Vgl. Liy. Andr. frg. 2 Baehr. Saturni 
filie =^ Kgoyidtj, frg. 15 saneta puer Saturni 
— "Hgsj. Satamufl-X^Vo; , Sohn des Gaelus- 
Gv^aros Enn. ami. frg. 25 Baehr. Neptonos- 
noaeiöfoy, Bmder des Juppiter- Zcv; Naey. 
bell. Pan. frg. 12 Baehr. 

>) Gistell. 513 ff.; Mü. gl. 1082. Wenn 
Pers. 252 Jnppiter als Ope gncUus bezeichnet 
wird, 80 wird man das Beiwort der Jone 
Chngena trotz der abweichenden Auffassung 
alter Gewfthrsmftnner (Paul. p. 200. Mart. 
Cap. 11 149) als 'Peltjs 9vyaxfjq au&ufassen 
haben. 

*) Dass mit SUmni lucua Aulnl. 674. 



766 die im griechischen Original genannte 
Pansgrotte der Akropolis wiedergegeben ist, 
hat M. ScHUSTEB, Quomodo Plautus Attica 
exemplaria transtulerit (Diss. Qryphiswaldiae 
1884) p. 21 richtig hervorgehoben. Die Ar- 
beiten von Th. Uubrich, De diis Plautinis 
Terentianisque, Diss. B^gimonti 1883 und 
A. Kbsbbbro, Quaestiones Plautinae et Teren- 
tianae ad religionem spectantes, Diss. Lips. 
1884 enthalten wenig Förderndes. 

*) Vgl. neuerdings besonders B. Niese, 
Histor. Zeitschr. N. F. XXIII 481 ff., dessen 
Qrundanschaunng ich bei mancher Abwei- 
chung im einzelnen vollkommen teile. 



60 



Religion und Knltna der Römer. I. ReligionsgOBohichte. 



da eine zwischen Göttern und Menschen vermittelnde Klasse von Heroen 
fehlte, zu den ziemlich inhaltlos gewordenen Namen der alten Götter, die 
sie mit grösserer oder geringerer Willkür gruppierten: das bekannteste 
Beispiel der Art, die Liste der Laurenterkönige Janus, Satumus, Picus 
Faunus, Latinus,^) gewiss nicht etwa tiefsinnige kosmogonische Yolkssage,') 
sondern erst im zweiten Jahrhundert v.Chr. entstandene Geschichtsklitterung, 
lässt deutlich erkennen, wie man den nötigen Namenvorrat nach rein äusser- 
lichen Gesichtspunkten zusammenraffte und gruppierte; ebenso zeigen die 
verschiedenen Berichte von Cacus') und seinem Zusamentreffen mit Her- 
cules, wie man einen inhaltlos gewordenen Namen bald so, bald so nach 
Gutdünken in die Erzählung einfügte. Mit gleichem Eifer bemächtigte 
sich die gelehrte Forschung der Fragen nach Alter und Enstehung des 
römischen Götterkreises; die Scheidung älterer und jüngerer Elemente in 
demselben, die Feststellung des Anteils benachbarter Stämme, wie der 
Sabiner und Etrusker, an der Bildung der römischen Religion, die Ver- 
teilung der verschiedenen Kulte auf die vorausgesetzten Hauptperioden der 
römischen Urgeschichte und die sie vertretenden Fürsten, wie Evander, Romu- 
lus, Titus Tatius, Numa, Servius TuUius, das alles sind Fragen, denen die anna- 
listische Darstellung der ältesten Zeit nicht aus dem Wege gehen konnte und 
für deren Beantwortung bei dem Mangel jeder Überlieferung nur der Scharf- 
sinn und die Kombinationsgabe des Schriftstellers in Betracht kamen. Auch 
die aetiologische und etymologische Konstruktion wurde unter ausgiebiger 
Verwertung griechischer Vorbilder*) zur Motivierung einzelner Tempel- 
gründungen und Kulteigentümlichkeiten ebenso eifrig benützt, wie man 
zur Belebung des ganzen Bildes griechische Sagen auf römische Figuranten 
übertrug;^) die Gleichsetzung einzelner griechischer und römischer Gott- 
heiten unter einander wurde eifrig weiter gepflegt, nur in anderem Sinne 
als früher: hatten die älteren Bearbeiter griechischer Dichtertexte die 
griechischen Götter des Originals durch lateinische Namen verdeutlichen 
wollen, so sucht man jetzt umgekehrt über* Wesen und Bedeutung der un- 
verständlich gewordenen heimischen Götter durch mehr oder minder passende 
Gleichsetzung mit einer Figur der allen Gebildeten bekannten griechischen 
Sage Aufschluss zu gewinnen. Oft war die Brücke, die zwei solche Gott- 
heiten verband, eine sehr schwache, z. B. wenn man Mater Matuta mit 
Leukothea glich, weil im Kulte beider die Ausschliessung der Sklaven 
bezeugt war, oder Consus mit Poseidon, weil beide durch Rennspiele ge- 
feiert wurden. Die persönliche Beteiligung einzelner Schriftsteller an der 
Fortbildung dieser griechisch-römischen Pseudo-Sage ist leider im einzelnen 
nur selten festzustellen, doch lässt sich noch erkennen, dass unter den Anna- 



^) Das Material bei Sohwbgleb, Rom. 
Gesch. I 212 ff. 

') Als solche fasst sie H. Nissen, Tem- 
plum S. 120 f., der in der mythischen Eönigs- 
reihe eine Symbolik von 5 Schöpftmgstagen 
(Himmel, Erde, Vögel, Tiere, Menschen) er- 
kennen will. 

») WissowA, Real-Encycl. III 1165 ff. 

*) z. B. die der lokrischen Sage nach- 



gebildete Erz&hlung von der Epiphanie der 
Dioskuren in und nach der Schlacht am See 
Regillus (Dion. Hai. VI 13; vgl. E. Zabhokb, 
Comment. Ribbeck. 292 ff.). 

^) Bei Valerius Antias z. B. (Amob. VI) 
war die Ueberlistung des Pannus und Picus 
durch Numa ganz nach Analogie des Pro- 
teusaben teuere der Odyssee erziihlt. 



0. Bis zum Ausgange der Republik. 18. Litteratur und WisBenaohaft. 6 1 

listen besonders Gassius Hemina von den älteren und Valerius Antias von 
den jüngeren in dieser Richtung thätig waren; die communes historias^) des 
Lutatius (Daphnis) scheinen ofioiotr/veg, d. h. griechisch-römische Parallelen 
aus dem Gebiete von Geschichte, Religion und Sitte, enthalten zu haben, 
andere Namen von Griechen und Römern, die nur vereinzelt angeführt 
werden, lassen sich in ihrer wirklichen Bedeutung nicht sicher fassen : doch 
steht soviel sicher, dass das 7. Jahrhundert der Stadt in dieser Richtung sehr 
thätig und fruchtbar gewesen ist und dass Varro und Verrius Flaccus, auf 
welche die uns vorliegenden Quellen in der Hauptsache zurückgehen, auf 
diesem Gebiete mehr ordnend, sichtend und ergänzend, als wirklich schöpfe- 
risch gearbeitet haben ; der ungeheuere Einfluss, den namentlich Varro auf 
die spätere Litteratur ausgeübt hat, hat dahin geführt, dass neben den von 
ihm anerkannten Erklärungen und Hypothesen die abweichenden Varianten 
in Vergessenheit geraten sind und so eine scheinbar einstimmige Über- 
lieferung enstanden ist, wo ursprünglich eine Reihe an sich gleich berech- 
tigter, nur mehr oder minder geschickter Erklärungsversuche vorlagen. 
In dem de dis handelnden Abschnitte seiner antiquitates rerum divi- 
narum (B. 14—16) hat Varro in eigentümlicher Weise einen doppelten 
Zweck verfolgt; während nämlich die Bücher de dis certis (14) und de dis 
incertis (15) alles dasjenige enthielten, was sich über die Geschichte des 
Kultes und die Sagen der römischen Gottheiten ermitteln liess, führte das 
16. Buch {de dis praecipuis atque seledis) eine Anzahl von Hauptgottheiten*) 
nochmals, und zwar in ganz anderer Beleuchtung, vor, indem es für sie 
die Begründung einer physikalischen Deutung ihres Wesens versuchte; 
wenn Varro, ähnlich wie es schon vor ihm der Pontifex Q. Mucius Scae- 
vola gethan hatte,^) nach stoischem Vorbilde drei Arten von Auffassung 
der Götter (theologia) unterschied, das genus mythicum, physicum und civile,^) 
so waren die Bücher 14 und 15 der Darstellung der Mythologie und der 
Staatsreligion, das Schlussbuch aber der philosophischen Spekulation ge- 
widmet. So vereinigte Varro in seinem Werke die Ergebnisse von zwei 
verschiedenen Betrachtungsweisen, die in der römischen Litteratur seit 
dem Anfange des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts neben einander 
hergehen, vielfach im feindlichen Gegensatze zu einander, und doch wieder 
einander beeinflussend. Die Römer haben von den Griechen nicht nur 
Göttergenealogien und Gründungssagen, nicht nur die Erzählungen von 
Götterkindem und Götterthaten übernommen, sondern sie haben nicht viel 
später von ihnen auch gelernt, nach den hinter den Gestalten der Volks- 
religion und des Mythus sich verbergenden ewigen Kräften und Ideen zu 
forschen. Seit Beginn des 2. Jahrhunderts gewinnt die griechische Philo- 
sophie in den gebildeten Kreisen Roms Eingang und Einfluss gerade auf 
die Auffassung der religiösen Fragen. Am frühesten scheinen von Unter- 



') Die gewöhnlich aDgenommene Be- 16. Buches von E. Schwarz, Jahrb. f. Philol. 



Ziehung des Titels auf die xoiyai UrxoQiai 
des Timaios besteht kaum, denn dies waren 
▼ielmehr perpetuae higtoriae (Gic. epist. V 
12, 2). 

') Es sind zwanzig, aufgezählt von Au- 
gustin. c. d. VII 2. Fragmentsammlung des 



Suppl. XVI 473 flf. und von R. Aqahd ebd. 
XXIV 198 ff. 

») Augustin. c. d. IV 27. 

*) Die Stellen bei Merkel, Prolegom. 
in Ovid. fast. p. G VII ff. A. Schmbkel, Philos. 
der mittl. Stoa 8. 117-119. 



62 



Religion und Enltna der Römer. I. Religionsgeeohichte. 



italien her pythagoreische Anregungen nach Rom gelangt zu sein; denn 
die im Jahre 573 = 181 in Rom aufgefundenen und auf Anordnung der 
Behörden als religionsgefahrlich verbrannten angeblichen Bücher des 
Numa *) bedeuten einen Versuch zu einer pythagoreisierenden Umwälzung 
der römischen Religion, welcher eine weite Verbreitung dieser Lehre voraus- 
setzt; auch hat die Ansicht, dass eine Reihe von Einrichtungen der alt- 
römischen Religion ihre innere Erklärung in den Satzungen des Pytha- 
goras finde, bis auf Nigidius Figulus und Varro namhafte Anhänger ge- 
habt,*) wenn man auch die Nachricht, dass Numa ein Schüler des Py- 
thagoras gewesen sei, wegen der chronologischen Unmöglichkeit preis- 
geben musste. Dieselbe rücksichtslose Energie, mit der die römische 
Staatsgewalt die apokryphen Bücher des Numa unterdrückt hatte, ver- 
suchte sie auch gegen die Lehrer griechischer Philosophie zur Anwendung 
zu bringen, aber die Austreibung einzelner Philosophen ') konnte doch auf 
die Dauer das Eindringen philosophischer Studien nicht verhindern; zwar 
die kosmogonischen Offenbarungen des ennianischen Epicharmus haben 
wohl noch weniger Wirkung gehabt als die von demselben Dichter den 
Römern verdolmetschte wohlfeile Aufklärung des seichten Rationalisten 
Euhemeros, auch an der Lehre Epikurs haben in der Hauptsache nur 
vereinzelte Feinschmecker Gefallen gefunden ; um so tiefer und nach- 
haltiger aber war der Einfluss, welchen die Philosophie der Stoa in Rom 
ausübte. Schon von Haus aus der römischen Denkweise in religiösen und 
sittlichen Fragen in hohem Grade wesensverwandt, erfuhr diese Lehre 
durch den im tonangebenden Kreise des jüngeren Scipio heimischen Pa- 
naitios weitere Anpassung und gewann bald die weiteste Verbreitung ; der 
populärste Dichter der Zeit, C. Lucilius, macht sich zum Herold der Sitten- 
lehre des Panaitios,*) Q. Valerius von Sora vertritt aufs nachdrücklichste 
den stoischen Pantheismus,^) der höchste Beamte der römischen Staats- 
kirche, der Pontifex Max. Q. Scaevola (f 672 — 82) trägt kein Bedenken, 
die philosophische (d. h. stoische) Götterauffassung als die einzig wahre 
anzuerkennen und sie nur darum als zur Staatsreligion ungeeignet zu er- 
klären, weil dem Volke nicht die volle Wahrheit fromme.*) Auf demselben 
Standpunkte wie er steht dann Varro, der sich in der Religionsphilosophie 
gänzlich an die Stoa anschliesst ; die pantheistische Grundanschauung, die 
Ableitung der Götter von den partes mundi und insbesondere ihre Zurück- 
führung auf die beiden Hauptelemente Himmel und Erde, die allegorische 
Ausdeutung der Mythen treten uns als unverkennbare Charakteristika in 



») Liv. XL 29. Caas. Hem. bei Plin. 
n. h. XIII 84 ff.; mehr bei Schweolbb, Rom. 
Gesch. I 564 ff. 

'^) Vgl. insbesondere A. Schmekel, De 
Ovidiana Pythagoreae doctrinae adambra- 
tione, Dias. Gryphiswald. 1885; Philos. der 
mittl. Stoa S. 449 f. Zelleb, Philos. d. Qr. 
III 2 S. 82 ff. 

^) Ausweisung der Epikureer Alkaios 
und Philiskos durch den Consul L. Postn- 
mius 581 = 173, Athen. XII 547 A. Aelian. 
Y. h. IX 12; Senatus consultnm de philoso- 



phis et rhetoribus vom J. 593 = 161, Gell. 
XV 11, 1. Suet. gramm. 25; Philosophen- 
gesandtschaft des Jahres 599 = 155, Plin. 
n. h. VII 112. Plnt. Cato mai. 22 u. a. 

*) Treffend hervorgehoben von Schxbkbl, 
Philos. d. mittl. Stoa S. 444 f. 

*) Fragment bei Augustin. c. d. VII 9 
undMythogr.Vat.llI prooem. p. 152, 30 Bode 
(= frg. 4 Baehr.) : luppiter omnipotens, re- 
rum regumque repertor, progenitor genUrix- 
que deum, deus untis et idem. 

«) Augustin. c. d. IV 27. 



C. Bis mm Avagange der Republik. 14. Verfall der Btaatareligion. 63 

allen Fragmenten des Baches de dis seledis (sowie andrer Schriften ver- 
wandten Inhaltes, z. B. des Logistoricus Curio de cultu deorum) entgegen. 
Dabei ist es von prinzipieller Bedeutung, dass, während in den Büchern 
de dis certis und de dis inceriis die Eigenartigkeit römischer Religions- 
anschauung und die Abweichungen von verwandten griechischen Brauchen 
häufig hervorgehoben werden, für die religionsphilosophischen Erörterungen 
des letzten Buches die völlige Identität der griechischen und römischen 
Oötterwelt die Voraussetzung ist; zur Deutung des Satumus wird der 
Mythus vom kinderverschlingenden Kronos herangezogen, eleusinische 
Mysterien und griechischer Phallosdienst dienen zur Erklärung von Ceres 
und Liber. Daraus ist gewiss kein Vorwurf gegen Varro herzuleiten, denn 
wo es sich um die Ermittlung des durch Mythus und Staatsreligion nur 
in mannigfacher Trübung und Brechung wiedergegebenen reinen und all- 
gemeinen OottesbegrifFes handelte, mussten die nationalen Verschieden- 
heiten als unwesentlich verschwinden; aber dem Zwecke des grossen 
varronischen Werkes, die in der eignen Stadt zu Fremdlingen gewordenen 
R^mer mit der Heimat und ihrem Denken wieder vertraut zu machen 
(vgl. Cic. Acad. post. I 9), konnten die sozusagen kosmopolitischen Er- 
örterungen dieses Buches nicht dienen. 

Litteratur: L. Kbjlhnbe, Giimdlinieii zur Geschichte des Verfalls der r&mischen 
Steatsreligion bis auf die Zeit des August, Gymn.-Progr. Halle 1837 ; M. Terentii Varronis 
Curie de cultu deorum, Gymn.-Progr. Neubrandenbuig 1851. £. Zeller, Philos. d. Grie- 
chen III 1 S. 309 ff. ; Vortrftge und Abhandlungen II 93 ff. A. Sohmbkel, Die Philosophie 
der mittleren Stoa (Berlin 1892) S. 439 fF. 

14. Verfall der Staatsreligion. Der Pontifex Scaevola und Yarro 
waren vollkommen in ihrem Rechte, wenn sie nicht nur vom philosophischen, 
sondern auch vom staatsmännischen Standpunkte aus die Erzählungen der 
Dichter als dem Wesen und der Würde der Gottheit widersprechend ver- 
warfen; die Übertragung griechischer Mythen auf die römischen Oötter, 
die durch Vermittlung der Bühne auch den breiteren Massen des Volkes 
geläufig wurde, musste umso zersetzender auf den Glauben einwirken, je 
mehr solche Erzählungen von Leben und Thaten der Götter mit dem un- 
persönlichen und abstrakten Charakter der altrömischen Religion im 
Widerspruche standen.^) Aber auch der Einfluss der philosophischen 
Betrachtungsweise war ein durchaus verderblicher; denn wenn dieser 
auch die grosse Menge nicht unmittelbar berührte, sondern sich auf die 
litterarisch gebildeten Kreise beschränkte, so waren es doch gerade diese 
Kreise, aus denen die berufenen Träger des Staatskultus hervorgingen; 
wer aber die ganze Staatsreligion nur für ein aus Opportunitätsrücksichten 
festzuhaltendes, thatsächlich aber von der Wahrheit weit abliegendes 
System hielt und nach stoischer Anschauung die gesamte äussere Reli- 
gionsübung, vor allem Opfer und Bilderdienst, als bedeutungslos oder 
schädlich verwarf, der brachte den Obliegenheiten seines priesterlichen 
Amtes gewiss nicht dasjenige innere Interesse entgegen, welches sie ver- 
langten. In der That begegnen wir in der Zeit etwa von den Gracchen 
bis auf Caesar einem rapiden Verfalle des römischen Priestertums. Die 



1) Vgl. die Ansf&hmngen bei Dien. Hai. ant. II 18. 19. 



64 Religion nnd Knltna der Römer. L ReligionegeBchiohte. 

drei wichtigsten Kollegien, deren Mitgliederzahl durch Sulla auf je 15 
gebracht wird, Pontifices (nebst den Epulonen, deren Zahl wahrscheinlich 
ebenfalls durch Sulla von 3 auf 7 erhöht wurde), Augurn und Orakel- 
bewahrer, werden völlig zu rein politischen Behörden und in den Kampf 
des Tages dadurch hineingezogen, dass seit dem J. 651 = 103 die Be- 
stellung neuer Mitglieder nicht mehr durch Kooptation, sondern durch eine 
besondere Art von Volkswahl erfolgt;^) blieb auch den Kollegien ein 
Präsentationsrecht gewahrt, so genügte das doch nicht, um die Kontinuität 
der Tradition zu sichern, auf der früher die Sachkunde der Priester- 
schaften in den umfassenden und vielseitigen Geschäften ihres Wirkungs- 
kreises beruht hatte, und es mehren sich die Klagen über den Verfall des 
priesterlichen Wissens; die Jahresschaltung z. B., die zu den wichtigsten 
Obliegenheiten der Pontifices gehörte, geriet durch deren Unwissenheit 
und Parteilichkeit derart in Unordnung, dass bis zu Caesars Kalenderreform 
geradezu unerträgliche Zustände herrschten*) und selbst die Ausführung 
der bestehenden Opfervorschriften gestört wurde, indem durch die Ent- 
fernung der bürgerlichen Zeitrechnung von der natürlichen die Darbringung 
einzelner Erzeugnisse des Jahres an den dafür bestimmten Tagen zur 
Unmöglichkeit wurde (Cic. de leg. 11 29) ; ebenso wurde die Meldung und 
Procuration der Prodigien vernachlässigt (Liv. XLIII 13, 1); im Augurn- 
kollegium ging das Verständnis für die komplizierte Lehre von den Auspi- 
cien, soweit man sie nicht im Dienste der Tagespolitik ausbeutete, völlig 
verloren, 8) so dass selbst Augurn, die sich mit ihrer Disziplin wissen- 
schaftlich beschäftigten, zu den diametral verschiedenen Ansichten über 
Ziele und Mittel derselben gelangen konnten.*) Die übrigen Priestertümer 
aber, die dem politischen Treiben fernstanden, gerieten aus andern Gründen 
nicht minder in Verfall. Das mit der altehrwürdigen Thätigkeit des Opfer- 
königs, der gi*ossen Flamines, der Salier u. s. w. verbundene Ansehen ver- 
mochte dem immer enger werdenden Kreise Zutrittsberechtigter — denn 
es waren hier meist nur Patrizier zugelassen^) — keine genügende Ent- 
schädigung zu bieten für die dem Inhaber dieser Würden durch das steife 
Ceremoniell und die zahllosen Verhaltungsmassregeln auferlegte Beschrän- 
kung der persönlichen Freiheit und Bequemlichkeit und die in vielen 
Fällen von ihm geforderte gänzliche oder partielle Verzichtleistung auf 
öffentliche Ämter. So mehren sich die Beispiele dafür, dass sich der zur 
Übernahme eines solchen Priestertums Berufene sträubt, dasselbe anzu- 
treten oder wenigstens sich den ihm unbequemen Vorschriften desselben 
zu fügen,«) bis schliesslich in vielen Fällen auf Besetzung der frei ge- 
wordenen Stellen ganz verzichtet werden musste; der allerdings recht 
unbequeme Posten des Flamen Dialis blieb nach dem Tode des L. Corne- 
lius Merula (667 = 87) volle 75 Jahre frei, da es erst im J. 743 = 11 



1) MoMMSBN, Staatsr. II 23 ff. | dius MarceUus Cic. de leg. 11 32 f.; de dir. 

«) Marqüardt, Staataverw. III 286 f. } II 75. 

') Cic. de div. I 25 : ampicia, quae qui- *) S. vorläufig Mommsbn, Rom. Forsch. 

dem nunc a RotnanU auguribua ignorantur; I 78 ff. 

vgl. de n. d. II 9 u. a. >) Material bei Marquabdt, Staataverw. 

*) Vgl. über die Polemik zwischen den III 64 f. 
Augurn Ap. Claudius Pulcher und C. Clau- 



0. Bis zum Ausgange der Republik. 14. Verfall der Staatsreligion. 65 

AugustuB gelang y ihn neu zu besetzen;^) die Stellen der 12 kleineren 
Flamines müssen am Ende der Republik wenigstens teilweise eingegangen 
gewesen sein, da es sonst unbegreiflich wäre, dass selbst ein Mann wie 
Varro über die Bedeutung der durch solche Priester verehrten Gottheiten, 
wie Falacer und Furrina, nicht das geringste mehr zu ermitteln imstande 
war;*) die Arvalbrüderschaft und die Sodales Titii waren bis zu ihrer 
Wiederherstellung durch Augustus völlig vergessen. Überhaupt fallt auf 
den vorangegangenen Religionsverfall bei dem erklärlichen Mangel direkter 
Zeugnisse das hellste Licht erst aus den Versuchen Varros, das Interesse an 
religiösen Dingen wieder zu beleben, und aus den Reformen des Augustus. 
Nichts kann bezeichnender sein, als dass Varro, der in seinen Antiquitates 
divinae den ausgesprochenen Zweck verfolgt, die nahezu verschollenen 
heimischen Götter der Vergessenheit zu entreissen,') für seine Darstellung 
der Götter des Staatskultes keine passendere Einteilung findet als die in 
solche, von denen man noch etwas Sicheres wisse (di certi), und solche, 
bei denen dies nicht der Fall sei {di incerti),^) Die augusteische Reorgani- 
sation aber, von der im nächsten Abschnitte die Rede sein wird, zeigt, 
dass nicht nur Priesterstellen unbesetzt geblieben, Tempel verfallen, Feste 
in Vergessenheit geraten waren, sondern dass vielfach das Alte derart 
verschüttet war, dass die Reformen des Kaisers mehr einen Neubau als 
eine Wiederherstellung bedeuteten. Wie es mit dem Interesse der grossen 
Menge an der Religion stand, darüber fehlen alle Nachrichten, doch werden 
wir dasselbe, wenn man auch auf dem Lande und in den kleineren Städten 
länger am alten Gottesdienste festgehalten haben mag, bei der stadt- 
römischen Bevölkerung sehr gering zu veranschlagen haben ; nur an einer 
Art von Kulthandlungen war die Beteiligung stets ausserordentlich rege, 
das waren die Spiele, die nicht nur an Umfang eine Vermehrung ins 
üngemessene erfuhren (die Anzahl der Spieltage hat sich vom Ende des 
hannibalischen Krieges bis auf Caesars Tod ungefähr verfünffacht), sondern 
auch thatsächlich jeden inneren Zusammenhang mit dem Gottesdienste 
völlig verloren, wenn auch in der Theorie der sakrale Charakter dieser 
Veranstaltungen noch zuweilen betont wird.<^) Ein besonders trauriges 
Zeichen für die Abnahme des religiösen Sinnes liefert der mehrfach 
bezeugte Verfall der sacra privata, auf deren dauernde Erhaltung in 
der Familie und durch Vererbung die ältere Religionsordnung den grössten 
Wert gelegt hatte, die aber jetzt — trotz der rechtlich noch bestehenden 
Aufsicht der Pontifices — als unbequeme Last von den zur Übernahme 
Verpflichteten durch die verschmitztesten Rechtskniffe abgeschüttelt und 
dem Untergange preisgegeben wurden:^) dass man sprichwörtlich einen 



>) Gase. Dio LIV 46. Tac. ann. III 58. 
Saei Aug. 31. 

*) Varro de I. 1. V 84. VII 45. 

•) Aogustin. c. d. VI 2 {Varro dicU) 
te Hmert ne pereant {di), non ineurau hostili 
9ed eivium neglegentia, de qua illos veJut 
ruina liherari a se dicit et in memoria bo- 



excidio penates liberasse praedicatur; vgl. 
IV 31. 

*) Ueber die Bedeutang dieser Schei- 
dung 8. Augustin. c. d. VII 17 und dazu 
WissowA bei Marquabdt, Staatsv. III 9, 4. 
R. Pbteb in Roschers Lexik. 11 150 f. R. 
AoAHD, Jahrb. f. Philol. Suppl. XXIV 126 flF. 



norum per eiusmodi libroa recondi atque *) S. z. B. Cic. Verr. V 36. 

urvaH uiHiore curOf quam Metellua de in- <) Vgl. z. B. Cic. pro Mnr. 27 und be- 

eendio sacra Vestalia et Aeneas de Troiano sonders de leg. II 46 ff. 

Haadlmeh der Irliw. AlftertomairteenaohAft. V, 4. 5 



66 



Religion und Eiiltns der Römer. I. ReligionBgeschiehte. 



eines jeden bitteren Beigeschmacks entbehrenden Glücksfall als sine sacris 
hereditcts bezeichnete,^) lässt die Stimmung breiter Schichten deutlich er- 
kennen. 



Vierter Abschnitt. 

Die Religion der Kaiserzeit. 

15. Die religiösen Beformen des Augustus. Die Zerfahrenheit 
und Unhaltbarkeit der religiösen Zustände war am Ausgange der Republik 
bis zu einem Grade gediehen, der es den Machthabern, sobald nur nach 
den Wirren der Bürgerkriege das staatliche Leben wieder in geregelte 
Bahnen gelangte, zur unaufschiebbaren Pflicht machen musste, hier ordnend 
einzugreifen. Freilich stehen gegen Indifferentismus und Unglauben keiner 
Regierung unmittelbare Waffen zur Verfügung, aber es konnte zunächst 
dafür gesorgt werden, dass der Staat als solcher durch seine Organe den 
ihm gegenüber der Gottheit zukommenden Obliegenheiten gewissenhafter 
als bisher nachkam, und damit auch in den Bürgern der Sinn zunächst 
für die äussere Religionsübung und weiterhin für deren inneren Gehalt 
neu belebt werden. Von Caesars Absichten und Wirken in dieser Richtung 
haben wir, zumal der Inhalt seiner lex lulia de sacerdotiis nur mangelhaft 
bekannt ist,*) keine ausreichende Kunde; dass er sich aber mit weit- 
gehenden Plänen gerade auf dem Gebiete der Staatsreligion getragen hat 
und man von ihm Besserung erhoffte, geht schon aus der Thatsache 
hervor, dass Granius Flaccus ihm sein Buch de indigüamentis widmete 
und Varro seine Antiquitates rerum divinarum ad Caesarem pontificem 
richtete.') Augustus aber hat sofort nach der Schlacht bei Actium die 
Reorganisation des öffentlichen Gottesdienstes in Angriff genommen und 
mit der Wiederherstellung der in Verfall gerathenen Priestertümer und 
Tempel begonnen. Selbst schon seit Jahren Mitglied der drei grossen 
Priesterschaften, der Pontifices, Augum und Quindecimvirn,*) scheint er 
zunächst für die Wiedererweckung derjenigen priesterlichen Sodalitäten, die 
allmälig aus Mangel an Interesse gänzlich eingeschlafen waren, Sorge 
getragen zu haben; schon bei Beginn des Entscheidungskampfes gegen 
Antonius im J. 722 = 32 hatte er als Fetialis des römischen Volkes die 
Kriegserklärung gegen Kleopatra in den alten feierlichen Formen des 
priesterlichen Völkerrechts vollzogen (Cass. Dio L 4) und damit dieses seit 
mehr als hundert Jahren nicht mehr in Wirksamkeit getretene^) und 
wahrscheinlich auch nicht mehr besetzte Priestertum wiederbelebt; die 
Neugründung der völlig verschollenen und selbst in ihrer Bedeutung un- 



*) Zeugnisse bei A. Otto, Sprichw. d. 
Römer nr. 806. 

2) Lange, Rom. Altert. IIP 436 f. 

') Censor. 3, 2. Augustin. c. d. VII 35. 
Lact. inst. 1 6, 7. 

*) Ueber die Zeit der Wahl zu den ein- 
zelnen 8<icerdotia s. Momvsbn, Res gestae 
D. Aug. p. 32 f., vgl. P. Babel, De pontific. 
Roman, condicione publica (Breslau 1888) 



p. 4. Die Mitgliedschaft aller sacerdotwm 
qucUtuor qmplissima collegia ist erst 738/9 
= 16/5 bezeugt, Mommsen a. a. 0. p. 83; 
ausserdem war Augustus frater Arvalis, «o- 
dalis Titius, fetialis Mon. Anc. gr. 4, 7. 

^) Der letzte uns bekannte FaU ist die 
Dedition des C. Hostilius Mancinus 618 == 
136 (Cic. de or. I 181. II 137. Vell. Pat. II 1). 



} 

t 



D. 



it. 15. BellgiOse Beformen des Angnstiui. 



67 



I 



verstandlich gewordenen Kollegien der Sodales Titii und Fratres Arvales 
hat sieh, wie es scheint, schon im nächsten Jahrzehnt nach dem Siege 
bei Actium vollzogen i^) in die reformierten Priesterschaften traten ausser 
dem Kaiser auch die vornehmsten Träger seiner Politik ein und in ihren 
Listen fehlte kaum einer der ersten Männer des neuen Staates. In das- 
selbe Jahrzehnt fällt aber auch die Fürsorge des Kaisers für die Wieder- 
herstellung der verfallenen Heiligtümer; im J. 726 = 28 unternahm er 
auf Orund eines Senatsbeschlusses die Restauration aller einer solchen 
bedürftigen stadtrömischen Tempel, 82 an der Zahl,') sowie sonstiger 
heiliger Lokalitäten, wie des Lupercal, und führte ausserdem eine Anzahl 
älterer Gotteshäuser, die durch Einsturz oder Feuersbrunst zu Grunde 
gegangen waren, von Grund aus neu auf;*^) welchen Wert er selbst auf 
diese Thätigkeit als teinplorum omnium conditor ac restUutor (Liv. IV 20, 7) 
legte, zeigt die starke Betonung dieser Seite seines Wirkens in der 
höfischen Poesie.^) Aber diese gesamte wiederherstellende Thätigkeit, 
zu der auch die — im einzelnen nicht bekannte — Reform der Luper- 
calienfeier (Suet. Aug. 31) und die Wiederaufnahme des ausser Gebrauch 
gekommenen augurium salutis (im J. 725 = 29)^) gehören, bildet nur die 
Vorbereitung für eine tiefergreifende Reorganisation, die eine Verjüngung 
der römischen Religion zum Zwecke hat. Dass dieselbe zunächst nicht 
an die altrömischen Kulte, sondern an den graecus ritus anknüpfte, mag 
damit zusammenhängen, dass Augustus den Oberpontificat erst verhältnis- 
mässig spät übernahm, während er bereits erheblich früher im Vorstande 
der Quindecimvim sass: denn Apollo, in dessen Dienste die sibyllinischen 
Orakel und das zu ihrer Ausdeutung und Bewahrung bestimmte Priester- 
tum in Rom Aufnahme gefunden hatten, ist es, den jetzt Augustus in den 
Vordergrund rückt. Der im J. 726 = 28 geweihte und mit ganz ausser- 
gewöhnlicher Pracht ausgestattete Tempel des palatinischen Apollo stand 
in solo privatOj^) und die an alte Beziehungen des julischen Geschlechtes 
zum Apollokulte anknüpfende^) Gründung sollte den Dank des Kaisers 
für die ihm von dem Gotte in den Kämpfen gegen S. Pompejus und Anto- 
nius geleistete Hilfe darstellen,^) es war also keine aedes publica, sondern 
ein Denkmal privater Religionsübung: aber der Schutzgott des Kaisers 
wird, je mehr die Monarchie Wurzel fasst, zum Gegenstande öffentlicher 
Verehrung und tritt bald als mindestens gleichberechtigter Genosse in 
den Süreis der Staatsgottheiten ein, selbst hinter dem capitolinischen 



') Die Reorganisation der Arralen moas 
Yor dem J. 733 = 21 erfolgt sein, wenn 
£. Hüi.A8 (Arch. epigr. Mitt. ans Oesterr. 
XV 1892, 23 ff.) Datierung des im J. 1892 
gefundenen Fragmentes (Epb. epigr. VI 11 
p. 316 f.) das Richtige trifft (s. dazu Momm- 
8XH, Eph. epigr. VIII p. 303 ff.). 

*) Mon. Anc. 4, !?: duo et octoginta 
templa deum in urhe constä 8ex\tum ex de- 
ereio] sencUus refeciy nullo praetermisso, qnod 
€\o\ temp[pre refici debebat]. Cass. Dio LIII 2. 
Soet Ang. 30. 

') Mon. Anc. 4, 1 ff. mit Mommsrns Kom- 



mentar. 

*) Hör. carm. III 6, 1 ff. Ovid. fast. 
II 59 ff. 

") Cass. Dio LI 20. Suet. Aug. 31. 

•) Cass. Dio XLIX 15. Vell. Pat. 11 81 ; 
vgl. MoMMSBN, Res gestae D. Aug. p. 80. 

') Kiessuno, Zu augusteischen Dichtem 
(Philol. Untersuchungen II) S. 92 Anm. 3t). 

«) EcKHEL, Doctr. num. VI 93 f. Auo. 
KuEHN, De Q. Horatii carmine saeculari 
(Vratislaviae 1877) p. 35 ff. C. Pascal, Bull, 
arch. com. XXII 1894, 53 ff. = Studii di 
antichitä e mitologia S. 43 ff. 

5* 



()8 Beligion und Kultus der BOmer. I. BeligioxiBgesoliichie. 

Juppiter nicht zurückstehend. Nicht nur in der höfischen Poesie und 
Kunst stehen Apollo und seine Hausgenossin Diana obenan,^) sondern 
auch die Ordnung der Staatsfeste wird zu Gunsten dieser Oötter des 
Fürsten abgeändert. Das tritt am deutlichsten bei der im J. 737 = 17 
durch Augustus angeordneten Saecularfeier hervor. Geleitet von dem 
überall erkennbaren Bestreben, mit der aus republikanischer Zeit stam- 
menden Überlieferung zwar nicht schroflf zu brechen, aber durch wohl- 
überlegte Abänderungen die neue Ordnung der Dinge zu verwirklichen, 
führt Augustus die Begehung der ludi saeculares in eine ganz neue Bahn : ') 
nachdem die Reihe der unter dem Freistaate von hundert zu hundert 
Jahren begangenen Saecula durch den Bürgerkrieg unterbrochen worden 
war, wurde jetzt, anknüpfend an ein gegen Ende der Republik in Umlauf 
gesetztes sibyllinisches Orakel, eine neue Reihe von saeculu von je 110 jäh- 
riger Dauer eröffnet, deren Begründung und angebliche Vergangenheit 
darzulegen das Kollegium der Quindecimvirn und der loyale Jurist G. Atejus 
Gapito sich angelegen sein liessen. Der Charakter des Festes wurde ein 
ganz anderer, denn an Stelle der bisherigen, drei Nächte andauernden 
Sühnfeier zu Ehren der Totengötter Dis und Proserpina trat nun ein 
durch drei Tage und drei Nächte begangenes Fest, von dem die Nacht- 
feiern zwar noch am Altar des Dispater begangen wurden, aber andern 
hilfreichen Gottheiten, nämlich den Moiren, Eileithyien und der Mutter 
Erde galten, die Tage aber dem Juppiter 0. M., der Juno Regina und 
dem göttlichen Geschwisterpaare vom Palatin, Apollo und Diana; nament- 
lich die offenbar den Höhepunkt des Ganzen bildende Feier des dritten 
Tages hatte den palatinischen Tempel zum Mittelpunkte, und wenn die 
Festprozession unter Yorantritt des aus dreimal neun Knaben und eben- 
soviel Mädchen bestehenden Doppelchores und unter Absingung des von 
Horaz gedichteten Festliedes vom Palatin zum Capitol und von da wieder 
zurück zum Palatin zog,^) so tritt darin die vollzogene Gleichstellung der 
neuen kaiserlichen Götter Apollo und Diana mit dem capitolinischen Götter- 
paare in unverkennbarer Deutlichkeit hervor. Die dominierende öffentliche 
Stellung des kaiserlichen Privatkultes war auserdem zum vollendeten Aus- 
drucke kurz zuvor ^) auch dadurch gekommen, dass Augustus, nachdem er 
— offenbar als erster Magister der Quindecimvirn — die Bestände an 
griechischen Orakeln einer gründlichen Revision hatte unterziehen lassen, 
die bisher in den Kellern des capitolinischen Tempels aufbewahrten sibyl- 
linischen Bücher in den palatinischen Apollotempel überführen Hess und 
dadurch den letzteren zum Mittelpunkte wenigstens des ganzen unter 



') Vgl. 0. Jahn, Aus der Altertums- ' W. Chbist, Sitz.Ber. der Mttnch. Akad. 1893 

Wissenschaft S. 294 ff. | I 140 ff. F. Schoell a. a. 0. S. 68. 

') Zum Folgendeu s. Mommsen, Monum. i *) Allerdings setzt Suet. Aug. 31 die 

ant. pubbl. d. Lincei 13, 617 ff. = Eph. 1 Säuberung und Ueberführung der sibyllini- 

epigr. VIII p. 225 ff. ; vgl. auch die Wochen- I sehen Bücher erst nach Uebemahme des 

Schrift ,Die Nation' 1891 Nr. 11 p. 161 ff. | Oberpontificats 742 = 12; aber Cass. Bio 

WissowA, Die Saecularfeier des Augustus, LIV 17 gedenkt der ersteren schon unter 

Marburg 1894. F. Sohoell, Deutsche Rund- | dem J. 736 = 18, und dass die zweite noch 



schau XXIII 4 (1897) 54 ff. 

') So nach Momvsek a. n. 0.; anders 
Vahlen, Sitz.Ber. d. Berl. Akad. 1892, 1016 ff. 



früher fällt, zeigen die Erwähnungen bei 
Verg. Aen. VI 72 ff. und TibuU. II 5, 17 f. 



D. Kaiserseit. 15. BeligiOs« Beformen des AngUBtus. 



69 



Leitung der Quindecimvirn stehenden Staatskultes nach griechischem Ritus 
erhob. 

Eine ganz neue Reihe von Reformen auf religiösem Gebiete begann 
mit dem J. 742 = 12, in welchem Augustus nach dem Tode des Lepidus 
die Würde des Pontifex maximus übernahm und damit diese für alle 
Znkanft mit dem Principate vereinigte ; ^) die mit diesem Amte verknüpfte 
Oberaufsicht über das gesamte Religionswesen des Staates gab dem Kaiser 
Gelegenheit zu einer Reihe von Massnahmen, durch welche wichtige 
Zweige des altrömischen Gottesdienstes Umbildungen im monarchischen 
Sinne erfuhren. Das erste war natürlich auch hier Wiederherstellung 
eingegangener Priestertümer ; insbesondere^) wusste Augustus für das 
sehr unbeliebte Amt des Flamen Dialis nach 75 jähriger Unterbrechung 
wieder eine Neubesetzung zu erzielen (s. oben S. 64), und die Abneigung 
der angesehenen Familien, ihre Töchter gegebenenfalls als Vestalin ein- 
treten zu lassen, suchte er nicht nur durch Erhöhung der Ehrenrechte 
dieser Priesterinnen, sondern auch durch die für die Öffentlichkeit be- 
stimmte Äusserung zu bekämpfen, dass er, wenn eine seiner Enkelinnen 
in dem vorgeschriebenen Alter stände, keinen Augenblick zögern würde, 
sie zur Vestalin zu machen.^) Bedeutsamer war es, dass der Kaiser es 
verstand, den uralten Staatskult der Vesta, zu dem der Pontifex maximus 
in der allerengsten Beziehung stand, gewissermassen zu einem Privatkulte 
des kaiserlichen Hauses zu machen. Er begnügte sich nicht damit, die 
neben dem Wohnhause der Yestalinnen gelegene domus publica, die bisher 
dem Oberpontifex zur Wohnung gedient hatte, den Yestalinnen zu schenken 
und dafür einen Teil seines Palastes auf dem Palatin für Staatsgut zu 
erklären, damit der Forderung, dass der Pontifex maximus in loco publico 
wohne, genügt sei,^) sondern nachdem am 6. März 742 = 12 der Kaiser 
den Oberpontificat angetreten hatte, wurde bereits am 28. April desselben 
Jahres ein neuer Tempel der Vesta auf dem Palatin, mit dem kaiserlichen 
Palaste verbunden, eingeweiht^) und dadurch deutliöh zum Ausdrucke ge- 
bracht, dass nunmehr die Vesta und die Penaten des kaiserlichen Hauses 
zugleich die des Staates seien ; dass die Bedeutung des Aktes wohl gefühlt 
wurde, beweist die Thatsache, dass nicht nur der Tag der Übernahme 
des Oberpontificates, sondern auch der Dedicationstag des palatinischen 
Vestatempels unter die feriae publicae aufgenommen wurden. So thront 
der Kaiser auf dem Palatin zwischen Vesta und Apollo, <') der alten 
Herrin des Staatsherdes und dem göttlichen Schirmherren des herrschenden 



') Zeogiase bei Mommsbn, Res gest. D. 
Aog. p. 45; ygl. Staatsr. II 1052 ff. 

') Wahrscheinlich sind auch die flaminea 
minores, die in Varros Zeit halbverschollen 
smd (oben S. 65), in der Kaiserzeit aber 
wenigstens z. T. wieder begegnen (vgl. z. B. 
CIL IX 705. XI 5028. Eph. ep. IV 759), und 
die Sacerdotes Lannvini, Tuscnlani, Laurentes 
LaTinates u. ä. damals erneuert worden. 

*) Säet. Aug. 31 : sacerdotum et numerum 
et dignUaienif sed et eommoda auxU, praeci- 
pue VeHaiium virginum\ eumque in demor- 



tuae locum aliam capi oporteret ambirentque 
muUi, ne fUias in sortem darent, adiuravity 
ai cuiusquam neptium auarum eompeteret 
aetaa, oblaturum se fuisse eam, 

*) Cass. Dio LIV 27. LV 12; vgl. Job- 
dan, Topogr. I 2 S. 426 Anm. 142. 

*) CIL I« p. 317, vgl. WissowA, Hermes 
XXII 44. Hülsen, Rom. Mitteil. X 1895, 28 ff. 

•) Ovid. fast. IV 951: Phoehua habet 
partem, Vestctepara altera cessit, quod super- 
est Ulis, tertiiis ipse tenet. 



70 Beligion und Kultaa der Römer. I. ReligionBgesohiohte. 

Hauses, zum deutlichen Zeichen, dass das Kaiserhaus der sakrale Mittel- 
punkt des Staates ist. Eine verwandte Anschauung kam einige Jahre 
später in andrer Weise zur Geltung, indem bei der im J. 747 = 7 zum 
Abschluss gebrachten ^) Neueinteilung der Stadt in Regionen und vici der 
herkömmliche Kult der Lares compitales in der Weise reformiert wurde, 
dass an jedem compitum inmitten der beiden Laren desselben der Genius 
des Kaisers eine Stätte der Verehrung fand : *) damit war es zunächst für 
Rom, bald aber auch für die Städte Italiens und des Reiches ausgesprochen, 
dass sich die öfTentliche Religion der Bürger in ähnlicher Weise um die 
Verehrung des •Genius Augusti zu gruppieren habe, wie der Hauskult um 
die des Genius des Hausherrn. 

Wie durch den Bau des palatinischen Vestaheiligtums die alte aed^s 
Vestae am Forum ihre Hauptbedeutung verliert und zu einer ehrwürdigen 
Reliquie wird, so thut eine weitere Tempelgründung des Augustus dem 
capitolinischen Heiligtume in seinem Ansehen wesentlichen Abbruch. In 
den grossen Bauten des Caesar und Augustus lässt sich mit voller Deut- 
lichkeit die politische Tendenz verfolgen, die Gedanken der Bürger los- 
zulösen von den Örtlichkeiten, mit denen die grossen Erinnerungen des 
Freistaates verknüpft waren, und an die Denkmäler der neuen Aera zu 
fesseln: das römische Forum wurde in Schatten gestellt durch das neue 
caesarische Forum, welches der Tempel der Venus GenitrLz, der Stamm- 
mutter des julischen Geschlechtes, beherrschte, die alte Rednerbühne am 
oberen Ende des Forums erhielt eine Konkurrentin an den rostra der im 
j. 725 = 29 dedicierten ciedes divi lulii am unteren Forum, und Augustus 
machte das von ihm erbaute Forum zu einem Denkmale seiner Familie; 
denn den Mittelpunkt desselben bildete der im J. 752 = 2 geweihte 
Tempel des Mars Ultor,^) dessen Inhaber nicht nur als der Rächer des 
ermordeten Caesar verehrt wurde, sondern, wie seine Gruppierung mit 
Venus zeigt, ^) zugleich als göttlicher Urheber des julischen Hauses. Dieser 
in privato solo^) erbaute Tempel erhielt ein Statut, welches ihn mit ganz 
ausserge wohnlichen Vorrechten ausstattete:^) hier sollten die Mitglieder 
der kaiserlichen Familie nach Anlegung der Toga virilis opfern, von hier 
die Magistrate nach den auswärtigen Provinzen gehen, hier der Senat 
über Kriege und Triumphe beschliessen und die Triumphatoren die In- 
signien ihrer Würde niederlegen, hier die gewonnenen Feldzeichen depo- 
niert, hier von den gewesenen Censoren nach Ablauf des Lustrum ein 
Nagel eingeschlagen werden,') Privilegien, welche sich sämtlich in der 
republikanischen Zeit als mit dem Tempel des Juppiter Optimus Maximas 
auf dem Capitol verbunden nachweisen lassen^) und diesem nunmehr zu 
Gunsten des neuen kaiserlichen Heiligtumes entzogen werden. Apollo 



^) MoMMSEN, Hermes XV 109. ' *) Angaben aus dieser lex tempU bei 

») Ovid. fast. V 146. Hör. carm. IV Cass. Dio LV 10. Suet. Aug. 29. 
5, 34; 8. unten § 27. | '') Vgl. dazu Mommsen, Rom. Ghronol. 



*) Jobdan, Topogr. I 2 S. 442 ff. 

^) Ovid. trist. II 295, vgl. Rbiffebscheid, 
Annali d. Inst. 1863, 367 f. Wissowa, De 
Veneris simulacris Roman, p. 51. 

^) Mon. Anc. 4, 21. 



179 f.; Staatsr. II 407. 

8) S. z. B. Serv. Ecl. 4, 50. Liv. XLV 
39, 11. Appian. Lib. 75. Liv. VII 3 und vgl. 
im allgemeinen § 20. 



D. 



16. Die beiden ersten Jahrhunderte. 



71 



Palatinus, Vesta Augusta (um mit diesem allerdings nicht belegteii Namen 
die palatinisehe Göttin im Gegensatze zu der alten Vesta am Forum zu 
bezeichnen) und Mars ültor, sämtlich Gottheiten des kaiserlichen Privat- 
kaltes, und der durch den Tempel des Divus Julius in seinen Anfängen 
dargestellte Eaiserkult sollen nach den Plänen des Augustus die Grund- 
lage der neuen kaiserlichen Religionsordnung bilden, daher nennt er in 
seinem Rechenschaftsberichte (Mon. Anc. 4, 23) neben dem Gapitolium 
gerade diese vier Heiligtümer als von ihm durch reiche Geschenke aus- 
gezeichnet: Dona ex manibiis in Capitolio et in aede divi luli et in aede 

ApoUinis et in aede Vestae et in templo Martis Vltoris consacravi. 

Litteratur: 6. Boissieb, La religion Romaine d' Auguste aus Antonins, Paris 1874, 

I 75 ff. Th. Mommsev, Res gestae Divi Augusti, ed. 2. Berolini 1883 p. 32 ff. 78 ff.; Monnm. 
anticbi pnbbl. per cnra della R. Accad. dei Lincei Vol. 1 punt. 3 (Roma 1891) p. 617 ff. 
= Ephem. epigr. VIIl p. 225 ff. V. Gabdthausbn, Augustus und seine Zeit I 2 S. 865 ff. 

II 2 8. 507 ff. 

16. Die religiösen Verhältnisse in den beiden ersten Jahrhun- 
derten der Kaiserzeit. Die Beformen des Augustus bilden die Grund- 
lage, auf der sich die Entwicklung der religiösen Zustände im römischen 
Reiche bis auf die Zeit der Antonine vollzieht, wenn auch die Keime, 
die der Begründer der Monarchie gelegt hat, nicht alle gleichmässig zur 
Entwicklung gelangt sind. Beherrscht wird diese ganze Periode durch 
das Vorwiegen dynastischer Gesichtspunkte in allen Zweigen des Kultus, 
durch die mit grosser Schnelligkeit sich vollziehende Umwandlung der 
Staatsreligion in eine Hofreligion. Für den öffentlichen Gottesdienst des 
Staates sind von den augusteischen Neuerungen namentlich zwei folgen- 
reich gewesen, die Begründung der Verehiomg des Genius Augusti und 
der Kult der Divi imperatores, den Augustus durch die Errichtung des 
Tempels des Divus Julius einleitete. Caesar hat freilich, da er nie wirklich 
regiert hat, auch sakralrechtlich nie in die Reihe der Divi gehört; aber 
nachdem Augustus selbst nach seinem Tode Tempel und Priester erhalten 
und so die im Laufe der Zeit mehr und mehr sich verlängernde Reihe 
der konsekrierten Kaiser eröffnet hat, bilden der Genius des regierenden 
Kaisers und die zur Zeit vorhandenen Divi imperatores zusammen eine 
fest geschlossene Gruppe neuer Götter, die, neben und der Bedeutung 
nach sogar über den alten Gottheiten der Staatsreligion stehend, bei allen 
öffentlichen Kulthandlungen einen hervorragenden Platz beanspruchen. Am 
deutlichsten tritt dies in der Formel des Beamteneides hervor, in welche 
jetzt zwischen Juppiter 0. M. und die Di penates, die Götter, denen er in 
republikanischer Zeit galt (s. oben S.34 Anm. I), diese Gruppe von Gottheiten 
eingeschoben wird, so dass man z. B. in der Zeit Domitians schwört per 
lovent et divom Äugustum et divom Claudium et divom Vespasianum Äugustum 
et divom Titum Äugustum et genium imperatoris Caesaris Domitiani Augusti 
deosque penates;^) auch bei den Opfern der Arvalbrüder erscheint mehrfach 
dieselbe Verbindung.*) Die Loyalität von Privaten aber, sowohl von ein- 



') Stadtr. y. Salpensa and Malacca CIL 
II 1963 I 30. II 1. 1964 m 15. 

') Zw Feier der Wiederkehr von Neros 
Thronbesteigiiog opfern im J. 58 die Arvalen 
nach Jnppiter 0. M., Juno, Minerva, Felicitas 



Oenio ipsius, Divo Augusto, Divae Augu9taey 
Divo Claudio (CIL VI 2041, 11; vgl. 2042 i 
28 u. a.), and auch bei ihren Piacalaropfem 
verzeichnet das vollständigste Protokoll vom 
J. 224 am Ende der aus dem uralten Ritual 



72 



Religion und KaltnB der BOmer. I. Beligionsgeschichte. 



zelnen Personen und Verbänden, als von Gemeinden und Provinzen, hat 
die ausgesprochene Neigung noch erheblich weiter zu gehen ; sie begnügt 
sich nicht damit, dem Genius des Kaisers dieselbe Art der Verehrung 
entgegenzubringen, die im Hause der Genius des Paterfamilias von Seiten 
der Familienangehörigen und des Gesindes geniesst (s. unten § 28), sondern 
macht auch ohne Vermittlung des Genius die Gestalt des regierenden 
Herrschers zum Gegenstande direkter Adoration. Augustus ist schon bei 
Lebzeiten vielfach im Osten wie im Westen des Reiches, auch in Italien 
selbst, als Gott verehrt worden. Privatleute und Gemeinden, die einen 
solchen Kult auf eigne Verantwortung einrichten konnten und überzeugt 
sein durften, dass auch ein Übereifer an Devotion ihnen nicht zum Schaden 
gereichen würde, haben dem Kaiser ohne weiteres Tempel und Kapellen 
errichtet, Priester für ihn bestellt, Vereine für seinen Kult gegründet;*) 
doch ist stellenweise eine gewisse Absicht der Verschleierung bemerkbar, 
indem der Kaiserkult zunächst im Gefolge eines andern angesehenen 
Gottesdienstes der betreffenden Gemeinde und mit diesem verbunden 
erscheint, bis er diesen allmälig in den Hintergrund drängt und zur 
Hauptsache wird: am deutlichsten ist das in Pompeji, wo sich die alten 
ministri Mercurii Maiae zunächst in ministri Augusti Mercurii Maiae ver- 
wandeln, um schliesslich reine ministri Augusti zu werden.^) In denjenigen 
Fällen aber, wo eine kaiserliche Genehmigung notwendig war, namentlich 
bei der Begründung des Kaiserkultes ganzer Provinzen, gab Augustus 
seine Zustimmung nur unter der Bedingung, dass Tempel und Kult gleich- 
zeitig mit ihm auch der Göttin Roma galten.^) Immerhin hatte die Ver- 
ehrung des lebenden Kaisers in ihren verschiedenen Formen und Modi- 
fikationen unter der Regierung des Augustus im ganzen Reiche mit Aus- 
nahme Roms und des Staatskultes eine weite Ausdehnung gewonnen. Die 
Sachlage versclTob sich aber nicht unwesentlich, nachdem Augustus ge- 
storben und konsekriert worden war; denn in den ihm geweihten Kulten 
traten nicht ohne weiteres seine Nachfolger an seine Stelle, sondern die- 
selben galten nunmehr in erster Linie dem Divus Augustus, mit dem 
dann einerseits die übrigen Divi imperatores, andererseits der jeweilig 
regierende Kaiser verbunden werden konnten;^) mag dabei auch in praxi 



stammenden Götterreihen das Opfer Genio 
domini nostri Severi Älexandri Augusti . . . 
item Divis numero XX (CIL VI 2107, 12; 
nur die Divi ebd. 2099 ii 14. 2104 1 4). Natür- 
lich können aber auch je nach Anlass des 
Opfers der Genius des Kaisers (z. B. an sei- 
nem Geburtstage, Henzbn, Acta fratr. Ary. 
p. 57) oder die Divi imperatores (z. B. an den 
Augustalia, Henzek a. a. 0. p. 50) allein an- 
gerufen werden. 

') CuUores Augusti, quiper omnes domos 
in modum collegiorum habebantur, Tac. ann. 
I 73; über italische Kulte des lebenden 
Augustus privater oder municipaler Grün- 
dung 8. 0. HiRscHFBLD, S.Ber. Akad. Berlin 
1888, 838 (vgl. Nissen, Pompejan. Studien 
S. 182 f.). £. Beürlibr, Le culte imperial 17. 

») CIL X p. 1149; ähnlich finden wir, 



ebenfalls zu Lebzeiten das Kaisers, in Nola 
einen mctgister Mercurialis et Augustalis (CIL 
X 1272), in Tibur Herculanei Augustales (s. 
CIL XrV p. 367), ebenso in Grumentum (CIL X 
230), in Tusculum Augustales aeditui Castorfs 
et Pollucis (CIL XIV 2620, vgl. 2637), in 
Patavium Augustales ConcordiaUs (CIL V 
2525. 2872). 

') Templa ... in nuUa . . provincia nisi 
communi suo Romaeque nomine recepit, Suet. 
Aug. 52. lieber den provinzialen Kaiserkult 
s. 0. HiBscHFELD a. a. 0. 847 ff. (dazu M. 
Krabcheninnikoff, Philol. LIII 147 ff.). Beür- 
libr a. a. 0. 99 ff. C. G. Brandis, Real-Encycl. 
II 473 ff. 

*) Das prägt sich aus in Priesterbezeich- 
nungen wie flamen Romas Divorum et Augu- 
storum promnciae Hispaniae citerioris (CIL 



D. Eaiserseit. 16. Die beiden ersten Jahrhunderte. 73 

der lebende Herrscher vielfach im Vordergi'unde gestanden haben, so 
verlor doch seine Verehrung durch die Anknüpfung an den Gründer der 
Monarchie sozusagen das persönliche Element^) und galt mehr der Re- 
gierungsgewalt in abstracto; jedenfalls hat nie nachher ein einzelner 
lebender Kaiser eine so allgemeine Sonderverehrung im Reiche genossen 
wie Augustus.*) Die sehr verschiedene Stellung, welche die einzelnen 
Regenten persönlich zum Kaiserkulte einnahmen, hat die allgemeinen 
Grundlagen der Institution, wie sie durch deren erste Entwicklung ge- 
geben waren, nicht erheblich verschoben; weder konnte die grosse Zurück- 
haltung, wie sie z. B. Tiberius^) und Trajan übten, die dominierende 
Stellung des Kaiserkultes im provinzialen und municipalen Gottesdienste * 
wesentlich beeinträchtigen, noch haben die gesteigerten Ansprüche, welche 
Caligula, Nero, Domitian an die öffentliche Adulation stellten, das Gesetz 
umzustossen vermocht, dass für den Staatskult der Fürst Gegenstand der 
Verehrung erst werden kann, wenn er aus den Reihen der Lebenden ge- 
schieden und konsekriert ist.^) Dies Gesetz hat bis auf Diocletian un- 
verbrüchlich gegolten; der Staatskult kannte nur die Divi imperatores 
und den Genius des regierenden Kaisers; auf den letzteren bezieht sich 
auch die Heilighaltung der imago prindpis,^) die klärlich aus der Ver- 
ehrung des Genius Augusti zwischen den Larenbildern (vgl. die coUegia 
Larum et imaginum Aug, CIL VI 307 u. a.) hervorgegangen ist, während 
die Aufnahme des Namens in das Salierlied, durch die Augustus^) und 
andre Kaiser bei Lebzeiten geehrt wurden, nicht notwendig eine Ein- 
reihung unter die Götter zu bedeuten braucht; ist aber eine solche ge- 
meint, so wird man auch hier an den Genius des Kaisers zu denken 
haben. Wie aber trotz dieser Beschränkung des Kaiserkultes der gesamte 
Staatsgottesdienst mehr und mehr eine Richtung auf die Verherrlichung 
des Kaiserhauses nahm, lassen die Protokolle der Arvalbrüder mit voller 
Deutlichkeit erkennen. Wenn schon im J. 724 = 30 angeordnet worden 
war, dass die römischen Staatspriester und -Priesterinnen bei allen für 
Senat und Volk gethanen Fürbitten und Gelübden auch des Kaisers ge- 
denken sollten (Cass. Dio LI 19), so zeigt die Geschäftsführung der Arval- 
brüder, wie tief diese Massregel in den ganzen Betrieb des Staatsgottes- 
dienstes eingriff. Abgesehen von Ankündigung und Feier des alljährlich 



11 4205 a. a.)» agxiegevg xioy leßaartuy xal 1 nisi permittente se poni, permisiique ea sola 
Ifegmroi KXav&iov Kal^agog ^Eßaarov (I6S ' condicione, ne inter simalacra deorum, sed 
I 2718); wahrscheinlich blieb der ProviDzial- | inter ornamenta (ledium ponerentur, Suet. 



kalt meist mehr dem regierenden Herrscher 
reserriert, während die Verehrung der Divi 
den einzelnen Gemeinden zuüel (0. Hibscb- 
FBU) a. a. 0. S. 849). 

') Vgl. namentlich Momhskn, Staatsr. 11 
734 flF. 

') Priester regierender, mit Namen be- 
zeichneter Kaiser fehlen im Westen ganz 
(0. HiBSCHTBLi) a. a. 0. S. 843 Anm. 48), im 
Osten sind sie auch nicht sehr zahlreich (Bei- 
spiele bei Bbakdis a. a. 0. 479 f.). 

') Templa, flamines, sacerdotes decerni 
Mihi prohibuit, etiam statucu atque imagines 



Tib. 26; vgl. Mommskn, Hermes XVII 641. 

*) Nam deum honor principi non ante 
habetur, quam agere inter homines desierit, 
Tac. ann. XV 74; über die Ansprüche der ge- 
nannten Kaiser Suet. Calig. 22. Tac. a. a. 0. 
Plin. paneg. 52. 

*) Vgl. Pbibdlandeb, SittGesch. HI* 
S. 209 fr. und über die Kaiserstatuen im Lager 
V. DoMASZEWSKi, Westdeutsche Zeitschr. XIV 
68 ff. 

•) Mon. Anc. 2, 21. Oass. Dio LI 20; 
andres bei Marquardt, Staatsverw. III 438. 



74 Beligion und Kaltas der BOmer. I. Beligionsgeschiehte. 

wiederkehrenden Hauptfestes der Dea Dia und von den durch ausser- 
ordentliche Anlässe hervorgerufenen Piacularopfern bewegt sich die ganze 
Thätigkeit der Priesterschaft so gut wie ausschliesslich in sakralen 
Loyalitätskundgebungen; ausser den allgemeinen Vota für das Wohl des 
Herrscherhauses am 3. Januar begegnen uns ähnliche regelmässige Jahres- 
vota für jedes Regierungsjahr des Kaisers, ferner einmalige Bitt- und 
Dankgelübde und -Opfer bei besonderen Gelegenheiten, z. B. bei der Er- 
krankung des Kaisers oder der Niederkunft der Kaiserin, beim Auszuge 
des Fürsten zum Feldzuge oder bei seiner siegreichen Rückkehr u. a., 
endlich in der ersten Zeit, bis die flavischen Kaiser diese Feiern von der 
Geschäftsordnung der Arvalen entfernen, auch Opfer an allen persönlichen 
Gedenktagen des regierenden Herrschers und seiner Familie. Wie sehr 
diese ganze Gattung heiliger Handlungen dem Gottesdienste der Arval- 
brüder als etwas Fremdartiges aufgepfropft ist, sieht man am besten 
daraus, dass die bei diesen Akten angerufenen Gottheiten ganz andre sind 
als die, die bei dem alten Jahresfeste und bei den Sühnopfern in Wirksam- 
keit treten ; sogar Dea Dia, der doch der ganze Dienst der Priesterschaft 
gewidmet ist, erscheint nur in der allerersten Zeit — hinter der capi- 
tolinischen Trias — - in den Neujahrsvota, nachher vollziehen sich diese 
Loyalitätsakte durchweg, ohne dass der eigentlichen Inhaberin des Kultes 
auch nur mit einem Worte gedacht würde, das Band zwischen dem alten 
und dem neuen Gottesdienste ist zerrissen. Ähnliche Umwälzungen hat 
gewiss der Dienst aller Staatspriesterschaften erfahren, und z. B. in den 
rituellen Gesängen der Salier müssen sich die aus Gourtoisie aufgenom- 
menen Namen der Kaiser und kaiserlichen Prinzen neben den uralten, 
den Priestern selbst längst unverständlich gewordenen Formeln absonder- 
lich genug ausgenommen haben. Die Götterreihen, welche bei den Bitt-, 
Dank- und Erinnerungsopfern der Arvalbrüder und sonstigen Priester 
angerufen werden, gehören in ihrer Gesamtheit keinem der alten Staats- 
kulte an, sondern sind eigens für diese Art von Kulthandlungen zusammen- 
gestellt. Den Grundstock bilden die Götter des Capitols, Juppiter 0. M., 
Juno Regina und Minerva, zu denen als vierte Salus publica p. R. Q. tritt; 
diese bei den Neujahrsvota angerufene Gruppe wird dann je nach dem 
Anlass der Feier durch das Hinzutreten anderer Götter meist von symbo- 
lischer Bedeutung erweitert. Schon unter Augustus hatte der Senat die 
Rückkehr des Kaisers aus dem Orient im J. 735 = 19 und aus dem 
spanisch-gallischen Feldzuge 741 = 13 durch Stiftung von Altären der 
Fortuna Redux bezw. der Pax Augusta gefeiert, und im J. 744 = 10 
hatte Augustus selbst aus der ihm von Senat und Volk überreichten 
Geldspende Altäre und Statuen der Concordia, Salus publica und Pax er- 
richtet r^ diese Personifikationen einerseits der durch den Kaiser herbei- 
geführten Segnungen (Felicitas, Pax), andererseits der den Kaiser be- 
schützenden göttlichen Mächte (Victoria, Fortuna) nehmen bei den sakralen 
Handlungen auf Kosten der alten Staatsgötter einen immer breiteren Raum 
ein und werden zu indirekten Trägern des Kaiserkultes, indem sie der 

') Cass. Dio LIV 35, 2. Ovid. fast. III 881 f. 



D. Kaiserseit. 16. Die beiden ersten Jahrhunderte. 75 

Verherrlichung des Fürsten dienen. Noch deutlicher tritt dies hervor, 
wenn die wirklichen oder angeblichen Tugenden und Charaktereigenschaften 
der Kaiser zu Gegenständen öffentlicher und privater Verehrung werden; 
wenn Augustus sich rühmt (Mon. Anc. 6, 18), Senat und Volk von Rom 
habe ihm zu Ehren in der Curia Julia einen goldenen Schild aufgehängt, 
laut Inschrift virtutis clementiae iustitiae pietatis causa, *) so ist das die un- 
mittelbare Vorstufe zu dem nachher so weit verbreiteten Kulte von Göt- 
tinnen wie Virtus Augusta, dementia Augusta, Justitia Augusta, Pietas 
Augusta u. a. So wird von allen Seiten die Bedeutung der alten Staats- 
götter eingeengt und geschmälert. Nur die capitolinische Trias behauptet 
ihren Platz an der Spitze des römischen Staatskultes und behält gegen- 
über der Konkurrenz, die ihr eine Zeit lang in den augustischen Privat- 
kulten des Apollo Palatinus und Mars ültor erwachsen war, endgiltig den 
Sieg; Glanz und Bedeutung ihres Heiligtums wird insbesondere durch die 
flavischen Kaiser, von denen Domitian den glänzenden Agon Capitolinus 
einsetzt, dann auch durch Trajan bedeutend erhöht,^) und der Verein Jup- 
piter 0. M., Juno, Minerva erscheint nicht nur am Eingange aller Götter- 
anrufungen bei den offiziellen Opfern und Gebeten, sondern auch zahl- 
lose Weihinschriften aus allen Teilen des Reiches, vor allem die Dedi- 
cationen der verschiedenen Truppenkörper des römischen Heeres, 3) zeigen, 
dass Juppiter 0. M. mit seinen beiden Genossinnen nach wie vor als der 
eigentliche göttliche Schirmherr des römischen Staates und Heeres gilt. 
Aber die übrigen Götter der Republik verlieren mehr und mehr ihre Be- 
deutung. Die besseren Kaiser legen allerdings Wert darauf, nicht nur 
als Träger des Oberpontificats und Mitglieder der grossen Priesterkollegien 
äusserlich am Staatskulte Teil zu haben, sondern auch wie Augustus als 
Wiederhersteller der Tempel und Beschützer des alten Ceremonialgesetzes 
aufzutreten ; *) aber es handelt sich nur noch um die äussere Konservierung 
eines Gottesdienstes, aus dem das innere Leben mehr und mehr entweicht. 
Der beste Beweis dafür ist die Thatsache, dass — abgesehen von dem 
schrullenhaft übertriebenen Minervenkulte Domitians — neue Tempel und 
Kulte in dieser Periode ausser für die konsekrierten Kaiser nur für jene 
göttlichen Personifikationen abstrakter Begriffe gegründet werden, in denen 
allein die religiöse Phantasie jetzt noch schöpferisch ist;^) Vespasians 
Templum Pacis und Hadrians Tempel von Venus und Roma bieten dafür 
die signifikanten Beispiele.^) Für die litterariscb gebildeten Kreise der 



*) Vgl. MoMMBBN, Res gestae D. Aug. 
p. 152 f. Die Belegstellen für die sonst im 
Texte erwfil&nten Tbatsachen s. in § 54. 

') Zeugnisse bei £. Aust in Roschers 
Lexik. II 749 f. 

■) y. DoMASZBwsKi, Westd. Zeitschr. XLV 
22 ff. 

^) Wiederherstellong von Tempeln durch 
Tiberius, Tac. ann. II 49; Vespasian conser- 
vator eaerimoniarum publicarum et reatitutor 



ninus Pius wird vom römischen Senate und 
Volke geehrt oh inaignem erga caerimonicis 
publicas curam ac religionem, CIL VI 1001 
(vgl. Hist. aug. Ant. P. 13, 4 und Qber seine 
Münzbilder Eokhbl, D. N. VII 29 ff.). 

*) Auch Annona, die FbirdlämdeRi Sitt.- 
Gesch. III 511 besonders hervorhebt, gebort 
in diesen Kreis. 

^) Vgl. E. Aust, Die stadtrOmischen 
Tempelgründungen der Kaiserzeit, Gymn.- 



o^ttim «arrarum, CILVI 984; Trajan «agraria Progr. Frankf. a. M. 1898, wo aber aedes 

numinum vetustate collapsa a solo restituit, ! publicae und Privatbeiligtümer nicht ge- 

CIL VI 962; Hadrian saera Romana diligen- ■ schieden sind. 

titsime curavU^ Hist. aug. Hadr. 22, 10; Anto- \ 



76 Beligion und Kaltns der BOmer. I. Religionsgeachiohte. 

Gesellschaft sind die Götter der Staatsreligion zu leeren Schatten geworden; 
das Erstarken des religiösen Bedürfnisses, das sich in Seneca und Epiktet, 
später in Fronto und Marc Aurel deutlich zeigt, führt nicht eine Rückkehr 
zu den alten Göttern herbei, sondern man wendet sich mit dem Gebete 
an eine ganz allgemein verschwommene, höchst unpersönlich gedachte 
Gottheit, und an die Stelle eines positiven Glaubens tritt ein farbloses, 
von allen historischen und nationalen Voraussetzungen losgelöstes Moral- 
gesetz. In der privaten Religionsübung der mittleren und unteren Volks- 
schichten erhalten sich freilich die alten Götter länger, namentlich solche, 
die, wie z. B. Silvanus, Liber, Diana, Hercules, Minerva, Mercurius, die 
Laren, mit dem häuslichen und ländlichen Leben eng verwachsen sind 
oder als Schützer bestimmter Gewerbe und Thätigkeiten gelten;^) aber 
auch ihre Verehrung bleibt nicht unberührt von der alles durchdringenden 
Devotion gegen den Herrscher. Der Gedanke des Augustus, die Götter 
seines Hauses der allgemeinen Verehrung zu empfehlen, trägt jetzt Frucht, 
indem man, ausgehend vom Kulte der Lares Augusti und der Vesta Au- 
gusta, d. h. der Herdgötter des Kaisers, dazu gelangt, allen Götternamen 
ohne Ausnahme das Beiwort augustus beizusetzen,^) um dadurch zum 
Ausdrucke zu bringen, dass man die betrefTende Gottheit in demselben 
Sinne verehre, wie es der Kaiser in seinem Hauskulte thue. Eine noch 
grössere Entfremdung von ihrer alten Eigenart erfahren die römischen 
Götter durch die Ausbreitung ihres Kultes über alle Teile des Reiches, 
wobei sie die Götter der Barbaren in sich aufnehmen und mit ihrem rö- 
mischen Namen die fremden Götterdienste der Provinzen decken. In der 
Überzeugung, dass die Gottheiten fremder Religionen nur im Namen sich 
von den römischen unterscheiden, innerlich aber mit ihnen wesensgleich 
oder verwandt sind, wendet der Römer im fremden Lande überall die 
interpretatio Romana (Tac. Germ. 43) an, d. h. er erkennt mit grösserem 
oder geringerem Rechte an einzelnen Ähnlichkeiten des Gottesdienstes oder 
der Auffassung in den fremden numina die eigenen Götter wieder und 
gibt ihnen deren Namen, die die Provinzialen sich in demselben Masse 
aneignen, in dem sie sich der höheren römischen Kultur erschliessen ; ob 
der einheimische Name des Gottes als Beiname neben dem römischen be* 
wahrt bleibt oder verschwindet, macht für die Sache keinen wesentlichen 
Unterschied. VTenn unter den römischen Göttern, die so zu Trägem 
fremder Religionsvorstellungen werden, nächst dem höchsten Gotte Jup- 
piter 0. M. — namentlich in den germanischen und keltischen Provinzen 
— Mars und Mercurius obenan stehen,') so spiegelt sich darin die That- 
sache wieder, dass der römische Soldat und der römische Kaufmann fds erste 
Pioniere der Kultur den neuen Boden gewannen und natürlich die Neigung 
hatten, die Götter ihres Berufes in den angesehensten Gottheiten des 
fremden Landes wiederzufinden. Aber auch andre römische Gottheiten 
treten, ohne dass wir jedesmal die für die Gleichsetzung massgebenden 



*) üeber die Gottheiten der coVegla vgl. ' zion. epigraf. T 925 f. 

LiBBBNAM, Zur Gesch. u. Organisation des ! ') Belege bei Röscher, Mythol. Lexik, 

röm. Vereinswesens S. 288 ff. i II 2397 ff. und Stbüdiho ebd. II 2828 ff, 

') Materialsammlong bei RüoeisBO, Di- 



D. Kaiserseit. 16. Di« beiden ersten Jahrhunderte. 



77 



Erwägangen noch ermitteln könnten, zur Verdolmetschung der Barbaren- 
götter ein, z. B. Hercules für den germanischen Donar, Saturnus für den 
punischen Ba'alchammto, Minerva für die britannische Göttin der heissen 
Quellen von Bath (Aquae Sulis), Neptunus für einen oberitalischen, Silvanus 
für einen dalmatinischen Gott u. s. w. Vermittelt wurde die Bekanntschaft 
der Römer mit diesen landfremden Gottheiten insbesondere durch das 
Heer, in welchem die peregrinen Truppenkörper, die ihre nationale Zu- 
sammensetzung bewahrt hatten, ihre einheimischen Schutzgötter fort- 
führten;*) auf diesem Wege ist z. B. die keltische*) Stall- und Pferde- 
göttin Epona auch bei den römischen Bürgertruppen (CIL HI 3420) und 
sogar in Rom selbst zur Verehrung gelangt.^) Ganz besonders lehrreich 
für diese Art des Eindringens fremder Gottheiten sind die in der rö- 
mischen Kaserne der vorwiegend aus Germanen und Kelten rekrutierten 
Equites singulares aufgefundenen Votivsteine, gesetzt von den in den Jahren 
132 — 141 aus dieser Truppe ausgeschiedenen Veteranen; die Weihungen 
richten sich, von zufalligen Schwankungen abgesehen, immer an denselben 
Götterverein, nämlich Juppiter 0. M., Juno, Minerva, Mars, Victoria, Her- 
cules, Fortuna, Mercurius, Salus, Felicitas, Fata, Campestres, Silvanus, 
Apollo, Diana, Epona, Suleviae und Genius singularium; es treten also zu 
a) der Trias der capitolinischen Gottheiten b) ein Dreiverein der germa- 
nischen Hauptgötter Donar, Tiu und Wodan in der Romanisierung als 
Mars, Hercules, Mercurius, c) die Personifikationen Victoria, Fortuna, Salus, 
Felicitas, die beiden ersteren mit Beziehung auf das Kriegsglück der 
Truppe, die andern beiden, wie bei den Arvalbrüdern, auf die Wohlfahrt 
des Reiches, d) die einheimischen Lokalgottheiten der Truppe, nämlich 
Fata, Campestres, Epona, Suleviae für die Kelten und Germanen, Silvanus, 
Apollo, Diana für die Illyrier und Dacier, endlich e) nach römischer An- 
schauung der Genius als göttliche Verkörperung der Truppe,*) Ein ähn- 
liches Durcheinandergehen alter und neuer, römischer und barbarischer 
Religionsvorstellungen zeigen in bescheidenerer Weise auch zahlreiche 
andre sakrale Denkmäler aus den Provinzen. Es gibt eben keine Reichs- 
religion , sondern die durchsichtige ^ Hülle römischer Namen deckt eine 
unerschöpfliche Mannigfaltigkeit verschiedenartiger Religions Vorstellungen, 
die mit dem Ganzen nur locker durch die Verehrung des Juppiter 0. M. 
und den Kaiserkult in seinen verschiedenen Formen und Nuancen ver- 



') Vgl. die schönen und frachtbaren 
Untereucbungen v. Domaszewskis, Westd. 
Ztschr. XIV 45 ff. 

*) üeber die von v. Domaszkwski a. a. 0. 
52 mit Unrecht geleugnete keltische Her- 
kunft der Epona s. jetzt S. Beihach, Revue 
archöol. XXYl (1895) 163 ff. 309 ff., der das 
TollatAndige Material gibt. 

*) Aosserhalb des keltischen Kreises (in 
diesen gehört der Bauemkalender von 6ui- 
dizzolo bei Mantua, mit der Notiz XV Kialen- 
dtu) Ia[n]uar(ia8) Epon[a)e, CIL I^ p. 253, 
vgl. 387) ist das Älteste Zeugnis Jnven. 8, 157; 
denn die Dentong des pompejanischen Wand- 
bildes Annuli d. Inst. 1872 tav. D auf Epona 



ist höchst fraglich. 

*) Die Inschriften sind am besten publi- 
ziert von Henzbn, Annali d. Inst. 1885,235 ff.; 
dazu vgl. für die germanische Trias C. Zamgb- 
meistIb, N. Heidelb. Jahrb. V 1895, 46 ff. 
(Nachträge von Sixt, ebd. VI 1896, 59 ff.; s. 
auch V. DoMASZEWSKi a. a. 0. 46 f.), über Fata 
Campestres Suleviae M. Sieboubo, De Sulevis 
Campestribus Fatis, Diss. Bonn 188(i. M. Ihm, 
Jahrb. d. Vereins d. Altertumsfr. im Rheinl. 
LXXXIII (1887) und in Roschers Lexik. II 
2464 ff., über Silvanus Apollo Diana als 
illyrisch-thrakische Götter v. Domaszbwski 
a. a. 0. 52 ff. 



78 



Religion und Kultus der Römer. I. Religionsgeschichte. 



bunden werden, während die eigentliche Staatsreligion immer an den 
stadtrömischen Boden gefesselt blieb und schon darum sich nicht zur 
Reichsreligion herauswachsen konnte. 

Litteratur: 6. Boissier, La religion Romaine d'Auguste aux Antonins, Paris 1874. 
L. Fbiedländer. Sitt.6esch. IIP 477 ff. V. Duruy, Formation d'une religion officielie dann 
Tempire Romain, Revue de Thistoire des relig. I 1880, 161 ff. Für den Kaiserkult (s. auch 
unten § 55) reiche Litteratumachweise (nicht mehr) bei Drrxlbr in Roschers Lexik. II 
901 ff. Eine für die Religionsgeschichte der Kaiserzeit unerlässliche Vorarbeit, eine 6eo- 
graphia sacra imperii Romani, fehlt noch. 

17. Die Zeit der Auflösung seit den Antoninen. So reich auch 
der Zustrom auswärtiger, den römischen wie den romanisierten griechischen 
Göttervorstellungen fremder Religionsanschauungen durch das Heer und 
den Handelsverkehr sein mochte und so zahlreich die Fälle sind, dass der 
nach Rom übersiedelnde Fremde oder Freigelassene seine heimischen Kulte 
in der Hauptstadt weiterpflegt und auch Römer zu Proselyten macht, 
so ist doch die offizielle Staatskirche in den ersten beiden Jahrhunderten 
der Kaiserzeit von diesen Einflüssen verhältnismässig wenig oder gar nicht 
berührt worden. Dem einzelnen Bürger ist es nicht untersagt, in solo 
privato auch vom Staate nicht recipierte Gottheiten zu verehren, falls er 
damit nur nicht gegen die allgemeine Ordnung verstösst und darüber seine 
Pflichten gegen den öffentlichen Gottesdienst nicht vernachlässigt ; in noch 
höherem Masse ist der von der nationalen Gottesverehrnng ausgeschlossene 
Fremde in seiner eigenen Religionsübung unbeschränkt, soweit nicht die 
Rücksicht auf Ordnung und gute Sitte in Frage kommt; ■) darum hat es 
in der Hauptstadt selbst und überall in Italien eine Menge von Kapellen, 
Altären und Votivsteinen für auswärtige, insbesondere orientalische Gott- 
heiten gegeben, und namentlich waren es die Hafenstädte, wie z. B. Ostia*) 
und Puteoli,*) mit ihrem internationalen Verkehr, die für diese Fremdkulte 
das Eingangsthor bildeten. Aber all diese Kulte sind aus den Grenzen 
privater Religionsübung auch dann nicht herausgetreten, wenn sie an 
weiteren Kreisen der Bürgerschaft ihre werbende Kraft bewiesen — wie 
z. B. der Kult der Isis namentlich in der Frauenwelt — oder wenn dieser 
oder jener Kaiser ihnen seine persönliche Neigung zuwendete.*) Zur 
offiziellen Aufnahme in die Staatsreligion ist, soviel wir sehen können, 
vor dem Beginne des 3. Jahrhunderts keiner der orientalischen Fremd- 
kulte gelangt, die teilweise im religiösen Leben des Volkes bereits eine 
sehr bedeutende Rolle spielten; denn selbst das hochangesehene Heilig- 



MoKMSEN, Histor. Zeitschr. N. F. 
XXVIIl 401 ff. 

^) Ueher die dortigen Kulte von Isis, 
Magna Mater und Mithras s. Dessau, CIL 
XIV p. 5. 18. 

') Puteoli besitzt schon im J. 649 = 105 
einen Serapistempel (CIL X 1781; vgl. Th. 
WiBGAND, Jahrb. f. Philol. Suppl. XX 697 ff.), 
in Trajans Zeiten begegnen dort cultores lovis 
Heliopolitani Berytenses, qui PuteoUs con- 
aistunt (CIL X 1634, vgl. 1578 f.). ferner 
sacerdotea lovis optimi maximi Damasceni 
(CIL X 1595- 1597), sogar eine Weihinschrift 
an den nabataeischen Qott Dusares bat sich 



dort gefunden (CIL X 1556). 

*) Augustus (Suet. Aug. 93), Claudius 
(Suet. Claud. 25), Hadrian (J. Di^BR, Reisen 
Hadrians S. 46 f.), Marc Aurel (Hist. aug. M. 
Aur. 27, 1) u. a. waren in die eleusinischen 
Mysterien eingeweiht (vgl. P. FoüCABT,Compt. 
rend. de Tacad. d. inscr. et bell, lettr. 4. s^r. 
XX 1892, 384), Nero war zeitweise ein be- 
sonderer Verehrer der Dea Suria (Suet. Nero 
56), Otho, Vespasian, Domitian begünstigten 
die ägvptischen Gottesdienste (G. Lafate, 
Hist. du culte des divinit^s d*Alexandrie 
S. 60 f.). 



D. Eaiserseit. 17. Zeit der Anflösniig seit den Antoninen. 



79 



tum der Isis Campensis im Marsfelde ist keine aedes publica gewesen 
und wir kennen in der früheren Eaiserzeit weder ein Staatsfest noch 
Staatspriester der Isis, noch auch hören wir von einer Überweisung ihres 
Dienstes in das Ressort derQuindecimvim, wie sie doch nachweislich für den 
recipierten Kult der Grossen Mutter erfolgt ist. Dieser letztere aber unter- 
schied sich auch, soweit es sich um das Staatsfest handelte, in seinem 
Ceremoniell nicht wesentlich von den zahlreichen in Rom aufgenommenen 
griechischen Gottesdiensten, und was einen ausgesprochen fremdartigen 
Charakter trug, die Umzüge und Schaustellungen der Galli, blieb zunächst 
ebenso auf die landfremden Priester der Göttin beschränkt, wie die von 
wilder Musik und Selbstverwundungen begleiteten Tänze der Bellonarii, 
d. h. der Diener der kappadokischen Mä-Bellona. Nur wenn die orien- 
talischen Fremdkulte in den beiden ersten Jahrhunderten der Eaiserzeit 
zwar zahlreiche Anhänger bis hinauf in die höchsten Kreise der Gesell- 
schaft besassen, der staatlichen Anerkennung aber ermangelten, ver- 
stehen wir die ganz abweichende Haltung; die die verschiedenen Kaiser 
ihnen gegenüber einnehmen, indem die einen (siehe oben S. 78 Anm. 4) 
sie auffallend begünstigen, andere, wie Augustus und Hadrian,^) sie mit 
Verachtung behandeln ; dass aber gar Tiberius nicht nur mit harten Strafen 
gegen die Anhänger der sacra Aegyptia et ludaica vorgeht, sondern auch 
— allerdings veranlasst durch einen bestimmten skandalösen Vorfall — 
den Tempel der Isis zerstören und ihr Bild in den Tiber werfen lässt,^) 
ist eine gegenüber einer recipierten Gottheit des Staatskultes völlig undenk- 
bare Handlungsweise. Seit der Zeit des Augustus ist eine Verfügung in 
Geltung, welche die Heiligtümer dieser landfremden Gottheiten der öst- 
lichen Reichshälfte von dem geheiligten Bezirk des Pomeriums aus- 
schliesst oder gar noch weiter von der Stadtgrenze fernhält; 3) dieselbe 
Schranke also, die früher zwischen den römisch-italischen Kulten und 
den Gottesdiensten des graecus rüus aufgerichtet war (siehe oben S. 40), 
scheidet nun die Gesamtheit der sacra Bomana einheimischen wie griechi- 
schen Ursprungs von den sacra peregrina^^) deren Begriff sich auf die 
Religionen der fremdartigen ägyptischen und orientalischen Kulturzone 
verengt hat. Gefallen ist diese Schranke erst gleichzeitig mit der Schei- 
dung von cives Romani und peregrini im römischen Reiche, und es ist 
kein Zufall, dass Caracalla, der das römische Bürgerrecht an alle freien 
Reichsangehörigen verlieh, auch derjenige war, der Isis in die Reihe der 
Staatsgottheiten aufnahm und ihr, wie den übrigen fremden Göttern, die 
Pomeriumsgrenze öffnete; seitdem strömen die Gottheiten aller Provinzen 
in Rom als dem femplum mundi totius (Amm. Marc. XVII 4, 13) zusammen. 



1) Säet. Aug. 93. Hisi. aug. Hadr. 22, 10. 

*) Joseph, ant. XVIII 79. Tac. ann. II 85. 
Säet. Tib. 36. 

') Cass. Dio LIII 2, 4 xal ra f^y legd 
Ja JiyvnxMi ovx eigedä^aro etaat tov naif^tj- 
Qiov (die folgenden Worte ftiv de dij y«v5v 
Ti^voiap inoiij<raro u. s. w. beziehen sich 
nicht, wie vielfach angenommen wird — z. B. 
DsEZLBR in Roschers Lexik. II 403 — auf 
die ägyptischen Kulte, sondern auf die all- 



gemeine Tempelherstellung durch Augustus, 
8. oben S. 67). LIV 6, 6. 

*) Bist. aug. Hadr. 22, 10: sacra Ro- 
mana diligentissime euravit, peregrina 
contempsit; gleichbedeutend mit den sctcra 
peregrina sind die externae superstitiones des 
Tac. ann. XI 15. XFII 32 (externae caerimo- 
niae Suet. Tib. 36) u. a., vgl. Mokmsbn, Rist. 
Zeitschr. N. F. XXVIir404, 1. 



80 



Religion Tind Knltna der BOmer. I. Religionegeschichte. 



und es wird das Wort zur Wahrheit, dass die übrigen Völker jedes seinen 
besonderen Gott verehrten, die Römer aber alle Gottheiten der Welt 
insgesamt.^) Es ist nicht immer mit Sicherheit auszumachen, ob die 
Eultusstätten solcher ausländischer Gottheiten, die wir im 8. und. 4. Jahr- 
hundert in Rom intra und extra pomerium in grosser Zahl nachweisen 
können, Staatstempel sind oder nicht: für die kappadokische Mä-Bellona 
und den kommagenischen Dolichenus scheint für diese Zeit Staatskult 
anzunehmen, während man einen solchen für den Gott von Baalbek (Jup- 
piter 0. M. Heliopolitanus) und die syrische Atargatis (Dea Suria) nur 
mit Wahrscheinlichkeit vermuten kann. Zu um so grösserer Bedeutung 
im römischen Staatskulte sind aber durch die Kaiser Elagabal und Aurelian 
die Ba'alim von Hemesa (Dens Sol Elagabal) und Palmyra (Sol invictus) 
gelangt, und wenn der erstgenannte Kaiser sich nicht damit begnügt, 
seinen Gott mit der punischen Göttin von Karthago (Caelestis) zu ver- 
mählen, sondern auch den heiligen Stein der Magna Mater, das Feuer der 
Yesta, das Palladium, die Ancilia der Salier und andi*e Heiligtümer in 
seinen Tempel bringen lässt^) und in der offiziellen Titulatur die Würde 
des sacerdos amplissimus dei invicti Solls Elagahali der des Pontifex maxi- 
mus voranstellt,^) so zeigt das eben so deutlich das Bestreben, diese 
orientalische Religion über und an die Stelle der altrömischen zu setzen, 
wie wenn Aurelian für seinen Sonnengott ein neues Kollegium von ponti- 
fices Solls einsetzt, das die Pontifices der alten Religion des Numa in den 
Hintergrund drängen soll. Der Gott Elagabal verfiel ebenso wie der Kaiser, 
der sein Priester gewesen war, der damnatlo memoriae,*') der palmyrenische 
Sonnengott Aurelians aber hat bis auf die Zeiten des Julian eine hervor- 
ragende Rolle in der Staatsreligion gespielt. In den Schatten gestellt 
wurde er freilich durch den nach Herkunft und Bedeutung verwandten 
Kult des persischen Mithras, der, während des 2. Jahrhunderts durch die 
Soldaten und die Sklaven aus den asiatischen Provinzen mit wachsender 
Schnelligkeit verbreitet, seit dem 3. Jahrhundert im religiösen Leben der 
Westhälfte des Reiches obenan steht. Die ganze Art und Anlage des 
Mithrasdienstes mit seinen Grotten tempeln und kleinen Gemeinden, seinen 
Graden und Weihungen entzog sich derart den Formen der römischen 
Staatskirche, dass wahrscheinlich aus diesem Grunde eine offizielle Reception 
des Mithras unter die dl publlcl p, R. nie erfolgt ist,*^) obwohl der Kult 



*) Minne. Fei. 6, 1 : inde adeo per uni- 
versa imperia provincias oppida videmus 
aingulos sacrorum ritus gentiles habere et 
deo8 colere municipes, ut Eleusinios Cererem, 
Phrygaa Matrem, Epidaurios Aesculapium, 
ChaJdaeos Belum, Astarten Syros, Dianam 
Taurios, Gallos Mercurium, numina universa 
Romanos. 

') Hist. aug. Heliog. 3, 4; vgl. Herodian. 
V 5, 7. 

«) V. DoMA8ZEW8Ki,We8tcl. ZUchr. XIV 61. 

*) V. DoHASZEwsKi a. a. 0. S. 60 Adiii. 256. 

') Wenn v. Domaszewskt a. a. 0. 66 die 
Sonderstellung des Mithraskultus daraus er- 
klären will, dass er der Gott eines dem Reiche 



nicht angehörigen Stammes, der Perser, ist, 
und darum ausser den scu^a Rotnana und 
peregrina noch eine dritte Kategorie, die 
Sacra externa, annimmt, so kann ich ihm 
darin nicht folgen; denn ehe der Mithras- 
kult nach Rom kam, war er in Armenien, 
Kappadokien, Kilikien, Kommagene, Osrhoene 
und andern Teilen des Reiches längst hei- 
misch, und wenn ihn die von dort stam- 
menden Soldaten nach Rom mitbrachten, lag 
kein (irrund vor festzustellen, ob sie ihn 
anderswoher übernommen hätten und wo 
seine eigentliche Heimat sei. Ueber die 
Identität der Begriffe »acra peregrina und 
Sacra externa s. oben S. 79 Anm. 4. 



D. XaiBeneit. 17. Zeit der AolldBiuig seit den Antoninen. gl 

an Verbreitung und Einfluss alle andern übertraf und die Kaiser selbst 
den Gott als Schirmherrn ihrer Macht verehrten ;^) die zahlreichen römischen 
Mithrasheiligtümer tragen durchaus den Charakter von Privatkapellen, 
seine Priester sind nie Staatspriester gewesen und der Kalender weist 
kein öffentliches Fest des Mithras auf; denn der am 25. Dezember ver- 
zeichnete Naialis invidi (Solis) gilt nicht ihm, sondern dem Sonnengotte 
Aurelians, der überhaupt im gewissen Sinne im Staatskulte an die Stelle 
des Mithi*as getreten ist, während er in der privaten Religionsübung gegen 
diesen zurückstand oder beide zusammenflössen. Was die Mithrasreligion 
von allen römischen Staatskulten schied und ihr zugleich ihre grosse Macht 
über die Seelen verlieh, wai* die starke Wirkung auf Phantasie und Ge- 
müt, die sie durch die komplizierte Symbolik ihrer Riten und durch die 
geheimnisvollen Verheissungen und Reinigungen ihres Dienstes ausübte; 
wie stark im Geiste der Zeit der Drang nach Offenbarung und nach Ent- 
sündigung durch Busse und Weihung ausgeprägt war, zeigt sich darin, 
dass für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse etwa seit dem An- 
fange des 3. Jahrhunderts kaum noch andere Kulte in Betracht kommen, 
als solche, die den Gläubigen derartige Offenbarungen und Entsündigungen 
in Aussicht stellen, auser Mithras besonders der von jeher mit geheimnis- 
vollem Reize umgebene Dienst der Isis und noch mehr der der Grossen 
Mutter, der seit der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts durch die Ein- 
führung des wildorgiastischen Frühlingsfestes und die Aufnahme der wahr- 
scheinlich dem Kulte der persischen Anahita entstammenden Opferweihe 
des Taurobolium einen ganz veränderten Charakter angenommen hat; 
aber auch entlegenere Geheimkulte, wie der der karthagischen Himmels- 
göttin, des phrygischen Sabazios, der Hekate, des orphischen Dionysos- 
Liber u. a. m. finden ihre Gemeinde. Gemeinsam ist all diesen Religionen, 
dass jede von ihnen die ganze und alleinige Wahrheit zu überliefern und 
ihren Gläubigen den einzig wirklichen Gott zu bieten behauptet; mit der 
thatsächlichen Existenz und Verehrung der zahlreichen andern Götter 
findet man sich durch die Lehre ab, dass sie sämtlich nur unvollkommenere 
Offenbarungen oder andre Namen der einen wahren Gottheit seien und 
dass diese all die verschieden benannten göttlichen Kräfte und Persönlich- 
keiten in sich vereinige. Am schärfsten tritt dieser Zug bei Isis myrionyma^) 
hervor, die Apulejus (metam. XI 5, vgl. 2) sich dem Neophyten so vor- 
stellen lässt: en adsum . . . verum naturae parens, elementorum domina, 
saecularum progenies initialist summa numinum, regina manium^ prima cae- 
litum, deorum dearumque facies uniformis, quae caeli luminosa culmina, maris 
scdubria flamina, inferum deplorata silentia nutibus meis dispenso: cuius numen 
unicum multiformi specie, ritu vario, nomine muUiiugo totus reneraiur orbis. 
inde primigenii Phryges Pessinuntiam deum Matrem, hinc aiitochthones Aitici 
CecropiamMinervam, iUincfluctuaniesCypriiPaphiam Venerem, Cretes sagitfiferi 
Dictynnam Dianam, Siculi trilingues Stygiam Proserpinam, Eleusinii vetustam 



') CIL III 4413 D{eo) S{oU) i{nvicto) «) CIL V 5080 und mehr bei Drexlkb, 

MiUhrae) fautori imperii $ui lovü et Her- Mythol. Beiträge I 125 ff.; vgl. auch CIL X 

culU rdi^io9%89imi Augusti et Caesarea sacra- 3800 : te tibi, una quae ea omnia, dea Isis, 
rium restüuerunt, 

Handlnieb der Umr. AltertnmiiH liwcDuchafL V, 4. 6 



82 



Religion und Kultas der Römer. I. Religionsgeschichte. 



deam Cererem, lunonem alii, BeUonam alii, Hecatam isti, Rhammisiam Uli, 
qui <vero> nascentis dei Solls incohantibus inlustrantur radiis Aethiopes 
Arique priscaque doctrina pollentes Aegyptii, caerimoniis me propriis perco- 
lentes, appellant vero nomine reginam Isidem; aber auch andre Gottheiten 
erhoben mehr oder weniger bestimmt die gleichen Ansprüche, z. B. Attis*) 
und der orphische Dionysos. 2) So ergeben sich die Voraussetzungen für 
eine Theokrasie, die sich nicht nur im Kulte durch das vielen Gottheiten 
beigelegte Beiwort pantheus und die Vereinigung der verschiedensten 
Götterattribute im Bilde einer Gottheit kundgibt,') sondern auch von der 
philosophischen Spekulation mit Eifer aufgegriffen wird, um mit allen Mitteln 
der Deutung die unendliche Vielheit der griechischen, römischen und orien- 
talischen Gottheiten auf einheitliche Kräfte zurückzuführen, zumeist alle 
männlichen Gottheiten auf die Sonne, alle weiblichen auf die Erde.'^) Das 
Verständnis für die historische und innerliche Verschiedenheit und Unverein- 
barkeit der einzelnen Götter- und Kultkreise ging dabei vollständig ver- 
loren, und die Nachricht, dass Alexander Severus, der um die Erhaltung 
der alten Staatsreligion eifrig bemüht war (Herodian. VI 1, 3), in seiner 
Hauskapelle neben den Laren und Penaten die Bilder von ApoUonios von 
Tyana, Christus, Abraham und Orpheus gehabt habe (Hist. aug. Alex. Sev. 
29, 2), hat nichts Unglaubliches ; hatte doch schon Marc Aurel nicht nur 
in der Theorie die Götter aller Nationen gleich gestellt, sondern auch 
beim Ausbruche des Marcomannenkrieges Priester aller möglichen fremden 
Religionen nach Rom kommen und dort ihre rüus peregrini zum Wohle 
des Reiches ausüben lassen (Hist. aug. M. Aur. 13, 1). Die Kosten dieser 
kosmopolitischen Verallgemeinerung der religiösen Begriffe tragen natur- 
gemäss die alten Staatsgötter, deren Kult mehr und mehr verfällt: wenn wir 
wissen, dass den Arvalbrüdern unter Gordian ihre sportula auf ein Viertel 
des früheren Betrages verkürzt wurde und bald nachher die Aufzeichnung 
ihrer Protokolle ganz aufhörte,^) so ist das nur ein zufällig erhaltenes Zeugnis 
für die Schmälerung der Staatsleistungen für den Kultus, die gewiss in viel 
grösserem Umfange stattgefunden hat. Auch der Kaiserkult erfährt eine 
bemerkenswerte Umwandlung. Die Konsekration der verstorbenen Kaiser 
wird erheblich häufiger als früher und verliert dadurch an Wert, die 
neuen Divi schliessen sich der langen Reihe ihrer Vorgänger an, ohne 
eigne Tempel und Priester zu erhalten, ja es werden verschiedentlich Ver- 



Hippol. refut. haer. V 9 p. 1 08 Sehn.; 
vgl. Käibbl, epigr. gr. 824, 2 *'Aixn S^ viplara) 
xal avviivii j6 ndv und das Orakel bei Socr. 
h. eccl. III 23. 

*) Vgl. den orphiscben Vers frg. 7 Abel 
bU Zfvf, eU 'Mdtjgf 6lg"HXios, €ig JioyvGog^ 
der bei Julian, or. IV 136 A in der abgeän- 
derten Form erscheint sU ZevV, bU 'AtSrjg, 
elg ^'HXiog iari Idgan ig. 

*) Sarapis pantheus CIL II 46; lAber 
pantheus CIL IX 3145. XIV 2865. Auson. 
epigr. 48 f. p. 330 f. Peip.; Fortuna panthea 
CIL X 5800 u. a. ; häufig werden signa panthea 
erwähnt (CIL II 1473. VI 100. X 1557), von 
denen auch zahlreiche Exemplare erhalten 



sind, namentlich Fortuna (R. Pbtbb in Ro- 
schers Lexik. 1 1584 f. 1556 f.) und Isis (schon 
in Pompeji, Hblbio, Wandgem. nr. 78 = CIL 
IV 882). Widmungen an einen Gott Pantheus 
CIL VI 557-559. 

*) Julian, or. IV. Macr. S. 1 17—23. Mart 
Cap. II 185-193. Nonn. Dion. XL 369—410, 
sämtlich aus neuplatonischer Quelle ; vgl. G. 
WoLFF, Porphyr, de philos. ex orac. haar. 
p. 127 f. WissowA, De Macrob. Sat. fontibus 
p. 35 ff. L. Traube, Varia libamenta critica 
(München 1883) p. 23 ff. K. Burbsch, Klaros 
S 53 f 

») Vgl. WissowA, Real-Encyol. II 1467, 



D. Kaiseneit. 17. Zeit der AaflöBang seit den Antoninen. 



83 



suche gemacht, die Schaar der Divi imperatores von unwürdigen Elementen 
nachträglich zu säubern und nur eine Auslese im Kulte fortzuführen.^) 
Auf der andern Seite bemerken wir Ansätze zur Gleichstellung des leben- 
den Kaisers mit den Göttern im öffentlichen Kulte. Unter den verschiedenen 
Versuchen, die Augustus gemacht hatte, seine Person und Dynastie ver- 
mittels der Religion zu stützen, hatte sich auch einer befunden, der bald 
wieder aufgegeben wurde, dass sich nämlich der Kaiser eine Zeit lang darin 
gefiel, sich als auf Erden wandelnder Gott Mercurius gefeiert zu sehen ;^) 
die griechischen Provinzen haben das gleiche Verfahren gegenüber männ- 
lichen und weiblichen Angehörigen des Kaiserhauses, von Livia und Julia bis 
Hadrian und Sabina und weiterhin, eingeschlagen, die sie auf Münzen und 
Inschriften als väog "Hhog, ^AnokXoDv^ Zsvg, Ji/waog^ als väa "Hqa^ ^Eczta^ 
JrjfAi^fjQ, 'A^Qodixri feiern:') aber das war nicht viel mehr als ein etwas 
öberschwänglicher bildlicher Ausdruck, und in Rom hat die Gleichstellung 
des Kaisers mit einem bestimmten Gotte nie Boden gefunden. Erst Com- 
modus hat sich bei Lebzeiten unter dem Decknamen des Hercules Götter- 
rechte angemasst und, als Romanus Hercules, wie er selbst sich nannte,^) 
vom Senate amtlich anerkannt, Standbilder und Opfer erhalten.^) Obwohl 
dies Beispiel zunächst keine Nachahmung fand, hat doch hundert Jahre 
später, nachdem zuerst Aurelian ausdrücklich den Titel dominus et deus axige^ 
nonunen hatte, ^) Diocletian an diese Form der Vergöttlichung des Herrschers 
wieder angeknüpft, indem er sich selbst als lovius, seinen Mitregenten Maxi- 
mian als Herculius bezeichnete und anordnete, dass diese Titel sich 
auch auf die Nachfolger in der Würde des Augustus und Caesar vererben 
sollten. '') Waren diese Titel auch nicht dazu bestimmt, die Gleichstellung 
der Kaiser mit Juppiter und Hercules zu betonen, sondern nur die be- 
sonders enge Beziehung hervorzuheben, in der sie zu diesen Göttern 
ständen, und zugleich das gegenseitige Verhältnis Diocletians und seines 
Mitregenten durch den Vergleich mit Juppiter und seinem göttlichen Sohne 
ins rechte Licht zu setzen,^) so wäre doch gewiss auch der noch fehlende 
Schritt geschehen und der Juppitersohn zum Juppiter selbst geworden, 
wenn nicht der Sieg des Christentums diese Entwicklung gewaltsam unter- 
brochen hätte. Hat doch trotz des Christentums die Anschauung, dass 
Kaisertum und Göttermacht zusammenfalle, in den Formen der Adoration, 
die auch die christlichen Kaiser beanspruchten, und in der Bezeichnung 
alles dessen, was dem Kaiser gehörte, als res sacra (sacra cognitio, sacrum 
cuhiculum u. s. w.) ihren unverkennbaren Ausdruck gefunden.^) 



*) Alexander Sevenis hat in seinem 
Lararimn divo8 principes, sed aptimos electos 
(Bist. aug. A]ex. Sev. 29, 2), und Tacitne Di- 
varum templum fieri iusait, in quo essent 
staiuae principum bonorum (ebd. Tac. 9, 5). 

') KiESSLUfG, Philol. Untersuch. II 92. 
J. Krall, Wiener Stad. V 315 Anm. Uülsek, 
Rdm. Mittfa. VI 129, 2. 

*) Belegstellen bei Beuslibr, Le culte 
imperial p. 155 f. 

*) Ca88.DioLXXII15,5. CIL XIV 8449. 

^) Hiat. aug. Comm. 8, 9. 9, 2 und voll- 



ständige Sammlung der Zeugnisse bei R. Pbtbb 
in Roschers Lexik. I 2987 ff. 

«) MoMMSBN, Staatsr. II 737. 

') Vict. Caes. 39, 18. Lact, de mort.*per- 
sec. 52, 3 ; mehr bei Pbter a. a. 0. 2997 ff. 

^) Glaud. Mam. paneg. Maxim. Wiut enim 
omnia commoda . . . a summia . . auctoribua 
manant, love rectore caeli et Hercvle paea- 
iore terrarum, sie omnibua pulcherrimis 
rebus . . . Diocletianus f<»cem, tu tribuis ef- 
fectum. 

*) Bbublibr, Le culte imperial p. 283 ff. 



84 Religion und Knltim der Römer. I. Religionsgesohiolite. 

Litteratur: E. Rkhan, Marc AurMe et la fin du monde antique (Originea du chri- 
Btianisme VII), Paria 1882. J. R^llb, La religion ä Rome soos les S^väres, Paris 1886; 
deutsche Uebersetzung von 6. Kbügbb, Leipzig 1888. J. Bubckhabdt, Die Zeit Gonstantins 
des Grossen, 2. Aufl. S. 137 ff. Mabquabdt, Köm. Staatsverw. IIP 71 ff. 

18. Das Ende der römischen Religion. Das Eindringen der ägyp- 
tischen und orientalischen Fremdkulte nicht nur in die private Religions- 
übung des Volkes, sondern auch in die Staatskirche, musste um so not- 
wendiger und schneller zur Vernichtung der letzteren führen, je energi- 
scher jeder dieser Gottesdienste den Anspruch erhob, der allein wahre 
und allumfassende zu sein, und daher mit den alten Göttern unvereinbar 
war, oder doch vereinbar nur in dem Sinne, dass er alle in sich aufsog 
und mit sich amalgamierte. Die Kulte der Isis, der grossen Mutter, des 
Mithras u. s. w. arbeiten alle von innen heraus hin auf die völlige Ver- 
nichtung derjenigen römischen Staatsreligion, die in der republikanischen 
Zeit sich entwickelt hatte nud von den Kaisern äusserlich erhalten worden 
war, und nach Vollendung dieses Zerstörungswerkes würde zwischen ihnen 
selbst der Kampf um die Stellung als Reichs- und Weltreligion ausge- 
brochen sein, wenn nicht inzwischen im Christentume ein übermächtiger 
Gegner auf den Plan getreten wäre, dem sie schliesslich allesamt das Feld 
räumen mussten. Dass der Kampf zwischen Heidentum und Christentum 
wenigstens im Westen des Reiches im wesentlichen zwischen dem neuen 
Glauben und jenen sacra peregrina, nicht den Göttern der alten römischen 
Religion, ausgefochten wurde, zeigt aufs deutlichste die Polemik der christ- 
lichen Apologeten; trotz aller Lebhaftigkeit doch innerlich ruhig und so- 
zusagen akademisch, solange es sich um den Nachweis der Verwerflich- 
keit und Thorheit des alten griechisch-römischen Götterglaubens und seiner 
Mythen handelt, wird sie sofort heftig und gereizt, sobald die eigentlich 
gefahrlichen Gegner und Nebenbuhler, jene im Grunde monotheistischen 
Religionen des Ostens ins Spiel kommen; Firmicus Matemus z. B., der 
seine leidenschaftliche Anklageschrift de errore profanarum religionum an 
die Kaiser Constüntius und Constans richtet, begnügt sich den griechisch- 
römischen Religionsvorstellungen gegenüber mit euhemeristischer Ausdeu- 
tung und überlegenem Spotte, zieht aber mit wahrhafter Erbitterung gegen 
die Kulte von Isis, Magna Mater, Caelestis und Mithras los. Auf der andern 
Seite haben diese orientalischen Gottesdienste, die früher unter einander in 
mehr oder weniger ausgesprochener Gegnerschaft standen, mit dem weiteren 
Vordringen des Christentums sich zusammengeschlossen zum gemeinsamen 
Kampfe gegen den überlegenen Gegner. I^as Christentum aber, die ihrer 
Natur nach intoleranteste und ausschliesslichste aller Religionen, für die 
nicht einmal die Möglichkeit bestand, auf dem Wege der Theokrasie eine 
scheinbare Ausgleichung mit dem alten Glauben herbeizuführen, konnte 
nie als einer der recipierten Kulte der Staatsreligion neben anderen stehen, 
sondern musste entweder vernichtet werden oder als alleinige Religion 
des Reiches an die Stelle aller alten Gottesdienste treten ; dieser Sieg war 
entschieden in dem Momente, wo die Staatsbehörde die offizielle Duldung und 

') Dass dies erst in der gemeinsamen ' standen, betont mit Recht F. Cumont, Revue 
Not geschehen ist, nicht aber diese Kulte de Tinstmct. publ. en Belgique XL 1897, 96. 
von jeher in enger Verbindung unter einander , 



D. Kaisereeit. 18. Das Ende der römischen Religion. 



85 



Qleichbereclitigung der christlichen Religionsübung aussprach. So begann 
^mit dem Toleranzedikte, das Galerius am 30. April des J. 311 zusammen mit 
Constantin und Licinius für die von ihnen beherrschten Teile des Reiches 
erliess,^) jene Entwicklung, die mit unausweichlicher Notwendigkeit inner- 
halb dreier Menschenalter zur völligen Vernichtung der römischen Staats- 
religion führte. Unter Constantin gingen die kaiserlichen Massnahmen 
nicht über die Betonung der rechtlichen Gleichstellung der christlichen 
Religion mit den anerkannten Staatskulten 2) und persönliche Begünstigung 
der ersteren durch den Herrscher') hinaus ; wo sie sich direkt gegen heid- 
nische Religionsübung wandten, handelte es sich entweder um das von jeher 
polizeilich missliebige Treiben der nicht staatlich anerkannten Weissage- 
künstler^) oder um Gottesdienste, die durch Ausschweifung und Unsitt- 
lichkeit öffentliches Ärgernis erregten.^) Aber schon seine Nachfolger ver- 
wandelten diese scheinbare Neutralität in direkten Kampf gegen das Hei- 
dentum durch Schliessung der Tempel und Verbot der Opfer, ^) und die 
heidnische Reaktion unter Julian konnte wohl dem Vordringen des Chri- 
stentums für eine Weile Einhalt thun, aber das Heidentum nicht retten; 
denn was dem Kaiser bei seiner eifrigen Übung der Formen des heid- 
nischen Kultes als Inhalt derselben vorschwebte, die Göttermischung des 
Neuplatonismus, hatte mit den Göttern des allxömischen Glaubens nicht 
viel mehr gemeinsam, als das Christentum, und es war eine arge Selbst- 
täuschung, wenn der Kaiser sich im Gegensatze zu Constantin, dem no- 
vaior turbatorque priscarum legum et moris antiquitus recepti (Anm. Marc. 
XXI 10, 8), als der restüutor Bomanae religionis (CIL VIH 4326) vorkam. 
Die offizielle Unterdrückung des Heidentums begann im Orient, wo auch 
die Zahl der Christen eine erheblich grössere war und darum die heiden- 
feindlichen Verordnungen der Kaiser im Volke selbst einen sehr viel stär- 
keren Nachhall fanden; aber diese Verordnungen galten rechtsverbindlich 
auch für den Westen des Reiches und werden dort, wenn auch langsamer, 
80 doch mit wachsender Energie durchgeführt. Die Hochburg der alten 
Religion ist Rom, wo bis über die Mitte des 4. Jahrhunderts hinaus der 
alte Gottesdienst in wesentlich unveränderter Form ausgeübt wird;^) der 
für Rom bestimmte Kalender des sog. Chronographen vom J. 854 ver- 



Lact, de mort. persec. 34 = Euseb. 
bist eccl. VIII 17; über das sog. Edict von 
Mailand (Lact. a. a. 0. 48 = Euseb. a. a. 0. 
X 5) 8. O. Skxcx, Zeitschr. f. Kirch. Gesch. 
Xn 381 ff. 

') Verleihnng der ImmunitAt an die christ- 
lichen Priester Cod. Theod. XVI 2, 1. 2. 7 
(vgl. Sbbok, Zeitschr. d. Savigny-Stift. Rom. 
Abt. X, 1889, 209); des Rechtes die ccUho- 
Uea eeelesia zum Erben einzusetzen ebd. XVI 
2, 4 = Cod. Jnst. I 2, 1 ; mehr bei Lasaulx, 
(Jntergang d. Helienism. S. 26 ff. 

') Ueber die fOr Constantins persönliche 
Stellung znm Ghristentnm wichtigen Ur- 
kmiden bei Euseb. y. Const. II 24 ff. 48 ff. s. 
8kwk, Zeitschr. f. Eirch.Gesch. XVIII 321 ff. 

Cod. Theod. IX 16, 1 -4. 

Euseb. v. Const. III 55 ff. und mehr bei 



? 



Lasaulx a. a. 0. S. 38 f. 

*) Verordnung des Constantins und Con- 
stans vom J. 341, Cod. Theod. XVI 10, 2: 
eeaset superstitio, saerificiorum aboUatur in- 
aania; die folgende Bemfong anf ein angeb- 
lich gleichlautendes Gesetz des Constantin 
steht unter dem dringenden Verdachte ten- 
denziöser Uebertreibung. 

') Vgl. die um 350 abgefasste Expositio 
totius mundi p. 120 Riese: sunt autem in 
ipsa Santa et virgines Septem ingenuae et 
clariesitnae, quae eacra deorum pro aalute 
civitatis secundum antiquarum morem per^ 

fieiufU et vocantur virgines Vestae 

eoluHt autetn (Romani) et deos ex parte, I(h 
vem et Solem, nee non et sacra Matris Deum 
perficere dicunt» 



86 



Religion und KnltoB der Römer. I. Religionsgesohlohte. 



zeichnet nicht nur die Spieltage sämtlich mit den Namen der Götter, 
denen sie bestimmt sind oder deren Gebm'tsfeste (natales) sie feiern, son- 
dern enthält auch noch die Mehrzahl der Feriae des alten numanischen 
Kalenders und dazu die später eingesetzten Feste der Isis, des Serapis, 
des Sol invictus, der Magna Mater u. s. w. ; ^ Constantius vermochte sich 
bei seinem Besuche Roms im J. 357 nicht nur dem überwältigenden Ein- 
drucke nicht zu entziehen, den die prachtvollen Bauwerke und Zeugen 
einer grossen Vergangenheit auf ihn ausübten, sondern erkannte sogar 
durch Verleihung von Priestertümern an die Angehörigen der Nobilität 
das Fortbestehen des alten Staatskultes ausdrücklich an;^) zwei Jahre 
später (359) begeht der Stadtpräfekt Tertullus noch in aller Feierlichkeit 
das herkömmliche Opfer im Castortempel zu Ostia,') alles das in dem- 
selben Jahrzehnte, in dem zwei kaiserliche Erlasse (von 354 und 356) für 
alle Orte des Reiches von neuem die Schliessung der Tempel angeordnet 
und die Strafen für das Opfern und die Anbetung der Götterbilder ver- 
schärft habend) Der Widerspruch ist nur so zu lösen, dass gegenüber 
allen auf die Vernichtung des heidnischen Kultes gerichteten Verordnungen 
die stadtrömischen aedes publicae und die von den Staatspriestern nach 
altem Herkommen vorzunehmenden Kulthandlungen, d. h. also die Übung 
der eigentlichen Staatsreligion, kraft ihrer besonderen rechtlichen Begrün- 
dung eine Ausnahmestellung einnahmen; das konnte nicht anders sein, 
solange der Kaiser, wenn auch persönlich der christlichen Religion ange- 
hörig, als Pontifex maximus an der Spitze des römischen Staatskultes 
heidnischer Observanz stand und die Kosten dieses Kultes aus öffentlichen 
Mitteln bestritten wurden. Darum hat erst Gratian wirklich die Kraft der 
römischen Staatsreligion gebrochen, als er — wie es scheint im J. 375 — 
die seit fast 400 Jahren mit der Krone verbundene Würde des Pontifex maxi- 
mus verschmähte^) und um das J. 382 die Einziehung des Tempelgutes, 
d. h. der zur Deckung der Kosten des alten Kultus angewiesenen Staatslände- 
reien, anordnete und den Staatspriestern alle bisher genossenen Emolumente 
und Immunitäten entzog.^) Der materielle Schaden, den die Einstellung der 
Leistungen aus Staatsmitteln der römischen Religion brachte, konnte durch 
die persönliche Opferwilligkeit der Vertreter des alten Glaubens, die über- 
wiegend den vornehmen und begüterten Kreisen des römischen Senats an- 



') MoMKSEN (Abhandl. d. sftchs.Gesellsch. 
d. Wiss, II 570, vgl. ßer. d. e. Ges. 1850, 72) 
wird mit der Bemerkung ,die eigentlichen 
Opfer nnd heidnischen Ceremonien sind aus 
demselben gestrichen und die ursprünglich 
dem Kultus der Götter bestimmten Tage nur 
als dies feriati ohne religiöse Bedeutung bei- 
behalten* dem heidnischen Gehalte des Ka- 
lenders nicht ausreichend gerecht. 

') Amm. Marc. XVI 10, 14 f. Symm. rel. 
8, 7 p. 281, 31 Seeck. 

») Amm. Marc. XIX 10, 4; dass der Prä- 
fekt vom Volke zur Darbringung des Opfers 
gezwungen worden sei, wie V. Schultzb, 
Unterg. d. Heident. I 93 meint, steht keines- 
wegs bei Ammian, sondern das Opfer ist ein 



regelmässiges; s. unten § 40. 

*) Cod. Theod. XVI 10, 4 {= Cod. Juat. 

I 11, 1): placuü Omnibus locis aique urhi- 
btis universis claudi protinus templa et ac- 
cessu vetitis Omnibus licentiam deHnquendi 
perditis denegari. volumus etiam cunctos sa- 
crificiis abstinere n. s. w. XVI 2, 6 poena 
capitis subiugari praecipimus eos, quos ope- 
ram sacrificiis dare vel colere simulacra cott- 
stüerit, 

') Zosim. IV 36, vgl. Mommssn, Staatar. 

II 1054, 1. 

>) Symm. rel. 3, 7. 11. 18. 15. Ambros. 
epist. I 17, 8. 4. 5. 10. 14. 18, 3. 11. 12. 
13. 16. 57, 2. 



D. Kaiserfieit. 18. Das Ende der rdmischen Beligion. 87 

gehörten, für eine Weile wenigstens ausgeglichen werden; aber durch 
nichts wieder gut zu machen war der andre Verlust, dass nunmehr der 
römische Gottesdienst als Staatskult zu existieren aufgehört hatte und nur 
noch als Veranstaltung einer Gruppe von angesehenen Privatleuten ein mehr 
oder weniger geduldetes Dasein fortführte. Das Bild des heldenmütigen, 
aber aussichtslosen Kampfes der römischen Nobilität des ausgehenden 
4. Jahrhunderts für den alten Glauben und damit zugleich für das Fest- 
halten an den grossen Erinnerungen der Geschichte tritt uns aus den 
Schriften des Q. Aurelius Symmachus und einer Reihe inschriftlicher Zeug- 
nisse mit ergreifender Deutlichkeit entgegen, und namentlich der Jahr- 
zehnte lang von beiden Seiten mit Hartnäckigkeit und Erbitterung geführte 
Streit um den in der Curie aufgestellten Altar der Victoria, den die 
heidnische Partei als Wahrzeichen der siegreichen Vergangenheit des römi- 
schen Volkes unter keinen Umständen preisgeben, das vordringende 
Christentum aber als verletzendes Symbol der Idololatrie um jeden Preis 
entfernt sehen will, zeigt uns die beiden sich bekämpfenden Parteien in 
voller Thätigkeit. Die vornehmen Vertreter der alten Religion, wie ausser 
Symmachus selbst namentlich Vettius Agorius Praetextatus, Clodius Her- 
mogenianus Caesarius, Virius Nicomachus Flavianus, Alfenius Cejonius 
Julianus Eamenius^) verteidigen jeden Fussbreit Landes gegen die an- 
drängende Flut der Gegner; sie übernehmen selbst in starker Cumulation 
die verschiedensten Priestertümer, sowohl die alten sacerdotia des Staats- 
kultes, wie die Würden der sacra peregrina,^) sie restaurieren und erbauen 
neue Tempel und andre Gebäude sakraler Bestimmung und bringen aus 
ihren Mitteln die Kosten auf, damit die Kulthandlungen in der alten Weise 
fortgeführt werden können;^) ebenso sind sie eifrig bemüht, durch littera- 
rische Thätigkeit und durch Veranstaltung lesbarer Ausgaben der klas- 
sischen römischen Schriftsteller diesen neue Leser zu gewinnen und ihre 
Wertschätzung gegenüber den Angriffen der Christen zu steigern.^) Eine 
WeUe hatten diese Bestrebungen, in den Jahren 392—394 noch gestützt 

1) Zuerst von ConstantioB 357 aus dem ! CIL VI 1778 f. ; Kamenius ist Vllvir epu- 
Senatslokale entfernt, wurde der Altar bald I lonumj pater sacrorum summt invicti Mithrae, 



nachher wieder hergestellt (Ambros. epist. 
I 18, 32. STBun. rel. 3, 4; es hängt damit zu- 
sammen, dass im J. 367 der Senat an dem 
Pons Valentiniani ein Standbild der Victoria 
aogusta anbringen lllsst, Bull. arch. com. 
1892, 73 f.), bis seine abermalige Entfernung 
durch Gratian im J. 382 den Streit entfes« 
Seite, fftr dessen frühere Stadien uns die 
Originalakten in Svmm. reL 3 und Ambros. 



hietofanta Hecatae, arehibueolus dei Liberi, 
XVvir 8, f.f tauroboliatus Deum Matris, 
pontifex maior CIL VI 1675. Ephem. epigr. 
VIll 648; andre Beispiele CIL VI 500 f. 504. 
507. 509-511. 1698. 1741 f. 2151. 

*) Praetextatus stellt die Porticus der di 
consentes mit den Bildern der Götter wieder 
her (CIL VI 102) und wird von den Vesta- 
linnen dankbar geehrt (CIL VI 2145); die 



epist. I 17. 18 Torüegen, während Ober den | Pontifices Vestae lassen aus eigenen Mitteln 
späteren Verlauf der Angelegenheit Ambros. l die verfallenen mansiones Saliorum Palati- 



epist. I 57, 4—6 Auskunft gibt; vgl. Srbcx, 
Symmach. p. LIII f. LVIII und 0. Gbrhabo, 
Der Streit um den Altar der Victoria, Siegen 
1860. 

') S. ttber sie Sseck a. a. 0. LXXIII ff. 

') Praetextatus z. B. ist augur, pontifex 

Vestae, pontifex Sdis, guindeeimvir, curialis 

SeretUis, sacratue Libero et Eleusiniis, hiero- 

phantä, neoeorus, tauroboliatus, pater patrum 



norum restaurieren (CIL VI 2158); Tamesius 
Augentius Olympius erbaut ein Mithrasheilig- 
tum und rünmt sich: sumptusque tuos nee, 
Roma, requirit, damna piis meliora luero 
(CIL VI 754). 

B) 0. Jahh, Ber. d. sächs. Gesellsch. 1851, 
336 ff.; vgl. auch L. v. Jan, Macrob. I 
p. XXII ff. 



88 



Beligion und KqUiib der Römer. I. Beligionsgesohiohte. 



durch die heidenfreundliche Haltung des Kaisers Eugenius, Erfolg, und es 
zeigt sich im letzten Drittel des 4. Jahrhunderts auf allen Gebieten des heidni- 
schen religiösen Lebens, sowohl im alteinheimischen Kulte wie in den sacra 
peregrina, noch einmal ein unverkennbarer Aufschwung; dass noch unter 
Gratian die Staatspriester ihren Dienst ganz in der alten Weise versahen, 
lassen zahlreiche Stellen des Symmachus (zusammengestellt bei Seeck p. LIII) 
erkennen, Ambrosius (epist. I 18, 31) hebt ausdrücklich hervor, dass damals 
noch in allen Tempeln Roms Opfer dargebracht wurden, und speziell für 
die Fremdkulte der Isis, der Magna Mater und des Mithras beweist die 
ausserordentlich heftige Polemik des im J. 394 abgefassten sog. carmen 
contra paganos (Baehbens PLM III 286 flf.) sowie gleichzeitiger Gedichte,') 
dass der bekämpfte Gegner neuerdings wieder an Kraft gewonnen hatte. 
Aber für die Dauer waren natürlich die Schultern dieser Verteidiger des 
Heidentums zu schwach, um eine sinkende Kultur im Falle aufzuhalten; 
der Sieg des Theodosius über Eugenius (394) sicherte für den Occident 
die Durchführung der bereits 391 und 392 erlassenen Verordnungen (Cod. 
Theod. XVI 10, 11. 12), die nicht nur die Schliessung der Tempel und das 
Opferverbot nochmals einschärften, sondern auch den häuslichen Dienst der 
Gottheiten des Herdes mit strenger Strafe belegten. Noch vor dem Ab- 
laufe des Jahrhunderts verschwinden die alten Priestertümer, und keines 
der in den 70er und 80er Jahren so zahlreichen Zeugnisse für die Verehrung 
von Magna Mater und Mithras reicht über diese Grenze hinaus:*) bald 
nach dem J. 400 kann Stilicho es wagen, die sibyllinischen Bücher zu 
verbrennen, 3) ein Beweis dafür, dass der heidnische Staatskult auch in 
seiner Fortführung durch private Opferwilligkeit abgestorben ist, und zur 
gleichen Zeit triumphiert Hieronymus (epist. 107), dass das Heidentum in 
der Stadt Rom in Verödung versunken sei. Die römischen Tempel und 
Götterbilder fielen allerdings damit keineswegs der Zerstörung anheim, viel- 
mehr hat man sogar aus öffentlichen Mitteln ihrem Verfall gesteuert,^) und 
noch nach den Barbareneinfallen des 5. Jahrhunderts haben Stadtpräfekten 
unter den zerstörten und beschädigten Denkmälern auch Götterbilder wie- 
derhergestellt ; 5) aber diese waren nicht mehr Gegenstände der Verehrung, 



*) Vgl. das sog. poetna ultimum (carm. 32 
Hartel) des Paulinus von Nola und das fälsch- 
lich unter Cyprians Namen gehende Gedicht 
ad quendam senatorem ex christiana reli- 
gione ad idolorum servitutem conver8um{Cy^T, 
Gall. poeta ed. Pbiper p. 227). 

') Der letzte der Tauroholienaltäre aus 
dem vaticanischen Heiligtume der Grossen 
Mutter gehört in das J. 390 (CIL VI 503); 
die in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts 
noch zahlreichen (s. die chronologische Ueber- 
sicht bei Cumont, Mithras II p. 540) datierten 
Mithrasdenkmäler reichen herunter bis zum 
J. 387 (CIL VI 1778 f.), die Zerstörung dieser 
Heiligtümer durch den Stadtpräfekten Grac- 
chus im J. 377 (Hieron. epist. 107, 2) kann 
also keine endgültige gewesen sein. 

>) Rutil. Namat. II 52 (Stilicho) Sibyllinae 
fata cremavit opis. v. 55 at Stilicho aeterni 



fatalia pignora regni et plenaa voluU prae- 
cipitare coloa; wenn die Erwähnung einer 
Befragung der sibyllinischen Bücher bei 
Claudian. bell. PoU. 231 f. mehr als poetische 
Einkleidung ist, so hat die Vernichtung der 
Bücher erst nach dem J. 402 stattgefunden ; 
ein Grund, an der Thatsache selbst zu zwei- 
feln, wie (nach Wernsdorf) neuerdings Th. 
BiRT, De moribus Christianis qnantum Stili- 
chonis aetate in aula imperatoria occidentali 
valuerint disputatio, Marpurgi 1885, p. XKIII 
n. 1 thut, liegt keinesfalls vor. 

^) Vgl. darüber die schönen Aufsätze von 
De Bossi, Bull. arch. crist. 1865, 5-8. 1866, 
53-62. 

>) De Rossi, Annali d. Inst. 1849, 342 ff. 
und die Inschriften CIL VI 1651—1672. 3864; 
vgl. namentlich CIL VI 526 --= 1664: aimu- 
lacrum Minerhae abolendo incendio tumuUus 



D. Kaiseneit. 18. Das Ende der rdmisohen Religion. 



89 



soDdern nur monumentaler Schmuck der Stadt in derselben Weise, wie 
die Namen der alten Götter und ihre Legenden in der offiziellen Dichtung 
der Zeit, z. B. bei Glaudian, noch beibehalten werden als dekoratives Bei- 
werk, mit dem sich ein Glaubensinhalt nicht mehr verbindet. ^ Seit der 
Zeit etwa Yalentinians III. gilt der alte Glaube offiziell als erloschen;^) 
aber ausserhalb der öffentlichen Eultübnng haben sich namentlich bei den 
Bewohnern des offenen Landes^) Reste römischen Heidentums, von Staat 
und Kirche eifrig bekämpft, in Italien und den westlichen Provinzen noch 
sehr lange mit grosser Zähigkeit erhalten und sich schUesslich teilweise 
in den Brauch der Kirche hinübergerettet. Mancherlei fromme Geremonien 
an Bäumen, Steinen und Quellen, die man zu salben und zu bekränzen 
pflegt, die verschiedensten Mittel der Zukunftserkundung, allerhand aber- 
gläubische Meinungen von Gunst und Ungunst bestimmter Tage für 
diese oder jene Verrichtung, die schier unausrottbare Vorliebe für die heid- 
nische Neujahrsfeier an den Kaienden des Januar u. a. m. werden immer 
and immer wieder als verwerfliche Rückfälle in die überwundenen Irrlehren 
getadelt und verfolgt.^) Auch an den alten Festen hielt man standhaft 
fest, wenn auch die Opfer in Wegfall kamen und die Namen der Götter 
nicht mehr genannt wurden, namentlich an solchen, die — wie z. B. 
die Saturnalien — mit Volkslustbarkeiten verbunden waren, oder von 
denen man sich Segen für die Felder und Abwehr von allerlei Unheil ver- 
sprach. Das offizielle Festverzeichnis der Provinz Campanien vom 22. 
November 387^) enthält noch die alten Lustrationen für Aussaat und 
Ernte, den Tag des Genius und die Totenfeier, die Weinlese und das 
Rosenfest, alles nach rein heidnischer Tradition, nur der Götternamen ent- 
kleidet; ihren Widerstand gegen die Abhaltung eines sühnenden Flur- 
umganges hatten im J. 397 zu Anaunia im Tridentinischen Sisinnius und 
seine Genossen mit dem Märtyrertode zu büssen;^) in Rom sind noch im 
J. 449 aus dem Kalender des Polemius Silvius (CIL P p. 257 ff.) trotz der 
Abneigung des Verfassers gegen alles Heidnische die alten Feste keines- 
wegs völlig verschwunden, und gegen die unter anderen in diesem Kalender 
noch verzeichnete Luperealienfeier muss sich noch im J. 494 der Papst 
Gelasius aufs heftigste ereifern;') andre Feste verwandter Art, wie das 



civilis igni teeto cctdente confractum Aniciua 
Aeüius Affinatius Faustus v. e. et inj. praef, 
urbi vic. sac. iud. in melius integre proviso 
pro beatUudine temporis restituit. 

^) Darüber handelt lehrreich Th. Bibt 
in der oben S. 88 Anm. 3 erwähnten Pro- 
granunabhandlung. 

*) Cod. Theod. XVI 10, 22 (vom J. 423): 
paganos gui supersunt, quamquam iam nullos 
cjfse credamus; vgl. XVI 10, 25: cunctaque 
eorum fana templa delubra, si qua etiam 
nunc restant integra. 

') Die Bezeiohnong pagani wird fQr die 
Anbänger des alten Qlaubens erst ganz am 
Ende des 4. Jahrhunderts populär; in den 
gegen die Heiden gerichteten Dekreten, die 
der Titel des Cod. Theod. XVI 10 de paganis 
aacrifieiis et templis enthält, findet sie sich zu- 



erst in einem Erlasse des Arcadius und Ho- 
norius vom J. 395 (XVI 10, 13), und noch im 
J. 409 begegnet die Doppelbezeichnung gen- 
tiles, quos vulgo paganos appellant (XVI 
5, 46). 

*) Reiche Nachweise für alle diese Dinge 
bei C. P. Caspäbi, Kirchenhistor. Anecdota l 
(Chnstiania 1883) S. 172 ff.; Martin von Bra- 
cara (ebd. 1883) S. 29 ff.; Homilia de sacri- 
legiis (ebd. 1886) S. 17 ff. Ueber die Neu- 
jahrsfeier im Orient Cumont, Analecta Bollan- 
diana XVI 1897 p. 7, 1, vgl. Revue de philol. 
XXI (1897) 149, 2. 

^) CIL X 3792 und dazu Mommsbn, Ber. 
d. Sachs. Gesellsch. d. Wiss. 1850, 62 ff. 

") Maxim. Taurin. serm. 81 = Mionb, 
Patrol. lat. LVII 695 f. Acta SS. Mai. VII 43. 

7) Thiel, Epist. pontif. Roman. I 598 ff. 



90 



Beligion und Knltns der Römer. I. Religionsgesohichte. 



Amburbium, die Ambarvalia, die Robigalia und der Natalis Solis Invicti 
waren nur dadurch unschädlich gemacht worden, dass die Kirche sie auf- 
nahm und in christliche Bittgänge und Festfeiem verwandelte.^) Auch in 
den erst nach und nach romanisierten Provinzen haben sich Namen und 
Verehrung einzelner römischer Götter bis gegen Ende des 6. Jahrhunderts 
erhalten: noch um die Mitte dieses Jahrhunderts hat in der Gegend von Trier 
der christliche Bekehrungseifer die Anbetung eines Dianenbildes bekämpft 
und dieses zerstört (Greg. Turon. bist. Franc. Vni 15), und eine Generation 
später erfahren wir aus der Bauernpredigt des Martin von Bracara, dass 
man in Spanien noch die Volcanalia feierte und die Frauen am Webstuhl 
Minerva anriefen.^) Für Italien ist das letzte nachweisbare Beispiel noch 
lebendigen antiken Opferdienstes die Verehrung des Apollo in einem Tempel 
und Haine auf dem Berge von Gasinum, der Benediktus von Nursia im J. 
529 ein gewaltsames Ende bereitete, indem er das Stammkloster seines 
Ordens an der Stelle errichtete.*) 

Litteratnr: A. Beuonot, Histoire de la destraotion du paganisme en Occident, Paris 
1835. E. y. Lasaulx, Der Untergang des Hellenismus, München 1854. A. de Broglib, 
L'eglise et Tempire Romain au quatri^me si^cle, Paris 1856 — 1866. V. Sohtjltzb, Ge- 
schichte des Untergangs des griechisch-römischen Heidentums, Jena 1887 — 1892 (s. dazu 
Theol. LitiZeit. 18üj7, 513 ff. Deutsche Litt.Zeit. 1888, 1594 ff.). Q. Boissier, La fin du 
paganisme, Paris 1891. P. Allabd, Le christianisme et Tempiie Romain de Näron ä Th^o- 
dose, Paris 1897. 



*) UsENEB, Religionsgesch. Untersuchun- 
gen I 293 ff. ; vgl. MoMMSEK, CIL I* p. 338 f. 

*) Martin ▼. Bracara de correct. rustic. 16 
(p. 30 und 32 Gasp.) ; dieselben Vorwürfe in 
den Dicta abbatis Pirminii c. 22 (Caspabi, 
Eirchenhistor. Anecd. I 172) sind aus Martin 



von Bracara abgeschrieben, können also f&r 
Zeit und Wirkungskreis des Pirminius (s. 
darttber Hauok, Kirchengesch. Deutschlands 
1 * 335 ff.) nichts beweisen. 

») Greg. M. dial. II 8 = Miowb, Patrol. 
lat. LXVI 152. 



Zweiter Teil. 

Die Götter der römischen Staatsreligion. 



Erster Abschnitt. 

Die di indigetes. 

19. JanUB. Obwohl sich bei den übrigen italischen Völkerschaften 
Spuren des Janusdienstes nirgends nachweisen lassen, so steht doch für Rom 
das hohe Alter seines Kultes ausser aller Frage. Janus bildet zusammen mit 
Vesta ein uraltes Götterpaar, und das römische Ritual schrieb vor, dass 
bei allen Opferhandlungen, gleichviel welchem Gotte sie galten, in der 
Reihe ^er insgemein angerufenen Gottheiten Janus die erste und Vesta 
die letzte Stelle einnehmen müsse ; ^) Belege für diese Vorschrift bieten 
nicht nur alte Gebetsformeln, z. B. bei der Devotion (Liv. VIII 9, 6) oder 
der lustraiio agri (Cato de agric. 134, vgl. 141), sondern noch die Piacular- 
opfer der Arvalbrüder.'*) Dieselbe Stelle nahm der Gott Janus offenbar 
auch in den Litaneien des Salierliedes ein, in denen er als duonus cerus 
und divom deus^ d. h. als creator bonus und deum deuSy angerufen wurde.*) 
In der ältesten Festtafel begegnet uns allerdings der Name des Janus 
nicht, aber Ovid (fast. I 318) bezeugt, dass das am 9. Januar gefeierte 
Fest Agonium, an welchem der Rex sacrorum in der Regia einen Widder 
opferte,*) dem Janus galt. Der Rex sacrorum ist Spezialpriester des 
Janus und steht daher auch in der offiziellen Rangordnung der römischen 
Priester (s. oben S. 20) allen andern voran; ein regelmässiges Opfer hat 
er seinem Gotte wahrscheinlich auch an allen Kalendae dargebracht: denn 
wenn hier auch die Überlieferung (Macr. S. I 15, 19) nur von einem Opfer 
an Juno spricht, welches die Regina sacrorum in der Regia darbringt, 
so wird doch die Annahme eines entsprechenden Opfers des Rex an Janus 
schon dadurch nahe gelegt, dass, wie wir wissen, dem Janus (wie der 
Juno) alle Kalendae heilig waren und er von der Verbindung, in die er 



') Gic. de nat deor. II 67. Senr. Aen. I 
292. Arnob. IIT 29 and mehr bei MAsgüARDT, 
StaatBverw. 11 1 26. 

') HsKZur, Act. fratr. Arval. p. 144. 147. 

») Varro de 1. 1. VII 26 f. Macr. S. I 9, 



14. 16. 

*) Varro de 1. 1. VI 12. Paul. p. 10. Auch 
die Arvalen opfern dem Janus arietes IJ 
(Henzbn, Acta fratr. Arv. p. 144). 



92 Beligion nnd Enltns der Römer. II. Götterlehre. 

an diesen Tagen mit Juno trat, den Beinamen Junonius führte.^) Nach 
einer Angabe Varros sollen sogar dem Janus entsprechend der Zahl der 
Monate 12 Altäre gewidmet gewesen sein, an deren jedem, wie wir voraus- 
setzen dürfen, an den Kalendae eines bestimmten Monats geopfert worden 
sein mag. Ein derartiges dem Janus und der Juno gemeinsam geltendes 
Kaiendenopfer verzeichnen die Fasten zum 1. Oktober mit den Worten 
tigiUo sororio ad compitum Acili; das sogen. Tigillum sororium war ein 
echter ianus, ein über der Strasse stehendes Thor, aus zwei senkrechten 
und einem darübergelegten wagerechten Balken hergestellt, neben dem 
sich Altäre des Janus Curiatius und der Juno Sororia befanden ; aus diesen 
Beinamen erschloss die spätere Zeit einen Zusammenhang der Lokalität 
und des Opfers mit der an diese Kultstätte anknüpfenden Legende vom 
Zweikampfe der Horatier und Curiatier und fasste das Opfer als Sühn- 
ceremonie für den Schwestermord des siegreichen Horatiers, während es 
sich in Wahrheit aller Wahrscheinlichkeit nach auf die gemeinsame Ver- 
ehrung von Janus und Juno am Monatsanfang bezog. ^) Dass es sonst 
einen besonderen Janustempel in der ältesten Zeit nicht gab, geht schon 
daraus hervor, dass das Janusopfer des 9. Januar in der Regia stattfand. 
Wohl aber besass der Gott seit unvordenklicher Zeit ein ihm besonders 
geweihtes Gebäude eigner Art. Von den unzähligen Thorbögen und 
Durchgängen {iani), deren Schutzgott Janus, wie schon sein Name zeigt, 
ist, ist ihm einer ganz besonders heilig, das als ianus getninus bezeichnete 
Doppelthor (d. h. zwei parallel stehende, seitlich durch Mauern oder 
Schranken verbundene Thorbögen) an der NOecke des römischen Forums, 
welches von der ältesten Vergangenheit bis auf die Zeiten Prokops unverän- 
dert bestand und uns in seiner äusseren Erscheinung durch Münzbilder be- 
kannt ist.') Der Überlieferung nach hatte der Erbauer des Janus geminus, 
Numa Pompilius, ihn dazu bestimmt, als index pads bellique zu fungieren, 
indem er anordnete, dass der Durchgang zu Kriegszeiten geöffnet, bei 
vollem Frieden aber geschlossen sein sollte;^) Zweifel an dem hohen 
Alter dieses Brauches müssen aber aufsteigen angesichts der Thatsache, 
dass zwischen Numa und Augustus, der sich rühmt, den Janus dreimal* 
geschlossen zu haben, ^) nur ein einziges Mal, nach Beendigung der sar- 
dischen und ligurischen Kämpfe im J. 519 = 235, eine Schliessung des 
Bogens erfolgt ist. Da der älteste Gewährsmann, der Annalist L. Cal- 
purnius Piso (bei Varro de 1. 1. V 165), die Verordnung des Numa in der 
Form überliefert: ut sit aperta semper, nisi cum bellum sit nusquam, so 
wird sich wohl der ursprüngliche Brauch auf beständige Offenhaltung des 
Thores beschränkt und Augustus ihm erst in vermeintlicher Wiederher- 
stellung einer uralten Sitte jene Bedeutung beigelegt haben; es stimmt dazu, 
dass gerade die Gelehrten und Dichter der augusteischen Zeit sich um die 



Macr. I 9, 16. 15, 19. Varro bei Lyd. | 323 ff. 0. Richtbb, Handb. III 799 f. 

de mens. IV 2. , *) Liv. I 19, 2. Varro de 1. 1. V 165. 

2) Liv. I 26, 12. Dion. Hai. III 22. Fest. I Mehr bei Gilbekt, Topogr. I 324. 
p. 297. Panl. p. 807. Vgl. auch Gilbert, ») Mommsen, Res gestae D. Aug. p. 50 f. 

Topogr. I 178 ff. II 55 ff. ' lieber spätere Schliessungen Jobdan, Topogr. 

') üeber das Gebäude s. Jobdan, Topogr. j I 2 S. 846 A. 45. 

I 2 S. 345 ff. Hülsen, Annali d. Inst. 1884, | 



A. Di indigetM. 19, Janas. 



93 



Wette bemühen, Ursprung und Bedeutung der ganzen Einrichtung durch 
Kombinationen und Hypothesen zu erklären, sei es, dass sie symbolisch 
in dem Gebäude entweder den Frieden oder den Ej'ieg eingeschlossen sein 
lassen,') sei es, dass sie von der Bolle erzählen, die dies Thor in den 
Kämpfen der ürrömer mit ihren Nachbarn gespielt habe.^) Ob das Qe- 
bäude konsekriert war, ist sehr fraglich, von heiligen Handlungen, die 
bei ihm vorgenommen worden wären, erfahren wir nichts; von Haus aus 
war es ein Thor (porta lanualisy) und diente als Durchgang. So lange 
letzteres der Fall war, stand jedenfalls kein Bild des Gottes in demselben, 
das doch nur den Verkehr gehemmt hätte; später^) war allerdings in der 
Axe des Thores eine Erzstatue des doppelgesichtigen Gottes in der Weise 
aufgestellt, dass die beiden Köpfe nach Osten und Westen durch die 
Thoröffhung schauten; die Thatsache, dass die Finger dieser Statue die 
Zahl 365 bildeten,^) d. h. die Zahl der Tage, die das bürgerliche Jahr^) 
der Römer erst durch Caesars Kalenderreform erhielt, zeigt deutlich die 
Thorheit der landläufigen Ansicht, welche das Standbild für eine Stiftung 
des Königs Numa hielt. Die älteste bekannte Darstellung des Janus ist 
vielmehr der doppelgesichtige bärtige Kopf auf dem As der ältesten rö- 
mischen Kupferprägung; bedenkt man nun, wie viel näher es lag, zur 
Ausfüllung des Münzrundes einen Doppelkopf zu bilden, als ein Kultbild 
mit einfachem Körper und doppeltem Gesicht, das stets eine unorganische 
Bildung bleibt^) und nur unter der Voraussetzung verständlich wird, 
dass der Doppelkopf etwas bereits Gegebenes war, so wird man sich der 
Einsicht nicht verschliessen können, dass der Doppelkopf als Bild des 
Janus überhaupt zuerst für die Münzen geschaffen worden ist: als gött- 
licher Vertreter alles Anfangs und alles Ersten war Janus für die Signie- 
rung des Einheitsnominales, des As, der gegebne Gott, und während man 
für die Teilstücke griechische Götterköpfe zur Bezeichnung wählte, erfand 
man den bärtigen Doppelkopf in Anlehnung an manche Vorbilder der 
griechischen und vielleicht auch der etruskischen ®) Münzprägung für 
Janus neu als leicht verständliche Versinnlichung des nach Osten und 



') Der Friede eingeschlossen: Ovid. fast. 
I 281. Hör. epist. II 1, 255; der Krieg: Verg. 
Aen. I 293 ff., vgl. VII 607; andre Deutungen 
bei Ovid. f. I 279. Serv. Aen. I 294. VIT 610. 

») Ovid. met. XIV 728 ff.; fast. I 261 ff. 
Macr. S. I 9, 17 f. Serv. Aen. I 291, wie 
es scheint aUe aus Verrius Flaccus. Varro 
de 1. 1. V 156 erwähnt die warmen Quellen 
Laatolae, ohne der Sage zu gedenken. 

») Varro de 1. 1. V 165; vgl. Flor. I 18. 
Cass. Dio LI 20. 

^) Aelteete Erwfthnung bei Varro de 1. 
1. V 165. 

») Plin. n. h. XXXIV 33. Macr. S. I 
9, 10. Lyd. de mens. IV 1. 

*) Nur um dieses, nicht um das astro- 
nomische Jahr kann es sich hier handeln, 
und dadurch wird der Rettungsversuch von 
F. MthrzuK, Quellen des Plinius S. 312 un- 
möglich. 



') Daher fehlen Darstellungen des Janus 
in ganzer Form sogut wie ganz, vgl. F. 
WiBSBLBB, Arch. Zeit. XIX 1861 S. 139; das 
dort Taf. 147, 8 abgebildete Medaillon des 
Commodns ist nach Imhoof - Blümeb inter- 
poliert. Eine Bronoestatuette eines doppel- 
gesichtigen Jünglings mit etruskisoher In- 
schrift im Museum von Cortona bei Fa- 
BBETTi, Corp. inscr. Ital. Taf. XXXV nr. 1051. 

") Das zeitliche Verhältnis der etrus- 
kischen (namentlich volaterranischen) Mün- 
zen mit dem Doppelkopf (s. Dbbckb, Etr. 
Forsch. II 34 ff. 43 f. mit Taf. III 42) zur 
ältesten römischen Eupferprägung ist noch 
nicht mit Sicherheit zu bestimmen, da der 
Zeitansatz der letzteren Gegenstand der Kon- 
troverse ist; vgl. Samwbb-Bahbfbldt. Wiener 
numism. Zeitschr. XV 1883 S. 22 ff. mit Taf. 
I 12. II 1. 2. 



94 



Religion and Knltns der BOmer. II. GOtterlehre. 



Westen schauenden Doppelthores, sozusagen eine Übersetzung des ianus 
geminus in menschliche FormJ) Den Doppelkopf auf etruskischen Münzen 
Janus zu nennen, haben wir kein Recht; denn was man für Zeugnisse 
etruskischen Januskultes gehalten hat,^) ist durchaus nicht beweiskräftig. 
Der sogenannte Janus quadrifrons, ein mit vier Gesichtern nach vier Seiten 
schauendes Bild, welchem Domitian auf seinem Forum einen eignen, vier 
verschiedene Fora überblickenden Bau widmete, b) sollte allerdings aus 
dem mit etruskischen Einflüssen stark durchsetzten Falerii nach dessen 
Dedition 513 = 241 nach Rom gebracht worden sein;^) ob aber dies 
viergesichtige Bild in Falerii wirklich den Oott Janus darstellen sollte 
oder nicht vielmehr die römische Bezeichnung als Janus quadrifrons nur 
als ein Deutungsversuch anzusehen ist, wird man mit um so grösserem 
Rechte fragen dürfen, als von einem Kulte des Janus quadrifrons in 
Rom nie die Rede ist und überhaupt das ganze Denkmal bis auf Domitians 
Zeiten völlig in Vergessenheit begraben lag. Der einzige wirkliche Tempel 
des Janus, von C. Duilius in der Seeschlacht bei Mylae 494 = 260 gelobt, 
lag vor der Porta Carmentalis am Forum holitorium und feierte seinen 
Stiftungstag am Feste der Portunalia (17. August), bis derselbe nach einer 
von Augustus begonnenen und von Tiberius 17 n. Chr. beendeten Wieder- 
herstellung des Tempels auf den 18. Oktober, als den Tag der Einweihung 
des Neubaues, verlegt wurde. ^) Wenn wiederholt von einem Bilde des 
Janus die Rede ist, welches den Gott mit den Attributen eines Schlüssels 
und eines Stabes ausgerüstet darstellte,^) so dürfen wir das jedenfalls auf 
das Eultbild dieses Tempels beziehen; Augustus ersetzte dasselbe durch 
eine aus Ägypten mitgebrachte Statue von Skopas, die ursprünglich wohl 
den ^Egfi^g dixätpaXoq in Hermenform darstellte und nun kurzer Hand als 
Janus umgedeutet wurde. ^) 

Die Rolle, welche Janus in der Yolksreligion der historischen Zeit 
spielt, steht in gar keinem Verhältnisse zu Alter und Bedeutung des ur- 
sprünglichen Kultes; Weihinschriften fehlen in Rom und Italien gänzlich®) 
und kommen auch in den Provinzen (den Donauiändem und Afrika) nur 
vereinzelt vor.^) um so anziehender war die eigenartige Qestalt des 
Gottes für den Scharfsinn der Gelehrten und die Phantasie der Dichter, 
welche teils eine Menge ätiologischer Sagen zur Erklärung des doppel- 
gesichtigen Bildes und des Janusbogens erfanden, teils an diese Thatsachen 
die kühnsten Hypothesen über Wesen und Bedeutung des Gottes knüpften. 
Die Dichter machten ihn zum Gegenstande von allerlei erotischen und 



*) WissowA, Neue Jahrb. f. klass. Altert. 

1 1898, 171 f. 

*) Müllbr-Dbecke, Etrusker II 58 ff. 
Dbeckb, Etr. Forsch. 11 125 ff. IV 24 ff. 

•) Martial. X 28. Lyd. de mens. IV 1; 
vgl. Jobdan, Hermes IV 240 ff.; Topogr. I 

2 S. 450. 

*) Serv. Aen. VII 607. Macr. S. I 9, 13; 
vgl. August c. d. Vn 4. Debcke, Die Fa- 
lisker S. 91 f. 

^) Tac. ann. II 49. Aust, De aedib. 
sacr. p 15. 44. 



•) Ovid. f. I 99. Macr. S. I 9. 7. Amob. 
VI 25. Lyd. de mens. IV 1. Suid. s. *}a¥ov^ 
amog. 

') Plin. n. h. XXXVI 28. Vgl. K. Wer- 
NiCKE, Jahrb. d. arch. Instit. V 1890 S. 148 f. 

^) Obblli 1583 (angeblich aus der Ge- 
gend von Albano) ist gefäbcht: CIL XIV 
162*. 

•) CIL III 2881. 2969. 3080. 3158. 5092». 
VIII 2608. 4576; Suppl. 15577. 16417. XII 
1065. 



A. Bi indigetes. 19. JaniiB. 



95 



genealogischen Erzählungen, die sie mit grosser Willkür frei erfanden;^) 
Ovid (fast. VI 101 ff.) weiss von einem Liebesverhältnisse mit Gardea, der 
Göttin der Thürangeln, zu erzählen, bei andern ist er der Qatte der lati- 
nischen Quellnymphe Juturna und Vater des Fontus,*) noch andre gaben 
ihm die alte, halb verschollene Göttin Yenilia zur Frau und liessen aus 
dieser Ehe eine Tochter Ganens, ein Abbild der griechischen Echo, hervor- 
gehen (Ovid. met. XIY 320 ff.). Anknüpfend an den Namen Janiculum 
und das Gepräge der ältesten Kupfermünzen (Januskopf und Schiffsprora) 
reihte man ihn unter die vorhistorischen Herrscher Latiums ein und er- 
zählte, dass er vor unvordenklichen Zeiten auf dem Janiculum als König 
geherrscht habe; nach der einen Überlieferung war er Ureinwohner des 
Landes und teilte den Thron erst mit einem Landesfürsten, Namens 
Gamese, der offenbar nur ein zur Erklärung des uns wie den Alten 
rätselhaften Namens Gamesene = Latium erfundener Eponymus ist und 
daher aus der Erzählung bald wieder verschwindet, dann mit Saturnus, 
der unter seiner Regierung von Juppiter vertrieben zu Schiff (daher die 
Münzbilder) nach Latium kam und dort freundliche Aufnahme fand;') 
nach einer andern Version aber ist Janus selbst ein Einwandrer und aus 
dem Perrhäberlande zur See in Latium angelangt, zusammen mit seiner 
Schwester und Gattin Gamese, die ihm ausser zwei Kindern Aithex und 
Olistene auch den Tiberinus, den Eponjrmen des Tiberflusses, gebiert;^) 
auf Janus wie auf Saturnus werden dann allerlei Kulturerrungenschaften 
und Erfindungen (Schiffsbau, Münzprägung, Obst- und Getreidebau) 
zurückgeführt.^) Besonders mannigfaltig aber waren die Versuche, die 
der Verehrung des Gottes zu Grunde liegende Idee zu ermitteln ; während 
die einen das Ghaos,^) die andern das Himmelsgewölbe,^) noch andre die 
Luft*) in Janus göttlich verkörpert glaubten, hat unter den Neueren die 
Ansicht des Nigidius Figulus^) den meisten Beifall gefunden, welcher in 
ihm einen Sonnengott erkannte, eine Anschauung; für welche deren Ver- 
treter (BüTTMANN, ScHWEGLER, Gebhard, Preller, Zander) einerseits die 
Etymologie des Namens (= Divanus von Wz. div glänzen) ^®) andererseits 
die die Allwissenheit des allschauenden Tagesgestirnes versinnbildlichende 
Doppelgesichtigkeit ^*) ins Feld führen; aber auch abweichenden Anschau- 
ungen hat es nicht an Verfechtern gefehlt, indem man den Gott als Symbol 
des Himmels (Deecke,") Linde) oder als ursprünglichen Windgott *^) auf- 



>) W1S8OWA. Philol. Abhandl. M. Hertz 
dargebracht (1888) 8. 162 ff. 

') Amob. III 29; Fontns wurde zam 
Sohne des Janas wohl deshalb, weil sein 
Altar anf dem Janicalam lag (Cic. de leg. 
11 56). 

') Protarchos v. Tralles and Hygin bei 
Macr. S. I 7, 19 ff. and mehr bei Schwboler, 
R. G. l 212 ff. 

*) Fiat. Q. R 22. Drakon y. Kerkyra 
bei Athen. XV 192 D. Demophilos bei Lyd. 
de mens. IV 2. Serv. Aen. VIII 380. Vgl. 
aneh Paolin. Nolan. carm. 82, 68 ff. 

») SCBWBGLBB, R. Q. I 218 f. 

•) Verrios Placcus: Ovid. f. I 103 ff. 



Paul. p. 52. 

') Varro bei August, c. d. VII 7. 8; vgl. 
Lyd. de mens. IV 2. 

>) Gavius Bassus bei Lyd. de mens. IV 2; 
im aUgemeinen vgl. Amob. III 29. Serv. 
Aen. VII 610. 

•) Macr. S. I 9, 5 ff.; einen älteren Ge- 
währsmann, Lutatius Daphnis, nennt Lyd. 
de mens. IV 2. 

^^) CoBSSBN, Beitr. z. ital. Sprachkunde 
S. 305 ff. 

*i) F. Marx, Interpretationum hexas (Ind. 
lect. Rostock 1888/89) p. 3 ff. 

»») Etr. Forsch. II 125 ff. 

>*) RosoHER, Hermes der Windgott (Lpz. 



96 



Beligion und KnltnB der BOmer. IL GOtterlehre. 



fasste. Doch lassen sich diese physikalischen Deutungen sämtlich nur 
durch Vergewaltigung der besten antiken Überlieferung durchführen, 
während alles, was wir vom ältesten Kulte des Qottes wissen, auf eine 
viel einfachere Vorstellung führt. ^^^ Name, dessen Identität mit 
dem Appellativum ianus^) nicht in Abrede zu stellen ist, kennzeichnet 
den Janus ebenso deutlich als Gott der Thüren und Thore, wie Föns, 
Terminus, Vesta als Oötter der Quelle, des Grenzsteines und des Herdes 
sichergestellt sind. Der Name Janus Geminus und die Bildung des Doppel- 
kopfes erhalten auf diese Weise ihre ungezwungene Erklärung, da jede 
Thür sozusagen doppelgesichtig ist und nach innen und aussen schaut;^) 
als göttlicher Thürhüter (vgl. Verg. Aen. VII 610 nee custos absistit limine 
lanus) führt er den schon im Salierliede vorkommenden^) Beinamen 
Clusius (Clusivius) Patulcius und die Attribute seines Amtes, Schlüssel 
und Portierstab. Der insbesondere so genannte ianus geminus am Forum, 
der aus der Unzahl von iani ebenso hervorragt wie z. B. der Herd der rö- 
mischen Gemeinde aus der ungezählten Menge privater Feuerstellen, 
bildet die Eingangsthür zum Staatsmarkte, in dessen Innersten der Staats- 
herd des Vestatempels gelegen ist, und wenn dieser Bogen den Beinamen 
ianus Quirinus führt, ^) so wird das dem Sinne nach ungefähr ebenso auf- 
zufassen sein, wie wenn die Göttin des Staatsherdes im Gegensatze zu 
der des Privathauses als Vesta p. R. Quiritium bezeichnet wird. Von 
Janus als Gott des Einganges ist nur ein Schritt zum Gotte des Anfanges, 
da diese beiden Begriffe einander entsprechen wie Raum und Zeit (vgl. 
inüium); so hat er die Herrschaft über jeden Anfang, er waltet über das 
erste Entwicklungsstadium eines jeden Dinges, über den Beginn eines 
jeden Zeitabschnittes, seine Bedeutung wird von Varro*) zusammen- 
fassend dahin präzisiert: penes lanum sunt prima, penes lovem summa. 
Darum muss er am Anfange eines jeden Gebetes angerufen werden, 
darum ist sein Agonium das erste Fest des römischen Kirchenjahres, 
darum trägt die erste Münze der römischen Münzreihe seinen Kopf und 
erst die zweite den des Juppiter; ihm ist vom Tage die Morgenstunde 
heilig — daher heisst er matutinus^) — , im Monate die Kalendae, im 
Jahre der erste Monat, der von ihm den Namen Januarius führt, ^) und so 



1878) 8. 119 ff. Röscher hat aber diese An- 
sicht jetzt zu Gunsten der auch im Text 
von mir vertretenen aufgegeben. 

1) Vgl. auch Hartuno, Relig. d. Römer 
II 219. MoMMSEN, Rom. Gesch. I 165 Anm. 
Nissen, Templum S. 228 f. 

*) Ueber dieses vgl. Jobdan, Topogr. I 
1 S. 29 und dazu CIL VI 23090 sowie den 
ianus augustus der via augusta in Hispania 
Baetica (CIL U p. 627 ff.). 

') Ovid. fast. I 135 f.: omnis habet ge- 
minaSf hinc atque hinc, ianua frontis, e qui- 
hu8 haec populum spectat, at iUa larem. 

*) Varro de 1. 1. VII 26 nach der Her- 
stellung von Bbbok und Jobdan, Erit. Beitr. 
S. 223 f.; vgl Ovid. f. I 129. Macr. S. I 
9, 16. Serv. Aen. VII 610. Lyd. de mens. 
IV 1. 



^) Ianus Quirinus heisst der Bogen am 
Forum bei Sueton Aug. 22; ebenso ist Mon. 
Anc. 2, 42 zu lesen und wohl auch bei Horaz 
carm. IV 15, 9 anstatt ianum Quirini herzu- 
stellen. Die landläufige Auffassung erklärt 
es als Beiwort des Gottes quasi bellorum 
potentem ab hasta, quam Sahini curin vo- 
cant (Macr. S. I 9, 16). Ueber den angeb- 
lichen Janus Quirinus in der Formel der 
spolia opima s. oben S. 20 Anm. 1. 

•) Bei August, c d. VII 9; vgl. IV 11 
in lano Initiator, VJI 3 omnium initiorum 
potestatem habere Ianum. 

7) Hör. sat. II 6, 20 Matutine pater seu 
lane Uhentius audis. 

^) Ich halte die Ueberliefemng (Ovid. 
f. I 44. Flut. Numa 18. Macr. 8. 1 13, 3. 
Lyd. de mens. IV 1), daas der Januar von 



A. Di indigetes. 19. Janas. 



.97 



verallgemeinert sich sein Begriff allmälig zu dem eines Gottes des Jahres 
und des Zeiten wechseis. ^ In demselben Sinne ist er auch der Gott, der 
über den Anfang des Lebens in jedem menschlichen Individuum wacht; 
als Cansevius steht er der Zeugung und Empfängnis vor und eröffnet die 
lange Reihe von Göttern, die das Leben des werdenden Menschen von 
der Gonception bis zur Geburt begleiten und beschützen.*) Und ebenso 
bezeichnet er auch in der römischen Götterwelt den Anfang, nur nicht 
im Sinne einer kosmogonischen Sage, die der italischen Mythologie fremd 
ist; wenn Janus für den ältesten der Götter gilt^) und mit besonderer 
Betonung den Beinamen pater erhält,^) so ist er damit nicht etwa physisch 
als Erzeuger der übrigen Götter gedacht, sondern er tritt als divom deus 
oder principium deorum^) rein abstrakt an die Spitze der Welt- und 
Götterschöpfung nicht anders wie er die Götterreihen in den Gebets- 
formeln eröffnet; erst spätere gelehrte Konstruktion hat den Janus zum 
Weltschöpfer gemacht. •) 

In engster Beziehung zu Janus stehen, abgesehen von Yesta, noch 
zwei Gottheiten des ältesten Kreises, Mater Matuta und Portunus. An 
die Seite des matutinus pater tritt Mater Matuta, eine Göttin des Früh- 
lichts,') die dann aber entsprechend der Auffassung des Janus als Gon- 
sevius und auf Grund einer leicht verständlichen Begriffsübertragung zur 
Geburtsgöttin geworden ist; wie die Analogie von Juno Lucina zeigt, war 
den Römern die Parallelisierung der Geburt des Menschen mit der Geburt 
des Lichtes aus der Finsternis durchaus geläufig, und Mommsen (Rom. 
Gesch. I 162 Anm.) weist treffend darauf hin, dass nach Ausweis der 
Vornamen Manius und Lucius die Morgenstunde für die Geburt als glück- 
bringend galt. Der Kult der Mater Matuta war in ganz Mittelitalien ver- 
breitet;^) zu Satricum im Yolskerlande besass sie einen Tempel, der 
hohes Ansehen genoss und wiederholt bei Zerstörungen der Stadt respek- 
tiert wurde, •) einen andern Tempel zu Gales kennen wir aus einer In- 
schrift (CIL X 4660); magistrae matris Matutae begegnen uns in Cora 
(CIL X 6511, vgl. 8416) und in Praeneste (CIL XIV 2997. 3006), und 
Weihinschriften zeigen, dass sie sowohl in dem umbrischen Pisaurum 



Alters her den Anfang des 12monatlichen 
Jahres bildete, keineswegs fQr so verwerf- 
lich, wie es Mommsbn, Chronol. S. 27 A. 32 
tfant; vgl. auch Gilbert, Topogr. 1 265. Eine 
direkte Beziehung des Janus zur Neujahrs- 
feier (Aber diese s. Prblleb, Rom. Myth. I 
179 ff. Mabquabdt, Staatsverw. III 266) ist 
nicht nachweisbar. 

*) Die Stellen bei Schweoleb, R. G. 
1 220. 

«) Macr. 8. I 9, 16. Tert. ad nat. II 11 
(vgl. Lyd. de mens. IV 1). Varro bei Aug. 
c. d. VI 9. Vn 2. 3. 

') Juven. 6, 393. Herodian. I 16. Pro- 
cop. b. Goth. 1 25. 

*) Macr. S. I 9, 16 und mehr bei Schweo- 
lbb, R. G. 1 223 A. 25. 

^) Septimius Serenus frg. 23, 2 Baehrens. 

•) z. B. Ovid. fast. I 103 ff. M. Messala 
bei Macr. S. I 9, 14. 

Baadbnoh der klAM. AltertiimBwiweuMchaft. V 4. 



') Luor. V 656 : tempore item certo roseam 
Matuta per oras aetheris auroram differt et 
lumina pandit. Prise. II 53 (I p. 76, 18 H.): 
matutinus a Matuta, quae significat Auroram 
vel, ut quidam, Aevxo&eay. üeber die Ety- 
mologie des Namens, der mit mane, manus, 
maturus zusammengebracht wird, vgl. Paul, 
p. 122. 125 (Fest. p. 161. 158). Non. p. 66. 
Daher stammt wohl auch die Erklärung, dass 
sie über die frumenta maturescentia wache 
(August. 0. d. IV 8). 

^) Ausserhalb Italiens CIL III Suppl. 
6680 aus Berytus. 

») Liv. VI 33, 4. VII 27, 8. XXVIII 11, 2. 
Wahrscheinlich ist es eben dieser Tempel 
der Mater Matuta von Satricum, der neuer- 
dings in Conca aufgedeckt worden ist (s. 
namentlich Babnabei, Notiz, degli Scavi 1896. 
101 f. 195 f.). 



98 



Religion und Knltns der Römer, ü. GOtterlehre. 



(CIL I 176. 177), als wahrscheinlich auch bei den Oskern ünteritaliens 
Verehrung genoss;^ auch für das südliche Etrurien darf ihr Kult mit 
grosser Wahrscheinlichkeit angenommen werden, denn Wesselino hat sehr 
einleuchtend vermutet, dass die von den Griechen bald als yievxod-ea, bald 
als Eilefd'Via bezeichnete Göttin des reichen, von Dionysios von Syrakus 
geplünderten Tempels von Pyrgi, der Hafenstadt von Caere, keine andre 
als Mater Matuta gewesen sei.^) An all diesen Orten wird sie in gleicher 
Weise als Geburts- und Frauengottheit verehrt, überall sind es Frauen, 
die uns als ihre Priesterinnen oder Weihende entgegentreten. Denselben 
Charakter trägt ihr Kult in Rom; ihr altes Fest, die Matralia am 11. Juni 
(CIL I * p. 320), war eine Festfeier der Matronen, bei welcher allerlei uralte 
Ritualbestimmungen noch zur Anwendung kamen; nicht nur blieben die 
Sklavinnen, wie auch von manchen andern Kulten, aufs strengste ausge- 
schlossen — diese Ausschliessung wurde bei den Matralia in der Weise 
symbolisch zum Ausdruck gebracht, dass eine Sklavin hereingeführt und 
dann unter Rutenstreichen hinausgejagt wurde ^) — , sondern auch von 
den Matronen durften nur solche teilnehmen, die in erster Ehe lebten;^) 
die Opfergabe bildeten nach alter Art in einem irdenen Geschirr gebackene 
Kuchen {testuafium),^) und bei dem Gebete wollte es der Brauch, dass man 
erst der Geschwisterkinder und dann erst der eigenen Kinder gedachte,^) 
wohl eine Erinnerung an eine vorzeitliche, von der späteren abweichende 
Auffassung des Verwandtschaftsverhältnisses. Wo die Matralia in älterer 
Zeit begangen wurden, wissen wir nicht; einen Tempel erhielt die Göttin 
erst im Jahre 358 = 396 durch Camillus, und zwar am Forum boarium 
in der Nähe des Fortunentempels;') wenn die Überlieferung (Liv. V 19, 6) 
den Bau nur als die Wiederherstellung eines bereits von Servius Tullius 
gegründeten Tempels bezeichnet, so liegt darin höchstens, dass das Heilig- 
tum des Camillus an die Stelle eines alten, unscheinbaren Sacellum trat, 
über dessen Entstehung eine sichere Tradition nicht vorhanden war; das 
Stiftungsfest des Tempels fiel mit den Matralia zusammen. 

Am Ausgange der republikanischen Zeit hat der klügelnde Scharfsinn 
der Mythologen die Mater Matuta mit der griechischen Leukothea gleich- 
gesetzt, wofür einige Analogien in den Kultgebräuchen Anhaltspunkte 
boten,^) und diese bald aufgenommene Gleichung^) ist bei Ovid (fast. VI 



^) Wird auch das maatüU der iDSchrift 
von Agnone jetzt richtiger auf die Manen 
bezogen, so darf man doch wohl die Worte 
einer heneventanischen Inschrift (Zvetaibff, 
Inscr. Ital. inf. nr. 108) sakaraklum maa- 
tre(s = sacellum matris für Mater Matuta 
in Anspruch nehmen, da ja auch ihr Fest 
in Rom schlechthin Matralia heisst (Paul, 
p. 125). 

^) Vgl.MüLLBB-DEECKE, Etruskor II 54 f. 
und die Stellen ebenda I 189. Die mater 
magna Matuta einer Inschrift von Monte- 
pulciano beruht auf Fälschung (CIL VI 532*.' 
533*). 

») Ovid. f. VI 481. 551 flF. Plut.Camill.5; 
Q. R. 16. 

^) Tertull. de monogam. 17. 



») Varro de 1. 1. V 106. Ovid. f. VI 
482. 531 ff.; Opferkuchen spielen gerade 
auch im Kulte des Janus eine grosse Rolle, 
Paul. p. 104. Varro bei Lyd. de mens. IV 2. 
Ovid. f. I 127. 276. 

•) Ovid. f. VI 559 ff. Flut. Camill. 5; 
Q. R. 17. 

') Jordan, Topogr. I 2 S. 484. Gilbert, 
Topogr. III 436 f. 

^) Plut. Garn. 5; ein wichtiges Argu- 
ment bildete der Umstand, dass auch im 
Heiligtum e der Leukothea zu Chaironeia 
Sklaven und Sklavinnen der Zutritt verboten 
war (Plut. Q. R. 16); doch kommt diese Mass- 
regel in vielen Kulten vor (Dibls, Sibyll. 
Blätter S. 96 f.). 

*) Cic. Tusc. I 28; de nat. deor. ITI 48. 



A. Di indigetes. 19. Janas. 



99 



473 fP.) zu einer ausführlichen Darstellung verarbeitet: Ino wird, nachdem 
sie sich mit ihrem Sohne Melikertes ins Meer gestürzt, an die Mündung 
des Tiber getragen und erfährt bei Carmentis freundliche Aufnahme samt 
der Prophezeiung, dass ihr und ihrem Sohne göttliche Ehren bestimmt 
seien und das Paar von den Griechen als Leukothea und Palaimon, von 
den Italikern als Matuta und Portunus verehrt werden solle. Erst so 
kam man dazu, die Mater Matuta als eine See- und Schiffahrtsgöttin auf- 
zufassen (Amob. ni 23), worauf in ihrem Kult nichts hindeutet, i) 

Wenn in der ovidischen Erzählung mit Mater Matuta Portunus ver- 
bunden ist, so geschieht das vor allem der Identification mit dem grie- 
chischen Hafengotte Palaimon zu Liebe; aber die Verbindung ist darum 
nicht schlecht gewählt, weil in der That Portunus wie Matuta zum Kreise 
des Janus gehört,*) wie mit Sicherheit schon daraus hervorgeht, dass der 
Stiftungstag des Janustempels am Marcellusth^ater auf das Fest der Portu- 
nalia gelegt wurde (S. 94). Der Portunus pater (Verg. Aen. V 241), dessen 
Zugehörigkeit zum ältesten Götterkreise nicht nur durch die Festfeier der 
Portunalia (17. August), sondern auch durch die Existenz eines eigenen 
Flamen Portunalis ^) sichergestellt ist, stellt eine Art Abzweigung vom 
Machtbereiche des Janus dar. Beide Gottheiten verhalten sich zu einander 
wie die Begriffe porta und portus, die von Haus aus identisch sind, bis sich 
das letztere Wort im Wege der Begriffsverengerung auf die Bedeutung 
des Eingangs vom Flusse oder Meere her, also des Hafens, beschränkt.^) 
So war auch Portunus nach der Definition Varros (Schol. Veron, zu Verg. 
Aen. V 241) der deus portuum j^ortarumque praeses, und dass unter seinen 
Funktionen der Schutz der Thüren voranstand, geht schon daraus hervor, 
dass man ihn wie Janus mit einem Schlüssel in der Hand abbildete 
(Paul. p. 56). Erst in zweiter Linie wurde er Gott des Hafens*) und 
erhielt als solcher an der alten Landungsstelle am Tiber {in portu Tiberino) 
unweit des nachmaligen Pens Aemilius, wo auch die Feier des alten 
Portunalienfestes stattfand,®) einen eigenen Tempel, dessen Fest die Ealen- 
darien am Tage der Portunalia verzeichnen. 

Litteratur: üeber JaDUs s. C. M. Zander, Carminis Saliaris reliquiae, Lundae 1889 
S. 39 ff. RoBOHER, Mythol. Lexik. II 15 ff. S. Lindb, De Jano summo Romanorum deo, 
Lundae 1891 (dazu Deutsche Litter. -Ztg. 1892, 77). J. S. Spbyer, Le dieu Romain Janus, 



Serv. Aen. Y 241; Georg. I 437. Prob, zu 
Verg. Georg. 1 437. Non. p. 66. Lact. I 
21, 23. Aug. c. d. XVIII 14. Hygin. fab. 
2. 224. 

>)'VgL Merkel, Ovid. fast. p. CCXVI. 
MoHMSEN, Rom. Gesch. I 162 Anm. 

') Obblu 1885 lano Portuno, angeb- 
lich ans Spoletium, ist als ligorianisch ver- 
dftcfaüg. 

•) Fest. p. 217: perHUum vocant aacer- 
doUs rudusculum pictUum, ex quo unguine 
flatnen Portunalis arma Quirini unguit. 

*) Die Bedeutung porta (nicht domus, 
wie YerriuB Flaccus falsch erklärte) hat 
yortus noch in dem Fragmente der 12 Tafeln 
bei Fest. p. 233 (vgl. 375): cui testimonium 
defueritf is tertiis diehus oh portum obvagu- 



latum ito. Vgl. Jordan, Topogr. IIS. 429 f. 

*) Cic. de nat d. II 66. Ovid. f. VI 
546 f. u. a. 

•) Varro de 1. 1. VI 19, von Mommsen, 
CIL P p. 325, der Portunus und Tiberinus 
identifiziert, fälschlich auf eine Feier in Ostia 
bezogen ; vgl. Jordan zu Prbller, Rom. Myth. 
II 133, 1. Der Name Portunium für die Ge- 
gend am Pens Aemilius findet sich noch bei 
Fronte ep. ad M. Caes. I 7 p. 19, 1 Nah. 
und Varro de 1. 1. V 146 (emendiert von 
Jordan, Topogr. II 257). Die Worte Varros 
(Schol. Veron. z. Verg. Aen. V 241) huius dies 
festus Portunalia, qua apud veteres claves 

in focum ad mare institutum harren 

noch einer überzeugenden Herstellung. 



100 Religion und KnltiiB der ROmer. ü. GOtterlehre. 

Revue de rhistoire d. relig. XXVI 1892, 1 — 47. üeber Mater Matata Wissowa, RoBchera 
Lexik. II 2462 ff. 

20. Juppiter. Selten gibt schon der Name eines Gottes so klare 
und erschöpfende Auskunft über die ursprüngliche Natur desselben, wie 
es bei Juppiter der Fall ist. Der wie Marspiter zusammengesetzte Name 
hat zur Voraussetzung die einfache Form lovisy die wieder aus älterem 
Diovis hervorgegangen ist; beide Formen finden sich nebeneinander im 
Altlateinischen und Oskischen, während das ümbrische (wie andre italische 
Mundarten) nur die durch Abfall des anlautenden d entstandenen Formen 
kennt ;^) der anlautende Konsonant hat sich aber immer erhalten in den 
Formen Dius und Diespiter, die sich sprachlich und begrifflich mit Diovis 
und Diovis pater decken und erst durch den Unverstand späterer Zeit als 
Namen von Juppiter verschiedener Götter aufgefasst worden sind.^) Dass 
der Name auf die idg. Wurzel di- {div-), glänzen, zurückgeht und der Gott 
dadurch als Gott des Himmels bezeichnet wird, darf als ausgemacht gelten. 
Auch in der lateinischen Sprache prägt sich das Bewusstsein, dass Juppiter 
der Himmelsgott ist, noch in zahlreichen Metaphern des dichterischen Aus- 
druckes aus, in denen Juppiter nicht etwa wie in der griechischen Vor- 
stellung {vei /i^r Zevq) als der persönlich gedachte Lenker und Veran- 
stalter der Himmelserscheinungen auftritt, sondern rein begrifflich mit dem 
Himmel identifiziert wird; z. B. Horat. carm. I 1, 25 manet sub love 
frigide venator, 122, 20 quod latus mundi nebulae malusque luppiter 
urget, JIl 10, 7 ut glaciet nives puro numine luppiter. Die Verehrung 
des Gottes erstreckt sich über ganz Italien, und überall, wo uns die spär- 
lichen Nachrichten ein Urteil gestatten, ist seine Bedeutung als Himmels- 
gott deutlich erkennbar ; insbesondere scheint der Beiname Lucetius, ,Licht- 
bringer*, unter welchem in Rom die Salier den Gott anriefen,') ein allge- 
mein italischer gewesen zu sein.^) 

Die altrömische Auffassung des Juppiter tritt uns aus den Ver- 
ehrungsformen des Staatskultes mit voller Deutlickeit entgegen : Lage und 
Bestimmung der dem Juppiter gewidmeten Festfeiern und die Funktionen 
der für den Dienst des Gottes bestimmten Priester, insbesondere des Flamen 
Dialis, erlauben sichere Rückschlüsse auf die der Kultordnung zu Grunde 
liegenden Anschauungen. Dem Juppiter sind alle Idus, die Vollmondstage, 



*) Osk. Diuvei Zvetaieff, Syll. inscr. i Summanum und flamen Quirinalis von Sum- 

Ose. nr. 9 A 11. 12. B 14. 15; nr. 146; i manus bezw. Quirinus. ßemerkenswert ist 

aber auch luveis (ebd. nr. 3 und 62) und | das Beiwort Dianus, das Juppiter auf einer 

luvet (nr. 34). Altlateinisch steht love auf Inschrift von Aquileja CIL V 783 (lovi Dianö) 

dem (^efäss vom Esquilin (Drbssel, Annali ! führt. Diespiter ist nicht Compositum, son- 

d. Tust. 1880, 158 ff.) und in der Inschrift des dern Zusammenschreibung wie AfaurptVfr. Ety 



Haines von Spoletium (Bormamn, Miscell. 
Capitolina p. 6 ff.), dagegen Diovei u. a. auf 
archaischen Weihinschriften aus Rom (CIL 
VI 136. 357. 438) und Praeneste (CIL XIV 
2863). Die iguvinischen Tafeln kennen nur 
Formen wie luve (Dat.) und lupcUer, luve 
patre. Ueber die Schreibung luppiter und 
Jupiter vgl. Jordan, Hermes XVI 51 f. 

') Dass Dius = Diovis ist, beweisen 
Vedius neben Vediovisy fulgur Dium und 
flamen Dialis von Dius gebildet, wie fulgur 



mologische Versuche der Alten bei Varro de 
1. 1. V 66. Paul. p. 71. 87 u. a. 

») Maor. S. I 15, 14; vgl. Paul. p. 114. 
Gell. V 12, 6. Ueber die aus dem Salier- 
liede überlieferte Form Leucesie vgl. C. M. 
ZandeBi Carminis Saliaris reliquiae (Lund 
1888) p. 35. Maürenbrbcheb, Jahrb. f. Philo!. 
Suppl. XXI 338. 

^) Fflr die Osker bezeugt durch Serv. 
Aen. IX 567; vgl. Mommsbn, Unterital. Dial. 
S. 274. 



A. Di indigetoB. 20. Jappiter. 



101 



heilig, weil an ihnen das himmlische Licht Tag' und Nacht ununterbrochen 
andauert;') an diesem Tage wurde allmonatlich das dem Juppiter bestimmte 
Opfertier, ein weisses Schaf (ovis Idulü), in feierlichem Zuge über die alte 
Prozessionsstrasse, die sacra via, durch die Stadt bis auf die Burg geführt 
und dort geopfert.') Daher sind auch in den Ealendarien sämtliche Idus als 
Festtage gekennzeichnet und mit der Beischrift feriae lovis versehen, ') und die 
Stiftungstage von Juppitertempeln (13. Sept. Juppiter Optimus Maximus, 13. 
April Juppiter Victor, 13. Juni Juppiter Invictus, vielleicht 13. Januar Jup- 
piter Stator, s. u.) sowie die beiden epula lovis (13. Sept., 13. Nov.) fallen auf 
die Idus. Von den Festen der ältesten Kalendertafel gehören dem Juppiter 
vor allem die Feiern der Weinlese, was leicht erklärbar ist, da das edelste 
und von der Qunst des Himmels am meisten abhängige Produkt des 
heimischen Bodens^) dem Schutze des Himmelsgottes ganz besonders em- 
pfohlen werden musste. Dem Juppiter gilt daher das am 19. August 
gefeierte Fest der Yinalia oder, wie es zum Unterschiede von dem zweiten 
gleichnamigen Festtage genannt wurde, Yinalia rustica,^) wie dieser Name 
sagt, nicht in der Stadt, sondern draussen in den Weinbergen begangen, 
wahrscheinlich zur Fürbitte für das Gedeihen der Weinstöcke und das 
Fembleiben aller Schädigungen in dieser letzten, für den Ausfall der 
Ernte entscheidenden Zeit.^) Der Beginn der Lese selbst war nicht auf 
ein Datum fixiert,^) sondern wurde je nach dem Stande der Trauben 
angesetzt (Digest. H 12,4); die Eröffnung der Lese geschah noch in Varros 
Zeit durch den Priester des Juppiter, den Flamen Dialis, der dem Jup- 
piter ein Lamm {agna) opferte und inter exta caesa et porreda die erste 
Traube schnitt.®) Den Schluss der Weinlese bezeichnete das Fest der 
Meditrinalia am 11. Oktober, an dem man den jungen Most zum ersten- 
male verkostete; da man diesem eine besondre Heilkraft zuschrieb 
und diesem Glauben, durch einen alten Spruchvers, den man an diesem 



') Macr. 8. 1 15, 14: Iduum porro nomen 
a Tuseis, apud quoa is diealtis vocatur, sump- 
tum est. Item autem Uli interpretantur lovis 
fiduciam nam cum lovem aceipiamus lacis 

auctorem iure hie dies lovis fiducia 

voeatur, cuius lux tum finitur cum solis oc- 
easuy sed splendorem diei et noctem eontinuat 
inlustrante luna; quod semper in plenilunio 
id est medio mense fieri solet: diem igitur, 
qui vel noeturnis caret tenebris, lovis fidu- 
ciam Tusco nomine vocaverunt; unde et om- 
nes Idus lovis ferias observandas sanxit anti- 
quüas; vgl. I 15, 18. Lyd. de mens. III 7. 
Fiat. Q. R. 24. 

«) Varro de 1. 1. V 47. Fest. p. 290 »>. 
Paul. p. 104. Ovid. fast. J 56. 588. Macr. 
S. l 15, 16. 

') In den erhaltenen Exemplaren ist die 
Beischrift feriae lovis mehrfach weggelassen, 
doch unterliegt es keinem Zweifel, dass sie 
in den vollständigen Exemplaren bei allen 
Idus sich vorfand. Dass die Idus erst durch 
Caesar den Tagescharakter fsp (bezw. N im 
Juni) erhalten hätten, ist eine ganz unbe- 
grOndete Annahme von W. Soltau, Jahrb. 



f. Phüol. CXXXIII 1886, 279 f. 

*) Ueber das Alter des Weinbaus in 
Italien vgl. Nibsbn, (tal. Landeskunde 1 441 
und die von M.Voigt in diesem Handb. IV 2* 
8. 301 Anm. 73 angeführte Litteratur. 

6) Varro de 1. 1. VI 20. Fest. p. 265; 
Paul. p. 264 verwechselt die beiden Vinalia. 

^) Hüne diem festum tempestatibus Jenien- 
dis instüutum Varro bei Plin. n. h. XVIII 
289; der Zeitpunkt entspricht etwa dem, 
wann heutzutage am Rhein die Weinberge 
geschlossen werden. 

^) Die Lese föllt in den September und 
Oktober, vgl. Colum. XI 2, 64 ff. und die 
Menologia rustica (CIL V p. 281), welche die 
vindemiae im Oktober ansetzen. 

•) Varro de 1. 1. VI 16, der davon bei 
Gelegenheit der Vinalia priora erzählt, aber 
nicht, als wenn diese mit der Weinlese zu- 
sammenhingen, sondern nur zum Beweise 
dafür, dass huius rei (der Wein) cura non 
levis in Latio, Die Behandlung der Frage 
nach der Bedeutung der Vinalia rustica durch 
MoMMS£N, CIL P p. 326 scheint mir nicht 
glflcklich. 



102 



Religion and Knltus der BOmer. II. Götterlehre. 



Tage herzusagen pflegte, Ausdruck gab,0 so hat man später aus diesem 
Feste eine eigne Göttin Meditrina herleiten wollen (Paul. p. 123), die nie 
anderswo als im Kopfe spekulierender Grammatiker existiert hat; dass 
das Fest dem Juppiter galt, steht durch das Zeugnis der fasti Amiternini 
fest. Das dritte, ebenfalls mit einer Weinspende an Juppiter verbundene 
Weinfest, die Vinalia priora am 23. April, galten der Einführung des 
nunmehr nach vollendetem Gärungsprozesse trinkbar gewordenen vor- 
jährigen Weines in die Stadt ') und entsprachen ziemlich genau den atheni- 
schen Ilix^oiyia^ an denen man ähnliche fromme Wünsche für die eigene 
Gesundheit während des Jahres aussprach, wie zu Rom an den Meditrinalia 
(Plut. quaest. conv. III 7, 1). Je deutlicher die Bedeutung dieser Feste 
und ihre Beziehung zum Himmelsgotte hervortritt, umso dunkler ist das 
Wesen zweier weiteren Juppiterfeste des ältesten Kalenders, auf deren 
Deutung wir verzichten müssen, da uns dafür keinerlei authentisches 
Material zu Gebote steht und die besten alten Zeugen bereits darüber 
nichts weiter vorzubringen wissen als mehr oder weniger willkürliche 
Deutungen des Namens: es sind die Poplifugia am 5. Juli') und ein 
Juppiterfest des 23. Dezember, dessen Namen wir nicht kennen und dessen 
Bedeutung durch das auf denselben Tag fallende Totenfest der Larentalia 
völlig verwischt worden ist;*^) ein innerer Zusammenhang zwischen den 
zufällig am gleichen Tage begangenen Festen des Juppiter und der Larenta 
ist dadurch ausgeschlossen, dass der erstere als Himmelsgott aufs strengste 
jede Berührung mit dem Kulte der Unterwelts- und Todesgottheiten ab- 
weisen musste: durfte doch sein Priester, der Flamen Dialis, einem Grabe 
oder einer Leiche unter keinen Umständen sich nahen und Dinge, die 
mit dem Todtendienste in Beziehung standen, wie Bohnen oder die Ziege, 
weder berühren noch auch nur bei Namen nennen.^) 

Was die ältesten Kultstätten des Juppiter betsifft, so haftet einem 
bei den verschiedensten Völkern sich findenden Brauche entsprechend die 
Verehrung des Himmelsgottes in Rom wie in ganz Italien vorzugsweise 
an den Höhen, und für die meisten römischen Hügel lassen sich alte Jup- 
piterkulte nachweisen.^) Aber der Staatskult und der spezielle Dienst 
des Flamen Dialis müssen sich, ebenso wie es bei Mars, Quirinus, Vesta 



') Noeum vetuB vinum bibo, novo veteri 
morho medeor, Varro de 1. 1. VI 21. Paul, 
p. 123. 

«) Varro de 1. 1. VI 16. Plin. n. h. XVIII 
287. Ovid. fast. IV 863 ff. Paul. p. 65. 374; 
vgl. MOKMSEK, CIL P p. 316. 

') Als fericie lovis bezeugt durch die 
fast. Amit., vgl. Cass. Dio XLVIl 18; für die 
Deutungsversuche der Alten s. die Stellen- 
sammlung bei Mabquabot, Staatsverw. 111 
325. MoMMSBK, CIL I> p. 320 f. 

^) Feriae lovis nach Macr. S. I 10, 11 und 
fast. Praen. Vgl. Wissowa, De feriis anni 
Rom. p. XL 

6) Gell. X 15, 12. 24. Paul. p. 87. Plin. 
n. h. XVIII 119. Plut. Q. R. 111. 

*) Auf dem EsquiUn liegt das Sacellum 
des Juppiter Faguiuis (Varro de 1. 1. V 152. 



Paul. p. 87. Plin. n. h. XVI 37. CIL VI 452), 
femer kennen wir einen Juppiter Viminos 
(Varro de L 1. V 51. Fest. p. 376). einen 
Juppiter Caelius (CIL VI 334) und einen 
alten Kult auf dem Quirinal (Martial. V 22, 4. 
VII 73, 4). Ausserhalb Roms vgl. ausser 
dem Juppiter Latiaris auf dem Mons Albanus 
(s. u.) Juppiter Appeninus (Obelli 1220. CIL 
VIII 7961), Juppiter Poeninus (CIL V 6865 ff., 
vgl. Babnabbi, Rendic. d. R. Accad. d. Lincei 
Vol. III 1887 fasc. 2 p. 363 ff.), Juppiter 
Vesuvius (CIL X 3806), Juppiter Ciminius 
(CIL XI 2688); auch der sabinische Juppiter 
Cacunus (CIL IX 4876; vgl. VI 371) und der 
Juppiter Culminalis in Noricum und Panno- 
nien (CIL III 3328. 4032. 4115. 5186; Suppl. 
10303. 11673 u. a.) gehören hierher. 



A. Di indigetes. 20. Jappiter. 



103 



u. 8. w. der Fall war, an ein bestimmtes Heiligtum angeschlossen haben, 
und dieses lag seit der Vollendung des Synoecismus von Berg- und Hügel- 
römern auf dem Mens Capitolinus, dessen beide Gipfel Sitze des Juppiter- 
dienstes waren; auf der höheren nördlichen Anhöhe, der arx, befand sich 
die Beobachtungsstätte der Augurn und nach ihr führte die Prozession die 
Sacra Idulia,^) während der südliche Gipfel, später dem Juppiter Optimus 
Maximus geweiht, das älteste Heiligtum des Gottes trug. Hier lag eine 
der Sage nach von Romulus gestiftete Kapelle des Juppiter Feretrius, 
die noph Augustus bei seinem Neubau des Tempels aufs sorgfältigste 
erhielt;') das hohe Alter des Heiligtums wird dadurch sicher gestellt, dass 
der Kult hier noch ein bildloser war und an Stelle einer Statue des Gottes 
in dem Tempelchen vielmehr ein Symbol, der heilige Feuerstein {silex), 
aufwahrt wurde,') in dem wir wohl ein Abbild des Donnerkeils, einen Hin- 
weis auf den im Gewitter waltenden Himmelsgott, zu erkennen haben; daher 
führt der hier verehrte Gott auch den Namen Juppiter Lapis. Dass gerade 
an dieses Heiligtum der älteste Staatskult des Juppiter anknüpft, ergibt 
sich daraus, dass sowohl bei der Weihung der spolia opima als im Ritual 
der Fetialen der mit Mars und Quirinus verbundene Juppiter als Juppiter 
Feretrius bezw. Juppiter Lapis bezeichnet wird.^) Gerade das, was 
wir von den auf dieses älteste Heiligtum bezüglichen gottesdienstlichen 
Handlungen wissen, lässt uns erkennen, wie die Idee des Himmelsgottes 
schon in früher Zeit auf das ethische und politische Gebiet übergriff: 
während wir eine direkte Beziehung der besprochenen Juppiterfeste des 
Kalenders, in denen die einfachste Auffassung noch deutlich erkennbar 
ist, zu diesem ältesten Heiligtume nicht mehr nachweisen, sondern nur ver- 
muten können, tritt uns hier Juppiter in zwei anderen Funktionen ent- 
gegen, als Schützer von Recht und Treue und als Verleiher des Sieges 
im Kampfe. Dass man die Gottheit des überall sichtbaren und alles 
sehenden Himmelsgewölbes zum Schirmherren von Recht, Treue und Wahr- 
heit erhebt, ist eine ebenso geläufige, wie durchsichtige Übertragung. So 
wird Juppiter zum Schwurgotte,^) und insbesondere enthält der Schwur 
beim Juppiter Lapis die heiligste und schwerste Bekräftigung.^) In solcher 
Eigenschaft heisst der Gott Diovis oder Dius Fidius, d. h. Zevq maxiog^ und 
daraus ist allmälig eine eigne Gottheit als Schwurgott für den täglichen 
Gebrauch und das Privatleben entstanden, während der Schwur beim Jup- 
piter Lapis dem völkerrechtlichen Verkehre vorbehalten blieb; auf der 
anderen Seite hat die in der besonderen Obhut des Juppiter Fidius stehende 
Tugend der Treue und Wahrhaftigkeit, die Fides, in verhältnismässig 



*) Varro de 1. 1. V 47 : hinc oritur captU 
sacrtie piae, qucte pertinet in arcem, qua Sa- 
cra quotquot menaibus fei'untur in arcem et 
per quam augures ex arce profecti soJent 
inaugurare (vgl. Fest. p. 290 : quöd eo itinere 
utantur saeerdotes idulium conficiendorum 
causa usque in arcem). 

*) Zeugnisse bei SoHWEeLEB, Rom. Gesch. 
I 461 f. JoRDAH, Topogr. I 2 S. 47. 

») Paul. p. 92; vgl. Serv. Aen. VIII 641. 

*) Fest. p. 189. Polyb. in 25, 6. 



*) Vgl. Verg. Aen. XII 200: audiat haec 
genitar, qui foedera f ulmine sancit. Enn. trag, 
frg. 380 Ribb. : o Fides alma apta pinnis et 
iusiurandum lovis (vgl. Trag. ine. frg. 219 
Ribb.). luppUer lurarius CIL VI 379 und 
wahrscheinlich auch V Suppl. Ital. 1272. 

•) Cic. ep. VII 12, 2. Gell. 1 21, 4. 
Apul. de deo Socr. 5. Paul. p. 115. Vgl. 
dazu auch I. M. J. Valeton, Provincial Ut- 
rechtsche Genootschap van Künsten en Weten- 
schappen 26. Juni 1883. 



104 



Religion and Knltas der BOmer. II. GOtterlehre. 



früher Zeit einen eigenen Kult und ein Heiligtum in unmittelbarer Nach- 
barschaft der capitolinischen Kapelle des Juppiter Lapis erhalten ; dass ihre 
Verehrung aus der des Juppiter hervorgegangen ist, zeigt sich darin, dass 
das alljährliche Opfer der Fides nach bestimmtem altertümlichen Ritus 
durch die drei grossen Flamines, an deren Spitze der Flamen Dialis stand, 
vollzogen wurde (s. u. § 22). In engster Beziehung zum Juppiter Lapis 
als dem Schützer der Treue im Verkehre der Völker und Staaten unter 
einander stehen die priesterlichen Vertreter internationalen Rechtes, die 
Fetialen: aus dem Heilgtume des Juppiter Feretrius entnehmen sie die 
ehrwürdigen Symbole des silex und (später) des Scepters, mit denen aus- 
gerüstet sie gewissermassen als menschliche Repräsentanten des Treu- 
gottes ihres Amtes walten,^) von der arx, also ebenfalls einer Kultstätte 
des Juppiter, empfangen sie die heiligen Kräuter {sagmina), die ebenso wie 
der silex in Ceremoniell ihrer Funktionen eine wichtige Rolle spielen;*) 
an Juppiter Lapis (daneben an Mars und Quirinus) wenden sie sich in 
ihren Gebeten.*) Dieselbe Vorstellung, dass der Himmelsgott über Recht 
und Treue der Menschen gegeneinander wache, liegt zu Grunde, wenn 
Juppiter als Schützer der Grenze und ihrer Heiligkeit, als Juppiter Termi- 
nus (CHj XI 351), gefasst wird und der selbständig gewordene Grenzgott, 
Terminus, die engsten Beziehungen zum Juppiterkulte bewahrt. Endlich 
wird in den gleichen Anschauungskreis auch die Rolle gehören, welche 
Juppiter bei der feierlichsten Form der Eheschliessung, der confarreatio^ 
spielt ; das Opfer vollziehen der Pontifex maximus und der Flamen Dialis,^) 
das Opfertier ist, wie bei der Idusfeier und der Eröffnung der Weinlese, 
ein Schaf, ^) die heilige Handlung gilt dem Juppiter, welcher von dem zur 
Anwendung kommenden farreum libum den Beinamen Farreus erhält;®) 
offenbar erscheint hier Juppiter analog den 10 menschlichen Zeugen, die 
bei dem Akte anwesend sein müssen,^) als Zeuge und Bürge für die Un- 
verbrüchlichkeit des Ehebündnisses.®) — Mit nicht geringerer Deutlichkeit 
ist im Kulte des Juppiter Feretrius die Beziehung auf Kampf und Sieg 
zu erkennen ; der in Blitz und Donner am Himmel wirksame Gott wird 
zum obersten Kriegsherrn und Lenker der Schlachten, zum Vorkämpfer 
seiner Verehrer und Verleiher des Sieges; daher wird in seinem Heilig- 
tume die seltenste und darum kostbarste Siegesbeute, die spolia opima^ 
aufgestellt d. h. ihm als Dankopfer geweiht,^) und eine, allerdings ver- 

auch den luppiter Herceus einreihen wollen» 
der itUer con^aeptum domus cuiusg^ue eole- 
batur, quem etiam deum penetralem appeUa- 
bant (Paul. p. 101; vgl. Serv. Aen. 11 469. 
506) ; das ist aber kein römischer Gott, son- 
dern der gnechische ZetV igxeio^ (Pbvllbr- 
RoBEBT, Griech. Mythol. I 146 f.), und die 
Glosse gehört in eine lange Serie von Ver- 
rins Flaccus aufgenommener griechischer 
Götterbeinamen, die man jetzt bei H. Wil- 
LBBS, De Verrio Flacco glossarum interprete 
(Halis 1898) p.26ff. bequem übersehen kann. 
*) Fest. p. 189; vgl Mabquabdt, Staats- 
verw. II 580 f., wo Cass. Dio XLIV 4, 3 
hinzuzufügen ist. 



») Paul. p. 92. Serv. Aen. XII 206. 

«) Liv. I 24, 4. 8. IX 5, 3. XXX 43, 9. 
Fest. p. 321. Plin. n. h. XXII 5. Marcian. 
Digest. I 8, 8 § 1. Serv. Aen. VIII 641. 
XII 120. 

») Polyb. III 25, 6; vgl. die Formeln 
bei Liv. I 32, 6. 24, 7. 

*) Serv. Georg. 1 31. 

*) Serv. Aen. IV 374. 

') Gaius I 112 und dazu Studrmund, 
Verhandl. d. Würzb. Philol.Versamml. S. 125. 
J. S. Spbyeb, Versl. and Mededeel. Akad. 
Amsterdam, Afdeel. Letterkunde IV 1 (1897) 
S. 138 ff. 

Gai. a. a. O. ülpian. frg. 9. 

^) Man hat in diesen Zusammenhang 



A. Di indigete«. 20. Jappiter. 



105 



fehlte, Hypothese alter Grammatiker leitete sogar den Namen Feretrius 
von dem feretrum ab, dem Gestell, auf dem man die erbeuteten spolia opima 
anzuordnen pflegte. — Nicht beim Heiligtume des Juppiter Feretrius, 
aber auf der benachbarten Anhöhe des capitolinischen Hügels, auf der 
arXj lag das auguraculum, an welches die Thätigkeit der Augurn anknüpft.*) 
Auch sie sind Diener des Juppiter, nicht als Opfervollzieher, wie der 
Flamen Dialis, sondern analog den Fetialen als Träger einer priesterlichen 
Wissenschaft, welche die Erkundung des göttlichen Willens auf Grund 
der Himmelserscheinungen zum Zwecke hat. Der Gott, von welchem diese 
Zeichen ausgehen, ist immer Juppiter,') daher ist die gesamte Augural- 
disziplin ein Zweig seines Kultes und die Augurn die interpretes lovis 0. M. 
(Cic. de leg. U 20). 

Bereits in den bisher geschilderten ältesten Formen des stadtrömi- 
schen Kultus sehen wir die verschiedenen Gestaltungen und Modifikationen 
ausgeprägt, deren die an sich einfache Idee des Himmelgottes fähig war ; 
nach jeder von den hier angedeuteten Richtungen hin erfährt dann die 
Auffassung des Gottes, sei es in der privaten Verehrung des einzelnen, sei 
es in der späteren Entwicklung des Staatskultes, weitere Ausgestaltungen 
und Verzweigungen, indem die verschiedenen Seiten und Äusserungen 
seines Wesens immer mehr verselbständigt und durch zahlreiche Beinamen 
und eigne Kultformen differenziert werden. Dass der Gott der Himmels- 
erscheinungen und des himmlischen Segens als solcher besonders auf dem 
Lande verehrt wird, ist selbstverständlich. Der Landmann, der den Jup- 
piter als den nährenden und fruchtspendenden Gott anruft,^) bezeugt ihm 
seine Verehrung in altertümlicher Form, indem er ihm vor Beginn der 
Aussaat einen Imbis (daps) hinstellt, von welchem der Gott selbst den 
Beinamen Dapalis erhält,^) während ihm in der Stadt, wo bei ähnlichen 
Veranlassungen den breiteren Verhältnissen entsprechend an die Stelle 
des einfachen Imbisses ein Festschmaus (epulum) getreten ist, die Be- 
zeichnung Epulo zukommt.^) In diesen ländlichen Anschauungskreis gehört 
aller Wahrscheinlichkeit nach auch die noch nicht völlig aufgeklärte Ge- 
stalt des bei den oskisch-sabellischen Stämmen verehrten Juppiter Liber,^) 



') Flut. Marc. 8; vgl. Liv. I 10, 5. Dion. 
Hai. II 34. In Wahrheit hängt der Name 
jedenfalls mit ferire zusammen ; vgl. die For- 
mel der Fetialen bei Liv. I 24, 8: tum iüo 
die, luppiter, popuium Bomanum sie ferito, 
tU ego hunc procutn hie hodie feriam, tanto- 
que magis ferUo, quanto magis potes polles- 
que, und v. Domaszbwski. Westd. Zeitschr. 
XIV 120. Wenn v. Domaszbwski aber in 
Jappiter Feretrius und Juppiter Stator neben 
der Trias Jappiter, Mars, Quirinus die älte- 
sten Heeresgötter der römischen Republik 
erkennen möchte und diese in den von Plin. 
n. h. X 16 erwähnten Tierbildem der Signa 
des vormarianischen Heeres verkörpert denkt, 
so beruht diese Kombination nicht nur auf 
sehr ansicherer Grundlage, sondern ist auch 
schon deshalb unmöglich, weil nach der Lex 
de spolüs opimis der Juppiter der Trias Jup- 
piter, Mars, Quirinus eben der Juppiter Fere- 



trius ist. 

«) Jobdan, Topogr. 1 2 S. 102 ff. 

*) MoHMSBN, Staatsr. I 74, 2. Auch bei 
der Inauguration von Personen wendet sich 
der Augur an Juppiter (Liv. I 18, 9). 

*) Almus und ruminus heisst er bei 
August, c. d. VII 11, frugifer CIL XII 336. 
Apul. de mundo 37; auch der Beiname Pe- 
cunia (August, c. d. Vif 12) gehört jeden- 
falls hierher, indem er den Gott als Schir- 
mer und Mehrer des Viehstandes bezeichnet. 

») Cato de agric. 132. Paul. p. 51. 

«) CIL VI 3696. 

^) Inschriftlich bezeugt für das Gebiet 
der Frentaner (Zvbtaieff, Syll. inscr. Ose. 
nr. 3). Vestiner (CIL IX 3513), Sabiner (Job- 
OAN, Analecta epigraphica latina p. 3 f.) und 
Campaner (CIL X 3786, wo die Ergänzung 
Iwi Liheiip) näher liegt als lavi IAher{tati)) 



106 



Religion nnd Knltns der BOmer. IL GOtterlehre. 



der auch in Rom auf dem Aventin einen von Augustus wiederhergestellten 
Tempel (Stiftungstag 1. Sept.) besass; hier wird der Gott bald luppüer 
Liber, ^) bald luppiter Libertds genannt,*) aber die Übersetzung mit Zevg 
slevO-bQiog (Mon. Anc. gr. 10,11) trifft kaum das ursprüngliche Wesen des 
Kultes.^) Vielmehr liegt in Liber (vgl. liber, liberalis mit genius, genialis) der 
Begriff der schöpferischen Fülle, und darum konnte der vom Juppiter Liber 
losgetrennte Liber nachmals mit dem griechischen Dionysos identifiziert 
werden (s. u. § 46), ohne dass man darum eine ursprüngliche Beziehung 
des Liber zum Weinbau anzunehmen berechtigt wäre. 

Sehr reichhaltig ist die Gruppe von Vorstellungen, die sich an den 
Himmelsgott als den Veranlasser heiteren und trüben Wetters^ als den 
tempestatium divinarum potens (CIL VIII 2609), wendet und sich in zahl- 
reichen Beinamen des Juppiter ausspricht.^) Insbesondere richtete sich an 
ihn in Zeiten anhaltender Dürre die Bitte um befruchtenden .Regen, und 
man feierte ihm bei diesem Anlasse in Rom unter Leitung der Pontifices das 
Bittfest des aquaelicium,^) bei welchem die Matronen mit nackten Füssen und 
aufgelöstem Haare und die Magistrate ohne die Abzeichen ihrer Würde in 
feierlicher Procession nach dem Capitole zogen. ^) In älterer Zeit trat bei 
dieser Gelegenheit auch der lapis manaiis in Funktion, ein in der Nähe des 
Marstempels vor Porta Capena aufbewahrter Stein, der im Aufzuge in die 
Stadt geschleppt wurde.') Diese Ceremonie des elicere aquam gehört sicher 
zusammen mit dem Kulte des Juppiter Elicius,^) der auf dem Aventin, 
also unfern der Stelle, wo der lapis manaiis lagerte, einen alten Altar 
besass.^) Dass die Alten selbst den Namen Elicius anders erklärten und 
ab eliciendis fulminibus ableiteten — Valerius Antias erzählte ausführlich, 
wie Numa auf Rat der Egeria die Götter Faunus und Picus im Schlafe 
band und ihnen die Offenbarung diör Blitzsühne abzwang *<^) — , beweist 
umso weniger etwas gegen diese Annahme, als die der etruskischen Super- 
stition eigentümliche Kunst der Blitzbeschwörung ^i) den Römern durchaus 
fremd ist und ihren Anschauugen zuwiderläuft. Die grossartige Natur- 
erscheinung des Gewitters erinnert aber die Römer in hervorragender 
Weise an den Himmelsgott; der Blitz ist ihnen nicht bloss das Zeichen, 
durch welches der Himmelsgott seine Macht und seinen Willen kundthut, 



') Fast. Arval. z. 1. Sept. CIL P p. 328. 

') Mon. Anc. 4, 7; vgl. die Inschriften 
CIL XI 657 (Faventia) und XIV 2579 (Tus- 
culum). 

®) Der Name luppiter LibercUor (Tac. 
ann. XV 64. XVI 35. Fast. Philoc. z. 13.-18. 
Oct. EcKHEL, D. N. VI 272) ist erst nach 
Analogie des griechischen Zevg iXev&sgiog 
hezw. aatttjg gebildet (PsELL£B-RoBBBT,6riech. 
MythoL I 151 f.). 

*) Apul. de mundo 37: fulgurator et 
tonitrtMilia et fulminator, etiam imbricitor et 
item dicitur serenator; vgl. luppiter Serenus 
CIL VI 431. 433, luppUer Plumalia CIL 
IX 324. 

*j Paul. p. 2. Tertull. apol. 40. 

•) Petron. 44. Tertull. apol. 40; de 
ieiun. 16. 



') Varro bei Non. p. 547. Paul. p. 128. 
Serv. Aen. III 175; dass der Stein walzen- 
förmig gewesen sei, sagt nur Fulg. ezpos. 
serm. antiqn. p. 559 M. Ueber die fälsch* 
lieh angenommene Zugehörigkeit dieses Brau- 
ches zur discipUna Etrusca vgl. Wissowa 
in Roschers Lexik. II 2309. 

") So richtig zuerst Gilbbbt, Topogr. 
II 154 und £. Aust in Roschers Lexik. II 
657 f. 

•) Varro de 1. 1. VI 94. Liv. I 20, 7, 
vgl. 31, 8. Ovid. fast. Ill 328 ff. 

'«) Amob. V 1. Ovid. fast. III 285 ff. 
Plut. Numa 15 (vgl. Liv. a. a. 0. Plin. n. h. 
II 140). Vorbild der Erzählung ist das Pro- 
teusabenteuer der Odyssee. 

'*) Müllbr-Dbscke, Etrusker II 176 f. 



A. Di indigeteB. 20. Jappiter. 



107 



sondern er selbst fährt im Blitze hernieder und führt daher den Namen 
Juppiter Fulgur, auch Juppiter Fulgur Fulmen,*) für den erst später die 
nomina agentis Fulgurator oder Fulminator eintreten.*) Wie alt das im 
Marsfeide gelegene Heiligtum des Juppiter Fulgur war, dessen Stiftungs- 
tag die Kaiendarien am 7. Oktober verzeichnen,^) ist nicht überliefert, 
das hohe Alter des Kultes wird aber ausser durch die eigenartige neutrale 
Namensform auch durch den Umstand verbürgt, dass diesem Juppiter 
Fulgur die sog. Blitzgräber oder bidentalia geweiht sind;^) schlug der 
Blitz in einen locus publicus^ so erfolgte eine Prokuration durch die Ponti- 
fices und der Blitz wurde begraben, indem die Stelle mit einer cylinder- 
förmigen Mündung {puteal) eingefasst und mit der Inschrift fulgur conditum 
versehen wurde;*) dabei schied man jedoch fulgur Dium und fulgur Sum" 
manum, da nur die bei Tage fallenden Blitze als unmittelbare Äusserungen 
des Juppiter angesehen wurden, während sich von ihm ein eigener Gott 
des nächtlichen Himmels, Summanus, loslöste, welchem die Prokuration der 
Nachts gefallenen Blitze galt.^) Streng zu scheiden von diesen uralten Kulten 
des Blitzgottes ist Juppiter Tonans, der erst durch Augustus, nachdem dieser 
der Tötung durch Blitzschlag auf wunderbare Weise entgangen war, ein am 
1. September 732 = 22 eingeweihtes Heiligtum auf dem Capitol erhielt.^) 
Die Auffassung des Juppiter als eines Kriegs- und Siegesgottes trat 
bereits in seiner Vereinigung mit den beiden kriegerischen Gottheiten 
Mars und Quirinus zu Tage ; im Laufe der Zeit hat sie dann verschiedene 
Ausgestaltungen erfahren. Als der Gott, der dem Heere Standhaftigkeit 
und Widerstandskraft verleiht, als Juppiter Stator, besass er in Rom 
zwei Tempel. Der eine, an der Nova via, unfern des alten Eingangsthores 
zum Palatin, der Porta Mugionia,®) gelegen, war im dritten Samniter- 
kriege 460 = 294 von M. Atilius Regulus gelobt und nicht lange nach- 
her geweiht worden;*) die spätere Pseudo-Überlieferung datierte freilich 
die Gründung des Tempels auf Romulus zurück,^®) woran im besten Falle 
so viel wahr ist, dass sich ein unscheinbares fanum des, wie es scheint, 
in Italien allgemein verehrten Gottes ^^) bereits vor der Gründung des 
Tempels in derselben Gegend befand. Als Stiftungstag gibt Ovid (fast. 
VI 793) den 27. Juni an, doch ist es eine ansprechende Vermutung von 



') CIL XII 1807. 

») CIL VI 377. ni 821. 1596. 1677. 
3593. 3954. 6342 u. a 

») Vitr. l 2, 5. CIL I» p. 331. 

*) Fest. p. 229 : provorsum fulgur appel- 
latur, quod ignaratur noctu an interdiu sü 
factum; itaque lovi Fulgur i et Summano 
fit, quod diuma lovia nocturna Summani 
fulgura habentur. 

^) Marquabdt, Staatsverw. III 262 f.; 
▼gl. auch CIL XI 1024: sacrum publicum 
fulguris. 

•) Pest. p. 229. Paul. p. 75. Plin. n. h. 
II 138. August, c. d. IV 23. Danach lauten 
die Inschriften der Blitzgräber oft fulgur 
Dium conditum (z. B. CIL VI 205. X 40. 
6423) bezw. fulgur Summanum conditum 
(z. B. CIL VI 206). 



^) Suet. Aug. 29. 91. Mon. Anc. 4, 5; 
mehr bei Jobdah, Topogr. I 2 S. 48 f. Weih- 
inschriften an Juppiter Tonans finden sich 
nur vereinzelt, CIL IX 2162. XI 3773. 3778. 
XII 501. 

®) Ueber die Lage des Tempels vgl. 0. 
Richter« Hermes XX 425 ff. 

») Liv. X 36, 1, vgl. 37. 15 f. 

»0) Liv. I 12. Dion. Hai. II 50. Ovid. 
fast. VI 793. Cic. Catil. I 33. 

") Weihinschriften CIL VI 434. 435. IX 
3923. 4534. X 5904, auch III 1089; in wieweit 
die Verehrung des Gottes in Italien von Rom 
abhängig ist, lässt sich nicht ermitteln. Ein 
Gegenstück zu Juppiter Stator ist der oski- 
sche luppiter Versor, Zvbtaibff, Syll.inscr. 
Ose. nr. 146. 



108 



Religion nnd Ealtna der Römer. II. GOtterlehre. 



E. AusT (de aedib. sacris p. 45), dass sich dieses Datum auf eine (allerdings 
unbezeugte) Wiederherstellung durch Augustus bezieht und der ursprüng- 
liche Stiftungstag dem oben S. 101 erwähnten Brauche entsprechend auf die 
Iden eines Monats fiel.^) Ein zweiter Tempel des Juppiter Stator wurde 
von Q. Caecilius Metellus Macedonicus nach seinem Triumphe (608 = 146) 
beim Circus Flaminius erbaut und samt einem benachbarten Tempel der 
Juno Regina mit einer Säulenhalle (porticus MetMi, später porticus Odaviae) 
umgeben.*) Ungefähr gleichaltrig mit dem älteren Statortempel war ein 
Tempel des Juppiter Victor, von Q. Fabius Maximus im Samniterkriege 
459 = 295 gelobt;') die Auffindung einer archaischen Weihinschrift ^D^iovei 
Victore auf dem Quirinal (CIL VI 438) macht es wahrscheinlich, dass der 
Tempel dort gelegen hat ; der Stiftungstag ist nicht überliefert, da jedoch 
Ovid zum 13. April den Tag eines luppiter Victor (fast. IV 621), zum 
13. Juni den eines luppiter Invictus (fast. VI 650) verzeichnet und das 
Regionenbuch (reg. X) auf dem Palatin einen Juppitertempel anführt, der 
im Curiosum nur aedes lovis, dagegen in der Notitia aede^ lovis Victoris 
heisst, so wird man je einen von diesen beiden Idustagen auf den quiri- 
nalischen bezw. den palatinischen Tempel beziehen dürfen.^) Einen sonst 
unbekannten Tempel des Juppiter Propugnator auf dem Palatin lernen wir 
aus den inschriftlich erhaltenen Protokollen einer Priesterschaft der Kaiser- 
zeit kennen, welche in diesem Tempel ihre Sitzungen abhielt.^) 

Die Ideen, welche sich im römischen Juppiterkulte aussprechen, dürfen 
wir in ähnlicher Ausgestaltung auch für die übrigen Gemeinden des stamm- 
verwandten Latium und der nächsten Nachbarschaft (Aequer, Volsker, 
Herniker, Sabiner) voraussetzen, wenn auch unsere Nachrichten darüber 
so lückenhaft sind, dass sie uns nicht viel mehr als die Feststellung der 
Thatsache erlauben, dass hier überall Juppiter eine hervorragende Stelle 
im Gottesdienste einnahm. Dass diese Juppiter Verehrung der latinischen 
und angrenzenden Städte von der römischen unabhängig ist, beweisen, ab- 
gesehen von zufallig überlieferten Einzelheiten des Rituals, insl)esondere 
die eigenartigen Beinamen; so wird der Gott in Praeneste als Juppiter 
Arcanus verehrt,®) in Tibur als Juppiter Praestes,^) in Tusculum als Jup- 
piter Majus,^) in Lavinium als Juppiter Indiges,^) bei den Volskern als 



*) Zu beachten ist, dass Philocalas zu 
den Iden des Janaar (13. Jan.) verzeichnet: 
lovi Statori c(ircense8) *n(is8us) XXIV; viel- 
leicht liegt darin eine Erinnerung an den 
ursprünglichen Stiftungstag des Tempels. 

') Vitr. iil 1, 5. AusT, De aedib. sacr. 
p. 24 f. 

») Liv. X 29, 14. 

*) Der von Cass. Dio XLVII 40, 2 und 
LX 35, 1 erwähnte ßto/Äog bezw. yaos tov 
yMttiov Jioq kann ebensogut die quirinal ische 
wie die palatinische aedes lovis Victoris sein, 
während die Stelle XLV 17, 2 unklar ist 
und auf keinen Fall zur Annahme einer ara 
lovis Victoris auf demCapitol (Jobdan, Topogr. 
I 2 S. 50) berechtigt. 

») CIL VI 2004-2009; vgl. Gilbert, 
Topogr. MI 133 f. 



«) CIL XIV 2852. 2937. 2972 (zum Na- 
men vgl. Paul. p. 16). 

') CIL XIV 3555; vgl. Hist. aug. Maxim, 
et Balb. 5, 3 und zum Namen ausser den 
römischen Lares praestites den luppiter 
praestitus CIL III 4037 und luppiter prae- 
stahilis CIL IX 1498. 

^) Macr. S. I 12, 17. Ueber eine an- 
gebliche Weihung an ihn s. CIL XIV 216*. 
Eph. epigr. VII 1276. 

») Liv. I 2. 6. Plin. n. h. III 56. Serv. 
Aen. I 259 ; über den Namen vgl. Wissowa, 
De dis Roman, indigetibus et novensidibus 
p. VI. Später ist der Gott in die Aeneassage 
hineingezogen und mit dem vergötterten Ae- 
neas gleichgesetzt worden (Schwbgler, Rom. 
Gesch. I 287 f.), wie Juppiter Latiaris mit 
Latinus (Fest. p. 194). 



A. Di indigetes. 20. Jnppiter. 



109 



Juppiter Anxurus^) u. s. w. Vor allem aber war es in weit zurücklie- 
gender Zeit der von Alba Longa auf der Höhe des Mens Albanus verehrte 
Juppiter, der über den Kreis einer Einzelgemeinde hinaus Bedeutung ge- 
wann und als Juppiter Latiaris der göttliche Schirmherr des unter der 
Vorstandschaft von Alba Longa geeinten Latinerbundes wurde. Zwar be- 
ziehen sich die Angaben der alten Überlieferung durchweg auf die Zeit, 
wo das Bundesfest des Latiar unter römischer Leitung gefeiert wurde 
und an die Stelle des heiligen Haines, der die ursprüngliche Stätte des 
Kultes war,*) der von der letzten Dynastie der römischen Könige erbaute 
Tempel auf dem Albanerberge getreten war; dass aber damit nur eine 
alte, von Alba Longa eingerichtete und nach dessen Fall vielleicht eine 
Zeit lang unterbrochene Bundesfeier von neuem aufgenommen wurde, um 
auf diese Weise die Vorortstellung Roms in Latium zum sakralen Aus- 
druck zu bringen, das geht abgesehen von den im Ritual des Festes er- 
haltenen Spuren hohen Altertums^) schon aus dem Orte der Festfeier 
hervor. Rom ist in der historischen Zeit der festgebende Staat; seine 
Beamten, entweder die Consuln oder in deren Abwesenheit ein eigens 
dazu ernannter Diktator (f. Capit. z. J. 497 = 257), bringen das Opfer und 
üben die Festleitung aus, alle übrigen römischen Staatsbeamten müssen 
zugegen sein;^) die verbündeten latinischen Gemeinden sind durch Ab- 
gesandte vertreten, deren jeder seinen Anteil an dem Opferfleische erhält 
{carnem petere) ; *) die Zahl dieser empfangsberechtigten Latinergemeinden 
soll zur Zeit der Neugründung des Latiar durch Tarquinius Superbus 47 
betragen haben. ^) Während der Festdauer herrschte in ganz Latium 
Gottesfrieden (Macr. S. I 16, 17), und auch die einzelnen Gemeinden mögen 
innerhalb ihres Weichbildes das Fest feierlich begangen haben ; wenigstens 
wissen wir, dass in Rom ein Wagenrennen auf dem Capitol stattfand, bei 
dem der Sieger einen Trunk Absynth erhielt.'') Die Lage des Festes war 
nicht auf einen bestimmten Kalendertag fixiert, sondern es waren feriae 
conceptivae,^) die alsbald nach Beginn des Amtsjahres von den Consuln 
auf einen nicht sehr fern (jedenfalls noch vor ihrer Abreise in die Pro- 
vinz) liegenden Termin angesetzt wurden;^) die Dauer des Festes wurde 
allmälig bis auf vier Tage ausgedehnt, ausserdem fanden nicht selten 
wegen eines Formfehlers Wiederholungen der ganzen Feier statt. *^) In 



*) Verg. Aen. VII 799 und dazu Servias. 
Pnrph. zu Hör. sat. I 5, 26. CIL X 6483. 
Babsloit, Monn. consul. II 546. 

«) Liv. 1 31, 3. Cic. pro Mil. 85. 

*) AoBSchlass des Weins beim Opfer 
(Beusio, Italiker in der Poebene S. 71), der 
Brauch des Schaukeins (Fest. p. 194. Schol. 
Cic. Bob. p. 256 Or.; vgl. dazu Lobeck, 
Agiaopb. 1 585. Böttiohbb, Baumkultus 
S. 80 ff.); das angeblich in Rom dem Jup- 
piter Latiaris gebrachte Menschenopfer eines 
bestiarius, von dem eine Anzahl christlicher 
Schriftsteller (die Stellen bei Roepbr, Lucu- 
bration . pontifical. p. 38 f. Mabqüabdt, Staats- 
verw. 111 297, 4) als einem noch zu ihrer 
Zeit bestehenden Brauche erzählen, ist ganz 
gewiss apokryph. 



*) MoMMSBN, Staatsr. I 642 f. Liste der 
Praefecti urbi feriarum Latinarum causa bei 
Chr. Webneb, De feriis latinis (Diss. Lips. 
1888) p. 41 ff. 

^) Cic. pro Plane. 23. Varro de 1. 1. 
VI 25; vgl. Plin. n. h. III 69. Das volle 
Stellenmaterial über das Fest bei Chr. Wer- 
ner a. a. 0. p. 29 ff. 

«) Dion. Hai. IV 49; über die Listen 
bei Dion. V 61 und Plin. n. h. 111 69 vgl. 
MoMMSEN, Hermes XVII 42 ff. (anders Sebck, 
Rhein. Mus. XXXVII 1 ff. 598 ff.). 

») Plin. n. h. XXV II 45. 

«) Varro de 1. L VI 25. Macr. S. I 16, (J. 

») Liv. XXI 63, 8. 
»») Werner a. a. 0. p. 22 ff. 38 ff 



110 Religion und Enltna der Römer. TL, GOtterlehre. 

der Zeit des Augustus hat man auf Orund älterer Aufzeichnungen Fasten 
der Feriae Latinae in Stein gehauen, die bis in die Zeit der Decemvirn 
zurückreichten und dann in der Kaiserzeit jährlich fortgeführt wurden; 
zahlreiche Bruchstücke haben sich in den Trümmern des Juppitertempels 
auf dem Mens Albanus gefunden. 

Es ist schon früher (S. 35) darauf hingewiesen worden, dass zwischen 
dem Tempel des Juppiter Latiaris auf dem Albanerberge und dem des 
Juppiter Optimus Maximus auf dem Capitol zu Rom nicht nur chrono- 
logische, sondern auch innere Beziehungen bestehen; von besonderer Be- 
deutung dafür ist der seit dem J. 528 = 231 häufig gefeierte Triumph 
auf dem Albanerberge, welchen solche römische Feldherm veranstalteten, 
denen der reguläre Triumph in Rom versagt blieb ;>) derselbe geschah 
sine publica auctoritate (Liv. XLII 21, 7), hatte aber, wie die Triumphal- 
fasten zeigen, volle Rechtsgiltigkeit.') Es ist eine ansprechende Vermu- 
tung, dass mit diesem Akte die römischen Feldherrn an einen älteren 
Brauch anknüpften, indem wahrscheinlich bis zur Unterwerfung der Latiner 
die latinischen Feldherm ebenso auf dem Mens Albanus zu triumphieren 
pflegten, wie die römischen auf dem Capitol; auf jeden Fall aber spricht 
sich in dem thatsächlichen Vorhandensein einer derartigen Abart des 
Triumphes eine Parallelisierung und Gegenüberstellung des Juppiter Optimus 
Maximus, dem allein der legitime römische Triumph gilt, und des Juppiter 
Latiaris aus, die keinesfalls zufällig sein kann. In der That hebt sich 
der capitolinische Juppiter aus der Menge der Juppiterkulte deutlich 
heraus durch seinen eminent politischen Charakter, der ihn mit dem Schutz- 
gotte des Latinerbundes in nächste Beziehung setzt. Einer der ältesten in 
Rom erbauten Tempel im vollen Sinne des Gotteshauses war die der Über^ 
lieferung nach von den tarquinischen Königen begonnene und im ersten 
Jahre der Republik 245 = 509 durch den Consul M. Horatius dedicierte 
aedes lovis Optimi Maximi auf dem Capitol;^) die Beinamen bezeichnen 
den Gott nicht sowohl als den besten und grössten der Götter, als viel- 
mehr als den ersten und hervorragendsten aller in und ausserhalb Roms 
verehrten loves. Als Tempelgenossinnen werden neben ihm Juno Regina 
und Minerva verehrt, so dass ein göttlicher Dreiverein entsteht, der ziem- 
lich sicher auf griechischen Ursprung zurückgeführt werden kann, nach 
Rom aber wahrscheinlich über Etrurien gelangt ist (oben S. 36) ; dieselbe 
Trias war schon vor der Gründung des capitolinischen Tempels auf dem 
Quirinal in einem unscheinbaren Heiligtume, dem später so genannten 
Capitolium vetus, verehrt worden.*) Der Stiftungstag des Tempels war 
der 13. September (Idus),') ein Tag, der in den Fasten als ejmlum lovis 
bezeichnet ist und für die ältesten römischen Spiele, die Ludi Romani, 
nachdem dieselben ständig geworden waren, den Mittelpunkt bildete ; ^) 



») CIL VI 2011-2022. 3874 = XIV 
2236—2248; dazu de Rossi, Eph. epigr. II 
p. 93 ff. MoHMSBK, Rom. Forsch. 11 97 ff. 
Webnrb a. a. 0. p. 57 ff. 

*) Marquabdt, Staatsverw. II 590. A. 
Michaelis, Annali d. Inst. 1876, 113 ff. 

*) MöMHSEN, Staatsr. I 131. 

*) Ueber die Qeschichte des Tempels, 



auf die hier nicht eingegangen werden kann, 
vgl. Jordan, Topogr. I 2 S. 8 ff. 0. Richter, 
Handb. lll 814 ff. HOlsen, Real-Encycl. III 
1532 ff. 

») Varro de 1. 1. V 158. 

«) Flut. Fopl. 14. 

7) CIL P p. 329; die Annahme L. Holz- 
apfels, Fhilologus N. F. II (1889) 369 ff.. 



A. Di indigetM. 20. Jnppiter. Hl 

aber auch sonst ist dieser Tag von Staatswegen als ein bedeutungsvoller 
behandelt worden : er ist in der nächsten Zeit nach Gründung des Heilig- 
tums Anfangstag des bürgerlichen Jahres, an welchem die Magistrate ihr 
Amt antreten, und eine Erinnerung an diese Anschauung liegt noch in 
dem Brauche, den Beginn eines neuen saeculum durch einen am 13. Sep- 
tember in die Seitenwand der celia lovis eingeschlagenen Nagel zu be- 
zeichnen.^) Bei den verschiedensten Qelegenheiten wird das capitolinische 
Heiligtum als das sakrale Centrum des Staates gekennzeichnet. Das Amts- 
jahr beginnt mit einem feierlichen Staatsopfer auf dem Capitol, bei welchem 
die höchsten Beamten des Jahres dem Juppiter das von ihren Vorgängern 
gelobte Opfer weisser Stiere darbringen und ihrerseits das gleiche Gelübde 
für ihr Amtsjahr erneuern, und mit einer Festsitzung des Senates im ca- 
pitolinischen Tempel;*) Opfer und Gelübde wiederholen sich, wenn der 
Magistrat zum Heere in die Provinz abgeht, und dem Juppiter 0. M. 
widmet der siegreiche Feldherr den Siegeskranz und einen Teil des Er- 
löses der Kriegsbeute.^) Den deutlichsten Ausdruck erhält die Auffassung 
des Juppiter 0. M. als des göttlichen Schirmherrn und Vertreters des 
ganzen Staates beim Triumphe; der triumphierende Feldherr ist in allen 
Stücken ein menschliches Abbild des Juppiter 0. M., unter dessen Auspicien 
er den Sieg erfochten hat und dem die Ehre des letzteren gebührt; da- 
her erscheint er auf der dem Juppiter zukommenden Quadriga,^) bekleidet 
mit den Gewändern und Insignien des Gottes, die für diesen Tag dem 
Tempel entnommen werden,^) ja sogar mit menniggefärbtem Gesichte in 
Nachbildung der Thonstatue im Heiligtume ; ^) der capitolinische Tempel 
ist das Ziel des Triumphzuges, am Altar des Juppiter 0. M. wird das 
Festopfer (wiederum weisse Stiere)®) dargebracht und in den Schoss des 
Götterbildes wird der Lorberkranz, der Ehrenpreis des Triumphators, nie- 
dergelegt.^) Dem Juppiter gelten auch die Festspiele, die sich ursprüng- 
lich wohl regelmässig unmittelbar an den Triumph anschlössen, indem der 
Festzug (pompa) vom Capitol nach dem Circus weiterzog, wo dann die 
Siegesfeier durch ludi magni (votivi) ihren Abschluss fand. Später haben 
sich diese ludi vom Triumphe losgelöst und sind als Ludi Romanik wahr- 
scheinlich seit Einsetzung der curulischen Aedilität 388 = 366, ein stän- 
diges Jahresfest geworden; ^^) die Erinnerung aber daran, dass sie ur- 
sprünglich ein Bestandteil des Triumphzuges waren, hat sich immer darin 



dass die Fixierung der Ladi Romani auf Sep- | ^) Dion. Hai. IX 71. Ovid. ex Ponto 

tomber erst im Anfang des 2. Jhdts. v. Chr. i II 1, 58 u. a. Reiche Materialsammlung über 
erfolgt sei, steht auf ganz schwachen Füssen. , die äusseren Formen des Triumphes bei Mar- 
>) MoiiKSEK, Chronol. S. 86 ff. | quardt, Staatsverw. H 5'^2 ff. 

VII 3 nach Cincius, der miss- i •) Liv. X 7, 10. Suet. Aug. 94. Juv. 

10, 38. TertuU. de Corona 13. Mommsbn, 
Staatsr. I 396. 

Plin. n. h. XXXIII 111. Serv. Ecl. 
6, 22. 10, 27. 



>) MOM 
«) Liv. 



yerständlich aas dem Saecularnagel einen 
elavus annalis gemacht hat; vgl. Mommsen, 
Chronol. S. 176 ff. 

>) MoxxsBV, Staatsr. I 594 f. 



*) liv. XLV 39, 11: constd proficiscens ") Serv. Georg. II 146. 



praetorve paludatis lictoribus vota in Capi- 
tolio nunrupat: vicior perpetraio hello eodem 
triumphans ad eosdem deos, quUms vota nun- 
cupavü, meriia dona portans redit. Momm- 
siH, Staatsr. I 61. 



») Plin. n. h. XV 133. Sil. Ital. XV 118 ff. 
Pacat. paneg. in Theod. 9, 5. Obseq. 61 [122] 
u. a. 

*^) Grundlegende Abhandlung von Momm- 
SBN, Rom. Forsch. 11 42 ff. 



112 



Religion und Ealtua der Eomer. II. QOtterlehre. 



erhalten, dass der spielgebende Magistrat in der Tracht des Triumphators 
erscheint^) und überhaupt die pompa circensis, die vom Capitol ausgeht, eine 
Nachbildung des Triumphzuges ist.^) Natürlich gehören die Ludi Romani 
ebenso wie die nächstältesten Spiele, die wahrscheinlich im J. 534 = 220 
ständig gewordenen Ludi Plebei, zum Kulte des Juppiter 0. M.,^) und beide 
gruppieren sich in ganz analoger Weise um die beiden epula lovis an 
den Iden des September und November ; ^) während die Ealendarien der 
augusteischen Zeit für beide Spiele die Tage vom 4. — 19. September bezw. 
4. — 17. November ansetzen, scheint die Entwicklung die gewesen zu sein, 
dass der älteste Spieltag der vom epulum lovis durch den Tag der equorum 
probatio getrennte 15. September bezw. 15. November war und von da aus die 
Spiele dann durch allmälige Zufügung einzelner Tage anwuchsen ; ^) die beiden 
epula bilden einen wesentlichen Bestandteil®) und den Mittelpunkt der Feier 
in der Weise, dass später von den beiden Arten der Spiele, den scenischen 
und den circensischen, den ersteren die Tage vor, den letzteren die nach 
den epula zugewiesen sind. Auch die Iden des Oktober') sind Träger von 
zum capitolinischen Kulte gehörigen Festspielen, den Ludi Capitolinij nur 
dass diese nicht von den Magistraten des Staates, sondern von einer Ge- 
nossenschaft der auf den beiden Anhöhen des Mens Capitolinus wohnenden 
Leute ausgerichtet werden ; ^) die Gründung dieser Spiele liegt im Dunkeln, 
wir wissen nur, dass ihre Ausführung einem noch in augusteischer Zeit 
nachweisbaren collegium Capitolinorum^) oblag und dass dabei eine Reihe 
alter volkstümlicher Bräuche geübt wurden, namentlich die Versteigerung 
eines mit Purpurgewand und Bulla bekleideten alten Krüppels ^o) und dem 
griechischen dtrxüihaiyfAog vergleichbare Scherze. ^^) Die spärlichen Nach- 
richten gestatten nicht, uns über die Bedeutung dieser Spiele eine sichere 
Meinung zu bilden, doch ist ihre Beziehung zum capitolinischen Kulte er- 
heblich wahrscheinlicher als die zum alten Juppiter Feretrius,^*) da die 
aus der ältesten Religionsordnung bekannten Spiele, wie die Equirria und 
Consualia, einen ganz andern Charakter tragen (s. oben S. 31). 

Die Bedeutung des capitolinischen Heiligtums als religiöses Centrum 
des Staates hat im Laufe der Zeit immer mehr zugenommen; sie prägt 
sich aus in dem Brauche, internationale Verträge des römischen Volkes 
auf Broncetafeln ausgefertigt an den Wänden des Tempels auszuhängen,^') 
in der Sitte auswärtiger, dem römischen Volke befreundeter Souveräne 
und Völkerschaften, den Juppiter 0. M. durch Weihgeschenke und In- 



») Liv. V 41, 2. Tertull. de corona 13; 
mehr bei Marqdabdt, Staatsverw. III 508. 

') Beschreibung bei Dion. Ual. YII 72; 
vgl. Marquardt a. a. 0. 

*) Cic. Verr. V 36. Paul. p. 122. 

*) Für die Behauptung Momhsens (CIL 
P p. 329. 335; Rom. Forsch. II 45, 4), dass 
das epufum der Ludi Romani erst eine Nach- 
bildung desjenigen der Ludi plebeji sei, ver- 
mag ich einen stichhaltigen Grund nicht zu 
finden. 

^) Die Einzelheiten bei Marquasdt a. 
a. 0. 498 ff. 

•) Cass. Dio LI 1. Cic. de orat. III 73. 



7) Das Datum gibt Plut. RomuL 25. 

") Vgl. darüber Mommsek, Eph. epigr. 
n p. 129; Rom. Forsch. II 55 ff.; Staatsr. 
III 115, 2. 

») Liv. V 50, 4. 52, 11. Cic. ad Qu. 
fr. II 5, 2. CIL I 805 = X 6488. XIV 2105. 

^0) Fest. p. 322. Plut. Q. R. 53; Romul. 25. 

^ Ennius in den Schol. Bern, zu Verg. 
Georg. II 384. 

^*) So Ennius a. a. 0. und Piso bei Ter- 
tull. de spect. 5. 

") Jordan, Topogr. 12 S. 53 ff Gil- 
bert, Gesch. u. Topogr. d. Stadt Rom III 
389 f. 



A. Di indigetes. 21. Juno. 



113 



Schriften zu ehren, vor allem aber darin, dass die römischen Bürgerstädte 
bevorzugten Ranges, die Coloniae, unter anderen Ehrenrechten, welche sie 
als unmittelbare Abbilder Roms darstellten,') vor allem das genossen, ein 
Gapitolium, d. h. einen an hervorragender Stelle gelegenen Tempel von 
Juppiter 0. M., Juno und Minerva zu besitzen (Litteratur darüber s. oben 
S. 38). Dieselbe Thatsache zeigt sich aber endlich auch darin, dass auch 
der Privatmann, dem es natürlich jederzeit freistand, wie in andern Tem- 
peln, so auch auf dem Capitol zu opfern, einmal in seinem Leben jeden- 
falls dies Opfer brachte, nämlich an dem Tage, an dem er die Toga 
virilis anlegte und damit in die Bürgerschaft aufgenommen wurde;') als 
Gott der mannbar werdenden Jugend führte Juppiter den Beinamen Juven- 
tus,^) und in gleicher Bedeutung hat sich in verhältnismässig früher Zeit 
eine Göttin Juventas von ihm losgelöst (s. unten § 22). 

Der capitolinische Kult hat auch in der Eaiserzeit, nachdem ihm 
Augustus vorübergehend durch Verleihung seiner Privilegien an andre 
Tempel einigen Abbruch gethan hatte (s. oben S. 70), seine hervorragende 
politische Bedeutung behalten, und der Juppiter 0. M. ist bis zum Unter- 
gange des römischen Reiches die göttliche Verkörperung seines Bestandes 
geblieben: er mit seinen beiden Tempelgenossinnen nimmt ausnahmslos 
den ersten Platz ein in den langen Götterreihen, die von den Staatsprie- 
stern bei den verschiedensten Anlässen für das Wohl des Kaisers und 
des Reiches angerufen werden (s. oben S. 74 f.), und der Gedanke, dass er 
der erste Schützer des Herrschers ist, hat in zahlreichen Gelübden und 
Opfern an ihn auch von Privaten^) und in der Anrufung des Gottes als 
Conservator, Gustos,®) Servator, Sospitator, Tutator, Redux, Depulsor, wie 
sie uns Inschriften und Münzlegenden massenhaft bieten, seinen Ausdruck 
gefunden. Juppiter 0. M., Juno und Minerva werden in allen Teilen des 
Reiches an erster Stelle in Weihinschriften genannt, und in der westlichen 
wie in der östlichen Reichshälfte werden mit Vorliebe die einheimischen 
Hauptgottheiten mit Juppiter 0. M. gleichgesetzt, so dass dieser gewisser- 
massen die Gesamtheit der im Reiche verehrten Gottheiten in sich ver- 
einigt und das Gapitolium mit Fug und Recht von der christlichen Pole- 
mik als ofnnium daemonum templum bezeichnet werden konnte.'') 

Litteratur: Pbbllkb-Jordan, Rdm. Mythol. I 184- -243. E. Aust in Roschers 
Lexikon II 619-762 (vortrefflich). 

21. Juno. Ueberall, wo Juppiter in Italien verehrt wird, steht neben 
ihm als weibliche Himmelsgottheit und Genossin Juno (d. h. lovino neben 



>) z. B. CIL VI 372 ff. und dazu Hülsen, 
Rom. MiU. lY 1889, 252 ff. 

*) Gell. XVI 13, 9: amplUudinem maie- 
gtaiemque populi Bomani, cuiu8 istae coloniae 
quaH effigies parvae sitnulacraque quaedam 
esse ifidentur, 

') Serv. Ecl. 4, 50: sane lovem merito 
puerorum dieunt inerementa curare, quia cum 
pueri togam virilem sumpserint, ad Capito- 
lium eunt; daher ad CapitoUum ire geradezu 
tjnonjm mit togam virilem sumere. Vgl. 
RoMBACH, Rom. Ehe S. 408. 

«) CIL IX 5574. XI 3245. 

BaBdbncli der M— . AltertniMwIwomiehin. V, 4. 



«] z. B. Suet. Aug. 59; Calig. 5. CIL 
VI 2059 u. a. 

*) Tempel des Juppiter Conservator und 
des Juppiter Custos auf dem Capitol erbaute 
aus einem persönlichen Anlasse Domitian 
(Tac. hist. 111 74. Suet. Dom. 5; vgl. Jor- 
dan, Topogr. I 2 S. 49 f.), der auch dem 
capitolinischen Kulte besonderen Glanz ver- 
lieh durch Einrichtung des Agon Capitolinus 
(Fribdländbb, Sitt.6esch. 11^ 437 ff. Wis- 
sowA, Real-Encycl. III 1527 ff.). 

^) TertuU. de spect. 12; vgl. Serv. Aen. 
II 319. 

8 



114 Beligion nnd Enltiui der Römer. II. Qötierlehre. 

lovis,^) auch der Name lovia^) findet sich vereinzelt), und überall, wo Um- 
fang und Art unserer Nachrichten ein sicheres Urteil ermöglichen, zeigt 
sich der Parallelismus in der Auffassung dieser beiden Gottheiten in voller 
Deutlichkeit. Im südlichen Etrurien tritt uns vor allem der Kult der Juno 
Curitis in Falerii entgegen, der dort den Mittelpunkt der Staatsreligion 
gebildet zu haben scheint, da die Stadt später den Namen Colonia Junonia') 
führte und römische Gelehrsamkeit die Falisker von Argos, dem Haupt- 
orte griechischen Heradienstes, ableitete;^) ferner finden wir Juno Regina 
als Burggöttin in Veji (s. u. S. 116 f.) und als Hauptgottheit in Perusia;*) in 
dem umbrischen Pisaurum ist die Verehrung von Juno Lucina und Juno 
Regina inschriftlich bezeugt,^) während uns an verschiedenen Stellen des 
oskisch-sabellischen Gebietes der Kult einer JunoPopulona begegnet.'^) Vor 
allem aber ist Latium reich an Junokulten, und schon die Existenz eines 
nach Juno benannten Monats in den Kalendern von Aricia, Tibur, Prae- 
neste, Laurentum, Lanuvium redet eine deutliche Sprache;^) ausserdem 
kennen wir als in alter Zeit bereits verehrt und allem Anscheine nach 
von Rom unabhängig die Juno von Gabii,^) die Juno Regina von Ardea,*^) 
die Juno Sospita von Lanuvium (s. u. S. 117), die Juno Quiritis von Tibur 
(Serv. Aen. 1 17) und die Juno Lucina von Tusculum.^^) Die mannigfaltigen 
Nuancen der Auffassung, die sich in diesen lokal differenzierten Kulten er- 
kennen lassen, finden wir sämtlich in Rom wieder, zum Teil als altein- 
heimische Überlieferung, zum Teil auf Grund späterer Reception, und 
darum lässt sich aus den Thatsachen des stadtrömischen Junokultes das 
Gesamtbild der italischen Göttin in den wesentlichen Zügen wiedergewinnen. 
Von grundlegender Bedeutung ist die enge und unlösbare Verbin- 
dung von Juno mit Juppiter, die sich in zahlreichen Einzelheiten des Ri- 
tuals dokumentiert; die Gattin des eigentlichen Juppiter-Priesters, des 
Flamen Dialis, versieht den Dienst der Juno (Plut. Q. R. 86), weisse Rinder 
werden als feierlichstes Opfer der Juno ebensowohl wie dem Juppiter ge- 
schlachtet, nur dass der Göttin Kühe, dem Gotte Stiere zukommen, '*) der 
Verehrung des Juppiter Dapalis und Epulo durch Bereitung einer Mahl- 
zeit entspricht der Brauch, bei bestimmten Anlässen der Juno einen Tisch 
zu decken; ^^) wie dem Juppiter alle Idus, so sind der Juno alle Kalendae 

Nissen, Pompej. Studien S. 843. 

8) Ovid. fast. VI 59 ff. Macr. S. I 12, 30, 
welche die Formen lunonius und lunonalis 
für den in Rom luniua genannten Monat 
bezeugen; daher scheint die von Mommsen, 
Chronol. S. 222 gebilligte alte Ableitung des 
letzteren Namens von iuvare iuvenia unhalt- 
bar; vgl. auch W. H. RosoHBB, Jahrb. f. 
Philol. CXI 367 ff. 

») Verg. Aen. VII 682. Sil. Ital. XII 537. 

") Plin. n. h. XXXV 115. 

>0 CIL X 3807: lunone Loitcina Tuseo- 
lana sacra. 



') luno Loucina Diovia (seil, coniunx) 
CIL VI 357 nach der Erklärung Mommsens 
(anders z. B. Jobdah, Quaestiones umbricae 
p. 14). 

') Auf einer marrucinischen Inschrift 
(Zybtaibff, Inscr. Ital. inf. dial. Nr. 8) lovia 
lovea patres (vgl. Cobssen, Kuhns Ztschr. IX 
144 f.). Auch die lovia der iguvinischen 
Tafeln (Bubchelbb, Umbrica p. 125) wird 
am wahrscheinlichsten auf Juno bezogen. 

•) Lib. col. p. 217. Ueber den Junokult 
von Falerii vgl. Dbeokb, Die Falisker S. 83 ff. 

*) Ovid. am. III 13, 31 ff. Cato bei Plin. 
n. h. in 51 und mehr bei Bobmann, CIL XI 
p. 465. 

') Appian. b. c. V 49; vgl. Cass. Dio 
XLVIIl 14. 

•) CIL I 171—173. 

') CIL IX 2630. X 4789-4791; vgl. 



*•) Niveae iuvencae Ovid. am. III 13, 13. 
Liv. XXVII 37, 11.15. Juven.6, 48. Dibiä, 
Sibyll. Blätter S. 38. 52. 

>») Tertull. de anima 39; vgl. Paul. p. 64. 
Dion. Hai. II 50. 



A, Di indigebes. 21. Juno. 



115 



heilig, weshalb sie in Laurentum den Beinamen Kalendaris führt >) und zu 
Janus, dem Ootte des Eingangs, also auch der Monatsanfange, in enge 
sakrale Beziehung tritt (s. oben S. 91 f.). Dass auch dem inneren Wesen 
nach Juppiter und Juno nahe Verwandte, gewissermassen parallele Gestalten 
sind, kommt vielfach in den Kultbeinamen zum Ausdrucke; neben Juppiter 
Lucetius steht Juno Lucina,') neben Juppiter Ruminus und Juppiter Ful- 
gur eine Rumina und Fulgura.') Die Übereinstimmung der Namen weist 
natürlich auf Gleichheit der göttlichen Funktionen; so wissen wir, dass 
Juno nach italischer Vorstellung die Fähigkeit Blitze zu schleudern nicht 
minder besass als Juppiter (Serv. Aen. I 42. Vm 430) ; dass sie entspre- 
chend dem Juppiter Pluvialis u. a. als Regenspenderin verehrt wurde, 
dürfen wir vielleicht aus dem Umstände schliessen, dass die Krähe, ein 
regenverkündender Vogel, ihr heilig ist;^) an den kriegerischen und sieg- 
verleihenden Juppiter erinnert es, wenn sowohl die lanuvinische Juno als 
die in Tibur verehrte Juno Quiritis in kriegerischem Aufzuge, mit Schild 
und Lanze bewaffnet, erscheint;^) endlich bezeichnet der häufigste Bei- 
name der Göttin, Regina, sie deutlich als die Genossin des höchsten und 
besten Juppiter. Diese enge Verbindung beider Gottheiten ist dann im 
praktischen Gottesdienste insofern verwischt und verdunkelt worden, als 
sich Juno aus all denjenigen Funktionen, in denen sie mit Juppiter kon- 
kurrierte, allmälig zurückzog und dafür als Frauengottheit einen unab- 
hängigen und umfassenden Wirkungskreis erhielt ; der Prozess dieser Ver- 
selbständigung des Junokultes lässt sich zwar nicht im einzelnen, aber doch 
in grossen Zügen noch verfolgen. 

In der ältesten römischen Kultusordnung ist Juno ebenso im Verein 
mit Juppiter verehrt worden, wie Nerio mit Mars, Lua mit Saturnus, Libera 
mit Liber u. s. w. Neben den zahlreichen Juppiterfesten weist die Festtafel 
kein sicheres Fest der Juno auf,®) und die Unterordnung der Göttin kommt 
darin deutlich zum Ausdrucke, dass, während die dem Juppiter geheiligten 
Idus sämtlich feriae sind, die der Juno geweihten Kalendae ihren Charakter 
als Werktage, soweit nicht andre Gründe in Betracht kommen, beibehalten. 
Auch ihre ältesten Kultstätten scheinen mit denen des Juppiter vereinigt 



') Macr. S. T 15, 19 f. Lyd. de mens. 
III 7; vgl. MoxMBBN, Chronol. S. 16 f. 

*) Lucinam ac Lucetiam sagt Mart. 
Cap. II 149. 

') Beide Namen werden von August. 
c. d. VI 10 mit Populonia d. h. Juno Popu- 
lona zusammengestellt und dürfen daher 
wohl als Beinamen der Juno gelten; Rumina 
tat wahrscheinlich auch bei Amob. III 30 
fOr Pomana zu lesen. Im übrigen vgl. über 
die diva Rumina R. Pbtbr in Roschers Lexik. 
II 219 f. 

*) Die Krähengöttinnen, divae Corniscae, 
hatten einen eignen Hain trans Tiberim, 
Paul. p. 64. CIL VI 96 (ob die rätselhafte 
Caranice der archaischen Inschrift CIL VI 
30858 mit den Comiscae zusammenhängt, 
wie HOlsen, Hörn. Miti X 1895, 64 ver- 
mutet, ist mehr als zweifelhaft). lieber die 



Krähe als imbrium divina avis imminenium 
vgl. Hör. c. III 27, 10. 17, 12. Lucr. V 1085. 
Verg. Georg. I 388 u. a. 

*) üeber den Namen (Quiritis, Curitis, 
Curritis), abzuleiten von quiris, curis = 
,Lanze' vgl. Bebsu, Die Qutturalen S. 38 f. 
118 f. In dem von Serv. Aen. I 17 (vgl. I 8) 
mitgeteilten tiburtinischen Qebete : luno Cur- 
ritis, tuo curru clipeoque tuere meos curiae 
vernulas scheint auf Grund falscher Etymo- 
logie tuo curru für das durch den Sinn ge- 
forderte tua euri eingetreten zu sein. Sonst 
vgl. Paul. p. 49. 64. Fest. p. 254. Plut. 
Rom. 29; Q. R. 87. Dion. Hai. II 50. Mart. 
Cap. II 149. 

*) Ueber die wahrscheinlich zu den äl- 
testen Feriae gehörigen Nonae Caprotinae, 
die mit dem Juppiterfeste der Poplifugia 
aufs engste zusammenhängen, s. unten S. 118. 

8* 



116 



Religion und Enltas der Römer. II. Götterlehre. 



gewesen zu sein. Auf der südlichen Anhöhe des capitolinischen Hügels, 
wo das älteste Heiligtum des Juppiter Feretrius lag, stand die sog. Curia 
Galabra, an die ein uralter Brauch anknüpfte : ^) hier erfolgte allmonatlich 
an den Ealendae, sobald das Wiedererscheinen des neuen Mondes festge- 
stellt worden war, die Ansetzung der Nonae auf den 5. bezw. 7. Tag und 
zwar durch Ausrufung der Formel Dies te quinque (bezw. Septem dies te) 
calo, Inno Covella; dass hier die weibliche Himmelsgottheit speziell als 
Mondgöttin aufgefasst ist, haben schon die alten Mythologen richtig er- 
kannt. Aber auch mit dem auf der anderen Anhöhe desselben Hügels, 
auf der Arx, angesiedelten Juppiterkulte scheint der der Juno von Alters 
her verbunden gewesen zu sein, falls wenigstens die Vermutung nicht 
trügt, dass durch die im J. 410 = 344 erfolgte Weihung des Tempels der 
Juno Moneta auf der Burg') nicht ein neuer Kult geschaffen wurde, 
sondern nur ein alter eine zeitgemässe Ausgestaltung und ein neues Lokal 
erhielt; für diese Annahme spricht einerseits der Umstand, dass der 
Stiftungstag dieses Tempels, der wie die sämtlicher Junoheiligtümer auf 
die Ealenden angesetzt ist, gerade auf die Kaienden des Juni, also des 
speziell der Göttin heiligen Monats fiel, andererseits die Thatsache, dass 
auch mit dem alten Juppiterkulte auf dem Albanerberge gerade der der 
Juno Moneta gepaart war;^) die Begründung des Namens Moneta, der kaum 
etwas anderes als die ,Raterin, Mahnerin' bedeuten kann, ist unbekannt 
und hat in alter und neuer Zeit zu zahlreichen Erfindungen und Hypo- 
thesen Anlass gegeben. — Ein anderer alter Junokult befand sich auf 
dem Esquilin, wahrscheinlich ursprünglich in Verbindung mit dem des 
Juppiter Fagutalis (s. oben S. 102 Anm. 6); an der Spitze des Mons Cispius 
lag ein alter Hain der Juno Lucina, an dessen Stelle im J. 379 = 375 ein 
Tempel derselben Göttin trat;^) der Stiftungstag des letzteren wurde 
am 1. März von den Frauen besonders festlich begangen und führte 
daher den Namen Matronalia,^) ohne aber zu den Feriae publicae zu 
gehören. Dazu kommt dann als dritter wichtiger Kult der der Juno 
Regina^) innerhalb der capitolinischen Trias (auch in dem Gapitoliuni 
vetus auf dem Quirinal); einen eignen Tempel der Juno Regina gab es 
seit dem J. 575 = 179 beim Circus Flaminius, benachbart einem Tempel 
des Juppiter Stator.^) Sehr zahlreich aber sind die Junokulte benach- 
barter und unterworfener Gemeinden, die in Rom eine neue Stätte fanden. 
Obenan steht hier die Burggöttin von Veji, ebenfalls als Juno Regina 
angerufen, deren Kult und Bild nach der Zerstörung Vejis durch M. 
Furius Camillus nach Rom überführt und in einem am 1. September 362 



») Varro de 1. 1. VI 27. Macr. S. 1 15, 
9 ff. Fast. Praen. CIL P p. 231. Vgl. Lyd. 
de mens. III 7. Serv. Aen. YIII 654. Plut. 
Q. R. 24. 

«) Liv. VII 28. Ovid. fast. VI 183 f. und 
mehr bei Jordan, Topogr. I 2 S. 109; Inno 
Moneta Regina CIL VI 362. 

") Einen Tempel der Juno Moneta auf 
dorn Mons Albanus gelobt C. Cicereius 581 
= 173 und weiht ihn 586 = 168 (üv. XLII 
7, 1. XLV 15, 10). 



*) Ovid. f. II 435 f. Varro de 1. 1. V 49. 
Plin. n. h. XVI 235. Vgl. die Inschriften 
CIL VI 356 ff. 3694 f. 

*) Plut. Rom. 21. Schol. Juv. 9, 53; 
matranales seil, feriae Tertull. de idol. 14. 
Zeugnisse b6i Marquardt, Staatsverw. III 571. 

*) In den Arval- und Saecularakten steht 
regelmässig neben Juppiter Optimus Mazimus 
die Juno Regina. 

») Liv. XXXIX 2, 11. XL 52, 1 ff. Ausr, 
De aedib. sacr. p. 24 f. und oben S. 108. 



A. Di indigetes. 21. Jnno. 



117 



= 392 eingeweihten Tempel auf dem Aventin angesiedelt wurde. ^ In 
analoger Weise mag bei der Dedition von Falerii 518 = 241 der dortige 
Kult der Juno Curitis (oder Quiritis) nach Rom evociert worden sein; 
wenigstens verzeichnen die Kaiendarien am 7. Oktober das Stiftungsfest 
eines Tempels dieser Göttin auf dem Marsfelde;') auch die samnitische 
Juno Populona (s. oben S. 114) scheint in Rom von Staatswegen ein Heilig- 
tum besessen zu haben.') Endlich aber haben sich die Römer auch den 
berühmtesten der latinischen Junokulte, den der Juno Sispes (oder Sospita)^) 
Mater Regina von Lanuvium^) in doppelter Weise angeeignet; nach der 
Einverleibung der Stadt in den römischen Staatsverband 416 = 388 wurde 
auch der lanuvinische Kult römischer Staatskult, behielt aber seinen Sitz 
in Lanuvium*) und wurde im Auftrage und unter Aufsicht des römischen 
Pontificalkollegiums teils durch den Dictator von Lanuvium und einen von 
ihm bestellten Flamen,^) teils durch eine aus römischen Rittern gebildete 
Priesterschaft von Sacerdotes Lanuvini versehen;') die römische Staats- 
behörde beteiligte sich direkt durch ein alljährlich von den Consuln zu 
bringendes Opfer (Cic. p. Mur. 90). Dann aber erhielt dieselbe Göttin im 
J. 560 = 194 durch C. Cornelius Cethegus einen Tempel am Forum holi- 
torium, dessen Stiftungstag der 1. Februar war.') Das Tempelbild, offen- 
bar in Rom das gleiche wie in Lanuvium, stellte die Göttin in eigentüm- 
lichem Aufzuge dar, bekleidet mit einem Ziegenfell und mit Schnabel- 
schuhen, bewehrt mit Lanze und Schild (Cic. de nat. d. I 83); diese Dar- 
stellung kehrt nicht nur auf republikanischen Münzen, sondern auch in 
Statuen und Reliefs der Kaiserzeit, namentlich aus der Zeit des Antoninus 
Pius, der in der Nähe von Lanuvium geboren und ein besonderer Verehrer 
der Göttin war (Hist. aug. Pius 8, 3), mehrfach wieder.*®) 

So verschieden auch diese einzelnen Junokulte in ihrer ursprünglichen 
Anlage und in vielen Einzelheiten des Rituals gewesen sein mögen, allen 
gemeinsam ist der Zug, dass überall die Frauen, und zwar die verehelichten 
ehrbaren Frauen (matronae), als Trägerinnen des Kultes der Göttin auf- 
treten.**) Der Matronalia oder femineae Kalendae (Juven. 9, 53), d. h. des 
am 1. März begangenen Festes der Juno Lucina, ist bereits gedacht wor- 
den, die Verehrung der vejentischen Juno Regina auf dem Aventin liegt 
von Anfang an vorzugsweise in den Händen der Frauen, die bei beson- 
deren Anlässen in feierlicher Procession nach dem Heiligtume ziehen,*') für 



') Liv. V 21, 3. 23, 7. 31, 3. Dion. Hai. 
XIII 3. 

') loti Fulguri lunoni Curriti in campo, 
▼gl. MoHXSBir, CIL P p. 331. 

') Macr. 8. III 11, 6; sonst vgl. Arnob. 
in 80. Mart. Cap. 11 149. CIL III 1075. 

*) Ueber den Namen s. W. Prellwitz, 
Featschr. z. dOjAbr. Doctorjabil. von L. Fried- 
Iftnder (1895) S. 398 ff. 

») CIL XIV 2088 ff. 2121 ; vgl. Fest, 
p. 343. 

•) Liv. VIII 14, 2. 

») Cic. pro MiL 27. 45 f. Ascon. p. 27. 
CIL XrV 2092. 

') MARgvABDT, Staatsverw. III 476. 



Dessau, CIL XIV p. 192. 

•) Liv. XXXII 30, 10. XXXIV 53, 3 (mit 
der sicheren Emendation von Sigonius) ; Ovid. 
fast. II 55 ff., der den Tempel Phrygiae con- 
termina Matri nennt (das wäre auf dem 
Palatin), scheint Mater Magna und Mater 
Matata (s. oben S. 98) zu verwechseln. 

»0) Monum. d. Inst. VI— VII 76. MOlleb- 
WiBsfiLER, Denkm. I 299. II 63". Mehr bei 
OvBBBEOK, Ennstmythol. III 160 ff. J. Vogel 
in Roschers Lexik. II 605 ff. 

>*) Daher ist auch die Gans ihr heilig, 
vgl. Stephani, Compte rendu 1863, 21 f. 

") Liv. V 31, 3. XXI 62, 8. XXVII 
37, 7 ff. 



118 Beligion und Enltas der Römer. II. GOtterlehre. 

den stadtrömischen Kult der Juno Curitis fehlen uns alle Zeugnisse, aber 
ihr Fest zu Falerii ist nach der Beschreibung Ovids^ offenbar in erster 
Linie ein Frauenfest. Ein solches sind endlich auch die rätselhaften Nonae 
Caprotinae (CIL IV 1555), die am 1, Juli in Rom und Latium begangen 
wurden und über deren Ursprung tiefes Dunkel gebreitet war ; *) sicher 
steht nur, dass sich an dieser Feier, die wahrscheinlich zu den Feriae der 
ältesten Festordnung gehörte,*) die Frauen im weitesten Umfange betei- 
ligten, Freie wie besonders Sklavinnen,^) und dass das Opfer unter einem 
wilden Feigenbaum {caprificus) stattfand;*) die bekannte obscöne Bedeu- 
tung der Feige legt den Gedanken nahe, dass es Juno in ihrer Bedeutung 
als Schützerin der weiblichen Geschlechtsfunktion en^) war, der dieses Fest 
galt; auch die Rolle, welche die Ziege im Kulte der Göttin spielt, scheint 
nach derselben Richtung zu weisen. '') Auf die Frauengöttin Juno weist auch 
die nach altem Brauche in ihrem Haine bei Lanuvium angestellte Jung- 
frauenprobe®) und der für Rom bezeugte Ausschluss der paelices von ihrem 
Kulte ;^) in keinem Zuge aber tritt die Auffassung der Juno als einer 
göttlichen Verkörperung des Frauenlebens nach all seinen Bethätigungen 
so deutlich hervor, wie darin, dass nach römischer Anschauung, wie jeder 
Mann als göttliche Wiederspiegelung der in ihm wirkenden schöpferischen 
Kraft seinen Genius besitzt, so jeder Frau ihre Juno zukommt (s. u. § 28). 
In dieser Bedeutung als Frauengottheit ist Juno namentlich Geburts- und 
Ehegöttin. Insbesondere Juno Lucina ist so speziell Schützerin der Ge-^ 
burten geworden, dass ihr Name im lateinischen Sprachgebrauche dieselbe 
Rolle spielt wie EiXei&via im Griechischen; man ruft sie in den Geburts- 
wehen an, i<>) opfert ihr nach glücklich erfolgter Entbindung!^) und zahlt 
auf Grund eines angeblich von Servius Tullius herrührenden Gesetzes 
für jede Geburt eine Abgabe an die Kasse ihres Tempels (Dion. Hai. 
IV 15); sie verleiht nicht nur leichte Geburt,**) sondern überwacht 
auch die Entwicklung des Kindes im Mutterleibe, wovon sie den Namen 
Ossipago (oder Ossipagina) führt; !^) auf bildlichen Darstellungen trägt 
sie gewöhnlich einen Säugling im Arm.**) Aus dieser Fürsorge für die 
Fortpflanzung der Gemeinde erklären sich die Beziehungen der Juno zu 
dem Gotte der animalischen Befruchtung, dem Faunus, die am Feste 
des letzteren, den Lupercalia, in einzelnen halbverwischten Spuren noch 



») Amor. III 13; vgl. Dion. Hai. I 21. | «) Aelian. h. a. XI 16. Prop. V 8, 3 ff. 

>) Aetiologifiche Legenden bei Macr. S. I *) Lex Numae bei Gell. IV 3, 3: paelex 

11, 36 ff. (vgl. III 2, 14). Flut. Rom. 29; aram lunonis ne tangiio; ai tangit, lunoni 

Cam. 33; vgl. Ovid. a. a. II 257 f. Auson. i crinihus demissis agnum feminam caedito. 

de fer. 9 p. 104 Peip. Arnob. III 30. ' »'') Cic. de nat. deor. II 69. CatuU. 34, 13. 



*) Vgl. MOHMSBN, CIL I> p. 321. 

*) Daher ancillarum feriae bei Polem. 
Süv. CIL P p. 269. 

») Varro de 1. I. VI 18. Macr. S. I 11, 
36. 40. 



namen Fluonia und Mena, Paul. p. 92. Au- 
gust, c. d. VII 2. 3 und mehr bei R. P£tbb 
in Roschers Lexik. II 198 f. 203. 

^) WissowA, Real-Encycl. III 1552 f.; 
vgl. unten S. 119. 



Macr. S. VII 16, 27. Amob. III 21. Zahl- 
reiche Beispiele in der Komödie und sonst. 
» ») TertuU. de an. 39. Schol Bern. Verg. 
Ecl. 4, 62; vgl. Varro de 1. 1. V 69. Fest, 
p. 305. 



*) Als solche fuhrt sie auch die Bei- i>) Daher durfte, wer ihrem Tempel nahte, 



keinen Knoten an sich haben, Serv. Aen. IV 
518. Ovid. fast. III 257. 

») Amob. III 30. IV 7. 8. 

>«) OvBRBBCK, Kunstmyth. III 153 ff. 



A. Di indigetes. 21. Jnno. 



119 



erkennbar sind; das Ziegenfell, mit dessen Riemen die Luperci die sich 
ihnen in den Weg stellenden Frauen schlagen, um ihnen Fruchtbarkeit 
zu verleihen, heisst amiculum lunonis,^) und von jenen Riemen {februa, 
Serv. Aen. VIII 343) führen sowohl Juno*) wie Faunus*) den Beinamen 
Februa {Februus), Februlis u. ä. ; da das Ziegenfell zur offiziellen Kleidung 
der Juno Lanuvina gehört und die Ziege auch im faliskischen Junokulte 
eine Rolle spielt,^) so ist es gewiss kein Zufall, wenn die Tempeltage der 
Juno Lanuvina (1. Februar) und Juno Lucina (1. März) auf die beiden 
den Lupercalia benachbarten Kalendae fallen. Die Funktion der Juno 
als Ehegöttin ist mit der eben geschilderten aufs engste verbunden; da 
sie bei der Heimführung, Salbung und Gürtung der Braut thätig und be- 
hilflich ist, kommen ihr die Namen Iterduca und Domiduca, Unxia und 
Ginxia zu,^) oder sie heisst allgemein als göttliche Brautführerin Pronuba, 
ein Name, der allerdings nicht dem Kulte selbst, sondern nur dem dichte- 
rischen Sprachgebrauch angehört, in den ihn Vergil (Aen. IV 166) einge- 
führt hat ; der entsprechende technische Ausdruck des Rituals scheint Juno 
Juga gewesen zu sein.<^) Auf römischen Hochzeitsdarstellungen auf Sarko- 
phagen erscheint Juno ständig zwischen den Neuvermählten bei der dextra- 
mm iunctio;'') es ist zwar nicht bezeugt, aber sehr wahrscheinlich, dass 
die Flaminica Dialis bei der feierlichen Confarreatio dieselbe Funktion 
ausübte. Diese Ehegöttin Juno ist es ohne Zweifel, welche in allen Gurien, 
den auf der Familie und Geschlechtsgenossenschaft beruhenden Verwal- 
tungskörpern, verehrt wurde ;^) die Behauptung, diese Juno habe den 
Namen Curitis geführt, beruht nur auf einer etymologischen Spielerei 
mit curia und Curitis, da diese Form der Juno in Rom wohl erst aus 
Falerii recipiert ist. Ob die einmal erwähnte Herie Junonis (Gell. XHI 
23, 2), offenbar eine dienende Gottheit {ancula) dieses Kreises, gerade zu 
Juno als der Ehegöttin gehört, ist nicht zu ermitteln, da uns für die Deu- 
tung dieser Gestalt jeder Anhaltspunkt fehlt. 

Griechische Einflüsse konnten sich im Laufe der Zeit im römischen 
Junokulte um so leichter geltend machen, als die ursprüngliche Wesens- 
verwandtschaft von Juno und Hera in vielen Punkten deutlich zu Tage 
trat. Besonders nahe lag der Vergleich der Juno Regina mit der in Grie- 
chenland vielfach verehrten "Hqu Baa^Xsia, und darum ist die Juno Regina 
auf dem Aventin seit dem zweiten punischen Kriege an den auf Anord- 
nung der Decemviri s. f. vorgenommenen Kulthandlungen des Ritus graecus 
in hervorragender Weise beteiligt;®) auch griechische Sagenvorstellungen 



«) Paul p. 85; vgl. Ovid. fast. II 427 ff. 

«) Paul. p. 85. Mart. Cap. II 149. Arnob. 
III 30. 

■) Lyd. de mens. IV 20; vgl. Macr. S. 
I 13, 3. Verg Georg. III 43. 

*) Ovid. am. III 13, 18 ff.; vgl. die Juno 
Caprotina in Rom (oben S. 118). Ueber die 
Bedeutung der Ziege im allgemeinen s. Ste- 
PHAHi, Gompte rendu 1869, 55 ff. 

*) Mart. Cap. II 149. Paul. p. 63. Au- 
guflt. c. d. VII 3. Arnob. III 25. 30. 

*) Paul. p. 104, der von einer im t>icus 



iugariua gelegenen ara lunonis lugae spricht; 
die Herleitung des Strassennämens von dieser 
Juno Juga ist sicher falsch; s. auch Serv. 
Aen. IV 16. 

^) A. RossBAOH, Rom. Hochzeits- und 
Ehedenkmäler, Lpz. 1871. Ovbrbbck, Eunst- 
myth. III 131 ff. Vgl. auch H. Bruitk, An- 
nair d. Inst. 1844, 186 ff. A. Herzog, Stat. 
epitbal. p. 26 ff. 

^) Paul. p. 64. Dion. Hai. II 50. 

») DiBLS, Sibyll. Blätter S. 52 ff. 



120 



Religion und Enltiu der Römer. II, GOtterlehre. 



wurden durch die augusteischen Dichter ohne weiteres übertragen und so 
namentlich dem Verhältnis von Hera und Ares entsprechend Mars zum 
Sohne der Juno gemacht, eine Auffassung, die der italisch-römischen Re- 
ligion völlig fremd ist. 

Litteratur: Pseller-Jobdan, Rom. Mythol. I 271—289. W. H. Rosoheb, Studien 
zur vergleichenden Mythologie der Griechen und Römer. 11. Juno und Hera. Leipzig 1875 
und in seinem Mythol. Lexik. II 574 — 605. 

22. Qottheiten aus dem Kreise des Juppiter. Unter den Göttern, 
die sich aus der umfassenden Machtsphäre des Juppiter losgelöst und zu 
selbständigen Individuen entwickelt haben, steht obenan Dius Fidius, 
ursprünglich nichts anderes als Juppiter selbst in seiner Bedeutung als 
Schützer der fides^ dann selbständiges Objekt eines besonderen Kultes. Die 
Gründung der aedes Dii Fidii in colle, d. h. auf dem Quirinal, verzeichnete 
die Stadtchronik im J. 288 = 466 (Stiftungstag 5. Juni),i) und wenn 
eine andere Überlieferung dieses Heiligtums bis in die Tarquinierzeit oder 
gar bis auf T. Tatius hinaufrücken wollte,*) so war das nur die Kon- 
sequenz der Annahme, dass eine in diesem Tempel stehende Erzstatue 
einer spinnenden Frau die Gaia Caecilia oder Tanaquil, Gattin des Tar- 
quinius Priscus, darstelle.*) Der in diesem Heiligtume verehrte Gott wird 
bei den alten Autoren bald Dius Fidius (griechisch Zsvg Iltauog, oft ent- 
stellt deus fidius), bald Sancus (oft entstellt sanctus) genannt, der volle 
Name war Semo Sancus Dius Fidius, wobei setno san^^us*) ein Epitheton 
ist wie duonu^ cerus bei Janus (s. oben S. 91) oder bona d^a bei Fauna 
u. a. Antike und moderne Mythologen haben Semo Sancus und Dius Fidius 
als zwei selbständige, aber ihrem innern Wesen nach identische und darum 
nachher mit einander verschmolzene Gottheiten auffassen wollen, dass aber 
alle vier Namen zu demselben Gotte gehören, geht, abgesehen von der 
eben erwähnten schwankenden Bezeichnung des Heiligtums, auch daraus 
hervor, dass die ümbrer einen entsprechenden Gott Fi»ius (oder Fisovius) 
Sancius verehren, dessen Namen dieselbe Doppelbezeichnung zeigt; dass 
dieser umbrische Gott ebenso wie Dius Fidius in der engsten Beziehung 
zu Juppiter steht, beweist der Umstand, dass in den iguvinischen Tafeln 
Sancius auch als Beiname des lupater sich findet.^) Eine antike Hypo- 
these machte den Semo Sancus zu einem sabinischen Heros und setzte nicht 
nur ihn mit dem römischen Dius Fidius, sondern auch beide Götter mit dem 
griechischen Herakles gleich,«) wofür die von Aelius Stilo verfochtene ver- 



') Dion. Hai. IX 60. Ovid. fast. VI 
213 ff. CIL I« p. 319. Gilbert, Gesch. u. 
Topogr. d. Stadt Rom 1 275 ff. Hülsen, Rhein. 
Mos. XLIX 1894, 409. 

«) Dion. Hai. IX 60. TertuU. ad nat. 
II. 9. 

») Varro bei Plin. n. h. VIII 194. Plut. 
Q. R. 30. Fest. p. 238; vgl. Detlefssn, De 
arte Roman, antiqa. II p. 8. 

^) Dass semones in älterer Zeit einen 
Gattungsbegriff bildet, wie später genii, be- 
zeugt das semunis des Arvalenliedes und 
semunu im Weihgedicht von Gorfininm, vgl. 
BüECBELBR, Rhein. Mus. XXXIII 281; die 



späte Deutung der semones als Halbgötter 
(Mart. Cap. II 156; vgl. Fulg. exp. serm. ant. 
p. 561 M.) ist nichts als etymologische Spie- 
lerei (mit 8emi-)f vgl. Jordan, Krit. Beitr. 
S. 204 ff. und zu Preller, Rom. Myth. I 
90, 2. 

*) Vgl. Aufrecht und Eirchhoff, Umbr. 
Sprachdenkm. II 186 ff. 

«) Gato bei Dion. Hai. II 49 (vgl. Sil. 
Ital. VIII 421 ff. Lact. I 15, 8. August, c. 
d. XVIII 19). Varro de 1. 1. V 66. Fest, 
p. 229. Paul. p. 147. Prop. V 9, 71 ff.; vgl. 
Tertull. de Idol. 20. 



A. Di Indigetes. 28. Gottheiten ans dem Kreise des Jnppiter. 



121 



kehrte Etymologie Dius Fidius = Diovis filius^) eine Stütze abgeben musste; 
dass hier nicht etwa innere sakrale Beziehungen, sondern nur gelehrte 
Kombination vorliegt, geht zur Evidenz daraus hervor, dass, wie eine neuer- 
dings gefundene und inschriftlich sichergestellte Statue des Gottes gezeigt 
hat,*) das Eultbild ihn nicht nach dem Bilde des Herakles, sondern nach 
einem griechischen archaischen Typus des Apollon (als Schwur- und Bündnis- 
gottes) darstellte; damit verlieren die weitgehenden Folgerungen, welche 
man aus dieser angeblichen Identität von Semo Sancus, Dius Fidius und 
Hercules gezogen hat,') allen Boden. Dius Fidius ist, als Spezialisierung 
einer bestimmten Seite des Juppiter, in erster Linie Treu- und Schwur- 
gott; daher ruft man ihn im täglichen Verkehr bei Beteuerungen ins- 
besondere durch die Formel me Dius Fidius zum Zeugen an,^) und sein 
Tempel dient zur Aufbewahrung von Staatsverträgen b) sowie der als Sym- 
bole des Bündnisses geltenden radförmigen Erzscheiben, die uns aus dem 
umbrischen Ritual und aus Münzbildern bekannt sind.^) Die Natur des 
Himmelsgottes offenbart sich an Dius Fidius noch deutlich in dem Brauche, 
dass man nur unter freiem Himmel bei ihm schwört; daher tritt, wer im 
Hause ihn anruft, in den unbedeckten Teil des Atrium, und der quiri- 
nalische Tempel hat im Dache eine Öffnung.^) Überhaupt hat sich die 
Verehrung des Dius Fidius nicht auf seine Eigenschaft als Schwurgott 
beschränkt, sondern der Gott hat auch an den sonstigen Kompetenzen des 
Juppiter Anteil behalten; dass er wie jener durch Himmelszeichen seinen 
Willen kundthut, geht daraus hervor, dass eine wichtige Art von Augural- 
vögeln in der priesterliehen Kunstsprache von Sancus den Namen aves 
sanquales führt,^) und als Blitzgott kennzeichnet ihn die enge Verbindung, 
in welcher die sacerdotes , bidentales, denen das zur Blitzsühne erforderliche 
Opfer des bidental (s. oben S. 107) obliegt, mit seinem Tempel stehen.^) 
Weihungen dieser Priesterschaft an Semo Sancus Dius Fidius haben sich 
sowohl in der Nähe des quirinalischen Tempels^®) als auch auf der Tiber- 
inseU>) gefunden, wo wenigstens für die spätere Kaiserzeit ein zweites 
Heiligtum des Gottes bezeugt ist;^') ausserhalb Roms scheint der Kult 
nur in der nächsten Umgebung der Stadt Verbreitung gefunden zu 
haben.**) 



») Varro de 1. 1. V 66. Paul. p. 74. 147; 
vgl. Serv. Aen. VIII 301. 

') C. L. ViscoHTi, Stadj e Docamenti 
di Storia e Diritio II 1881 S. 105 ff. Annali 
d. Inst 1885 Tav. d'agg. A; vgl. Wissowa, 
Neue Jahrb. f. d. klass. Altert. I 1898 S. 168. 

') S. namentlich R. Peteb in Roschers 
Lex. I 2255 ff. 

«) Plaut. Asin. 23. Cato bei Gell. X 
14, 3. Paul. p. 147 u. a. m. 

») Dion. Hai. IV 58. 

*) Liv. VIII 20, 8 und dazu Mommsen, 
Mflnzw. S. 222 f. Bübchblbr, Umbr. p. 148; 
in Tgnvium muBS, wer dem Jupater Sancius 
opfert, ein solches Rad (urfeta = arbita) 
in der Hand halten. 

') Varro de 1. 1. V 66 und bei Non. 
p. 494. 



') Fest. p. 317; 8anquaU8 (auch iaporta 
sanqualia) = sancualis ist vom u-Stamme 
Sancu- gebildet, von dem auch wiederholt 
der Genetiv Sanctis statt Sanci fiberliefert ist. 

») Gilbert, Topogr. I 276. G. Gatti, 
Bull. arch. com. XV 1887, 8 f. 

••) CIL VI 568 und die Inschrift der 
oben genannten Statue, vgl. auch Hülsen, 
Rh. Mus. XLIX 1894 S. 409 f.; ungewissen 
Fundortes CIL VI 569. 

") CIL VI 567; vielleicht auch Bull, 
arch. com. XX 1892 S. 184. 

") Justin. Mart. apol. I 26. 56 und bei 
Euseb. h. e. II 13. Tert. apol. 13; vgL De 
Rossi, Bull. d. Inst. 1881, 65. 

^*) Aedes Sancus in Velitrae Liv. XXXII 
1, 10; Altar aus Castrimoenium CIL XIV 
2458. 



122 



Beligion nnd Enltna der Römer. II. GOtterlehre. 



Ein später ganz verschollener Zusammenhang scheint ursprünglich 
zwischen Semo Sancus Dius Fidius und der altitalischen Göttin Salus 
bestanden zu haben; dafür spricht nicht nur der Umstand, dass von dem 
Kulte dieser Göttin die dem Sitze des Gottes benachbarte Erhebung des 
Quirinal ihren Namen führte (CoUis Salutaris neben dem GoUis Mucialis, 
Porta Salutaris neben der Porta Sanqualis*)), sondern dass in zwei von 
einander unabhängigen Zeugnissen von Salus Semonia die Rede ist,') eine 
Bezeichnung, die kaum eine andre Deutung zulässt ') als die auf eine alte 
Kultgemeinschaft mit Semo Sancus (vgl. Here Martea, Ops Consiva u. a.). 
Der Name der Göttin findet sich nicht nur auf einer der alten schwarzen 
Thonschalen mit Götterinschriften {Salutes pocolom CIL I 49 aus Herta), 
sondern auch einer der Votivcippen des Haines von Pisaurum gilt ihr (CIL 
I 179), und in Praeneste besass sie, wie wir aus einer archaischen In- 
schrift erfahren, einen Altar, dessen Statut für andere Heiligtümer vor- 
bildlich, also gewiss sehr alt war.*^) Danach kann man mit Sicherheit 
annehmen, dass ihr Kult in Rom viel älter ist als ihr Tempel, der erst 
im J. 452 == 302 von dem Dictator C. Junius Bubulcus auf dem Quirinal, 
offenbar an Stelle des älteren fanum, geweiht wurde -'^) und seinen Stiftungs- 
tag am 5. August beging.^) Da den Anlass zum Gelöbnis des Tempels 
kriegerische Bedrängnis im Kampfe mit den Samnitern gegeben hatte 
(Liv. IX 43, 25), so ist hier die Göttin sicher nicht, wie später häufig (s. 
unten § 49) im Sinne der griechischen Hygieia als Göttin der Gesundheit, 
sondern als Salus publica (so auch CIL X 5821 aus Ferentinum), d. h. als 
göttliche Schützerin des allgemeinen Staatswohles, ^) gedacht, und als solche 
hat sie auch noch in der Kaiserzeit reiche Verehrung gefunden: bei den 
Gelübden und Opferhandlungen der Arvalbrüder für die Wohlfahrt des 
Kaisers und seines Hauses hat Salus publica popidi Bomani Quiritium^) 
ihren festen Platz unmittelbar hinter der capitolinischen Trias, und mit 
grosser Regelmässigkeit finden wir Salus auch in den Götterreihen der 
von den Equites singulares in Rom gestifteten Altäre.^) In demselben 



') Vgl Hülsen, Rhein. Mus. XLIX 404 f. 
409. 414 f. 

^) Macr. S. I 16, 8 und in einem später 
eingekratzten Nachtrage zu der aus dem 
Jahre 754 = 1 n. Chr. stammenden stadt- 
römischen Inschrift bei v. Prbmerstein, Arch. 
epigr. Mitt. aus Oesterr. XY 77 ff. 

') Denkbar wäre nur noch eine Deu- 
tung des Epitheton semanius von semo in 
demselben Sinne wie genialis von genius und 
cerfius {kerriios) von cerfus (kerros), s. unten 
S 28 

i) CIL XIV 2892 (ara Solutus), vgl. 
Jordan, Obervat. Rom. subsic. p. 10. Wo 
die von Obseq. 88 [98] bei Gelegenheit eines 
Prodigiums des J. 641 == 113 erwähnte ara 
Salutis lag, ist ungewiss, da der Text ver- 
stümmelt ist. Tempel der Salus in Feren- 
tinum Tac. ann. XV 53, vgl. CIL X 5821. 

*) Liv. IX 43, 25. X 1, 9; der Tempel 
war mit Gemälden von C. Fabius Pictor ge- 
schmttckt, Val. Max. VIII 14, 6. Plin. n. h. 



XXXy 19; Prodigien aus den Jahren 478 
= 276, 548 = 206, 588 = 166, 650 = 104, 
Oros. IV 4, 1. Liv. XXVIII 11, 4. Obseq. 
12 [71]. 43 [103]. Der Tempel brennt unter 
Claudius nieder, Plin. a. a. 0. Vgl. Jordan, 
Comment. Mommsen. 356 f. Hülsen a. a. 0. 
404. 

•) CIL I* p. 324. Cic. ad Att. IV 1, 4. 

') Wie man ebenso im Privatleben die 
Salus für das eigne Wohlergehen anrief, 
zeigen zahlreiche Stellen des Plautus, zu- 
sammengestellt bei KfiSEBBRo, Quaest. Plaut, 
et Terent. ad religionem spectantes (Lips. 
1884) p. 54; vgl auch CIL II 1391 ara 
Sal(utis) pro reditu L. n. P. Celsus f. 

8) So z. B. CIL VI 2065 i 21. 44 u. a.; 
vgl. Henzbn, Acta fratr. Arval. p. 216. 

^) Henzbn, Annali d. Inst. 1885 S. 239 ff. 
nr. 3-10. 12. 13. 20-22; wenn v. Doma- 
8ZBW8KI, Westd. Zschr. XIV 43 meint, es seien 
bei den Auxilia Salus und Felicitas an die 
Stelle getreten, die bei den Bürgertruppen 



A. Di indigetes. 28. Gottheiien ans dem Kreise des Jnppiter^ 123 

Sinne wird unter Nero nach Entdeckung der Verschwörung des Piso ein 
Tempel der Salus gebaut (Tac. ann. XV 74) und ist auch die auf In- 
schriften der Eaiserzeit häufig vorkommende Salus augusta^) als Fürsor- 
gerin für das Wohlergehen des Kaisers aufzufassen. Dagegen ist die 
alte, noch unter Augustus und Claudius wieder erneuerte Ceremonie des 
augurium scdutis*) nicht als eine zum Dienste der Salus gehörige Kult- 
handlung zu verstehen, sondern als ein dem augurium canarium (s. unten 
§ 29) und der Inauguration der Priester analoger Akt des auguralen Cere- 
moniells. 

Dieselbe Seite im Wesen des Juppiter, welche in der Gestalt des 
zum selbständigen Gotte gewordenen Dius Fidius vorwiegend zur Geltung 
kommt, fand auch noch in anderer Form ihre besondere Verehrung, in- 
dem die von Juppiter bezw. Dius Fidius geschützte Tugend der Treue 
und Wahrhaftigkeit, Fides, einen eigenen Kult erhielt. Einen Tempel 
auf dem Capitol in unmittelbarer Nachbarschaft des Juppiter 0. M. erbaute 
ihr A. Atilius Calatinus 500 = 254 oder 504 = 250, und M. Aemilius Scaurus 
stellte ihn im J. 639 = 115 wieder her;') der Stiftungstag fiel auf den 
1. Oktober; wenn ein Teil der Überlieferung die Gründung des capitolini- 
schen Fidesheiligtumes bereits auf Numa zurückführt^) oder gar eine En- 
kelin des Aeneas auf dem Palatin eine Kapelle der Göttin weihen lässt,^) 
so kommt darin nur der Glaube an die hohe Altertümlichkeit und Heilig- 
keit dieses Kultes zum Ausdruck.^) In der That ist der Kult selbst 
sicher älter als die Gründung des Tempels, denn wir wissen, dass alljähr- 
lich einmal die drei grossen Flamines auf einem bedeckten Wagen zum 
Altar der Fides fuhren und ihr opferten, wobei die rechte Hand des 
Opfernden bis an die Fingerspitzen in ein weisses Tuch eingehüllt war;^) 
an dem hohen Alter dieses Brauches ist schon darum nicht zu zweifeln, 
weil das ganze Ritual der Flamines uralt ist und Änderungen in späterer 
Zeit nicht erfahren hat. Der volle Name der auf dem Capitol verehrten 
Göttin ist Fides publica^) oder Fides populi Romanik denn unter ihrer Obhut 
steht vor allem der völkerrechtliche Verkehr des römischen Staates: darum 
finden in diesem Tempel häufig Senatssitzungen zum Zweck des Empfanges 
auswärtiger Gesandten statt, und an den Wänden desselben werden Ur- 
kunden von internationaler Bedeutung zur Veröffentlichung angebracht;') 



Honos und Yirtus einnehmen, und Salus und 
Fdicitas seien den Bürgertruppen fremd ge- 
wesen, so widerspricht dieser Auffassung die 
Stellung beider Gottheiten in den Arval- 
protokollen. 

') z. B. sacerdos Spei et Salutis aug. CIL 
XIV 2804 aus Gabii; Tempel der Salus au- 
gnsta in Urbs Salvia CIL IX 5530 = 6078, 1 
und in Ariminum CIL XI 361 ; vgl. auch CIL 
II 1437. III 4162. V 428. VIII 8305. 

*) Dass 80, und nicht augurium Salutis 
zu schreiben ist, zeigt Cic. de leg. II 21 
augures . . discipHnam tenento sacerdotesque 
et vineta virgetaque et salutem popuH au- 
guratUo, 

'j Cic. de nat. deor. II 61 und dazu £. 



AusT, De aedib. sacr. p. 16. 

*) Dion. Hai. II 75. Plut. Numa 16; 
daher Fides sabinisoh bei Varro de I. 1. V 74. 

^) Agathokles 77 €^ KvCixov bei Fest. 
p. 269. 

•) Daher cana Fides Verg. Aon. I 292; 
vgl. Sil. Ital. II 484 ff. Enoeluabd, De per- 
sonificationibus quae in poesi atque arte Ro- 
manorum inveniuntur (Qotting. 1881) p. 8 f. 

') Liv. I 21, 4; vgl. Serv. Aen. 1 292. 
VIII 636. Hör. carm. I 35, 21 f. und dazu 
A. Rbipferscheid, Observat. critio. et ar- 
chaeol. (Ind. lect. Vratisl. 1878) p. 4 f. 

•) VaL Max. III 2, 17. VI 6, 1. 

") MoMMSEN, Annali d. Inst. 1858, 198 ff.; 
CIL III p. 916. 



124 Religion und Knltiui der Römer. II. Götterlehre. 

auch verehren die mit Rom in Berührung kommenden auswärtigen Völker 
insbesondere die Fides populi Romani.^) In der Kaiserzeit findet sich 
Name und Bild der Fides häufig auf Münzen,') oft auch in individuali- 
sierender Auffassung als Fides legionum, Fides müitum u. s. w.; das Bild 
der Göttin, deren Attribute wechseln und nicht sehr bezeichnend sind, ist 
häufig durch die symbolische Darstellung zweier verschlungenen Hände 
ersetzt; Weihinschriften an Fides sind verhältnismässig selten.') 

Ist Fides auf dem Capitol die vicina lovis Optimi Maximi, wie Cicero 
(de off. III 104) sie nennt, so haben drei andere in diesem Zusammenhange 
zu besprechende Gottheiten ihre ältesten Kultstätten in unmittelbarer Ver- 
bindung mit dem capitolinischen Heiligtume, nämlich Summanus, Terminus 
und Juventas. Dass alle drei Kulte Abzweigungen des Juppiterkultes sind, 
geht nicht nur aus dieser lokalen Vereinigung hervor, sondern auch aus 
dem Umstände, dass die Namen aller drei Götter, wenn auch nur ver- 
einzelt, als Epitheta des Juppiter nachweisbar sind,^) vor allem aber aus 
Geschichte und Entwickelung ihrer Verehrung. Eine Thonstatue des Sum- 
manus befand sich entweder im Giebelfelde oder auf dem Firste des 
capitolinischen Tempels und wurde im J. 476 = 278 durch einen Blitz- 
schlag herabgeworfen ; ^) zur Sühne für dieses Prodigium erhielt der Gott 
einen Tempel beim Circus maximus (Stiftungstag 20. Juni).^) Ausschlag- 
gebend für die Bedeutung des Gottes ist die Thatsache, dass die Sühn- 
opfer für nächtlichen Blitzschlag ebenso dem Summanus gelten, wie die 
für den am Tage vorgefallenen dem Juppiter (Fulgur);') darum bringen 
auch die Arvalbrüder, als es in den Hain der Dea Dia, offenbar bei Nacht, 
eingeschlagen hat, dem Summanus ein Opfer von zwei schwarzen Ham- 
meln dar.^) Er ist also ebenso Gott des nächtlichen Himmels, wie Jup- 
piter der des lichten; mit der Unterwelt und den Manen, mit der ihn 
spätere Kombination zusammenbrachte,^) hat er durchaus nichts zu thun. 
Mit einer vereinzelten Nachricht (Fest. p. 348), dass gewisse in Gestalt 
eines Rades geformte Kuchen siimmanalia hiessen, ist nichts Sicheres an- 
zufangen: die Gestalt erinnert an die Radscheiben im Dienste des Dius 
Fidius (s. oben S. 121). 

Noch klarer liegt das Verhältnis des Gottes Terminus zu Juppiter. 
In der Mittelcella des capitolinischen Tempels nahe dem Tempelbilde be- 
fand sich die Kultstätte des Terminus, in Form eines Grenzsteines, über 



') Vgl. A. Klüegmann, L' effigie di Roma ' statt ^MmmanM« fölschlich Jifjpp»7«r nennt); 



nei tipi monetarii piü antichi (Roma 1879) 
p. 7 ff. 

^) H. Gbaefe, De Concordiae et Fidei 
imaginibti8(Petropo]i 1858) p. 26 ff. R. Engel- 
HABD a. a. 0. p. 52. 

») CIL II 4497. VI 148 = XIV 5. IX 
5422. 5845. 5848. X 3775. 5903. Eph. ep. 
IV 79. 

*) luppüer Summanus CIL V 3256. 5660; 
luppiter Teriminalis) oder Ter{minus) CIL 
XI 351 (vgl. dazu Bobohesi, Oeuvres III 
297 ff.); luppiter Juventus CIL IX 5574. XI 
3245. 

») Cic. de divin. I 16. Liv. ep. XIV (der 



vgl. Jobdan, Topogr. I 2 S. 98 Anm. 95. 

•) Ovid. f. VI 729 ff. CIL I» p. 320. 
Liv. XXXII 29, 1. Plin. n. h. XXIX 57; 
denselben meint wahrscheinlich auch die 
Not. urb. reg. XI mit (ledem DUis patris, 
8. unten Anm. 9. 

^) Fest. p. 229. Paul. p. 75. Plin. n. h. 
II 138. August, c. d. IV 23. CIL VI 206. 
Bull. arch. com. IX 1881, 8. S. oben S. 107. 

») Henzen, Act. fr. Arv. p. 146. 

*) Mart. Cap. II 161; daher gebraucht 
Amob. V 37 und VI 3 Summanus als gleich- 
bedeutend mit Dis pater. 



A. Di indigetes. 22. Gottheiien ans dem Kreise des Jnppiter. 



125 



welchem das Dach des Tempels eine Öffnung zeigte, weil man dem Ter- 
minus nur unter freiem Himmel opfern durfte;^) die Legende erklärte die 
eigentümliche Lage dieses fanum daraus, dass es älter gewesen sei als 
das capitolinische Heiligtum und demselben nicht habe weichen wollen.^) 
Die wahre Sachlage ist zweifellos die, dass im Tempel des Juppiter, des 
Schützers von Recht und Treue, auch ein Prototyp der ganz speziell unter 
seiner Obhut stehenden und in ihrer Heiligkeit gewissermassen durch ihn 
garantierten Grenzsteine aufgestellt war; auch nach etruskischer Lehre 
galt Juppiter als der Begründer der Feldmessung und Abgrenzung.') Uralt 
ist sicher die Bestimmung, dass, wer den Grenzstein auspflügt, selbst samt 
dem Ochsengespann sacer sein solle, ^) und zwar werden wir diese Nach- 
richt dahin ergänzen dürfen, dass der Frevler lovi sacer wurde; denn es 
zeigt sich im ältesten Kulte noch durchaus keine selbständige Gottheit 
Terminus. Das angeblich von Numa eingesetzte Fest der Terminalia am 
23. Februar ist nicht ein Fest des Gottes Terminus, sondern der termini, 
der Grenzsteine und Grenzen; es war eine fröhliche Feier, bei der die 
Nachbarn an den Grenzscheiden zusammenkamen, um an den termini zu 
opfern und dann bei gemeinsamem Mahle und in ausgelassener Lustigkeit 
sich der friedlichen Grenzgemeinschaft zu freuen;^) auch von Staatswegen 
wird ursprünglich an den Grenzen der römischen Feldmark geopfert, ein 
Brauch, der später bei weiterer Ausdehnung des Ager Romanus undurch- 
führbar geworden war und darum (ähnlich wie es bei den Ambarvalia 
geschah) auf ein Opfer an einem bestimmten Punkte der ehemaligen Flur- 
grenze, am 6. Meilensteine der via Laurentina, beschränkt wurde. ^) Ein 
eigenes Heiligtum hat Terminus, abgesehen von dem capitolinischen cippus, 
nie besessen, und Zeugnisse für die selbständige Verehrung eines deus 
Terminus'') finden sich nicht vor der Kaiserzeit. 

Wie Terminus so hatte endlich auch Juventas ihre Kapelle {aedi- 
cula) eingeschlossen in den Tempel des Juppiter 0. M., und zwar in der 
Cella der Minerva,*) was man in derselben Weise wie bei Terminus be- 
gründete. Wie früher erwähnt (S. 113), brachte jeder Jüngling, der die 
Toga virilis anlegte, dem capitolinischen Juppiter ein Opfer dar; zugleich 
aber musste für jeden so mannbar gesprochenen Jüngling eine Steuer an 
die Kasse der Juventas gezahlt werden : ^) dadurch ist das Verhältnis beider 
Gottheiten und die Bedeutung der Juventas klargestellt. Sie ist die Göttin 
der heranreifenden männlichen Jugend, ^^) die dea novorum togatorum (Ter- 



>) Dioo. Hai. III 69. Serv. Aen. IX 446. 
Paul. p. 368. Ovid. faat. II 671 f. 

*) Gato bei Fest. p. 162. Liv. I 55, 3 f. 
(vgl. V 54, 7). Ovid. f. II 667 ff. Schwkgleb, 
Rom. Qescb. I 771. 

') Ex libris Vegoiae in den Grom. vet. 
D 350 

*)*Panl. p. 368 j vgl. Dion. Hai. 11 74, 
der den Gott Zev; oQ^og nennt. Vgl. auch 
die von Hülsen, Rom. Mitt. V 1890, 298 f. 
hergestellte metrische Inschrift. 

») Ovid. fast. 11 639 ff. Dion. Hai. II 
74. Plut. Numa 16; Q. R. 15. Hör. epod. 
2, 59. Ueber dasOpferceremoniell beim Setzen 



der Grenzsteine vgl. Sicul. Flacc. p. 141. 

^) Ovid. fast. II 679 ff. Ebenso nennt 
Strab. y 230 als Ort der Ambarvalia, die 
doch an sich einen Umgang um die ganze 
römische Ackerflur bedeuten, einen bestimm- 
ten Ort zwischen dem 5. und 6. Meilensteine. 

^) Deo Tertnino dicatum auf einem Cip- 
pus CIL XI 956. 

•j Dion. Hai. HI 69. Plin. n. h. XXXV 
108. 

•) Piso bei Dion. Hai. IV 15. 

^^) August, c. d. IV 11: dea luventas, 
quae post pf^aetextam excipiat iurenalis aeiaiis 
exordia; vgl. Vi 1. 



126 



Religion and Knltna der Römer. II. Götterlehre. 



tull. ad nat. II 11), welcher darum in jedem Jahre, wahrscheinlich am 
Jahresanfänge, Opfer pro iuvenibvs dargebracht wurden;^) zur Erinnerung 
an den Tag, an welchem Augustus die Toga virilis anlegte, setzt das 
Festverzeichnis von Cumae (CIL X 8375) eine suppUcatio Spei et Iuve(ntati) 
an, und denselben Sinn bat es wohl, wenn auf Inschriften und Münzen 
der Kaiserzeit der Juventus Augusta gedacht wird.') Daneben ist unter 
dem gleichen Namen der Kult der griechischen Göttin Hebe in Rom ein- 
gedrungen; sie erscheint zuerst im J. 536 = 218, wo Juventas = Hebe 
ein Lectistemium und eine Supplication beim Tempel des Hercules erhält 
(Liv. XXI 62, 9); diese Verbindung und die ausdrückliche Erwähnung der 
Decemviri s. f. beweisen, dass es sich hier um die griechische Hebe han- 
delt, obwohl wir nicht im Stande sind festzustellen, von wo die Römer 
diesen Kult entlehnt haben. Der griechischen Göttin galt auch der Tempel, 
welchen M. Livius Salinator 547 = 207 in der Schlacht bei Sena gelobte 
und C. Licinius Lucullus 563 = 191 am Circus maximus einweihte,') sie 
ist auch fast ausnahmslos gemeint, wenn die Dichter seit der augustei- 
schen Zeit von einer persönlich gedachten Juventas reden. 

Zu denjenigen Gottheiten, die sich aus einzelnen Seiten des Juppiter- 
kultes zu selbständigem Dasein entwickelt haben, gehört auch Liber, der 
mit seiner Genossin Libera bereits in der Festtafel mit eignen Feriae, 
den Liberalia des 17. März, vertreten ist; da jedoch dieser Gott, wie Ceres 
und Neptunus, schon in sehr früher Zeit durch Gleichsetzung mit dem 
griechischen Dionysos eine völlige Veränderung seines Wesens erfahren 
hat und die ursprünglichen und einheimischen Vorstellungen seines Kultes 
durch das Eindringen griechischer Auffassung ganz zurückgedrängt und 
verdunkelt worden sind, so wird er besser in anderem Zusammenhange 
(s. unten § 46) seine Behandlung finden. Aber derselbe Juppiter, von dem 
sich Liber abgespalten hat und der in Rom als Juppiter Liber oder Jup- 
piter Libertas auf dem Aventin seinen Kult hatte (s. oben S. 105 f.), hat auf 
dem Wege der begrifflichen Fortpflanzung noch eine andre Gottheit aus 
sich heraus gezeugt, die Freiheitsgöttin Libertas, welche in der zweiten 
Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. durch Ti. Sempronius Gracchus (Cos. 516 
= 238) einen aus Strafgeldern erbauten Tempel auf dem Aventin erhielt;^) 
wenn man diesen Tempel früher für identisch gehalten hat mit der aedes 
lovis Libertatis, so ist diese Ansicht jetzt mit Recht aufgegeben, aber den 
inneren Zusammenhang beider Kulte beweist nicht nur die örtliche Nach- 
barschaft der Heiligtümer, sondern auch der Umstand, dass der Tempel 
der Libertas nach einer als sicher anzusehenden Combination, seinen Stif- 
tungstag am 13. April, d. h. an den dem Juppiter geweihten Iden, beging. b) 



>) Paul. p. 104; vgl. Cic. ad Att. I 18, 3. 

2) CIL II 1935. Cohen, Med. imp. V 
Claud. Goth. nr. 107. 108. Sonstige In- 
schriften CIL II 45. V 4088. 4244. Ueber den 
flamen luventutis in Vienna vgl. 0. Hirsch- 
PBLD, CIL XII p. 219. 

») Liv. XXXVI 35, 5 f. Fun. n. h. XXIX 
57; vgl. Gilbert, Topogr. II l 93. 

*) Liv. XXIV 16, 19. Paul. p. 121. 



') Ovid (fast. IV 623 f.) gibt (mit m 
fallor) den 13. April als Stiftungstag des 
atrium libertatis an ; da das aber ein Profan- 
gebäude war (s. die Zeugnisse in Roschers 
Mytb. Lex. II 2032) und darum sein Stiftungs- 
tag nicht in den Kalender gehört, so liegt 
sicher ein Irrtum des Ovid vor, der die 
Kalendernote Lihertati falsch auflöste. 



A. Di indigetes. 22. Gottheiten ans dem Kreise des Jnppiter. 



127 



AllerdiDgB ist Juppiter Liber von Haus aus gewiss nicht Freiheitsgott, 
sondern ein Gott der schöpferischen Fülle, aber der Bedeutungswandel, 
der sich in dem Worte liber vollzog (vgl. liberalis und libertas), hat ebenso 
in einer Verschiebung des Wesens des Gottes seinen Ausdruck gefunden, 
die auch in dem Schwanken der urkundlichen Bezeichnung zwischen 
Juppiter Liber und Juppiter Libertas hervortritt. Die Göttin Libertas*) 
vertritt zunächst nicht den in der Zeit der Blüte des Freistaates selbst* 
verständlichen Gedanken der libertas publica populi Romani, sondern die 
persönliche Freiheit des einzelnen Bürgers,^) wie sowohl das ihr zukom- 
mende Symbol des püeus libertatis^) als auch die Erzählung des Livius 
(XXIV 16, 19) zeigt: nachdem der Sieg bei Beneventum 540 = 214 vor 
allem durch die volones, d. h. das nunmehr mit der Freiheit belohnte Sklaven- 
corps, erfochten ist, lässt Ti. Sempronius Gracchus ein Bild der Sieges- 
feier in dem von seinem Vater gestifteten aventinischen Tempel der Li- 
bertas aufstellen. Erst als es mit der republikanischen Freiheit zu Ende 
ging, sah man in Libertas die Verkörperung dieses Gutes; dieser Göttin 
galt das Heiligtum, welches Clodius auf der Stelle des zerstörten Hauses 
des Cicero errichtete,*) sowie ein anderes, welches im J. 708 = 46 der 
Senat zu Ehren des Befreiers Caesar zu weihen beschloss (Cass. Dio XLIU 
44); ihren Kopf und ihre Symbole prägen aber auch die Caesarmörder auf 
ihre Münzen,') wie andererseits Augustus sich nach ihrer Besiegung als 
libertatis p, R. vindex rühmt.*) In der Kaiserzeit aber ist nicht nur das 
Bild der Göttin seit Claudius und Galba auf den Münzen häufig, sondern 
wir begegnen auch nach dem Sturze verhasster Machthaber wiederholt 
Weihungen von Bildern und Altären der LibeHas restituta oder Libertas 
publica populi Romani, so nach dem Sturze des Sejan (Wilmanns Exempla 
64»; vgl. Cass. Dio LVEI 12, 5), des Nero,') des Domitian (CIL VI 472), 
des Commodus (Herodian. 1 14, 9). 

Eine andre Eigenschaft des höchsten Gottes hat sich in Victoria zu 
selbständiger Vertretung losgelöst : denn dass sie nur eine andere Vergött- 
lichung derselben Kraft ist, die im Kulte des Juppiter Victor ihre Ver- 
ehrung findet, beweisen noch die ArvalenprotokoUe, in denen bei verschie- 
denen Opferhandlungen des Kaiserkultes an derselben Stelle der Götterreihen 
(gewöhnlich hinter der capitolinischen Trias und vor Salus und Felicitas) 
völlig gleichwertig bald Juppiter Victor, bald Victoria erscheinen,®) einmal 



1) Ffir Plaut Rud. 489 f. ist die Er- 
klärung nicht in rOmischer Religionsvorstel- 
long zu suchen, vgl. F. Lbo z. d. St. 

*) Eine analoge göttliche Vertretung der 
Bfirgerqualit&t ist die GOttin Civitas des offen- 
bar Yon einem NeubQrger geweihten Altars 
CIL VI 88 Cipitati sacrum. A. Aemiliua Ar- 
tema fecii. 

•) Helbig, S.Ber. Akad. München 1880 
I 490 f. 

«) Flui Gic. 33. Cass. Dio XXXVIII 
17, 6. Gic. de domo 108 ff.; de leg. II 42. 

*) Babblok, Monn. cons. I 834 ff. II 112 ff. 
Libertas auf einer Quadriga von Victoria ge- 
krönt zeigen ältere Denare des M. Porcius 



Laeca, G. Cassius Longinus und C. Egnatius 
Maximus, Babblok a. a. 0. II 869. I 831. 
474; vgl. Roschers Lexik. II 2033 f. 

•) Monum. Anc. 1, 3. Eokhbl, D. N. 

VI 83. 

^) CIL VI 471. EcKHEL, D. N. VI 295; 
vgl. auch CIL II 2035. 

') Vgl. die Opfer ob imperium Othonis 
CIL VI 2051 1 38 und oh imperium ViteVii 
2051 I 87; ebenso ob laurum Neronis 2044 
I 11 und ob laurum positam des Otho 2051 
I 66, ähnlich auch bei Gelttbden pro scUuie 
et adventu Viteüii 2051 ii 4 und pro salute 
et reditu Domitiani 2066, 43; s. auch Hbk- 
ZBK, Acta fr. Arv. p. 72 f. 85 f. 121 f. 124. 



128 



Religion nnd Kultna der Römer. II. Götterlehre. 



(CIL VI 2086, 27) auch beide nebeneinander und ausdrücklich zu einem 
Paare verbunden: lovi Vidori b(ovem) m(arem) a{uratum) et Victoriae 
b{ovem) fißtninain) a{uratam). Einen eignen Tempel hatte Victoria ein 
Jahr nach der Erbauung der aedes lovis Vidoris (s. oben S. 108) im 
J. 460 = 294 durch den Consul L. Postumius erhalten, der schon in 
seiner Aedilität aus Strafgeldern den Bau begonnen hatte (Liv. X 33, 9) ; 
er lag auf dem Palatin (Liv. XXIX 14, 13) an dem nach ihm benannten 
clivus Victoriae (Fest. p. 262) und neben ihm befand sich eine von M. Por- 
cius Cato 561 = 193 geweihte Kapelle der Victoria Virgo (Liv. XXXV 9, 
6).^ Wenn angeblich schon in altersgrauer Vorzeit auf demselben Berge 
ein Altar der Victoria gestanden haben soll (Dion. Hai. ant. I 32, 5), so 
ist das entweder eine fiktive Vordatierung des Kultes, um die von Anfang 
an unwiderstehliche Sieghaftigkeit des römischen Volkes zum Ausdruck 
zu bringen, oder der Name Victoria ist hier nur sekundär eingetreten 
für den einer älteren Göttin, die man vermutungsweise mit ihr identi- 
fizierte,^) wie dies z. B. mit Vica Pota^) und der sabinischen Vacuna (s. 
oben S. 44 Anm. 3) der Fall war. Der palatinische Tempel ist der ein- 
zige geblieben bis zum Ausgange der Republik, wo der Kult der Victoria 
einen grossen Aufschwung nahm. Denn in demselben Maasse, als jetzt 
einzelne Machthaber in den Vordergrund traten, die ihre Gewalt durch 
Siege über die äusseren und inneren Feinde begründeten, trat die Göttin 
Victoria sozusagen in ein persönliches Verhältnis zu ihnen und wurde 
unter Beifügung des Namens des betreffenden Feldherrn als Verkörperung 
seiner persönlichen Siegeskraft gefasst. Wenn man bei den ludi Victoriae 
SuUanae (27. Okt. — 1. Nov.) und den ludi Victoriae Caesaris (20.— 30. Juli)*) 
im Zweifel sein könnte, ob Victoria persönlich oder als Appellativum zu 
verstehen sei, so wird die erstere Auffassung als die allein berechtigte 
erwiesen durch zahlreiche Zeugnisse der Kaiserzeit, in denen Tempel und 
Altäre teils der Victoria Augusta, teils der Victoria eines mit Namen be- 
zeichneten Kaisers gewidmet sind;^) selbst die Göttin des palatinischen 
Tempels führte, wie das Regionenbuch zeigt, später nach einem der mit 
dem Beinamen Germanicus ausgezeichneten Kaiser die Bezeichnung Vic- 
toria Germaniciana. Umfang und Bedeutung dieses Vorstellungskreises 
lassen uns die zahllosen Victoriamünzen der Kaiserzeit erkennen, auf 
denen unter den bildlichen Darstellungen die der ein Tropaion bekränzen- 
den Nike, die schon in republikanischer Zeit den Victoriati ihren Namen 
gab,^) die beliebteste ist, während die Beischriften die Victoria teils in 



Vgl. Gilbert, Topogr. III 428 f. HOl- 
8BN, Rom. Mitt. X 1895, 23 f. 269. 

') Carmenta, an die Gilbert, Topogr. 
I 41 Anm. denkt, hat weder je auf dem 
Palatin ein Heiligtum gehabt, noch ist sie 
mit Victoria gleichgesetet worden. 

*) Ascon. p. 12 verglichen mit Liv. H 
7, 12; vgl. § 36. 

«) MoMMSBN, CIL P p. 333 und 323 f. 

*) Eine supplicatio Victoriae Äugustae 
verzeichnet das Feriale Cumanum (CIL X 
8375) am 14. April zur Feier des ersten Sieges 
im mutinensischen Kriege; eine aedea Vic- 



toriae Äugustae z. B. in Puteoli CIL X 1887, 
Altäre Victoriae Caesaris Aug{usti) impe- 
ratoris in Capua (CIL X 3816), VictofHae 
imp(eratoris) Caesaris Vespasiani Aug{usti) 
in Cora (CIL X 6515) u. a. Vgl. namentlich 
Aber die Soldatenaltäre v. Domaszewski, 
Westd. Ztschr. XIV 37 ff. 

') Ueber die Victoriati s. Marquardt, 
Staatsverw. II' 20 ff., über Victoria auf dem 
Zweigespann als Zweitältesten Typus der 
Bigati (nach Luna) A. KLfJoMANN, Ztschr. f. 
Numism. V 1877 S. 65 f. 



A. Di indigeteB. 28. Mars. 129 

der erwähnten Weise als Siegeskraft des regierenden Kaisers kennzeichnen, 
teils sie als Victoria Germanica, Parthica, Sarmatica u. s. w. auf einen 
einzelnen Feldzug und seinen Erfolg spezialisieren.^) Aus dieser hervor- 
ragenden Rolle, welche Victoria in der Religion der Eaiserzeit spielt, gibt 
sich die Erklärung dafUr, dass der von Augustus in der Curie errichtete 
und am 28. August 725 = 29 eingeweihte Altar der Victoria*) geradezu 
zur Versinnlichung des allzeit siegreichen Kaisertumes wurde und dass 
darum seine durch Constantius angeordnete und durch Gratian erneuerte 
Entfernung das Ende des alten Reiches zu bedeuten schien und daher die 
bekannten Kämpfe entfesselte (s. oben S. 87). 

Litteratur: Ueber Dias Fidius: £. Jahnbtaz, l^tude sur Semo Sancas Fidias, Paris 
1885, dazu Jobdak, Deutsche LittZtg. 1885 S. 680. Wissowa in Roschers Lexik. I 1189 f. 
(zum Teil verfehlt). Jobdan, Annali d. Inst. 1885, 105 fif. Ueber Fides Wissowa in Roschers 
Lexik. 1 1481 ß,, über Juventas ebd. 11 764 ff., ttber Libertas ebd. II 2031 ff. Ueber Ter- 
minus G. JouBDB, Le culte du dieu Terme et de la limitation de la propriet^ chez les 
Romains, Paris 1886. 

23. Mars. Mars ist ebenso wie Juppiter ein allgemein italischer 
Gott und hat in den ältesten religiösen Vorstellungen des Landes eine 
ganz hervorragende Stelle eingenommen: das geht einmal daraus hervor, 
dass die Stammsagen verschiedener italischer Völkerschaften gerade an 
ihn anknüpfen (s. unten S. 132), sodann aus der Thatsache, dass er der 
einzige Gott ist, nach welchem in den Kalendern nicht nur latinischer (Alba, 
Aricia, Praeneste, Laurentum), sondern auch sabellischer Gemeinden und 
Stämme (in Cures, bei den Hernikem, Paelignern, Aequiculem) ein Monat 
benannt >7ar;^) bei den Etiniskern sind allerdings die Spuren des Mars- 
kultes unsicher und spärlich,^) doch hat wenigstens Falerii ebenfalls einen 
Monat Martins, und bei den Umbrern kennen wir nicht nur den berühmten 
Marskult der uralten Stadt Tuder,^) sondern der Gott begegnet uns auch 
in den iguvinischen Tafeln an hervorragender Stelle unmittelbar neben 
Juppiter, mit dem er die Beinamen Grabe vius und Ahtus teilt. ^) Sein 
Name lautet überall Mars (etr. Maris) oder auch Mavorsj'') zusammen- 
gesetzt Marspiter oder Maspüer,^) während die von römischen Gramma- 
tikern als bei den Oskem gebräuchlich angeführte Form Mamers wahr- 
scheinlich auf einem falschen Rückschlüsse aus Namen wie Mamercus, 
Mamertini u. a. beruht.^) In Rom wird Mars seit unvordenklicher Zeit 



') Material bei Stevenson, Dictionary 
of Roman coins S. 865 fif. 

*) Cass. Dio LI 22, 1. Suet. Aug. 100. 
CIL I» p. 327. Jordan, Topogr. I 2 S. 251 
Anm. 83. Eckbel, D. N. VI 85. 

*) MoKMSBN, Rom. Gbronol. S. 218 ff. 

*) Müllbb-Dbecke, Etrusker II 57. 
DncKB, Etr. Forsch. IV 35. 

») SiL Ital. IV 222. VIII 464. Ueber 
alte MarsheiligtQmer im Sabiniscben, in Suna 
nnd Tiora Mattiene, vgl. Dion. Hai. I 14, 
Trebula Mataesca Obseq. 42. Martiales in 
Larinnm, Cic. pro Claent. 43. 

*) BuBCHBLSB, ümbrica p. 52. 126; aus 
der (hegend von Ignvium stammt auch die 
Inschrift [Ma]rti Cyprio (s. dazu Varro de 
I. L V 159. BuECHELER, Umbr. p. 173) . . Mohmsen, Unterital. Dial. S. 276. 

BBDdbiifOh der Ujh>. AltertnnuwiBaeDflchaft. V, 4. 9 



Signum . . ex voto posuit et aedem vetustate 
conlapsam refecit, CiL XI 5805 = Hbnzbn 
5669. 

») Mavortei CIL VI 473 (davon nur or- 
thographisch verschieden Maurte in der tu- 
sculanischen Inschrift G I L X 1 V 2578 ; vgl. auch 
die Form Mavortio [dat.] der Altarinschrift von 
Lanuvium CIL XIV 4178) und in der Poesie 
seit Ennius; s. auch das Orakel bei Liv. 
XXII 1, 11. Die Form Martnar im Arvalen- 
liede wird richtig erklärt von Jordan zu 
Prelleb, Rom. Myth. 1 336, 4. Vgl. auch 
B. Maurenbrecher, Archiv f. lat. Lexikogr. 
VIH 290 f. 

«) Varro de 1. 1. VI! 49. IX 75. X 65. 

») Varro de 1. 1. V 73. PauL p. 131. 158. 



130 



Religion und Kaltim der Römer. TL GOtterlehre. 



auf dem nach ihm benannten campus Martins verehrt, ') wo ihm ein bereits 
in der dem Numa zugeschriebenen lex de spoUis opimis (Fest. p. 189) er- 
wähnter Altar gehört. Diese ara Martis in campo^) bildet den sakralen 
Mittelpunkt bei der Feier des Lustrum, der alle 5 Jahre erfolgenden 
Weihung der durch den Census neu konstituierten Gemeinde; die dem 
Mars besonders zukommenden Opfertiere, Schwein, Schafbock und Stier 
{auovetaurilia) werden dreimal um die als exercitus auf dem Marsfelde 
versammelte römische Bürgerschaft herumgeführt und sodann dem Gotte 
zum Danke für den während der letzten 5 Jahre gnädig gewährten Schutz 
geopfert, indem ihm zugleich für die nächste Wiederkehr des Lustrum 
das gleiche Opfer gelobt wird, falls er bis dahin der Gemeinde seine Für- 
sorge weiter zuwende.') Dieser Akt der Lustration, dessen Hauptcere- 
monie in der Herumführung der Opfertiere um die zu entsühnende Ge- 
meinde besteht, wird in gleicher Weise wie hier an der Bürgerschaft^) 
so bei dem Feste des Amburbium am 2. Februar an der Stadt und bei 
den im Mai gefeierten Ambarvalia an der römischen Feldmark vollzogen,^) 
und in derselben Art begeht auf dem flachen Lande ein jeder Gau die 
lustratio pagi (z. B. CIL IX 1618. 5565) und der einzelne Bauer die Wei- 
hung seines Grundstückes. Für den letztgenannten Akt gibt uns Cato 
(de agric. 141) eine Beschreibung des Ceremoniells und den Wortlaut der 
zur Anwendung kommenden Gebetsformel, aus welchem hervorgeht, dass 
auch hier das Opfer dem Mars galt und aus Suovetaurilia bestand. Das 
Gleiche ist sicher ursprünglich auch bei dem Amburbium, den Ambarvalia 
und der lustratio pagi der Fall gewesen, wenn auch in der augusteischen 
Zeit bei dem ländlichen Flurumgange unter griechischem Einflüsse Ceres 
an die Stelle des Mars getreten ist (Yerg. Georg. I 338 ff.) und die Fratres 
Arvales bei ihrem mit den alten Ambarvalia identischen^) Maifeste in 
erster Linie die Dea Dia verehren: denn das uralte Kultlied der Arval- 
brüder ist an Mars gerichtet, und derselbe Gott spielt auch bei der lu- 
stratio populi von Iguvium eine hervorragende Rolle. Mit Unrecht haben 
Neuere^) in diesen Flurumgängen einen Beweis dafür finden wollen, dass 
Mars von Haus aus ein Vegetations- und Ackergott sei: soweit die Über- 
lieferung uns ein Urteil gestattet, ist Mars den Römern nie etwas anderes 
gewesen als Kriegsgott, und wenn man ihn um Schutz der Fluren 
anfleht, so geschieht das nicht, damit er das Wachstum der Saaten fördere, 
sondern damit er Kriegsnot und Verwüstung von den Feldern fernhalte. 



') Ueber einen andern campus Martialis 
auf dem Caelius s. Paul. p. 131, vgl. Ovid. 
fast. III 521 f. 

«) Liv. XXXV 10, 12. XL 45, 8. 

») Dion. Hai. IV 22. Varro de r. r. II 
1, 10. Val. Max. IV 1, 10. Ps.Asc. Cic. 
Verrin. p. 18S Or.; vgl. Mommsbn, Staatsr. 
II 406. 

^) Ebenso beim Heere als lustratio exer- 
cUus, vgl. V. DoMASZBWSKi, Arcb. epigr. Mitt. 
aus Oesterr. XVI 1893, 19 ff. 

'} Ueber die Scheidung von Amburbium 
und Ambarvalia und den Tag des ersteren 



s. H. UsEHBR, Religionsgescbichtl. Unter- 
suchungen I 304 ff. 

*) MoxMSBN, Rom. Chronol. S. 70 f. Hek- 
ZBN, Acta fratr. Arval. p. 46 ff. Wissowa, 
Real-Encycl. II 1478 ff. 

') Pbblleb, Rom. Myth. I 389 ff. Makr- 
HARDT, Myth. Forsch. S. 156 ff., vgl. auch 
Reiffebschbid, Lect. Kat. von Breslau, Winter 
1882/83 S. 6 ff. Als Sturmgott fassen den 
Mars Ad. Kuhn und L. Mbtbr, als Sonnen- 
gott W. CoBssBN und W. H. Rosohbr, als 
Jahresgott H. Usenbb. 



A. Di indigetes. 88. Kars. 131 

Beim Lustrum aber ist es ja gerade die waffentragende und als exercüus 
geordnete Gemeinde, die dem Gotte geweiht wird. Auf die kriegerische 
Bedeutung des Mars weisen auch alle uns bekannten Einzelheiten seines 
Kultes hin. Sein Symbol sind die in einer Kapelle der Regia aufbewahrten 
Wurfspeere (hastae Martis)^) und die angeblich einst vom Himmel gefal- 
lenen heiligen Schilde {ancilia): diese Waffen des Gottes bewegte nach 
altem Brauche der ins Feld ziehende Heerführer mit dem Rufe Mars 
vigüa,^) und mit ihnen rüsteten sich die Priester des Mars, die Salii, aus, 
wenn sie die' zweimal im Jahre wiederkehrenden Festcyklen des Gottes 
begingen. Der Monat März, in dem die Kriegszeit beginnt, ist dem Mars 
speziell heilig und ganz von seinen Festtagen ausgefüllt,^) und ebenso 
wird derselbe Gott im Oktober nach beendeter Gampagne mit Dankfesten 
gefeiert; die dabei von diesen rituellen Akten der Salier gebrauchten 
technischen Ausdrücke ancilia movere und ancilia condere zeigen, dass 
jene nichts anderes als das Ergreifen und das Niederlegen der Waffen 
durch das römische Heer symbolisieren. Die Feste des Frühjahrs^) gelten 
insbesondere der Weihung der Rosse (Equirria 27. Febr.*) und 14. März), 
der Waffen (Quinquatrus 19. März)<') und der Schlachthörner (Tubilustrium 
23. März);^) an allen diesen Tagen sowie an der ihrer Feier nach nicht 
näher bekannten Marsfesten des 1.^) und des 17. März {agonium Martiale 
Macr. S. I 4, 15) halten die Salier in kriegerischer Tracht ihre Umzüge 
und ehren ihren Gott mit feierlichen Waffentänzen; in derselben Weise 
treten sie wieder in Thätigkeit im Oktober, wo nach einem an den Iden 
dem Gotte dargebrachten Rossopfer am 19. eine abermalige Waffenweihe 
oder Waffensühnung (Armilustrium)^) stattfindet. Der Parallelismus beider 
Festperioden springt in die Augen: ^^) beide gehören für die ganze Zeit- 
dauer, in der die heiligen Schilde sich ausserhalb ihres gewöhnlichen 
Aufbewahrungsortes in den Händen der Salier befinden {motis necdum 
candüis ancilibus Suet. Otho 8), zu den dies religiosij an denen man weder 
eine kriegerische Unternehmung wagt, noch eine Ehe schliesst,^^) offen- 
bar weil die Ritualhandlungen der Salier ein symbolisches Abbild des 
Kriegszuges darstellen; den Mittelpunkt bildet beidemal inmitten des 
Monats ein an der ara Martis in campo stattfindendes Pferderennen, am 
14. März die Equirria,^*) am 15. Oktober die Feier des Oktoberrosses, 
nur dass bei dem letztgenannten Feste, das zugleich eine Dankfeier für 
den glücklichen Feldzug und eine Sühnung für das vergossene Blut ein- 
schliesst, das siegreiche Pferd vom Flamen Martialis ^^) dem Gotte geopfert 



z. B. Gell. IV 6, 2; mehr bei Gilbbrt, 
Topogr. I 346. 

«J Serv. Aen. VII 603. VIII 3. 

•) Dion. Hai. II 70. Polyb. XXI 10. 12. 

*) Vgl. fiber sie Monmsbn. CIL P p. 311 ff. 
If ARQüABDT, Staatsverw. III 434. 

») Ovid. fast II 857 ff. 

*) Fast. Praen. Cbaris. p. 81. 

') Fast. Praen. Lyd. de mens. IV 42. 
Varro de 1. 1. VI 14. Fest. p. 352. Ovid. 
fast. III 849. 

•) Lyd. de mens. lU 15. IV 29 (ixiyovy 
ta ortXa); der Kalender des Philocalus no- 



tiert zum 9. März arma ancilia movent 

•) MomisBN, CIL P p. 333. Varro de 
1. 1. VI 22. Paul. p. 19. 

>^) WissowA, De feriis anni Roman, 
p. IX f. 

»») Ovid. fast. III 395 ff. Suet. Otho 8. 
Tac. bist. I 89. 

") Varro de 1. 1. VI 13. Paul. p. 81. 
Ovid. f. III 519 f., vgl. II 858 f. 

*') Cass. Dio LI II 24, der von einer in 
den Formen des Oktoberopfers stattfindenden 
Hinrichtung meuterischer Soldaten auf Be- 
fehl Caesars erzählt. 

9* 



132 Religion und Kultus der Römer. II. Götterlehre. 

wird und eine Reihe eigenartiger Sühnceremonien zur Anwendung kommt : 
das Blut des Pferdes wird teils auf den Herd der Regia geträufelt, teils 
zu Lustrationszwecken im penus Vestae aufbewahrt, um den abgehauenen 
Kopf aber kämpfen die Bewohner zweier Stadtteile, der Sacra via und 
der Subura, um ihn im Falle des Sieges an einem bestimmten Gebäude 
ihres Quartieres anzuheften.^) Alte und neue Gelehrte haben in dem — 
übrigens auch bei andern Opfern nachweisbaren — Brauche, den Hals 
des Pferdes mit auf eine Schnur gereihten Broten zu bekränzen, den 
Schluss gezogen, das Opfer sei ob frugum eventum geschehen '(Paul. p. 220); 
aber schon die Entsprechung mit den mitten in die Kriegsfeste des März 
fallenden Equirria schliesst diese Erklärung aus, zumal eine andre viel 
näher liegt: das Streitross {equus bellator) ist dem Kriegsgotte heilig und 
wird darum erst ihm zu Ehren im Wettkampfe gezeigt und dann ihm 
geopfert. Ausserdem sind der reissende Wolf und der kriegerische Specht, >) 
sowie der Ackerstier (bos arcttor) Tiere des Mars, letzterer darum, weil 
er das Symbol der den Eroberungszug beschliessenden städtischen Nieder- 
lassung ist.') Wenn eine Gemeinde es für nötig hält, in schweren Zeit- 
läuften den ganzen Ertrag der Ernte eines Frühjahrs den Göttern^) zu 
weihen und die in diesem Frühjahr geborene junge Mannschaft, sobald sie 
herangewachsen ist, als ver sacrum aus der Gemeinschaft ausstösst, so ist 
es Mars, der diese Heimatlosen, die nun durch Kampf sich eine neue Exi- 
stenz gründen müssen, schützt und durch seine heiligen Tiere zu neuen 
Sitzen führt: so nannten sich die Hirpiner nach dem Wolfe (hirpus), die 
Picenter nach dem Specht und die Samniten tauften ihre Hauptstadt nach 
dem Stier, der ihnen vorangegangen war, Bovianum.^) Überall, wo Mars 
in alten Gebetsformeln erscheint oder wo in Weihinschriften der Anlass 
der Weihung genannt wird,^) handelt es sich um Kampf und Sieg, und 
auch die Deutung des bisher noch nicht in überzeugender Weise erklärten 
alten Beinamens Gradivus^) ist jedenfalls in dieser Richtung zu suchen. 
Dem Gotte des Kampfes und Sieges gründen daher auch römische Feld- 
herren dort, wo sie die Feinde geschlagen haben, ein Heiligtum, z. B. 
Q. Fabius Maximus zur Erinnerung an seinen Sieg über die Allobroger 
im J. 121 am Zusammenflusse von Rhodanus und Isara®) oder Augustus 
zum Andenken der Schlacht von Actium, und zwar dieser, da es ein See- 
sieg war, zugleich dem Mars und Neptunus (Suet. Aug. 18). 

Von grosser Bedeutung ist die Lage der ältesten Marsheiligtümer. 
Wenn das römische Staatsrecht streng scheidet zwischen der im städtischen 

') Fest p. 178. Flut. Q. R. 97. Polyb. 1 piter dargebracht (Liv. XXII 10, 3). 

XII 4»>. i ») Strabo V 240.250. Festp. 106. Paul. 

') Zeugnisse bei Schwsglbr, Rom. Gesch. i p. 212. 

I 415, 3. RoscHBR, Mythol. Lexik. II 2430 f. i *) z. B. CIL VI 474 (zusammen mit 

•) NissKN, Templum S. 131 ff. Daraus, 1281). XIV 2578. 
dass der Ackerstier dem Mars heilig ist, er- ^) Paul. p. 97. Serv. Aen. III 35. CIL 



klärt es sich, dass bei dem Gelübde pro 
hubu8 uti valeant (Cato de agric. 83) ausser 
Silvanus, dem Gotte der ailvatica pastio, auch 
Mars angerufen wird. 



in 6279. V 8236. VIII 2581. XIV 2580. 
2581. 

•) Strabo IV 185 (ytnig dvo, toV fiiy 
W^cwC} TOK (T 'B^xXäovi); vielleicht h&ngt 



*) Das r^ sacrum gilt keineswegs immer i damit der aus Inschriften bekannte flamen 
dem Mars; in dem einzigen aus historischer Mortis in Vienna (0. Hibschfbu), CIL XII 
Zeit bekannten Beispiele wird es dem Jup- p. 219) zusammen. 



A. Di indigetoB. 88. Mars. 183 

Weichbilde geltenden bürgerlichen Amtsgewalt und dem nur ausserhalb 
des Pomerium wirksamen imperium müitiae, >) so kann der Kriegsgott nur 
im letzteren Gebiete ansässig sein;^) ausserhalb des Pomerium liegt daher 
sowohl der alte Altar im Marsfelde, in dessen Nähe sich seit dem J. 616 == 138 
ein von D. Junius Brutus Callaicus gelobter und von einem griechischen 
Architekten ausgeführter Tempel des Gottes befand,^) als auch ein zweites 
hochberühmtes Heiligtum, der im J. 366 = 388 geweihte Marstempel vor 
dem römischen Südthore, der Porta Gapena;^) hier versammelt sich das 
Heer zu einem nach Süden gerichteten Feldzuge (Liv. VII 23, 3), und von 
hier aus nahm die alljährlich stattfindende grosse Ritterparade^ die Irans- 
vectio equitum, ihren Ausgang (Dion. Hai. VI 13). Es sind das die beiden 
einzigen römischen Eultstätten des Gottes geblieben, bis Augustus zum 
Danke für die Bestrafung der Mörder Caesars den Mars Ultor besonders 
zu feiern beschloss und demselben erst am 12. Mai des J. 734 = 20 einen 
kleinen Rundtempel auf dem Capitol, dann am 1. August 752 = 2 einen 
grossen Tempel weihte, der den Mittelpunkt des vom Kaiser erbauten 
Forums bildete^) und, durch ein eigenes Tempelstatut mit besonderen Vor- 
rechten ausgestattet, geradezu zum Rivalen des capitolinischen Tempels 
wurde.*) Das Heiligtum stand in engster Beziehung zu der offiziell an- 
erkannten Stammsage des julischen Hauses, denn das Tempelbild stellte 
mit Mars zusammen auch die Venus dar (Ovid. Trist. H 295), eine Ver- 
einigung, die uns in gleicher Weise auch im Pantheon begegnet (Cass. 
Dio LHI 27) und wenigstens in der Zeit des Plinius auch im Tempel bei 
der alten ara Martis zu sehen war, in welchem damals ein kolossaler 
sitzender Ares und eine nackte Aphrodite, beides Werke des Skopas, 
aufgestellt waren.'') Es waren also griechische Vorstellungen, die dem 
augusteischen Kulte zu Grunde lagen und die der Kaiser betonte, um den 
altrömischen Kriegsgott und Erzeuger der Stadtgründer mit der Stamm- 
mutter des neuen Fürstenhauses zusammenzubringen; das lag um so näher, 
als die griechische Paarung von Ares und Aphrodite den Römern schon seit 
dem Lectistemium von 537 = 217, wo zum erstenmale die Gleichsetzung der 
griechischen Zwölfgötter mit römischen Gottheiten erfolgte (s. oben S. 55), 
geläufig war.^) Nach griechischem Vorbilde haben weiterhin die römischen 
Dichter in frei erfundenen Erzählungen den Mars zu verschiedenen andern 
Gottheiten in Beziehung gesetzt. So gaben die rein zufälligen Umstände, 
dass einerseits auf das alte Marsfest des 1. März später der Stiftungstag 
des Tempels der Juno Lucina und das derselben Göttin geltende Fest der 



MoMMSKV, Staatsr. 1 59 f. 

«) Serv. Aen. 1 292. Vitruv. I 7, 1. 

') Becker, Topogr. S. 619. Aüst, De 



angeblichen Nachbildungen des Ares s. E. 
Petersen, Rom. Mitt. IV 330. 

*) Liy. XXII 10, 9. Diese hellenisierende 



aedibns sacris p. 27 Nr. 68. Auffassung des Gottes, die schon im J. 476 

^) 0. Richter, Handb. III 886. Aust = 278 durch eine nach griechischem Ritus 

a. O. p. 8 Nr. 11 und in Roschers Lexik, gehaltene supplicatio {a laureatis militibus 

II 2390 f. Anm. Yal. Max. I 8. 6) zum Ausdrucke kam, knfipfte 

*) JoRDAH, Top. I 2 S. 45 f. 442 ff. Momm- sich, wie es scheint, namentlich an den Kult 

SEIT, Res gestae D. Aug. p. 126. A. Cham- vor Porta Capena, denn unter den Prodigien, 

BALU. Philol. N. F. V 780 ff. die jenes Lectistemium veranlassen, ist das 

•) Cass. Dio LY 10. Suet. Aug. 29. Vgl. wichtigste, dass das Kultbild dieses Tempels 

oben 8. 70. I schwitzt (Liv. XXII 1, 12; vgl. 9, 9). 

PUn. n. h. XXXVI 26. üeber die , 



134 



Religion nnd Kulins der B5mer. TL, Götterlehre. 



Matronalia fiel, andererseits am 1. Juni sowohl der Marstempel vor Porta 
Capena, wie die Juno Moneta auf der Burg ihren Stiftungstag begingen, 
Anlass zu der Annahme eines engeren Verhältnisses zwischen Juno und 
Mars, entsprechend dem zwischen Hera und ihrem Sohne Ares, und so 
entstand nach dem Vorbilde der griechischen Sage von der ungeschlecht* 
liehen Empfängnis des Hephaistos die Erzählung, dass Juno durch den 
Duft einer Blume geschwängert den Mars geboren habe.^ Auch mit der 
alten Jahresgöttin Anna Perenna hat man (vgl. Ovid. fast. III 675 ff.) ihm 
allerlei, zum Teil burleske Beziehungen aus keinem anderen Grunde an- 
gedichtet, als weil ihr Fest auf den 15. März, also mitten in die Mars- 
feiern dieses Monats, fiel und man aus dem zeitlichen Zusammenfall einen 
inneren Zusammenhang erschloss. Ein Jahresgott ist Mars darum eben- 
sowenig wie aus dem Grunde, dass man den für die Eaiserzeit bezeugten') 
volkstümlichen Brauch des , Winteraustreibens^ am 15. März, bei dem ein 
in Felle gehüllter Mann mit Stöcken geschlagen wurde, zusammenbrachte 
mit dem angeblichen Verfertiger der ancilia, dessen Namen Mamurius 
Veturius man aus den unverständlich gewordenen Worten des Salierge- 
sanges herauslesen zu können meinte.') 

In alter Kultverbindung steht dagegen Mars mit Nerio, deren Name 
in den pontificalen Gebetsformeln mit dem seinigen verbunden war : Dichter 
und Prosaiker des 2. Jahrhunderts v. Chr. machten daraus eine Gattin 
des Mars (Gell. XIII 23), und die von griechischen Vorstellungen ausgehende 
Deutung der Folgezeit sah darum in ihr nur eine andere Bezeichnung sei 
es der Bellona (Aug. c. d. VI 10) oder Minerva,*) sei es der Venus (Lyd. 
de mens. IV 42); Ovid wusste dann zu erzählen, wie diese Nerio-Minerva 
sich dem Liebesverlangen des Gottes entzogen habe, und Spätere gedenken 
auf Grund der ovidischen Erzählung seiner vergeblichen Angriffe.^) Sicher 
steht nur, dass Nerio, deren Name von demselben allgemeinitalischen 
Stamme gebildet ist wie Nero, ungefähr mit Virtus gleichbedeutend ist. 

Völlig dunkel bleiben einige andere Angehörige des um Mars sich 
scharenden Götterkreises; in den iguvinischen Tafeln werden bei der Lu- 
stration neben Cerfus Martius auch Praestita Cerfia Cerfi Martii 
und Tursa Cerfia Cerfi Martii angerufen,^^) und zwei stadtrömische 
Inschriften aus republikanischer Zeit gelten einem Numisius Martins;^) 



Ovid. f. V 229 ff. Paul. p. 97. Eine 
griechische Vorstellung liegt jedenfalls auch 
der Zeichnung einer von A. Michaelis^ An- 
nali d. Inst. 1873, 221 ff. besprochenen prae- 
nestinischen Ciste zu Grunde; vgl. den Deu- 
tungsversuch von F. Marx, Arch. Zeit. XLIII 
1885 S. 169 ff. 

') Ovid erwähnt ihn nicht. Dagegen 
heisst der Tag in dem Kalender des Philo- 
calus Mamuralia und Lyd. de mens. lY 36 
beschreibt den Brauch, auf den sich viel- 
leicht auch Minuc. Fei. 24, 3 und Serv. Aen. 
VII 188 beziehen. Erwähnungen eines 8<t- 
erum Mamurio (Menol. rust.), einer statua 
Mamuri (Curios. u. Notit. reg. VI, vgl. Hül- 
BXN, Rhein. Mus. XLIX 417 f.) und eines 



tetnplum Mamurri (Lib. poutif.) gehören erst 
später Zeit an. 

») Plut. Numa 13. Ovid. f. III 389 f. 
Paul. p. 131 u. a. 

*) Wenn bei Liv. XLV 33, 2 Mars, Mi- 
nerva und Lua mater unter den Gottheiten 
genannt werden, denen man die erbeuteten 
feindlichen Waffen verbrennt, so ist Minerva 
wahrscheinlich fttr Nerio eingetreten. 

*) Ovid. f. m 681 ff. Mart. Cap. I 4. 
Porph. zu Hör. ep. II 2, 209; auf letztere 
Stelle gründen Rbiffebsoheid (Annali d. Inst. 
1867, 359) und Usknbb weitgehende Ver- 
mutungen. 

*) BuBCHBLBB, Umbrica p. 98. 

^) Bull. arch. com. XX 1892, 76, wodurch 



A. Di indigeteB. 28. Mars. 



135 



die Pontificalschriften endlich erwähnten eine — vielleicht auch bei Ennius 
genannte — Here Martea^) und als dienende Gottheiten (anculi) dieses 
Kreises die Moles Martis (Gell. Xin 23, 2), welche uns noch im augu- 
steischen Festverzeichnisse von Cumae mit einer zur Erinnerung an die 
Dedication der Kapelle des Mars ültor auf dem Capitol (12. Mai) ange- 
setzten SuppliccUio Molibus Martis begegnen.^) 

Hierher müssten auch die Götter der zitternden Angst und des 
blassen Schreckens, Pavor und Pallor, gehören, denen nach der Er- 
zählung des Livius (I 27, 7) König Tullus Hostilius im Kampfe mit den 
Albanern Heiligtümer {fana) in Rom gelobte; ob diese aber wirklich exi- 
stiert haben, ist bei dem Mangel eines jeden anderen Zeugnisses und 
gegenüber der Thatsache, dass der Parallelbericht des Dionys von Hali- 
karnass (IH 32, 4) ihrer nicht gedenkt, immerhin zweifelhaft.') 

Zum Kreise des Mars, wenn auch als jüngere Gestalten, darf man 
mit grosser Wahrscheinlichkeit auch das engverbundene Paar^) Honos 
unä Virtus rechnen: denn dass beide Eigenschaften ganz speziell im 
soldatischen Sinne aufgefasst wurden, zeigen noch die Soldateninschriften 
der Kaiserzeit, ^) und auf ein enges Verhältnis zu Mars lässt die Thatsache 
schliessen, dass der angesehenste Tempel von Honos und Virtus vor der 
Porta Capena in unmittelbarer Nähe des dortigen Marstempels gelegen 
war, so dass uns die Gewährsmänner als Ausgangspunkt für die dort be- 
ginnende Ritterparade bald den Tempel des Mars (Dion. Hai. ant. VI 13) 
bald den des Honos (Vict. v. ill. 32, 3) angeben. Letzteres Heiligtum war 
als Tempel des Honos von Q. Fabius Maximus Verrucosus 521 = 233 im 
Kampfe mit den Ligurern gelobt und nachher geweiht worden, M. Claudius 
Marcellus stellte es wieder her und wollte es auf Grund eines in der 
Schlacht bei Glastidium gethanen, nach der Eroberung von Syrakus er- 
neuerten Gelübdes zu einem gemeinsamen Tempel von Honos und Virtus 
umändern ; als dies Vorhaben bei den Pontifices Bedenken erregte , fand 
er den Ausweg, einen eigenen Tempel der Virtus hinzuzufügen, den sein 
Sohn im J. 549 = 205 dedicierte:^) dies Doppelheiligtum wird wegen der 



die Ergftnzang von CIL VI 476 gesichert ist; 
vgl. auch Marti sive Numiterno (dazu Tert. 
ad nat. II 8) CIL X 5046. 

^) Paul. p. 100 und Wissowa in Roschers 
Lexik. 1 2298. 

*j CIL X 8375; vgl. Mommsbn, Hermes 
XVII 637. 

') Alle vorliegenden Erwähnungen der 
Gottheiten stammen direkt oder indirekt aus 
Livius, nicht nur Minua Fei. 25, 8 = Cypr. 
qu. idol. dei n. s. 4. Tert. adv. Marc. I 18. 
Lact. I 20, 11. August, c. d. IV 23 (und 
Seneca ebd.); de cons. evang. I 18; epist. 
17, 2; in psalm. CIV 11. Mart. Cap. 1 55, 
sondern auch Serv. Aen. VIII 285, der durch 
falsche Verbindung der Worte des Livius 
{duodecim vavit Saltos fanaque Pallori ac 
Pavori) zu der missverständlichen Annahme 
von SalH Pavorii und PaUx>rii kommt; B. 
Maubbnbrichbr, Jahrb. f. Philol Suppl. XXI 
316 ff. richtet arge Confusion an, indem er 



die Worte des Servius als solche des Varro 
(angeblich de 1. 1. VI 14, wo nichts der Art 
steht) citiert und dann natürlich findet, dass 
Servius den Varro wOrtlich ausgeschrieben 
habe. Die lange allgemein verbreitete An- 
sicht, dass die auf den Denaren des L. Ho- 
stilius Sasema (Babblon, Monn. cons. I 552 f.) 
dargestellten Köpfe mit wirrem Haar auf 
Pavor und Pallor zu beziehen seien, ist von 
W. Fröhnbb, Philol. Suppl V 84 und R. Mo- 
WAT, Rev. numism. 3. s4r. IX 1891, 279 ff. 
endgiltig widerlegt worden. 

^) Vgl. Symm. ep. I 21. August, c. d. 
V 12. 

*) V. DoMASZBWSKi, Wostd. Zeitschr. XFV 
40 ff.; sonstige Weihungen an Honos und 
Virtus gemeinsam CIL VIII 6951. XI 2910 f. 

•) Cic. de nat. deor. II 61. Liv. XXVII 
25, 7. XXIX 11, 3. Val. Max. I 1, 8. Plut. 
Marc. 28. 



136 



Religion und Knltiis der Römer. II. Götterlehre. 



reichen Kunstscbätze, mit denen es namentlich aus der sicilischen Beute 
ausgestattet war, oft erwähnt, ^ und noch Vespasian unterzog es einer 
Renovation und liess es durch angesehene Künstler ausmalen (Plin. n. h. 
XXXV 120); wenn daher Cass. Dio LIV 18, 2 berichtet, dass Augustus im 
J. 737 = 17 das Fest des Honos und der Yirtus auf den noch zu des 
Erzählers Zeit geltenden Termin verlegt habe, so bezieht sich diese An- 
gabe gewiss auf den Festtag dieses angesehensten Tempels des Götter- 
paares, und zwar war dieser, wie Mommsen (CIL P p. 319) einleuchtend 
vermutet, der Tag der von ihm ausgehenden transvectio equüum. Einen 
zweiten Tempel beider Gottheiten erbaute C. Marius de manubiis dmbricis 
et Teutonicis*) auf einer der Anhöhen Roms, aber unterhalb des Gipfels 
(Fest. p. 344); er war ein Werk des Architekten C. Mucius und wird 
wegen seiner harmonischen Verhältnisse von Vitruv (III 2, 5. VII praef. 17) 
gerühmt. Dass auch Pompejus dem gleichen Paare Verehrung zollte, 
beweist der Umstand, dass er, wie der Venus Victrix und der Felicitas, 
auch Honos und Virtus auf der Höhe des von ihm erbauten steinernen 
Theaters Heiligtümer errichtete, die alle zusammen am 12. August ihr 
Jahresfest begingen (CIL P p. 324). Daneben gab es noch ein Einzel- 
heiligtum des Honos vor Porta CoUina, erbaut, weil man dort zufallig ein 
Blechplättchen mit der Aufschrift Honoris gefunden hatte,^) und einen 
vom jüngeren Scipio nach der Einnahme von Numantia errichteten Altar 
der Virtus (Plut. de fort. Rom. 5). Auf Münzen der ausgehenden Republik 
begegnen uns die Köpfe von Honos und Virtus bald vereint, bald ge- 
trennt, ersterer lockig und bekränzt, letzterer behelmt,^) in der Kaiserzeit 
findet sich Honos allein auf Münzen der älteren Zeit von Galba bis Marc 
Aurel, Virtus noch etwas länger, beide zusammen auf Münzen des Galba: 
die Darstellungsform ist im wesentlichen immer die gleiche, Honos wird 
gebildet als halbbekleideter Jüngling mit Speer und Füllhorn, Virtus mit 
Helm und Schwert, gestiefelt und im kurzen Gewände nach Art der Ama- 
zonen;') ausserdem weisen die Münzen der späteren Kaiserzeit noch sehr 
häufig Umschriften wie Virtus Augusti (auch mit Beifügung des Namens), 
Virtus Romanorum, Virtus exercitus, Virtus militum ohne Darstellung ihrer 
Gestalt auf. In der Dichtung spielt Virtus als Vertreterin mannhafter 
Tüchtigkeit eine erheblich grössere Rolle als Honos, ^) im Kulte jedoch 



^) Zeugnisse in Roschbrs Lexikon 1 2708; 
zeitweise (vor 565 = 189) wird die kleine 
bronzene aedictda Camenarum, angeblich eine 
Stiftung Nuraas, hier aufbewahrt, Serv. Aen. 
I 8; das Bild der Virtus stürzt um im J. 716 
= 38, Cass. Dio XLVHI 43, 4. 

«) CIL P p. 195 elog. XVIII = CIL XI 
1831; sonst wird der Tempel nur noch er- 
wähnt bei einer der für die Rückberufung 
Ciceros wichtigen Senatsverhandlungen, bald 
als templum Virtutis (Cic. Sest. 116), bald 
als monumentum Marti (Cic. Plane. 78; de 
div. I 59 = Val. Max. I 7, 5), vgl. Schol. 
Bob. p. 209. 305 Or., der aus Missverständnis 
der Stelle Sest. 116 von ludi Honoris atque 
Virtutis spricht, die es in Rom nie gegeben 
hat, wohl aber in Tarracina (CIL X 8260). 



*) Cic. de leg. II 58; in der Gegend ge- 
funden ist die archaische Inschrift CIL VI 
3692. 

^) Beide zusammen Babblon, Monn. cons. 
I 512; Honos allein ebd. I 469 f. II 148; 
Virtus allein ebd. I 213. 

») Vgl. RosoHKES Mythol. Lexik. I 2708 f. 
und s. über sonstige Denkmäler E. Pitrgold, 
Archaeol. Bemerk, zu Claudian und Sidonius 
(1878) S. 26 ff.; Miscell. Capitolina (1879) 
S. 22 ff. F. WiBSELBR, Abhandl. d. Götting. 
Gesellsch. d. Wissensch. XXX 24 ff. M. Matbb, 
Aroh. Zeit. XLII 1884 S. 280. 

') Einiges bei R. Ekoblhabd, De per- 
sonificat. quae in poesi atque arte Roman, 
inveniuntur p. 18 f. 



A. Di indigetes. 23, Mani. 



137 



scheint dieser voran gestanden zu haben ; >) die Arvalen wenigstens opfern 
nie der Virtus, aber einmal (im J. 66 wegen der Entdeckung der pisoni- 
schen Verschwörung, CIL VI 2044 I 5) dem Bonos, und zwar auffälliger- 
weise eine Kuh, im Widerspruch mit der Vorschrift der römischen Sakral- 
ordnung, nach welcher das Geschlecht der Opfertiere dem der Gottheit ent- 
sprechen muss.^) Da der griechische Ritus diese Vorschrift nicht kennt, ^) so 
lässt sich diese Abweichung — an einen Fehler im Protokoll ist nicht zu 
denken — ^) nur unter der Voraussetzung verstehen, dass dem Honos graeco 
ritu geopfert wurde, und diese Annahme findet ihre direkte Bestätigung 
durch das Zeugnis des Plutarch (Qu. Rom. 13), dass man beim Opfer an 
Honos das Haupt unbedeckt liess, also ebenfalls dem griechischen Cere- 
moniell folgte. Da deutliche Anzeichen darauf hinweisen, dass im Mars- 
tempel vor der Porta Capena der griechische Ritus früh Eingang fand (s. oben 
S. 133 Anm. 8), so wird er von diesem auf den benachbarten und innerlich 
von ihm abhängigen Gottesdienst des Honos übertragen worden sein. 

In andrer Weise als Nerio steht neben Mars Bellona:^) nicht wie 
jene eine alte Kultgenossin des Gottes, stellt sie vielmehr in derselben 
Weise eine Verselbständigung der Haupteigenschaft und Hauptwirksamkeit 
des Mars dar, wie Fides gegenüber Juppiter. Wie diese hat sie sich in 
verhältnismässig kurzer Zeit zu eigner Persönlichkeit entwickelt; denn 
schon in der Devotionsformel des P. Decius Mus (Liv. VHI 9, 6) erscheint 
sie hinter der Trias Juppiter, Mars, Quirinus und vor den Lares (militares), 
und eine der aus der Zeit etwa des ersten punischen Krieges stammen- 
den schwarzen Trinkschalen mit Götterbildern trägt ihren Namen, wenn 
auch in entstellter Form.^') Ein eigner Tempel wurde ihr von Ap. Clau- 
dius Caecus im J. 458 = 296 in der Not des Kampfes gegen die ver- 
einigten Etrusker und Samniter gelobt und einige Jahre nachher am 
3. Juni eingeweiht ;0 er lag, wie es sich bei dem engen Zusammenhange 
der Gottheiten von selbst ergab, in unmittelbarer Nähe der alten ara 
Mariis zwischen dieser und dem (späteren) Circus Flaminius^) und wird 
sehr häufig erwähnt als Sitzungslokal des Senates bei solchen Verhand- 
lungen, die ausserhalb des Pomeriums stattfinden mussten, namentlich beim 
Empfang von Gesandten mit Rom nicht im Vertragsverhältnis stehender 



*) Aedes Honorus in Puteoli im J. 649 
= 105 CIL X 1781; colUgium Virtutia in 
Nepet CIL XI 3205; collegium Honoris et 
Virtutis in Narbo CIL XII 4371. 

•) Arnob. VII 19; vgl. Cic. de leg. II 29. 

») P. Stkkobl, Jahrb. f Pbilol. CXXXIJI 
1886 8. 324 fif. 

^) So Oldenbibo, De sacris fratr. Arval. 
p. 36 und dagegen C. Kbaüsb, De Roma- 
nonun hostiis quaestiones selectae (Marpurgi 
1894) p. 19 f. 

') In älterer Form natürlich Duelona^ 
8. CIL I 196, 2. Varro de 1. 1. V 73. VII 
49. Prise. III 497 K. 

«) Bdolai pocolom CIL I 44 mit Dar- 
stellnng eines scblangenharigen Frauenkopfes 
(s. die Abbildung bei Jobdan, Symb. ad bist. 
relig.Ital. alterae p. 14), d.h. der griechischen 



Enyo. 

') Liv. X 19, 17. Ovid. fast. VI 199 ff 
CIL I* p. 319 und p. 192 elog. X 10 (= CIL 
XI 1827). Plin. n. h. XXXV 12, wo ürlichs 
richtig gesehen hat, dass die Angabe, der 
Stifter des Tempels sei Ap. Claudius Cos. 
259 = 495 gewesen, auf Interpolation beruht. 

^) Dass die Ansetzung an der Westseite 
des Circus (so z. B. Eibfbbt-Hülsen) unzu- 
treffend ist und der Tempel viel weiter nach 
Norden an die ara Martis und die Villa 
publica hinaufzurücken ist, zeigt die Er- 
zählung von dem Blutbade, das Sulla im 
J. 672 = 82 in der Villa publica anrichten 
liess, während er im benachbarten Bellona- 
tempel Senat hielt (Cass. Dio frg. 105, 5 
Melb. Liv. per. 88. Sen. de dem. 1 12, 2 u. a.). 



138 



Religion nnd KultiiB der Römer, ü. GOtterlehre. 



Staaten und bei Beratungen über die Bewilligung von Triumphen.*) Vor 
dem Tempel stand die columna bellica, an welche sich eine Ceremonie 
des ins fetiale knüpfte: seit man die Kriege mit ausseritalischen Gegnern 
führte und es nicht mehr thunlich war, wie der alte Brauch es verlangte, 
durch Hineinwerfen einer hasta sanguinea praeusta aus dem römischen Ge- 
biete in das feindliche Land die Kriegserklärung zu vollziehen,*) ersetzte 
man das durch einen stellvertretenden Akt: ein beim Gircus Flaminius 
gelegenes Stück Land wurde durch Rechtsfiktion (angeblich zuerst bei der 
Kriegserklärung gegen Pyrrhus, indem- man einen kriegsgefangenen Sol- 
daten des Pyrrhus nötigte, es zu kaufen) zu Feindesland gemacht und in 
dieses von der als Grenzsäule gedachten columna bellica aus die Lanze ge- 
worfen,^) eine Ceremonie, die nicht nur Augustus, sondern auch Marc 
Aurel noch in Anwendung brachten.^) Sonst hat Bellona im Kulte selbst 
bei den Soldaten keine Bedeutung gehabt, da sie seit dem Ausgange der 
Republik durch die unter dem gleichen Namen in Rom verehrte kappa- 
dokische Göttin von Komana (s. unten § 56) völlig in den Hintergrund ge- 
drängt wurde; auf diese beziehen sich so gut wie ausschliesslich die 
erhaltenen Weihinschriften,^) und auch im mythologischen Apparate der 
Dichter bedeutet der Name nicht die altrömische Göttin, sondern entweder 
die Kappadokierin oder die griechische Enyo. 

Die sehr zahlreichen Weihinschriften und die Münzdarstellungen der 
Kaiserzeit, die noch einer Sichtung und eingehenderen Prüfung bedürfen, 
ergeben für die Auffassung des Gottes Mars nichts wesentlich Neues. Er 
erscheint durchweg als der Kriegsgott, meist als der siegreiche Vor- 
kämpfer ( Victor, Propugnator), auch als Bewahrer (Conservator) und Mehrer 
des Reiches (Propagator imperii) und schirmender Begleiter des Kaisers 
(Comes Augusti), oft auch als der durch die Gewalt der Waffen den Frieden 
schützende Gott {Pamfer). Am häufigsten sind die Zeugnisse seiner Ver- 
ehrung naturgemäss in den militärisch besetzten Grenzprovinzen, <^) und die 
Soldaten fremder Nationalität haben mit Vorliebe ihre einheimischen 
Götter, namentlich solche von hervorragender Bedeutung, wie den kel- 
tischen Toutates*) und den germanischen Tiu,®) unter diesem Namen an- 
gerufen.*) 

Litteratnr: W. H. Roscheb, Stadien zur vergleichenden Mythologie der Griechen 
und Römer. I. Apollon und Mars. Leipzig 1873; Mythol. Lexikon II 2385 ff. U. Useneb, 
Rhein. Museum XKX 182 ff. 



') Fest. p. 347; die Zeugnisse hei Momm- 
BEN, Staatsr. III 930, 5. 

*) Marqüabdt, Staatsverw. IN 422 und 
8. unten den Abschnitt über die Fetialen. 

»j Serv. Aen. IX 52. Ovid. fast. Vi 205 ff. 
Paul. p. 33. Placid. p. 14, 2 Deuerl. 

*) Cass. Dio L 4, 5. LXXI 33, 3. 

•) Nur in der Verbindung Virtuti Bei- 
lonae (CIL V 6507. Obelli 4983) möchte man 
geneigt sein, einen Nachklang der älteren 
Auffassung zu sehen (vgl. Plaut Amph. 42 f. 
Viriutem Victariam Martern Bellonam); aber 
die eine Inschrift (Orrlli 4983) scheint zu 
den Taurobolien zu gehören (Litteratur bei 
LiEBENAM, Vereinsw. S. 302 f.), und auf den 



orientalischen Kult gehen jedenfalls die Worte 
des Lact. I 21, 16 (sacra) Virtutis, quam ean- 
dem Bellonam vocant, in quibtM ipsi sacer- 
dotes non alieno sed «uo crtwre sacrificant. 

*) Ueber den Aufschwung des Mars- 
kultes im Heere seit der Mitte des 3. Jahrh. 
vgl. V. DoMASZBWSKi, Westd. Ztschr. XIV 
34 ff. 

») CIL III 5320. VII 84. 

^) Vgl. namentlich über Mars Thingsos 
(Eph. ep. VII 1040) W. Schebeb, Sitz.Ber. 
d. ßerl. Akad. 1884 S. 571 ff 

^) Sammlungen bei Roscheb, Mythol. 
Lexik. II 2397 ff. 



A. Di indigetea. S4. Qnirinna. 



189 



24. Qnirinus. Quirinus pater^) gehört zu der gi^ossen Zahl der- 
jenigen Gottheiten, welche, obwohl in der ältesten Zeit von hoher Be- 
deutung, später derart verschollen sind, dass wir zu einer klaren Vor- 
stellung von ihrem Wesen und ihrer Bedeutung nicht mehr gelangen 
können: die Nachrichten über Form und Inhalt seines Kultes sind überaus 
spärlich, und was die alten Schriftsteller über den Gott berichten, ist 
fast ausnahmslos ohne Wert, weil es auf überwiegend ganz willkürlichen 
Kombinationen beruht und ausserdem meistenteils die nachweislich spät 
vorgenommene Identifikation des Quirinus mit dem vergötterten Romulus 
zur Voraussetzung hat. Der Name, über dessen Herleitung in alter und 
neuer Zeit viel gestritten worden ist,') ist der Bildung nach sicher ad- 
jektivisch, mithin von Haus aus nicht Eigenname, sondern Attiibut einer 
Gottheit und in dieser Geltung bei Janus (s. oben S. 96) und Juppiter 
(CIL IX 3303) nachweisbar. Die Vermutung, dass auch Mars ursprüng- 
lich diesen Beinamen führte und somit der Gott Quirinus eine selb- 
ständig gewordene Seite des römischen Kriegsgottes darstellt,') findet 
ihre Bestätigung sowohl in dem Umstände, dass einmal von den Waffen 
des Quirinus die Rede ist,^) als auch darin, dass ihm die agonensischen 
Salier in ganz derselben Weise dienen, wie die palatinischen dem Mars:^) 
auch hat sich in der Gegend des alten Quirinustempels neben einer diesem 
Gotte geweihten archaischen Inschrift (CIL VI 565) eine zweite an Mars 
gerichtete gefunden (CIL VI 475, vgl. Mommsbn, CIL V p. 22). Nach einer 
Nachricht^) trat in Quirinus mehr die friedliche Seite des Kriegsgottes 
hervor, so dass er sozusagen ein Gott des bewaffneten Friedens, der auch 
im Frieden stets kampfbereiten Bürgerschaft gewesen wäre, und diese 
Überlieferung passt sehr wohl zu dem Namen, da bekanntlich Quirites 
in derselben Weise im Gegensatze zu milites gebraucht wird. 

' Ist somit in der alten Göttertrias Juppiter, Mars, Quirinus der letzt- 
genannte nur eine von der zweiten Gottheit gewissermassen abgespaltete 



*) Enn. aon. frg. 71 B. Lucil. frg. 8 B. 
Verg. Aen. VI 859. Liv. V 52, 7. 

') Die Alten leiten ihn entweder von 
Cures ab (Ovid. f. II 480, vgl. Varro de 1. 1. 
y 51. Fest. p. 185. 254) oder von angeb- 
lich sabinischem quiris = Lanze (Ovid. f. II 
478 f. Plut. Rom. 29. Serv. Aen. I 292); 
letztere Etymologie, die auch bei den Neueren 
vielfach Beifall gefunden hat (Bcbsu, Die 
Gutturalen und ihre Verbindung mit v im 
Lateinischen, Berlin 1885 S. 118 f., s. aber 
auch MoHMSXN, Staatsr. III 5, 2) bietet nicht 
nur lautliche, sondern auch sachliche Schwie- 
rigkeiten, da ein ,speerschwingender* Janus 
unerhört sein wfirde. Am meisten hat es 
für sich, mit Nibbuhr (Rdm. Gesch. 1 321) 
Quirites und Quirinus von einem alten Orts- 
namen *Quiriufn abzuleiten, wie Samnites 
und Latinus von Samnium und Latium. Vgl. 
auch Bist, De Romae urbis nomine (Mar- 
burg 1887) p. XIV f. 

*) Dion. Hai. II 48. Plut. Rom. 29 u. a. 
Vgl. MoMMSXN, Rom. Gesch. I 51. 161. 



*) Fest. p. 217: persiUum ... rudus- 
culum picatum, ex quo unguine fiamen Por- 
tunalis arma Quirini unguit. Auf Denaren 
des N. Fabius Pictor (Babbloh, Monn. cons. 
I 484) sieht man allerdings in der Dar- 
stellimg eines behelmten, mit Speer und 
Schild ausgerüsteten Mannes mit der Bei- 
schrift QVIRIN seit Eckhel meist mit Recht 
nicht den Gott Quirinus (so Elüeomann, 
Ztschr. f. Numism. VII 65), sondern den Fla- 
men Quirinalis Q. Fabius Pictor; aber die 
an dem Priester auffallende Bewaffnung wird 
wohl von seinem Gotte auf ihn übertragen 
sein. 

^) Mabquabdt, Staatsverw. III 429. 

•) Serv. Aen. I 292. VI 860: Quirinus 
autem est Mars, qui probest paci et intra 
civitatem colitur, nam belli Mars extra civi- 
tatem templum habet. Birt a. 0. p. XVI ver- 
weist auch auf Claudian. de IV cons. Hon. 8: 
positisque parumper belhrum signis sequitur 
vexilla Quirini. 



140 



Religion nnd KnltiiB der BOmer. II, GOtterlehre. 



Person, so erklärt es sich, dass sein Priester unter den drei grossen Fla- 
mines den niedrigsten Rang einnahm. Doch muss die Abspaltung bereits 
in vorhistorischer Zeit erfolgt sein, da Quirinus in den ältesten sakralen 
Urkunden schon als selbständiger Gott erscheint. Wenn Varro die Ein- 
führung seines Kultes dem Könige T. Tatius zuschrieb und Quirinus zu 
den ursprünglich sabinischen Göttern rechnete, die dieser König in Rom 
heimisch gemacht haben sollte, >) so stützte sich das nur darauf, dass der 
Kult des Gottes auf dem Collis Quirinalis lokalisiert war und Varro die 
auf diesem Hügel angesiedelte Sondergemeinde für eine sabinische er- 
klärte.') Das uralte Heiligtum des Gottes lag auf diesem Hügel nahe 
der Porta Quirinalis; an seine Stelle trat im J. 461 = 293 durch L. Pa- 
pirius Cursor ein hervorragender Tempel, welcher später, als er im J. 705 
= 49 niedergebrannt war, von Augustus mit besonderer Pracht wieder- 
hergestellt wurde; bei der Einweihung dieses Neubaues im J. 738 = 16 
wurde der bisher am 29. Juni begangene Stiftungstag auf den 17. Februar 
verlegt.') Dies ist zugleich der alte Festtag des Gottes, von dessen Feier 
wir leider garnichts wissen, da die Erklärer des Festkalenders zu diesem 
Tage nur von dem zuföUig auf ihn fallenden Schlussakte der Fornacalia, 
den sogenannten stultorum feriae (s. unten S. 142) zu berichten wissen, die 
an sich mit Quirinus nichts zu thun haben. ^) Auch was uns von den Ob- 
liegenheiten des Flamen Quirinalis bekannt ist, gibt uns über das Wesen des 
Gottes keinen Aufschluss: denn wenn wir ihn an Kulthandlungen im Dienste 
andrer Gottheiten, der Larenta (Gell. VH 7, 7), des Robigus (Ovid. fa«t. 
IV 910), des Consus (Tertull. de spect. 5), beteiligt finden und an ihm ge- 
wisse Beziehungen zum Vestakulte zu bemerken glauben,*) so dürfen wir 
daraus kaum auf eine innere Verwandtschaft dieser Gottheiten unter 
einander schliessen, sondern es gewinnt den Anschein, als sei der im 
eigenen Dienste wenig beschäftigte Priester aushilfsweise auch für die 
Verehrung anderer Gottheiten, die keinen besonderen Priester hatten, 
herangezogen worden. Weihinschriften fehlen ausser der oben erwähnten 
vollständig, •) dass man bei ihm mit dem Ausdrucke equirine schwur, wissen 
wir aus einem vereinzelten Zeugnisse (Paul. p. 81). Von Interesse ist eine 
Notiz des Arvalkalenders zum 23. August (CIL P p. 326), wonach an diesem 
Tage, den Volcanalia, einer Reihe von Gottheiten behufs Abwendung von 
Feuersgefahr ein wahrscheinlich von Augustus angeordnetes Opfer dar- 
gebracht wurde, und zwar ausser Volcanus den Nymphen, (der Juturna?), 
der Ops Opifera und dem Quirinus;^) wie Quirinus in diese Gesellschaft 
kommt, vermögen wir allerdings nicht mehr zu ermitteln. 



*) Varro de 1. 1. V 74 (vgl. denselben 
bei Dion. Ual. 11 48, wo Quirinus in der 
Stammsage von Cures als Vater des Stadt- 
gründers Modius Fabidius erscheint). Dion. 
Hai. II 50. Ambrosch, Studien u. Andeu- 
tungen S. 169 f. 

^) S. dagegen Momhsen, Rom. Gesch. 
I 53. 

») Lanoiani, Bull. arch. com. XVII (1889) 
S. 386 ff. 379 ff. WissoWA, Hermes XXVI 
137 ff.; Analecta Romana topographica (Halis 
1897) p. 13 ff 



*) Varro de 1. 1. VI 13. Fest. p. 254. 
Ovid. f. II 475 ff. Plut. Q. R. 89 Haltlose 
Combinationen bei Gilbert, Topogr. II 132 f. 

*) Mabquabdt, Staatsverw. 111 336, 2. 

*) Die Schlüsse, die M. Büdivgeb, Jahrb. 
f. Philol. LXXV 1857 S. 198 ff. aus der Le- 
gende vom hlg. Quirinus auf Bedeutung und 
Fortdauer des Quirinuskultes bis ins späteste 
Altertum zieht, sind nicht zwingend. 

^) Jordan, Eph epigr. I p. 229. Aust, 
De aedibus sacris p. 41. Wissowa, De feriis 
anni Rom. p. VII; Hermes XXVI 141, 1. 



A. Di.lndigetea. 26. Vesta« 



141 



Seit dem letzten Jahrhundert der Republik^) kommt, wir wissen 
nicht durch wen, die Meinung zur allgemeinen Geltung, dass Quirinus 
nichts anderes sei als der zum Gotte erhobene Stadtgründer Romulus, 
dessen Kult durch Numa eingesetzt worden sei;^) Caesar und Augustus, 
von denen der erstere eine Statue im Quirinustempel erhielt,') der zweite 
selbst als Quirinus gefeiert wurde,^) scheinen diese neue Version beson- 
ders begünstigt zu haben, ^) und seitdem kommt der Name in der Litteratur 
kaum anders vor als in Anwendung auf Romulus.^) 

Diese Umgestaltung hat sich auch auf eine mit Quirinus verbundene 
Gottheit erstreckt. In alten Gebetsformeln wurde neben ihm eine Hora 
Quirini genannt, von der ausser dem Namen nichts bekannt war;^) als 
man Romulus mit Quirinus identifizierte, setzte man auch des ersteren 
Gemahlin Hersilia^) mit Hora gleich, und Ovid erzählt, wie die nach der 
Entrückung ihres Gemahles trostlose Hersilia von Juno auf den Quirinal 
beschieden wird und von da in den Himmel gelangt, wo sie als Hora 
neben ihrem zum Gotte Quirinus erhobenen Gemahle verehrt wird.^) Unter- 
geordnete Gottheiten dieses Kreises sind dieVirites Quirini, von denen 
wir nichts als den Namen aus jenen nämlichen alten Gebetsformeln (Gell. 
Xin 23, 2) kennen, ohne ihr Wesen genauer bestimmen zu können; denn 
mit den Vires oder Virae,*®) die uns namentlich in Oberitalien in Gesell- 
schaft der Nymphen begegnen, haben sie ganz gewiss nichts zu thun. 

25. Yesta. Vesta mater, das einzige weibliche Mitglied des Kreises 
der obersten Götter der alten Rangordnung, steht in naher Beziehung zu 
Janas pater, und dieses Paar, dessen Kult von späteren Veränderungen 
weniger betroffen worden ist, als die meisten andern Gottesdienste, ver- 
körperte dem Römer der Folgezeit so recht die Religion der Altvorderen:") 
auf den Zusammenhang beider weisen sowohl alte, halbverschollene rituelle 
Beziehungen der vestalischen Jungfrauen zum Rex sacrorum, dem Priester 
des Janus, hin,'«) wie namentlich die bereits erwähnte (S. 91) Vorschrift 



') Das älteste Zeugnis ist vielleicht der 
Quirinoskopf auf Denaren des G. Memmius 
(etwa 694 = 60, Babblon, Monn. cons. II 
218), falls MoMXSBKS Vermutung (Manzw. 
S. 642) richtig ist, dass die Memmier als 
angeblich troische Famihe ihren Stammbaum 
bis auf Romulus-Quirinus zurückführten. Bei 
Cicero de offic. Ill 41 (peecavit igitur, pace veJ 
Quirini vel Romuli dixerim) zeigt der Wortlaut, 
dass die Identifikation noch ziemlich neu ist. 

») Ovid. met. XIV 805 ff.; fast. II 475 ff. 
Dien. Hai. II 63. Flut. Rom. 29; Num. 7. 
Plin. n. h. XV 120. Serv. Aen. I 292. 

») Cass. Dio XLIII 45; vgl. Cic. ad Att. 
XII 45, 3. XIII 28, 3. 

<) Verg. Georg. III 27; vgl. Serv. Georg, 
m 27; Aen. I 292. 

*) Dieselbe hat daher auch in das pom- 
pejaniscbe Elogium des Romulus (CIL X 
o09) Aufnahme gefunden: receptu8que in 
deorum numerum Quirinus appelJatus est, 

>) Vgl. auch die eigentümliche Wendung 
geminos . . Quirinos (Juven. 11, 105) für Ro- 
mulus und Remus. 



') Gell. Xlll 23, 2. Enn. ann. frg. 71 B.; 
Flut. Q. R. 46 verwechselt mit ihr eine sonst 
unbekannte Göttin Herta, deren Tempel nach 
seiner Angabe stets geöffnet war. 

■) üeber diese vgl. Flut. Rom. 14. Liv. 
I 11, 2. 

») Ovid. met. XfV 829 ff.; vgl. Wis- 
sowA, Fhilol. Abhandl. M. Hertz dargebracht 
S. 167. 

»») Fest. p. 261. Nymphis et Viribus 
Äugustis CIL XI 1162; Lgmfis Viribus CIL 
5648 (Gbutkb 1011, 1 Dianae Victrici et 
Viribus ist unecht = CIL VI 3200*); TtV»- 
bus allein CIL VI 797 (mit JagdrelieO- V 
1964. 4285 (neben Neptun). 8247. 8248; beim 
Taurobolium CIL V 6961 f. Vi divinai CIL 
V 837. üeber die Virgines divae der Arval- 
akten (s. auch CIL XII 1838) vgl. Hbbzbn, 
Acta fr. Arv. p. 145. 

»») Vgl. z. B. Juven. 6, 386: et farre et 
vino lanum Vestamque rogabat. 

»*) Serv. Aen. X 228: virgines Vestaies 
certa die ibant ad regem sacrorum et dice- 
bant: ,vigilasne rex? rigila*. 



142 



Religion und Knltna der Römer. EL. Götterlehre. 



der rdmischen Opferregel, wonach in den zur Anrufung gelangenden Götter- 
reihen überall Vesta an letzter, Janus an erster Stelle genannt werden 
musste. Während uns aber Janus nur auf römischem Gebiete begeg* 
nete, sind sowohl der Name wie die Grundanschauungen des Vestakultes 
den Italikem mit den Griechen gemeinsam, und wir müssen annehmen, 
dass schon in der Zeit vor der Trennung beider Völker diese Göttin bei 
ihnen Verehrung fand. Demnach muss der Kult auch Gemeingut aller 
italischen Stämme gewesen sein: doch finden sich ausserhalb Latiums nir- 
gends mehr sichere Spuren desselben, und man wird annehmen dürfen, 
dass erst auf latinischem Boden ^) und speziell in Rom diejenigen Anschau- 
ungen zur Ausgestaltung gelangten, die dem Vestakulte eine so hervor- 
ragende Bedeutung in der privaten und öffentlichen Gottesverehrung 
sicherten. Name und Ritual der Göttin lassen daran keinen Zweifel auf- 
kommen, dass sie die göttliche Verkörperung des Herdfeuers ist:*) am 
Herde, gewissermassen im Herzen des Hauses, waltet die Hausfrau, und 
sie ist es, welcher naturgemäss die Pflege des Kultes der Herdgöttin zu- 
föllt: Cato (de agric. 143) zählt unter den Obliegenheiten der vüica auch 
die auf focum purum circumversum coiidie^ priusquam cubitum eat, habeatf 
und in dieser Fürsorge für die Reinheit des Herdes, welche die Grund- 
lage für die Verehrung der Vesta bildet, ist die vüica natürlich nur die 
Stellvertreterin der Hausfrau. Als Göttin des Herdes, auf dem die Nah- 
rung für die Hausgenossen zubereitet wird, hat Vesta auch die Aufsicht 
über die gesamte Herstellung der Nahrungsmittel, und darum ist sie auch 
bei der ländlichen Darbringung eines Imbisses {daps) an Juppiter Dapalis 
(Cato de agric. 132; s. oben S. 105) beteiligt. Ausser dem Herde ist ihr 
auch das pistrinum mit der Mühle und dem die Mühle drehenden Esel 
heilig,*) und das Staatsfest der Göttin, die Vestalia am 9. Juni, wird nicht 
nur von den Hausfrauen mit Speiseopfern begangen, sondern ist auch ein 
besonderer Festtag der Bäcker und Müller.^) Ein Fest von verwandter 
Art waren die im Februar auf Ansage des Curio maximus als Staatsfest 
pro curiis gefeierten Fornacalia, die in den einzelnen Gurien an verschie- 
denen Tagen begangen wurden und schliesslich in den — mit den Quiri- 
nalia zusammenfallenden — stultorum feriae am 17. Februar ihren Abschluss 
fanden, an welchem Tage alle diejenigen opfern' konnten, die aus Nach- 
lässigkeit oder Unkenntnis ihrer Curienzugehörigkeit das eigentliche Opfer 
versäumt hatten.^) Eine Göttin Fornax hat erst der übel angebrachte 
Scharfsinn späterer Zeit daraus erschlossen,^) in der That galt die Feier 
den fornaces, den Dörröfen, in denen man den Spelt röstete, ehe man ihn 
stampfte,^) ein Verfahren, das später nach Einführung der Mühlen seine 
Bedeutung verlor; offenbar war es ein Fest der Genossenschaften, die einen 



') Vestakult und vestalische Jungfranen 
kennen wir in Lavinium (Serv. Aen. II 296. 
lil 12. Macr. S. III 4, 11), Alba (Juv. 4, 61. 
Ascon. p. 35. CIL VI 2172) und Tibur (CIL 
XIV 3677. 3679). 

«) Vgl. Verg. Georg. IV 384: ier liquido 
ardentem perfudit nectare Vestam, 

») WissowA, Annali d. Inst 1888 S. 160 ff.; 
vgl. JoRDAK, Der Tempel der Vesta und das 



Haus der Vestalinnen S. 18 f. 

*) Ovid. fast. VI 309 ff. 0. Jah», Ab- 
handl. d. sächs. Gesellscb. d. Wissensch. V 
314 f. 

*) Ovid. fast. II 513 ff. Varro de 1. L 
VI 13. Fest. p. 254. 317. Plut. Q. R. 89. 

«) Ovid. f. II 525. Lactant. I 20, 35. 

') Farris torrendi feriae Plin. n. h 
XVIII 8. Paul p. 83. 93. 



A. Di indigetes. 25. Vesta. 



143 



gemeinsamen Dörrofen benützten (analog den Gompitalia, Terminalia u. a.) 
und wurde so zum Gurienfeste; die Zeit der Feier ist dadurch gegeben, 
dass das Dörren der im Laufe des Winters ausgedroschenen Frucht im 
Februar beendet war. 

Die Vesta des Privathauses und der Einzelgenossenschaft tritt jedoch 
in unserer Überlieferung stark zurück gegen die Yesta publica populi 
Romani Quiritium. Die römische Anschauung, welche Gemeinde und 
Familie stets in Parallele setzt, findet ihren eigensten Ausdruck in der 
Errichtung eines Staatsherdes, an welchem in Vertretung der Hausfrau 
die sechs vestalischen Jungfrauen für die Unterhaltung des Feuers und 
die Bereitung der Nahrung sorgen, nur mit dem Unterschiede, dass die 
letztere nicht dazu bestimmt ist, von Menschen genossen zu werden, son- 
dern bei den Staatsopfern Verwendung findet. Zu diesem Behufe em- 
pfangen die Vestalinnen im Mai (7. — 14. Mai) die Speltähren der neuen 
Ernte, welche sie dörren, zerstampfen und mahlen, um aus diesem Mehl 
an drei bestimmten Tagen des Jahres (Lupercalia, Vestalia und Idus des 
September) durch Zusatz von Salz das Opferschrot {mola scdsa) zu bereiten 
(Serv. Ed. VIII 82); die aus gestossenem, gerösteten und in Wasser ge- 
lösten Salze bestehende Lake, die dabei zur Verwendung kam, führte den 
Namen muries (Paul. p. 159). Der noch jetzt in Resten erhaltene kleine 
Rundtempel der Vesta ist der älteste Tempel Roms und hat nie ein Bild 
der Göttin,^) sondern stets nur den heiligen Herd umschlossen, auf dem 
das immerwährende, an jedem 1. März (dem alten Neujahr) unter be- 
stimmtem Ceremoniell erneuerte Feuer der Göttin brannte.') Im Innern 
des Raumes befand sich ein mit Teppichen verhängtes Allerheiligstes, der 
penus Vestae, in dem die von den Vestalinnen bereiteten Opferingredien- 
zien und andre Opfervorräte aufbewahrt wurden und welches nach der 
Meinung vieler auch gewisse geheimnisvolle Symbole und Unterpfander 
der römischen Macht, wie namentlich das angeblich troische Palladium, 
bergen sollte.') Ein Wissen über diese Dinge war nicht möglich, denn 
Tempel und Penus durften nur von den Priesterinnen und ihrem Aufseher, 
dem Pontifex maximus, betreten werden;^) nur um die Zeit des Festes 
der Vestalia, in den Tagen vom 7.— 15. Juni, wo die grosse Reinigung 
des Tempels vorgenommen wurde, war den Frauen der Zutritt gestattet. 
Die Wegschaffung des Kehrichts aus dem Tempel geschah nach besonderen 
Vorschriften: es wurde am 15. Juni (der Tag war bis zum Abschlüsse 
dieses Aktes ein dies nefastus und ist daher im Kalender mit der Note 
Q{uando) ST{ercu8) Dielatum) F(as) bezeichnet) nach einem eigenen Auf- 
bewahrungsorte am capitolinischen Bergwege gebracht und von da, so 



') Das bezeugt Ovid. fast VI 296 ans- 
drficklich; die en^egenstebende Ueberliefe- 
rang (s. Jobdan, Tempel der Vesta S. 68) 
beweist hScbstens die Existenz eines Bildes 
vor oder neben dem Tempel. Ueber die 
Darstellungen der römischen Vesta auf Denk- 
mälern 8. WissowA, Annali d. Inst. 1883 
S. 160 f. Wenn S. Rbinach (Revue arch^ol. 
XXXI 1897 p. 313 ff.) auf einem gallischen 
Altar ein ganz eigenartiges Bild der Vesta, 



das er für das .altrömische" hält, nachweisen 
zu können glaubt, so beruht das auf der irr- 
tümlichen Voraussetzung, dass Ovid. fast. III 
45 f. eine Vestastatue beschreibe. 

») Ovid. fast. III 143 ff. Macr. S. I 12, 6. 

») Fest. p. 2.')0. Plut. Camill. 20. Dion. 
Hai. II 66; vgl. Marqüabdt, Staataverw. III 
250, 7. 

*) Dion. Hai. II 66. Hist. Aug. Elag. 6. 



144 



Religion und Knltos der Römer. II. GOtterlehre. 



oft das Behältnis voll war, in den Tiber abgeführt. Überhaupt herrscht 
im Kulte der Vesta allerwege ein uraltes, bis ins kleinste ausgebildetes 
Geremoniell: nur Quell wasser, nicht aus Leitungen entnommenes, darf in 
ihrem Dienste zur Verwendung kommen, und in älterer Zeit müssen die 
Vestalinnen selbst den täglichen Bedarf aus dem Quell der Egeria vor 
Porta Gapena holen ;^) die Erneuerung des infolge von Unachtsamkeit einer 
Vestalin erloschenen Feuers erfolgt in uralter Weise durch Reiben eines 
Holzstückes auf einer Tafel vom Holze einer arbor felix (Paul. p. 106); 
das Tempelgeschirr war von der einfachsten Art und — wenigstens teil- 
weise — ohne Hilfe der Töpferscheibe gearbeitet:^) so umgab den ganzen 
Kult der Nimbus hohen Alters und äusserster Ehrwürdigkeit, und auch 
auf die Priesterinnen der Göttin fiel ein starker Abglanz dieser Ehrfurcht. 
Als Herrin des Staatsherdes wird die Qöttin auch in besonderer Weise 
bei allen Fährnissen und Bedrängnissen des öffentlichen Lebens von Staats- 
wegen angerufen, und dem Gebete ihrer Priesterinnen wohnt der allge- 
meinen Überzeugung nach eine ausserge wohnliche Kraft inne.^) Der 
höchste Staatspriester, der Pontifex maximus, steht als rechtlicher Ver- 
treter und Vorgesetzter der Vestalinnen in nächster Beziehung zu diesem 
Kulte und wird darum vereinzelt geradezu als sacerdos Vestae bezeichnet i^) 
daher setzt der Festkalender von Cumae zur Erinnerung an den Tag, 
an welchem Augustus die Würde des Pontifex maximus übernahm (6. März 
742 = 12 V. Chr.), eine supplkatio Vestae dis publicis penatibus p. R. Q. 
an,<^) und der Kaiser gründet bei dieser Gelegenheit auf dem Palatino) 
in unmittelbarer Verbindung mit seinem Palaste ein neues Heiligtum der 
Vesta, dessen Stiftungsfest am 28. April begangen wird und dessen Tempel- 
bild (die sitzende Göttin trägt das troische Palladium auf der ausgestreckten 
Hand) uns häufig auf den Münzen der Kaiserzeit begegnet:^) so gewinnt 
der Herd des kaiserlichen Hauses und seine Göttin eine besonders hohe 
Bedeutung (s. oben S. 69). 

Im Privatkulte der späteren Zeit, wie ihn uns die Weihinschriften 
kennen lehren, spielt Vesta eine ganz untergeordnete Rolle, indem sie 
hinter den weiteren Begriff der Penaten zurücktritt; im Staatskulte aber 
ist ihre Stellung als Hauptvertreterin der altrömischen Religion bis zum 
Untergange des Heidentums unangetastet geblieben: das tritt namentlich 
darin hervor, dass, als unter Aurelian der neu eingeführte orientalische 
Sonnendienst einer neu geschaffenen geistlichen Behörde, den pontifices 
Solisj unterstellt wird, die alten Pontifen zum Unterschiede allmälig die 
Bezeichnung pontifices Vestae annehmen, die in ihrer nahen Beziehung zum 
Vestakulte begründet ist.^) 

Sehr früh verschollen ist eine Gottheit von anscheinend verwandter 
Natur, die Caca, welche in Rom eine Kapelle besass und wie Vesta 



Varro de 1. 1. VI 32. Fest. p. 344. 
Ovid. f. VI 713. 

*) Fest. p. 161. Plut. Numa 13; vgl. 
Tac. bist. IV 53. 

») Val. Max. IV 4, 11; vgl. Paul. p. 159. 

<) Cic. pro Font. 46. Hor. c. I 2, 26. 

») Ovid. fast. Ill 699. V 573. 



•) CIL X 8375. Ovid. fast. III 417. 

') Vgl. WissowA, Hermes XXI 144. Hül- 
sen, Rom. Mitt. X 1895 S. 28 flf. 

^) Stbvenson, Dictionaiy of Roman coins 
S. 854 f. 

*) P. Habbl, De pontificnm Romanoram 
condicioue publica (1888) p. 99. 



A. Di indigetes. 26. Di penatee. 



145 



durch ein immer brennendes Feuer verehrt wurde ;0 aetiologische Erfin- 
dung hat ihre Verehrung mit der Erzählung vom Kampfe des Hercules 
und Cacus zusammengebracht,*) in Wahrheit scheinen Cacus und Gaca 
ein altes Götterpaar darzustellen, das schon vor Fixierung des Kalenders 
zurücktrat und später gänzlich in Vergessenheit geriet.') 

Litteratnr: A. Pbsünbb, Hestda-Vesta. Ein Cyclas religionsgeschichtlioher For- 
Bchangen. Tübingen 1864. H. Jordan, Der Tempel der Vesta und das Haus der Vesta- 
linnen. Berlin 1886. 

26. Di penates. Da der Herd im Hause zugleich die Stelle des 
Altars vertrat, so bildete er die Verehrungsstätte nicht nur für die eigent- 
liche Herdgottheit Vesta, sondern auch für alle andern Hausgötter, d. h. 
Penaten, Laren und Genius. Entsprechend der Nachbarschaft von Herd 
(bezw. Küche) und Vorratskammer war die Verbindung von Vesta und 
den Penaten die engste, und die Frage, ob Vesta in die Penaten mit ein- 
begriffen oder nur ihre ständige Begleiterin sei, ein Gegenstand gelehrter 
Erörterung.*) Der Name penates^ der wie alle Bildungen auf -as {nostras, 
infemas u. s. w.) die lokale Zugehörigkeit ausdrückt, kennzeichnet sie als 
die im penus, in der Vorratskammer, wohnenden und waltenden Götter; 
er kommt ausschliesslich im Plural vor und heisst in offizieller Form und 
genauem Ausdrucke stets di penates, nicht schlechtweg Penates; das be- 
weist, dass wir es hier nicht wie bei den Lares (nicht di lares), Castores, 
Lymphae u. a. mit einem Eigennamen, der Bezeichnung bestimmter Götter- 
individuen, zu thun haben, sondern dass der Name ähnlich wie di indi- 
getes, di consentes, di agrestes u. a. eine Zusammenfassung verschiedner 
Gottheiten unter einem bestimmten Gesichtspunkte enthält. Es sind die- 
jenigen Gottheiten, die über den Vorrat, also den Wohlstand des Hauses 
wachen, mithin die eigentlichen Schutzgötter der Wirtschaft,'*) di fami- 
liäres.*) Unter dieser Vorstellung können in jedem Hause andre Zusam- 
menstellungen von Göttern verehrt werden, da an sich jeder Gott in den 
Kreis der Penaten dieser oder jener Familie eintreten kann. Lehrreich 
hierfür sind namentlich die Wandmalereien, welche sich zu Pompei in den 
Küchen vieler Häuser in unmittelbarer Nachbarschaft des Herdes ge- 
funden haben ; ') zwischen den beiden Laren und oft neben dem opfernden 
Genius begegnen uns Göttervereinigungen, deren Personal ein wechselndes 
ist, Vesta, Juppiter, Venus (die Stadtgöttin von Pompeji), Vulcan, Mercur, 
Fortuna u. a. treten in den verschiedensten Kombinationen, meist in 
Gruppen zu zwei, auf, und mit vollem Rechte hat man in ihnen die Penaten 
der betreffenden Häuser erkannt.®) Die Frage, ob Vesta neben den Pe- 



*) Serv. Aen. VIII 190: sacellum meruit, 
in quo ei pervigili igne siciU Vestae sacri- 
fieabatur; so die Lesung des cod. Floria- 
censis, wahrend die Vulgata bietet: in quo 
ei per virginea Veatae sacrifieahatur, 

*) Serv. a. a. 0. Lact. I 20, 36. 

*) WissowA in Roschers Lexik. I 842 
und s. unten § 41. 

*J Macr. S. III 4, IL Serv. Aen. II 296. 

^) Serv. Aen. II 514: penates sunt om- 
nes dei qui domi eoluntur; vgl. III 12. Cic. 
de nat deor. II 68. 

Eandbucb der Uubm. AltertumswineDschaft. V, 4. 



•) CIL IX 4776. Obblli 2118. 

^) Mit gleicher Bestimmung finden sich 
auch entsprechende Gröttergruppen alsBronce- 
figürchen innerhalb kleiner aediculae; z. B. 
ScHBBiBBR, Bilderatlas Taf. XVIII 6; vgl. 
Mabquardt-Mau, Privatl. I 240. 

•) Hblbig, Wandgem. d. v. Vesuv ver- 
schfltteten Städte Campaniens S. 19 ff. Nach- 
träge bei SoouANo, Pittnre murali Gampane 
Nr. 33 flF. Vgl. A. Db-Mabchi, U culto pri- 
vate I 79 ff. 



10 



146 



Religion und KnltOB der BOmer. IL GOtterlehre. 



naten oder als eine von ihnen verehrt wurde, findet durch diese Bilder 
im letzteren Sinne ihre Beantwortung, und es erklärt sich auf diese Weise, 
warum wir so selten von der häuslichen Verehrung der Yesta, um so 
häufiger aber von der der Penaten hören. ^) Der Kult dieser Penaten hielt 
sich streng innerhalb der Grenzen des einzelnen Hauses, nur haben in 
der Eaiserzeit die Penaten des Kaiserhauses auch öffentliche Verehrung 
genossen, und die Arvalbrüder opfern pro salute et reditu des Nero ante 
dotnum Domitianam dis penatibus vaccam.^) 

Natürlich ist anzunehmen, dass die Verehrung der Penaten ur- 
sprünglich eine bildlose war und man überhaupt mit dem Namen nicht 
die Vorstellung von bestimmten menschenähnlichen Wesen verband, sondern 
ähnlich wie bei den allgemeinen Anrufungsformeln (s. oben S. 33) mit 
der Zusammenfassung der Hausgötter unter einer derartigen generellen 
und dehnbaren Bezeichnung den Zweck verfolgte, ja keinem göttlichen 
Ansprüche zu nahe zu treten.') Noch deutlicher als im Hauskulte zeigt 
sich das in der Staatsreligion, die ebenso wie eine Vesta publica p. R. Q. 
auch Di penates publici p. R. Q. verehrt, und zwar ursprünglich jeden- 
falls zusammen mit Vesta am Staatsherde, da ja der Vestatempel sowohl 
diesen wie den penus des Staates umschliesst. Wie allgemein die Vor* 
Stellung ist, die sich mit dem Begriffe di penates verbindet, zeigt sich am 
klarsten darin, dass der Beamteneid der republikanischen Zeit — in der 
Eaiserzeit treten der Genius des regierenden Kaisers und die Divi impe- 
ratores hinzu — nur bei Juppiter und den di penates geschworen wird,*) 
was nur verständlich ist, wenn der letztgenannte Ausdruck sämtliche für 
Wohlstand und Wohlergehen der Gemeinde verantwortlichen Götter be- 
zeichnet ; daher tritt vereinzelt im untechnischen Ausdrucke für di penates 
die Fassung ceteri di omnes immortales ein.^) Auch sonst denkt man im 
Sprachgebrauche des täglichen Lebens bei Di penates meist an den In- 
begriff der römischen . Staatsgötter, und in diesem allgemeinen Sinne ist 
wohl auch die Mehrzahl der den Di penates, namentlich in Verbindung 
mit Juppiter,^) gewidmeten Inschriften der Kaiserzeit aufzufassen, wo der 
Name dann nicht viel mehr bedeutet als das geläufige di deaeque omnes 
und ähnliche Wendungen. Der Kult von Vesta und den Penaten, d. lu 
den Göttern des römischen Staatsherdes, war nach der Anschauung der 
republikanischen Zeit von Lavinium und Alba Longa entlehnt, da diese 
nach allgemein herrschender Vorstellung die Muttergemeinden von Rom 
waren und natürlich die neugegründete Stadt ihre Götter aus der Heimat 
mitbringt; darum galten die Vesta und die Penaten von Lavinium (und 
ebenso die des einstmaligen Alba) für identisch mit den römischen'') und 



») Vgl. z. B. Verg. Aen. I 704: cura 
penum atruere et flammU adoUre penates y 
wo penates geradezu für foeus gesetzt ist, 
wie sonst (oben S. 142 Anm. 2) Vesta. Serv. 
Aen. XI 211. III 176. II 469. 

') Henzik, Acta fratr. Arval. p. 85. 

*) Einmal (Obblu 2118) heisst es sogar 
ganz vorsichtig dis deabus penatibus. 

*) MoMMSEN, Abhandl. d. sächs. Gesellsch. 
d. Wissensch. IH 460; Staatsr. II 783. 



') So in der Eidesformel von Aritinm 
in Lositania CIL II 172: luppiter optimus 
maximtis ae divus Augustus eeterique omnes 
di immartcUes. 

•) CIL X 331. III 1081 n. a. Der Privat- 
mann schwört per genium deosque penates 
(Hör. epist. I 7, 94). 

Varro de 1. 1. V 144. Dion. Hai. I 
67. Plut. Coriol. 29; in einer pompejanischen 
Inschrift aus der Zeit des ClandiUB (CIL X 



A. Di indigetee. 26. Di penatee. 147 

wurde ihnen alljährlich durch die römischen Consuln bald nach ihrem 
Amtsantritte ein Staatsopfer in Lavinium dargebracht.^) Wann die Di 
penates publici p. R. Quiritium in Rom einen eigenen Tempel erhielten, 
lässt sich nicht mit voller Sicherheit ermitteln; erwähnt wird die aedes 
deum penatium in Velia zuerst 587 = 167 (Liv. XLV 16, 5), doch macht 
die Lage und die ganze Beschaffenheit des Tempels, der uns von einem 
Augenzeugen augusteischer Zeit (Dion. Hai. I 68) als ein kleines, von über- 
ragenden Baulichkeiten fast verdecktes Gebäude geschildert wird, ein er- 
heblich höheres Alter wahrscheinlich ; durch Augustus wurde das Heiligtum 
wiederhergestellt.*) In diesem Tempel erfuhr die Vorstellung von den 
Staatspenaten eine eigentümliche Veränderung und Vei*flachung. Der 
Wunsch, nach griechischem Vorbilde die verehrten Götter im Bilde dar- 
zustellen, nötigte an die Stelle des undarstellbaren allgemeinen Begriffes 
von Gottheiten des Staatswohles bestimmte göttliche Individuen zu setzen ; 
wie die Privatleute nach Ausweis der pompejanischen Bilder sich einzelne 
Götter zu Penaten ihres Hauses wählten, so musste auch der Staat unter 
den von ihm anerkannten Göttern zu diesem Zwecke eine Auswahl treffen, 
und diese fiel auf die Dioskuren, deren Kult früh in Latium eingedrungen 
und zu grossem Ansehen gelangt war und die sich als reisige Vorkämpfer 
zu Schutzgöttern einer vorwiegend ki*iegerischen Gemeinde besonders 
trefflich zu eignen schienen. Bilder im Typus der griechischen Dioskuren 
waren es, die Dionys von Halikarnass im Penatentempel sah und beschreibt 
(I 68), und Dioskurenköpfe zeigen auch Familienmünzen der sullanischen 
Zeit, auf denen nach der Umschrift die d{i) pienates) p{ublici) dargestellt 
sind.') Dass diese Spezialisierung der Penaten auf die Dioskuren dem 
ursprünglichen Gedanken des Kultes wenig entsprach, ist einem gelehrten 
Kenner der heimischen Religionsvorstellungen wie Varro nicht verborgen 
geblieben; er leugnete ausdrücklich,^) dass die im Tempel an der Velia 
dargestellten Götter die wahren Penaten seien; dieselben wären vielmehr 
in gewissen geheimnisvollen Symbolen, die im Penus Vestae aufbewahrt 
würden, verkörpert. Dieser Ausführung liegt der durchaus richtige Ge- 
danke zu Grunde, dass Penaten und Vesta zusammengehören und ur- 
sprünglich am Staatsherde ebenso gemeinsam verehrt wurden wie 9m 
Herde des Privathauses ;^) ob jedoch derartige die Penaten darstellende 
sigüla, wie Varro sie nennt, im Penus Vestäe wirklich existierten und 
wie sie beschaffen waren, davon konnte bei der Unzugänglichkeit des 
Heiligtums niemand etwas wissen. Um so ungestörter durfte die freie 
Kombination schalten, und es sind über Bedeutung und Herkunft der rö- 
mischen Penaten zahlreiche Hypothesen aufgestellt worden,^) die teils von 
den Statuen im Tempel an der Velia, teils von jenen geheimnisvollen Sym- 



797) werden erwähnt die scicra principia *) Varro de 1. 1. V 58; vgl. Schol. Veron. 

p, B. QuirU, nominisque Latini quae apud Aen. II 717. Serv. Aen. III 148. Dion. Hai. 



Laurentis coluntur, 

') MoMMBBN, Staatsr. I 597. Marquabdt, 
Staatsverw. III 252. 478. 

') Mon. Anc. 4, 8; vgl. Jordan, Topogr. 
I 2 S. 416 ff. 

*) Babblon, Monn. consul. II 471. I 555. 



I 68. II 66. 

^) Daher heisst es vom Neronischen 
Brande bei Tac. ann. XV 41 : delubrum Ve- 
stae cum penatibus poptUi Romani exusta, 

•) Macr. S. III 4, 6 ff. Amob. III 40. 
Serv. Aen. I 378. II 296. 325. III 119. 148. 

10* 



148 



Religion und Knltas der Römer, n. GOtterlehre. 



holen ausgingen. Der Umstand, dass die ersteren in der Tempelinschrift 
als di magni bezeichnet waren, veranlasste den Annalisten Cassius Hemina 
(oder seinen Gewährsmann), sie mit den ^grossen Göttern'' von Samothrake 
zu identifizieren,^) eine Annahme, die auch dann nicht aufgegeben wurde, 
als die zuerst von Timaios verfochtene Ansicht vom troischen Ursprünge 
der römischen Penaten allgemeinen Beifall fand ; die conciliatorische Kritik 
Varros vermittelte in der Art, dass sie die Götter von Samothrake nach 
Troja und von da durch Aeneas nach Italien gelangen liess; die troische 
Herkunft der Götter des römischen Staatsherdes (Vesta und Penaten) ist 
sodann seit Caesar und Augustus Staatsdogma.*) Die verschiedenen Hypo- 
thesen über die Bedeutung der angebUch im Penus Vestae aufbewahrten 
Penatensymbole und die durch sie versinnbildlichten Götter (man dachte 
an Himmel und Erde, Juppiter, Juno und Minerva, Apollon und Poseidon) 
sowie die Versuche, auch in der etruskischen Religion ähnliche Vorstel- 
lungen nachzuweisen, dürfen als willkürliche Beantwortungen einer falsch 
gestellten Frage keinen Wert beanspruchen. 

Für die gesamte Vorstellung von Vesta und den Penaten ist es 
schliesslich von grossem Interesse zu sehen, wie die Römer die Analogie 
des Herdes im Privathause nicht nur auf den Staat, sondern auch auf die 
Götter weit übertragen und einen Götter her d nebst den zugehörigen Kulten 
voraussetzen; wenigstens kann es kaum anders verstanden werden, wenn 
die Arvalbrüder bei den Piacularopfern neben Vesta mater auch die Vesta 
deorum dearumque anrufen') und — ^ allerdings in einer späten Quelle^) 
— von eigenen penates lovis die Rede ist. 

Litteratur: Klaüsbn, Aeneas und die Penaten S. 620 ff. L. Ebabnbb, Penaten, 
in Erach und Grabers AUg. Encyclop. Sect. III Bd. XV S. 409 ff. Rubino, Beitr. z. Vor- 
gesch. Italiens S. 196 ff. Q. Wissowa, Hermes XXII 29- 57. A. Db-Mabohi, II culto pri- 
vate di Roma antioa (1896) I 55 ff. 

27. Lares. Mit Vesta und den Penaten zusammen wird in der Stadt 
am Herde eines jeden Hauses der Lar familiaris verehrt, der aber in 
diesen Kreis der Herdgottheiten nicht von Haus aus gehört, sondern dem 
ländlichen Kulte entstammt. Noch Cicero (de leg. U 19, vgl. 27) stellt den 
delubra der Götter in den Städten die Lamm sedes auf dem flachen Lande 
(in agris) gegenüber und weist der religio Lamm ihre Stätte an in fundo 
viUaeque in conspectu. Die Laren werden auf dem Lande verehrt an den 
compita, d. h. an den Kreuzwegen bezw. an den Stellen, wo mehrere 
Grundstücke zusammenkommen; dort steht die Larenkapelle, ebenfalls 
compüum genannt, mit so vielen Eingängen, als dort Besitzungen an* 
grenzen, und ebenso vielen Altären, deren jeder 15 Fuss vor dem betref- 
fenden Eingange steht, so dass jeder Anlieger angesichts des Compitum 
auf seinem eigenen Grund und Boden opfern kann.^) An diesen Compita 



') Die Herleitung der Penaten aus Sa- 
mothrake ist neuerdings gebilligt worden 
von H. NissBK, Rhein. Mus. XLIl 61. 

') Zeugnisse bei Prbuneb, Hestia- Vesta 
S. 247. 

') Hbnzsn, Acta fr. Arv. p. 147. 

*) Mart. Cap. l 41; vgl. auch Nigid. 
Figul. bei Amob. III 40. 

') Ausführliche Beschreibung Grom. lat. 



p. 302, 20 ff. und dazu Mommsen, Unterital. 
Dial. S. 141. Ueber den Begriff des compUum, 
für den die Zugehörigkeit zum ländlichen 
Gau im Gegensatze zur städtischen Ansied- 
lung wesentlich ist, vgl. Varro de 1. 1. VI 25. 
Verg. Georg. II 382 und dazu Philargyrius. 
Pers. IV 28. und Schol. CIL IX 1618. Isidor. 
orig. XV 2, 15. 



A. Di indigetes. 27. Lares. 



149 



vereinigte einmal alljährlich ein fröhliches Volksfest die Gaugenossen, die 
Compitalia oder Laralia (Fest. p. 253), an denen jedes zu einem Compitum 
gehörige Haus einen Opferkuchen beisteuerte und man es sieh bei Schmaus 
und allerlei Lustbarkeit (ludi) wohl sein liess;^) ein besondrer Festbrauch 
war es, an diesem Tage Puppen (maniae) und Bälle (pilcie) aus Wolle an 
den Gompita und vor den HausthOren aufzuhängen.') Die Compitalia sind 
in erster Linie eine Festfeier für die familia, d. h. das unfreie Gesinde, 
welches an diesem Tage ähnliche Vorrechte geniesst wie an den Satur- 
nalien und eine Extraration Wein erhält;') der (unfreie) Vogt (vüicus) 
darf sogar an diesem Tage im Namen des Hausstandes ein Opfer dar- 
bringen, eine Befugnis, die ihm sonst nie zusteht.^) Das Fest gehört 
sicher der ältesten Festordnung an, wenn es auch im Kalender eine Stelle 
darum nicht finden konnte, weil es ein Wandelfest (feriae conceptivae) war,*) 
dessen Ansetzung durch den Praetor bald nach den Satumalien erfolgte;^) 
gewöhnlich fiel es in die ersten Tage des Januar, und die Ealendarien des 
4. Jahrhunderts v. Chr. fixieren es auf den 3.--5. Januar.'') 

Die am Compitum verehrten Laren sind die Beschützer der vor ihren 
Augen liegenden Felder {agri custodes Tibull. 1 1, 20), aber auch des Hauses;^) 
so entwickelt sich am Herde des Hauses ein häuslicher Larenkult, der 
gewissermassen eine Abzweigung vom Kulte des Compitum darstellt: am 
deutlichsten tritt dies in dem Hochzeitsbrauche hervor, dass die Braut 
ausser einem As, den sie ihrem Manne überreicht, je einen As auf dem 
Herde vor dem Lar familiaris und am nächsten Compitum niederlegt.') 
Dieser Lar familiaris erscheint bis auf die augusteische Reform stets in 
der Einzahl ^^) und ist, wie sein Name zeigt, der Beschützer der gesamten 
familia mit Einschluss der Sklaven und sogar mit besonderer Beziehung 
auf dieselben: der Schaffnerin {vilica) liegt die Bekränzung des Herdes 
und das Gebet an den Lar ob (Cato de agr. 143), vor dem Herde und an- 
gesichts des Lar familiaris versammelt sich das Gesinde an langen Tischen 
zur Mahlzeit, von der auch der Gott seinen Anteil erhält. >^) Aber auch 
sonst wird der Lar familiaris mit reichlichen Spenden von Kränzen, Weih- 
rauch und Wein, seltener durch Tieropfer, geehrt, sowohl an allen Ka- 
lendae, Nonae und Idus, als an allen regelmässig wiederkehrenden oder 
ausserordentlichen Familienfesten, bei Geburt und Hochzeit, bei Abreise 



>) DioD. Hai. IV 14; uncia Compitalia 
Verg. Catal. 5, 27. 

') Yarro sat. Menipp. frg. 463 Bnech. 
Macr. S. I 7, 34 ff. Paid. p. 121. 239; Aber 
ähnliche Brftuche s. Böttiohbr, Baumkultus 
S. 80 ff. 

*) Dion. Hai. IV 14. Cato de agric. 57. 

^) Cato de agric. 5, 3: rem divinam 
nisi Campitafibua in compito aut in foco ne 
faeiat, 

*) Varro de 1. 1. VI 25. 29. Paul. p. 62. 
Macr. 8. I 16, 6. Auson. de fer. 17 f. p. 105 
Peip. 

•) Gell. X 24, 3; vgl. Dion. Hai. IV 14. 
Plin. n. h. XIX 114. 

') CIL P p. 305 f. 



") Enn. frg. 311 Baehr.: vosque, Laves, 
tectum nostrum qui funditus curant, 

*) Varro de vita p. R. bei Non. p. 531, 
vgl. Dion. Hai. IV 15, 4. 

*^) Laves familiavea im Plural bezeichnet 
entweder coUectivisch die Summe der in den 
verschiedenen Häusern verehrten Einzellaren 
(Varro a. a. 0. Cic. de rep. V 7) oder ist 
in ungenauer Ausdrucksweise von allen am 
Herde verehrten Hausgottheiten, Vesta, Ijaren 
und Penaten, gemeinsam zu verstehen (Plaut. 
Rud. 1206. Cic. de leg. II 42; de domo 108; 
pro Quinct. 85 u. a.). 

^>) Colum. XI 1, 19. Hör. epod. 2, 65 f.; 
serra. II 5, 12 ff. 6, 64 f. Ovid. fast. VI 305 f. 
Vgl. Mabquabdt, Staatsverw. III 126. 



150 



Religion und Knliiui der BOmer. ü. QOtierlelire. 



und Rückkehr eines Familienmitgliedes, beim Einzüge in ein neues Haus oder 
bei der Mündigsprechung eines Haussohnes ;0 auch nach einem Todesfalle 
erfolgt die Reinigung des Hauses und der Familie durch ein Opfer an ihn, 
das in diesem Falle ein blutiges ist und aus Hammeln besteht.') So wird 
der Lar familiaris zu einem mit den Schicksalen der Familie aufs engste 
verknüpften Hausgeiste (familiai Lar pater Plaut. Merc. 834, vgl. Aulul. 2 ff.), 
und die Sage wusste davon zu erzählen, dass hervorragende Männer der 
Vorzeit wie Romulus oder Servius Tullius Söhne des Hauslaren, am Herde 
mit einer Jungfrau gezeugt, gewesen seien ; ") die Sprache trug dem Ver- 
hältnisse dadurch Rechnung, dass sie seit dem letzten Jahrhundert v. Chr. 
zunächst den Singular Lar, nachher ebenso auch den Plural Lares meto- 
nymisch für „Haus' gebrauchte.*) 

In dem ältesten ländlichen Larenkulte tritt es deutlich hervor, dass die 
Laren in ihrer Grundbedeutung als Ortsgottheiten aufzufassen sind, die an 
ein bestimmtes Lokal gebunden und innerhalb desselben waltend gedacht 
werden, am Compitum, auf dem einzelnen Grundstück,^) im einzelnen 
Hause. ^) Wie die Gompita, so stehen überhaupt die Wege, die viae und 
semitae, unter ihrer Obhut, und namentlich die Reisenden empfehlen sich 
dem Schutze der Lares vial es ^) oder, wenn die Fahrt über See geht, der 
Lares permarini. Letztere besassen sogar einen 564 = 190 in einem See- 
gefecht des Krieges gegen Antiochus von Praetor L. Aemilius Regillus 
gelobten und am 22. Dezember 575 = 179 von Censor M. Aemilius Le- 
pidus geweihten Staatstempel im Marsfelde. ^) Auch die Lares mili- 
tares, denen die Arvalbrüder {ob salutem victoriamque Oermanicam des 
Caracalla) opfern,') gehören in dasselbe Gebiet als die im Kriegsfelde Wal- 
tenden, und ebenso wohl auch die nur einmal erwähnten Lares hostüii 
(Paul. p. 102) als die Beschützer in Feindesland; an diese kriegerischen 
Laren ist wohl auch in erster Linie zu denken, wenn in der Devotion des 
P. Decius Mus (Liv. VIH 9, 6) die Lares neben Bellona und hinter den 
römischen Hauptgöttern Janus, Juppiter, Mars, Quirinus, Vesta erscheinen. 
Aber wie jeder Acker seine Laren hat, so gibt es naturgemäss auch Laren 
der römischen Gemeindeflur, ^o) und diese sind es, welche in dem ältesten 

») Plaut. Aulul. 23 f. 385 ff.; Trin. 39 ff.; 
Rad. 1206 ff.; Mero. 834 ff.; Mil. glor. 1339. 
Cato de agric. 2. 143. Fers. V 31. Tibull. 
I 3, 34. 10, 15 ff. II 1, 59 f. und mehr bei 
pRELLBB - Jordan, Rom. Myihol. II 106 ff. 
De-Marohi, Culto privaio l 209 ff. 

') Cic. de leg. II 55; vgl. Henzbk, Act. 
fratr. Arval. p. 145. 

•) Plut. Romul. 2. Plin. n. h. XXXVI 
204. Dion. Hai. IV 2 = Plut. de fort. Rom. 
10 (vgl. Ovid. fast. VI 627 ff.); s. Schwbo- 
LSB, Rom. Qesch. I 714 ff. 

*) Aelteste Belegstellen für Lar in die- 
sem Sinne Laber. frg. 110. Trag. ine. frg. 
ine. 199 Ribb. Sali. Gatil. 20, 11 u. s. w.; 
far Lares Prop. V 1, 128. 8, 50. Lucan. 
V 528. 

•) Larea praediorum . . . CIL VI 455 ; 
Lares Volusiani CIL VI 10266 f. 

«) Lares domestiei CIL III 4160; Lares 



casanici CIL IX 725 (vgl. Silvanus damesti- 
rus III 3491 u. s. Silvanus c<uanicus iX 
2100). 

») CIL XI 3079 (Falerii): Laribus con- 
pitalibus, vialihus, semitalibus (semitales dei 
Verg. Catal. 8, 20). Plaut. Merc. 865. CIL 
II 2417. 2518. 2572. 2987; Suppl. 5634. 5734. 
VIII 9755. Lar viaJis im Singular CIL III 
1422 und bei einem Opfer der Arvalen, 
Ubnzbv, Acta fr. Arval. p. 122. Lares magni 
et viatorii CIL XII 4320. 

•) Liv. XL 52, 4 ff. Macr. S. I 10, 10. 
CIL I« p. 338. 

*) Henzbn, Acta fr. Arval. p. 86; vgl. 
CIL III 3460. 3463. Mart. Cap. I 46. 48. 

'^) Daher die Scheidung von Lares pu- 
blici und privativ Plin. n. h. XXI 11. Einen 
Tempel der Lares publici von Pompeji will 
A. Maü, Rom. Mitt. XI 1896 S. 300 in der 
sog. Curie erkennen. 



A. Di indigetes. 87. Lares. 



151 



Zeugnisse des römischen Larendienstes, dem uralten Gesänge der Acker- 
brüderschaft, in Verbindung mit Mars^) für das Gedeihen der römischen 
Feldmark angerufen werden *) und deren dieselben Arvalbrüder (zusammen 
mit der nur hier genannten Mater Lamm) auch bei den Piacularopfem 
gedenken (Henzen, Acta fr. Arv. p. 145). Diese nämlichen Laren sind es 
jedenfalls, welche unter dem Namen der Lares praestites einen alten 
Altar und Bilder besassen, die sie nach Art der Dioskuren als speertra- 
gende Jünglinge, aber mit Hundsfellen bekleidet und von einem Hunde, 
dem steten Gefährten des Flurhüters, begleitet, darstellten. >) Dieser Altar 
der Lares praestites ist wieder nicht zu trennen von der auf der Höhe 
der Sacra via am Palatin gelegenen aedes Lamm, welche Augustus wieder- 
herstellte;^) allerdings unterscheidet Ovid die ara Lamm praestüum von 
dem Larentempel, indem er die Stiftung der ersteren am 1. Mai (fast. 
V 129), die des letzteren am 27. Juni erwähnt (fast. VI 791 f.); doch ist 
aller Wahrscheinlichkeit nach der erstgenannte Tag der Stiftungstag des 
ursprünglichen Heiligtums, der zweite der des augusteischen Neubaues, 
was Ovid bei Benutzung verschiedener Quellen nicht gemerkt hat.^) Ein 
von Varro (de 1. 1. V 49) erwähntes Lamm Querquetulanum saceUum auf dem 
Esquilin war vielleicht eine Compitalkapelle, jedenfalls keine aedes sacra. 
Der von Haus aus ländliche Dienst der Lares compitales hatte 
auch in Rom Eingang gefunden, wo sich aber in republikanischer Zeit 
die Compita auf die städtischen pagi im Gegensatze zu der alten Sakral- 
gemeinde des Septimontium ^) beschränkt zu haben scheinen. Um die ein- 
zelnen Compita bildeten sich Bezirksvereine, collegia compüalicia, deren 
Vorstände als magistri vicorum die Ausrichtung der Compitalienfeier mit 
den zugehörigen Spielen übernahmen; 7) es waren nicht Staatsbeamte, 
sondern Privatwürdenträger niederen Ranges, dem Freigelassenen- und 
Sklavenstande angehörig, wie überhaupt die schon hervorgehobene Be- 
ziehung der Sklaven zum Larendienste sich auch hier darin zeigt, dass sich 
die Collegia compitalicia überwiegend aus Unfreien und Freigelassenen 
rekrutierten.^) In den Wirren der Bürgerkriege waren diese Vereine von 
Leuten der untersten Bevölkerungsschichten bei Wahlumtrieben und Tu- 
multen in der Hand dessen, der sie zu gewinnen wusste, eine beachtens- 
werte Macht,') und darum hat der Senat im J. 690 = 64 die Aufhebung 
der Collegia compitalicia verfügt, die allerdings schon sechs Jahre später 



*) Mit Mars und Consos verbunden er- 
scheinen die Laren auf dem angeblich ur- 
alten Altar im Circus bei Tertull. de spect. 5. 

') Hier hat der Name die alte Form 
Loses (vgl. Varro de 1. 1. VI 2. Paul. p. 264. 
Quintil. inst. or. I 4, 18 u. a.); die Etymo- 
logie ist ganz unsicher. 

») Ovid. fast. V 129 ff. und Flut. Q. R. 
51 (beide aus Varro; vgl. auch de 1. 1. V 74). 
Nachbildung der Bilder auf Denaren des 
L. Caesius, Babblok, Monn. cons. I 281. 

<) Monum. Anc. 4, 7; vgl. Solin. 1, 23. 
Cic. de n. d. III 63 = Plin, n. h. II 16. 
Tac. ann. XII 24. Obseq. 41; vgl. 0. Gil- 
bert, Philologus XLV 449 ff. 



^) WissowA, Analecta Bomana topo- 
graphica p. 18 f. 

*) S. darüber Moxxsek, Staatsrecht III 1 
p. VIII und 112 ff. VITissowA, Satura Via- 
drina (Breslau 1896) S. 1 ff. 

^) Voraugusteische magistri vicorum in 
Rom CIL VI 1824. 2221, auch 835 und Rom. 
Mitt. IV 262. in Pompeji CIL IV 60; vgL 
auch V 4087. X 8789. Liv. XXXIV 7, 2; 
KofineraXiaarai auf Dolos 97 v. Chr. Bull, 
de corresp. hell. VII 12 ff. 

') Cic. in Pis. 9; de domo 54; de hanup. 
resp. 22. 

*) Q. Cic. de pet consnl. 30. 



152 



Religion und Knltoa der BOmer. IL Mtierlehre. 



durch eine lex Clodia wieder rückgängig gemacht, aber schliesslich von 
Caesar endgültig durchgeführt wurde. Bald aber fand diese ganze Orga- 
nisation in etwas veränderter Form neue Verwertung. Augustus nämlich 
gab bei seiner Einteilung der Gesamtstadt in Regiones und Vici jedem 
Yicus ein Gompitum zum sakralen Mittelpunkte und setzte für jedes solche 
Compitum vier magistri vici ein, die alljährlich aus den Bewohnern des 
Yicus zu wählen waren und für die Erhaltung und Ausschmückung der 
Compita und die Ausrichtung der Ludi compitalicii zu sorgen hatten.*) 
Das Wesentliche an der Umgestaltung war jedoch die Thatsache, dass 
die Compita nunmehr zu Stätten des Kaiserkultes wurden, indem an ihnen 
zwischen den beiden Lares compitales oder, wie sie jetzt heissen, Lares 
augusti der Genius des regierenden Kaisers verehrt wurde;') römische 
Altäre, von den Magistri einzelner Vici geweiht,^) zeigen den Genius 
Augusti in der Gestalt eines opfernden Togatus (in besserer Ausführung 
mit den Porträtzügen des Kaisers), zu beiden Seiten desselben die Laren 
als tanzende Jünglinge mit lockigem Haare, in kurzer gegürteter Toga, 
mit der einen Hand eine Schale haltend, in die sie mit dem hoch erho- 
benen andern Arme aus einem Trinkhom einschenken.^) Diese einem 
griechischen bakchischen Typus entlehnte Darstellung der Compitallaren 
war schon zu des Naevius Zeiten üblich gewesen und sollte die Laren 
offenbar als die Yortänzer bei der ausgelassenen Fröhlichkeit der Compi- 
talienfeier wiedergeben.^) Dieser neue Larendienst findet nach römischem 
Yorbilde (Laribus d, d, Romano more dedicata heisst es in einer Inschrift 
von Amiternum CHj IX 4185) in vielen Städten Italiens und nachher auch 
der Provinzen Nachahmung, in denen uns magistri Larum (augustorum) 
begegnen^) und eigene coUegia Larum et imaginis augustae (CIL YI 307) 
entstehen,^) und Weihinschriften an die Lares Augusti besitzen wir fast 
aus allen Teilen des Reiches. Aber auch der häusliche Larenkult erfährt 
eine völlige Umgestaltung, indem auch hier an die Stelle des einen Lar 
familiaris die Doppellaren des Compitaldienstes treten, zwischen denen 
häufig der Genius erscheint, der aber hier nicht als der des Kaisers, 
sondern als der des Hausherrn aufzufassen ist;^) nicht nur zahlreiche In- 
schriften, sondern auch eine grosse Menge pompejanischer Wandgemälde 



>) Cic. in Pia. 8 f. Ascon. p. 6 ff. Suet. 
Caes. 42. Mohhsen, De colleg. et sodal. 74 ff. 
LiEBEifAii, Zur Gesch. u. Organisation d. röm. 
Vereinswes. S. 20 ff. 

») Suet. Aug. 30. 31. Cass. Dio LV 8. 
CIL VI 445-454. Eph. epigr. IV 746 f. 
Bull. arch. com. XV 1887, 33. XVII 1889, 
69 ff. Die Reform hat längere Zeit in An- 
spruch genommen und ist im J. 747 = 7 
abgeschlossen worden. Moxmsen, Hermes 
XV 109. Marquabdt, Staatsverw. III 204 ff. 

•) Ovid. fast. V 145. Hör. carm. IV 
5 34. 

^) CIL VI 445 = Visconti, Mus. Pio- 
Clem. IV 45. 45*^; CIL VI 448 = Zjlnhoni, 
Galleria di Firenze IV 3, 142-144; Bull, 
arch. com. XVII 1889, 69 ff. Taf. III. 

') Schöne Broncestatuette Annali d. Inst. 



1882 Taf. N; über die zahlreichen Laren- 
figttrchen aus Bronce vgl. FmEDSsicBs, Klei- 
nere Kunst und Industrie S. 438 ff. 

«) Naev. com. frg. 99 ff. Ribb.; aber das 
griechische Vorbild Wissowa, Annali d. Inst. 
1883, 156 ff. 

») CIL XI 2998. IX 423. 3657. 6293. 
X 137. 205. 1269. 1584. 5161 f. 6556. 7953. 
V 792. 3257. XII 406. U 2013. 2181. 2233. 
3113. 4293. 4297. 4304. 4306. 4307. 6106. 
Fttr Pompeji sind Wandgemälde an den Com- 
pita beweisend, Hblbio, Wandgem. Nr. 41 ff. 

») CIL III 4038. IX 3887. XIV 3561. 
Eph. epigr. V 813. 

*) Das beweisen Inschriften wie CIL X 
861: Genio M{arci) n{08tri) et Laribus. II 
4082; Laribus et Tutelae Genio L{ucii) n(ostri). 



A. Di indigetea. 27. Larea. 



153 



(Helbio, Wandgem. Nr. 35 S. Sogliano, Pitture murali Gampane Nr. 12 S.) 
und einige andere Denkmäler*) legen für diese Neugestaltung des häus- 
lichen Larendienstes Zeugnis ab, welcher sich in dieser Form mit grosser 
Beständigkeit bis zum Ausgange des Heidentums erhalten hat.^) 

Der Scharfsinn der römischen Theologen hat sich mit Eifer der 
Frage nach der eigentlichen tieferen Bedeutung der Larenverehrung zu- 
gewandt, deren Beantwortung wie bei den Penaten dadurch erschwert 
wurde, dass es an nahe liegenden gi*iechischen Parallelen fehlte. Wie 
man für die Penaten in den grossen Göttern von Samothrake Analogien 
zu finden glaubte, so zog für die Laren Nigidius Figulus die Eureten, 
Eorybanten und idaeischen Daktylen zum Vergleiche heran,') ohne, wie es 
scheint, damit viel Anklang zu finden. Um so nachhaltiger hat die von 
Varro vertretene Meinung gewirkt, nach dem die Laren identisch mit den 
Manen sein und eine Vergöttlichung der ^eelen der Verstorbenen dar- 
stellen sollten,^) weshalb auch die Griechen sie mit ihren rJQtosg identifi- 
zierten;^) man berief sich zur Stütze dieser Auffassung nicht nur auf die 
vermeintliche Identität der Mania mit der Mutter der Laren, sondern vor 
allem darauf, dass der häusliche Larenkult in der angeblich uralten Sitte. 
die Toten im Hause zu bestatten, seine Wurzel habe.^) Noch weiter geht 
eine spätere Theorie, deren ältester Vertreter für uns Apulejus ist; nach 
ihm stehen die Lemures als Seelen der Verstorbenen den Genii der Le- 
benden gegenüber und zerfallen ihrerseits in Lares, Larvae und Manes, 
je nachdem die Geister nach ihrem Vorleben und der Stellung der Über- 
lebenden zu ihnen als gute, böse oder unentschiedene zu gelten haben. ^) 
Obwohl neuere Gelehrte auf diese Spekulationen die Herleitung der Laren- 
verehrung aus dem Seelen- und Ahnenkult aufgebaut haben,^) sind die- 
selben für die Gewinnung der dieser Seite der römischen Religion ur- 
sprünglich zu Grunde liegenden Vorstellungen ebenso wertlos, wie die auf 
allerlei synkretistischen Voraussetzungen beruhenden Erfindungen der 
Dichter, z. B. Ovids Erzählung von der durch Mercur vergewaltigten Lara 
oder Dea Tacita, der Mutter der Lares compitales.*) 

Litteratar: 6. A. B. Hbbtzbbro, De diis Romanorum patriis, Halae 1840. G. F. 
ScHOBMANN, Opasc. acad. I 850 ff. R. Soharbb, De Geniis Manibns et Laribus dissertatio, 
Casani 1854. fi. Jobdan, Annali d. InBt. 1862, 800 ff. 1872, 19 ff.; Vesta und die Laren, 



>) z. B. der Altar aus Caere CIL XI 
3616 = Monnm. d. Inst. VI 13; vgl. auch 
Annali d. Inst 1862 tav. R 4. 

') Sieugnisse bei Mabqüabdt, Staatsverw. 
III 126 f. Der Name Lar hat in der spä- 
teren Kaiserzeit zuweilen ganz allgemeine 
Bedeutung; vgl. z. B. Lar agrestis = Sil- 
vanuB CIL VI 646, Lar vietor CIL XI 2096, 
Mortis et pacis Lar CIRh. 484. 

>) Amob. m 41. Diomed. I p. 478 £. 
Hygin. fab. 139. 

*) Amob. III 41. Augustin. c. d. VII 6. 
Mart Cap. II 155. Paul. p. 121. 239. Macr. 
8. I 7, 85. Serv. Aen. Ill 802. 

*) Mon. Anc. gr. 10, 11. 18, 23. Dion. 
Hai. ITI 70. IV 2. 14. Corp. gloss. II 121, 
14; vgl MoMiiSBN zu CIL X 3757. 



•) Serv. Aen. V 64. VI 152, dazu Lubb- 
bbbt, Comment. pontif. 71. Jobdan, Topogr. 

I 1 S. 171. Die ganz dunkeln Lares grun- 
dules (Cass. Hemina bei Diom. I 884 K. Non. 
p. 114. Amob. I 28) sind erst durch Neuere 
auf Grand einer Angabe des Fälschers Ful- 
gentius de abstr. serm. p. 560 Merc. hier 
hereingezogen worden. 

') Apul. de deo Socr. 15 (= Serv. Aen. 
m 68. August, c. d. IX 11). Mart. Cap. 

II 162 f. 

*) FUSTBL DB COÜLANOBS, La cit^ BUti- 

que p. 20. Nissbn, Templum S. 148 f. Rohdb, 
Psyche 232. 

•) Ovid. fast. 571 ff.; vgl. Wissowa, 
Philo]. Abhandl. M. Hertz dargebrachtS. 165 f. 



154 



Religion nnd Knltna der Bömer. II. GOtterlehre. 



Berlin 1865. A. Rritfbbschbid, Annali d. Inst. 1863, 121 ff. A. Pbeunsr, Hestia-Vesta 
S. 232 ff.; Philologus XXIV 248 ff. G. Wissowa in Roechers Lexikon II 1868 ff. A. Djs- 
Marchi, II culto private di Roma antica I 27 ff. 

38. Genius. Als Kaiser Theodosius im J. 892 nicht nur die öffent- 
liche, sondern auch die häusliche Ausübung heidnischer Religionshand- 
lungen untersagte, geschah dies durch die Verfügung (cod. Theod. XVI 
10, 2): nullus otnnino secretiore piaculo Larem igne, mero Oenium, penates 
odore veneratus accendat lumrna, imponat iura, serta suspendat. Hier sind 
scharf und deutlich, wie es sich für einen kaiserlichen Erlass ziemt, die 
drei Arten von Hausgöttern geschieden, und es ist damit allen alten und 
neuen Versuchen, den Genius für ursprünglich identisch mit dem Lar 
familiaris zu erklären,^) der Boden entzogen; denn das sinkende Altertum 
hat wohl in weitem Umfange verschiedene Götter mit einander vermengt, 
nicht aber ursprünglich einheitliche geschieden. Der Genius ist der Grund- 
anschauung nach ebenso fest an die Person gebunden, wie der Lar an 
den Oi*t, und wenn sich auch später der Begriff beider Gottheiten ver- 
flacht hat und dadurch die Grenzlinien ihrer Wirksamkeit hie und da ver- 
wischt worden sind, so ist doch ihre ursprüngliche Verschiedenheit keinem 
Zweifel unterworfen. Selten spricht die Etymologie eines Götternamens 
so deutlich wie hier: den Zusammenhang mit Wz. gen, gignere konnten 
auch die alten Grammatiker nicht verkennen,*) wenn auch ihre Meinungen 
darüber auseinandergingen, ob die Ableitung im aktiven oder passiven 
Sinne vorzunehmen und wer als Subjekt zu denken sei.') Ausschlag- 
gebend ist die Thatsache, dass nur der Mann einen Genius hat, während 
der Frau in gleicher Bedeutung eine Juno zukommt:^) es geht daraus 
hervor, dass Genius und Juno sich zu einander verhalten wie Zeugung und 
Empfängnis, und dass somit der erstere die göttliche Verkörperung der 
im Manne wirksamen und für den Fortbestand der Familie sorgenden 
Zeugungskraft ist.^) Diese Bedeutung erweitert sich dann insofern, als 
der Genius weiterhin die gesamte Kraft, Energie, Genussfähigkeit, mit 
einem Worte die ganze Persönlichkeit des Mannes, sein höheres und 
inneres Wesen abspiegelt und darstellt; das bringt die Sprache deutlich 
zum Ausdruck sowohl in dem Worte genialis, das ursprünglich „zeugungs- 
kräftig**, dann überhaupt alles Reiche, Üppige, Freigebige bezeichnet, als 
auch in metaphorischen Wendungen, wie Genio aliquid praestare (wir 
„seinem inneren Menschen eine Güte thun"), Genium defraudare, Genio 



') Granins Flaccns bei Gensorin. 8, 2. 
Rbifferschbid, Annali dell' Inst. 1863, 129. 

■) Wenn es bei Paul. p. 94 (vgl. p. 95. 
Mart. Gap. 11 152) heisst: Genium appella- 
bant deunif qui vim ohtineret omnium rerum 
gerendarum, so spielt bier vielleicbt der 
verwandte Gott Geras (s. S. 158 f.) mit hinein. 

') Gensorin. 3, 1 : Genius est deus, cuius 
in tutela ut quisque natus est vivit, hie sive 
quod ut genamur curaty sive quod una genitur 
nobiscuntf sive etiam quod nos genitos suscipit 
ac ttUcUur, certe a genendo Genius appellatur, 
Panl. p. 94. Varro bei Angnst. c. d. VII 13. 

*) Senec. epist. 110, 1: singulis enim et 
Genium et lunonem dederunt. Plin. n. h. 



II 16: quamohrem maior caelitum populus 
etiam quam hominum intellegi potest cum 
singuH quoque ex semetipsis totidem deos 
faciant lunones Geniosque adoptando sibi. 
GIL XI 8076: Genio Augusti et Ti. Caesaris, 
lunoni Liviae (vgl. Hbnzev, Act. fr. Arv. 
p. 85 f. 122) und zahlreiche Inschriften den 
lunones einzelner Frauen gewidmet, z. B. 
CIL VI 2128. XI 1324. XIV 1792. 3556 u. a. 
Portraitherroe einer Frau mit der Unterschrift 
luno Florae Scaptinae Arch. epigr. Mitt. aus 
Oesterr. XIII 175 ff. 

*) Daher konnte Laberias frg. 54 Ribb. 
den (Genius als gener is nostri parens defi- 
nieren. 



A. Di indigetea. 28. Geniiui. 



155 



indulgere u. a.^ Jeder Mensch hat seinen Genius, bezw. seine Juno, die 
mit ihm geboren werden, während seines ganzen Lebens von ihm unzer- 
trennlich sind und schliesslich mit ihm sterben;^) der Genii oder Junones 
Verstorbener wird nur ganz vereinzelt gedacht,") da hier ein ganz anderer 
Vorstellungskreis einzutreten pflegt. Im Hause ist es der Genius des 
Hausherrn, der mit den Penaten und dem Lar familiaris von allen Haus- 
bewohnern verehrt wird: die Stätte seines Wirkens ist das Ehebett, der 
lectus genialis,^) bei dessen Bereitung er auch angerufen wird (Arnob. 
n 67); heilig ist ihm die Schlange, als beliebtes Haustier (Phin. n. h. 
XXIX 72), und ihr Erscheinen symbolisiert die Anwesenheit des Genius, 
ebenso wie der Tod der Hausschlange das Hinscheiden des Familienhauptes 
bedeutet. In verschiedenen Versionen begegnet uns die Erzählung, dass 
entweder der Genius selbst sich in Gestalt einer Schlange der Hausfrau 
genaht und sie zur Mutter eines berühmten Sohnes gemacht habe,^) oder 
dass ein dem Hause bevorstehendes Geschick durch die plötzliche Er- 
scheinung des Genius in Schlangengestalt angezeigt worden sei.^) Man 
malte daher, wie es die pompejanischen Häuser zeigen, Schlangen als 
Symbole des Genius sowohl an die Aussenmauern, die dadurch gleichzeitig 
vor Verunreinigung geschützt werden sollten,^) als innen an die aediculae 
der Hausgötter, allein oder in Verbindung mit den Laren- und Penaten- 
bildem ; wenn zwei Schlangen dargestellt sind, ist oft die eine durch den 
Kamm als männlich bezeichnet, so dass wir Symbole vom Genius des Haus- 
herrn und der Juno der Hausfrau zu erkennen haben. ^) Der Festtag des 
Genius ist der Geburtstag seines Schützlings, an dem er als Genius naicdis^) 
verehrt wird und Opfer meist unblutiger Art, wie sie ja im Hausgottes- 
dienste durchweg überwiegen, erhält;^®) vor allem ist der Geburtstag des 
Hausherrn ein Festtag für die ganze Familie mit Einschluss der Sklaven 
und Freigelassenen, und die letzteren zeigen ihre Ergebenheit gegen den 
Patron in besonderer Verehrung seines Genius, dem sie, sei es allein, sei 
es zusammen mit den Laren, Weihungen darbringen. ^0 ^^^ Mitglieder 
des Hausstandes schwören beim Genius des Hausherrn, wie überhaupt der 
Genius als der bessere und göttliche Teil im Menschen gern bei Schwur 
und Beschwörung angerufen wird.^*) Eine besondere Bedeutung erhält 



') Materialsammlang bei Pbbllbb, Rom. 
Myth. I 78 f. 

*) Censorin. 3, 5. Hör. epist. 11 2, 187: 
Genius natale comes qui tetnperat astrum, 
Mart. Cap. II 152. Amm. Marc. XXI U, 3. 

•) CIL V 160. 246. VIU 3695. IX 5794. 
X 1009. 1023. 6597. XIV 1792. Gabbucci, 
Syll. Nr. 1 152. Die oberitalischen Inschriften 
CIL V 4449. 5869. 5892. 7142. 7468 sind 
wohl eher als Ehreninschriften aufzufassen. 

*) Rossbach, Rom. Ehe S. 367 ff. 

») Gell. VI 1, 3. Liv. XXVI 19. 7. In 
graecisierter Fassung auf Apollo flbertragen, 
Säet Aug. 94. Cass. Dio XLV 1. 

•) Cic. de div. I 36. Plut. Ti. Gracch. 1. 
Obseq. 58. 

') Pers. I 113: pinge duo8 anguis; pueri, 
saeer est locus, extra tneite; vgl. Db-Mabchi, 



Culto private I 77 f. 

") Hblbig, Wandgem. S. 10; vgl. Cen- 
sorin. 3, 3: nonnulU binos Genies (richtiger 
Genius und Juno) in his dumtaxat domibus, 
quae essent maritae, colendos putarunt, 

*) Entsprechend auch luno natalis, TibuU. 
IV 6, 1. 

'•) Tibull. II 2. rV 5. Censor. 2; mehr 
bei 0. Jahn zu Pers. p. 119. 

»') z. B. CIL II 1980. V 1868. VI 257 
—259. 3684. X 860. 861. XI 356. 818, vgl. 
1324. 

'») z. B. Plaut Capt. 977. Ter. Andr. 
289. Tibull. IV 5, 8. Hör. epist. I 7, 94. 
Senec. ep. 12, 2. Apul. met. VIII 20. Ebenso 
bei der Juno einer Frau, z. B. Tibull. III 6, 
48. IV 13, 15. Petron. 25. Schol. Juven. 
2, 98. 



156 



Religion und Koltna der Römer, ü. GOtterlehre. 



dieser Brauch in der Eaiserzeit, wo der Genius des Kaisers, der aus der 
grossen Menge der Genii ebenso hervorragt, wie der Imperator aus der 
Masse der Bürger, Gegenstand allgemeiner Verehrung wird. Von der- 
selben zeugen — abgesehen von dem bereits S. 152 besprochenen Kulte 
des Genius Augusti zwischen den Laren der Gompita — nicht nur zahl- 
reiche Weihinschriften von Privatleuten und Gemeinden aus allen Teilen 
des Reiches,^) sondern auch der Umstand, dass der Schwur beim Genius 
des Kaisers sowohl im Beamteneide seine Stelle findet (s. oben S. 71. 146), 
als auch im Privatleben häufig zur Anwendung kommt;*) ein in dieser 
Form geleisteter Meineid wurde als Verbrechen gegen die Majestät ge- 
ahndet.') 

Die von Haus aus einfache Vorstellung vom Genius hat im Laufe 
der Zeit sehr wesentliche Erweiterungen erfahren. Wenn man den Genius 
des Hausvaters zugleich als Genius domus^) oder Genius familiae (CIL X 
6302) auffasste, so hatte das seine volle Berechtigung. Davon ausgehend 
aber entwickelte sich die Vorstellung von Genien, die nicht zu einzelnen 
Personen, sondern zu ganzen Verbänden gehörten, zunächst bei solchen, 
die durch Bande des Blutes zusammenhängen, dann aber auch bei künst- 
lich geschaffenen Organisationen. Namentlich haben so die Genossen- 
schaften und städtischen Korporationen, dann alle militärischen Truppen- 
körper, schliesslich auch Gemeinden, Provinzen, Staaten ihren eigenen 
Genius.^) Je weiter sich dieser Gebrauch ausdehnt, um so mehr wird der 
ursprüngliche Gedanke des Genius und sein Zusammenhang mit der Person 
verdunkelt. Bei Genius collegii, Genius legionis, Genius coloniae handelt es 
sich doch wenigstens um Gruppen von Personen, die man allenfalls nach 
Analogie der Familie auffassen kann;^) bei Wendungen, wie Genius theatri, 
Genius scholae, Genius macelli ist es bereits kaum mehr möglich, anstatt 
an den Ort, an die dort zusammenkommenden Personen zu denken, und 
in dem sehr häufigen Gebrauche von Genius loci'') ist eine solche Erklä- 
rung völlig ausgeschlossen; hier hat sich der Begriff des Genius zu der 
ganz allgemeinen Bedeutung von numen, der Bezeichnung der überall 
wirksamen göttlichen Gewalt, verflüchtigt. In dieser Auffassung ist der 
Genius nichts weiter als der deus hi cuius tutela hie locus est,^) und heisst 
darum auch geradezu deus tutelae (CIL II 3021. 3377. 4092) oder genius 
tutelae (CIL II 2991), bis sich diese Tutela als selbständige Göttin los- 
löst und als Tutela huius loci^) neben den Genius loci tritt oder auch — 



z. B. CIL VI 251—256. X 1561. XI 
3076. 3303. 3593. XIV 2349. 

«) Cass. Dio LVII 8. Suet. Calig. 27. 
Apul. met. IX 41 a. a. 

») Ulp. Dig. Xn 2, 13, 6; vgl. Tertull. 
apol. 28. Minuc. Fei. 29. Mokhsen, Staatsr. 
II 784. 

*) Genio donius auae CIL VIII 2598. 

^) Genius collegii^ sodalicii, familiae mo- 
netalis, corporis, curiae, decuriae; Genius 
exercituSy Ugionis, cohartis, centuriae, tur- 
mae, castrorum; Genius coloniae, municipii, 
pagi, civitatis^ provinciae u. s. w. Belege 



bieten die Indices des CIL in reicher Fülle; 
über die Genii der Trappenkörper s. insbe- 
sondere y. DoMASZBwsKi, Westd. S^eitscbr. 
XIV 96 ff. 

*) Vgl. auch Genius fori vinarii, wna- 
licii, commercii, portorii, horreorum. 

') Seltener mit genauerer Angabe Ge- 
nius montis (CIL VI 334. IV 1176. VIII 
9180), fontis (VIII 4291. VI 151), fluminis 
(VIII 9749) u. a. 

^) Hbvzbn, Act. fr. Arv. p. 146. 

») CIL III 4445. VI 216; vgl. VI 777 
und Petron. 57. 105. 



A. Di indigetea. 28. Genius. 157 

zum Teil anter allerlei spezialisierenden Beinamen^) — allein für sich 
verehrt wird. Hie und da scheint die Tutela augusta — namentlich von 
den Frauen — in ähnlicher Weise verehrt worden zu sein, wie der Genius 
Augusti,*) und im ausgehenden Heidentume begegnet sie uns vereinzelt in 
Verbindung mit den Laren (CIL 11 4082) und hat als eine Art weiblicher 
Genius ihre Stelle im häuslichen Kulte.') 

Erheblich älter als die meisten dieser erst im Verlaufe der Eaiser- 
zeit zur Entwicklung gelangten Vorstellungen ist die Fixierung eines G e- 
nius populi Romani, Genius publicus oder Genius urbis Romae, einer 
Gottheit, die von der gesamten Gemeinde in derselben Weise verehrt 
wurde, wie von' den Bewohnern eines Hauses der Genius des Hausherrn. 
Da jedoch eine Person, die den Staat in derselben Weise verkörpert, wie 
der Hausvater die Familie, nicht vorhanden ist, so konnte die Idee des 
Genius publicus nie dieselbe Bestimmtheit gewinnen, wie die Vesta p. R. 
Quiritium, die Penates publici und die Lares praestites; man Hess sogar 
ursprünglich, im Widerspruche mit der ausgeprägt männlichen Grundbe- 
deutung des Genius, das Geschlecht dieses Genius unbestimmt, denn auf 
dem Capitol befand sich ein geweihter Schild mit der Inschrift : Genio urbis 
Romae sive mas sive femina (Serv. Aen. II 351). Ein Staatsopfer an den Genius 
publicus wird zuerst 536 = 218 erwähnt (Liv. XXI 62, 9), in der letzten 
Zeit der Republik hat er ein Heiligtum in der Nähe des Goncordientempels 
am oberen Forum,^) und die Kaiendarien verzeichnen am 9. Oktober ein 
Opfer Oenio publica, Faustae FdicUati, Veneri Victrici in Capitolio; in der 
Kaiserzeit findet sich der Genius populi Romani, abgesehen von zahlreichen 
Dedikationen einzelner Privatleute,^) in den Götterreihen, die von den 
Arvalen bei der Fürbitte für den Kaiser und sein Haus angerufen und 
durch Opfer geehrt werden,*) und im 4. Jahrhundert werden ihm zu Ehren 
am 11. und 12. Februar ludi Genialici begangen.^) Sein Bild, in durch- 
aus typischer Auffassung {ut formari Genius publicus seiet Amm. Marc. XX 
5, 10), begegnet häufig auf Münzen: er erscheint als bärtiger (später jugend- 
lich), nur unterwärts mit einem Mantel bekleideter Mann, mit Füllhorn im 
linken Arm und gewöhnlich mit einer Opferschale in der rechten Hand. 
Dem entsprechend werden auch sonst die Genii von Städten wiedergegeben, 
z. B. der von Lugudunum auf einem Thonrelief ^) und die anderer Städte 
auf Münzen;*) auch der Genius theatri ist auf einem Relief von Capua^^) in 



1) Tutela Tarraconensis CIL II 4091, 
TuUia damus BupUianae V 3804, Tutela 
Candidiana VI 776; ohne Beinamen 11 2538. 
3031. 3226. 4090. V 4982. VI 774. 775. Ver- 
einzelt steht die lovis Tutela V 4243, vgl. 
XU 1887 

*) CIL III 3349 (mit HObnbbs Anmer- 
kung). 4056. V 4982. 

*) Hieron. in Esai. 57 (III p. 418) und 
das Relief Annali d. Inst 1866 Taf. K 4; 
die Gottin, die hier, wie auf den Münzen 
des Caransius (Cohek, Möd. imp. VII ' p. 36 
nr. 358 ff.) dorch Inschrift sichergestellt ist, 
trftgt das bezeichnende Symbol des Genios, 
das Fttllhom. Andre angebliche Tutela-Dar- 
stellnngen (Gaz. aroh^ol. V 1879 p. 4. 211) 



gehören nicht hierher. 

*) Caas. Dio XLVII 2. L 8. 

») z. B. CIL VI 248. 397. Eph. ep. IV 
736 u. a.; vgl. anch CIL VI 29944 i= Orelu 
1684) [«»] qui8 hane ara{m) laeserit, haheat 
Genium iratum populi Romani et numina 
Divorum. 

<) Hbnzen, Act. fr. Arv. p. 72. 121. 

') MOMMSBN, CIL P p. 309. 

") Fbobhkbb, Musöes de France pl. 15, 2. 
CIL XII 5687, 45. 

*) Imhoof-Blüxbr, Ztschr. f. Numism. 
XIII 1885, 128 ff.; vgl. anch £. Cabtabi- 
LovATBLLT, Bull. arch. com. XIX 1891, 246 f. 

■<>) CIL X 3821. Jordan. Annali d. Inst. 
1862, 333. 



158 



Religion nnd Knltaa der Rftmer. IL GOtterlehre. 



ähnlicher Weise dargestellt, und überhaupt ist diese mehr ideale Fassung 
(in griechischer Tracht und nur unterwärts bekleidet) für all die zahl- 
reichen Bilder von Genii exercituum, locorum, coUegiorum u. s. w. zur 
Anwendung gekommen. Dagegen geschieht in abweichender Form die 
Bildung von Personalgenien, sei es des Kaisers, sei es von Privaten: sie 
führen zwar auch das Füllhorn, welches als Symbol der genialis copia das 
eigentliche unterscheidende Attribut des Genius ist,') zeigen aber in rea- 
listischer Auffassung Römer in der Toga und — soweit es sich um feiner 
ausgeführte Denkmäler handelt — mit Porträtzügen, sozusagen das Ideal- 
bild des civis Romanus; mit Vorliebe wird der Genius opfernd dargestellt, 
wobei er den Zipfel des Gewandes über das Hinterhaupt hinaufgezogen 
hat und die Opferschale in der rechten Hand hält: zahlreiche Reliefs 
und Wandgemälde, auch einige Statuen, sind die Repräsentanten dieses 
Typus. 

Eigenartig, aber wohl nicht zur vollen Entwicklung gelangt ist die 
Anschauung, dass auch die Götter und Göttinnen, ebenso wie sie eine 
Vesta deorum dearumque besitzen (oben S. 148), ebenso je ihren Genius, 
bezw. ihre Juno haben. Im Tempel des Juppiter Liber zu Furfo wurde 
in republikanischer Zeit neben diesem Gotte selbst auch dem Genius Jovis 
Liberi geopfert (CIL IX 3513), und die Arvalbrüder bringen bei den sacra 
piacularia nicht nur der Dea Dia, sondern auch der Juno Deae Diae Opfer 
dar;^) auf Inschriften und in sonstigen Zeugnissen der Kaiserzeit begegnen 
noch Genii und Junones verschiedener Götter und Göttinnen,^) ohne dass 
wir dadurch genaueren Aufschluss über die zu Grunde liegende Auffassung 
erhielten, da hier die Genii und Junones nicht neben den betreffenden 
Gottheiten, sondern an deren Stelle genannt werden. Jedenfalls zeigt das 
Verhältnis der Opfertiere bei den Arvalen, wo Dea Dia zwei Kühe, Juno 
Deae Diae nur zwei Schafe erhält, dass die letztere eine etwas unterge- 
ordnete Stellung einnahm: der Genius eines Gottes neben diesem selbst 
wird ähnlich aufzufassen sein wie die Schlange neben dem Genius. Ana- 
loge Anschauungen treten uns in den religiösen Denkmälern der ver- 
wandten italischen Völker entgegen. Bei den Umbrem von Iguvium wird 
neben Mars ein Cetfus Martins verehrt, auch erhalten mehrere Gottheiten 
beiderlei Geschlechts das Beiwort cerfius: mit vollem Rechte hat man 
diese Worte, ebenso wie das paelignische Cerfus^) mit dem lateinischen 



^) Die Deutung der bewaffneten Figur 
auf oskischen Münzen (FbibdlIkdrr, Osk. 
Münzen S. 76 Taf. 9, 1-5) als Genius Ita- 
liae entbehrt jeder Begründung. 

*) Daher ist die Verhüllung desselben 
ein Zeichen nahenden Unheils (Amm. Marc. 
XXV 2, 3). Münzen des Galba (Cohen, Möd. 
imp. P p. 344 f.) mit der Umschrift Oenio 
p. B. zeigen neben dem Kopfe des Genius 
das Füllhorn als Beizeichen. 

') Hbnzbn, Act. fr. Arv. p. 144. 

*) Genius lovis (CIL II 2407, vgl. Ge- 
nius lovialis bei Amob. III 40), Martis (CIL 
II 2407. CIRh. 1611. 1701), Mercurii Alauni 
(ClRh. 1717), UbeH Augusti (CIL V 326), 



numinis Priapi (XIV 3565, vgl Petron. 21), 
numinis Fontis (CIL VI 151); Genius Vic- 
toriae (CIL II 2407, vgl. den Genius lunonis 
bei Mart. Cap. I 53); luno Isidis Victricis 
(CIL IX 5179, Lesung unsicher), luno Gon- 
eordiae Auaustae (CIL VIII 4197) u. a. Ob 
wir bildliche Darstellungen solcher Genii 
deorum besitzen, ist zweifelhaft; denn C. L. 
Viscontis Deutung einer nackten jugend- 
lichen Figur mit Aegis und Füllhorn auf 
den Genius Jovis (Bull. com. X 1882, 173 ff. 
mit Taf. XVIII/XIX) ist nicht überzeugend. 
^) BuECHELER, Rhein. Mus. XXXIH 281; 
Umbrica p. 80. 



A. Di indigetea. 29. Gottheiten der Erde nnd des Landbana. 



159 



Namen Cerua^) zusammengebracht, der im Liede der Salier in der Form 
duonus cerus oder cert^ tnanus als Beiname des Janus vorkam;^) da dieses 
Wort ebenso mit der Wurzel von creare zusammenhängt wie Genius mit 
gigner e, so entspricht Cerfus Martins lateinischem Genius Martis und cerfius 
wird ebenso als == genialis aufzufassen sein, wie das auf der oskischen In- 
schrift von Agnone mehreren Gottheiten beigelegte Attribut kerriios:^) die 
Bezeichnung der Götter als geniale und die Entwicklung eigner Genii 
deorum entstammen offenbar der gleichen Grundanschauung. 

Litteratur: Jordan, Annali d. Inst. 1872, 19 S. Th. Bibt in Roscfaers Lexik. 
I 1613 ff. (über Jnnones M. Ihm ebd. II 615 ff.). De-Mabohi, II culio privato di Roma 
antica I 69 ff. 

39. Gottheiten der Erde und des Landbaus. Selbstverständlich 
mussten in der Götterordnung einer vorwiegend bäuerlichen Gemeinde die 
Gottheiten des Ackerbaues und der damit zusammenhängenden ländlichen 
Beschäftigungen nach Zahl und Bedeutung einen hervorragenden Platz 
beanspruchen. Aus der Thätigkeit des Landmannes haben die beiden 
wichtigsten Momente, der Ausgangspunkt und das Ziel seiner Arbeit, 
Aussaat und Ernte, in Saturnus und Consus eigene göttliche Vertreter 
erhalten, von denen in besonderen Abschnitten zu handeln sein wird; 
neben ihnen aber wird noch eine Reihe weiblicher Gottheiten verehrt, 
von deren Gnade das Gedeihen der Frucht abhängt. An ihrer Spitze steht 
Tellus mater, die Göttin des Saatfeldes, das den Samen aufnimmt und 
in seinem Schosse sich entwickeln lässt, daher von den Pontifices als 
die nährende und schützende Göttin in ihren Gebeten angerufen.^) Das 
Hauptfest wird ihr im Frühjahre gefeiert, wenn alle Saaten in der Erde 
liegen und zum Gedeihen ihres Segens am meisten bedürfen: zu dieser 
Zeit begeht man am 15. April das Fest der Fordicidia,^) so genannt von 
dem Opfer der fordae boves, trächtiger Kühe, die ihr an diesem Tage so- 
wohl in den einzelnen Curien als seitens der Pontifices auf dem Capitoi 
geschlachtet wurden;*) auch an einigen anderen Orten, vermutlich an den 
Grenzen der römischen Ackerflur, fanden feierliche Handlungen statt. ^ 
Dass dies Fest der Tellus galt, ist ausdrücklich bezeugt;^) seine Ergän- 
zung findet es in den vier Tage später,^) am 19. April, stattfindenden 
Cerialia, an denen die mit Tellus im altrömischen Kulte aufs engste ver- 
bundene Göttin des pflanzlichen Wachstums Ceres *®) gefeiert wird. Die 



*) Eigentlich Cerrus (Kerrua, vgl. Büe- 
CBELKR, Umbrica p. 98 f.), mit Ceres direkt 
msammenhängend als adjektivische Bildung 
Cer{e)B'U8f Cerrtia. 

«) Paul. p. 122. Varro de I. I. VII 26; 
vgl. die Gefftssinschrift CIL I 46 Keri pa- 
eahm. 

*) ZvRTAiBFF, Syll. inscr. Oscar, p. 116. 

*) Varro bei August, c. d. VII 23 (vgl. 
IV 10): pontifices ... faeiuiU rem divinam 
TeUuri TeJlumoni AUari RusoH; Tellumo 
scheint ebenso wie Altor und Rusor eine 
Indigitation der Tellus zu sein, während 
Varro und Neuere (z. B. Nissen, Pomp. Stud. 
8. 382) darin ein mftnnliches Gegenstück zu 
Tellus (vgl. den TeUurus bei Mart. Gap. I 
49) sehen wollen. 



*) Aeltere Form Hordicidia, vgl. Paul, 
p. 102. Varro r. r. II 5, 6. 

•} Varro de I. 1. VI 15. Ovid. fast. IV 
629 ff. 



n Lyd. de mens. lY 49^ 



, Ovid. fast. IV 634; Lyd. de mens. 
IV 49 übersetzt Tellus mit Jr^fitjxr^Q, wie 
häufig geschieht, z. B. bei der Saecularfeier 
Zosim. II 5 vgl. mit Act. lud. saec. £ph. 
epigr. VIII p. 232 [Terra mater), 

') üeber die Bedeutung dieses Zeitab- 
standes s. WissowA, De feriis anni Rom. 
p. VIII ff. 

^^) Der Name a creando Serv. Georg. I 7; 
anders a gerendo Varro de I. 1. V 64. Cic. 
nat. deor. 11 67. III 52; s. oben Anm.. 1. 



160 



Religion nnd Koltna der Römer. IL GOtterlehre. 



nämlichen beiden Gottheiten begegnen uns vereint an einem zweiten Feste, 
das wie viele der^mit der Landwirtschaft zusammenhängenden Festfeiem 
nicht auf einen bestimmten Tag festgelegt war, sondern entsprechend 
dem Stande der Feldarbeiten eines jeden Jahres angesetzt wurde. Es ist 
dies das nach beendeter Aussaat an zwei durch eine Woche getrennten 
Tagen ^) des Januar gefeierte Saatfest, feriae sementivae, au welchem man 
den beiden Göttinnen Spelt opferte und eine trächtige Sau schlachtete.*) 
Im Zusammenhange mit diesem Feste scheint ein schon beim Beginne der 
Aussaat durch einen der Flamines, jedenfalls den (noch in der Kaiserzeit 
nachweisbaren) Flamen Gerialis') der Tellus und Ceres dargebrachtes Opfer zu 
stehen, bei welchem die Gottheit unter zwölf verschiedenen Namen für all 
die einzelnen Arbeiten der Landwirtschaft und ihren Erfolg angerufen 
wurde ;^) demgemäss steht auch die Saat, solange sie sich auf dem Felde 
befindet, im Schutze der Ceres, und wer sich an jener vergreift, ist der 
Göttin mit seinem Leben verfallen.^) Ganz entsprechend erhalten vor 
Beginn der Ernte Tellus und Ceres vereint das Opfer der porca prcteci- 
danea,^) das zu den regelmässigen Opfern des Landmannes gehört und wie 
die Fornacalia, Parilia, Compitalia zu den popularia sacra gerechnet wird 
(Fest. p. 253): es ist eine heilige Handlung von doppelter Bedeutung, 
einerseits Einleitung der Ernte, andererseits zugleich ein Sühnopfer für 
eine etwa vorgefallene Verletzung des ins manium; ursprünglich wurde 
die porca praecidanea nur von dem geopfert, der im Laufe des Jahres eine 
ihm zustehende Pflicht der Beerdigung nicht oder nicht gehörig erfüllt 
hatte (qui mortuo iusta non fecisset), nachher aber wurde der Brauch, wohl 
in der Annahme; dass jeder eine vielleicht unbewusste Versündigung dieser 
Art zu sühnen habe, ein allgemeiner,^) und schliesslich war, wie die vonCato 
gegebene Beschreibung der Ceremonie zeigt, dem opfernden Landmanne 
nur noch die Beziehung auf die Ernte klar bewusst. Diese Verschiebung 
findet auch darin ihren Ausdruck, dass die meisten Zeugen als EmpflLngerin 
des Opfers nur Ceres nennen:^) denn von den beiden Beziehungen der 
heiligen Handlung ist offenbar die auf den Totendienst mehr in Tellus 
verkörpert, die uns hier in einer auch sonst nachweisbaren (s. unten) Ver- 
bindung mit den Di manes entgegentritt, während der Ceres als der Göttin 
des Wachstums das Ernteopfer ebenso gilt, wie ihr auch als besondere 
Weihegabe der erste Ährenschnitt, das praemetium, zukonmit.*) 

^) Lyd. de mens. III 6. 

») Ovid. fast. I 657 ff. Varro de 1. 1. 
VI 26. Paul. p. 337. Für Tellus und Ceres 
(Ovid. V. 671. 673) nennt Lyd. de mens. III 6 
JrjufjtfjQ und Koqij. Die Beteiligung der 
Tellus geht auch aus Varro r. r. I 2, 1 hervor. 

') fiamini Ceriali Romae Inschrift von 
Mevania Arch. epigr. Mitt. XV 29 = CIL 
XI 5028. 

*) Serv. Georg. I 21 : Fabius Picior hos 
de08 enumerat, quo8 invocat flamen sacrum 
ceriale faciens Telluri et Cereri: Vervactorem, 
Redaratorem (Hs. Reparatorem), Itnporcito- 
rem, Insitorenif Obaratorem, Occaioremf Sarri- 
torem, Subruneinatorem, Measorem, Convec- 
tarem, Conditorem, Promitorem, 



^) Paul. p. 319; vgl. 235. 

*) Frugem quidem aratro quaesUam für- 
Hm noctu pavisse ac secuisse jmberi XII ta- 
btUis capital erat suspensumgue Cereri necari 
iubebant, Plin. n. h. XVIII 12. 

*) Cato agric. 134. Varro bei Non. 
p. 163. Paul. p. 219. 223. Gell. IV 6. 7. 
Mar. Vict. p. 25; auch die Bemerkung des 
Fest. p. 238, dass man der Ceres bei einer 
bestimmten Gelegenheit anstatt des Opfer- 
tieres eine goldne und eine silberne porca 
dargebracht habe, bezieht sich vielleicht auf 
dieses Opfer. 

")Vgl.LüBBBBT,Commentat.pontific.p.78. 

') Beide Göttinnen hat nur Varro bei 
Non. p. 163. 



A« Di indigetea. 29. Gottheiten der Erde nnd des Landbana. 



161 



Bei all diesen Gelegenheiten ist die Verbindung von Tellus und 
Ceres eine alte und ursprüngliche; dagegen scheint in andern Fällen letzt- 
genannte Göttin erst unter dem Einflüsse griechischer Vorstellungen, durch 
welche ja der römische Geresdienst eine völlige Umgestaltung erfuhr (s. 
unten § 46), neben die Erdgöttin getreten zu sein oder sie gar verdrängt 
zu haben. Wenn am Stiftungstage des unten zu erwähnenden Tellus- 
tempels ausser Tellus auch Ceres ein Opfer erhält, so zeigt die Erwähnung 
eines lectisternium bei dieser Gelegenheit,^) dass wir es hier mit dem grie- 
chischen Kulte zu thun haben, und wenn einmal*) bei der römischen Ehe- 
schliessung auch Ceres erwähnt wird, so ist sie jedenfalls unter dem Ein- 
flüsse der griechischen Jri^rivrjQ &€afio^Qog^) an die Stelle der Tellus ge- 
treten, deren Anrufung bei der Eheschliessung gut bezeugt ist>) Auch 
das angesichts der Leiche dargebrachte Opfer der praesentanea porca, dessen 
Empfängerin nach Fest. p. 250 (vgl. Mar. Vict. p. 25) Ceres war, hat wohl 
von Haus aus der Tellus oder höchstens, wie die porca praeddanea, Tellus 
und Ceres gemeinsam gegolten, und die Bezeichnung der Unterweltsöffnung 
als mundus Cereris^) ist ebensowenig das Ursprüngliche (s. unten § 35) 
wie die Angabe, dass der mundus den griechischen Göttern Dis und Pro- 
serpina heilig sei (Macr. S. I 16, 17). Im sicher überlieferten altrömischen 
Ritual erscheint als Vertreterin der Unterwelt nie Ceres, sondern nur 
Tellus; so namentlich in der Devotionsformel, wo der Devovierende sich 
und das Heer der Feinde Telluri ac dis manibus weiht*) und am Schlüsse 
Tellus mater und Juppiter pater zu Zeugen genommen und als Vertreter 
der unterirdischen und der himmlischen Götter dadurch gekennzeichnet 
werden, dass der Sprechende bei dem Namen Tellus mit den Händen die 
Erde berührt, bei dem Namen Juppiter dieselben gen Himmel erhebt (Macr. 
S. m 9, 11 f.). 

Durch dieses Eindringen griechischer Vorstellungen ist der alte Kult 
der Tellus immer mehr zurückgedrängt worden. Der auffallendste Beweis 
dafür ist die Thatsache, dass bei den Gebeten und Opfern der Arvalbrüder 
ihrer überhaupt nicht gedacht wird; doch gibt es dafür wohl eine Er- 
klärung: der Name Dea Dia, den die von den Ackerbrüdern in erster 
Linie verehrte Gottheit führt, ist ebensowenig ein Eigenname wie z. B. 
Bona dea, sondern nur der Beiname einer Gottheit, deren individuelle Be- 



>) CIL P p. 336 f. 

*) Paul. p. 87 : facem in nuptiis in hono- 
rem Cereris praeferebant. Dies ist das ein- 
zige Zeugnis, denn die Stelle des Licinins 
Galvus bei Serv. Aen. IV 58 bezieht sich 
offenbar auf die griechische Demeter, und 
die eigenen Ausführungen des Servius sind 
ebenso willkürlich wie seine Angabe (Aen. 
III 139) über Ceres als Göttin der Eheschei- 
dung, die Rossbach, Rom. Ehe S. 134. 302 
mit Unrecht ernst nimmt; Plut. Romul. 22 
beweist jedenfalls nichts dafür; s. unten 
§46. 

•) Legifera Ceres bei Verg. Aen. IV 58. 
Ueber Demeter als Ehegöttin vgl. Flut, praec. 
coning. Auf. 

Buidbuoh der tili. AltertnnMWlMeiiMbalt. V, 4. 



*) Verg. Aen. IV 166 und Serv. z. d. St.: 
quidam sane Tellur em praeesae nuptiis trc^ 
duni: nam et in auspiciis nuptiarum vocatur; 
cui etiam virgines vel cum ire cid domum 
mariti coeperint vel iam ibi positae diversis 
nominibtM vel ritu sacrificant, 

^) Fest. p. 142; vgl. die sacerdos Cericdis 
mundalis in Capua, CIL X 3926. 

•) Liv. VIII 6, 10. 9, 8. X 28, 13. Aehn- 
lich auch in Verwünschungen z. B. Suet. 
Tib. 75. Aur. Vict. Caes. 33, 31. Dieselbe 
Verbindung auf einer römischen Grabschrift 
CIL VI 16398 (vgl. Bull. arch. com. XIV 
1886, 281): Dis manibus et Terrae matri 
trium Corneliorum. 



11 



162 



Religion und Knltna der Bömer. ü. GOtterlehre. 



Zeichnung hinter diesem verschwunden ist, und es kann wohl keinem 
Zweifel unterliegen, dass dieser Beiname ursprünglich entweder der Tellus 
oder der mit ihr eng verbundenen italischen Ceres zukam ^). Ein Heilig- 
tum der Tellus mag sich von alters her am Abhänge des Esquilin in der^ 
selben Gegend befunden haben, wo die Göttin seit dem J. 486 = 268 einen 
vom Consul Ti. Sempronius Sophus bei Gelegenheit eines Erdbebens im 
Kampfe mit den Picentern gelobten ansehnlichen Tempel besass.*) Dedi- 
cationen an Tellus oder, wie sie später häufiger genannt wird. Terra mater, 
sind verhältnismässig selten,^) von besonderem Interesse ist eine durch 
die Inschrift Terrae matri deae piae gesicherte statuarische Darstellung,^) 
in welcher die Göttin im Gegensatz zu der auch auf römischen Denk- 
mälern häufig begegnenden griechischen Bildung der gelagerten Erd- 
göttin ^) in einer Aedicula thronend erscheint, verschleiert, mit Ähren be- 
ki'änzt, Scepter und Opferschale in den Händen. 

In unmittelbarer Nachbarschaft der Hauptfeste von Tellus und Ceres, 
Fordicidia und Cerialia, liegen (abgesehen von den vier Tage nach den 
Cerialia am 23. April stattfindenden Vinalia, s. oben S. 102) noch mehrere 
Festlichkeiten von Gottheiten verwandter Art, die im Frühjahr für das 
Gedeihen der Frucht und die Fernhaltung alles Feldschadens angerufen 
werden.*) In letzterer Hinsicht feierte man insbesondere am 25. April 
zur Abwehr des Rostes von den Getreidefeldern die Robigalia,^) an denen 
man in feierlicher Prozession zu dem am 5. Meilensteine der Via Claudia 
gelegenen Haine des Robigus^) zog und vom Flamen Quirinalis ein Hund 
geopfert wurde. Die örtlichkeit*) ist wohl gewählt als einer der Grenz- 
punkte der alten römischen Feldmark, von der die Gefahr durch Opfer 
und Gebet femgehalten werden sollte und welche in früheren Zeiten, 
als die Gemarkung noch klein war, von der Prozession wahrscheinlich 
ganz umwandelt worden war, die Zeit mit Rücksicht darauf, dass gerade 
im Frühjahr das Getreide der Rostkrankheit am meisten ausgesetzt ist; 
das Hundsopfer spielt im ländlichen Kulte überhaupt eine grosse Rolle 



') Benzen, Act. fr, Arv. p. 48. Eine 
andere Indigitation derselben Göttin ist viel- 
leicht auch der Doppelname Panda Cela: s. 
Varro Menipp. frg. 506 Buech. und mehr 
bei R. Peteb in Roschers Lexik. II 210 f. 

»j Flor. I 14. CIL I« p. 337. Gilbert, 
Topogr. I 193 ff. III 356. C. L. Visconti, 
Bull. arch. com. XV 1887, 248 f. Elteb, De 
forma urbis Romae I 19. Lanciani, BuU. 
arch. com. XX 1892, 32 ff. Hülsen, Rom. 
Mitt. Vlil 1893, 301 f. 

») Tellus CIL II 2526. VI 769. 772. VIII 
8305. 8246. 8247. 8309. X 6104; Terra mater 
(stets so) II 3527. lU 996. 1152. 1284. 1285. 
1364. 1555. 1599. 6313. VI 770. 771. 3731. 
XII 359. XIV 67. 

*) Bull. arch. com. I 1872 Taf. III. CIL 
VI 3731. 

<") B. Stark, De Tellure dea (Jena 1848) 
p. 36 ff. 

') Mit einem dieser Feste wird der dies 



tinearum ac murium identisch sein, gegen 
dessen Feier noch im 6. Jhdt. Martin von 
Bracara (de correct. rustic. c. 11, vgl. Caspari 
z. d. St.) predigt; mit welchem, ist nicht 
sicher zu sagen. 

») Varro de 1. 1. VI 16; de r. r. I 1, 6. 
Fast. Praen. Paul. p. 267. Plin. n. h. XVIII 
285. Ovid. fast. IV 905 ff. Colum. X 342 f. 
Serv. Georg. I 151. 

*) Dass nur diese Namensform gut tiber- 
liefert ist, betont mit Recht Jordan zu 
Prbllkr, R. M. II 44, 2; Sobigus bieten die 
fast. Praen., Varro, Paulus, Plinius, Servins 
aa. 00., ausserdem Gell. V 12, 14, eine 
Göttin kohigo kennen nur Ovid und Colu- 
mella aa. 00. und aus ihnen die Kirchen- 
väter (Tertull. de spect. 5. Lact. I 20, 17. 
August, c. d. IV 21). 

•) Vgl. über diese Mousrn CIL P 
p. 316 f. UsEKER, Religionsgesch. Untersuch. 
I 299 f. 



A. Di indigetea. 29. Gottheiten der Erde nnd des Landbana. 



163 



und wird z. B. als geläufiges Sühnopfer vom Bauer in dem Falle dar- 
gebracht, dass er sich genötigt sieht, eine dringende Arbeit ausnahms- 
weise an einem dies feriatus vorzunehmen. ^ In demselben Sinne wie an 
den Robigalia findet das Hundsopfer von Staatswegeh noch einmal statt, 
bei dem sogenannten Augurium canarium, welches alljährlich an 
einem von den Pontifices eigens dafür anberaumten Tage durch ein Opfer 
rötlicher Hunde begangen wurde,*) und zwar zu der Zeit, wo die Ähren 
des Getreides noch in den Scheiden lagerten,') also nicht weit entfernt 
von den Robigalia: dass es trotzdem verschiedene Festlichkeiten waren, 
geht einerseits aus dem Umstände hervor, dass das sacrum canarium zu 
den feriae conceptivae gehörte, während die Robigalia an einen bestimmten 
Tag ein für allemal gebunden waren, andererseits aus der Verschieden- 
heit des Ortes, da das Augurium canarium nicht, wie die Robigalia, 
an der Grenze der römischen Flur, sondern unweit eines römischen 
Stadtthores stattfand, das davon Porta Catularia hiess (Paul. p. 45) : der 
aus der Übereinstimmung von Zeit, Bestimmung und Opfertieren zu er- 
schliessende Zusammenhang beider Opfer lässt sich im einzelnen nicht 
mehr genau erkennen: doch sind die rötlichen Hunde, die hier geopfert 
werden, gewiss ebenso ein Symbol des die Saaten verheerenden Sonnen- 
brandes, wie die Füchse, die man nach altem Brauche am Feste der 
Cerialia hetzte, nachdem man ihnen brennende Fackeln an die Schwänze 
gebunden hatte (Ovid. fast. IV 681 f.). 

Zusammen mit den Robigalia pflegen die alten Gewährsmänner die 
Floralia zu nennen als eine Feier, die in derselben Weise der Fürbitte 
für das blühende Getreide gelte, wie die Robigalia der für Erhaltung des 
sprossenden.^) Jedoch besteht zwischen beiden ein tiefgreifender Unter- 
schied insofern, als die Robigalia zu den Feriae der ältesten Festtafel ge- 
hören, während die Ludi Florales erst in verhältnismässig später Zeit ein- 
gesetzt sind. Im J. 516 = 238 nämlich wurde auf Anordnung der sibyl- 
linischen Bücher beim Circus maximus ein Tempel der Flora erbaut^) 
und am 28. April durch Spiele eingeweiht, welche seit dem J. 581 == 178 
ständig wurden und in der caesarischen Zeit volle 6 Tage (28. April bis 
3. Mai) dauerten. <^) Die Erwähnung der sibyllinischen Bücher und der 
ausgelassene Charakter der Spiele, bei denen besonders Mimen aufgeführt 
wurden und die Tänzerinnen auf Verlangen des Publikums nackt auftreten 
mussten,^) lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier ein griechi- 
scher Eult^) unter dem Deckmantel eines italischen Namens eingeführt 



*) Colmn. II 21, 4: sed ne aementeni 
quidemadministrare, niaiprius catulo feceris, 
nee faenum seeare, vineire atU vehere ac ne 
vindemiam quidem cogi per religiones ponti- 
fieum feriis licet nee oves (andere, nisi ai 
eatido feeeria, 

«) Fest. p. 285. Philargyr. zu Verg. 
Georg. IV 425. 

*) Plin. n. h. XVIII 14: üa enim est in 
commentariis pontifieum: augurio eanario 
agendo dies eonatituantur priusquam fru- 
metUa vaginia exeant nee antequam in vaginaa 
perveniant. 



*) Varro r. r. I 1, 6. Plin. n. h. XVIII 
285 f. 

») Plin. n. h. XVIII 286. Vell. Fat l 14, 
8. Tac. ann. II 49. Der Tempel wurde wieder- 
holt restauriert, zuletzt noch im J. 391 durch 
Q. Aurelius Symmachus; vgl. Ausr, De 
aedib. sacr. p. 17 Nr. 37. 

>) MOMMBEN CIL V p. 317. 

^) Die Zeugnisse bei Mabquardt. Staats- 
verw. III 379. 502; in der Eaiserzeit wurden 
die Spiele auch ausserhalb Roms begangen, 
CIL VIII 6958. 

") Eine nfthere Bestimmung desselben 

11* 



164 



Religion und Knltna der Römer. II. GOtterlehre. 



wurde. Von Haus aus jedoch ist Flora eine italische Göttin, deren Ver- 
ehrung sich noch bei den Oskern und Sabinern nachweisen lässt^) and 
von welcher bei den letzteren ein Monat den Namen mese Flusare (= mensis 
Floralis) führte.') Dass sie schon im ältesten römischen Gottesdienste ihre 
Stelle hatte, wird bewiesen zwar nicht durch die Angabe des Varro (de 
1. 1. V 74), dass T. Tatius ihr in Rom einen Altar gestiftet habe, wohl 
aber durch das Vorhandensein eines eigenen Flamen Floralis') sowie durch 
die Thatsache, dass die Arvalbrüder, deren Piacularopfer nur an alt- 
römische Gottheiten gerichtet sind, auch ihr opfern.^) Wenn die älteste 
Festtafel keine Feier der Flora anführt, so erklärt sich das wohl daraus, 
dass dieselbe wie andre ländliche Feste conceptiv war; wir werden kaum 
fehlgehen mit der Annahme, dass schon in ältester Zeit ein wandelbares 
Fest der Flora alljährlich Ende April oder Anfang Mai gefeiert wurde, 
das nachher durch die Ludi Florales zurückgedrängt wurde; der Name 
steht vielleicht noch bei Paul. p. 91 : FlorifeHum dictum, quod eo die spicae 
feruntur ad sacrarium <Florae>.^) Das Heiligtum der alten italischen rustica 
Flora (Martial. V 22, 4) lag auf dem Quirinal, zwischen dem Quirinus- 
tempel und dem Capitolium vetus,®) und bestand noch am Ausgange des 
Altertums; doch war es kaum eine wirkliche aedes sacra — die Ealen- 
darien verzeichnen den Stiftungstag nicht — sondern nur ein bescheidnes 
sacellum. Jedenfalls aber zeigt der Fortbestand dieses Heiligtums und 
des Flamen Floralis, sowie die Stelle der Göttin im Dienste der Arvalen,^) 
dass die altrömische Flora durch den griechischen Kult gleichen Namens 
nicht völlig verdrängt wurde, sondern neben ihm weiterlebte. 

Dass wie die Blüte, so auch die Frucht in der ältesten römischen 
Götterordnung ihren eignen Vertreter und Beschirmer besass, beweist das 
Vorhandensein eines Flamen Pomonalis, der in der Rangfolge der Flamines 
die unterste Stelle einnahm;^) ein Pomonal, wohl ein heiliger Hain, lag 
zwölf Milien von Rom entfernt seitwärts der Strasse nach Ostia.*) Er- 
gänzt werden diese spärlichen Zeugnisse durch sakrale Urkunden der ver- 
wandten italischen Stämme: in den iguvinischen Tafeln begegnet uns ein 
Götterpaar Puemunus publicus mit Vesuna Puemuni publici,^^) und wenn 
sich auch der Name der letztgenannten, auch bei den Marsern verehrten ^^) 



erscheint nnmöglicli ; Ovids Deutung (fast. 
V 195 ff.) auf Ghloris beruht wohl nur auf 
Kombination. 

') Auf der Tafel von Agnone (Zyetaieff, 
Inscr. It. inf. dial. Nr. 87) und auf einer 
oskischen Inschrift von Pompeji, Zvetaieff 
a. a. 0. Nr. 147. 

*) Zvetaieff a. a. 0. Nr. 10 und CIL IX 
3518. 

») Varro de 1. 1. VII 45; das Amt wird 
noch in der Eaiserzeit besetzt, CIL IX 705. 

*) Benzen, Act. fr. Arv. p. 146. 

*) Varro de 1. 1. V 158. Vitruv. VII 9, 
4; vgl. Bbgkbr, Topogr. S. 577. Ht^LSBN, 
Rhein. Mus. XLIX 407. 

^) Diese Ergänzung scheint durch die 
von Verrius Flacous vorgeschlagene Ety- 
mologie gefordert; diese selbst aber ist kaum 



zutreffend, sondern der Name hängt wohl 
mit fertum (eine Art Opferkuchen) zusammen. 

') Weihinschriften sind selten: CIL XIV 
8486. £ph. epigr. IV 725 (vervollständigt 
Bull. arch. com. X 1882, 149 f.). 

8) Fest. p. 154. Varro de 1. 1. Vn 45. 

^) Fest. p. 250; vgl. Desjabdins, Essai 
sur la topographie du Latium (Paris 1854) 
p. 218. 

^^) BüECHELBE, Umbrica p. 162. Auf einem 
etruskischen Spiegel (Gebhard-Eobbte, Etr. 
Spiegel. V Taf. 85) ist Vesuna mit Phuphluns 
ebenso gepaart wie sonst Ariadne, doch be- 
tont Koebte im Text S. 45 f. mit Recht, 
dass wir daraus auf die Bedeutung der 
Vesuna keine Rückschlüsse ziehen dürfen. 
^0 Vesune Erinie et Erine patre CIL IX 
3808 = Zvetaieff, Inscr. Ital. infer. dial. 



A. Di indigetea. 29. Gottheiten der Erde nnd des Landbana. 



165 



Göttin einer sicheren Erklärung entzieht, so wird man doch den Zusammen- 
hang des umbrischen Puemunus mit der römischen Pomona um so we- 
niger in Zweifel ziehen dürfen, als sich auch bei den Sabinern von Ami- 
temum^) und in Unteritalien dieselbe Gottheit unter dem Namen Poimunis 
oder Pomonis findet.^) Es muss dahingestellt bleiben, ob es in Rom ur- 
sprünglich ein Götterpaar Pomonus und Pomona (wie Faunus und Fauna 
u. a.) gab, oder ob Pomonal und Flamen Pomonalis in der That zu einem 
männlichen Pomonus gehören und dies Verhältnis erst später dadurch 
verkannt wurde, dass man eine Göttin Pomona ansetzte. 3) Jedenfalls 
beruht es auf ganz freier Erfindung, wenn Ovid von der Werbung des 
Vertumnus um Pomona zu erzählen weiss (met. XIV 623 flf.) oder andre 
sie zur Gemahlin des durch Circo in einen Specht verwandelten Laurenter- 
königs Picus machten.^) 

Mitten unter den Festen des April, zwischen den Fordicidia und 
Cerialia auf der einen, den Robigalia und dem wahrscheinlich anzuneh- 
menden wandelbaren Florafeste auf der andern Seite steht das Hauptfest 
der Hirten und Viehzüchter, *) die Parilia (21. April). Der Name, durch 
Dissimilation B,\xa Palüia gebildet,*) weist auf eine Gottheit Namens Pa/^; 
aber während die Späteren durchweg von einer dea Poles reden, bezeugt 
uns Varro die Existenz eines männlichen Pales,^) und da es ebensowenig 
angeht, dieses Zeugnis einfach zu verwerfen, wie ein Götterpaar von zwei 
Gottheiten gleichen Namens aber verschiedenen Geschlechtes anzusetzen, 
so bleibt nur die Annahme übrig, dass, was soeben für Pomonus-Pomona 
als Möglichkeit hingestellt wurde, bei Pales wirklich geschehen ist, dass 
nämlich die nur von dem Feste ausgehende Kombination aus diesem will- 
kürlich auf eine weibliche Gottheit schloss, während dem Varro noch 
Zeugnisse dafür vorlagen, dass der älteste Kultus Pales männlich aufTasste. 
Leider wissen wir von dem im J. 487 = 267 von M. Atilius Regulus ge- 
lobten templum Palis nichts weiter als die Thatsache seiner Existenz^) und 
kennen weder das Geschlecht der Gottheit, welcher es galt, noch die Lage 
des Heiligtums. Ein weibliches Gegenstück zu dem männlichen Pales ist 
wahrscheinlich die dem Namen nach von ihm nicht zu trennende diva 
PaUiiua, welche einen eignen Flamen Palatualis besass^) und von der Berg- 



Nr. 41, Tgl. ebd. Nr. 43 Vesune; über die 
hier neben ihr erscheinende männliche Gott- 
heit ist nichts zu ermitteln. 

*) ZvBTAiEFF a. a. 0. Nr. 10: mesene 
flusare poimunien atmo, von Deecke bei 
Zybtaibff p. 176 erklärt als Poimuni en 
Äterno = Fomoni in A{mi)terno. Vgl. Büe- 
cuELEB, Umbr. p. 158 f. 

') CIL X 581: ad exornandam aedem 
Pomonis. 

') Identisch mit ihr ist wohl kaum die 
Poemana der spanischen Inschrift CIL II 
257a. 

*) 8erv. Aen. VII 190; bei Verg. Aen. 
VIF 189 und Val. Flacc. VII 232 (vgl. Plut. 
Q. R. 21) ist Circe selbst Gattin des Picus, 
bei Ovid. met. XIV 320 ff. eine Nymphe 
Canens. Vgl. Wissowa, Philol. Abhandl. M. 



Hertz dargebr. S. 163 f. 

^) Ungewissen Alters sind die nur ein- 
mal (Plin. n. h. XVill 12) erwähnten houm 
causa gefeierten Judi bubetiif die wohl mit 
der Göttin Bubona (August, c. d. IV 24. 34) 
zusammenhängen. 

^) üeber den Namen s. Gobssbn, Aus- 
sprache I 223. Falsche Ableitungen apartu 
pecoris Paul. p. 222, a partu Iliae Solin. 1, 
19. Charis. p. 58 E. Schol. Pers. I 72. Polem. 
Silv. 

^) Serv. Georg. III 1 ; vgl. Amob. III 40. 
Mart. Cap. I 50. 

•) Flor. I 20. Schol. Veron. Verg. Georg. 

in 1. 

•) Varro de I. 1. VII 45. Fest. p. 245; 
nicht verschieden von ihm ist der (ritter- 
liche) pontifex Palatualis CIL VIII 10500. 



166 Religion nnd KoltoB der Eömer. IL GOtterlehre. 

gemeinde {montani) des Palatin als besondre Schutzgottheit verehrt und 
beim Feste des Septimontium durch ein Opfer, Pcdafuar genannt, gefeiert 
wurde (Fest. p. 348): in der augusteischen Zeit war diese Diva Palatua 
ebenso verschollen wie der männliche Pales und an beider Stelle die Qöttin 
Pales getreten, von der aber niemand etwas anderes zu erzählen weiss, 
als dass ihr das Fest der Parilia gelte. Dieses Fest selbst mit seinen 
uns von Augenzeugen ausführlich beschriebenen Bräuchen gibt über die 
Beschaffenheit des ganzen Kultes hinreichende Auskunft. Die Feier war 
sowohl eine staatliche wie eine private,*) doch nur von der letzteren haben 
wir genauere Kunde. ^) Man beging das Fest als Sühnfeier für Herden 
und Hirten: die Vestalinnen verteilen an jedermann die Sühnmittel, näm- 
lich die Asche der an den Fordicidia aus den fordae boves herausgeschnit- 
tenen und verbrannten Kälber, das Blut des Oktoberrosses und Bohnen- 
stroh, die Ställe werden ausgefegt und bekränzt, vermittels eines Lorbeer- 
zweiges besprengt und mit Schwefel ausgeräuchert; die Opfer sind un- 
blutige,^) Kuchen, Milch und ländliche Speisen, und ein lustiges, oft aus- 
gelassenes Mahl krönt das Fest. Der wichtigste Festbrauch aber besteht 
darin, dass man Feuer von Stroh und Heu anzündet und dann durch die- 
selben hindurchspringt, auch wohl die Herden darüber hinwegtreibt, wie 
die Alten selbst deutlich erkannten, ein Akt der Lustration,^) für den 
Yiehstand von ähnlicher Bedeutung wie die lusfratio agri für die Felder. 
Wenn man später — wir können nicht feststellen, seit wann*) — die 
Parilien als Gründungstag der Stadt Rom feierte, so kann der Grund 
dafür kaum ein anderer gewesen sein als der, dass Pales-Palatua aufs 
engste mit dem Palatin, dem Orte der ersten Ansiedlung, zusammenhängen. 
Schon zu Caesars Zeit einmal eine Weile mit Circusspielen gefeiert, •) er- 
hielt das Fest seit Hadrian unter dem Namen 'Pcö^ar« (Athen. VHI 361 P) 
eine besonders glänzende Ausstattung und wurde noch im 5. Jahrhundert 

als natalis urbis Romae festlich begangen.*^) 

Litteratur: Pbeller-Jordan, Rom. Mythologie II 1 ff. Wissowa, Real-Encykl. III 
1970 ff. 

30. Gonsus und Ops. In Consus und Ops haben wir ein altes Paar 
von Göttern des Erntesegens vor uns. Consus ist ebensowohl durch seinen 
Namen wie durch die Festzeiten und das Ritual seines Kultes als agra- 
rische Gottheit deutlich gekennzeichnet. Der Name, früher fälschlich wie 
Cofisevius u. a. mit der Wurzel sa- säen in Beziehung gesetzt,®) ist rait 
Sicherheit von condere abzuleiten und = Condius (vgl. condus promus 
Plaut. Pseud. 608; conditor promifor Serv. Georg. I 21), bezeichnet ihn also 
als den Gott der glücklich in den Scheuern geborgenen Feldfrucht.*) Dazu 
stimmt die Thatsache, dass sein uralter Altar, der im Circusthale am Süd- 



>) Varro bei Schol. Pers. I 72. 444 f. 

•) Ovid. fast. IV 721 ff., vgl. Tibull. II •) Cass. Dio XLITI 42. XLV 6. 

5, 87 ff. Prop. Vi, 19. 4, 75 ff. Pers. I 72. | ») Momksen CIL P p. 316; vgl.NissBN, 

>) Plat. Rom. 12. Solin. 1, 19. Tempium S. 202. Dürr, Reisen Hadrians 

*) Dion. Hai. I 88. Varro bei Pers. I 72. I S. 26. 

') Die Sache ist jedenfalls viel älter als i ") Vgl. namentlich Rossbach, R5m. Ehe 

die ältesten bekannten Zeugnisse Cic. de ! S. 330 ff. 

divin. 11 98. Varro de r. r. II 1, 9; das ganze | ^) Momitsen CIL P p. 326. 

Material bei Schwkglbr, Rom. Gesch. I 



A. Di indigetes, 80. ConsiiB nnd Ops. 



167 



fusse des Palatin bei den unteren metae gelegen war,^) ein unterirdischer 
war und nur an den Festtagen aufgedeckt wurde ; Mommsen hat mit Recht 
darin eine Anlehnung an den aus der ältesten Landwirtschaft verschie- 
dener Länder bekannten Brauch gesehen, das Getreide in unterirdischen 
Räumen aufzubewahren. Nach einer vereinzelten Nachricht (Tertull. de 
spect. 5) wurde hier am 7. Juli durch die sacerdotes publici, d. h. die 
Pontifices, ein Opfer dargebracht; die eigentlichen Festtage aber waren die 
Consualia, die im ältesten Kalender an zwei Tagen, dem 21. August und 
15. Dezember, verzeichnet sind; der erste Tag, der als Hauptfest aufzu- 
fassen scheint,^) kann als eigentliches Erntefest gelten, während der zweite 
vielleicht den Schluss des Ausdrusches bezeichnet. Die Festfeier trug einen 
durchaus ländlichen Charakter: Erstlinge der Ernte werden geopfert (Dien. 
Hai. II 31), wir hören von Turnspielen der Hirtenbevölkerung (Varro bei 
Non. p. 21), die Arbeitstiere des Landmannes, Pferde und Esel, ruhen und 
werden mit Blumen bekränzt,") insbesondere aber finden ludi circenses statt, 
und zwar in Form von Wettrennen der Maultiere, die als die wichtigsten 
Zugtiere unter dem besonderen Schutze des Consus stehen.^) Ein Tempel 
wurde dem Consus im J. 482 = 272 durch L. Papirius Cursor auf dem 
Aventin erbaut; sein Stiftungstag fiel mit den Consualia des 21. August 
zusammen, bis er bei einer durch Augustus (nach dem J. 7 n. Chr.) vor- 
genommenen Restauration auf den 12. Dezember verlegt wurde.^) Die 
Deutungsversuche der Alten waren wenig glücklich:^) teils knüpfte man 
an die Rennspiele an^) und sah daher in Consus einen Poseidon Inniog, 
wobei freilich die unterirdische Anlage des Altars keine Erklärung fand; 
gerade von dieser gingen andere aus, indem sie Consus als den Urheber 
geheimer Ratschläge {Consus == deus consüii) auffassten und ihn insbeson- 
dere dem Romulus den Anschlag zum Raube der Sabinerinnen, den die 
Überlieferung darum auch auf das Fest der Consualia verlegte, eingeben 
Hessen. Man sieht, dass der Gott frühzeitig in Vergessenheit gerathen 
war, wenn auch sein Fest noch in augusteischer Zeit begangen wurde. ^) 



') Varro de 1. 1. VI 20. Dion. Hall. II 
31. Plut. Rom. 14. Tert. de spect. 5. 8. Serv. 
Aen. VITI 636; die von Tertall. de spect. 5 
mitgeteilte Inschrift des Altars Consus con- 
süio Mars dueUo Lares f coillo potentes kann 
in dieser Form keinenfalls authentisch sein, 
wenn auch die Verbindung des Consus mit 
Mars nnd den Laren an sich wohl ver- 
st&ndlich wäre (vgl. Wissowa in Roschers 
Lexik. II 1870). 

') Varro de 1. 1. VI 20 erwähnt nur ihn, 
und Tert. de spect. 5 gedenkt eines an 
diesem Tage vom Flamen Quirinalis und den 
vestalischen Jungfrauen an dem unterirdi- 
schen Altare dargebrachten Opfers; auch 
dass der Stiftungstag des aventinischen 
Consusheiligtums auf diesen Tag gelegt 
wurde, spricht dafür, dass er der Hauptfest- 
tag war. An den Consualia des 15. Dezember 
war nach den Bruchstficken der praenesti- 
nischen Fasten der Rex sacrorum irgendwie 
beteiligt. Die Angabe des Plut. Rom. 15, 



der die Consualia auf den 18. August setzt, 
beruht auf Irrtum, und ihre Verlegung in 
den März bei Serv. Aen. VIH 636 auf Ver- 
wechslung mit den Equirria. 

») Plut. Q. R. 48. Dion. Hai. I 33. Fast. 
Praen. z. 15. Dec. 

*) Dion. Hai. II 31. Serv. Aen. VIII 
635 f. Ps. Ascon. p. 142 Or. Paul. p. 148; 
vgl. Mommsen, Rom. Forsch. II 42 f. 

^) AusT, De aedib. sacris p. 14. 43. 
MoMMSBN CIL P p. 326. 

*) Zeugnisse bei Wissowa in Roschers 
Lexik. I 926. 

^) Einige verglichen die arkadischen 
'InnoxQiheia und erklärten daher den Ar- 
kader Euander für den Grflnder des Consus- 
kultes (Dion. Hai. I 33). 

8) Strab. V 230. Dion. Hai. II 31. üeber 
eine angebliche Darstellung der Consualia 
auf einem Sarkophagrelief vgl. A. Riese, 
Arch. Zeit. XXII 1864 S. 250* ff. E. HObneb 
ebd. 260*. 



168 



Religion nnd Knltna der ROmer. IL GOtterlehre. 



In engster Beziehung zu Consus steht die Göttin Ops, eine Ver- 
körperung des reichen Erntesegens, die meist fölschlich als Erdgottheit 
aufgefasst und mit Saturnus in Verbindung gebracht wird, während sie 
als Genossin des Consus sowohl ihr Eultbeiname Ops Gonsiva^) (ebenso 
zu fassen wie Here Martea, Janus Junonius u. a.) wie die Lage ihrer 
alten Feste kennzeichnet: es sind dies die Opiconsivia am 25. August und 
die Opalia am 19. Dezember, beide je 4 Tage nach den beiden Gonsualia 
fallend, also ebenso wie diese in deutlicher Beziehung zur Ernte stehend. 
Ein eignes Heiligtum besass Ops in älterer Zeit nicht, und das Opfer an 
den Opiconsivia fand in einer Kapelle der Regia statt, zu welcher ausser 
dem Pontifex maximus und den Vestalinnen niemand Zutritt hatte;') diese 
Abgeschlossenheit, die zu der Verborgenheit des unterirdischen Consus- 
altares in unverkennbarer Beziehung steht, wurde später Veranlassung 
dazu, in Ops Consiva die geheime Schutzgottheit der Stadt Rom, deren 
Name nicht verraten werden durfte, zu vermuten (Macr. S. III 9, 4). Wo 
und auf welche Weise die Opalia gefeiert wurden, wissen wir nicht. 
Später war mit jedem der beiden Feste die Stiftungsfeier eines Tempels 
der Ops verbunden, mit den Opiconsivia die eines auf dem Capitol, mit 
den Opalia die eines am Forum gelegenen; ersterer wird zuerst im J. 
568 — 186 erwähnt,') letzterer ist vielleicht das Heiligtum der Ops Opi- 
fera, welches zwischen 631 = 123 und 640 = 114 vom Pontifex L. Cae- 
cilius Metellus Delmaticus geweiht wurde (Plin. n. h. XI 174). Wenn wir 
dieser Ops Opifera auch unter den Gottheiten begegnen, denen am Tage 
der Volcanalia (23. August) ein Kollektivopfer zur Abwehr von Feuersnot 
dargebracht wurde,^) so erklärt sich das wohl daraus, dass sie besonders 
zum Schutze des in den Scheuern aufgespeicherten Getreides gegen Feuers- 
gefahr angerufen wird; es ist also kein Zufall, dass dies Opfer gerade 
mitten zwischen* C!onsualia und Opiconsivia fällt. Als man dann für alle 
römischen Gottheiten griechische Parallelen suchte, fand man die nächste 
Verwandtschaft mit Ops in Rhea, und so galt sie später allgemein als die 
Gattin des mit Kronos identifizierten Saturnus,^) wofür die benachbarte 
Lage ihrer Feste (Saturnalia 17. Dezember, Opalia 19. Dezember) eine Be- 
stätigung abzugeben schien.^) An diese hellenisierte Ops ist wohl gedacht 



») Varro de 1. 1. VI 21. Fest. p. 186. 
Macr. S. III 9, 4. Vgl. Jobdak, Heimes XV 
15 f. and zu Pbellbb, Rom. Myth. II 21, 1. 
24, 2. WissowA, De feriis anni Roman, p. IV. 

») Varro de 1. 1. VI 21. Fest. p. 186. 

») Jobdan, Topogr. 1 2 S. 43, vgl. S. 364 f. 
AusT, De aedib. sacr. p. 23 Nr. 56; ganz wirr 
6U.BBBT, Topogr. I 247 ff. Der Tempel wird 
ausser in den Arvalakten auch in den Akten 
der Saecularspiele des Augustus (Eph. epigr. 
VllI p. 254) und in dem Militärdiplome vom 
9. Juni 83 erwähnt (Eph. epigr. V p. 613: 
Bomae in Capitolio intra ianuam Opis ad 
latus dextrum). 

*) Fast. Arv. CIL P p. 326: Volcano [in 
cireo Flam{inio). lutumae et nymp\hi8 in 
eamp{o), Opi Opifer(ae) [in foro'f], Quir(ino) 
in colle. Volk(ano) [in] comii{io). Vgl. oben 



S. 140 und unten S. 185. 

') So schon Plaut. Cist. 515; Mil. glor. 
1082; Persa 252; vgl. Enn. Euhem. frg. 515. 
516 Baehr. Die alte Inschrift des Dressei- 
schen Gefässes (Schnrideb, Dial. Ital. exempla 
I nr. 19), wo angeblich Sat{urnu8) und Ops 
Toitesia vereint vorkommen, ist gerade in 
dem Namen des Saturnus, der in der ganz 
singulären Abkürzung Sat erblickt wird, 
gewiss nicht richtig gedeutet. 

•) Varro de 1. 1. V 57. 64. Fest. p. 186. 
Macr. I 10, 19 ff. Der von Macr. S. I 10, 21 
berichtete Brauch: huie deae sedentes tfota 
concipiunt terramque de industria tangunt 
bezieht sich nicht auf Ops, sondern auf die 
griechische Rhea; über Analogien im grie- 
chischen Kulte s. Stengel, Griech. Kultus- 
altert. S. 58. 



A. Di indigetes. 31. Satumufl und Lna. 



169 



bei der Errichtung eines Altars der Ops Augusta, der zusammen mit einem 
solchen der Ceres mater im J. 760 = 7 n. Chr., wahrscheinlich zu Ehren 
der Kaiserin Livia, geweiht und jährlich am 10. August durch Feriae ge- 
feiert wurde. ^) Die spärlichen auf den Kult der Ops bezüglichen italischen 
Weihinschriften >) darf man dagegen wohl noch auf die alte Erntegöttin 
beziehen. 

31. Satnmus und Lua. Dass Saturnus der Gott der Aussaat ist, 
geht sowohl aus dem bereits von den Alten meist richtig gedeuteten^) 
Namen (ursprünglich Saeturnus),^) als aus der Lage seines Festes, der 
Satumalia, hervor, welches auf den 17. Dezember, an den Schluss der 
Winteraussaat, föllt. Dass er eine allgemeinere Bedeutung als chthonische 
Gottheit besessen habe, hat man wegen seiner Verbindung mit der ver- 
meintlichen Erdgöttin Ops angenommen, die jedoch nicht ursprünglich, 
sondern erst unter griechischem Einflüsse entstanden ist;^) auch mit Dis 
pater haben ihn erst die hellenisierenden Erzählungen Späterer in Verbindung 
gebracht,*) und wenn man ihm neuerdings eine Stelle im altitalischen Toten- 
kult hat anweisen wollen, so beruht das nur auf dem mehr als fragwürdigen 
Zeugnisse (s. oben S. 168 Anm. 5) der noch keineswegs sicher gedeuteten 
Inschrift des esquilinischen Thongefässes.^) Allerdings ist auch kaum 
eines andern altrömischen Gottes Wesen durch graecisierende Umbildung 
so früh und so stark verdunkelt worden, wie es bei Saturnus der Fall 
gewesen ist. Ein Altar des Gottes lag seit unvordenklichen Zeiten am 
Fusse des Clivus Capitolinus am Forum, und schon im J. 257 = 497 
wurde ihm an derselben Stelle ein Tempel geweiht, dessen Stiftungstag 
mit der Festfeier der Saturnalia zusammenfiel ; dieses Heiligtum ist nächst 
dem capitolinischen das älteste Gotteshaus Roms, über dessen Stiftung 
eine Aufzeichnung vorhanden war, und wie jenes das sakrale Centrum 
der Staatsverwaltung bildete, so spielt auch der Saturntempel im öffeni>- 
lichen Leben eine wichtige Rolle, da in seinen Kellern der Staatsschatz, 
das aerarium Satumij geborgen ist.®) Von den ursprünglichen Formen 
des Kultes und der Festfeier haben wir keine Kunde, da unsere Nach- 
richten sich sämtlich auf eine Zeit beziehen, in welcher bereits die völlige 
Hellenisierung dieses Gottesdienstes eingetreten war ; man opferte in heller 
historischer Zeit dem Saturnus mit unbedecktem Haupte, also graeco ritu. 



') MoMxssN CIL P p. 324. 

') Tempel der Ops in Praeneste CIL 
XIV 3007 ; Weihinschriften aas Alba Fucens 
(IX 3912) and Aesernia (IX 2633), letztere 
Opi divinae (jedoch nicht anverdächtig, s. 
CIL XIV 270*. 273*), was sich aach auf 
MttDzen des Pertinaz findet (Cohen nr. 13 f. 
39 f.; Ops augusta aaf Mttnzen des Ante- 
ninus Pias, Cohen nr. 201. 698—700). Opi 
aug. m Africa CIL VIII Sappl. 16527. 

*) Varro de 1. 1. V 64 und bei Aug. c. 
d. VI 8. VII 13. 19. Tert. ad nat. II 12. 
Fest. p. 186. 325. Macr.S. I 10, 10; anders 
Cic. nat. d. II 64. III 62; vgl. Schwrolbb, 
R. G. I 224 f. 

^) Saetumtis ist bezeugt durch die alte 



Gefftssinschrift CIL I 48 und durch die von 
RiTSCHL hergestellte Glosse des Paul. p. 323; 
vgl RiTSCHL, Opusc. IV 270 ff. B. Mausen- 
BRECHBB, Arch. f. Ist. Lexicogr. VIII 292 f. 

*) S. oben S. 168 und Wissowa, De 
feriis anni Roman, p. IV ff. 

') Zeugnisse bei R. Peter in Roschers 
Lexik. I 1181 ff. Das von Macr. 8. I 11, 48 
erwähnte sacellum Ditis (vgl. 17, 30) arae 
Saturni cohaerens hat in Rom nie existiert, 
s. unten § 50. 

') H. Dkessel, Annali d. Inst. 1880, 187. 
Jobdan, Hermes XVI 241. 

^) Zeugnisse über den Tempel voUstftn- 
dig bei Jordan, Topogr. I 2 S. 360 ff. 



170 



Beligion und Knltiui der Römer. II. GOtterlehre. 



was Veranlassung zu der Hypothese gab, dass sein alter Altar eine Grün- 
dung griechischer Einwanderer sei;*) das Tempelbild war das des grie- 
chischen Kronos mit der Sichel (ursprünglich Krummschwert oder Harpe) 
in der Hand,*) und seine Füsse waren mit Wollenbinden umwickelt, die 
nur am Tage des Festes gelöst wurden, ein Brauch, für den sich Ana- 
logien im griechischen Ritual finden.^) Der Zeitpunkt der Umwandlung 
des latinischen Kultes in einen griechischen ist in diesem Falle bekannt: 
im J. 537 = 217 wurde nicht nur beim Saturn tempel ein Lectistemium 
abgehalten, sondern auch eine neue Art der Saturnalienfeier eingeführt; 
postremo Decembri tarn mense ad aedem Saturni Romae iminolatum est lec- 
tisterniumque imperatum — et eum lectum senatores straverunt — et conti- 
vium publicum ac per urbem Saturnalia diem ac noctem clamata populusque 
eum diem festum habere ac servare in perpetuum iussus (Liv. XXII 1, 19); 
seitdem ist die Festfeier eine griechische geblieben.^) Ob sich in ihr 
neben den weit überwiegenden griechischen Elementen auch noch Reste 
der alten nationalen Feier erhalten haben, ist zweifelhaft; die Bewirtung 
der Sklaven durch ihre Herren, die man als besonders charakteristisch 
für die Saturnalien anzusehen gewohnt ist, findet jedenfalls zahlreiche 
Analogien in griechischen Festgebräuchen, ^) und auch für die Sitte, sich 
bei diesem Feste mit Kerzen und thönernen Puppen {sigiUaria) zu be- 
schenken, steht einer Herleitung aus dem Griechischen wenigstens nichts 
im Wege. Warum man Saturnus grade mit Kronos identificierte,*) ist 
nicht mehr zu ermitteln; wenn Welckeb (Gr. Götterl. I 160) meint, die 
Ähnlichkeit der dem Saturnus von Haus aus zukommenden Sichel mit 
dem Krummsch werte des Kronos habe den Anknüpfungspunkt geboten, 
so widerspricht dem nicht nur die allgemeine Thatsache, dass wir ein- 
heimische, von den griechischen unbeeinflusste Göttertypen in Rom über- 
haupt nicht kennen, sondern auch die Erwägung, dass dem Saturnus als 
Saatgotte die Sichel ja gar nicht zukommt. Jedenfalls wurde die Identi- 
fikation der beiden Götter namentlich auch in der Richtung durchgeführt, 
dass die Sage von dem dereinst unter der Regierung des Kronos vor- 
handenen goldenen Zeitalter auf Saturnus übertragen wurde, der nun als 
ein alter König von Latium und Repräsentant der ältesten Kultur Italiens 
erschien; die ganze Halbinsel sowie viele einzelne Städte, insbesondere 
auch eine alte Niederlassung auf dem capitolinischen Hügel, sollten nach 
ihm den Namen Saturnia geführt haben, er galt als der Begründer höherer 
Gesittung, und alle Erinnerungen an eine einfachere, glücklichere, unver- 
dorbene Vorzeit knüpften sich an seinen Namen.') Nach Dionys von 



») Fest. p. 322. Paul. p. 119. Dion. 
Hai. I 34. Vr 1. Flut, Q. R. 11. Macr. S. I 8, 
2 10 22 

») Fest. p. 186. 325. Macr. S. I 7, 24 
und mehr bei Schwbolbb, R. 6. I 223, 3. 

3) Macr. S. I 8, 5. Stat. eilv. I 6, 4. 
Arnob. IV 24; vgl. Marquabdt, Staatsverw. 
TU 252, 2. E. RoHDB, Psyche S. 178, 2. 

*) Graeco ritu fiehantur Saturnalia sagt 
Cato frg. p. 48, 14 Jord. = Priscian. VIII 
p. 377 H. 



») Athen. XIV 639 B. Ueber die römi- 
schen Saturnalia, ihre Geschichte und Ge- 
bräuche reichhaltige Stellensammlung bei 
Mabquabdt, Staatsverw. lil 586 ff. 

^) Schon Livius Andronicus (Odiss. frg. 2. 
15 Baehr.) gibt K^oyidtjg mit Saturni fiUus 
(puer) wieder. 

^) Das Material vollständig bei Schwbo- 
lbb, R. G. I 212 ff. Die meisten Neueren 
(z. B. Pbbunbb, Hestia-Veste S. 389) behan- 
deln diese Erzählungen als altitalische Sagen. 



A. Di indigetes. 31. Satnmiis und Lna. 171 

Halikarnass (ant. I 34) hätten zahlreiche Heiligtümer im ganzen Lande 
von der Verehrung des Saturnus Zeugnis gegeben, aber die uns bekannten 
Thatsachen bestätigen diese Angabe nicht, sondern lassen den Kult fast 
ganz auf Rom beschränkt erscheinen. Die Annahme eines alten etrus- 
kischen Saturnkultes ^ steht auf sehr schwachen Füssen, und eine antike 
Hypothese, die den Saturnus zu den angeblich von Titus Tatius in Rom 
eingebürgerten sabinischen Gottheiten rechnete, ist schon von Ambbosch 
(Stud. u. Andeut. S. 148 £f.) u. a. mit Recht zurückgewiesen worden; so 
sind uns in Italien nur ganz vereinzelt in Yenafrum cuüores Saturni be- 
zeugt,') während Weihinschriften ganz fehlen. Das Satumalienfest aber 
ist im Osten wie im Westen des Reiches bis zum Siege des Christentums 
und darüber hinaus wohl das populärste und beliebteste Fest des alten 
Kalenders gewesen, eine Art antiker Karneval, der von allen Ständen, 
auch beim Heere, ^) gefeiert wurde und unter dessen Bräuchen namentlich 
auch der erwähnt wird, durchs Loos einen König {Saturnalicius princeps 
Senec. apoc. 8) für die Festzeit zu bestimmen, dem alle sich zu fügen 
hatten;^) in der Spätzeit scheinen auch hier mancherlei orientalische 
Einflüsse sich geltend gemacht zu haben, wie überhaupt der Name Sa- 
turnus auch manchen ausserhalb des griechisch-römischen Religions- 
kreises stehenden Gott gedeckt hat. So gelten im Tridentinischen^) und 
in Afrika^) die zahlreichen an Saturnus gerichteten Inschriften einheimi- 
schen Gottheiten, auf die man den römischen Namen übertragen hatte; 
in Afrika ist es der phönicische Ba'alchammän, der diesen Namen führt, 
und auf ihn beziehen sich die namentlich bei den Kirchenvätern häufig 
auftretenden Erwähnungen von dem Saturnus dargebrachten Menschen- 
opfern.') 

Im Kulte ist mit Saturnus die Lua mater als Lua Saturni^) gepaart, 
die neben Mars und Minerva (d. h. Nerio) unter den Gottheiten erscheint, 
quibus spolia hostium dicare ins fasque est, und von der wir zweimal hören, 
dass ihr die den Feinden abgenommenen Waffen geweiht und verbrannt 
werden.') Das weist darauf hin, dass es eine unholde Macht war, die 
man zu versöhnen wünschte, und auf eine solche deutet auch der Name, 
der von Ines gewiss nicht zu trennen ist; als eine Feindin der Saaten, 
also gewissermassen als das feindliche Gegenspiel ihres Kultgenossen 
Saturnus, wird sie geradezu bezeichnet in einem von Pbelleb (Rom. Myth. 



1) Dkeckb, Etnisk. Forsch. II 65 ff. 

») Cic. ad Att. V 20, 5. Tac. hist. 
III 78. 

*) Tac. ann. XIII 15. Epict. diss. I 25, 
8. Luc. Sat. 2—4. 9; vgl. dazu die darch 
die nengefandenen Märtyrerakten des Da- 
sius (Anal. Bolland. XVI 1897, 5 ff.) veran- 
lassten Erörterungen von L. Pabmentibr 
und F. CuMONT, Revue de philol. XXI 1897, 
143 ff. und von P. Wbndlakp, Hermes XXXII 
175 ff. 

') CIL X4854; XI 1555 (aus Faesulae) 
ist die Ergänzung unsicher. 

») CIL V 3291-3293. 8844(Verona). 3916. 



4013. 4198 (hier heisst der Gott Alus Sa- 
turnus, 4197 nur Alus), 5000. 5021—5024. 
5068. 5068». 5069; versprengt 2382 (Ferrara). 
III 1796 (Narona). 

•) CIL VIII Index p. 1085. Ueber den 
Kult des punischen Saturnus J. Toütain, De 
Saturni dei in Africa Romana cuUu, Paris 
1895. 

') Die Stellen bei Gehler zu Tertull. 
apolog. 9. üeber Ba'alchamm&n Ed. Mbtbb 
in Roschers Lexik. I 2869 ff. 

«) GelL XIII 23, 2. Varro de 1. L VIII 36. 

•) Liv. VIII 1, 6. XLV 33, 2. 



172 



Beligion und Knltna der Römer. II. GOtterlehre. 



II 22, 3) überzeugend verbesserten Zeugnisse eines Yergilkommentators.O 
Inschriftliche Denkmäler ihrer Verehrung fehlen.*) 

32. Faunus. Fauna. Silyanus. Alter und Bedeutung des Faunus- 
kultes ergeben sich aus der Stellung seines Spezialpriestertums, der Luperci, 
und aus dem Ansehen seines Jahresfestes, der Lupercalia,'') das sicher zu 
den ältesten der römischen Festordnung gehört, da es noch ganz an die 
älteste Stadtbegrenzung, das antiquum oppidum Palatinum, gebunden er- 
scheint. Am Nordwestabhange des Palatin lag die Wolfsgrotte, das 
Lupercal, welche seit unvordenklichen Zeiten den Sitz der Verehrung des 
Gottes bildete ;*•) um den Fuss des Berges ging der sühnende Umlauf, den 
alljährlich am Feste der Lupercalia (15. Februar) die Luperci vollzogen; 5) 
zur ältesten Palatingemeinde muss auch das Geschlecht der Quinctii gehört 
haben, dem ursprünglich die Bekleidung des Priestertums allein oblag, 
bis später nach Vollzug des Synoecismus mit der Gemeinde der Hügel- 
römer aus letzterer zu den alten Luperci Quinctiales die Luperci Fabiani 
hinzutraten.*) Der Name lupercus, der sicher nichts weiter bedeutet als 
„Wolf**, wenn auch der Sinn dieser Benennung nicht völlig klar ist,') 
bezeichnet nicht den Gott, sondern seinen Priester und ist von da auf 
das Fest und die Kultstätte übertragen worden; die nächste Analogie 
bieten (um von den aqxxoi^ nähaacu^ xavgoi griechischer Kulte hier abzu- 
sehen) die durch ihre Lustrationsriten, darunter das Überschreiten glü- 
hender Kohlen, bekannten Priester des Gottes vom Berge Soracte, die 
ebenfalls den Namen hirpi d. i. Wölfe führen.®) Die Gebräuche der Luper- 
calienfeier^) lassen die Bedeutung und das Wesen des Gottes, dem sie 
gelten, noch mit hinreichender Deutlichkeit erkennen. Einerseits ist es 
ein Hirtenfest, ^^) wie namentlich der äussere Aufzug der Luperci zeigt; 
sie erscheinen nackt bis auf ein um die Hüften geschlagenes Ziegenfell, ^^ 
und ganz ebenso stellte ein später im Lupercal aufgestelltes Bild auch 
den Gott selbst dar. ^2) Auf der andern Seite weisen wesentliche Elemente 
in den bei der Feier zur Anwendung kommenden Ritualvorschriften auf 



>) Serv, Aen. III 139 (zu den Worten 
arhoribusque aatisqtie lues): quidam dicunt 
diversis numinibus vel bene vel male faciendi 
potestatem dicatam, tU , . , , sterilitatem tarn 
Saturno, quam Luae (Hss. Lunae); hanc 
enim aictU Saturnum orbandi potestatem 
habere. 

^) Die Inschrift bei Garrucci, Sylloge 
Nr. 553 = Fabrbtti-Gamurrini, Corp. inscr. 
Ital. append. Nr. 921 mit den Worten luad 
ma ist noch nicht sicher gedeutet. Reihbsius, 
Synt. I 238 = CIL X 730* ist unecht. 

') Dass die Lupercalia dem Faunus gel- 
ten, sagen ausdrücklich Ovid. fast. II 268. 
V 101 und Flut. Rom^ 21 ; sonst wird dafür 
gewöhnlich Tlay AvxaTog genannt (auch von 
Römern), wegen der Anknüpfung von luper- 
cus an Xvxatog^ oder Epitheta des Faunus 
(Inuus, Februus u. a.) eingesetzt; vgl. unten 
S. 173 f. Anm. 10. 

*) Dion. Hai. I 31, vgl. 79; es wurde 
von Augustus wiederhergesteUt, Monum. 



Anc. 4, 2. 

^) Genaue Angabe der durch cippi noch 
in der Kaiserzeit gesicherten Linie bei Tac. 
ann. XII 24. 

*) MoMMSEN. Rom. Gesch. I 51. 

'') Jordan, Krit. Beitr. 164 f.; darum 
fand nach Varro (bei Arnob. IV 3; vgl. Lact. 
I 20, 2) die Wölfin, welche Romulus und 
Remus gesäugt hatte, als Luperca göttliche 
Verehrung. 

•) Plin. n. h. VII 19. Serv. Aen. XI 785. 

*) Vollständige Materialsaromlung bei 
Mavquardt, Staatsverw. III 442 ff. 

»<>) Cic. pro Cael. 26. Flut. Caes.ei. 

»>) Dion. Hai. I 80. Serv. Aen. VIII 663 
u. a. Sie heissen darum selbst ereppi, d. h. 
Böcke, Paul. p. 57 und dazu S. Buoob, 
Jahrb. f. Philol. CV 1872, 92 f. 

^*) Justin. XL1 II 1, 7. Ueber erhaltene 
Faunusdarstellungen zuletzt noch A. Milch- 
höfer, Jahrb. d. Vereins v. Altertumsfr. im 
Rheinl. XC 1891, 8 ff. 



A. Di indigetes. 82. Fannas. Fauna. Bilyanna. 173 

Reinigung und Sühnung hin,^) und zwar mit spezieller Beziehung auf die 
Fortpflanzung und Vermehrung der Gemeinde sowohl wie ihrer Herden. 
Hierher gehört das auch sonst gerade bei Lustrationen gebräuchliche Opfer 
eines Hundes,') die Geremonie, dass zwei Jünglinge mit dem blutigen 
Opfermesser an der Stirn berührt und dann sofort mit in Milch getauchter 
Wolle gereinigt wurden, worauf sie laut auflachen mussten,*) ferner der 
als Lustrationsakt typische Umlauf, endlich die Sitte der Luperci, mit den 
aus dem Fell des geopferten Bockes geschnittenen Riemen {februa) die 
sich ihnen entgegenstellenden Frauen zu schlagen, um ihnen dadurch 
Fruchtbarkeit zu verleihen.^) Dieser letztgenannte Brauch, der das Fest 
auch zum Kulte der Geburtsgöttin Juno (s. oben S. 119) in gewisse Be- 
ziehungen setzt, kennzeichnet den Faunus deutlich als einen Gott der 
animalischen Befruchtung, und in dieser Auffassung wird er auch ganz 
besonders auf dem Lande als Schützer der Viehzucht verehrt. Hier feiern 
ihm die einzelnen pagi besondre Feste, ^) und hier hat er sich auch zu 
einer reicheren Wirksamkeit entfaltet, indem er als Schirmherr des länd- 
lichen Lebens nach all seinen Seiten hin gilt; er ist der deus agrestis 
schlechtweg (Ovid. fast. H 193. HI 315), und nicht nur die Herde, sondern 
auch Ackerwirtschaft und Jagd erfreuen sich seiner Obhut. ^) Man ver- 
ehrt ihn dementsprechend in ländlicher Weise, durch das Opfer eines 
jungen Tieres der Herde, ^) im Freien unter einem heiligen Baume (Verg. 
Aen. XII 766), vor allem im Walde, der als sein Lieblingssitz gilt. Als 
Waldgeist fasst man ihn weiter einerseits als den Herrn der im Walde 
vernehmbaren geheimnisvollen Stimmen* der Natur und darum als zu- 
kunftskundigen, weissagenden Gott,^) andererseits als übermütigen und 
spukhaften Kobold, der die Menschen neckt und plagt und sie nachts als 
Alp (Incubo) überfällt;*) auch glaubte man, dass er mit den Tieren der 
Herde sich geschlechtlich vermische, und leitete daher den alten Namen 
Inuus, der entweder ein Beiname des Gottes oder die Sonderbezeichnung 
einer nachher mit Faunus zusammengeflossenen Gottheit ist,^^) ab ineundo 



') Varro de 1. 1. VI 13. 34. Ovid. fast. 
II 31 u. a. 

>) Plat. Rom. 21; Qu. Rom. 111. 

') Fiat. Rom. 21 and dazu Disls, Sibyll. 
BlAtter 69, 2. 

«) Flut. Rom. 21. Ovid. fast. II 425 ff. 
Juven. 2, 142 m. Schol. Serv. Aen. VIII 343. 
Nach Qelasios adv. Andrem. (Thibl, Epist. 
pontif. Rom. I 601) hatte Livias in der 
zweiten Dekade davon gesprochen, dass die 
Laperoalia propter sterUUatem mulierum, 
quae iunc aeeideraiy exsolvendam eingesetzt 
worden wären; möglicherweise fand wirklich 
in jener Zeit eine Erweiterung des nrsprttng- 
liehen Festbraaches statt (doch versetzen 
Ovid. fast. II 425 ff. and Serv. Aen. VIII 
343 die Beziehung des Festes auf die Frucht- 
barkeit der Frauen schon in die Zeit des 
Romulus), aber die von Q. F. Ungbb, Rhein. 



in pratis vaeat otio8o cum bave pagus) am 
5. Dezember schildert Horaz carm. Ilt 18; 
solche Feste meint wohl Prob, zu Verg. 
Georg. I 10: ei in Italia quidam annuum 
8acrum celehrant, alii menstruum. Vgl. auch 
S. 174 Anm. 9. 

*) Fauntu quod frugibus faveat Serv. 
Georg. I 10. Prep. V 2, 33. 

») Hör. c. I 4, 12. Ovid. fast II 361. 

•) Fatuus Serv. Aen. VI 775. VlI 47. 
VlII 314; daher verkflndet in Schlachten 
seine aus dem Walde ertönende Stimme den 
Sieg, Dion. Hai. V 16, vgl. Cic. de div. I 
101; de nat. deor. II 6. ÜI 15; fatidieus 
Verg. Aen. V[1 82; man denkt sich die Orakel 
des Faunus in Versen und macht ihn so 
zum nQxVY^^V^ ^^^ Dichter, Enn. bei Varro 
de 1. 1. VII 36. Fest. p. 325. Hör. carm. II 
17, 28. 



Mus. XXXVI 1881, 59 ff. an die Nachricht , •) Plin. n. h. XXV 29, vgl. VIII 151. 

geknfipften Combinationen sind ganz haltlos. I Serv. Aen. VI 775. 

*) Ein solches Qaufest (v. 11 f.: featus , *®) Inuus wird mit Faunus gleichgesetzt 



174 



Religion und Knltos der Römer. IL GOtterlehre. 



passim cum omnibus animalibus (Serv. Aen. VI 775) ab. In diesem Vor- 
stellungskreise ist es sehr schwer zu scheiden, was volkstümliche italische 
Anschauung, was Entlehnung aus verwandten Gebieten griechischer Reli- 
gion und Mythologie ist. Denn schon ziemlich früh ist unter dem Ein- 
drucke des Bocksgewandes der Luperci die Identifikation des Faunus mit 
dem griechischen Pan vollzogen worden, dessen Kult man durch den Ar- 
kader Euander in Rom eingeführt glaubte;^) das ursprüngliche Wesen des 
Gottes wurde dadurch derartig verwischt, dass man sich ihn nicht nur 
als gehörnten und bocksbeinigen Gesellen vorstellte,') sondern ihn auch 
zum sterblichen Halbgotte degradierte') und entsprechend den griechischen 
Satyrn und Panisken von einer Mehrheit von Fauni zu reden sich ge- 
wöhnte.^) Auf der andern Seite bemächtigte sich auch die rationalisie- 
rende Pseudohistorie des Faunus, um ihm in der Liste der Laurenterkönige 
seinen Platz zwischen Picus und Latinus anzuweisen und unter seiner 
Regierung die Einwanderung des Euander anzusetzen:^) Picus und Faunus 
zusammen wurden dann die Helden eines dem Proteusabenteuer der 
Odyssee nachgebildeten Märchens, nach welchem Numa sie im Schlafe 
überlistet und ihrer Weissagekunst die Offenbarung der Blitzsühne ab- 
zwingt.^) 

Die Verehrung des Faunus hat sich, soviel wir wissen, ganz auf 
Rom und dessen nächste Umgebung beschränkt ; ^) für Tibur bezeugen 
Vergil (Aen. VII 82 flf.) und Ovid (fast. IV 649 flF.) ein Traumorakel in 
einem heiligen Haine des Faunus, ohne dass sich mit Sicherheit ermitteln 
Hesse, wieviel an der Schilderung desselben der Phantasie der Dichter 
verdankt wird. In Rom erhielt der Gott im Jahre 560 = 194 einen auf 
der Tiberinsel gelegenen Tempel,^) dessen Stiftungsfest möglichst nahe 
an die Lupercalia, auf den 13. Februar, gelegt wurde.*) Die Lupercalia 
selbst aber haben, durch Augustus wiederhergestellt (Suet. Aug. 81), als 



bei Serv. Aen. VI 775. Prob, zu Verg. Georg. 
I 10. Rutil. Nam. I 234. (Aur. Vict.] origo 
4, 6; mit gesuchter Gelehrsamkeit setzt 
Macr. S. I 22, 2 ff. seinen Namen für den 
griechischen Pan ein, ebenso Arnob. 111 28 
{pecorum gregibtts Poles praesunt Inutisque 
cuatodea) für Faunus: daher darf man auch 
aus Liy. I 5, 2, der den Gott der Lupercalia 
nennt: Lyca^utn Pana . . ., quem Ramani 
deinde vocaverunt Inuum, nicht schliessen, 
dass das Fest dem Inuus gegolten hätte, 
sondern Livius hat nur einen Namen für den 
andern gesetzt, da beide als gleichwertig 
galten. Dass Inuus von Hause aus ein eigner 
Gott gewesen sein kann, soll nicht geleug- 
net werden, es spricht dafür der lateinische 
Ortsname Castrum Inui (Verg. Aen. VI 775; 
vgl. Hülsen, Realencycl. III 1769); nur hat 
er mit den Lupercalia nichts zu thun, und 
auf keinen Fall durfte ihn G. F. Unobb 
(Rhein. Mus. XXXVI 1881, 75 ff.) für eine 
etruskische Gottheit halten ; denn dass Rutil. 
Namat. I 232 einen Ort Castrum Inui in 
Südetrurien nennt, beruht nur auf einer Ver- 
wechlung (es heisst Castrum novum, vgl. 



Bormann CIL XI p. 531). 

^) Serv. Georg. I 10. Schwbqlbr, Rom. 
Gesch. I 351 f. 

*) z. B. Ovid. fast II 359. lll 312. V 93. 
99 u. a. 

») Serv. Aen. I 372. 

*) z. B. Lucr. IV 580 ff. Ovid. Ib. 81 f. ; 
vgl. WissowA, Rom. Mitt. I 1886, 164 f. 

*) RuBiNO, Beiträge zur Vorgesch. Ita- 
liens S. 62 ff. 

') Valer. Antias bei Arnob. Vif. und 
Plut. Numa 15. Ovid. fast. III 291 ff. 

^) Vgl. Prob, zu Verg. Georg. I 10: 
rusticia persuaaum est ineolentihua eam par- 
tem Italiae, qtiae suburhana est, sciepe eos 
(nämlich Faunos) in agria conspici. 

«) Liv. XXXll 42. 10. XXXIV 53, 3 f.; 
vgl. Jobdan, Comm. Momms. p. 362. 

») Ovid. fast. II 193 f. und die Fasti 
Esquilini, dazu Wissowa, Hermes XXVI 
140, 2. Die Schilderungen ländlicher Frflh- 
lingsfeste des Faunus bei Borat, carm. 1 4, 
11. Calpurn. ecl. 5, 24 ff. haben mit diesem 
natalis tempH nichts zu thun. 



A. Di indigetes. 82. Fannns. Fauna. Bilyanns. 



175 



ein besonders angesehenes und hochwichtiges Fest die ganze Kaiserzeit 
hindurch fortbestanden, und ihre Bedeutung für den Volksglauben erhellt 
insbesondere daraus, dass noch am Ausgange des 5. Jahrhunderts n. Chr. 
um Fortbestand oder Aufhebung der Lupercalia heftige Kämpfe zwischen 
der römischen Bevölkerung und der Kirchenbehörde stattfanden.*) Um 
so mehr muss es auf den ersten Anblick befremden, dass dem Gotte 
Faunus geltende Weihinschriften nicht vorliegen^) und sich auch in lit- 
terarischen Zeugnissen der nachaugusteischen Zeit so gut wie keine Er- 
wähnung der privaten Verehrung des Gottes erhalten hat. Die Erklärung 
dafür kann nur darin gefunden werden, dass, während im Staatskult die 
offizielle Feier des Faunus an den Lupercalia fortbestand, im Gottesdienste 
des täglichen Lebens Faunus in den Hintergrund gedrängt wurde durch 
einen erst aus ihm selbst hervorgegangenen Gott von ursprünglich enger 
begrenztem Wirkungskreise, durch Silvanus. Die adjektivische Bildung 
dieses Namens zeigt, dass dieser ursprünglich Epitheton eines andern Gottes 
war, und das kann kein andrer als der süvicola Faunus (Verg. Aen. X 551) 
gewesen sein, mit dem er stets in den Hauptzügen seines Wesens nahe 
Verwandtschaft behalten hat.^) Einen Staatskult des Silvanus hat es nie 
gegeben, die öffentliche Beligionsordnung kennt weder einen Tempel, noch 
ein Fest, noch einen Priester des Gottes; ein Bild des Silvanus, das am 
Forum unterhalb des Saturntempels unter einem alten Feigenbaume stand 
(Plin. n. h. XV 77), ist gewiss ebenso eine private Weihung gewesen, wie 
die mehrfach inschriftlich bezeugten Altäre und aediculae des Gottes in 
Rom,^) unter denen in der Kaiserzeit namentlich ein auf dem CoUis hor- 
torum. gelegenes Heiligtum hervorragt.^) Silvanus hat auch in der Stadt 
nichts zu thun, denn, wie sein Name besagt, ist er der Gott des Waldes, 
zugleich aber auch einerseits, da die »ilvatica pastio in der älteren Zeit 
überwiegt, der Beschützer des im Walde weidenden Viehes,^) andererseits, 
da die Wälder die ältesten Grenzscheiden bilden, der Schirmherr der 
Grenze. Je mehr dann der Wald der menschlichen Kultur weicht, um 
80 mehr wird Silvanus zum Gotte der an die Stelle des Waldes tretenden 
ländlichen Niederlassung, der vüla-^ daher zeigt das typische Bild des 
Gottes ihn einerseits als unkultivierten Waldbewohner ^) mit struppigem 



') Gelasius ady. Andromacham bei Tbibl, 
Episi poDÜf. Rom. I 598 ff. und dazu BÜ- 
DivGBB, Jahrb. f. Philol. LXXV 1857, 201. 
UsBNBSy Religionsgesch. Untersuch. I 303 f. 
318; 8. auch oben S. 89. 

') Die einzige Ausnahme bildet eine von 
Gaucklbr, Bull, arcb^ol. du comit^ des trav. 
bist. 1894, 241 Nr. 24 veröffentlichte späte 
Inschrift von Thabraca in Africa: Fauno 
aug{}t8to) 8acr{um) u. s. w. Wahrscheinlich 
liegt hier eine gesucht« Herbeiziebung des 
altrOmischen Göttemamens vor, wie auch 
bei den africanischen Weihungen an Janus 
(CIL VIII 2608. 4576; Suppl. 15577. 16417). 

*) Selbst die Gabe der Weissagung 
schrieb der Volksglaube ihm ebenso zu wie 
dem Faunus, denn als den Urheber der das 
Ergebnis der Schlacht am Walde Arsia ver- 



kündenden Stimme nennt Liv. II 7, 2 den 
Silvanus st^tt des Faunus (Dion. Hai. V 16); 
als spukender Waldkobold thtt Silvanus 
ebenso auf wie Faunus (August, c. d. XV 23, 
vgl. VI 9). 

<) Vgl. z. B. CIL VI 576. 597. 607. 629. 
656. 

») G. Gatti, Bull. arch. com. XVI 1888, 
402 (die Lage auf dem »Gartenhttger ist ge- 
wiss kein Zufall); auf diesen Tempel bezieht 
sich vielleicht Hist. Aug. Tac. 17, 1. Sonst 
s. UüLSBN-EiBPBBT, Form. urb. Rom. p. 65. 

^) Artorum pecorisque deus Verg. Aen. 
VIII 600. 

^) Tutor finium Hör. epod. 2, 22; vgl. 
Gromat. vet. p. 302. 

^) Horridus Hör. carm. III 29, 23. Mart. 
X 92, 6. 



176 



Beligion und Kaltus der Bömer. IL GOtterlehre. 



Barte, einen Pinienkranz auf dem Haupte und einen Baum oder Baumast 
im Arm/) andererseits mit den Emblemen höherer Kultur ausgerüstet: er 
hält ein sicheiartig gekrümmtes Gärtnermesser in der Hand, ein Fell oder 
Schurz mit Früchten hängt an seinem Halse und zu seinen Füssen sitzt der 
Hund, der treue Wächter des Grundstückes. >) Sein Kult ist, den ländlichen 
Verhältnissen entsprechend, durchweg ein sehr einfacher: ein Hain oder 
ein einzelner Baum oder ein aus Stein und Rasen schnell aufgebauter 
Altar bilden die Stätten seiner Verehrung, 3) Milch oder ein Tier der 
Heerde das Opfer. ^) Der alte Cato (de agric. 83) beschreibt das Opfer, 
das der Landmann pro bubus uti valeant dem Mars (s. oben S. 132 Anm. 3) 
und dem Silvanus darbrachte ; dabei ist von Interesse die auch anderweit 
bezeugte ^) Bestimmung, dass kein Weib dem Opfer beiwohnen und dessen 
Hergang beobachten durfte, eine Parallele zu dem Ausschlüsse der Männer 
von dem Gottesdienste der Fauna (s. unten S. 177). Die Verehrung des 
Silvanus war eine so allgemeine, dass jedes Grundstück seinen eignen Sil- 
vanus besass^') und damit sein Kult zu dem der nach den einzelnen Häusern 
individualisierten Laren und Penaten in die engste Beziehung trat;^) 
ebenso wie diese ist er häufig Patron von Vereinen und Kollegien,^) als 
welcher er auch oft neben dem Genius der Korporation genannt wird;^) 
auch mit dem Hercules domesticus (s. unten § 41), Diana, Liber, den 
Nymphen und andern Göttern des Landes und Waldes finden wir ihn 
häufig verbunden. >o) Die Zahl der Denkmäler seines Kultes ist eine ausser- 
ordentlich grosse und umfasst so ziemlich alle Teile des Reiches, wenn auch 
naturgemäss die einzelnen Vorstellungen unter dem Einflüsse lokal-einhei- 
mischer Anschauungen in den verschiedenen Gegenden stark von einander ab- 
gewichen sein mögen. '^) Die Behandlung des Silvanus durch die Dichter 
entfernte sich von der Volksreligion recht weit; man setzte ihn teils mit 
Pan,**) teils mit Silen^^) gleich, vei*flocht ihn demgemäss in Mythen grie- 
chischer Herkunft ^^) und vervielfältigte ihn ebenso wie Faunus zu einem 
Gattungsbegriffe von Silvani, die mit den Fauni Satyri Nymphae in dem 



') Vgl. Verg. Ecl. 10, 24 f.; Georg. I 
20. Martian. Cap. V 425; daher Silvanus 
dendrophorus CIL VI 640 f. 

*) Visconti, Bull. arch. com. II 1874, 
182 ff. WissowA, Rom. Mitteil. I 161 ff. 

») Verg. Aen. VIII 600 ff. CIL VI 610. 
Prop. V 4, 5. Mart. X 92, 6 ff. 

*) Hör. epiat. U 1, 143. Juven. 6, 447. 
Mart. a. a. 0. 

') Schol. Juven. 6, 447 : caedere Silvano 
porcum] quia Silvano mulieres non licet 
saerificare; vgl. CIL VI 579 und H. Jordan, 
Vindiciae serm. lat. antiquiss. (1882) p. 5 ff. 

**) Daher Bezeichnungen wie Silvantis 
Flaviorum CIL VI 644, Silvanus Naevianus 
VI 645, Silvanus Caesarianensis IX 2113, 
Silvanus Staianus IX 1552, Silvanus Vetu- 
rianus XI 3289 u. a. 

') z. B. CIL VI 582. 630. XIV 20. Sil- 
vanus selbst heisst Lar agrestis VI 646. 

8) z^ B. CIL VI 612. 630. 631. 632. 647. 
3713. X 444. 5709. XIV 309; mehr bei 



LiEBENAX, Zur Gesch. u. Organ, d. röm. Ver- 
einswesens S. 293. 

^) z. B. Sancto deo Silvano, Genio coüegii 
Zeunitorum CIL VI 693; Silvano et Genio 
eq. sing, aug. VI 3712. 

»0) z. B. mit Hercules CIL VI 288. 298 
-297. 309. 310. 329. 597. 607. 629. 645. 
834 (mit den Nymphen). 3690. XIV 17. 2894. 
IX 4499. 

^0 Vgl. z. B. über die Silvani und SO- 
vanae in Dalmatien R. Schmbidbb, Arch. epigr. 
Mitt. aus Oesterr. IX 1885, 35 ff. 

»*) z. B. Plaut. Aulul. 674. 766. Acc. 
trag. frg. 405. Stat. Theb. VI 111. 

»») Verg. Georg. II 494. Ovid. met. XIV 
638. 

^*) So in die Kyparissossage (Serv. Georg. 
I 20; Ecl. 10, 26) an Stelle des ApoUon 
(Serv. Aen. III 64. 680. Ovid. met. X 106 ff.); 
eine Erzählung von der Geburt des Silvan 
bei Prob, zu Verg. Georg. 1 20. 



A. Di indigeiefl. 88. Fannos. Fauna. BilTanna. 



177 



semideum genus des bakchischen Thiasos auftreten.^) Schliesslich liess ihn 
die gelehrte Spekulation ebenso wie den griechischen Pan zum kosmogo- 
gonischen Gotte werden und deutete den Namen Silvanus als x^sog vhxog^ 
d. h. deus materiae^ eine Theorie, in der die Vorstellungen von einem 
Silvanus Gaelestis (CIL VI 638), Silvanus Pantheus') u. ähnl. sowie seine 
Aufnahme in den Mithraskult ') ihre Erklärung finden. 

Sehr stark verwischt ist das Bild der neben Faunus verehrten alt- 
römischen Fauna, die in der hellenisierenden Auffassung der römischen 
Gelehrten bald zur Gattin, bald zur Schwester, bald zur Tochter des Faunus 
geworden ist, da der rituelle Ausdruck Fauna Fauni (wie Inno loviSy 
Nerio Martis) alle Deutungen zuliess.^) Der Synkretismus späterer Zeit 
hat sie mit manchen andern göttlichen Gestalten, namentlich mit Ops und 
Maja, identifiziert, ohne dass darauf Wert zu legen wäre ; wohl aber kommt 
ihr noch ein zweiter Name zu, Bona Dea, ursprünglich ein blosses At- 
tribut der Göttin (wie duonus cerus), das aber nachher zum Eigennamen 
geworden ist und den Namen Fauna ganz verdrängt hat.'^) Die altein- 
heimische Auffassung dieser bona dea Fauna ist jedoch schon früh dadurch 
stark verdunkelt worden, dass ein in Rom eingedrungener griechischer 
Kult sich des Namens Bona Dea bemächtigte und dergestalt wenigstens 
im staatlichen Gottesdienste die alten Vorstellungen völlig in den Schatten 
stellte. Diese Göttin war nach der Angabe des Verrius Flaccus^) die in 
Troizen, Epidauros, Aigina und Tarent nachweisbare Damia, eine durch 
Geheimriten verehrte Frauengottheit ; ^) dass der Kult von Tarent nach 
Rom kam, ist wahrscheinlich,^) dass sie gerade mit Fauna-Bona Dea gleich- 
gesetzt wurde, hat seinen Grund wohl darin, dass auch vom Kulte dieser 
Göttin die Männer ausgeschlossen waren. ^) Der Zeitpunkt der Reception 
ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln, der Umstand, dass von dem Namen 
der Göttin Damia und des Festes Damium für die Priesterin eine latei- 
nische Benennung damiatrix gebildet wurde (s. Anm. 6), verbietet zu weit 
herunterzugehen; am nächsten liegt es, die Aufnahme des Kultes mit der 
Eroberung Tarents 482 = 272 zusammenzubringen. Das damals in Rom 
eingeführte Fest^®) war eine griechische Ttavvvxtg, die in einer alljährlich 
neu bestimmten Nacht zu Anfang Dezember ^0 ^^^ Geheimfeier unter strenger 



») Ovid. met. I 193. Lucan. III 403. Plin. 
n. h. XII 3. 

>) CIL VI 695; vgl. die Statue des Pan 
Pantheus bei E. Baumann, Die antiken 
Marmorskulpturen des Grossh. Antiquariums 
zu Mannheim, Festschr. z. 36. Philol. Ver- 
samml. in Karlsruhe, 1882, S. 16 ff. 

•) Vgl. F. CüMONT, Revue archöol. 1892 
r 186 ff. 

*) Varro de l. 1. VII 36. Serv. Aen. VII 
47. VIII 814. Lact. inst. I 22, 11. Macr. 
S. I 12, 21 ff. Amob. I 36. Tert. ad nat. II 9. 

') Die gleiche Bedeutung hat die bei 
den Picentem (Strab. V 241. Momxsbn CIL 
IX p. 502) und Umbrem (Bubchslbb, Um- 
brica p. 173) verehrte Göttin Cupra (von 
cup' = bonua). Vgl. Wissowa in Roschers 
Lex. I 931 f. 

*) PauL p. 68: damium sacrificium, quod 
BkndbQch der kUM, AltertamcwteenaohafU Y, 4. 



fiebat in operto in honorem Bonae De(ie, dic- 
tum a contrarietcUe, quod minime esset uafio- 
Ciov id est publicum, dea quoque ipsa Damia 
et sacerdos eius damiatrix appellahatur, 

') 'ü yvkaixeia &66e heisst sie Macr. S. I 
12, 27. Plut. Q. R. 20; Caes. 9; Cic. 19; vgl. 
Prep. V 9, 25. R. Pbteb in Roschers Lexik. 
1 943 ff. 

8) DiELS, Sibyll. Blätter S. 44 f. Zib- 
UNSKi, Quaest. com. p. 100, 7; vgl. auch 
Cbusius, Philologus XLIX 675. A. Dibtbbich 
ebd. LH 8 f. 

•) Macr. 8. I 12, 28. Prep. V 9; vgl. 
den Ausschluss der Frauen vom Kulte des 
(Faunus- )Silvanu8, oben S. 176. 

*°) Zeugnisse bei Mabqüabdt, Staatsverw. 
III 345 f. 

^^) Dass der Termin kein fester war (die 
Nacht vom 3./4. Dezember ist es im J. 691 

12 



178 



Beligion und KnltuB der Römer, n. Mtterlehre, 



Fernhaltung der Männer^) von Siaatswegen pro populo^) begangen wurde; 
die Feiernden sind die Frauen Roms, der Staat bringt das Opfer dar durch 
die Frau eines Magistrates cum imperio, in dessen Hause auch die Feier 
stattfindet,^) und durch die Yestalinnen, die hier wie überall die am Staats- 
herde waltende Hausfrau vertreten.^) Der Festraum war mit Weinranken 
geschmückt (Plut. Caes. 9), das Opfer bestand in einer porca (Marc. S. I 12, 
23. Juven. 2, 86), der Wein spielte dabei eine grosse Rolle,^) Musik und 
Tanz begleiteten die Feier. ^) Die griechische Göttin brachte auch ihren 
ItQog Xoyog mit nach Rom, der aetiologisch die Eultgebräuche erklärte, den 
Ausschluss der Männer, die Fernhaltung der Myrthe, die Anwendung des 
Weines unter falscher Benennung ^) u. a. ; diese Legende, die uns in zwei 
verschiedenen Versionen vorliegt,^) ist bis auf die Namen durchaus grie- 
chisch^) und darf auf keinen Fall als einheimische Überlieferung angesehen 
werden. Dieser griechischen Göttin galt der am Abhänge des Aventin 
unterhalb des sogen, saxum sacrum gelegene Tempel der Bona Dea, der 
von Livia wiederhergestellt wurde und sein Stiftungsfest am 1. Mai be- 
ging ; ^0) auch hier war Männern der Zutritt versagt (Fest. p. 278). Von 
grossem Interesse ist die Angabe (Macr. S. I 12, 25 f.), dass mit diesem 
Tempel eine Apotheke verbunden war und dass dort Schlangen gehalten 
wurden, wie in den griechischen Asklepieia; die Göttin trug also den 
Charakter einer Heilgottheit, wie auch zahlreiche Inschriften der Kaiser- 
zeit bezeugen.^*) Insbesondere sind es die Frauen, welche in Krankheits- 
fällen ihre Hilfe anrufen, und Frauen versehen auch den Dienst an 
diesen sakralen Heilstätten der Göttin, von denen wir ausser dem aven- 
tinischen Tempel durch Inschriften namentlich noch ein Heiligtum in 
Trastevere^') und ausserhalb Roms eines in Aquileja^^) nachweisen können; 
diese dienstthuenden Frauen, deren Mitwirkung bei der Heilung zuweilen 



= 63, Plut. Cic. 19. Cass. Dio XXXVII 35) 
zeigt Cic. ad Att V 21, 14. VI 1, 26. XV 25. 

*) Cic. de har. resp. 37 ; die zahlreicheD 
sonstigen Belegstellen Real-Encykl. III 688 f. 

*) Cic. de har. resp. 37; de leg. II 21; 
ad AU. I 12, 3. 13, 3. Ascon. p. 43. 47. 
Sen. epist. 97, 2. Juven. 9, 117. Cass. Dio 
XXXVII 35. 

') Cic. de har. resp. 37. Plut. Caes. 9; 
Cic. 19. Cass. Dio XXXVII 45. 

*) Cic. de har. resp. 37; ad Att I 13, 2; 
de leg. II 21. Ascon. p. 43. Plut. Cass. Dio 
aa. 00. ; vgl. dazu Jobdan, Tempel d. Vesta 
S. 52. 56. 

») Juven. 2, 87. 9, 117; vgl. 6, 314 flf. 
Amob. V 18. Lact. I 22, 11. 

<") Plut. Caes. 9. Juven. 6, 314 ff. 

') Macr. S. I 12, 25: vinum in templum 
eiu8 non suo nomine soleat inferri, sed vas 
in quo inditum est meUarium nominetur ei 
vinum lac nuncupetur; vgl. dazu Lobbck, 
Aglaoph. p 879. Dibls, Sibyll. Blätter S. 7 1, 1. 

^) Die ältere und bessere, auf Varro 
zurückgehende Fassung bei Macr. S. I 12, 
24 ff. Lact. inst. I 22, 9 ff. Tert. ad nat. 
II 9. Serv. Aen. VIII 314; die jQngere, ratio- 



nalisirende nach Sex, Clodius »exto de dis 
graeco bei Amob. V 18; vgl. Lact. 1 22, 11. 
Plut. Q. R. 20. 

*) Hinweis auf griechische Parallelen 
bei DiBTBBiCH a. a. 0. S. 9. 

»0) Ovid. fast. V 148 ff. Macr. S. I 12, 
21; die Angabe Ovids, dass eine Vestalin 
Claudia die Stifterin sei, beruht auf einer 
Entstellung der bei Cic. de domo 136 er- 
zählten Geschichte, wonach im J. 631 = 123 
die von einer Vestalin Licinia vorgenommene 
Weihung einer ciedictila (nicht ctedea) Bonae 
deae sub saxo als initissu poptdi geschehen 
von den Pontifices nicht anerkannt wurde. 

1') Bona dea Uygia CIL VI 72; dea 
[bona V]aletudo Eph. epigr. V 1299; f&r 
Heilung von Augenkrankheiten CIL VI 68. 
75, von Ohrenleiden V 759 (Auribus Bonae 
Deae; vgl. CIL III 986 und das Relief CIL 
XII 654). 

»«) CIL VI 65-68. 75; vgl. auch Hist 
Aug. Hadr. 19, 11. 

•») CIL V 756-762. 847. 8242; hier 
steht ein einheimischer Gott Fonio neben ihr, 
V 757 f. 



A« Di indigetefl. 83. Die Gottheiten des Wasaen. 



179 



eigens hervorgehoben wird,^) heissen bald sacerdotes bald magistrae und 
ministrae der Bona Dea.') Dieser ganze Zweig des Kultes der Bona Dea 
gehört offenbar zum Dienste der griechischen Damia; die Erinnerung an 
die alte Fauna-Bona Dea ist nicht vollkommen verschwunden, aber die 
Bedeutung dieser Göttin hat sich im Laufe der Zeit stark verallgemeinert 
und verflacht : wenn sie als Göttin des Landbaus, und zwar besonders von 
den Gaugenossen, verehrt wird (wie Faunus, so oben S. 173),^) so kann 
darin sehr wohl noch eine Erinnerung an die altrömische Fauna stecken; 
sonst aber wird Bona Dea auch als Schutzgottheit bestimmter Örtlichkeiten 
fast gleichbedeutend mit dem Genius loci angerufen,^) und in einer Reihe 
von Beispielen ist sogar Bona dea einfach als Attribut zu dem Namen 
einer andern Gottheit hinzugetreten.^) Der Anlass zu dieser Yerflachung 
liegt in der wenig ausgeprägten Bedeutung des Namens, der die verschie- 
densten Auffassungen zuliess; es lässt sich darum auch nicht ausmachen, 
in wie weit an den namentlich in Latium ^) und den Nachbargebieten 
zahlreich nachweisbaren^) Kultstätten der Göttin diese oder jene Grund- 
anschauung vertreten war. Auch eine bei Albano gefundene inschriftlich 
gesicherte Statue der Bona Dea^) trägt denselben unbestimmten Charakter ; 
es ist eine vollbekleidete thronende Frau in einem aus unzähligen Vari- 
ationen verschiedenster Bedeutung bekannten Typus mit dem ganz farblosen 
Attribute des Füllhorns; nicht einmal das anderweitig bezeugte^) Symbol 
der Schlange ist ihr beigegeben. 

Litteratur: M. Mottt, De Fanno et Fauna sive Bona, Dea eiosque mysteriis, 
Berolini 1840. D. db' Guidobaldi, Damia o Bona Dea ad occasione d'una iscrizione Osca 
opistografa, Napoli 1865. A. Rbiffbbscheid, Annali d. Inst. 1866, 210 ff. G. Wissowa in 
Hoscfaers Lexikon T 1453 ff. und Real-Encycl. 111 686 ff. R. Pbtbb in Röschere Lexikon I 
789 ff. D. Vaglibbi bei Rüqgibuo, Dizion. epigraf. I 1012 ff. 

33. Die Gottheiten des Wassers. Das fliessende Wasser natür- 
licher Quellen, die aqua iugis,^^) spielt im Ritual des altrömischen Kultus 
eine hervorragende Rolle; denn für alle sakralen Zwecke, namentlich für 
die Reinigung vor dem Opfer oder zur Lustration nach vorangegangener 



Per eam (d. h. Bona Dea) restittUa 
omnia ministerio Canniae Fartunatcte CIL 
VI 68. 

«) Sacerdotes in Rom CIL VI 2236 f. 
2240. Eph. epigr. IV 873 ; magistratus collegi 
Bonae Deae VI 2239, tnagisterium Bonae 
Deae XIV 4057; magistrae CIL VI 2288. IX 
805. XI 3866. XIV 3437. Eph. epigr. VIII 
624; ministrae CLL XU 654. Notiz, d. scavi 
1881, 22; magistrae und ministrae in Aqui- 
leja CIL V 757-759. 762. 

') Cereria heisst sie CIL V 761, pagana 
V 762 (vgl. die Weihung der magistri Laver- 
neis . . pagi decreto CIL 11279 = IX 8138); 
Bildwerke, die auf Landbau hinweisen, X 
4615. Zur Vorsicht mahnt jedoch CIL VI 68, 
wo die Göttin Bona Dea agrestis felix heisst, 
die Weihung aber erfolgt oh luminihus 
restUutis, 

*) HoMxssN zu Ephem. ep. IV 723 ^ 
Daher Bona Dea castrensis (Eph. ep. IV 723. 



CIL V 760, vgl. VI 70), Bona Dea arcensis 
triumphalis (Eph. ep. VIII 183), Bona Dea 
Annianensis (CIL VI 69), Bona Dea Sevina 
(CIL XIV 3437) u. a. 

*) Bona dea luno (CIL II l 3507), Venus 
Cnidia (CIL VI 76), Isis (XI 3243 mit Bor- 
manns Anmerkung), Caelestis (X 4849. XIV 
3530). 

^) Ausser den inschriftlichen Zeugnissen 
(CIL XIV 2251. 3437. 3530. 4001. 4057) vgl. 
Cic. pro Mil. 86 (s. auch Ascon. p. 27), der 
eines sacrarium Bonae Deae bei Bovillae 
gedenkt. 

') Ausserhalb Italiens selten; z. B. CIL 
VIII 4509. 10765. 11795. XII 654. 5830. 

*) 0. Mabucchi, Bull. arch. com. VII 
1879 227 ff 

») Plut. Caes. 9; vgl Macr. 8. I 12, 25. 
CIL VI 55. 

•ö) Hör. serm. 11 6, 2; epist. I 15, 16. 
Serv. Aen. II 719. Fest. p. 161 u. a. 

12* 



180 



Religion nnd Kultus der Römer. II. GOtterlehre. 



Befleckung, ist nur das vivo flumine^) geschöpfte Wasser brauchbar, nicht 
das aus Cisternen oder Leitungen entnommene. In besonders alten und 
mit strengem Geremoniell umgebenen Kulten ist für die Entnahme des 
zur Reinigung des Tempels und zu sonstigen Eultzwecken nötigen 
Wassers sogar ein bestimmter Quell vorgeschrieben. So mussten im 
Dienste der Yesta ihre jungfräulichen Priesterinnen ursprünglich täglich 
den Bedarf an Wasser selbst aus dem vor der Porta Capena gelegenen 
Haine der Gamenae holen,') in dem eine Quelle besonders guten Wassers 
entsprang.^) Diese Gamenae, welche in dem Haine eine kleine eherne 
Aedicula^) besassen und Opfer von Wasser und Milch erhielten (Serv. 
Ecl. 7, 21), sind sicher von Haus aus Quellgöttinnen und als solche auch 
verstanden worden,^) wenn man sie auch zugleich früh^) und allgemein 
mit den griechischen Musen identifizierte, anknüpfend an die ältere Namens- 
form Casmenae, die- man von Carmen {*casmen) herleitete.') Zweifelhaft 
bleibt es, ob die Gamenae zugleich auch als Geburtsgöttinnen angesehen 
worden sind, wie die am Quell des Haines von Aricia verehrte Egeria, die 
bei der Übertragung des aricinischen Dianendienstes nach Rom im Haine 
der Gamenae ihre Kultstätte fand (s. unten § 37). Nahe gelegt wird 
diese Vermutung durch die im Namen gegebene Beziehung der Gamenae 
zur Göttin Garmentis oder Garmenta®), welche, ursprünglich wahrscheinlich 
ebenfalls Quellgottheit, ^) als besondre Beschützerin der gebärenden Frauen 
angerufen wurde. ^^) Von den beiden Hauptlagen, die das Kind bei der 
Geburt einnimmt, führte sie den Doppelbeinamen Prorsa Postverta^^) (ge- 
bildet wie Patulcius Clusivius, Condus PromuSy Panda Cela u. a.), woraus 
man später missverständlich eine Mehrheit von Garmentes oder Beglei- 
terinnen (Schwestern) der Hauptgöttin machte; auch die Beinamen Nona 
Decimaj^^) hergenommen von den beiden hauptsächlich für die Geburt ent- 
scheidenden Monaten, kommen wahrscheinlich der Garmenta zu (s. unten 
§ 39). Die Bedeutung der Göttin im ältesten Kultus erhellt daraus, dass 
sie nicht nur einen eigenen Flamen Garmentalis^') besass, sondern ihr Fest 

(Varro, Verrius, Vergil, Ovid, Geilius, Servius 
u. a.), Ckirmenta hat nur liv. I 7, 8 (aber 
V 47, 2 ad Cartnentis). Hygin. fab. 277. 
Solio. 1, 18. [Aur. Vict.] origo5 (letztere beiden 
haben Carmenta and Carmentia dicht neben 
einander) und (KaQfjiäyTtj) die Griechen (Strabo, 
Dionys v. Halikamass, Plutarch). 

') Darauf führt wenigstens die Bezeich- 
nung als Nymphe, die sie häufig erhftlt, 
z. B. bei Verg. Aen. VllI 336 (und dazu 
Serv.). 339. Strabo V 230. [Aur. Vict.] origo 
5 u. a.; vgl. Pbkukeb, Hestia-Vesta S. 3d4. 

'») Plut. Rom. 21; Q. R. 56. 

'*) Diese Namensformen gibt Varro bei 
Gell. XVI 16, 4 und Tert. ad nat. 11 II; 
Porrima und Postverta Ovid. fast. I 633. 
Serv. Aen. VIU 336; Äntevorta und Post- 
varta Macr. S. 1 17, 20. 

»«) Varro bei Gell. HI 16, 10. Tert de 
an. 37. 

») Cic. Brut. 56. CIL VI 3720. Ephem. 
epigr. IV 759. 



1) Vgl. z. B. Verg. Aen. II 719 und Serv. 
z. d. St. Liv. I 45. 6 = Aur. Vict. v. ill. 7. 
Ovid. fast. IV 778. Val. Flacc. III 422. Tac. 
bist. IV 53 u. a. 

*) Plut. Numa 18; vgl. Jobdan, Tempel 
der Vesta S. 63. 

») Vitruv. VUl 3, 1. Liv. I 21. 3. 

*) Sie wurde später vom Blitze ge- 
troffen und erst in dem benachbarten Tempel 
von Honos und Virtus, dann in der aedes 
Herculis Mtisarum des Fulvius Nobilior auf- 
gestellt (Serv. Aen. I 8); die von Plin. n. h. 
XXXIV 19 erw&hnte aedes Camenarum ist 
vielleicht eben diese aedea Herculis Musarum, 

*) Varro bei Serv. Ecl. 7, 21. Tertull. 
adv. Marc. I 13. 

') Schon Liv. Andren. Odiss. frg. 1; 
vgl. Varro de 1. 1, VII 26 f. Paul. p. 43. 67. 
JoBDAN, Krit. Beiträge S. 131 ff. 

') Anders Catnenae quasi canenae Macr. 
comm. II 3, 4; vgl. Serv. EcL 3, 59. Paul, 
p. 43. 

*) Cartnentis ist die gewöhnliche Form 



A. Di indigetes. 33. Die Gottheiten des Wassers. 



181 



ein zweitägiges war, in der Art, dass zwischen den beiden Festtagen (11. 
und 15. Januar) der in der ältesten Festordnung mehrfach als bedeutungs- 
voll zu beobachtende Zwischenraum von 3 Tagen lag.^) Mit der Erklä- 
rung der Zweitägigkeit hat man sich im Altertume viele Mühe gegeben 
und zur Begründung der Hinzufügung des zweiten Tages mancherlei Hy- 
pothesen aufgestellt : die einen führten sie auf ein Gelöbnis bei einer Be- 
lagerung von Fidenae zurück,') die andern wussten zu erzählen, dass sich 
einst die Matronen Roms die versagte Erlaubnis, sich in der Stadt des 
Wagens {carpentum) zu bedienen, durch Verweigerung der ehelichen und 
mütterlichen Pflichterfüllung erkämpft hätten und der zweite Festtag der 
Erinnerung an die erfolgte Versöhnung diene. ^) Liegt auch hier die Her- 
leitung der ganzen Kombination aus der etymologischen Spielerei mit 
Carmenta und carpenta auf der Hand, so hat doch die aetiologische Er- 
findung mit Bedacht gerade die römischen Matronen zu Trägerinnen der 
Handlung gemacht, weil deren Beziehungen zum Dienste der Göttin ausser 
Zweifel standen. Als eine Stiftung der römischen Matronen galt das zwi- 
schen Capitol und Fluss, nahe der danach benannten Porta Carmentalis, 
gelegene alte Heiligtum,^) aus dessen Ritual wir die eine Bestimmung 
kennen, dass nichts Ledernes (scortea), also von einem toten Körper Her- 
rührendes hineingebracht werden durfte, weil dem Heiligtume der Geburts- 
göttin jedes omen morticinum femgehalten werden musste.*) In der Lifc- 
teratur tritt die Eigenschaft der Carmenta als Geburtsgöttin zurück hinter 
der Betonung ihrer Weissagegabe, die wohl ebenfalls schon der ältesten 
Auffassung der Göttin angehört, da wir diese Vereinigung von Quell-, Ge- 
burts- und Weissagegottheiten auch sonst finden: man bezeichnete darum 
Carmenta als eine Geburtsparze, die den Neugeborenen ihr Geschick singe, ^) 
leitete ihren Namen nicht nur von den carmina,'') sondern von der sehe- 
rischen Verzückung, dem carere mente,^) ab und erklärte die Beinamen 
Antevorta und Postvorta von ihrem auf Vergangenheit und Zukunft in 
gleicher Weise gerichteten Blicke.®) In den Erzählungen der römischen 
Dichter tritt sie daher vielfach als Prophetin der künftigen Grösse Roms 
oder einzelner Ereignisse auf ^^) und wird auch in die Vorgeschichte Roms 
in der Art verflochten, dass man sie zur Mutter (oder Gattin, Plut. Rom. 
21) des Euander und zur Arkaderin machte und mit den von der grie- 
chischen Tradition an gleicher Stelle genannten Nymphen, Themis, Niko- 
strate u. a., identifizierte.") So spielt sie in der Litteratur eine grosse 



>) CIL I» p. 307. Ovid. fast. I 461 ff. 
617 ff.; vgl. Varro de 1. 1. VI 12. Macr. S. I 
16, 6. Fiat. Rom. 21; über den Stägigen 
Zwischenramn Wissowa, De feriis anni Rom. 
p. VIII. 

') Fast. Praen. 15. Jan., vg]. Mommsbn 
CIL I« p. 807. 

•) Ovid. fast. I 617 ff. Plut. Q. R. 56. 

*) Plut. Q. R. 56; fanum Carmentis 
Gell. XVIII 7, 2. Solin. 1, 13, sacellum Ovid. 
fast. I 629; gewöhnlich ist nur von einem 
Altar (zwei arae Varro bei Gell. XVI 16, 4) 
die Rede. Verg. Äen. VIII 337 und Serv. 
z. d. St. Dion. Hai. ant. I 32. 



») Ovid. fast. I 629 f. Fast. Praen. 
11. Jan.; vgl. Varro de 1. L VII 84. Serv. 
Aen. IV 518. 

^) Quae fata nascentibua canunt August, 
c. d. IV 11; vgL Plut. Rom 21; Q. R. 56. 
Fast. Praen. 11. Jan. 

') Plut. aa.OO. Solin. 1, 10. Mart. Cap. 
II 159. Isid. orig. I 4. 

«) Plut. aa. 00. 

•) Macr. S. I 7, 20. Ovid. fast. I 685 f. 

»0) z. B. Verg. Aen. VIII 333 ff. Ovid. 
fast. 1 461 ff. VI 529 ff. Strab. V 230. Dion. 
Hai. ant I 40. 

'») Verg. Aen. VIII 333 ff. Ovid. fast I 



182 



Religion nnd Kultus der Römer. IL GOtterlehre. 



Rolle, die nicht recht im Verhältnis steht zu der Bedeutung, die ihr im 
Kulte der späteren Zeit zukam: denn, wie das völlige Fehlen von Weih- 
inschriften zeigt, trat sie gegen Gottheiten verwandter Funktion wie Mater 
Matuta, Diana, Juno Lucina völlig in den Hintergrund. 

Ihren allgemeinen Ausdruck fand die Verehrung der Quellen im 
Staatskulte durch das Quellenfest Fontinalia am 13. Oktober, bei dem man 
Blumengewinde in die Quellen warf und die Brunnen bekränzte.^) Der 
Gott F n s ^) als Repräsentant aller Quellen erhielt einen Tempel im J. 523 
==231 durch G. Papirius Maso (Cic. de nat. deor. UI 52), ausserhalb der 
Stadt in der Nähe eines Thores,*) jedenfalls wohl der porta ForUinalis;^) 
dort mag schon vorher ein sacellum des Gottes bestanden haben, während 
eine andre ara Fontis in der Nähe des angeblichen Grabes des Numa (Cic. 
de leg. II 56), d. h. auf dem Janiculum, gelegen war und die genealogische 
Konstruktion ihn daher zu einem Sohne des Janus (und der Quellnymphe 
Juturna) machte (Arnob. III 29). Bei den Piacularopfem der Arvalen er- 
scheint Föns mit dem Opfer von zwei Hammeln;^) dagegen ist es bei den 
zahlreichen inschriftlich erhaltenen Privatweihungen nicht sicher zu ent- 
scheiden, ob an den Gott des Staatskultes oder an das numen einer be- 
stimmten einzelnen Quelle gedacht ist;^) letzteres ist in den weitaus mei- 
sten Fällen das wahrscheinlichere und wird oft durch individualisierende 
Beinamen bewiesen (z. B. fons Lollianus CIL VI 162, fons Scaurianus ebd. 
164 f. u. a.). Denn eine jede Quelle ist heilig und Gegenstand göttlicher 
Verehrung:') jede Verunreinigung wird aufs strengste ferngehalten, Wein- 
spenden und Tieropfer an festlichen Tagen dargebracht,^) auch Tempel 
über oder an der Quelle erbaut.®) Die Verehrung gilt oft auch den fontes 
in der Mehrzahl oder den Lymphae,^^) die als Gottheiten der befruchtenden 
und heilenden Kraft des Wassers verehrt wurden^') und später den grie- 
chischen Nymphae Platz machten.^*) Die Verehrer waren die Anlieger und 



461 ff. Strabo V 230. Liv. I 7. Dion. Hai. 
ant. 1 31. [Aur. Vict.] origo 5. Flut. Rom. 21 ; 
Q. R. 56. Solin. 1, 10. Serv. Aen. VÜI 51. 
130. 836. 

») Varro de 1. 1. VI 22; vgl. Paul. p. 85. 
CIL I« jp. 332. 

>) Die Form FotUus hat Arnob. III 29; 
Fontanus findet sich auf zwei Inschriften, 
CIL X 6071 und (mit Fontana) U 150. 

') Dies zeigt die Notiz eines 1894 ge- 
fundenen Kalenderbruchstückes (Bull. arch. 
com. XXII 1894, 221 ff.) zum 13. October: 
Fonti extra p[ortam ....]. 

*) Ueber deren Lage s. jetzt Hülsen, 
Rhein. Mus. XLIX 411 f. 

') Hbnzbn, Acta fr. Arv. p. 146. 

*) Vgl. Genio nutninis fontis Sermon, 
CIL VI 152; numini nympharum aquae ebd. 
547; fontana numina Ovid. fast. IV 759 f. 

') Frontin. de aqu. 4. Serv. Aen, VII 84: 
nufliM enim fons non saeer; vgl. fontes divini 
CIL V 4938. 11 2005; fons sanctissimus CIL 
VI 153. 

») Hör. carm. III 18; vgl. Ovid. fast. III 



300. Martial. VI 47. Die Verehrung der 
Quellen, z. B. das panem in fontem mittere, 
gehört zu den letzten Resten des Heiden* 
tums, gegen welche die christlichen Prediger 
noch im 6. Jhdt. eifern, s. Martin v. Bra- 
cara de correct. rust. c. 16 und Caspari 
z. d. St. 

>) Aedes fontis CIL VIII 2656, vgl. 
Vitruv. I 2, 5. 

»«) Aeltere Form Lumpae CIL IV 815; 
Lumpheis CIL IX 4644; Lumphis Vitruv. I 
2, 5; Lumphieis CIL X 6797; osk. diumpais 
auf der Inschrift von Agnone, Zvetaikpf, 
Syll. inscr. Ose. Nr. 9. 

") Varro de 1. 1. V 71; de re r. I 1, 6 
und mehr bei Wissowa in Roschers Lexik. 
II 2205 f. 

>') Ueber die aedes Nympharum in eampo 
vgl. AusT, De aedib. sacr. p. 29 Nr. 80; Über 
Nymphaea in Rom Gilbert, Topogr. III 282 f. 
Weihungen an die Nymphen sind häufig, 
namentlich bei Heilquellen, z. B. CIL X 
6786- 6799 (Ischia). XI 8286 ff. (Vicarello). 



A. Di indigetes. 88. Die Qottheiten des Waaaers. 



183 



Benutzer der einzelnen Quelle, teils Einzelpersonen, teils Korporationen, 
insbesondere von solchen Handwerkern, die zu ihrem Betriebe des Wassers 
in ausgedehntem Masse bedurften, wie z. B. die Walker. In Rom hat 
dann die Göttin einer bestimmten Quelle die besondere Verehrung aller 
mit Wasser arbeitenden Handwerker (qui artificium aqua exercent Serv. 
Aen. Xn 139) gewissermassen auf sich konzentriert, Juturna oder, wie 
sie mit älterem Namen heisst, Diutuma-J) der ursprünglich an einer Quelle 
im Gebiete von Lavinium haftende Name (Serv. a. a. 0.) wurde auf eine 
römische Quelle, den nahe beim Vestatempel gelegenen locus luturnaef^) 
übertragen und am Ende des ersten punischen Krieges durch Q. Lutatius 
Catulus im Marsfelde, dort wo später der Endpunkt der Aqua Yirgo war 
(Ovid. faist. I 464), ein Staatstempel der Juturna erbaut, dessen Stiftungs- 
tag am 11. Januar {IiUumalia Serv. a. a. 0.) insbesondere von den ge- 
nannten Handwerkern begangen wurde.^) Auch die heilende Kraft des 
Quellwassers wurde durch Juturna vertreten, deren Namen man a iuvando 
herleitete, quod laborantes iuvare consuevü,^) und ebenso scheint man zur 
Abwehr von Feuersgefahr neben den Nymphen auch sie zu Hilfe gerufen 
zu haben.*) In die dichterische Ausgestaltung der latihischen Urgeschichte 
ist sie von Yergil als Schwester des Turnus verflochten worden, während 
Ovid von einem bei Yergil nur angedeuteten Liebesverhältnisse zu Jup- 
piter ausführlich zu erzählen weiss ^) und andere (Arnob. HI 29) sie zur 
Gattin des Janus und Mutter des Fontus machten. 

Wie die Quellen, so haben auch die Flüsse in Italien überall uralten 
Kult, wenn es auch natürlich bei der jeweiligen lokalen Beschränkung 
desselben vom Zufall abhängt, ob wir von der Yerehrung des einzelnen 
Flusses etwas wissen. Besonders berühmt waren der noch in der Kaiser- 
zeit blühende Kult des Glitumnus in Umbrien^) und der des Numicus 
von Lavinium, der mit dem Dienste des dortigen Juppiter Indiges in 
engster Beziehung stand;') auch die Yerehrung des neapolitanischen Sebe- 
thus (CIL X 1480 und dazu Mommsen) und des Padus pater (Bull. d. inst. 
1876, 85) sind inschriftlich belegt, während die Deutung mancher sonst 
unbekannter Namen der Weihinschriften, wie z. B. des Turpenus pater 
von Praeneste (CIL XIY 2902), auf Flussgötter unsicher ist.*®) Um so mehr 



*) Geradezu als collegia fontanorum be- 
zeichnet CIL VI 266 -268. 1078 und dazu 
MoMMSBN, Ztschr. f. gescbichtl. Rechtswiss. 
XV 326 ff., vgl. auch Rudorff ebd. 214 ff. 

*) CIL VI 3700. Cic. p. Cluent. 101. Flor. 
I 28 und dazu Momjcssn, Eph. epigr. I p. 36; 
CIL I« p. 327. 

•) JoRDAK, Topogr. I 2 S. 370. Gilbert 
Topogr. I 363 f. 

*) AusT, De aed. sacr. p. 17 Nr. 35, vgl. 
p. 29 zu Nr. 80 und p. 46. 

») Varro de L 1. V 71. Serv. Aen. XII 
139. 

«) Mommsen CIL P p. 826 f.; vgl. unten 
S. 185. 

') Verg. Aen. XIT 134 ff. 222 ff. 446 ff. 
843 ff. Ovid. fast. II 583 ff. 



») Plin. ep. VIII 8; luppUer Clitumnus 
bei Vib. Sequ. p. 148 Biese; vgL Wissowa 
in Roschers Lexikon I 912. 

') Vgl. AusT in Roschers Lexikon II 
645 f. und oben S. 108. 

^°) Vgl. Jordan zu Prellsr, Rom. Myth. 
I 56, 1, der auch den divus pater Falacer 
des ältesten römischen Indigetenkreises 
(flamen Falacer Varro de 1. 1. V 84. VII 45) 
für einen Flussgott halten möchte (anders 
BuECHBLBR, UmbricR p. 156). Der Albsis 
(d. h. Albensis) pater des Erztäfelchens CIL 
IX 4177 =^ VI 8672 ist kein Flussgott, son- 
dern der deus patrius (vgl. CIL XIV 3. X 
1553. 1805. 1881. 3704) von Alba Fucens, 
wie der Reatinus pater (CIL IX 4676) von 
Reate und der pater Pyrgensis (CIL XI 3710) 



184 



Religion nnd Ealtiui der Römer. II. Oötterlehre. 



muss es auf den ersten Blick befremden, dass in der ältesten Fest- und 
Priesterordnung Roms der Name des Tiberis fehlt, zumal wir aus zu- 
fälligen Erwähnungen wissen, dass er in den Gebetsformeln sowohl der 
Pontifices wie der Augurn vorkam. *) Die Schwierigkeit ist von Moiocsen 
gelöst worden durch die Erkenntnis, dass der Gott Volt um us, der einen 
eigenen Flamen (Varro de 1. 1. VH 45. Paul. p. 379) und ein Fest Voltui^ 
nalia am 27. August*) besitzt, nichts anderes ist als der Fluss schlecht- 
hin, benannt von den sich dahinwälzenden (volvere) Wogenmassen. Dieser 
allgemeine Flussname, der sich im campanischen Yolturnus') als Eigen- 
name lokalisiert hat, erhielt in Rom seine genauere Bestimmung durch 
die adjektivische Hinzufügung TiAerinus^) oder Tiberinus pater. Ein auf 
der Tiberinsel gelegenes Heiligtum dieses Gottes beging seinen Stiftungstag 
am 8. Dezember,^) und möglicherweise galt ihm auch das alljährlich am 
7. Juni trans Tiberim begangene Innungsfest der Tiberfischer (des corpus 
piscatorum et urinatorum totius alvei Tiberis CIL VI 1872), die ludi pisca- 
torii.^) Dichtung und Kunst haben später den Gott des heimischen Stromes 
vielfach dargestellt: man bildete ihn nach Art der griechischen Flussgötter 
als gelagerten langbärtigen Greis, mit Schilfrohr beki*änzt, der einer üme 
seinen Fluss entströmen lässt,^) und in ähnlicher Gestalt lässt ihn auch 
Yergil (Aen. YIH 31 ff.) dem Wasser entsteigen. Genealogisch machte man 
ihn zum Sohne des Janus und der Gamasene (Serv. A^n. VHI 330), oder 
man reihte ihn als Sohn des Gapetus in die albanische Eönigsliste ein 
und erzählte, dass er in dem damals noch Albula genannten Flusse er- 
trunken sei und ihm seinen Namen gegeben habe,») oder man machte ihn 
zum Könige von Yeji und liess ihn im Kampfe gegen Glaukos, den Sohn 
des Minos, fallen.^) 

34. Yolcanus und Maja. Der Gott des feurigen Elementes, Vol- 
canus, hat in der ältesten Kultusordnung sowohl seinen eigenen Flamen, ^<^) 
wie sein Fest, die Yolcanalia am 23. August, und einen geweihten Platz, 
die area Volcani oder das Volcanal, oberhalb des Comitium, jedenfalls mit 
einem Altar oder sacellum;^^) die gelehrte Überlieferung rechnete den Kult 
zu den vom König Titus Tatius eingeführten. ^>) Neben ihm wurde als 



von Pyrgi ; vgl. auch den Sardius) pater auf 
den Münzen des M. Atius Balbos (Babblon, 
Monn. cons. I 223 und dazu Klbbs, Real- 
Encycl. II 2253 f.). 

*) A pontifieibus indigitari aolet Serv. 
Aen. VIII 330; in augurum precatione Cic. 
de nat. deor. III 52, vgl. Serv. Aen. VIII 95; 
in scuiris Serv. Aen. VIII 63. 

«) CIL I» p. 327. Varro de 1. 1. VI 21; 
VdUurno flumini aacrificium fast. Vall. 

') Aach dieser erfahr göttliche Ver- 
ehrong; vgl. die Inschrift Ephem. epigr. VIII 
576. 

*) Dies ist die alleinige Form der Sacral- 
sprache (Serv. Aen. VIII 31 : in aacris Tibe- 
rinus, in coenolexia Tiberia, in poemate 
Thybria vocatur) und der Inschriften: CIL 
VI 773. XI 3057 (Herta). XIV 376 (Ostia); 
divo Tiberino Obblli 4946 (Tader). Ebenso 
wie Tiberiniia zu Tiberia verhält sich Numi- 



ciua zu Numicua. 

^) CIL V p. 336; die von Mommsbn ebd. 
p. 335 verfochtene Identit&t von Tiberinus 
und Portunus hat zur Stütze nur die That- 
sache, dass der späte Philocalus die in pwriu 
Tiberino gefeierten Portunalia (s. oben S. 99) 
ungenau als Tiberinalia bezeichnet. 

«) Fest. p. 210. 238. Ovid. fast. VI 235 ff. 

^) Vgl. A. Gebbbb, Jahrb. f. Philol. 
SuppLXIII 273 ff. 

») Liv. I 3, 8. Dion. Hai. ant. I 71. Ovid. 
met. XIV 614; fast. IV 47 f. u. a.; vgL Varro 
de L L V 30. Verg. Aen. VIII 333 f. 

•) Varro a. a. 0. Serv. Aen. VIII 72. 330. 

") Varro de 1. 1. V 84. Macr. S. I 13, 18. 
CIL VI 1628. 

>•) Jobdan, Topogr. I 2 S. 339 f. 

») Varro de 1. 1. V 74. Dion. Hai. II 50. 
August, c. d. IV 23. 



A. Di indigetea. 84. Voloanns und Maja. 



185 



seine Genossin eine Göttin Maja oder Majesta verehrt, von der nichts 
weiter bekannt ist, als dass ihr am 1. Mai durch den Flamen Volcanalis 
ein Opfer dargebracht wurde. ^) Man scheint bei diesem Kulte von alters 
her vorwiegend die furchtbare und verheerende Gewalt des Feuers im 
Auge gehabt und Yolcanus als einen gefahrdrohenden Gott, dessen Groll 
versöhnt werden müsse, verehrt zu haben: darauf weist der Brauch, ihm 
an seinem Festtage stellvertretende Opfer in Gestalt lebender Fische ins 
Feuer zu werfen,*) sowie ihm nach der Schlacht die eroberten Waffen 
zu verbrennen.*) Der Volcanus-Kult der historischen Zeit gilt jedenfalls 
durchaus und ausschliesslich dem Beschützer vor Feuersgefahr, und darum 
lag sein, jedenfalls vor dem J. 539 = 215 erbauter (Liv. XXIV 10, 9) 
Tempel, dessen Stiftungstag mit den Yolcanalia zusammenfiel, ausserhalb 
des Pomerium, am Gircus Flaminius.^) Eine besondre Hebung erfuhr der 
Kult des Gottes bei Gelegenheit der augusteischen Neuordnung der städti- 
schen Bezirkseinteilung: denn da diese mit dem Feuerlöschwesen im eng- 
sten Zusammenhang stand, so pflegten die magistri vicorum insbesondere 
die Verehrung des Volcanus als Volcanus quietus augustus^) und der ihm 
gesellten Göttin Stata mater,^) der man die Macht zuschrieb, die Feuers- 
brünste zum Stehen zu bringen, und deren Bild schon früher^ wie es scheint 
seit der suUanischen Zeit, auf dem Forum — vielleicht unweit des Vol- 
canal — gestanden hatte.'') Mit derselben Neuordnung hängt auch die 
Weihung zusammen, welche Augustus im J. 745 = 9 dem Volcanus machte 
ex stipe, quam populus Romanus anno novo apsenti eontulit (CIL VI 457, vgl. 
MoMMSEN, Res gest. D. Aug.' p. 82), und die Einsetzung eines Opfers, das 
am Tage der Volcanalia dem Volcanus nebst andern in Feuersnöten gnä- 
digen Gottheiten, den Njnnphen (und Juturna?), die für Wasser zum Löschen 
sorgen, ausserdem der Ops Opifera (s. oben S. 168) und dem Quirinus (s. 
oben S. 140), je bei ihren Tempeln, dargebracht wurde;®) ebenso verordnete 
Domitian, als er zum Andenken an den neronischen Brand Altäre incen- 
diorum arcendorum causa errichten Hess, dass an ihnen alljährlich am Tage 
der Volcanalia das Opfer eines roten Kalbes und eines Schweines (vüulo 
robeo et verre) stattfinden solle.*) In Ostia genoss Volcanus eine sehr 
hohe Verehrung, ^<>) weil für die Docks und Speicher der Hafenstadt die 
Feuersgefahr ganz besonders zu fürchten war; aus ähnlichen Gründen 



^) Gell. XIII 23, 2. Macr. S. I 12, 18. 

«) Varro de 1. 1. VI 20. Fest. p. 238. 

•) Liv. I 37, 5. XXX 6, 9. XLI 12, 6; 
▼gl. VIII 10, 13. Serv. Aen. VIII 562. 

*) Vitr. I 7, 1: extra murum Veneria 
Vclcani Mariis fana ideo conlocari, uti . , . 
Voleani , . vi e moenibus religionibus et 
sacrifieiia evoccUa ab timore incendiorum aedi- 
ficia videantur liberari. Flut. Qu. rom. 47; 
über den Tempel vgl. Jobdan, Eph. epigr. I 
p. 230 f. AusT, De aedib. sacr. p. 18. 

») CIL VI 801. 802; WeibinBchriffc eines 
Praefectas yigilum VI 798. 

•) CIL VI 761-766; einmal (761) heisst 
sie Stata Fortuna augusta, einen vicus Staiae 
Siccianae in der 14. Region nennt die capi- 
toiinische Basis CIL VI 975; ausserhalb 



Roms findet sie sich in Forum Cassi (CIL 
XI 3321) und in Aequiculi (? CIL IX 4113). 

^) Fest. p. 317: Statae matris aimula- 
crum in foro colebatur, postquam id Sulla 
stravit (so Jordan, Topogr. IIS. 525; coüa- 
straint Hs.), ne lapidea igne corrumperentur, 
qui plurimus ibi fiebat noctumo tempore, 
magna pars populi in suos quique vicoB 
rettulerunt eius deae eultum, 

») MoxMSEN CIL P p. 326 f. Wissowa, 
De feriis anni Rom. p. VII; Hermes XXVI 
141. 1. 

») CIL VI 826 = 30833; vgl Lanciani, 
Bull. arch. com. XVII 1889, 331 ff. Hülsbn, 
R5m. Mitt. IX 1894, 94 ff. 

»0) Dessau CIL XIV p. 5. 



186 



Religion and Knltna der Römer. II. Oötterlehre. 



wurde in Perugia nach der Einäscherung der Stadt im J. 713 = 41 Vol- 
canus als Stadtgott verehrt. >) Dass Yolcanus auch als Gott der Schmiede- 
kunst angesehen worden sei, ist aus dem Kulte nicht nachweisbar und 
nicht wahrscheinlich. Denn der alte Beiname Mulciber, den man gewöhn- 
lich mit dem Schmelzen des Metalls im Feuer zusammenbringt,') bezeichnet 
vielmehr den Besänftiger der Feuersbrunst.') Allerdings wird das im 
ältesten Kalender zum 23. Mai notierte Fest Tubilustrium in den Zusätzen 
der Steinkalender als feriae Volcano bezeichnet, und Ovid (fast. V 726) 
stimmt damit überein, wenn er sagt: lustrantur purae, quas facit ille (Vol- 
canus), tubae; da aber das zweite Fest gleichen Namens (am 23. März) 
sicher dem Mars gilt (s. oben S. 131) und beide nicht getrennt werden 
können, so dürften wir es hier mit einem durch das Eindringen der grie- 
chischen Vorstellungen veranlassten Irrtume zu thun haben. ^) Auch als 
Gott des Herdfeuers ist Volcanus im römischen Kulte nicht gefasst worden : 
allerdings galt der sagenhafte Gründer von Praeneste, Gaeculus, dessen 
Mutter ihn durch eine vom Herdfeuer in ihren Schoss gesprungene Kohle 
empfangen haben sollte, als Sohn des Yolcanus,^) und auch Servius Tul- 
lius, der ja der Sage nach ebenfalls vom Gotte des Herdes erzeugt war, 
heisst zuweilen Sohn des Volcanus;^) aber in diesem letzteren Falle nennt 
eine andre Überlieferung^) vielmehr den Lar familiaris als Erzeuger, und 
das ist ohne Frage die bessere, der älteren römischen Anschauung ent- 
sprechende Vorstellung (s. oben S. 150), während Volcanus erst durch die 
hellenisierende Tendenz hineingebracht wurde. ^) Mit Vesta gepaart erscheint 
Volcanus erst bei dem Lectisternium des J. 537 = 217 (Liv. XXH 10, 9), 
also sicher unter griechischem Einflüsse, und diese Verbindung findet sich 
auch nachher noch einige Male;^) wie sehr der Gott später in den Bereich 
des graecus ritus gezogen war, zeigt die Thatsache, dass im J. 64 n. Chr. auf 
Grund eines sibyllinischen Orakels Volcanus, Ceres und Proserpina eine supplin 
catio erhalten (Tac. ann. XV 44). Bei den Dichtern der augusteischen und 
späteren Zeit wird für Volcanus schlechthin der griechische Hephaistos sub- 
stituiert, und dementsprechend finden wir ihn z. B. auf dem pompejani- 
schen Zwölfgötterbilde (Helbio Nr. 7) mit Venus zu einem Paare ver- 
bunden. In der Kaiserzeit, in der die Volcanalia — wir wissen nicht seit 
wann — mit Circusspielen gefeiert wurden, »o) erfreute sich dieses Fest 
einer besonderen Beliebtheit namentlich bei der Landbevölkerung, wie 
schon daraus hervorgeht, dass es im Bauernkalender mit Vorliebe zur Be- 



Appian. b. c. V 49; vgl. Gass. Dio 
XLVIII 14. 

«) Paul. p. 144. Macr. S. VF, 5, 2. Serv. 
Aen. VIII 724; Preunbr, Hestia- Vesta S. 221 
hält Mulciber für einen eignen Gott. 

«) CIL V 4295: Volk(ano) miti sive 
mtUeibero; vgl. Wissowa, De feriis anni 
Rom. p. XIV. 

*) 8. Wissowa a. a. 0. p. XV. 

«) Cato bei Schol. Veron. Aen. VII 681. 
Serv. Aen. VII 681. Verg. Aen. VII 679. 
X 544. 

•) Ovid. fast. VI 626 ff. Dion. Hai. IV 2. 
Flut, de fort. Rom. 10. 



^) Plin n. h. XXXVI 204. Dion. Hai. u. 
Plut. aa. 00. 

') ScHWBOLBR) Rom. Gesch. I 714 ff.; 
vgl. RuBiKo, Beitr. z. Vorgesch. Italiens S. 236 f. 
Wissowa a. a. 0. 

') z. B. auf einem pompejanischen Pe- 
natenbilde (Helbig Nr 63) und in einer In- 
schrift von Lyon (Hbnzsn 5686). 

*^) Macrinos schaffte sie im J. 217 ab 
(Cass. Dio LXXVIII 254), aber sie müssen 
bald nachher wieder eingeführt worden sein 
und bestehen noch im 5. Jhdt.; vgl. Momic- 
SBN CIL I« p. 326. 



A. Di indigeies. 85. ünterwelta- nnd TotengOtter. 



187 



Stimmung der Zeit ländlicher Arbeiten verwendet wird:^) es nimmt daher 
nicht Wunder, wenn die Volcanalia zu denjenigen Festen des alten Kalen- 
ders gehören, die den Untergang des Heidentums am längsten überlebt 
haben. *) 

35. ünterwelts- und Totengötter. Die älteste Festtafel verzeichnet 
im Laufe des Jahres mehrere staatliche Totenfeiern, von denen die all- 
gemeinste und ausgedehnteste in den Februar föUt,') weshalb dieser Monat 
als der Monat der Unterirdischen angesehen wurde und Spätere seinen 
Namen, statt von den februa der Luperealien (s. oben S. 173), von einem 
mit Dis pater identifizierten (Serv. Georg. I 43) angeblichen Unterwelts- 
gotte Februus ableiteten.^) Am Mittage des 13. Februar beginnen die 
dies parentaleSf während deren die Obrigkeiten die Praetexta ablegen, die 
Tempel geschlossen bleiben, Hochzeiten nicht gehalten werden dürfen und 
ein jeder die Gräber seiner Angehörigen nach besten Kräften schmückt 
und die Geister der Abgeschiedenen mit bescheidenen Opfergaben ehrt.^) 
Dieser den Toten geweihte Zeitraum erstreckt sich über 9 Tage®) und 
schliesst am 21. Februar mit dem Festtage der Feralia, der allein von 
den dies parentales zu den feriae publicae gehört.^) Wie der Name Paren- 
talia zeigt, gilt die private Feier den di parentum, den Geistern der ver- 
storbenen Voreltern, die auch weiterhin über dem Hause waltend gedacht 
werden und denen der Frevler gegen die heiligen Satzungen der Familie 
mit Leib und Leben verfallen ist:^) sehr sinnreich schliesst sich daher an 
dieses Totenfest am nächstfolgenden Tage (22. Februar) das Familienfest 
{feriae privatem Fest. p. 242) der Garistia^) oder Gara cognatio^^) an, an dem 
die Angehörigen der Verwandtschaft sich zu einem Festschmause ver- 
einigen. In welcher Weise und durch welche sakralen Akte der Staat 
die allgemeine Totenfeier beging, ist nicht überliefert; nur bemerkt der 
Kalender des Philocalus zum 13. Februar Virgo Vesta{lis) parentat^ eine 
Notiz, welche Mohmsen (CIL I' p. 309) mit grosser Wahrscheinlichkeit auf 
das anderweitig erwähnte Opfer am Grabe der Tarpeja^O bezogen hat. 

>) z. B. Plin. n. h. XI 40. XVII 260. 
XVIII 132. 314. XIX 83 (vgl. auch Plin. ep. 

III 5, 8. Sali. bist. III 50 Maur.), daher auch 
in den Menologia rustica und dem diesen 
gleichartigen Kalender von Guidizzolo (CIL 
I« p. 253) erwähnt. 

«) S. oben S. 90. Der von Paulin. Nol. 
c. 32^ 137 f. erwähnte Festbranch {otnnis 
credula turha suspendunt Soli per VolcancUia 
vestes) ist nicht recht verständlich ; Bubsians 
(8.Ber. Akad. München 1880 I 18) Deutung 
der Worte scheint unmöglich. 

*) Macr. S. I 13, 8. 14, 7. Athen. III 
98 B. 

*) Macr. S. I 13, 3. Serv. Georg. 1 43. 
Lyd. de mens. IV 20. 

^) Ovid. fast. II 538 ff. Lyd. de mens. 

IV 24. 

') Deber die Bedeutung der Neunzahl 
DiELS, Sibyllin. Blätter S. 41. A. Kaboi, Phi- 
lologische Abhandlangen fSr H. Schweizer- 
Sidler S. 52 ff. 

') Varro de L 1. VI 13. Paul. p. 85; ttber 



den Unterschied von Parentalia und Feralia 
s. Marquabdt, Staatsverw. III 310 f. 

^) Gesetz des Servius Tullius bei Fest, 
p. 230: si par entern puer verber ü, ast olle 
plorassitf puer divis parentum acicer eato; 
f(lr die ganze Auffassung ist lehrreich epist. 
Comeliae Gracch. (Cornel. Nepos ed. Halm 
p. 128, 23): ubi nwrtua ero parentahis mihi 
et inffocabia deum parentem ; vgl. CIL X 4255 
deis inferum parentum aacrum n% vioUUo, 
Selten erscheint auf späteren Inschriften die 
Wendung dis parenttbus illitia an Stelle des 
geläufigen dis manibus: Bull. d. Inst. 1876, 
198. CIL VI 9659. X 8249. V 3283—3290; 
vgl. Jordan, Hermes XV 530 ff. 

») Philocal. CIL I« p. 258. Ovid. fast. H 
617. Val. Max. II 1, 8. 

»») Menol. rust. und Polem. Silv. CIL I« 
p. 280. 259. CIL VI 10284, 13. TertuU. idol. 
10; vgl. Ovid. a. a. 0. Martial. IX 54, 5. 

") Piso bei Dion. Hai. ant. II 40; vgl. 
ScBWKGLER, Röm. Gcsch. I 486. 



188 



Religion und Enltiui der Römer. TL, Oötterlehre. 



Ist diese Vermutung zutreffend, so tritt diese Totenfeier in eine bemerkens- 
werte Parallele zu dem am 23. Dezember gefeierten Staatsfeste der Laren- 
talia, an welchem die Pontifices und der Flamen Quirinalis an dem im 
Velabrum gelegenen ,Grabe' der Laren ta ein Totenopfer (parentatio oder 
parentalia) darbrachten. Es waren also zwei gleichartige Totenfeste 
(MoMMSEN, CIL I * p. 309 hält die Parentalia des Februar für jüngeren Ur- 
sprungs), und wenn von D. Junius Brutus, Cos. 616 = 138, erzählt wird, 
dass er nicht im Februar, sondern im Dezember die häusliche Totenfeier 
beging,*) so heisst das doch wohl nichts andres, als dass er sie nicht, wie 
die meisten, im Anschlüsse an die Feralia, sondern an die Larentalia 
feierte. Von den beiden Göttinnen, denen die beiden parentcUiones gelten, 
ist Tarpeja nur noch als Heldin der bekannten aetiologischen Sage') in 
Erinnerung geblieben, als Göttin aber verschollen; an die Göttin der Laren- 
talia hat sich später Acca Larentina (so die bessere Überlieferung) oder 
Larentia angeschlossen, die Heldin verschiedener Märchen, die bald als 
Dirne und Geliebte des Hercules, bald als göttliche Pflegemutter des Ro- 
mulus und Remus auftritt,^) und so sind die ursprünglichen Züge ihres 
Wesens fast ganz verwischt worden. Der Festname Larentalia^) weist 
jedenfalls auf eine Göttin Lärenta,®) die, wie schon die Quantität der 
ersten Silbe zeigt, mit den Läres nichts zu thun haben kann, wohl aber 
nicht zu trennen ist von der bei Varro (de 1. 1. V 74) unter den von T. Tatius 
eingeführten sabinischen Gottheiten genannten Lärunda.^) Dass der Ort, 
an dem der Larenta-Larunda geopfert wurde, nicht, wie die Schriftsteller 
behaupten, ein Grab gewesen sein kann, beweist schon seine Lage; wenn 
wir aber erfahren, dass dort den di manes, d. h. den unterirdischen Ge- 
walten, geopfert wurde (Varro de 1. 1. VI 23), so haben wir daraus zu 
schliessen, dass es ein sog. mundtis war, d. h. eine für gewöhnlich ge- 
schlossene und nur am Tage des Festes geöffnete Grube, wie sie nach 
römischer Vorstellung die geeignete Opferstätte für die di inferi abgab, ^) 
da sie gewissermassen die Verbindung zwischen Oberwelt und Unterwelt 
herstellte. Im speziellen Sinne führte den Namen mundus eine bei der 
Stadtgründung im Mittelpunkte der Niederlassung angelegte Grube, in die 
man Erstlinge aller Früchte und sonstige Gaben hineinwarf: *) der mundus 



>) Varro de 1. 1. VI 23 f. Cic. ad Brut. 

I 15. 8. Gell. VII 7, 7. Macr. S. 110, 11 ff. 
Plut. Rom. 4. 5; Qu. Rom. 34. 35. Fast. 
Praen., vgl. CIL P p. 338; die an demselben 
Tage gefeierten feriae lovis (s. oben S. 102) 
haben mit den Larentalia, mit denen sie nur 
zufällig zusammenfallen, nichts zu thun. 

«) Plut. Qu. Rom. 34; vgl. Cic. de leg. 

II 54. Andere Auffassung bei Mommsen, 
Staatsr. I 579, 3. 

*) L. Krahnbr, Die Sage von der Tar- 
peja nach der üeberlieferung dargestellt, 
IfViedland 1858. Jordan, Topogr. I 2 S. 129. 

^) MoxMSBN, Rom. Forsch. II 1 ff. Zis- 
LiNSKi, Quaestiones comicae (Petropoli 1887) 
p. 80 ff. E. Babhbbns, Jahrb. f. Philol. 
CXXXI 1885, 777 ff. (ganz haltlos und ver- 
fehlt). WissowA, Realencykl. I 131 ff. 



^) Nur diese Form haben Varro de 1. 1. 
VI 23. Fest. p. 119; Ovid. fast. III 57 (Laren- 
talia)) Larentinalia spätere Nebenform bei 
Lact. I 20, 4. Macr. S. I 10, 11. 

') Ovid. fast. III 55; LäreiUina misst 
Prudent. c. Symm. II 562 f.: ai Brennum 
Antiochum Fersen Pyrrhum MUhridatem 
Fhra Matuta Ceres et Larentina subegit), 

^) Auson. technop. VIII 9 p. 161 Peip.: 
nee genius domum Lärunda progenitu» Lar; 
Placid. gl. p. 60, 25 Deuerl. identificirt sie 
mit der gespenstigen Lamia. 

^) Serv. Aen. III 134: quidam aras su- 
perorum deorum volunt esse, medioximorum 
id est marinorum focos (s. dazu oben S. 33 
Anm. 5), inferorum vero mundos. 

») Ovid. fast. IV 821 ff. Plut. Rom. 10. 
Fest. p. 258; entstellt Lyd. de mens IV 50. 



A. Di indigeiea. 85. ünterwelts- und Totengötter. 



189 



der ältesten Ansiedlung auf dem Palatin befand sich dort noch später vor 
dem Apollotempel ^) und wurde alljährlich an drei Tagen (24. August, 
5. Oktober, 8. November) geöffnet, welche in ähnlicher Weise wie die 
dies parentales des Februar für alle staatlichen und sakralen Vornahmen 
untauglich waren.*) Aber es gab derartiger Gruben noch mehrere, vor 
allem eine auf dem Forum, an welche sich die Erzählung von der Selbst- 
aufopferung des M. Curtius knüpfte') und die noch später zur Aufnahme 
von Weihegaben an die Unterirdischen diente, wenn man auch nicht mehr 
Menschenleben, sondern Geldspenden devovierte.'^) In denselben Anschau- 
ungskreis gehören auch die sogenannten Gräber der Tarpeja und der La- 
renta, und ihr Dienst kennzeichnet sich als der von ünterweltsgottheiten. 
Eine Indigitation der Larenta war wahrscheinlich die Bezeichnung dea 
tacüa^^) welche dem Ovid Anlass zur Erfindung einer Erzählung gab, in 
der er unter Gleichsetzung der Göttin mit der uns nur aus den Piacular- 
opfem der Arvalbrüder bekannten mater Lamm (s. oben S. 151) und will- 
kürlicher Umgestaltung ihres Namens zu dea muta^) berichtete, wie sie 
ihre Sprache verloren habe und Mutter der Laren geworden sei. 

Die diesen Totenfesten zu Grunde liegende Anschauung, dass die 
Geister der Verstorbenen zu gewissen Zeiten wieder die Oberwelt heim- 
suchen und, damit sie den Lebenden nicht schaden, durch besondere 
Gaben versöhnt werden müssen, tritt mit voller Deutlichkeit bei dem drei- 
tägigen Totenfeste der Lemuria (9., 11., 13. Mai) hervor, an dem eben- 
falls, wie während der dies parentales des Februar, die Tempel geschlossen 
blieben und Eheschliessungen unstatthaft waren (Ovid. fast. V 485 ff.) : 
unter Lemures verstand man in historischer Zeit dasselbe wie unter 
larvae,'^) d. h. die nächtlich umherschweifenden Seelen der Abgeschiedenen,') 
speziell der eigenen Anverwandten, also der divi parentum {manes exite 
patemi Ovid. a. a. 0. 443) ; um sie vom Hause fernzuhalten , wirft an den 
Lemuria der Hausvater um Mitternacht unter bestimmten Geremonien neun- 
mal schwarze Bohnen als Opfergabe für sie aus.*) Bohnen spielen über- 
haupt im Kulte der Unterirdischen eine hervorragende Rolle, weshalb dem 
Priester des Himmelsgottes, dem Flamen Dialis, Genuss und Berührung 
dieser Frucht, ja sogar die Nennung ihres Namens verboten ist. ^^) Ausser 
an den Lemuria und an den Parentalia^O kommen sie auch an einem 



') Ueber die Lage 0. Richtsb, Die 
älteste Wohnst&tte des röm. Volkes (Berlin 
1891) S. 7 f. HüLSKK, Röm. Mitteü. V 76 f. 
VII 293 f. XI 202 ff. 

») Pest. p. 142. 154. Macr. S. I 16, 17 f. 

*) Varro de 1. 1. V 148 ff. und mehr bei 
ScHWSQLBB, Rom. Gesch. I 484, 2; vgl. auch 
GuBiBT, Topogr. I 334 ff. 

*) Suet. Aug. 57: omnes ardines in 
laeum Curti quotannia ex voto pro aalute 
eins atipem iaeiebant; einen Altar beim locus 
Curtius erwähnt Ovid. fast. VI 403. 

») Plut Numa 8. Ovid. fast. II 571 ff. 

') Ebenso nennt er die Göttin statt 
Lärunda vielmehr Lara, um den Namen 
aus griech. XaXos zu erklilren; die Bezeich- 



nungen dea muta und Lara sind ausschliess- 
liches Eigentum des Ovid, denn Lact. I 20, 
35 schöpft aus ihm. Vgl. Wissowa, Philol. 
Abhandl. M. Uertz dargebracht S. 165 f. 

») Paul. p. 87 {faha) Lemuralibus iaeUur 
larvia; über larvae z. B. Plaut. Aulul. 642; 
Capt 598. Apul. met. IX 29. Amm. Marc. 

XIV 11 17. 

•) Ovid. fast. V 483. Horat. epist. II 2, 

209 und dazu Porph. Pers. V 185 m. Schol. 

») Ovid. fast. V 41? ff. Varro bei Non. 

p. 135; Analogien bei Rohdb, Psyche S. 219. 

'«) Paul. p. 87. Plin. n. h. XVIII 119. 

GeU. X 15, 12. 

«») Paul. p. 87. Plin. n. h. XVIII 118 f. 
Ovid. fast. II 576. Calp. ecl. 8, 82. 



190 



Religion und Ealtaa der Römer. II. QOtierlehre. 



dritten Tage zur Verwendung, dessen Charakter als Totenfest vor allem 
durch diesen umstand erwiesen wird. Am 1. Juni nämlich opferte man 
der Göttin Carna, welche ein angeblich von L. Junius Brutus gegründetes 
Heiligtum auf dem Gaelius besass (Macr. S. I 12, 31 ; vgl. Tert. ad nat. IT 9), 
sowohl von Staatswegen wie im Hause Bohnenbrei, wovon der Tag die 
volkstümliche Bezeichnung Kalendae fabariae erhielt;^) der eigentliche Name 
des Festes, den die Hemerologien, weil es mit den Kalendae zusammen- 
föUt, nicht notieren, lautete Carnaria, wie aus einer Inschrift von Emona 
(CIL III 3893) hervorgeht, in welcher testamentarisch angeordnet wird uti 
rosas Carnar{iis) ducant: da solche Rosenfeiern eine aus vielen Zeugnissen 
bekannte Gattung von Totenopfern bilden,^) so schwindet jeder Zweifel 
an der Zugehörigkeit der Göttin Carna zu diesem Kreise. Eine ver- 
schollene Unterweltsgöttin ist wahrscheinlich auch Laverna, die am 
Aventin, nahe der nach ihr benannten Porta Lavemalis, einen Altar (Varro 
de 1. 1. V 163) und ausserdem einen heiligen Hain^) besass: wir kennen 
sie ausser durch die Inschrift einer Thonschale (CIL I 47) nur aus zahl- 
reichen Erwähnungen römischer Dichter,^) bei denen die Göttin des Dunkels 
zur Schützerin der Spitzbuben geworden ist : aber noch in einem Zeugnisse 
aus der Zeit Hadrians^) wird Laverna als Vertreterin der Unterwelt den 
— durch Pallas repräsentierten — himmlischen Gottheiten gegenüber- 
gestellt. 

Genau in der Mitte zwischen den Lemuria und den Carnaria notiert 
die alte Festtafel am 21. Mai ein agonium, welches^ nach der Beischrift 
der Fasti Venusini (CIL I* p. 318) dem Gotte Vediovis galt; obwohl dies 
Zeugnis vereinzelt dasteht, verdient es doch Glauben, da die Zugehörig- 
keit des Gottes zum ältesten Kultus ausser Frage steht und die Lage des 
Festes sehr wohl zu dem Wenigen passt, was sich sonst über die Bedeu- 
tung des Gottes ermitteln lässt. Der Name, der in den Formen Vediovis, 
Vedius,^) Vejovis auftritt, kennzeichnet ihn deutlich als das Gegenbild des 
Diovis, Dius, Jovis, also des Himmelsgottes, und wenn er in der Devotions- 
formel bei Macr. S. lU 9, 10 zusammen mit den di manes ^) angerufen wird, 
so weist das mit Bestimmtheit auf einen Unterweltsgott hin ; wahrschein- 
lich ist auch der von Dion. Hai. II 10, 3 mit Zevg xatax^oviog wiederge- 
gebene Gott, dem nach einem auf Romulus zurückgeführten und auch 
in die Zwölf Tafeln aufgenommenen Gesetze®) der Frevler gegen die 
Satzungen des Clientelverhältnisses verfallen sein sollte, kein andrer als 
Vejovis.*) Die offenbar bereits in einer jüngeren Fassung vorliegende 



») Varro bei Non. p. 841. Macr. S. I 12, 
31 ff. Ovid. fast. VI 101 ff.; ebenso heissen 
die in der Kaiserzeit an diesem Tage ge- 
feierten Spiele ludi fabarici, CIL U p. 319. 

*) S. vorläufig Marquabdt, Staatsverw. 
III 311 ff. 

') Paul. p. 117; vgl. Ps. Acre zu Hör. 
epist. I 16, 16. Plut. Sulla 6 (?). 

*) Stellen bei Wissowa in Rosebers 
Lexik. II 1918. 

") Septim. Seren, frg. 6 Baebr.: inferis 
manu sinistra immolamus pocula; laeva quae 
videa Lavernae,Palladi sunt dextera; vgl. dazu 



R. Wünsch, Defixion. tabellae Atticae p. IV. 

^) Vediovis ist inschriftlicb und durch 
Gell. V 12 bezeugt, Vediua gibt ausser Mart. 
Cap. II 142. 166 und Mythogr. Vatic. III 6, 1 
auch die Ueberliefemng bei Varro de 1. 1. 
V 74. 

^) Vejovis und di manes werden ebenso 
verbunden wie Jappiter und di penates (s. 
oben S. 146); damit erledigt sich der Ein- 
wurf von Jordan zu Prbllbr, Rom. Myth. 
I 268, 1. 

•"j Vgl. MoxMSBN, Rom. Forsch. I 384. 

') Plut. an vitios. ad infel. suffic. 3 nennt 



A. Di indigeiea. 36. ünterwelta- und TotengOtter. 



191 



Devotionsformel nennt vor Yejovis und den Manen den griechischen Unter- 
weltsgott Dis pater, der hier noch neben Yejovis steht, bald aber diesen 
derartig verdrängt und ersetzt hat, dass die augusteische Zeit über Wesen 
und Bedeutung des alten Gottes völlig im Unklaren war und sich in den 
verschiedensten Vermutungen darüber erging.^) Während sich ausserhalb 
Latiums keine Spur seiner Verehrung findet und das einzige ausserrömische 
Denkmal, der bei Bovillae gefundene, von den genteües luliei dem Vediovis 
pater geweihte Altar ist (CIL I 807 = XIV 2387), erhielt der Gott in Rom 
am Anfange des 2. Jahrhunderts v. Chr. fast gleichzeitig zwei Tempel: 
der eine, von L. Furius Purpureo in seiner Praetur 554 == 200 gelobt und 
während seines Consulates 558 = 196 begonnen, lag auf der Tiberinsel 
und wurde am 1. Januar 560 = 194 eingeweiht;^) der andre, in der Ein- 
sattelung zwischen Capitol und Burg inter duos lucos gelegen, wurde 
562 = 192 gestiftet und beging das Fest seiner Gründung am 7. März.') 
In dem letztgenannten Tempel befand sich eine Statue des Gottes aus 
Cypressenholz, die ihn in jugendlicher Bildung, mit Pfeilen in der Hand 
und mit einer Ziege zur Seite darstellte:^) indem man sich dabei der 
griechischen Erzählung von der Aufnährung des jugendlichen Zeus durch 
die Ziege Amaltheia erinnerte und den Namen Ve-iovis nach Analogie von 
vegrandis, vescus u. a. erklärte, deutete man den Gott als einen .kleinen 
Juppiter",») während das Bild in der That einen Apollo,«) und zwar als 
Todesgott mit den verderbenbringenden Pfeilen ausgerüstet, darstellte, die 
Ziege aber aus dem römischen Vorstellungskreise heraus beigegeben war; 
denn dass die Ziege den Römern als ein Tier der ünterii*dischen gilt, 
geht aus der Kitualvorschrift hervor, dass der Flamen Dialis eine Ziege 
ebensowenig berühren oder nennen darf,') wie eine Leiche oder Bohnen 
(s. oben S. 189). Dieselbe Gleichsetzung des Totengottes mit Apollo be- 
gegnet auch bei dem auf dem Berge Soracte bei Falerii verehrten Gotte, 
den Vergil (Aen. XI 785) und andere») für Apollo erklären, während da- 
neben die richtige Vorstellung, dass es sich dort um einen Totenkult han- 
delt, nicht völlig verloren gegangen ist.^) 

Eine mit lebendiger Phantasie ausgestaltete Vorstellung von einem 



als den Gott, dem die Devotion des Decius 
gilt, KjQovog. 

*) Die Gleichsetzung von Yejovis und 
Dis hat noch Mart. Cap. II 166 : Pluton, quem 
etiam Ditetn Veiovemque dixere; vgl. Myth. 
Vat lll 6, 1. 

') Liv. XXXI 21, 12 (wo mit Mbrkbl 
statt deo lovi der Hss. Vedi4m zu lesen ist). 
XXXIV 53, 7. Ovid. fast. I 293; an den 
beiden letzten Stellen wie bei Vitr. III 2, 3 
ist ans Unkenntnis Juppiter statt Yejovis ge- 
nannt. Ygl. auch MoMJiSBN, CIL 1* p. 305. 

*) Liy. XXXY 41, 8, der jedoch aus 
aedes Vediovis in CJapitolio vielmehr aedes 
duae lovis in Capitolio gemacht hat und 
diese durch Yermeugung mit dem Tempel 
auf der Tiberinsel beide auf L. Furius Pur- 
pureo zurflckf&hrt Ovid. fast III 429 ff. 
Vitr. lY 8, 4. Ygl. Jordan, Comment. Momm- 



sen. p. 359 ff.; Topogr. I 2 S. 111 f. 

*) Ovid. fast. III 437 ff. Gell. Y 12, 11 f. 
Plin. n. h. XYI 216, der ungenau das Bild 
in arce (statt inter arcem et CapitoUum) 
steheu lässt. Ueber angebliche Yejovis-Köpfe 
auf römischen Familienmttnzen (Overbbck, 
Griech. Kunstmyth. I 200 f. Babblon, Monn. 
cons. 1 505 ff.) vgl. Klübomank, Arch. Zeit. 
XXXYI 1878 S. 106 ff. 

*) Paul. p. 379. Ovid. a. a. 0. 

•) Gell. Y 12, 12; vgl. Serv. Aen. II 761. 

n Gell X 15, 12. Plut. Qu. Rom. 111. 

») Plin. n. h. YII 19. Sil. Ital. Y 175 ff. 
YII 662. YIII 492. 

•) Serv. Aen. XI 785 : cum .... Düi 
patri sacrum persolveretur (nam dis manibus 
consecratus est). Ueber den Kult auf dem 
Soracte vgl. Wissowa in Roschers Lexikon I 
2693 f. 



192 



Religion und Kultna der Römer. IL Qötterlehre. 



Fortleben und einer Vergeltung nach dem Tode und dem Treiben im 
Schattenreiche haben die Römer nicht besessen; denn die gespenstigen 
Erscheinungen der larvae und des Orcus, die nicht der Religion, sondern 
dem volkstümlichen Aberglauben angehören, haben stets etwas ganz un- 
bestimmtes behalten und nie feste charakteristische Züge angenommen; 
was wir aber bei römischen Dichtern von der Unterwelt und ihren Schrecken 
lesen/) beruht ebenso auf griechischen Vorbildern, wie die Darstellungen 
etruskischer Grabgemälde. Im altrömischen Gottesdienst vereinigen sich 
alle Vorstellungen von Tod und Unterwelt in dem schwankenden Begriffe 
der Di manes^ d. h. der guten Götter,') wie sie euphemistisch genannt 
werden, einem Namen, der nicht bestimmte göttliche Personen kenn- 
zeichnet, sondern die nach Zahl und Wesen unbestimmte Masse der im 
Totenreiche waltenden Gottheiten, der di inferi, zusammenfasst. Sie er- 
scheinen überall wo es sich um Totenfeiern und Anrufung der Unter- 
irdischen handelt, so bei all den verschiedenen parentationes,^) beim Offen- 
stehen des mundus (Fest. p. 154), bei der Devotion,*) bei Verwünschungen:*) 
wer seine Ehefrau verkauft, ist nach einem Gesetze des Romulus dis ma-- 
nibus sacer {d-vsad-ai x^^^''^^^ x^eoTg Plut. Rom. 22). Insbesondere werden 
sämtliche Pflichten der Überlebenden gegen die Abgeschiedenen unter dem 
Begriffe der iura deorum manium (Gic. de leg. U 22) zusammengefasst, und 
die Gräber stehen als Eigentum der Unterirdischen unter dem Schutze der 
di manes.^) Dagegen ist der älteren römischen Religion die Auffassung 
der di manes als der zu Göttern erhobenen Seelen der Verstorbenen und 
ihre Spezialisierung auf die Abgeschiedenen bestimmter Familien und Per- 
sonen {infernos Silanorum manes invocare Tac. ann. XIII 14) fremd; diese 
Anschauung kommt erst in der Kaiserzeit zugleich mit dem Zurücktreten 
des Begriffes der di parentum (s. oben S. 187) zur Geltung und findet ihren 
Ausdruck in der geläufigen Gestaltung der Grabschrift nach der Formel dis 
manibus Ulius (oder illi).'^) Nur von dieser jüngeren Auffassung geht die 
gelehrte Spekulation über die Grundbedeutung der di manes aus, wenn sie 
dieselben nicht nur mit denLomures und Larvae, sondern auch mit denLares 
und Genii^) zusammenwirft und eine Theorie aufstellt, nach welcher der Name 
Lemures den Zustand bezeichnet, in den die Seelen unmittelbar nach dem 
Tode gelangen, während sie nachher je nach ihrem Vorleben und der Für- 
sorge, die die Überlebenden ihrem Kulte angedeihen lassen, sich einerseits 
zu gütigen Lares familiäres, andererseits zu feindseligen Larvae differen- 



>) A. ZiNOBBLE, El. philol. Abhandl. III 
61 ff. G. Ettio, Acheruntica (Leipz. Stud. 
XIII) 8. 860 ff. E. Norden, Hermes XXVIII 
360 ff. A. DiBTBBicH, Nekyia S. 150 ff. 

•j Fest. p. 146. Paul. p. 122. 125. Non. 
p. 66. Serv. Aen. I US. III 63; andere Ab- 
leitung (von manare) bei Fest. p. 129. 157. 
Serv. Aen. IV 490. 

») z. B. Varro de 1. 1. VI 24. Ovid. fast. 
II 570. Macr. S. I 13, 3. 

^) Bei der Devotion des M. Curtius, Varro 
de 1. 1. V 148. Liv. VII 6, 4; mit Tellus 
bei der Devotion der Decier, Liv. VIII 9, 8, 



vgl. 6, 10. X 28, 13. 29, 4. Val. Max I 7, 
3; mit Dis pater und Vejovis, Macr. S. III 
9, 10 (s. oben S. 190 f.). 

^) Terram matrem deosque manes Suet. 
Tib. 75. Aur. Vict. Caes. 33, 31 ; vgl. Wühsch, 
Delix, tabellae Attic. p. XXIX. 

•) Vgl. CIL I 1410 deum ma^nium (als 
Bezeichnung eines Grabes) und Wendungen 
wie d{i8) tn(anibus) locus consacratus CIL 
VI 5176 u. a. 

7) Hübner, Handb. I 529. B. Santoro, 
Rivista di filol. XVII 1889, 1 ff. 

•) Serv. Aen. III 63. 302. VI 743. 



A. Di indigetes. 86. Sonatige Gottheiten des ältesten KreieoB. 193 



zieren, oder aber, wenn ihre Stellung unentschieden bleibt, den Namen 
di manes führen. 1) Eine Göttin Mania, die von Varro mit der mater 
Larutn (s. oben S. 151) identifiziert wurde,*) ist im Kulte nirgends mehr 
nachweisbar und verdankt ihre Scheinexistenz wohl nur gelehrter Kom- 
bination, indem man aus dem Namen mania, den die bei den Compitalia 
(s. oben S. 149) und anderen Gelegenheiten aufgehängten Puppen führten, 
auf eine Göttin dieses Namens schloss. 

Litteratur: Stbudino in Roschers Lexikon II 234 ff. 2316 ff. lieber Vejovis speziell 
L. Prbllbr, Ber. d. sächs. Gesellsch. d. Wiss. 1855, 203 ff. = Ausgew. Aufs, aus der 
Altertumswiss. S. 268 ff. 

36. Sonstige Gottheiten des ältesten S^reises. Die Reihe derjenigen 
Oottheiten, die in der ältesten Kultordnung durch eigne Priester und Feste 
vertreten sind, ist durch die vorstehenden Darlegungen ziemlich erschöpft. 
Es bleiben nur ein paar Namen übrig, deren Bedeutung bereits in der 
Zeit Varros völlig verschollen war, wie der rätselhafte Falacer (s. oben 
S. 183 Anm. 10) und die Göttin Furrina: obwohl diese letztere nicht nur 
einen eignen Flamen Furrinalis,') sondern auch ein Fest, die Furrinalia am 
25. Juli,^) und einen heiligen Hain in Trastevere^) besass, so bezeugt doch 
Varro, dass zu seiner Zeit kaum ihr Name noch einzelnen Leuten bekannt 
war, und es ist blosse Spielerei mit dem Namen, wenn Cicero sie für 
gleichbedeutend mit den Furiae oder Eumeniden erklärt^) und wenn 
Neuere sie mit den in zwei stadtrömischen Inschriften erwähnten Forinae') 
zusammengebracht haben, bei denen sowohl die Namensform wie die Mehr- 
zahl beweist, dass sie mit Furrina nichts zu thun haben. Etwas weiter 
kann man im Verständnisse der Diva Angerona gelangen, welcher das 
am 21. Dezember begangene Fest der Divalia (so die Steinkalender) oder 
Angeronalia (so Varro de 1. 1. VI 23. Paul. p. 17) galt, an dem ihr von den 
Pontifices im sacellum Volupiae^) (nach Varro a. a. 0, in der curia Acculeia) 
ein Opfer gebracht wurde :^) ebenda stand in späterer Zeit ein Bild der 
Göttin, welches sie mit verschlossenem Munde oder den Finger an die 
Lippen legend darstellte. i<^) Die Deutungsversuche der Mythologen des 
Altertums gehen weit auseinander und stützen sich teils auf den Namen 
der Göttin, den sie von der Krankheit angina oder a peUendis angoribus 
herleiten, oder auf den Habitus des Bildes, in dem man den Hinweis auf 
irgend ein zu wahrendes Geheimnis, z. B. auf den Geheimnamen der Stadt 
Rom, erblickte. ^1) Gegenüber diesen ganz haltlosen Kombinationen hat 



*) Apul. de deo Socr. 15 p. 15 Lütjoh., 
Tgl. apol. 64. August, c. d. IX 11. Mart. 
Cap. II 162. 

») Varro de 1. 1. IX 61 und bei Arnob. 
11141. Macr. S. 1 7, 35. Paul. p. 129, vgl. 145. 

») Varro de 1. 1. V 84. VI 19. VII 45. 

*) CIL V p. 323; vgl. Varro de 1. 1. V 
84. VI 19. Paul. p. 88. 

*) Cic. ad Qu. fr. III 1, 4; de nat. deor. 
in 46. Aur. Vict. vir. iD. 65. 

•) Cic. de nat. deor. III 46; vgl. Plut. C. 
Gracch. 17. Mart. Cap. II 164; ein andrer 
Deutnngsversuch bei Buecheler, Umbrica 
p. 71. 

^ CIL VI 422 (Genio Forinarum) und 

Eandbnch der klam. Altertnnuiwlfnenfichaft. V, 4. 



10200 {ckI aram Forinarum); nicht einmal, 
ob wir hier überhaupt einen Eigen- oder 
Göttemamen vor uns haben, steht fest. 

*^) An der Nordecke des Palatin, beim 
Abstieg von der Porta Romanula zur Nova 
Via, Varro de L 1. V 164. 

») CIL I* p. 337. Macr. S. I 10, 7. 

'^) Ore obligcUo obsignatoque Plin. n. h. 
III 65 = Solin. 1, 6. Macr. 8. 1 10, 8; digito 
ad 08 admoto Macr. S. III 9, 4. 

»1) Fast. Praen. z. 21. Dec. Macr. S. I 
10, 7 ff., vgl III 9, 4. Plin. a.a.O. üeber 
angeblich erhaltene Angerona- Bilder vgl. 
WissowA in Roschers Lexik. I 350. A. 
Chabouillet, 6az. arch^ol. VIII 1883, 260 ff. 

13 



194 



Religion nnd Knltiis der Aömer. n. Gfttterlehre« 



MoHHSEN den Weg zu einer zwar nicht alle Schwierigkeiten lösenden/) 
aber doch ausserordentlich ansprechenden Erklärung gewiesen, indem er 
aus der Lage des Festes in der Zeit der Wintersonnenwende schloss, dass 
die Göttin zu dem neu beginnenden Sonnenlaufe in Beziehung gestanden 
habe: die verstümmelte Notiz des praenestinischen Kalenders zu diesem 
Tage') scheint geradezu einen Hinweis auf das beginnende neue Sonnen- 
jahr enthalten zu haben, und der Name der Göttin lässt sich bei dieser 
Deutung zwanglos ableiten ab angerendo, dno tov dvag>€Q€a&ai tov rjhov. 
Einer solchen Gottheit des Zeitenwechsels in der ältesten Religionsordnung 
zu begegnen hat nichts AufßÜliges, da sich unter den di indigetes auch 
eine mit Sicherheit erkennbare Jahresgöttin befindet, Anna Perenna; in 
deren Namen sich die Beziehung auf Jahresanfang und Jahresschluss 
deutlich kundgibt.^) Daher fällt ihr Fest (15. März) in den ersten Monat 
des alten bürgerlichen Jahres und trägt durchaus den Charakter einer 
fröhlichen und oft ausgelassenen Neujahrsfeier, ^) deren Schauplatz der 
ausserhalb der Stadt am ersten Meilensteine der Via Flaminia gelegene 
Hain der Göttin ist.^) Was alte und neue Gelehrte im Anschlüsse an eine 
falsche Etymologie des Namens (von amnis perennis) oder unter Heran- 
ziehung der phoenikischen Anna, der Schwester der Dido, über Anna 
Perenna zusammengefabelt haben, ^) ist in diesem Falle glücklicherweise 
nicht imstande gewesen, die Erkenntnis ihrer wirklichen Bedeutung dauernd 
zu trüben.^) 

Gross ist die Zahl von Gottheiten zweiten und dritten Ranges, die 
uns nur aus vereinzelten Notizen über ihre Heiligtümer, Geremonien, An- 
rufungen u. s. w. bekannt sind und deren Zugehörigkeit zum ältesten 
Götterkreise, wenn auch an sich wahrscheinlich, darum nicht sicher er- 
wiesen werden kann, weil sie zu untergeordnet waren, um eigne Feste und 
Priester zu erhalten, und im Kulte vielmehr nur im Anschlüsse an höhere 
Gottheiten verwandter Funktion gefeiert wurden, vielfach wohl auch nur 
private, nicht staatliche Verehrung fanden. Sehr hohes Alter darf man 
zweifellos für das innerhalb des Gircus gelegene sacellum Murciae^) in An- 
spruch nehmen, einer Göttin, für deren Deutung man sich in historischer 



*) Unerklärt bleibt der Habitus des 
Bildes; doch will das nicht allzuviel bedeu- 
ten, da die Statue jedenfalls eine griechische 
war und ihre Uebertragung auf Angerona 
auf sehr willkürlichen, jedenfalls nicht mehr 
verfolgbaren Erwägungen beruht haben kann. 

*) [Sjunt tarnen [qui fieri id 8acru\fn 
aiunt ob an\num novum; mani]fe8tum esse 
[enitn principiu]m [a]nni nov[i], nach der 
Ergänzung von Moxmbbn. 

') Man betet zu ihr ut annare peranna' 
reque commode liceat (Macr. S. 1 12, 6), wo- 
bei annare den Eintritt in das neue Jahr, 
perannare das zu Ende fClhren desselben 
(Suet. Vesp. 5) bezeichnet. Anna ac Peranna 
heisst sie bei Varro sat. Men. frg. 506 Buech. 

*) CIL I« p. 311. Ovid. fast III 523 ff., 
vgl. Macr. a. a. 0. Lyd. de mens. IV 36; 
über die Zugehörigkeit des Festes zu den 



ältesten feriat s. Wissowa, De feriis anni 
Roman, p. XI. 

^) Fast. Vatic. z. 15. März. Martial. IV 
64, 17. 

*) Ovid. fast. III 543 ff. Klausbm, Aeneas 
und die Penaten S. 717 ff. E. Tbltsghkb, 
Ueber das Wesen der Anna Perenna und der 
Dido, Mitterburg 1877. 

') Vgl. namentlich Usevbb, Rhein. Mus. 
XXX 206 ff. 

•) Varro de 1. 1. V 154. Paul. p. 148; 
Murcia vallis Serv. Aen. VIII 636. Symm. 
relat. 9, 6. Glaud. de cons. Stil. II 404; ad 
Mureiae Liv. I 33, 5. CIL V p 189 elog. 
V 13, vgl. Fest p. 344; metat Mureiae Apnl. 
met. VI 8. Tert. de spect. 8. Wibsowa, De 
Veneris simulacris Roman, p. 3 f. und in 
Rosebers Lexikon II 3231 ff. 



A. Di indigetes. d6. Sonstige Gottheiten des ältesten Kreises. 



195 



Zeit nicht anders zu helfen wusste als mit etymologischen Spielereien, in- 
dem man Murcia = Myrtea ansetzte und daraufhin die Oöttin mit Aphrodite- 
Venus identifizierte,') oder den Namen mit murcidus zusammenbrachte,') 
oder ihn endlich von einem angeblich alten Namen des Aventin, Murcus, 
herleitete.^) Ebenfalls im Gircus, wahrscheinlich in sachlichem Zusammen- 
hange mit dem dort gelegenen Altar des Emtegottes Consus (s. oben S. 166 f.), 
standen die Bilder dreier Göttinnen, deren Wirksamkeit sich auf den Schutz 
der Saaten sowohl unter wie über der Erde als in der Scheuer erstreckte, 
Seia, Segetia und Tutüina:*) der Name der letztgenannten (Plin. n. h. 
XVni 8) oder auch aller drei Göttinnen durfte nach sakraler Vorschrift 
nicht ausgesprochen werden, wer es doch that, musste zur Sühne ferias 
observare (Macr. S. I 16, 8). Eine besonders grosse Menge verschollener 
Kulte haftet am Palatin und seiner nächsten Umgebung. So lag hier 
nahe am Lupercal das Sacellum der Diva Rumina, ''^) in welchem — ein 
Beweis für das hohe Alter des Kultes — die Verwendung des Weines 
beim Opfer verpönt war und Milch an dessen Stelle trat:^) die allgemein 
recipierte Herleitung des Namens von ruma = mamma und die Ver- 
gleichung des Juppiter Ruminus^) bringen die Götter unserem Verständ- 
nisse ebensowenig näher wie die spätere Hineinziehung der bei ihrem 
Heiligtume stehenden ficus Buminalis in die Romuluslegende.^) Auf dem 
Palatin lag femer das sacellum deae Viriplacae, in welchem nach Valer. 
Max. n 1, 6 entzweite Ehegatten zu Aussprache und Versöhnung zusammen- 
zukommen pflegten: ist der Kult alt (es kann auch eine auf Grund eines 
persönlichen Anlasses erbaute Privatkapelle jüngerer Zeit gewesen sein), 
so ist diese Angabe gewiss nichts weiter als ein aus dem Namen heraus- 
gesponnenes ahiov. Die an den Palatin anstossende Velia trägt das Sa- 
cellum des Mutunus Tutunus,') eines Gottes, dem die Frauen verschleiert 
opferten ^^) und der bei den Hochzeitsceremonien eine von den christlichen 
Apologeten oft als anstössig betonte Rolle spielte, indem die Neuvermählte 
auf sein fascinum gesetzt wurde :^^) wir haben es hier zweifellos mit einer 
über die Geschlechtsbeziehungen zwischen Mann und Weib waltenden Gott- 
heit zu thun, deren Natur auch in dem von den beiderseitigen Geschlechts- 



») Varro de 1. 1. V 154. Plin. n. h. XV 
121. Flut. Qa. Rom. 20. Serv. Aen. VII] 636. 

*) Serv. a. a. 0. Augast c. d. IV 16; 
vgl. Amob. IV 9. 

*) Paul. p. 148. Serv. a. a. 0. 

^) So die Ueberlieferung bei Augustin. 
c. d. IV 8 und Macr. 8. 1 16, 8, ebenso bei 
Plin. n. h. XVIII 8, nur dass dieser Segeata 
statt Seia gibt; abweichend Tert. de spect. 8: 
columnae (in cireo) Sessiaa a sementationilma, 
Me88ias a messüms, TutuUntM a tutela fruc- 
tuum 8ustinent. Mit den Tutilinae loca bei 
Vurro de 1. 1. V 163 ist jedenfalls die Stelle 
im CircuB gemeint; ausserdem erwfthnt 
Tutilina Varro sat. Menipp. frg. 216 Buech., 
Segetia August, c. d. IV 24. 34. V 21, und 
die dea Segetia ist noch auf einer Münze der 
Salonina, der Qattin des Qallienus, darge- 
stellt, EcKBBL, D. N. VII 419. 



*) Dies die offizielle Namensform: Varro 
de re rust. II 11, 5. August c. d. IV 11. VI 
10. VII 11, herzusteUen auch bei Tert. ad 
nat. II 11 (für una rundnia); s. auch oben 
S. 115 Anm. 3. 

^) Varro a. a. 0. und bei Non. p. 167, 
23. Plut. Rom. 4; Qu. Rom. 57. 

') August, c. d. VII 11; vgl. auch Rumon 
als Indigitation des Tiberinus pater Serv. 
Aen. VIII 63. 90. 

») SoHWEQLEB, Rom. Gosch. I 420 ff. 

*) Ueber die Namensform s. R. Petbb 
in Roschers Lexik. II 204. 

^^) Fest. p. 154 (verstammelt). 

>*) Tert. apol. 25; ad nat II 11. Amob. 
IV 7. 11. August, c. d. IV 11, der ihn mit 
dem griechischen Priapos identifiziert (IV 34. 
VI 9. VII 24). Lact. inst. I 20, 36. 



13 



196 



Religion und Enltiui der Römer. TL. Qötterlehre. 



teilen (einerseits muUo, andererseits einem fast ganz verschollenen tüus) 
hergeleiteten Namen zum Ausdrucke kommt. Denn diese in der alt- 
römischen Religion sehr häufigen Doppelnamen umfassen gewissermassen 
den Begriff der Gottheit von seinen entgegengesetzten Polen her, wie z. B. 
Anna Perenna, Prorsa Postverta, Panda Cela, Patulcius Clusivius, Conditor 
Promitor u. s. w. Zu dieser Gattung von Bildungen gehört auch Genita 
Mana, der Name einer in Werden und Vergehen, Geburt und Sterben 
zugleich wirksamen Gottheit, die man im häuslichen Kulte durch Hunde- 
opfer gnädig zu stimmen suchte, damit keiner der Hausgenossen zum 
manus werden, d. h. sterben möge;*) ferner Pilumnus und Picumnus, 
ein Götterpaar, das man als di coniugales bei Geburten durch Aufstellung 
eines lectus zusammen mit Deverra und Intercidona (Augustin. c. d. 
VI 9) zum Schutze der Neugeborenen herbeirief,*) endlich auch VicaPota, 
die Inhaberin eines am Abhänge der Velia nach dem Forum zu gelegenen 
Heiligtums,^) deren Namen die alten Grammatiker teils von vincere und 
potiri,^) teils von vidus und potus^) herleiteten. Auf dem Höhepunkte der 
Sacra Via, dort wo sie die Velia überschritt, nahe dem Larentempel, lag 
das fanum der Orbona,^) an ihrem äussersten Ende im Thale des Golos- 
seum Kapelle und Hain der Strenia,^) die man mit dem Brauche der 
Neujahrsgeschenke (streniae) zusammenbrachte.*) Für all diese Götter und 
manche andre ^^) muss zur Zeit auf jeden Versuch einer Deutung und 
historischen Einreihung verzichtet werden, da die thatsächlichen Angaben 
der Quellen keinen ausreichenden Anhalt geben und die Deutungen der 
antiken Gelehrten nur auf sehr gewagten, zum Teil nachweislich ver- 
kehrten Etymologien beruhen: nur macht die Lage der Heiligtümer im 
Herzen der Altstadt Roms es wahrscheinlich, dass die Mehrzahl dieser 
verschollenen Götter der ältesten Religionsordnung angehört, wenn auch 
im einzelnen Falle der Beweis schwer zu erbringen ist und namentlich 
die Möglichkeit offen gelassen werden muss, dass dieses oder jenes saceUum 
aus privater Stiftung herrührte. Noch unsicherer ist das Alter solcher 



^) Vgl. R. Peteb a. a. 0. 206, der auch 
die sonstigen Deutungsversuche zusammen- 
stellt, üeber mutto und titua s. Bübobelbr, 
Archiv, f. lat. Lexikogr. II 119 f. 508 und 
A. SoNKY ebd. X 382 f.: unsicher ist die 
Verteilung der Worte auf die beiden Ge- 
schlechter, da mvtto zwar = mentula ist, 
aber Hesycbios fivrrog * ro yvyaixeioy hat, 
während andererseits nach Schol. Pers. I 20 
titus das membrum virile bezeichnet, Photios 
aber tuLg mit yvyaixetov aidoToy , . . xal 
rj x^Qxog erklärt. 

*) Plut. Qu. Rom. 62. Plin. n. h. XXIX 
58; vgl. WissowA in Roschers Lexik. I 1612. 

•) Varro bei Non. p. 528. Serv. Aen. IX 
4. X 76; eine andre Auffassung, welche 
Picumnus mit Picus und Pilumnus mit dem 
pilum zusammenbrachte, sah in ihnen länd- 
liche Gottheiten, die Erfinder des Dfingens 
und des Kornstampfens; die Stellen bei R. 
Peter in Roschers Lexik. II 214 f. 

*; Liv. II 7, 12. Plut. Popl. 10. 



*) Gic. de leg. II 28; dieser Deutung 
folgt Ascon. p. 12, wenn er schlechtweg Vic- 
toria für Vica Pota einsetzt. 

*) Arnob. III 25 (Hs. vita et patua); 
diese Auffassung scheint auch bei Seneca 
apocol. 9 zu Grunde zu liegen. 

') Cic. de nat. deor. IIl 63 = Plin. n. h. 
II 16; der Name wird ab orbitate abgeleitet 
von Tert. ad nat. II 15 = Cypr. qnod idola 
dii non sint 4. Arnob. IV 7. 

*) Varro de 1. 1. V 47. Pest. p. 290. 
Symm. relat. 15, 1. 

*) Symmach. a. a. 0. Lyd. de mens. IV 
4; andre Erklärung (qiuie faceret strenuum) 
bei August, c. d. IV 11. 16. 

'^) Hierher gehört auch der sehr frag- 
würdige Gott Minutus, von dessen benach- 
bartem Heiligtume eine porta Minutia den 
Namen haben sollte (Paul. p. 122. 147), die 
doch in Wahrheit gewiss eine porta Mimwia 
war; vgl. Jordan, Topogr. IIS. 236. 



A. Di indigetes. 86. Sonstige Oottheiten des ältesten KreiseB. 



197 



Kulte, deren Stätten vom Mittelpunkte der alten Stadt weiter entfernt 
lagen, wie der Hain der Albionae am rechten Tiberufer, ^) das Sacellum 
der Naenia vor der Porta Viminalis,*) der am Tiber gelegene Hain der 
Stimula, der bei dem Baccbanalienskandal von 568 == 186 eine Rolle 
spielt,^) und das Heiligtum eines Gottes Viduus irgendwo ausserhalb der 
Stadtmauern.^) Hier spricht manches für einen etwas jQngeren Ursprung 
der Kulte, aber nur selten ist dieser so sicher zu erweisen, wie bei der 
Kloakengöttin Cloacina, deren Heiligtum auf dem Forum lag:^) denn die 
Anlage der Kloaken fällt sicher später als der Abschluss des Kreises der 
di indigetes. Die Begräbnisgöttin Libitina, die man später vielfach mit 
einer von ihr verschiedenen Göttin Lubentia^) zusammenwaif und unter 
Ableitung des letzteren Namens von lubere, lubido zu einer Aphrodite- 
Venus machte, gehört wahrscheinlich ebenfalls bereits in die Reihe der di 
novensides: denn der Hain dieser Göttin bildet den Mittelpunkt des städti- 
schen Begräbniswesens und der Sterbestatistik, ^) eine Verknüpfung des 
Kultes mit dem praktischen Leben des Tages, für die man in der ältesten 
Religionsübung vergeblich nach Analogien sucht. Auch für den an meh- 
reren Stellen der römischen Höhen angesiedelten Kult der Göttin Febris^) 
fehlt es an einer genügenden Grundlage zur Altersbestimmung, wenn auch 
die Thatsache, dass die angesehenste ihrer Kultstätten auf dem Palatin 
lag, für ein hohes Alter und die Zugehörigkeit zur ältesten Götterord- 
nung spricht: in diesen Heiligtümern weihte man die remedia, quae cor- 
poribus aegrorum adnexa fuerant (Val. Max. H 5, 6), indem man das nutnen, 
das man in der verheerenden Krankheit wirksam fühlte, aber nicht näher 
zu bezeichnen wusste, selbst als dea Febris verehrte,^) eine Anschauung, 
die noch in späterer Zeit lebendig ist, wie Inschriftensteine der römischen 



*) Paul. p. 4: Albiona ager Irans Tihe- 
Hm dicitur a luco Albi&narum, quo loco hos 
alba sacrificabatur. 

«) Fest. p. 161 (Paul. p. 163); Göttin 
der Totenklage nach Arnob. IV 7. Aagust. 
c. d. VI 9. 

») Liv. XXXIX 12, 3 = Schol. Juv. 2, 3. 
Ovid. fast. VI 503, der sie mit Semele identi- 
fiziert (vgl. CIL VI 9897 lucus Semeies); dass 
der Hain an der Tibermflndung lag, folgt 
aus Ovids Worten nicht. Deutung der Göt- 
tin de sHmulis bei August, c. d. IV 11. 16. 

*) Tert. ad nat. II 15 — Cypr. qu. idol. 
dii non sint 4; eine (allerdings nicht ganz 
sichere) Weihinschrift an Viduus aus Sar- 
dinien CIL X 7844. 

») Liv. III 48, 5. Plin. n. h. XV 119. 
Plaut. Cure. 471 ; vgl. dazu Jobdan, Topogr. 
I 2 S. 398. Hülsen, Rom. Mitteil. VIII 284. 1. 
Venus Cloacina heisst die Göttin bei Plin. 
a. a 0. und Serv. Aen. I 720; ihr Kult gilt 
als eine Gründung des Titus Tatius nach 
Minuc. Fei. 25, 8. August, c. d. IV 23. VI 
10. Lact. inst. I 20, 11 u. a. 

*) Plant. Asin. 268 ; Libentina oder Luben- 
tina Arnob. IV 9. August, c. d. IV 8; Venus 
lAbüina oder Lubentina Varro de 1. I. VI 



47. Cic.de nat. deor. II 61. Serv. Aen. 1 720. 

') Dion. Hai. IV 15. Ascon. p. 29. Plut. 
Qu. Rom. 23 und mehr bei Wissowa in 
Roschers Lexik. II 2034. 

') Val. Max. II 5, 6 nennt drei templa 
der Febris, unum in Palatio, alterum in 
area Marianarum monumentorum, tertium in 
summa parte vid longi, von denen nur das 
erstgenannte auch anderweitig erwähnt wird 
(Cic. de leg. II 28; de nat. deor. HI 63 = Plin. 
n. h. II 16. Aelian. v. h. XII 11); auf dieses 
wird man daher auch die Stellen beziehen 
dfirfen, an denen ohne Ortsangabe von tem- 
plum (August, c. d. III 25, vgl. IV 15), fanum 
(Seneca apoc. 6) oder aedes Febris (Theod. 
Prise. IV fol. 310^ ed. Aid. 1547) die Rede ist. 

*) Diese VergöttJichnng einer feindlichen 
und schädlichen Macht bUdet einen steten 
Angriffspunkt für die Kirchenväter: Minuc. 
Fei. 25, 8 = Cypr. qu. idola dii non sint 4. 
Lact. inst. I 20, 17. August, c. d. ü 14. HI 
12. 25. IV 15. 23; epist 17, 2; de cons. 
evang. I 18; in psalm. CIV 11 (= Mionb, 
Patrol. lat. XXXIH 84. XXXIV 1053. XXXVIl 
1396). Hieron. in Joel 3 (= Mionb XXV 
980). Pmdent. hamart. 157 f. Acta SS. Jul. 
V 144. 



198 



Religion und Ealtaa der BOmer. II. Götterlehre. 



Provinzen mit Weihungen an die dea Tertiana (CIL VII 999) und an Quar- 
tana (CIL Xn 3129), d. h. die Göttinnen des drei- oder Wertägig wieder- 
kehrenden Wechselfiebers, beweisen. Einem verwandten Gedankenkreise ent- 
stammt endlieh auch die Verehrung der Mefitis, d. h. der göttlichen Ge- 
walt, deren Bethätigung man überall da erblickte, wo dem Boden schädliche 
Ausdünstungen, insbesondere Schwefeldämpfe, entstiegen: das derartige 
Ausdünstungen bezeichnende Wort mefitis^) ist zugleich der Name der Gott- 
heit, der wir, entsprechend der vulkanischen Natur der Halbinsel, an vielen 
Stellen Italiens begegnen. Die zufällig auf uns gekommenen Zeugnisse 
erlauben uns, ihren Kult von Potentia (CIL X 130 — 133) und Grumentum 
(CIL X 203) in Lucanien bis hinauf ins transpadanische Gallien*) zu ver- 
folgen, seine eigentliche Heimat aber scheint das mittlere Italien gewesen 
zu sein, 3) und es ist nicht mehr als natürlich, dass uns auch für Rom 
ein Tempel und Hain der Mefitis auf dem Mens Cispius bezeugt ist:*) aber 
ausser dieser Thatsache hören wir von der Göttin nichts, und weder der 
Umstand, dass stellenweise eine Mehrzahl von Mefites verehrt worden zu 
sein scheint (s. Mohhsen, CIL X p. 976), noch das unerklärte oskische Bei- 
wort fisica, das sie einmal erhält (CIL X 203), wie anderweit Venus (CIL 
IV 1520. X 928), geben uns über die Art ihres Dienstes näheren Auf- 
schluss. 



Zweiter Abschnitt. 

Di novensides italischer Herkunft/) 

37. Diana. Unter den Neuaufnahmen, durch welche der älteste 
römische Götterkreis seit den Zeiten der tarquinischen Könige erweitert 
wurde, steht sowohl dem Alter wie der Stellung im Staatskulte nach der 
Gottesdienst der Diana obenan. Wie schon der Name^) zeigt, von itali- 
scher Herkunft, hat die Göttin in den verschiedensten Teilen der Halbinsel 
von Alters her Verehrung genossen: in Pisaurum nennt eine der alten 
Weihinschriften (CIL 1 168) ihren Namen, und am Berge Tifata bei Gapua 
besass sie ein hochangesehenes, noch später durch eine von Vespasian 
bestätigte Schenkung Sullas reich begütertes Heiligtum ;0 vor allem aber 
sind in Latium und bei den nächsten Nachbarn der Latiner die Eultstätten 



») Verg. Aen. VII 82 und Serv. z. d. St. 
Pen. III 99 m. Schol. Porphyr, zu Hör. o. 
m 18, 1. Prise, ü 328 H. 

>) CIL V 6353 ans Laus Pompei; Tempel 
in Cremona, Tac. hist m 33. 

«) Am See Ampsanctos im flirpiner- 
lande, Plin. n. h. II 108; in Aequum Tuti- 
cum CIL IX 1421, Capua X 3811 (Add.), 
Atina X 5047. 

*) Varro de 1. 1. V 49. Fest. p. 351. 

^) Fflr die Sonderung der in Rom re- 
cipierten Gottheiten in solche italischer und 
griechischer Herkunft war nach den oben 
in § 8 und 9 dargelegten Gesichtspunkten 
entscheidend nicht die ursprOngliche Heimat 



des Gottes, sondern die Beantwortung der 
Frage, ob die Römer seinen Kult aus einer 
Stadt italischer oder griechischer Zunge er- 
halten haben. 

') Von Wz. div ^glftnzen* abzuleiten 
(vgl. Lucina), s. Curtivs, Grundz.*^ S. 236. 
Die Form Deana ist nicht archaisch, sondern 
vulgäre EntsteUung (CIL VI 118. 122. 126. 
132. X 5045. 5671. XI 1211. 8552. XIV 2212 
u. a.), ebenso lana (octavo lanam lunam bei 
Varro de re rust. I 37, 3 und lanium fQr Dt- 
aniutn bei Oros. V 12, 6). 

») Vell. Pat. II 25, 4. CIL X 3828 und 
zahlreiche Weihinschriften; s. Moxmben, CIL 
X p. 366 f. 



B. Di noTensideB italischer Herkunft. 87. Diana. 



199 



der Diana ausserordentlich zahlreich. Entsprechend den Gepflogenheiten 
des ältesten Gottesdienstes sind es durchweg heilige Haine, ^) in denen der 
Dienst der Göttin geübt wird, weitaus am berühmtesten unter ihnen der 
am Albanergebirge östlich von Aricia am Ufer eines als speculum Dianae 
bezeichneten Sees') gelegene, der xat' i^ox^v Nemus Dianae hiess und 
der Göttin den Namen Diana Nemorensis gab.') Da Aricia einstmals, 
wahrscheinlich seit dem Sturze von Alba Longa, der Vorort eines Bundes 
von Latinerstädten war, zu dem (falls die Liste vollständig ist) ausser ihm 
selbst Tusculum, Tibur, Lanuvium, Laurentum, sowie Ardea, Suessa Po- 
metia und Cora gehörten, so wurde die aricinische Diana die göttliche 
Schirmherrin dieses Bundes, der ihr in einer Lichtung des Haines durch 
den damals (das Jahr ist nicht zu bestimmen) als Bundesoberhaupt fun- 
gierenden Dictator Egerius Laevius von Tusculum einen Bundesaltai* weihen 
liess.^) Es hängt gewiss damit zusammen, dass der Priester der Diana 
Nemorensis den aussergewöhnlichen Ehrentitel rex Nemorensis {Sxxet. Galig. 85) 
führt; ein offenbar uraltes Sakralgesetz schrieb vor, dass diese Würde nur 
durch einen Zweikampf mit dem bisherigen Inhaber, bei welchem ein 
Zweig von einem bestimmten Baume des Haines die Waffe bilden musste 
(Serv. Aen. VI 136), errungen werden konnte, und dieser Brauch führte 
in römischer Zeit dazu, dass nur flüchtige Sklaven sich der Gefahr dieses 
Duells aussetzten und durch Tötung ihres Vorgängers das natürlich in 
seiner Schätzung sehr gesunkene^) Amt erwarben.^) Zur Bundesgöttin 
wurde Diana nicht wegen bestimmter Eigenschaften ihres göttlichen Wesens, 
sondern nur, weil sie die Hauptgottheit der führenden Stadt Aricia war; 
denn sie war keineswegs eine politische Gottheit, sondern eine Schützerin 
und Helferin der Frauen in den Nöten ihres Geschlechts. Das beweisen 
für die Kaiserzeit, in der das Heiligtum zu Nemi von Rom und ander- 
wärts aus sehr viel besucht wurde, 7) die zu ihrem Tempel ziehenden Pro- 
cessionen bekränzter und fackeltragender Frauen ^) und die bei den Ausgra- 
bungen im heiligen Bezirke aufgefundenen Votivgegenstände, unter denen 
Vulven, Phallen, Statuetten von Müttern mit Säuglingen u. ä. die Hauptrolle 



') Est in suburbano Tusculani a^ri 
eoüe . . . lueus antiqua religione Dianae sa- 
cratus a Laüo, Plin. n. b. XVI 242 ; ad com- 
pitum Anagninum in luco Dianae, Liv. 
XXVII 4, 12; nemarum eoma, quaecumque . . 
prominet Algido, Hör. c.1 21, 6, vgl. c. saec. 
69. Dbsjabdinb, Topogr. du Latiuin p. 211 f. 

*) Serv. Aon. VII 515; vgl. auch CIL 
XIV 2772 mit Dbssaus Bemerkung. 

*) Auch die um das Heiligtum sich grup- 
pierende Niederlassung heisst mit Eigennamen 
Nemus (Nefios Strab. V 239. App. b. c. V 24), 
heute Nemi, ebenso wie sich aus dem lueus 
Angitiae im Marserlande (s. oben S. 44 Anm. 2) 
die Gemeinde der Lucenses, heute Luco, ent- 
wickelte (MoMMSEN, CIL IX p. 367). Im all- 
gemeinen vgl. über das Heiligtum von Nemi 
BoBMAKV, Altlatin. ChorographieS. 134 ff. und 
Dbssau, CIL XIV p. 204. 

*) So verstehe ich das Fragment des 
Cato bei Prise. IV p. 129 = VII p. 337 H.: 



Lucum Dianium in nemore Aricino Egerius 
Laevius Tusculanus dedieavit dictator Lati- 
nuSf ki populi communiter u. s. w., vgl. Fest, 
p. 145 Manius Egeri[us lucum] Nemorensem 
Dianete eonseeravU. Anders Jobdait, Caton. 
reliqu. p. XLII ff. Bf loch, Der italische Bund 
S. 179 f. 

^) Abieetae eondieionis et extremae sor- 
tis, Suet. Calig. 35. 

•) Paus. II 27, 4. Strab. V 239. Ovid. a. 
a. I 298; fast HI 271 f. Val. Flacc. H 305. 
Stat. silv. III 1, 55. Vgl Jobdan, Die Könige 
im alten Latium S. 42 ff. 

') Darum ist der cliwis Aricini*s (oder 
cHpus Virbi Fers. VI 56) Sammelpunkt der 
Bettler, Martial. 11 19, 3. X 68, 4. XU 32, 10. 
Juv. 3, 117. Ootavian machte bei dem Tem- 
pel eine Anleihe, Appian. b. c. V 24. 

•) Prop. II 32, 9. Ovid. fast. III 269 f.; 
vgl. Gratt. cyn. 484. Stat. silv. III 1, 56 f. 



200 



Beligion and Kaltns der BOmer. II. Götterlehre. 



spielen.^) Dass diese Auffassung aber nicht etwa auf einer späteren Um- 
bildung beruht, sondern die ursprüngliche ist, geht zur Evidenz aus der 
Thatsache hervor, dass neben Diana Nemorensis an der den Hain durch- 
strömenden Quelle (Strab. V 239) eine untergeordnete Gottheit Egeria 
verehrt wurde, deren Eigenschaft als Geburtsgöttin vollkommen sicher 
steht. ^) Aus demselben Anschauungskreise ist auch eine in dem Haine 
ansässige dienende Gottheit männlichen Geschlechts, wahrscheinlich ein 
bei der Entbindung hilfreicher Dämon,') Namens Yirbius^) zu erklären, 
den man später als älteren Mann, wahrscheinlich im Typus des griechischen 
Asklepios, zur Darstellung brachte.^) Name und Bedeutung des Gottes 
waren in historischer Zeit unverständlich geworden,^) und die hellenisierende 
Gelehrsamkeit der ausgehenden Republik, die den aricinischen Dianenkult 
wegen der barbarischen Zweikämpfe mit dem taurischen Artemisdienste 
zusammenbrachte,^) identifizierte, gestützt auf die Thatsache, dass der 
aricinische Hain von Pferden nicht betreten werden durfte,®) den Virbius 
mit dem von seinen Rossen zu Tode geschleiften Hippolytos, der, durch 
Asklepios neu belebt, von Artemis unter veränderter Gestalt und neuem 
Namen hier geborgen sein sollte.^) 

Dieser aricinische Kult ist es, von dem der römische Dianendienst 
seinen Ausgangspunkt genommen hat. Zwar leitete Varro (de 1. 1. V 74) 
diesen, wie viele andre römische Kulte, von den Sabinern her, und bei 
manchen kleinen Dianenkapellen (Diania) in Rom, von deren Existenz wir 
wissen, ^0) ist Alter und Herkunft nicht mit Sicherheit festzustellen. Das aber 
ist gewiss, dass der älteste und bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. einzige wirk- 
liche Tempel der Diana, die aedes Dianae in Aventino, der Mittelpunkt des 



^) Ueber die Ausgrabungen in Nemi 
zusammenfassender Beriebt von 0. Ross- 
BAOH, Verband!, d. Philol. Versamml. in Gör- 
litz 1889 S. 147 ff., dazu nocb Notiz, d. Scavi 
1895, 424 ff. Die Inscbriften CIL XIV 2212 
-2214. 4182—4186. 4202. 4270 f., darunter 
mehrere arcbaiscbe; vgl. aucb die tibur- 
tinische Inschrift CIL XIV 3537 Dianai opi- 
fer(ai) Nemorensei und eine von Narona CIL 
III 1778. 

*) Paul. p. 77 Egeriae n^phae aacri- 
ficdbant praegnantes^ quod eam putabatU fa- 
ciU canceptam alvum egerere; vgl. Wissowa 
in Rosebers Lexik. I 1217. 

') Vgl. Ober fthnliehe griechiscbe Vor- 
stellungen F. Mabx, Atben. Mitteil. X 1885 
S. 198 f., über die angeblichen römischen 
Nixi di (Fest. p. 174) Wissowa, Philol. Ab- 
handl. M. Hertz dargebracht S. 157 f. und 
in Roschers Lexik. III 444 f. 

^) De dis minorihua unus numine sub 
daminae l^Ueo atoue acetnseor üli^ Ovid. met. 
XV 545 f., vgl. Serv. Aen. VII 84. 761. Ein 
Flamen Virbialis kommt in Neapel vor, CIL 
X 1498; dagegen ist Obblli 2212 = 4022 
falsch gelesen (s. CIL XII 2288). 

') Ovid. met. XV 589, dazu Ealkmann, 
Archaeol. Zeit. XLI 1883 S. 89. Serv. Aen. VII 
776 euiu8 Hmulacrum non est fas atiingere. 



*) Virbium qttaai bis vtrui», Serv. Aen. 
VII 761. Schol. Pers. VI 56; mehrere Etymo- 
logien bei Martyr. Gramm, lat. VII 181, 8, 
darunt-er auch deum qui Viribus praesit (über 
diese Vires s. oben S. 141). Quidam solem 
ptäant esse, cuiits simufeterutn non est fas 
atiingere f quia nee sol tangitur, Serv. Aen. 
VII 776. 

') 'Jq)idQVfÄa tijg TavQonoXov Strab. V 
289; Scythica Diana Lucan. III 86. Solin. 2, 
11; Orestea Diana Ovid. met. XV 489; My- 
cenaea Diana Lucan. VI 74; vgl. Serv. Aen. 
II 116. VI 186. 

•) Verg. Aen. VII 778 f. Ovid. fast. III 
266. 

») Verg. Aen. VII 761 ff. Ovid. met. XV 
497 ff.; fast. VI 787 ff. Paus. II 27, 4. Serv. 
Aen. VII 761. Hyg. fab. 251. Schol. Pers. VI 
56. Vereinzelt steht Vib. Sequ. p. 152, 6 
Riese: Virbius Laconices {flumen), ubi Hip- 
polytum Aeseulapius arte medicinae reddidit 
vitae, unde et Virbius dictus. 

10) Maximum et sanctissimum Dianae so- 
cellum in Caeliculo, Cio. de har. resp. 32; 
Dianium auf der Höhe des Es^uilin an der 
Ecke des Clivus Urbius und Vicus Cyprius, 
Liv. I 48, 6 : Kapelle im Vicus Patricias, nur 
Frauen zugänglich, Plut. Qu. Rom. 8. 



B. Di noTenaides italischer Herknnft. 37. DianA. 



201 



ganzen römischen Dianendienstes, eine Filiale des aricinischen Heiligtumes 
war: nicht nur, dass beide in gleicher Weise den Charakter eines Bundes- 
tempels tragen (s. unten), auch der Stiftungstag beider Tempel fällt auf 
das gleiche Datum, die Iden des August,^) entscheidend aber ist es, dass 
mit Diana auch die aricinische Egeria nach Rom gewandert ist und in der 
Nachbarschaft des Dianentempels, in dem unterhalb des Aventin vor Porta 
Capena gelegenen Haine der Gamenae (s. oben S. 180), eine Eultstätte er- 
halten hat.') Ein Hinweis darauf, dass auch die aventinische Diana als 
Frauengottheit aufgefasst wurde, liegt darin, dass am Stiftungstage des 
Tempels, dem 13. August, die römischen Frauen ihr Haar sorgfaltig kämmen 
und ihren Kopf reinigen (Plut. Qu. Rom. 100), doch wohl zu Ehren der 
Göttin, wie umgekehi*t bei Trauer- und Sühnfesten die Flaminica Dialis 
neqtte cotnit caput neque crinem depedit (Gell. X 15, 30; vgl. Ovid. fast. HI 397). 
Der Tempel, der als eine Gründung des Servius TuUius angesehen wurde,') 
war — wie die noch zur Zeit des Dionysios von Halikamass erhaltene, 
auf einer ehernen Säule aufgezeichnete Stiftungsurkunde besagte — ein 
Bundesheiligtum der Latiner (commune Latinorum Dianae templum Varro 
de 1. 1. V 43), so dass die Eigenschaft des sakralen Bundescentrums von 
dem aricinischen Heiligtume auf die römische Filiale überging;^) sein 
Tempelstatut, die lex Dianae in Aventino, das erste der Art, hatte noch 
in der Kaiserzeit vorbildliche Bedeutung (s. oben S. 34). Dass der Stiftungs- 
tag des Tempels zum Feste der Sklaven {servorum dies) wurde, mag damit 
zusammenhängen, dass er das älteste römische Heiligtum einer nicht zum 
Kreise der Di indigetes gehörigen Gottheit ist, und dass in der ältesten 
Zeit zur römischen Sklavenschaft gerade kriegsgefangene Latiner ein erheb- 
liches Kontingent gestellt haben müssen ; die Überlieferung weiss die Be- 
ziehung der Sklaven zur aventinischen Diana nur entweder mit dem Hin- 
weise darauf zu begründen, dass der Stifter des Tempels, Servius TuUius, von 
unfreier Abkunft gewesen sei, oder mit dem albernen Wortwitze, dass Diana 
die Göttin der Hirsche sei und die flüchtigen Sklaven a celerüate cervi 
genannt worden seien. ^) 

Diese italisch-römischen Vorstellungen sind durch das Eindringen des 
griechischen Artemisdienstes früh und nachhaltig beeinflusst und verändert 
worden. Zur Gleichsetzung mit Artemis, die zunächst als Kultgenossin 
des Apollo in Rom Aufnahme fand^) und wie dieser schon beim ersten 
Lectisternium im Jahre 355 = 399 erscheint,') führte einerseits die Ver- 



') Für das aventiniBche Heiligtam vgl. 
MoMMBEN, CIL P p. 325, fOr das aricinische 
Stat. silv. III 1, 59 f., der zwar den Monat 
der Hecateides Idus nicht nennt, aber zeigt, 
dass sie in den Hochsommer fallen. Auch 
in Lanuyium wird der 13. August als nata- 
lis Dianae gefeiert, CIL XIV 2112 1 5. n 12. 
Vgl. auch Martial. XII 67, 2. Auson. de fer. 6. 

s) Plut. Numa 13. Liv. I 21, 3. Juven. 3, 
1 1 ff 

*») Liv. I 45. Dion. HaL IV 26. Zonar. VII 
9. Aur. Vict. vir. ill. 7, 9. 

^) Auf dieser Voraussetzung beiiiht auch 
die bekannte Erzählung von dem für die 



Hegemonie in Latium entscheidenden Kuh- 
opfer im Dianentempel (Liv. I 45, 3 ff. Val. 
Max. VII 3, 1. Plut. Qu. Elom. 4; vgl. Momm- 
SEN, Rom. Mflnzw. 8. 617). 

») Fest. p. 343. Plut. Qu. Rom. 100. 

') Diana wird mit Apollo gemeinsam 
verehrt wahrscheinlich in dem Tempel des 
Apollo beim Marcellustheater (CIL VI 32, 
vgl. fast. ürb. CIL P p. 252), sicher im pala- 
tinischen Apollotempel (Prop. II 31, 15; da- 
her ist sie auch mit Apollo an der Saecu- 
larfeier des Augustus beteiligt, s. Mommskn, 
Eph. epigr. VIIl p. 259). 

') Liv. V 13. Dion. Hai. XII 9. 



202 



Beligion und Kaltns der BfVmer. II. (iötterlehre. 



gleichung der Frauengottheit Diana rniVAgrc/ng j^oxfcc und ßXsi&via, anderer- 
seits der Umstand, dass die dea Nemorensis leicht allgemein als nemorum 
incola (vgl. CIL VI 124) und als Beschützerin des Waldes und des Wildes 
angesehen werden konnte. Eine eigne Kultstätte erhielt diese griechische 
Diana-Artemis in dem 567 =187 von M. Aemilius Lepidus gelobten und 8 Jahre 
später geweihten Tempel beim Circus Flaminius;^) wichtiger aber ist es, 
dass die griechischen Vorstellungen seitdem auch in die älteren Dianen- 
kulte eindringen. Das Tempelbild des aventinischen Heiligtums, dessen 
Alter wir nicht kennen, gab den Typus der ephesischen Artemis wieder,*) 
was zu der Aufstellung Anlass bot, dass das Artemision zu Ephesos als 
Bundesheiligtum der ionischen Städte das Vorbild gewesen sei fftr das 
commune Latinorum Dianae templum,^) Die erhaltenen Bilder der Tifatina 
sowohl wie der aricinischen Diana stellen die Göttin nach griechischem 
Vorbilde als Jägerin dar, in kurzem Chiton, mit Köcher und Jagdstiefeln, 
in der Hand als ständiges Attribut eine Fackel haltend.^) Dement- 
sprechend feiern nicht nur die Dichter Diana ganz im Sinne der griechi- 
schen Artemis als Elkeix^ma^ als Jägerin und Herrin des Waldes, als 
Mondgöttin und Trivia, d. h. Hekate TgioiTrig,^) sondern auch in den Denk- 
mälern des Kultus äussern sich ähnliche Anschauungen; insbesondere 
verehren die Jäger ^) sie als umbrarum ac nemorum incolam, ferarum 
domitricem, Dianam deam virginem (CIL VI 124), und als Beschützerin 
des Waldes wird sie häufig mit Silvanus verbunden und wie dieser (s. 
oben S. 176 Anm. 6) durch individualisierende Beinamen als Schutzgott- 
heit eines bestimmten Grundstückes bezeichnet.'') Ihre Verehrung, vielfach 
durch Kultgenossenschaften ausgeübt,^) erstreckt sich in der Kaiserzeit 
über alle Theile des Reiches, wobei aber in zahlreichen Fällen der Name 
Diana nicht die römische oder griechische Göttin, sondern eine fremde 
Gottheit bezeicnnet, die ihren Namen angenommen hat: so finden wir 
unter der Bezeichnung Diana verehrt ausser Hekate^) die Göttin von 
Hierapolis in Syrien,^^) die keltische Arduinna^^) und eine dalmatinische 



») Liv. XXXIX 2, 8. XL 52. 1 ff. 

') Denn es war nach Strab. IV 180 ein 
Abbild der Artemis von Massilia, diese selbst 
aber war die epbesische (ebd. 179). 

») Liv. I 45, 2. Dion. Hai. IV 25; vgl. 
F. BoEsoH, De XII tabulamm lege a Grae- 
eis petita quaestiones pbilologae, Diss. Got- 
ting. 1893. p. 67. 

*) Ueber die Tifatina Minebvini, Com- 
roeni Mommsen. S. 600 ff., über die Aricina 
0. Robsbach a. a. 0. 8. 161 f. 

'j Insbesondere GatuU. 34. Hör. carm. I 
21. III 22, aucb die inschriftlicben Gedicbte 
CIL II 2660. X 3796; Trivia = Diana seit 
Ennios (trag. frg. 362 Ribb.) ganz allgemein, 
auch CIL X 3795 Dianae Tifatinae Triviae; 
vgl. auch Bull. arch. com. XIV 1886, 181. 

^) Venatorea immunes cum custode vivo- 
riif CIL VI 130; coUegium venatorum sacer- 
dotum Dianae f CIL X 567 1 ; vgl. 8ignum Di- 
anae et venatianem et salientes, CIL V 3222. 

') Diana Cariciana (der Weibende heisst 
M. Aurelius Caricus) CIL VI 131 ; Diana Va- 



leriana (der Weihende P. Valerius Bassus) 
CIL VI 135; Diana Planciana VI 2210; Di- 
ana Pamnetiana X 5960 u. a. Diana mit Sil- 
vanus z. B. CIL VI 658, vgl. Rbiffebschbid, 
Annali d. Inst. 1866, 219 f. 

*) CoUegium Larum praediarum , . . et 
Dianae CIL VI 455; coUegium 8alutare cul- 
torum Dianae et Antinoi in Lanuvium XIV 
2112; coUegius Dianes in Volsinii XI 2720; 
iuvenes Dianenses in Nepet XI 8210; cul- 
tores Diane8es in Tusculum XIV 2683; cul- 
tores Dia{nae) in Saguntum CIL 11 8821 f. 

') Diese ist z. B. gemeint, wenn die 8pira 
Traianensium (vgl. Eaibbl, Inscr. graeo. Sicil. 
nr. 925) in Ostia der Diana iohen8 eine 
Weihung macht (CIL XIV 4), denn CIL VI 
261 steht die Dedikation einer spira auf der 
Basis einer Hekatestatue ; vgl. Wissowa in 
Roschers Lexik. II 2028. 

^0) Gran. Licin. p. 9, 18 Bonn. 

»«) CIL VI 46 und Ihm bei Padly-Wis- 
sowA, Real-Encyol. II 616. 



&. Di noTensides italischer Herkanft. 88. Minerva. 



203 



Waldgöttin, ^) welche die Griechen mit Artemis und dann ihnen folgend 
die Römer mit Diana glichen. 

Litteratur: Pbbllbr-Jobdan, Rom. Mythol. I 812 ff. Bist in Roechers Lexik. 
I 1002 ff. 

38. Minerva. Die Verehrung der Minerva ist, wie das Fehlen ihres 
Namens in der ältesten Fest- und Priesterordnung beweist, der römischen 
Religion ursprünglich fremd: Eingang fand die Göttin in Rom zuerst wohl 
als Mitglied der griechisch-etruskischen Trias vom Capitol (s. oben S. 36). 
Doch ist der Kult nach Ausweis des rein italischen Namens der Göttin') 
auch kein eigentlich etruskischer, sondern mancherlei Indicien führen 
darauf hin, seine Heimat in Falerii zu suchen, wo alter Minervendienst 
inschriftlich bezeugt ist,') während die sonstigen Spuren altitalischer 
Minervenkulte sehr spärlich sind.^) Nach der Eroberung und Zerstörung 
von Falerii im Jahre 513 = 241 wurde auch der Kult der faliskischen 
Minerva annektiert, und die eroberte Göttin erhielt als Minerva Capta^) 
ein kleines sacdlum auf dem nach den Garinen zu gelegenen Abhänge des 
Gaelius.^) Viel wichtiger aber und sicher auch erheblich älter war der 
Tempel der Minerva auf dem Aventin,^) dessen Stiftungsfeier am 19. März 
mit dem alten Marsfeste der Quinquatrus (s. oben S. 131) zusammenfiel^) 
und dieses im Laufe der Zeit, wenn auch nicht im offiziellen Staatskulte, 
so doch in der volkstümlichen Religionsübung zu einem Minervenfeste 
umgestaltete (Mommsen, GIL P p. 312); bei einer Restauration des Tempels 
durch Augustus (Monum. Anc. 4, 6) wurde der Stiftungstag auf den 19. Juni 
verlegt,') ohne dass darum die Quinquatrus aufgehört hätten, auch weiter- 
hin als Festtag der Minerva begangen zu werden. Die Göttin wurde in Rom 
als die Beschützerin des Handwerks und der gewerblichen Kunstfertigkeit 
verehrt, 10) und die staatlich anerkannten Handwerkerverbände gruppierten 
sich in der Weise um ihren Tempel als sakralen Mittelpunkt, dass die 
Verleihung des Rechtes, im Tempel der Minerva zusammenzukommen, an 



') R. Y. ScBHEiDBB, Afch. epigr. Mitteil, aus 
Oesterr. IX 68 ff.; vgl. auch Ober ApoUo und 
Diana als Hauptgottheiten der Westthraker 
Y. DoMASZBWSKi» Westd. Zeitschr. XIV 53. 

*) Altlateinisch Menerva (CIL VI 523. 
XIV 4105. V 703. 799. Gamubbini, Appen- 
dice 812. Bull. arch. com. XV 1887, 154), 
ehenso faÜskisch (CIL XI 3081) und etrus- 
kisch (GoBBSBH, Sprache der Etrnsker I 370 
ff.). Zur Etymologie G. Cusnus, Grundzüge' 
S. 312 f. Jobdan, Hermes XV 9; antike Ety- 
mologie und Deutungen Cic. de nat. deor. II 67. 
Paul. p. 123. Amob. III 31. 

') CIL XI 3081 (vgl. Dbbgkb, Falisker 
S. 89 ff.); über etruskischen MinerYenkult 
Mülleb-Dbbckb, Etrusk. II 46 ff. 

*) Alter Tempel in OrYinium (Dion. Hai. 
ant. 1 14), weshalb Varro de 1. 1. V 74 Mi- 
nerva zu den Gottheiten sabinischer Her- 
kunft zfthlt; Tempel in Tarracina, Obsequ. 
12 [71] ; Heiligtümer der griechischen Athena 
am pramarUorium Minervae bei Surrentum 
(Sen. epist. 77, 2. Stat. silv. II 2, 2. III 2, 24. 
V 3, 165 f., vgl. Strab. V 247) und in Cala- 



brien (Strab. VI 281 u. a.; Solin. 2, 9 nennt 
fälschlich Bmttium). 

*) Ovid. fast. HI 843 f.; vgl. Jobdan, Her- 
mes IV 243 f. Pbbllbb- Jobdan, Rom. Mythol. 
I 292, 2. 

•) Minervium, Varro de 1. 1. V 47. Ovid. 
fast. III 835 ff. GiLBBBT, Topogr. II 33, 2. 

^) Ueber die genauere Lage Gilbbbt a. 
a. 0. n238, 1. 

B) Fest. p. 257. Fast. Praen. z. 19. März. 

^) Ovid. fast. VI 728. Fast. Esquil. Amit. 
z. 19. Juni. Irre gemacht durch den dop- 
pelten Stiftungstag, den er in seinen Quellen 
fand, hat Ovid (fast. III 837) den 19. März 
zum ncUcdis der Minerva Capta auf dem Cae- 
lius gemacht, deren Heiligtum als blosses 
sacellum gar keinen im Kalender verzeich- 
neten Stiftungstag besitzen konnte; vgl. Aust, 
De aedibus sacris p. 42 f. Wissowa, Ana- 
lecta Elomana topographica (Halis Saz. 1897) 
p. 15 ff.; anders Jobdan, Ephem. epigr. I 
p. 238. MoMMSBN, CIL I* p. 312. 320. 

'^) Ovid. fast. III 821 ff., vgl. Lact. inst. 
I 18, 23. CIL III 3136 arHfidbus Mmervae. 



204 



Beligion and Enltas der BOmer. II. Götterlehre. 



irgend eine Vereinigung von Handwerkern gleichbedeutend war mit der 
Zuerkennung von Korporationsrechten: so wurden im Jahre 547 = 207 
die scribae et histriones zum Danke für die dem Staate durch ein vom 
Dichter Livius Andronicus verfasstes Processions- und Sühnlied geleisteten 
Dienste als Gilde dadurch anerkannt, dass ihnen publice atfributa est in 
Aventino aedes MinetDae, in qua liceret scribis hiatrionibusque consistere ac 
dona ponere,^) Dementsprechend waren auch die Quinquatrus, während 
sie von Staatswegen durch Umzüge der Salier als Marsfest begangen 
wurden (s. oben S. 131), für das Volk in erster Linie ein Handwerkerfest 
(artificum dies Fast. Praen.), das unter grosser Beteiligung dieser Stände 
gefeiert wurde und auf Grund einer falschen Etymologie des Festnamens*) 
schon im 2. Jahrhundert v. Chr. (Liv.XLIV20, 1) eine Ausdehnung über 5 Tage 
gewonnen hatte. ^) Unter den an diesem Handwerkerfeste beteih'gten Zünften 
werden besonders häufig die Walker^) genannt, aber auch die Arzte ^) 
und insbesondere die Schullehrer haben ihren Teil an der Feier, und noch 
in der ausgehenden Kaiserzeit waren die Quinquatrus Schulfeiertage ^) und 
boten Gelegenheit zur Verabreichung eines Extradouceurs (Minerval Varro 
de re rust. HI 2,18) an den Lehrer.*^) Nur eine Gilde besass neben den 
Quinquatrus noch ihren Separatfesttag: das collegiutn tibicinum Romanorum ^ 
qui sacris publicis praesto sunt,^) dessen Mitglieder bei den Staatsopfern 
mitwirkten und darum besondere Bevorrechtigungen genossen, hatte zwar, 
wie alle andern Zünfte, an dem aventinischen Minerventempel Anteil,^) 
beging aber sein Jahresfest an einem Juppitertage, den Iden des Juni,^^) 
mit einem Festmahle im capitolinischen Tempel ^^) und maskierten Um- 
zügen, i>) welche Festbräuche die aetiologische Dichtung durch die lustige 
Erzählung von einer einstmals glücklich wieder beigelegten Arbeitsein- 
stellung und Secession der Pfeiferzunft zu erklären versuchte;^') da das 
Fest, wie die Quinquatrus, ein Gildenfest war, so wurde es im Volksmunde 
als Quinquatrus minusculae bezeichnet,**) mit dem Minervendienste aber 
hatte es unmittelbar nichts zu thun. 

Die römische Minerva ist ausschliesslich Göttin des Handwerks (im 



>) Fest. p. 333 (vgl. Liv. XXVII 87 und 
DiBLS, Sibyll. Blätter S. 90, 8). 0. Jahn, Ber. 
d. Sachs. Gesellsch. d. Wiss. 1856, 294 ff. 

') Ovid. fast. III 810 und dagegen Varro 
de 1. 1. VI 14. Fest. p. 254. Ueber die rich- 
tige Deutung von Quinquatrus = post diem 
quintum s. 0. Qbüppb, Hermes XV 624. Wis- 
sowA, De feriis anni Rom. p. X. 

'j Seit Augustus werden am 2.— 4. Tage 
Gladiatorenspiele gegeben, Ovid. fast. III 
813 f. Cass. Dio LIV 28, 3. Tac ann. XIV 
12. Ueber sonstige Belustigungen an den 
Quinquatrus s. Suet. Aug. 71; Nero 34. Tac. 
ann. XIV 4. 

^) Novius bei Non. p. 508. Plin. n. h. 
XXXV 143; vgl. 0. Jahn, Abhandl. d. sächs. 
GeseUsch. d. Wiss. V 1868, 809. 

^) Zu Varros Menippea Quinquatrus s. 
£. NoBDEK, Jahrb. f. Philol. Suppl. XIX 397. 

•) Hör. epist 112, 197. Juven. 10, 115 f. 



Symm. epist. V 85. 

') Tertull. de idol. 10. Hieron. in Eph. 
VI 4 = MiOHB, Patrol. lat XXVI 540; vgl. 
Macr. S. 1 12, 7 und über sonstige Quin- 
quatrustrinkgelder Plaut, mil. glor. 691 f. 

«) CIL VI 240. 1054. 2191. 3696. 3877. 
3P77a. 

•) Varro de 1. 1. VI 17. Fest. p. 149. 

»0) MOMMSBN, CIL I« p. 320. 

'^) Weihung der magistri quinqtiennales 
des collegium teibidnum u. s. w. an Juppiter 
Epulo CIL VI 3696. 

»«) Varro de 1. 1. VI 17. Censor. 15, 3. 
Babblon, Monnaies consul. 11 325 f. 

»») Ovid. fast. VI 651 ff. Plut. Qu. Rom. 
55. Liv. IX 30, 5 ff. = Val. Max. 11 5, 4; vgl 
Zbllbb, Vorträge und Abhandl. II 136 ff. 

»*) Varro de 1. I. VI 17. Censor. 12, 2. 
Fest. p. 149. 



B. Di noTeniiideB italischer Herkunft. 88. Minerva. 205 

weitesten Sinne), und wahrscheinlich waren es südetrurische Handwerker, 
die ihren Dienst nach Rom verpflanzten; die griechische Auffassung der 
Göttin als einer kriegerischen^) und politischen Gottheit liegt ihr — ab- 
gesehen von dem Dienste der capitolinischen Trias, in dem Minerva nach 
griechischer Vorstellung als nokiovxog gedacht ist (s. oben S. 36) — ganz 
fern. Wenn Minerva auch als Heilgottheit verehrt wird,*) so erklärt sich 
das, auch ohne dass man eine Einwirkung der griechischen Vorstellungen 
von 'Ax^rjva ^YyUia u. a. anzunehmen brauchte, aus ihrer Stellung als Schutz- 
patronin der Ärzte: als Minerva Medica besass sie schon in republikanischer 
Zeit einen Tempel auf dem Esquilin,') und ausserhalb Roms kennen wir 
durch Inschriftenfunde ein viel besuchtes Heiligtum der Minerva Memor 
oder Minerva Medica Gabardiacensis in der Nähe von Placentia.^) Seit 
dem hannibalischen Kriege — beim Lectisternium erscheint Minerva zuerst 
im Jahre 537 = 217 (s. oben S. 55) — wurde aber auch der Minervendienst 
hellenisiert, und die ihr am Ausgange der Republik und in der Kaiserzeit 
errichteten Heiligtümer gelten in der That vielmehr der griechischen Athena: 
so verehrt sie Cn. Pompejus als siegverleihende Göttin (Plin. n. h. VH 97), 
Cicero als custos urbis (vgl. CHj VI 529) d. h. als nokidg,^) Augustus und 
Domitian erbauen Tempel der Minerva Chalcidica.^) Letztgenannter Kaiser, 
der den Minervendienst geradezu als Sport betrieb und sich bis zu der 
Geschmacklosigkeit verstieg, sich für einen Sohn der jungfräulichen Göttin 
auszugeben, 7) gründete noch zwei Miner ventempel, einen an der Nordwest- 
seite des Palatin,^) den andern auf dem von ihm begonnenen und nachher 
von Nerva vollendeten Forum transitorium :^) die teilweise noch erhaltenen 
Friesreliefs des letzteren Tempels feiern die Göttin als die Beschirmerin 
gewerblicher Thätigkeit, aber in griechischer Auffassung. ^^) Die von Domitian 
vorgenommene Ausgestaltung der Quinquatrusfeier zu einer durch dichterische 
und rednerische Wettkämpfe verherrlichten Festlichkeit ^i) und die Um- 
wandlung der früheren Neronia in einen Agon Minervae durch Gordian^^) 
beruhen ganz auf griechischer Grundlage. 

Zeugnisse für den Kult der Minerva finden wir in der Kaiserzeit in 
allen Teilen des Reiches, ohne dass er irgendwo mit besonderer Stärke 
hervorträte: die Auffassung ist noch ganz überwiegend die alte römische, 
Minerva wird von Handwerkern und Gewerbetreibenden, mit Einschluss 



1) Ueber Mars, Minerva (d. h. Nerio) j 1 146. Gilbert, Topogr. III 381, 1. 
nnd Lua bei der Verbrennung der Spolien I ') Quint. X 1, 91. Suet. Dum. 15. Cass. 

Dio LXVII 1, 2. 16, 1. Philostr. Apoll. Tyan. 
VII 24 u. a. 

*) MoMMSSN, Chron. min. I 146 und auf 

den Militärdiplomen seit 90 n. Chr.: in muro 

Fnnde Bull, arch.com. XV 1887, 154 fF. 167 fr. i post templum divi ÄugusH ad Minertmm; 

XVI 1888, 125 f. I vgl. Martial. IV 53, 1. 



s. oben S. 171. 

•) Sine medico tnedicifiam dabit Minerva, 
Cic. de div. II 128. 

») Notit. reg. V. CIL VI 10133. Neue 



♦) CIL XI 1292-1310; vgl. Bebtolotti, 
Bull. d. Inst. 1867, 219 ff. 237 ff. 

') Cic. de leg. II 42; de domo 144; epist. 
XII 25, 1. Plut. Cic. 31. Cass. Dio XXXVIII 
17, 5. XLV 17, 3. 

*) Augustus: Cass. Dio LI 22. Monum. 
Anc. 4, 1 und dazu Mommsbn, Res gestae D. 
Aug. p. 79. Domitian : Mommsbn, Chron. min. 



•) Aur. Vict. Caes. 12, 2. CIL VI 953; 
vgl. JoBDAK, Topogr. I 2 S. 449 ff. 

") Monum. d. Inst. X 40^41a, dazu 
H. Blümmer, Annali d. Inst. 1877, 5 ff., vgl. 
E. Pbtbbsbn, Rom. Mitt. IV 1889, 88. 

>») Cass. Dio LXVII 1,2. Suet. Dom. 4. 
Fbibdlamdbr, Sitt. Gesch. IIP 381. 

^') Mommsbn, Chron. min. 1 147. 



206 



Religion and XnltaB der &5mer. H. Qötterlehre. 



namentlich auch der Musiker, als ihre Schirmherrin verehrt,^) und im Heere 
ist sie die Patronin nicht nur der Spielleute, sondern auch der Militär- 
schreiber und Exerzier meister.') In Beneventum ist die Grosse Mutter 
zur Minerva Berecynthia geworden (CIL IX 1538—1542), und auch auf 
keltischem Gebiete fanden die Römer Gottheiten vor, die sie nach wirk- 
lichen oder vermeintlichen Ähnlichkeiten mit Minerva verglichen (Gaes. 
b. g. VI 17,2), namentlich die Göttin der warmen Quellen von Bath (Aquae 
Sulis) im südlichen Britannien.') 

Litteratur: Pbellbr-Jobdak, Rom. Mythol. I 289 ff. Wissowa in Rosohers Lexik, 
ir 2982 ff. 

39. Fortuna. Wenn die antike Überlieferung mit grosser Ein- 
mütigkeit^) den römischen Fortunenkult auf Servius Tullius zurückführt, 
so liegt darin das Richtige, dass diese Gottheit der Religion des Numa 
d. h. dem Kreise der di indigetes fremd ist. Den aus dem Sklavenstande 
auf den Thron erhobenen König zum Liebling und Geliebten der Glücks- 
göttin zu machen, lag nahe genug, und die Dichter wussten von dem 
Verkehr Beider Anmutiges zu erzählen.*) Seiner Verehrung der Fortuna 
gab der König der Sage nach Ausdruck nicht nur durch die Stiftung einer 
Menge von kleinen Kapellen, in denen die Göttin unter den verschiedensten 
Beinamen verehrt wurde, ^) sondern insbesondere auch durch die Weihung 
von zwei grossen, noch in späterer Zeit bestehenden und angesehenen 
Tempeln. Der eine ist das fanum Fortis Fortunae^ ausserhalb der Stadt 
am rechten Tiberufer gelegen, 7) der andere die aedes Fortunae in foro 
boario, in der ein vollkommen verhülltes Holzbild stand, das nach den 
einen den König Servius Tullius, nach den andern die Fortuna darstellte.^) 
Das wirkliche Alter beider Tempel mit Sicherheit zu bestimmen, ist nicht 
möglich, wohl aber lässt sich erkennen, dass in beiden die Göttin in 
wesentlich anderem Sinne zur Verehrung kam, als in der späteren Auf- 
fassung als Glücksgöttin. Zu dem angeblich servianischen Tempel der 
Fors Fortuna in Trastevere gesellte sich im Jahre 461 = 293 ein vom 
Consul Sp. Garvilius gelobtes Heiligtum derselben Gottheit (Liv. X 46, 14) 
in der Weise, dass das eine am. ersten, das andere am sechsten Meilen- 
steine der Via Portuensis gelegen war:^) beide begingen nach dem Kalender 
am 24. Juni ihr Jahresfest, das besonders von den Angehörigen der 
niederen Stände in fröhlicher Ausgelassenheit gefeiert wurde. ^^) Da noch 



') Tubicines CIL III Suppl. 10997; aene- 
atores CIRh. 1738; comicines CIL VI 524; 
Walker: CIL VI 268 (fontani). I 1406 (fulkh 
nes). V 801 (lotores); stuppaiorea CIL XIV 
44; fahrt Notiz, d. scavi 1880, 261. CIL IX 
3148. II 4498. VII 11. 

*) y. D0MA8ZEW8KI, WeBtd. Zeitschr. 
XIV 29 flF. 

») Solin. 22, 10; dea Sul Minerva CIL 
VII 39. 42. 43, vgl. XII 2974 und s. auch 
M. Ihm, Jahrb. d. Vereins d. Altertsfr. im 
Rheinl. LXXXIII 1887, 81 f. 

*) Nur Plut. de fort. Rom. 5 bezeichnet 
Anous Marcius als den Grttnder des arsten 
Fortunenheiligtums. 



*) Ovid. fast. VI 573 ff. Plut. de fort. 
Rom. 10; Qu. Rom. 36. 

•) Plut. de fort. Rom. 10; Qu. Rom. 74. 

») Varro de 1. 1. VI 17. Dion. Hai. ant. 
IV 27, 7 (der fanum Fortis Fortunae fälsch- 
lich mit Ugoy Tvxv^ ardgeiag übersetzt; vgl. 
Plut. de fort. Rom. 5). Ovid. fast. VI 783 f. 

•) Ovid. fast. VI 569 ff. Dion. Hai. IV 40, 
7. Val. Max. I 8. 11. Plin. n.h. VIII 194. 197, 
vgl. Varro bei Non. p. 189; ttber den Tempel 
s. Jordan, Topogr. 12 8. 484. 

•) MoMMSBN, CiL I' p. 320. Ovid. fast. 
VI 788 f., der beide Tempel dem Servius 
Tullius zuschreibt. 

»0) Ovid. fast. VI 775 ff., vgl. Cic. de fin. 



B. Di noTensides italischer fierknnlt. 8d. Portiina. 



207 



die späteren Bauernkalender (CIL P p. 280) das Fest verzeichnen und 
Golumella (X 316) nach glücklich eingebrachter Ernte ausdrücklich auf- 
fordert: celebres Fortis Fortunae dicUe laudeSj so ist der Schluss von Marquardt 
(Staatsverw. III 578) nicht abzuweisen, dass Fors Fortuna in älterer Zeit 
wesentlich als eine ländliche Gottheit, die göttliche Vertretung der über 
der Arbeit des Landmanns unberechenbar waltenden Fügung, aufgefasst 
wurde, weshalb ihre Tempel auch draussen vor der Stadt in den Feldern 
lagen; später freilich verstand man unter ihr die Gottheit des blinden 
Zufallswaltens (Gic. de leg. II 28), und in diesem Sinne weihte ihr Tiberius 
einen dritten Tempel in Trastevere, in den caesarischen Gärten gelegen:^) 
von dieser Vorstellung aus fasste man auch die Feier des 24. Juni als 
das Fest der Leute, die ihr Fortkommen dem Zufall anheimgestellt hatten.^) 
Auch die Fortuna des Forum boarium muss ihrer Bedeutung nach eine 
ganz andre Göttin gewesen sein als die Glücksgöttin der späteren Ver- 
ehrungsformen. Sie steht in den allerengsten Beziehungen zu der Geburts- 
göttin Mater Matuta: nicht nur führt die Überlieferung die Begründung 
des Dienstes beider Göttinnen auf denselben Urheber, Servius Tullius, 
zurück,^) sondern ihre Tempel sind auch lokal so nahe benachbart, dass 
sie stets vereint genannt werden,^) und begehen — was am wichtigsten 
ist — beide ihren Stiftungstag an demselben Tage, dem 11. Juni, d. h. 
dem alten Feste der Mater Matuta (Ovid. fast. VI 569): das alles weist 
unbedingt auf eine innere Wesensverwandtschaft beider Göttinnen hin 
und nötigt zu der Annahme, dass auch in Fortuna eine Frauengöttin zu 
erkennen sei. Die eigentümliche Verhüllung des Tempelbildes, welche 
Veranlassung dazu gab, das Bild auch als eine Pudicitia zu deuten,^) und 
der durch Varro ^) eben für die Göttin des Forum boarium bezeugte Name 
Fortuna Virgo bestätigen diese Annahme umsomehr, als nach Arnobius 
(II 67) die Bräute bei der Verheiratung dieser Fortuna virginalis ihre 
Mädchenkleider zu weihen pflegten.^) Derselben Frauengottheit war ein 
weiteres Heiligtum am vierten Meilensteine der Via Latina gewidmet:^) 
hier führte die Göttin ausdrücklich den Namen Fortuna muliebris, und 
das Betreten des Heiligtums und die Berührung des Bildes war nur solchen 



y 70. Vatro bei Non. p. 144. 425. Ueber viel- 
leicht zum Tempel der Fors Fortuna gehö- 
rige Funde von Votivgaben kleiner Leute 
vgl. HüLSKN, R5m. Mitt. IV 290 f.; Weihin- 
sdiriften von dem Heiligtume am 6. Meilen- 
steine CIL VI 167-169. 

>) Tac. ann. II 41 ; bei Gass Dio XLII 26 
wird der Tempel irrtümlich schon im J. 
707 = 47 erwähnt. 

') Fors Fortuna est, cuius diem festutn 
coluiU, gut sine arte cdiqua vivtmt, Donat. 
zu Ter. Phorm. 841; daher wird die Göttin 
dargestellt mit dem Steuer in der Hand auf 
einer Kugel stehend (auf dem Altar CIL V 
8219 und ähnlich auf Mttnzen, vgl. Eokhbl, 
D. N. VIll 38 f.). 

») Liv. V 19, 6. Ovid. fast. VI 479 f. 569. 

*) Liv. XXIV 47, 16. XXV 7, 6. XXXIII 
27, 8 f. 



^) Fest. p. 242 Ptidicüiae Signum m 
foro boario . . . eam quidam Fortunam esse 
existitnant muss, wie Ovid. fast. VI 620 
zeigt, auf den Fortunentempel gehen; da- 
nach ist auch das von Liv. X 23, 3 erwähnte 
scicellum Pudicitiae patrici<ie in foro boario 
mit dem Fortunentempel identisch. Vgl. 
WissowA, Analecta Komana topographica 
p. 5 ff. 

•) Bei Non. p. 189; ein U^oy Tr/iyc 
nuQ&^yov nennt Flut, de fort. Rom. 10 (vgl. 
Qu. Rom. 74) na^a tijy Mowfxtaüay xaXovfii^ 
yijy x^^yfjy, 

') Dasselbe meint offenbar Verginia bei 
Liv. X 28, 5 se et patriciam et pudicam in 
patriciae Pudicitiae templum ingressam et 
uni nuptam, ad quem virgo deducfa sit. 

») Fest. p. 242. Val. Max. I 8, 4. 



208 Aeligion und Koltna der fiömer. II. Oötterlelufe. 

Frauen gestattet, die als univiriae in erster und einziger Ehe lebten,^) 
eine Bestimmung, die sich genau ebenso im Kulte der Mater Matuta 
(Tert. de monog. 17) und der mit der Fortuna des Forum boarium iden- 
tischen Pudicitia (Liv. X 23, 9) wiederfindet. Von der Weihung des Kult- 
bildes durch die römischen Matronen erzählte noch eine Wundergeschichte, 
nach welcher die Gottheit aus dem Bilde heraus zweimal mit lauter Stimme 
erklärt haben sollte: rite me, matronae, dedistis riteque dedicastis;*) den 
Anlass der Weihung aber glaubte man durch Kombination einerseits aus 
dem Namen Fortuna muliebris und der Beteiligung der Matronen am Kulte, 
andererseits aus der Lage des Heiligtums erschliessen zu können, und 
führte ihn auf die Bedrohung Roms durch Coriolan zurück, die der Sage 
nach etwa in der Gegend des Tempels durch das Eingreifen der römischen 
Frauen unter Führung der Mutter und der Gattin des Angreifers abge- 
wendet worden war:^) der allgemeine Glaube an diese Entstehungs- 
geschichte Hess schliesslich die ursprüngliche Bedeutung der Fortuna 
muliebris stark in Vergessenheit geraten. Aber noch eine dritte ältere 
Form des Fortunendienstes hat — wenn auch mehr im Gegensinne — Be- 
ziehungen zum weiblichen Geschlechte gehabt: über die Fortuna virilis 
nämlich ist nur das bekannt, dass am 1. April die Frauen geringeren 
Standes zu ihr beteten, und zwar zum Teil in den Männerbädem,^) eine Ab- 
sonderlichkeit, welche zeigt, ^) dass diese Fortuna virilis im ausgesprochenen 
Gegensatze steht zu den als Beschützerinnen der weiblichen Schamhaftig- 
keit gefassten Fortunae vom Forum boarium und der Via Latina: es ist 
daher wohl auch kein Zufall, dass ihr Festtag mit den Veneralia zusammen- 
fällt (s. § 44) und ihr Bild neben einem Altar der Venus aufgestellt war.^) 

Etwas völlig Sicheres ist über die Herkunft dieser ältesten römischen 
Fortunenkulte nicht zu ermitteln, doch ist es in hohem Masse wahrschein- 
lich, dass die Römer sie im Austausche religiöser Vorstellungen mit ihren 
latinischen Nachbarn erhalten haben. Denn alter Fortunendienst ist nicht 
nur durch Varro (de 1. 1. V 74) für die Sabiner bezeugt,^) sondern nament- 
lich auch in Latium an verschiedenen Stellen nachweisbar, namentlich auf 



>) Dion.Hal.ant.VIlI56,4. Fest. p. 242. 
Serv. Aen. IV 19. Tert. de monog. 17. Ist bei 
Dion. a. a. O. die überlieferte Lesung riyV di 
rifÄtjy xai &6Qaneiay avrov {tov lorrVov) nä~ 
aay anodedoa&ai rttT<s vBoytifAoig richtig 
(es liegt nahe fAoyoydfioig zu korrigieren), 
so bietet diese Hervorhebung der Neuver- 
mählten eine Analogie zu dem Opfer der 
Bräute bei der Fortuna des Forum boarium. 

«) Val. Max. 1 8, 4. Dion. Hai. ant. VIII 
50. Plut. Coriol. 37; de fort. Rom. 5; vgl. 
Lact. inst. II 7, 11. August, c. d. IV 19. 

») Dion. Hai. VIII 55. Plut. Coriol. 37; 
de fort. Rom. 5; vgl. Liv. II 40, 12. Val. Max. 
V 2, 1. Ueber den angeblichen doppelten 
Stiftungstag (1. Dez. und 6. Juli) dieses Tem- 
pels bei Dion. Hai. a. a. 0. s. Wissowa a. a. 
0. p. 15 f. (gegen Jordan, Ephem. epigr. 1 
p. 234 f.) ' Schrift aus Calabrien, CIL IX 258. 

^) Fast. Praen. z. 1. April und dazu 



MoMMSBN, CIL P p. 314; vgl. Ovid. fast. IV 
145 ff. I^d. de mens. IV 45. 

^) Est Signum adulterae lavari cum vi- 
ris Quintil. inst. V 9, 14; vgl. die merkwür- 
dige Inschrift CIL VI 579: Imperio Silvani, 
Ni qua mulier velü in piscina virili descen- 
dere; si minus, ipsa de se queretur . hoc 
enim Signum sanctum est. 

•) Plut. de fort. Rom. 10: naQu tov xijg 
'J<PQodirt]s hutaXaQLov (? man erwartete 
iniatQOfpiasy da die Venus des 1. April die 
Verticordia ist) ßto/noy aQQcyos Tt'XVS i^og, 

^) Ueber einen doppelten Tempel der 
Fortuna zwischen Cales und Teanum s. Strab. 
V 249. CIL X 4633; Tempel in Capua 545 = 
209, Liv. XXVII 11, 2; FortuncU poblicai 
Sacra, archaische Inschrift aus Benevent, 
CIL IX 1543; Fortunai pocolo, ßecherin- 



B. Di novenaides italischer Herkanft. 89« Fortuna« 209 

dem Mona Algidus, wo die Römer im Jahre 536 = 218 eine Supplikation 
zur Sühnung von Prodigien anordneten,^) und an den beiden altberühmten 
Sitzen des Fortunenkultes, in Antium und in Praeneste. Von dem anti- 
atischen Gottesdienste wissen wir nicht viel mehr, als dass daselbst ein 
Schwesterpaai' von Fortunae verehrt wurde*) und dass der Tempel, 
wenigstens am Ausgange der Republik, ein angesehenes Orakel besass:^) 
nicht einmal, dass eine der beiden Göttinnen kriegerisch, die andre friedlich 
aufgefasst gewesen wäre, kann man aus der helmartigen Kopfbedeckung 
der einen Göttin auf einem Denare des Q. Rustius^) mit Sicherheit schliessen, 
da dies Kennzeichen auf andern Denaren desselben Typus und Münzmeisters 
fehlt, und die berühmte Fortuna-Ode des Horaz (I 35) ist viel zu sehr 
von den allgemeinen Tyche-Fortuna-Yorstellungen erfüllt, als dass sie uns 
für die spezielle Auffassung der Göttin von Antium, deren Namen sie an 
die Spitze stellt, etwas lehren könnte. Dagegen ist der ganz eigenartige 
praenestinische Kult in neuerer Zeit namentlich durch einen inschriftlichen 
Fund^) unserem Verständnisse nicht unwesentlich nähergebracht worden. 
Diese archaische Inschrift (CIL XIY 2863) bezeichnet die Göttin als For- 
tuna Diovo füea primocenia, jüngere Inschriften nennen sie^ unter Be- 
wahrung eines noch älteren Sprachgebrauches, ß) Fortuna lovis puer primi- 
genia (CIL XIV 2862, vgl. 2868): sie war also die erstgeborene Tochter 
des Juppiter in einer der italischen Religion, die keine Götterkindschaften 
kennt, sonst durchaus fremden Auffassung, welche sich gewiss nicht zufällig 
nur in dem von fremden Einflüssen stark durchsetzten Praeneste nach- 
weisen lässt. Für die Deutung der Göttin ist es von Wichtigkeit, dass 
jene älteste Weihinschrift ihr von einer Matrone nationu crcttia, d. h. für 
Kindersegen,'') dargebracht wird; ausserdem erfahren wir, dass es in einem 
von dem grossen Fortunentempel getrennten Heiligtume ein von den 
matres, d. h. den mit Kindern gesegneten Matronen, verehrtes Bild der 
Fortuna gab, die zwei Kinder an ihrer Brust säugte (Cic. de divin. II 85), 
offenbar also ebenfalls als eine mütterliche Gottheit gedacht war:^) die 
allgemeine Deutung erklärte die Kinder für Juppiter und Juno und sah 
in dem ersteren den luppüer puer, den man auf dem Wege falscher 
Interpretation aus dem Namen Fortuna lovis puer primig enia entnahm. 
Der Haupttempel der Fortuna Primigenia, von dem noch namhafte Reste 



<) Liv. XXI 62, 8; hierher gehört viel- j XIX 453 ff.; C[L XIV p. 295 f. 
leicht die archaische Inschrift von Tusculom '] Ueber puer = filia s. Gharis. p. 84. 

CIL XIV 2577 (de praidad Fortune), Priscian I p. 232 H. 



') Martial. V 1, 3. Macr. S. I 23, 13. Suet. 
Calig. 57. Tac. ann. XV 23. CIL X 6555. 
6638 {aedüus Forttmarum); wenn Stat. silv. 
I 3, 80 von den Praenestinae swores spricht, 



^) So richtig Jobdan a. a. 0. p. 4 gegen 
MoMMSBN bei Dbssau, Hermes XIX 455. 

*) An die Analogie der aus zahlreichen 
Terracottafigoren bekannten, noch nicht 



so verwechselt er die Fortunenkulte von * überzeugend gedeuteten , Muttergottheit von 



Praeneste und Antium. 

') Macr. Suet. Mart. aa. 00. ; Über den 
Reichtum des Tempels vgl. App. b. c. V 24. 
Schol. Horat. c. I 35, 1. 

*) Babelon, Monn. consul. II 412. 



Capua* (litteratur bei A. Pbeukbb, Jahres- 
ber. f. Altertumswiss. XXV 439; vgl. auch 
W.GuBLiTT, Archaeol. epigr. Mitt. ausOesterr. 
XIX 1896 S. 18) erinnert Jordan a. a. 0. p. 
10; da es in Capua einen Tempel der For- 



») S. namentlich H. Jobdam, Symbolae ' tunagab(Liv. XXVII 11,2; vgl. CIL X 3775), 

ad histonam religionum Italicarum alterae so wäre es nicht unmöglich, dass die Göttin 

(Regimont. 1885) p. 3—13. Dbbsau, Hermes | Fortuna zu benennen wäre. 

Bandbnch der Uasii. AltertnmRWtaeDaohaft. Y, 4. 14 



210 Beligion und Enltas der BOmer. II. OOiterlehre. 

erhalten sind,^) verdankte sein Ansehen*) und seinen Reichtum der Orakel- 
erteilung, die hier durch Lose (sortes) geschah, d. h. durch beschriebene 
Eichenstäbe, die durch die Hand eines Knaben gemischt und gezogen 
wurden;^) von der aus dem Holze eines wunderthätigen Ölbaums ange- 
fertigten arca, in welcher diese Losstabe aufbewahrt wurden (Cic. a. a. 0.), 
führte der in Praeneste neben Fortuna verehrte Juppiter den Beinamen 
Arkanus;^) das Hauptfest der Göttin fiel auf den 11. und 12. April.*) Die 
Fremdartigkeit des ganzen Gottesdienstes und insbesondere der Orakel- 
erteilung trugen offenbar die Schuld daran, dass die Römer sich lange 
gegen diesen Kult ablehnend verhielten und noch zur Zeit des ersten 
punischen Krieges der Senat gegen den Consul Q. Lutatius Cerco einschritt, 
als dieser sich bei den praenestinischen sortes Rat erholen wollte.^) Erst 
die Not des hannibalischen Krieges führte zur Aufnahme auch dieses 
Gottesdienstes: in dem Kampfe bei Kroton 550 = 204 gelobte der Consul 
P. Sempronius Tuditanus für den Fall des Sieges der Fortuna Primigenia 
einen Tempel, der auf dem Quirinal erbaut und im Jahre 560 = 194 ein- 
geweiht wurde. ^) Dass es die Göttin von Praeneste ist, der dieses Heilig- 
tum gilt, beweist der Name Primigenia, der durchaus dem praenestinischen 
Kulte eigentümlich ist; in Rom aber wurde dem Gedanken, dass diese 
praenestinische Göttin nunmehr in erster Linie über das römische Staats- 
wohl walten solle, auch im Namen offiziell Ausdruck gegeben; denn die 
Steinkalender verzeichnen den auf den 25. Mai angesetzten Stiftungstag 
des Tempels teilweise (fast. Caer. Esquil.) in der Form Fortunae p{ublicae) 
p(opuli) R{omani) Q{uirüium) in colle Quirin{ali), teilweise (fast. Venus.) 
Fortun(ae) priin{igeniae) in col{l€): mit gutem Rechte hat man daraus ge- 
schlossen, dass der volle Name Fortuna publica populi Romani Quiritium 
primigenia lautete.^) Ein zweiter Tempel der Fortuna publica (nicht Primi- 
genia) unbekannter Gründungszeit, der seinen Stiftungstag am 5. April 
feierte, lag ebenfalls auf dem Quirinal, mehr nach der Stadt zu, und führte 
darum den unterscheidenden Namen aedes Fortunen publicae citerioris in 
coUe;^) den Stiftungstag eines dritten Tempels verzeichnet der Kalender 
der Arvalbrüder zum 13. November in der Form Fortunae prim(igeniae) in 
cfoUeJ: da wir nun wissen, dass auf dem Quirinal nahe beieinander drei 



*) A. Bobmann, Altlatin. Chorogr. S. 
207 ff. 0. Mabücchi, BuU. d. Inst. 1881 , 248 ff. 
Blondbl, M^langes d'arch^ol. et d'hist. II 
1882, 168 ff. 

*) z. B. opfert im J. 587 = 167 König 
Prasias von Bithynien Romae in Capüolio 
et Praeneste Fortunae (Liv. XLV 44, 8); vgl. 
aucb die bewundernde Aeussening des Ear- 
neades bei Cic. de div. II 87. 

») Cic. de div. II 85 f., vgl. l 34; ein 
sortilegtis Fortunae Pritnigeniae zu Prae- 
neste CIL XIV 2989. Zur Illustration können 
die bronzenen sortes von Patavium (CIL 1 
1438 ff. = BuBCHBLBR, Authol. epigr. nr. 331) 
und Parma (CIL XI 1129) dienen. 

*) CIL XIV 2937. 2972 und das Gedicbt 
ebd. 2852 = Buechbler, Anthol. epigr. nr. 
249, 17; dass in Praeneste auch Juno neben 



Fortuna verehrt worden sei, folgt aus CIL 
XIV 2867 nicht. 

*) Fast. Praen. z. 1 1. April (CIL P p. 339) : 
[hoc bidiM 8acrißci]um maximu[m] For- 
tunae prim[i]g{eniae), utro eorum die ora- 
dum patet. Ilviri vitulum i[mmolant]. 

•) Val. Max. epit. I 3. 2; vgl. CIL XIV 
2929 mit Dessaus Bemerkung. 

') Liv. XXIX 36. 8. XXXIV 53. 5 (an der 
zweiten Stelle wird der Consul P. Sempro- 
nius Sopbus genannt und fälschlich hinzu- 
gefügt, er habe den Tempel in seiner Censur 
begonnen, während diese thatsächlich vor 
sein Consulat fiel); vgl. XLIII 13, 5. 

B) MoMHSEN, CIL I' p. 319; Ovid. fast. V 
729 f. nennt die Göttin populi Fortuna po- 
tefitis publica. 

») CIL I« p. 315. Ovid. fast. IV 375 f. 



B. Di noTensidea italischer Herkunft. 89. Fortuna, 211 

verschiedene Fortunentempel lagen, von denen die ganze Gegend den 
Namen ad tres Fortunas führte,^} so ist es das Nächstliegende, bei der 
Notiz des Arvalenkalenders eben an den dritten dieser drei Tempel zu 
denken.') Demnach wurde Fortuna in zwei von den drei quirinalischen Tem- 
peln als Primigenia verehrt; eine dritte Kultstätte besass dieselbe Göttin 
auf dem Capitol,*) und von ihrer Verehrung in Rom zeugen mehrere er- 
haltene Inschriften,^) ohne dass wir aber darüber Aufschluss erhielten, in 
welcher Richtung man sich die Göttin wirksam dachte. Wahrscheinlich 
war es in diesen römischen Kulten der Fortuna Primigenia weder die 
mütterliche Gottheit von Praeneste, noch die am Forum boarium und an 
der Via Latina verehrte Frauengottheit, die man anbetete, sondern die 
Glücksgöttin: für diese Veränderung der Auffassung bot der praenesti- 
nische Kult mit seinen sortes die Handhabe, indem aus der zukunftkündenden 
Gottheit leicht eine glückverleihende werden konnte, zugleich aber wird 
der Einfluss der in der hellenistischen Zeit so reich entwickelten griechi- 
schen Tyche-Vorstellungen mitgewirkt haben. Es ist aber für die römische 
Denkart bezeichnend, dass in Rom Fortuna im Kulte — anders natürlich 
in der ganz von griechischen Vorbildern abhängigen Dichtung — nicht 
eine allwaltende Schicksalsgöttin ist,^) sondern stets nur in unendlich 
vielen Spezialisierungen den glücklichen Ausgang mit Beziehung auf eine 
bestimmte Thätigkeit, eine bestimmte Zeit, eine bestimmte Gruppe von 
Individuen u. ä. verkörpert. Am deutlichsten tritt das hervor in der Gestalt 
der Fortuna huiusce diei (Gic. de leg. II 28), die einen von Q. Lutatius 
Catulus in der Cimbernschlacht bei Vercellae 653 = 101 gelobten Tempel 
auf dem Marsfelde, ^) vielleicht auch einen zweiten, älteren auf dem Pa- 
latino) besass: es ist nichts als das seiner speziellen Wesenheit nach un- 
bekannte numen, dem der glückliche Ausgang jenes Tages verdankt wurde, 
sozusagen die Fortuna du jour. Auch die Fortuna equestris, der wäh- 
rend eines heftigen Reiterkampfes im celtiberischen Kriege 574 = 180 vom 
Diktator Q. Fulvius Flaccus ein Tempel gelobt und 581 = 173 geweiht 
wurde,®) ist nichts als die Verkörperung des glücklichen Erfolges der 
römischen Reiterei, nicht wesentlich verschieden etwa von einem Genius 
equitum Romanorum. ^) Dieser völlig uferlosen Allgemeinheit des Begriffes 



') Vitr. III 2, 2. Erinagoras Anth. Plan. 
IV 40, 1. 

*) Ueber die drei Tempel s. Jobdan, 
Archaeol. Zeit. 1871 S. 77 ff. Mokmsbn, CIL 
I* p. 315; Ygl. auch Viscofti, Bull. arch. 
com. I 1873, 201 ff 

*) Plut. de fort. Rom. 10. Wenn in dem 
Weihgedicht CIL XIV 2852 = Buboheleb, 
Anth. epigr. nr. 249 der Praenestiner T. Cae- 
sius Primus seine heimische Fortuna als 
Tarpeio vicina Tonanti bezeichnet, so nötigt 
das Wort Tarpeio unbedingt an das römische 



det, dessen Fest am 1. Januar gefeiert wurde, 
mit der Bestimmung, dass ausser dem 
Opfernden selbst niemand vom Opferfleische 
geniessen dürfe. 

8) Plut. Mar. 26; dass der in campo ge- 
legene Tempel eben der damals gelobte ist, 
geht aus der Thatsache hervor, dass sein 
Stiftungstag der 30. Juli (CIL P p. 323). 
d. h. eben der Tag der Schlacht von Vercel- 

* »j Plin. n. h. XXXIV 54. 60 und dazu 
AvsT, De aedib. saer. p. 26, der nur die Stelle 



Capitol, nicht an die Burg von Praeneste I Plut. Mar. 26 nicht hierher beziehen durfte, 
zu denken; anders Jobdak, Topogr. I 2 S. 64. i ^) Liv. XL 40, 10. 44, 9. XLII 10, 5 und 



♦) CIL VI 192—195. 3681; ausserhalb mehr bei Aüst a. a. 0. p. 25 f. nr. 63. Die- 

Roms und Praenestes nur CIL XI 1. 1415(?). selbe Göttin hatte auch bei Antium einen 

') Erst Trajan hat nach Lyd. de mens. Tempel, Tac. ann. III 71. 
IV 7 rfi nuyxtoy Tv'xn einen Tempel gegrün- •) Daher wird Fortuna gern mit dem 



14 



* 



212 



Religion und Knltns der Römer« n. Mtterlehre. 



und der unbegrenzten Fähigkeit, sich zu spezialisieren, verdankt Fortuna 
die ungeheuer grosse Anzahl von Kapellen und Altären, die ihr unter 
den verschiedensten Beinamen zu teil wurden. Diese Namenreihe^) be- 
ginnt mit den allgemeinsten Bezeichnungen wie Fortuna bona,*) Fortuna 
mala, 3) Fortuna dubia,*) Fortuna brevis,*) Fortuna stabilis,*) Fortuna ob- 
sequens,^) Fortuna respiciens^) und geht dann weiter zu immer spezielleren 
Differenzierungen, wie Fortuna publica,*) Fortuna privata,*®) Fortuna bar- 
bata^^) u. a., ja am häufigsten wird sie geradezu als die Fortuna einzelner 
Collegia,**)Familien,i5) Personen") oder Örtlichkeiten **) angerufen; manche 
Namen, wie z. B. der der Fortuna viscata,^^) entziehen sich jeder Deutung. 
In der Eaiserzeit gewann eine besondere Bedeutung die Fortuna Redux, 
welcher bei der Rückkehr des Augustus aus dem Orient 735 = 19 ein 
Altar nahe der Porta Capena geweiht wurde: der offizielle natalia des 
Heiligtums, der Tag der Einweihung, war der 15. Dezember, aber noch 
feierlicher wurde der Tag begangen, an dem damals die Rückkehr des 
Augustus erfolgt und die Errichtung der ara Fortunae Reducis beschlossen 
worden war: er fand unter dem Namen Augustalia Aufnahme unter die 
feriae publicae p. R. und wurde mit Spielen zu Ehren des Augustus und 
der Fortuna Redux begangen, die seit dem Tode des Augustus ständig 
waren und sich zur Zeit des Claudius über 10 Tage (3. bis 12. Oktober) 
erstreckten.^^) Seitdem äussert sich die Loyalität der Unterthanen gegen 
den Kaiser nicht nur in zahlreichen Privatweihungen pro salute et reditu 
imperatoris an diese Göttin, die den Kaiser aus allen Feldzügen siegreich 
und wohlbehalten zurückführt,^^) sondern auch die Staatspriester opfern 
ihr feierlich ob salutem victoriamque, wenn der Kaiser ins Feld zieht, wie 
die Arvalakten zeigen :i^) einmal wird nach diesen auch für die glück- 
liche Hinreise des Kaisers zum Heere der Fortuna Dux geopfert. 'o) Aus 
demselben Bedürfnisse nach Äusserungen der Ergebenheit für das regie- 



Genius (z. B. CIL VI 236. X 1568. 6302. III 
1008. 4289. 4558. VII 370) oder mit Tutela 
(CIL VI 177—179; Genio et Fortunae Tu- 
telaeque huius loci coliortium praetoriarum 
CIL VI 216) verbunden. 

*) Lange Aufzählung solcher Namen bei 
Plut. de fort. Rom. 10; Qu. Rom. 74. 

>) z. B. CIL VI 183 f. III 1009. 4355. 

') Altar auf dem Palatin in Rom, Cic. 
nat. deor. III 68; de leg. II 28. Plin. n. h. 
II 16. 

*) CIL VI 975 {vicus Fortunae dubiae). 

») Plut. Qu. Rom. 74. 

•) CIL III 5156a. 

') Plut. aa. 00. Cic. de leg. II 28. Cass. 
DioXLII 26. 4. Fronte p. 157 Nah. CIL VI 
181. 975 {vicus Fortunae obsequentiis)). IX 
5178. XI 347. 817. 

*) Plut. aa. 00. Plaut. Asin. 716. CIL 
VI 191. 975 {vic*M Fortunae re8picient(i8)). 
V 5247. X 6509. 

*) Ausserhalb Roms z. ß. CIL IX 1543. 
X 1558. 

»0) Plut. de fort. Rom. 10. 

") August. 0. d. IV 11. VI 1. Tertull. 



ad nat. II 11. 

**) Numini Fortunae col{legii) fab{rum) 
CIL VI 3678, vgl. auch Liebbkam, Gesch. u. 
Organis. d. röm. Vereinswesens S. 293 f.; 
eine Fortuna legionis CIL [II Suppl. 10992. 

*•) z. B. Fortuna Crassianu (CIL VI 
186), Flavia (ebd. 187), luveniana (189), 
Torquatiana (204), Tulliana (8706) u. a. 

>*) Fortunae Claudiae lustae CIL VI 
3679. 

»») Fortuna balneorum (CIL VI 182. If 
2701. 2763. Fronte p. 157 Nah.), horreorum 
(CIL VI 188. 236) u. a. 

»•) Plut. aa. 00. 

>') Die Zeugnisse vollständig bei Momm- 
SEN, Res gestae D. Aug.* p. 46 f.; CIL I*p. 
330; einen domitianischen Tempel der For- 
tuna Redux auf dem Marsfelde erwfthnt 
Martial. VIII 65. 

^") Daher auch Fortuna Redux mit Vic- 
toria und Pax verbunden, CIL VI 196 f. 

*') Henzbn, Acta fratr. Arval. p. 80. 
122. 124. 

") Hbnzbn a. a. 0. p. 122, vgl. CIL IX 
2194. 



B« Di noTenflideB italiscber Herkanft. 39. Fortuna. 



213 



rende Haus sind auch die zahlreichen Weihungen an Fortuna Augusta^) 
hervorgegangen, deren Verehrung sich innerlich mit der des Genius Au- 
gusti nahe berührt. Von Ausdehnung und Bedeutung des Fortunenkultes 
in der Kaiserzeit geben in weit höherem Grade als die vereinzelten lit- 
terarischen Zeugnisse (s. unter diesen namentlich Plin. n. h. II 22) die zahl- 
losen inschriftlichen und namentlich auch monumentalen Überreste Kunde, 
insbesondere die sehr zahlreichen Münzbilder und die kaum zu übersehende 
Menge von Statuen und Bronzen:^) letztere stammen zum weitaus grössten 
Teile aus den Hauskapellen, in denen, wie schon die pompejanischen 
Sakralbilder (Helbio, Wandgem. nr. 73 flf.) zeigen, Fortuna unter den Pe- 
naten selten gefehlt haben wird. Die ständigen Attribute der Göttin sind 
Steuerruder und Füllhorn, doch kommt oft mancherlei Beiwerk (Kugel, 
Modius, Schiffsprora) hinzu, und in den Zeiten der späten Theokrasie 
äussert sich die Anpassungsfähigkeit des Begriffes der Fortuna darin, dass 
sie mit anderen Gottheiten, namentlich mit Isis, durch Annahme ihrer 
Attribute sich verschmilzt oder gar als Fortuna Panthea (CIL X 5800, vgl. 
1557) die Zeichen aller möglichen Gottheiten in sich vereinigt (s. oben S. 82). 
Entsprechend der Neigung des Römers, sich mit göttlicher Ver- 
körperung des Nächstliegenden und Konkreten zu begnügen, ist der all- 
gemeine Begriff einer über Welt und Menschheit im weitesten Umfange 
waltenden Schicksalsgottheit in der römischen Religion überhaupt nicht 
zur Ausprägung gelangt. Denn die Parca, die man auf Grund der falschen 
Ableitung ihres Namens von pars mit der griechischen MoXqa identifizierte 
und demgemäss auch den drei Moiren entsprechend vervielföltigte, ist 
ursprünglich eine Geburtsgöttin bezw. Beiname einer solchen.') Der Be- 
griff des Fatum aber hat nie in der Religion seinen Platz gefunden, son- 
dern ist als Übersetzung und Verdolmetschung der griechischen Aiaa aus- 
schliesslich ein dichterischer und philosophischer Terminus; erst der Plural 
Fata, ursprünglich rein abstrakt die Summe unverrückbarer Schicksals- 
satzungen bezeichnend, hat allmälig etwas mehr Körperlichkeit gewonnen, 
indem man die griechischen Vertreterinnen dieser Schicksalssatzungen, 
die drei Moiren, als Fata oder tria Fata verdeutlichte:^) daher finden wir 



>) z. B. CIL VI 4.S. 180 f. 3680. XIV 
2040. 3561 (cultores domus divinae et For- 
tuncLe aug. Lares augustos d. d., Tibur). 
3581. IX 6378. X 820 flf. (Pompeji, vgl. Nis- 
sen, Pompejan. Stud. S. 182 ff. A. Mau, R5m. 
Mitteü. XI 1896, 269 ff). 

') Reiche Materialsammlnng bei R. Petbb 
in Roschers Lexik. I 1503 ff. 1530 ff. Drex- 
LEB ebd. 1549 ff. 

*) Varro bei Gell. III 16, 10 fasst Paroa, 
Nona, Decima als tria Fata zusammen, Gae- 
sellius Vindex ebd. § 1 1 nennt Nona, Decima, 
Moria als nomina Parcarum, wobei schon 
der Widerspruch der Ansichten zeigt, dass 
die Gruppierung der Namen eine willkürliche, 
keine überlieferte ist: wahrscheinlich gehört 
der Beiname Nona Decima zu Garmenta (s. 
oben S. 180), während Parca Morta einen 
ebensolchen Doppelnamen bildet wie Genita 
Mana (s. oben 8. 196), mit dem er sich in- 



haltlich vollkommen deckt. Die namentlich 
auf oberitalischen und gallischen Steinen 
(die Inschriften bei M. Ihm, Jahrb. d. Alter- 
tumsfr. im Rheinl. LXXXIII 180 f., vgl. ebd. 
S. 65 ff. und dagegen Sibboubg, Westd. 
Zeitschr. VII 111 ff.) zuweilen vorkommenden 
Parcae haben mit der altrömischen Parca 
nichts zu thun; wenn es nicht einheimische 
Gottheiten sind, so sind damit die Moiren 
gemeint. 

*) Plaut. Bacch. 953 ff. Varro bei Gell. 
III 6, 19. Apul. de mundo 38. Auson. Griph. 
19 p. 201 Peip. CIL V 3143. Ephem. epigr. 
VIII 128; in der capuanischen Inschrift CIL 
X 3812 IiMtitiae NemesiFaHs quam voverat 
aram . . poauü zeigt die danebenstehende 
griechische Fassung (Kaibbl, Epigr. gr. nr. 
837) Jeanoiun Nefjieaei xal avyyaoiai &€oun 
u. s. w., dass es sich um die Moiren neben 
Nemesis und Themis handelt. Ueber die 



21-i 



Religion und EnltiiB der Römer. II. Götterlehre« 



der Weihinschrift FcUis wiederholt die Abbildung von drei Frauen bei- 
gegeben,^) die wir unbedenklich für die griechischen Moiren erklären 
dürfen. Daneben kennen wir aber durch eine Reihe vorwiegend auf kelti- 
schem Boden gefundener Inschriften^) eine geschlechtliche Differenzierung 
von Fati und Fatae, die nicht wohl anders als in Anlehnung an in jenen 
Gegenden heimische Vorstellungen entstanden sein kann : wäre es in den- 
jenigen Fällen, wo nur Fatae erwähnt werden, 3) möglich, die weibliche 
Form von dem Geschlechte der griechischen MoXqai herzuleiten, so ver- 
sagt dieses Auskunftsmittel dort, wo männliche und weibliche Faten zu- 
sammen- oder gegenübergestellt werden:^) hier haben unbedingt fremde, 
ausserrömische Vorstellungen eingegriffen, und wir verstehen es jetzt, wenn 
auf einer Inschrift von Aquileja (CIL V 775) ausdrücklich unterschieden 
wird Fatis divin{is) et barbariclis), d. h. zwischen den römischen und den 
barbarischen Gottheiten gleichen Namens. In Rom hat diese geschlecht- 
liche Differenzierung von Fati und Fatae nicht Platz gegriffen; denn wenn 
bei Petron (c. 42. 71. 77) und auf einigen Grabschriften von mcdus Fatus 
oder Fatus meus die Rede ist, so ist das nur eine der in der Vulgärsprache 
häufigen Ersetzungen des Neutrums durch eine masculine Bildung, nicht 
etwa, wie man gemeint hat,^) ein göttliches Gegenbild zum Genius, wie mit 
Deutlichkeit schon daraus hervorgeht, dass auf Grabschriften Fatus meus 
ganz ebenso von Frauen^) wie von Männern gebraucht wird. Ganz vereinzelt 
und darum auch nicht sicher zu deuten ist die Notiz TertuUians,^) dass am 
neunten Tage nach der Geburt eines Kindes die schreibenden Fata, Fata 
Scribunda, angerufen worden seien ;^) die gewöhnliche Annahme, dass diese 
Göttinnen mit den etruskischen Darstellungen einer schreibenden Schicksals- 
gottheit und mit den Figuren schreibender Parzen auf römischen Sarko- 
phagen zusammenhängen, unterliegt schweren Bedenken, es ist sogar frag- 
lich, ob an der TertuUianstelle überhaupt von einer Göttin die Rede ist.^) 
Jungen Datums ist die Verehrung der Felicitas, der Göttin des 
glücklichen Erfolges, ^^) welcher zuerst L. Licinius LucuUus kurz nach 608 



tria Fata auf dem römischen Forum s. Job- 
dan, Topogr. II 482. I 2 S. 349. Hierher ge- 
hören auch die Darstellungen der drei Moiren 
mit der Beischrift Fatia victricibus auf Mün- 
zen des Diocletian und Maximian (Eckhel, 
D. N. VTII 6), sowie die im Kalender des 
Philocalns zum 29. und 80. Septemher ver- 
zeichneten ludi fatales. 

») CIL II 3727. m 4151. XII 1281. 3045. 
VI 145 (nur sechs Fttsse erhalten); ein Mann 
zwischen zwei Frauen mit der Beischrift 
Fata divina auf dem Grabgemälde der Vibia 
(CIL VI 142, vgl. Maass, Orpheus S. 221); 
eine weibliche Gestalt, den Fuss auf ein 
Rad gestützt (Oberkörper weggebrochen), 
mit der Beischriffc Fatia CIL VI 2189. 

') M. SiBBOUBU, De Sulevis Campestri- 
bus Fatis (Diss. Bonn. 1886) p. 25 ff. 39 f. 
M. Ihm a. a. 0. 8. 98 ff. 

*) Fatahus CIL V 4209; qtMt faU (d. h. 
cui Fatae) cancesserunt vwere annis 
XXXX V CIL II 89. 



*) Fatis masculis CIL V 5002; Fatis 
Fata[bti8] ebd. 5005. 

^) Jobdan, Hermes VII 197 und ihm 
zustimmend Ihm a. a. 0. S. 99. 

•) CIL VI 4379. 11592. 25703 = Bük- 
CHELBB, Anthol. epigr. nr. 81. 146. 1537 B. 

') Tertull. de anima 39 dum per totam 
hebdomadam lunoni mensa proponitur, dum 
ultima die Fata scribunda advoctxntur; vgl. 
CIL VI 29426 (= Bubchblbb, Anth. epigr. 
nr. 1164) v. 5 quo matri multos scripsit 
(Parca), multos quoque patri ingratis annos? 

') Die Auffassung Jordans (zu Pbbllbb, 
Rom. Myth. II 194, 3), es sei eine schrei- 
bende Fata im Singular zu verstehen, findet 
im Texte TertuUians keine Stütze. 

•) J. Wbiswbilbb, Jahrb. für Philol. 
CXXXIX: 1889, 39 f. 

*^) Obwohl der Zusammenhang von fdix 
mit feo, fetus, fecundus sichersteht, ist doch 
bei der späten Schöpfang der Göttin Feliei- 
tas an eine Gottheit der fVuchtbarkeit (Pbsl- 



B. Di noTensides italisoher Herkunft. 39. Fortnna. 



215 



= 146 einen im Velabrum gelegenen Tempel weihte,^) deren hohes An- 
sehen sich aber erst von den Zeiten des Sulla Felix herschreibt. Hatte 
dieser seine Schutzgöttin Venus als die glückbringende (Venus felix) ver- 
ehrt (s. unten § 44), so folgte Cn. Pompejus diesem Beispiele mit der 
Modifikation, dass er vielmehr mit der siegreichen Venus (Venus victrix), 
deren Tempel er auf der Höhe seines steinernen Theaters anlegte, die 
Felicitas paarte,^) eine Vereinigung, die in gleicher Weise auch bei einem 
Heiligtume auf dem Capitol wiederkehrt, s) Einen eigenen Tempel erhielt 
Felicitas auf Betreiben Caesars, der schon in der Schlacht bei Thapsus 
ihren Namen als Parole ausgegeben hatte (Bell. Afr. 83), durch M. Aemi- 
lius Lepidus an der Stelle, wo Faustus Sulla seinen Neubau der Curie auf- 
geführt hatte (Cass. Dio XLIV 5). Von den weiteren Schicksalen dieses 
Heiligtums erfahren wir nichts, wohl aber sehen wir, dass Felicitas von 
nun an unter den Göttern des Staates und des Kaiserhauses eine wichtige 
Rolle spielt: dass Augustus besondere Beziehungen zu ihrem Kulte unter- 
hielt, geht daraus hervor, dass in Rom der Tag, an welchem Tiberius 
dem numen Augusti einen Altar errichtet hatte, durch ein Opfer an Feli- 
citas begangen wurde,^) und beim Augustustempel in Cumae zur Erinne- 
rung an die erste Imperatorenacclamation des Kaisers alljährlich eine 
suppliccUio FelicUati imperi stattfand ;^) ebenso ehrte der Senat den Tiberius 
durch Aufstellung einer Statue der Felicitas in seinem Geburtsorte Fundi.^) 
Daher erscheint auch nicht nur ihr Bild häufig auf den Münzen der Kaiserzeit, 
um die felicitas saeculi zu veranschaulichen, sondern die Göttin findet auch als 
göttliche Verkörperung der dem Kaisertume verdankten Segnungen zusammen 
mit Salus (s. oben S. 122) in den Götterreihen, die von Staatswegen, insbe- 
sondere am Jahrestage des Regierungsantrittes des Kaisers, 7) oder von Pri- 
vaten^) für das Wohl des kaiserlichen Hauses angerufen werden, an hervor- 
ragender Stelle, unmittelbar hinter der capitolinischen Trias ihren Platz. 
Eine ziemlich untergeordnete Rolle spielt neben Felicitas die männ- 
liche Vertretung des glücklichen Ausganges, der Gott Bonus Eventus. 
Von Haus aus wohl mit besonderer Beziehung auf das gute Aufgehen der 
Saat*) verehrt und darum noch von Varro (de re rust. I 1, 6) in den von 



LEB, Rom. Myth. II 255) ebensowenig zu 
denken wie bei Venus felix, Mercurius felix, 
Roma felix u. a. 

') Cass. Dio frg. 75, 2 Melb. Strab. VIII 
381. Gic. VeiT. IV 4 und mehr bei Jordak, 
Topogr. I 2 S. 486. 

•) Fast. Amit. (vgl. Allif.) z. 12. Aug.: 
Veneri victrici, Hon(ori) Virt{ut%), Felici- 
tati in theatro marmoreo, CIL P p. 324. 

») Fast. Amit. (vgl. fast. Arv.) z. 9. Ok- 
tober: Genio ptihlic(o\ faustae Felicitati, 
Vener(i) vict(rici) in Capüol(io); vgl. fast. 
Ant. 1. Juli: Felicitati in Cap[it]ol{io). Momm- 
SBN, CIL I'' p. 331 bezieht beide Angaben auf 
den Tempel am Comitinm, dagegen mit 
Recht Jobdan, Topogr. I 2 S. 46. Unsicher 
ist die Beziehung des in einem Kalender- 
bmohstflcke (CIL P p. 339) zu einem nicht 
mehr bestimmbaren Tage verzeichneten 
Opfers FdicitcUi in cam(po) Mart{io). 



*) Fast. Praen. z. 17. Januar und dazu 
MOHMSEK, CIL P p. 308. 

^) MoMMSEN, CIL P p. 315; Hermes XVII 
635 f. Auch Horaz c. IV 5, 18 redet die 
Göttin an, indem er den Namen fausta Fe- 
licitas dichterisch in Faustüas umsetzt. 

•) Suet. Tib. 5; vgl. die Inschrift Fe- 
licitas Tiberi im Schilde der sitzenden Kaiser- 
statue auf dem sog. Schwerte des Tiberius 
ClRh. 1108. 

') z. B. bei den Arvalen, Hbnzen, Acta 
fratr. Arval. p. 71 f., vgl. 84 f. 168. 

>) z. B. CIL XI 1331 und in den In- 
schriften der Equites singulares (s. oben 
S. 77); vgl. WissowA in der Strena Helbi- 
giana, Leipz. 1899. 

') Vgl. das Gebet bei Cato de agric. 
141: cum divis volenttbus quodque bene 
eveniat . . . utt tu fruges . . grandire he- 
neque e venire siris; dagegen im Gebete 



216 Religion und Knltas der Römer. II. Götterlehre. 

ihm zusammengestellten ländlichen Zwölfgötterkreis eingereiht, ist er in 
den vorliegenden Zeugnissen seines Kultes der Verleiher glücklichen Er- 
folges bei jeder Art von Unternehmungen^) und hat als solcher, wie die 
Inschriften bezeugen, namentlich in den Provinzen ausgedehnte Verehrung 
gefunden.^) Dagegen tritt er im Staatskulte zurück: seinen im Marsfelde 
gelegenen Tempel, dessen Gründungszeit unbekannt ist, kennen wir nur 
durch eine zuföllige Erwähnung später Zeit;^) der durch Beischrift ge- 
sicherte Kopf des Gottes findet sich auf Denaren aus der Zeit Caesars 
und dann häufig auf Münzen der Kaiserzeit.^) Für die statuarische Dar- 
stellung wählte man in Erinnerung an die ursprüngliche ländliche Be- 
deutung des Gottes den Typus des griechischen Triptolemos, und zwei 
solche Statuen, nach Plinius (n, h. XXXIV 77. XXXVI 23) Werke des Praxi- 
teles und des Euphranor, standen auf dem Capitol; nach ihnen ist auf 
den Münzen Bonus Eventus in der Regel als Jüngling dargestellt, der 
mit der einen Hand aus einer Schale auf einen Altar libiert, in der an- 
dern aber Ähren (zuweilen ein Füllhorn) hält; auch in Reliefs und statuari- 
schen Werken tritt uns der Gott in ähnlicher Auffassung entgegen.*) 

Litteratur: Pbelleb- Jobdan, Rom. Mythol. II 179 ff. R. Pbtbb in Roschers Lexikon 
I 1500—1558, vgl. 1444 ff. 

40. Castor und Polluz. Einer der ältesten römischen Tempel, deren 
die Stadtchronik gedachte, war der am unteren Ende des Forums nahe 
dem Vestatempel gelegene Dioskurentempel oder, wie er im offiziellen 
Sprachgebrauche heisst, die aedes Castoris (in der Kaiserzeit auch aedes 
Castorum), deren Einweihung die Annalen (Liv. II 42, 5) unter dem J. 270 
= 484 verzeichneten.^) Gelobt worden war er angeblich bereits 15 Jahre 
früher, 255 = 499, in der Schlacht am See Regillus durch den Diktator 
A. Postumius (Liv. II 20, 12), und eine Legende, deren griechische Vorlage 
wir in diesem Falle noch nachzuweisen im Stande sind, wusste zu erzählen, 
wie die göttlichen Brüder erst als reisige Vorkämpfer dem römischen Heere 
voranzogen und dann als erste die Siegesbotschaft nach Rom brachten. '') 
Da das angebliche Datum der Schlacht der 15. Juli, d. h. der Tag der 



der Arvalbrüder bei den vota annua (Ben- 
zen, Acta fratr. Arval. p. 100 ff.) eosque sal- 
V08 servaveris expericiUis si qua sunt erunive 
ante etim diem eventumque bonum uti 
no8 sentimus dicere dederis, 

*) MoMMSEN, Arch. Anz. 1860, 74*f. und 
über Bonus Eventus im Lagerkult v. Doiia- 
8ZEW8KI, Westd. Zeitschr. XIV 44. 

•) CIL 11 1471. 2412. 3095. 4612. III 
1128. 6223; Suppl. 8244. V 3218. 4208. VI 
144. 795. VII 77. 97. 425. VIII Suppl. 16366. 
17213. IX 1560. XI 622. CIRhen. 983. 1034. 
Orelli 1781. 1894. 



1878, 205 ff. WissowA und Aust aa. 00. 

') Vollständige Sammlung der Zeugnisse 
bei Josdan, Topogr. I 2 S. 369 ff., vgl. auch 
RuGGiBBO, Dizion. epigr. I 175 f.; zu den 
Ausführungen von 6. Tomassetti, Bull. arch. 
com. XVIII 1890, 209 ff. s. Hülsen, Rom. 
Mitteil. VI 1891, 90 f. 

') Dion. Hai. VI 13 und mehr bei 
Sghwbgler, Rom. Gesch. II 64; vgl. auch 
die Denare des A. Postumius Sp. f. Albinus 
bei Babblon, Monn. consul. II 379 f. Die 
Geschichte ist Zug um Zug der Erzählung 
von der Mitwirkung der Dioskuren beim 



*) Amm. Marc. XXIX 6, 19; vgl. Lan- Kampfe der Lokrer gegen die Erotoniaten 
ciANi. Bull. arch. com. XIX 1891, 224 ff. am Flusse Sagra (E. Meter, Gesch. d. Altert. 



*) Babelon, Monn. consul. II 427 ; über 
die Eaisermttnzen (von Galba an) s. die Zu- 
sammenstellungen von WissowA in Roschers 
Lexik. I 796 und E. Aust bei Paüly-Wis- 



II § 420) nachgebildet; ähnliche Greschichten 
wurden auch später vom Siege bei Pydna 
(ScHWEGLBB B. B. 0. II 202, 2), vou der Nieder- 
lage der Cimbem (Plin. n. h. VII 86. Flor. 



sowA, Realencycl. III 715. I 37) und von der Schlacht be Pharsalus 

^) 0. Mabvcchi, Bull. arch. com. VI (Gass. Dio XLI 61) erzählt. 



B. Di noveiiBideB italischer Herkunft. 40. Castor und Pollnx. 



217 



grossen Reiterparade (s. unten) war,*) so setzt Livius (11 42, 5; vgl. Plut. 
Coriol. 3) auch die Einweihung des Tempels auf diesen Tag, während die 
Hemerologien sie unter dem 27. Januar verzeichnen;^) dass dieses der 
ursprüngliche natalis des Tempels ist und nicht etwa zu einer der mehr- 
fachen Restaurationen desselben gehört,^) geht aus der Thatsache hervor, 
dass auch zu Ostia an demselben Tage Spiele zu Ehren der Dioskuren 
gefeiert wurden (s. unten). Dass in so alter Zeit eine Kultstätte von 
Gottheiten zweifellos griechischer Herkunft auf dem römischen Forum, 
also innerhalb des Pomeriums, Platz fand, fiel bereits den Alten auf ^) und 
bedarf um so mehr der Erklärung, als die Verehrung des Castorf) schon 
früh auch im öffentlichen Leben eine Rolle spielt, indem er zum Patron 
der Ritterschaft wird und die seit der Censur des Q. Fabius Maximus 
450 = 304 alljährlich am 15. Juli stattfindende Reiterparade (transvectio 
equitum) mit einem Opfer an ihn beginnt.^) Der in den unteritalischen 
Griechenstädten, namentlich in Lokri, Tarent, Rhegium u. a., blühende 
Kult der Dioskuren ist von dort aus vordringend schon früh in Mittel- 
italien heimisch geworden: wir kennen aus litterarischen und inschrift- 
lichen Zeugnissen Tempel des Castor und Pollux oder der Castores'^) in 
Capua (CIL X 3778. 3781), Larinum (CIL IX 724), Asisium (Henzen 6126), 
Cora (CIL X 6505 f.), Ardea,») Ostia») und vor allem in Tusculum.i») Ist 
es auch unmöglich, das Alter dieser verschiedenen Lokalkulte, die sämt- 
lich ziemlich hoch hinauf zu reichen scheinen, im einzelnen festzustellen, 
so lässt sich doch in einem Falle die zeitliche Priorität des ausserrömi- 
schen Dioskurendienstes vor dem römischen noch mit Sicherheit erweisen. 
Während es in Rom auffällt, dass der Kult der Castores, obwohl griechi- 
scher Herkunft, von den durch die sibyllinischen Bücher eingeführten 
Gottesdiensten streng geschieden ist und nie zum Amtsbereiche der Xviri 
sacris faciundis gehört hat,^^) insbesondere auch, dass die Dioskuren nie 



») Dion. Hai. a. a. 0. Plut. Coriol. 3. 

«) CIL I* p. 308. Ovid. fast. 1 705 ff. ; vgl. 
Lyd. de mens. lY 18. 

') So meinte Aüst, De aedib. sacr. p. 43; 
dagegen Jordak, Ephem. epigr. I p. 286. 
MoMMSEN, CIL I< p. 308. Eher könnte der 
von Philocalus zum 8. April verzeichnete 
nataiis Ccmtoris et Pollucia einer der Re- 
stitutionen angehören. 

*) Strabo V 232 (von Jobdän, Topogr. 
I 2 S. 370 A. 77 arg missverstanden): Deme- 
trios Poliorketes gibt seiner Befremdung 
darfiber Ausdruck, dass die Römer iv fikv tu 
avoQ^ JtoaxoiJQwy Uqov l^Qvaafxipov^ xi,fjtdv 
ovs ndvtB^ atatrJQai 6vo/4ttiotHnyy ei^ (f^ ttjy 
'EXXä^a nifinei^v rrjp ixeiytoy ittti^iSa rovg 
XerjXatijaovtas, 

*) Hinter dem älteren Bruder tritt, wie 
im Namen des Tempels (s. oben), so auch 
sonst im Kulte Pollux (aber die Bildung des 
Namens PoUuces, Pollux aus TloXv^evxtjg s. 
Jordan, Krit. Beitr. S. 29) sehr zurück, 
spielt jedenfalls keinerlei selbständige Rolle 
(vgl. die Anekdote bei Suet. Caes. 10. Cass. 
Dio. XXXVII 8, 2). 



«) Dion. Hai. VI 18, 4 und über den 
ganzen Akt Mommsen, Staatsr. III 493. 

') So inscbHftlich CIL II 1287. VI 85. 
413. XII 2821. XIV 2576. 

") Serv. Aen. I 44; der Tempel war ur- 
alt nach Plin. n. h. XXXV 17. 

») CIL XIV 376; über die ludi Castoris 
s. unten. 

*®) Cic. de div. I 98; aeditui Castoris et 
Pollucis CIL XIV 2620. 2629. 2637. 2639. 
2918, auch VI 2202 f. Daher zeigen die 
Goldmünzen des L. Servius Sulpicius Rufus 
(710/11 = 44/48, Babelon a. a. 0. II 475) 
zur Erinnerung an die Einnahme von Tus- 
culnm durch seinen Vorfahren Servius Sul- 
picius im J. 377 = 377 (Liv. VI 38) auf dem 
Avers die Köpfe der Dioskuren, auf der 
Rückseite die Mauern von Tusculum. 

'') Mebokliks Hypothese (Jahrb. f. Philol. 
LXXV 1857, 626 f.), welcher durch Kombi- 
nation von Dion. Hai. II 64, 3 und VI 13, 4 
zu der Vermutung gelangt, der Dienst der 
Castores sei den Tribuni celerum als Vor- 
stehern der Ritterschaft zugewiesen gewesen, 
ist ansprechend, aber unbeweisbar. 



218 



Religion und Enltiui der Bömer. IL GAtterlehre. 



bei den Lectisternien erscheinen, verdanken wir einer Notiz des Festus 
(p. 313, vgl. 347) die Nachricht, dass im tusculanischen Castordienste pulvi" 
naria vorkamen, also der Ritus der Lectisternien obwaltete. Da nun der 
Brauch solcher Götterbewirtungen gerade im griechischen Dioskurenkulte 
zu Hause ist,^) so haben hier offenkundig die Tusculaner das ursprüng- 
liche Ceremoniell bewahrt, während die Römer den Kult nicht direkt von 
den Griechen, sondern eben von Tusculum übernahmen und ihn darum so 
wenig als einen griechischen empfanden, dass sie ihm wie einem ein- 
heimisch latinischen seine Stätte intra pomerium anwiesen. Eine Erinne- 
rung an den tusculanischen Ursprung der Dioskurenverehrung hat sich 
nicht nur in der Legende erhalten, die ihre Einführung in Rom gerade 
mit der Schlacht am See Regillus verknüpfte, in welcher die Tusculaner 
unter Octavius Mamilius die Hauptgegner der Römer waren (Schwegleb, 
Rom. Gesch. H 60 ff.), sondern auch darin, dass römische Familien, die 
ihre Herkunft aus Tusculum ableiteten, wie die Cordii und Fonteji, die 
Köpfe der Dioskuren auf ihren Münzen führten.^) Wie sich in Rom häufig 
der Begriff rezipierter Gottheiten verengt hat, so scheinen hier die Dios- 
kuren im Staatskulte nie anders denn als die Patrone der Ritterschaft 
und Beschützer ritterlicher Übungen, also auch der Wagenrennen, auf- 
gefasst worden zu sein: daher gelten im Circus die eiförmigen Zeichen 
{ova)y durch deren Herabnehmen man die Zahl der erledigten Umläufe 
kontrollierte, als ihnen geweiht,') und ein jüngerer Tempel des Castor 
und PoUux lag beim Circus Flaminius.^) Dass man für das älteste römische 
Silbergeld zum Reverstypus die mit eingelegter Lanze nebeneinander dahin- 
sprengenden Dioskuren wählte, hat mit dem Kulte der Castores nichts 
zu thun, sondern beruht auf Herübernahme einer unteritalischen Prägung; 
ebenso hängt die Wahl des Dioskurentypus für die Darstellung der Lares 
praestites (s. oben S. 151) und der Penates publici p. R. Q. (s. oben S. 147) 
mit dem Gottesdienste am Forum nicht zusammen : man bedurfte für diese 
in der Zweizahl gedachten Gottheiten des Bildes eines engverbundenen 
Götterpaares, und die lanzenbewehrten Dioskuren erschienen in beiden 
Fällen geeignet, die göttlichen Vertreter eines kriegerischen Volkes dar- 
zustellen.^) Die Auffassung der Dioskuren als Retter zur See ist zwar 
der römischen Litteratur aus der griechischen wohl bekannt,^) im Staats- 
kulte aber kam sie nicht zum Ausdruck, und keine der erhaltenen Weih- 
inschriften bezieht sich auf Rettung aus Seegefahr, "^j Dagegen scheint in 



') F.Dbnbkbn, De iheoxeniis (Diss. Berol. 
1881) p. 4 ff. 

') Babelon, Mono, conaul. I 383 (Denare 
des M'. Cordius Rufus; vgl. dazu Boroubsi, 
Oeuvres 1 270 und Dbssau zu CIL XIV 2603). 
503 ff. 

^) Tert. de spect. 8 singula omamenta 
drei singula templa sunt: ova hon ort Ca- 
storum adscribunt, qui illos ovo editos cre- 
dendo de cygno love non erubescunt; von 
einer aedicula oder gar aedes ist keine Rede, 
und damit erledigt sich der Versuch Mohm- 
SBKS (CIL P D. 315), den natcdis Castoris et 
Pollucis am 8. Aprü (s. oben S. 217 Anm.3) 



hierher zu beziehen. 

*) Vitr. IV 8, 4; Stiftungstag am 13. Aug., 
CIL P p. 325. 

^) Den Dioskuren in Delphi weiht T. 
Quinctius Flamininus nach dem Siege über 
Philipp von Makedonien silberne Schilde mit 
metrischer Aufschrift, Plut. Flam. 12 = Prk- 
OER, Inscr. gr. metr. nr. 93. 

«) Hör. c. I 3, 2. 12, 25 ff. IV 8, 31 f. 
Senec. nat. qu. I 1. 13. Plin. n. h. II 101 u. a. 

') Gbütbr 1016, 3 (ob felicetn in pa- 
triam redüum sujyeratis tot naufragü peri- 
cvUis) ist eine Fälschung, s. CIL VI 3199*. 



B. Di noTensideB itAlisoher Herkanft. 41. HercvleB. 219 

der Hafenstadt Ostia die Verehrung von Castor und Pollux wesentlich in 
diesem Sinne stattgefunden zu haben: jedenfalls fasste man den Dienst 
in der Kaiserzeit so auf,^) wo das — gewiss alte — Fest der Gastores in 
Ostia alljährlich am 27. Januar von Rom aus durch den Stadtpraetor, 
später durch den Praefectus urbi begangen wurde. ^) Sonst sind Zeug- 
nisse für den Kult der Dioskuren aus der Kaiserzeit in Italien^) wie in 
den Provinzen*) selten, etwas häufiger nur in Gallia Narbonensis,*) wo 
man Pollux mit dem einheimischen Gotte Vintius identifizierte (CIL Xu 
2561 f.): alle sind aber so farblos, dass für das Verständnis der Götter 
aus ihnen nichts Wesentliches zu entnehmen ist. So bleibt in der Stellung 
der Dioskuren zur römischen Volksreligion manches dunkel, namentlich 
wie man dazu kam, bei Castor und Pollux in der Weise zu schwören, 
dass die Beteuerung ecastor oder mecastor den Frauen vorbehalten blieb, 
wähi'end edepol von diesen seltener angewendet wurde als von den Män- 
nern:*) eine Volksetymologie mag dabei mit im Spiele sein,^) aber das 
Wunderbarste liegt darin, dass die Dioskuren überhaupt für das römische 
Volk zu Schwurgöttern wurden, namentlich Pollux, der doch sonst hinter 
dem Bruder ganz verschwindet. 

Litteratur: M. Albbbt, Le culte de Castor et Pollux en Italie, Paris 1883 (dilet- 
tantisch, s. H. Jobdan, Deutsche Litt.-Zeit. 1883, 1503 ff.). D. Vaolisbi bei Ruooibbo. Dizion. 
epigr. 11 132 ff. 

41. Hercules. An die Geschichte des römischen Herculeskultes 
knüpfen sich eine Reihe ausserordentlich schwieriger, zum Teil wohl 
überhaupt nicht mit Sicherheit zu beantwortender Fragen. Schon darüber 
kann man im Zweifel sein, an welcher Stelle Hercules in das System der 
römischen Staatsgottheiten einzureihen ist: wenn er hier an dieser Stelle, 
im unmittelbaren Anschlüsse an den Castorenkult, zur Behandlung kommt, 
so ist das darum geschehen, weil wir in beiden Fällen zweifellos grie- 
chische Gottesdienste vor uns haben, die jedoch — im Gegensatze zu den 
auf Grund sibyllinischer Orakel rezipierten griechischen Kulten von Apollo, 
Ceres u. s. w. — seit alter Zeit innerhalb des Weichbildes angesiedelt 
worden sind: der Grund für diese Ausnahmestellung ist bei Hercules aller 
Wahrscheinlichkeit nach derselbe wie bei den Dioskuren, nämlich die 
Thatsache, dass die Römer ihn ebenso wie die Dioskuren nicht direkt 

>) Amm. Marc. XIX 10, 4: im J. 359 ») CIL V 4154. VI 85. 413. X 38. XI 

tritt nach langandauemden StQrmen, welche 8777. 



die Verproviantierung der Stadt verhindert 
hahen, plötzlich Meeresstille ein, dum Ter- 
tullus (der Stadtpräfekt) apud Ostiam in 
aede sacrxficat Castorum; hierauf bezieht 
sich auch der Tadel des Papstes Gelasius 
(Thiel, Epist. pontif. Rom. I p. 603): Casto- 



*) CIL II 2100. 2122; Suppl. 6070. III 
493. 1287. 2743. VIII 6940. 8193. Obelu 
1568 f. 1993. 

ft) CIL XII 1904. 2526. 2821. 2999. 

') Varro bei Gell. XI 6, nach dem auch 
edepol ursprQnglich nur weiblicher Schwur 



res (Thibl will mit Unrecht pastorea lesen) ' gewesen wäre (so auch Chans, p. 198); doch 



resiri certe, a quorum ctdtu desistere nölu 
istis, cur vobts opportuna maria minime 
praehuerunt? 

*) Weihgedicht des Praetor nrbanus 
Catius Sabinus (Cos. II 216 n. Chr.) CIL XIV 
1 = BuBCHBLBR, Auth. opigr. nr. 251. [Aethic] 
cosmogr. p. 83 Riese. Amm. Marc. a. a. 0. ; 
das Datum bei Polem. Silv. CIL I* p. 308, p. XIV f. 
vgl. MomcsBN, Staatsr. II 1021. 



ergibt für den plautinischen Sprachgebrauch 
die Statistik von Th. Hubrich, De diis Plau- 
tinis Terentianisque (Diss. Regiment. 1883) 
p. 127 ein starkes Ueberwiegen der von 
Männern gebrauchten edepol und pol. 

^) Gewöhnlich denkt man an castus) 
anders Tb. Birt, De Romas urbis nomine 



220 Religion und Knltas der Römer. II. GOtterlehre. 

von den Griechen, sondern durch Vermittlung einer latinischen Nachbar- 
gemeinde übernommen haben. Dass der römische Herdes, Hercoles, Her- 
cules kein andrer ist als der rezipierte griechische Herakles, beweist schon 
der Name, den wir in seinen Wandlungen auf italischem Boden mühelos 
verfolgen können.^) Denn die Angabe des Dionysios von Halikarnass 
(I 40, 6), dass der Gott an vielen Orten Italiens seine heiligen Bezirke 
und Altäre habe und man nicht leicht eine Gegend finde, die seinen Kult 
nicht kenne, wird durch die inschriftlichen und sonstigen Zeugnisse im 
vollen Umfange bestätigt: insbesondere zeigt uns die hervorragende Rolle, 
die der Herculeskult bei den Oskern Campaniens spielt, den Weg, auf 
dem der griechische Gott nach Latium kam. Unter den Griechenstädten 
Unteritaliens, von denen die meisten den Hercules an bevorzugter Stelle 
verehren, weist namentlich Cumae in seinen Heraklessagen so deutliche 
Beziehungen zu den Erzählungen auf, die später als Ursprungslegende des 
römischen Herculeskultes galten,^) dass wir wohl hier Ausgangspunkt und 
Centrum des gesamten italischen Herculesdienstes zu suchen haben. Den 
Weg, auf dem dieser Kult in früher Zeit von Campanien her in Latium 
eindrang, im einzelnen zu verfolgen, sind wir nicht mehr im Stande: jeden- 
falls besitzen die Hauptstädte der latinischen Landschaft, Tusculum (CIL 
X 3808), Praeneste,*) Lanuvium (Tertull. ad nat. H 7) und namentlich Tibur 
alten Herculesdienst, und der Gedanke, dass dieser erst von Rom dahin 
verpflanzt sei, ist bei der weiten Verbreitung dieser ganzen Religion un- 
bedingt von der Hand zu weisen. Vielmehr führt umgekehrt vom tibur- 
tinischen Hercules^) die Brücke direkt zum römischen hinüber. Der Stadt- 
gott des Herculeum Tibur (Prop. HI 32, 5 u. a.) ist Hercules Victor 
(seltener Invictus^) genannt), dessen Dienst durch Salier ausgeübt^) und 
dessen reicher Tempelschatz durch Weihungen von decumae genährt wird:^) 
der Kult steht in enger Beziehung zu dem des Juppiter Praestes, dessen 
Altar nach dem Zeugnisse der Inschrift CIL XIV 3555 lovi Praestiii Her- 
cules Victor dicavit, Blandus pr(aetor) restituit als von Hercules selbst ge- 
gründet angesehen wurde. ^) Dies Verhältnis kehrt ganz analog in Rom 



') Die den Uebergang zwischen 'Hga- 
xX^g und Herdes bildende unsynkopierte 
Form ist in osk. Hereklos erhalten; vgl. im 
allgemeinen Jordan, Krit. Beitr. S. 15 ff. 
MoMMSBNs früherer Versuch, Hercules von 
lat. liercere (herciscere) abzuleiten (ünterital. 
Dial. S. 262), ist von ihm selbst später auf- 
gegeben worden (vgl. Rom. Gesch. I 178). 

•) Pbbllbb, Griech. Mythol. II 213 f.; 
Rom. Mythol. II 280 f.; vgl. auch R. Rbitzek- 
STEIN, Ined. poet. graec. fragm. II 11. 24. 

») CIL XIV 2890-2892; vgl. Jordan, 
Observat. Roman, subsicivae (1883) p. 10 ff. 

*) Ueber Herculeskult nnd Hercules- 
tempel von Tibur s. Bormann, Altlatin. Cho- 
rographie S. 225 ff. Borsari, Notiz, d. Scavi 



') CIL I 1113 = XIV 3541 Herculei C, 
Antestius Cn. f. cens{or) decuma facta ite- 
rum dat. 

') Wenn derselbe Mann auch den Altar 
CIL XIV 3556 lunoni Argeiae C. Blandus 
procos. errichtet, so beweist das bei der 
verschiedenen Entstehungszeit beider Wei- 
hungen nichts für einen inneren Zusammen- 
hang der tiburtinischen Kulte von Hercules 
und Juno, sondern nur, dass jener C. Rubel- 
lius Blandus (Consul unter Tiberius, s. Aber 
ihn Drssau zu CIL XIV 3576 und Prosop. 
imp. Rom. III 136 nr. 82) sich die Wieder- 
herstellung alter oder angeblich alter Kult- 
wahizeichen seiner Vaterstadt Tibur ange- 
legen sein Hess: denn Tibur galt bekannt- 



1887, 25 ff. Dessau, CIL XIV p. 367 f. lieh wegen seines Junokultes (s. oben S. 114 f.) 

*) CIL XIV 3545. 3548. 4234. i für Argeo posiium colono (Hör. c. II 6, 5j 

*) Macr. S. III 12, 7. Serv. Aen. VIII und die dortige Juno Quiritis fttr identisch 

285 und Inschriften, s. CIL XIV p. 577. \ mit der argivischen Hera. 



B. Di noveiuiides italisoher Herkunft. 41, HeronleB. 



221 



wieder, wo unfern des alten Herculesheiligtumes, der Ära maxima, bei 
der Porta Trigemina ein Altar des Juppiter Inventor lag, den die Legende 
von Hercules selbst errichtet sein liess:^) hier zeigt schon ein Vergleich 
der Beinamen des Juppiter, Inventor und Praestes,^) welcher von beiden 
Kulten die ältere und ursprünglichere Fassung enthält. In Rom lag der 
alte Altar des Hercules, nachmals im Gegensatze zu den zahlreichen 
jüngeren Kultstätten des Gottes als ara maxima bezeichnet, unterhalb der 
Westecke des Palatins am Forum boarium,') nahe dem Eingange des 
Circus maximus {post ianuas drei maximi Serv. Aen. VHI 271, vgl. Schol. 
Juv. 8, 13): er war dem Hercules Invictus*) geweiht und wurde für 
eine Stiftung des Euander angesehen;^) für das hohe Alter der Gründung 
sprach jedenfalls die bescheidene Ausstattung der heiligen Stätte (ti; 
xa%aax€vij nokv ti^q io^tfi xaxadsäaxBQoq Dion. Hai. I 40, 6), die ausser aus 
dem Altar aus einem eingefriedigten und konsekrierten Täfievog bestand,^) 
in das sich dem Volksglauben nach weder Hunde noch Fliegen hinein- 
wagten. 7) Nach dem ausdrücklichen Zeugnisse des Tacitus (ann. XH 24) 
lag dieses Heiligtum innerhalb des noch zur Zeit des Gewährsmannes 
durch cippi bezeichneten Pomeriums der alten palatinischen Ansiedlung, 
und wenn diese Angabe auch nicht beweist, dass die Ara maxima bereits 
zur Zeit des antiquum oppidum Palatinum bestand, so sichert sie doch 
die Thatsache, dass sie nie anders als intra pomerium gelegen hat, der 
Kult also trotz der griechischen Herkunft des Gottes sakralrechtlich nicht 
als ein fremder behandelt wurde. Die zwar von allerlei aetiologischen 
Erfindungen überwucherte, aber in ihrem Kerne gewiss zuverlässige Über- 
lieferung^) berichtet, die Ausübung des Kultes habe zwei patrizischen 
Geschlechtern, den Potitii und Pinarii, als soUemne familiae ministerium 
(Liv. I 7, 14) in der Weise angehört, dass die Potitii die eigentliche Vor- 



^) Jiog EvQßciov ßwfMg, og iaxi, xijg 
'hüfÄfjg naQ(< Tfl TgM/Äfp Tivkij Dion. Hai. I 
39, 4; aram . . patri Inventori . . ubi Tri- 
gemina nunc porta Solin. 1, 7; 8U& Aventino 
Inventori patri [Aur. Vict.] origo 6, 5; lup- 
piter allein Ovid. fast. I 579. 

') Analogien zum Namen bieten ausser 
den Lares praestites (s. oben 8. 151) die um- 
brische Prestota (Bxtbohblbb, Umbricap. 98) 
und die verschollene römische Göttin Prae- 
stana (Amob. IV 3) oder Praestitia (Tert. ad 
nat. II 11); vgl. auch oben S. 108 Anm. 7. 

') Ueber die topographischen Fragen s. 
Db Rossi, Annali d. Inst. 1854, 28 ff. Klubg- 
MANN, Arch. Zeit. XXXV 1877, 107 ff. Jordan, 
Topogr. I 2 S. 477 ff. Hülsen, Rom. Mitteil. 
VII 1892, 294. 

^) Diese Bezeichnung geben (mit einer 
Ausnahme) die Praetoreninschriften (s. unten), 
die Beischriften des Festkalenders, Varro 
bei Macr. S. III 12, 6 u. a. ; dagegen beziehen 
sich die ältesten inschriftlichen Zeugnisse 
fUr den Beinamen Victor nicht auf den Kult 
an der Ara maxima (CIL VI 331. IX 4672 = 
I 541 f.), wo diese Bezeichnung erst im Ge- 
folge der Erzählung von der Besiegung des 



Gacus Eingang und Uebergewioht gewann. 

*) Strab. V 230. Dion. Hai. I 40, 2. Plut. 
Qu.Rom.90. Tac.ann.XV41. Serv. Aen. VIII 
269; vgl. Plin. n. h. XXXIV 33. Verg. Aen. 
VIII 271. Die andere Version, nach welcher 
Hercules selbst seinen Altar und Kult grtln- 
det (Prop. V 9, 67. Ovid. fast. I 581. Liv. IX 
34, 18, vgl. I 7, 11. Solin. 1, 10}, ist sicher 
jünger und fiberträgt die Erzählung von der 
Stiftung des Altars des Juppiter Inventor 
auf die Ara maxima. 

•) So Strab. V 230; Ugoy d^ioXoyoy Dion. 
Hai. IV 21, 4; fanum Tac. ann. XV 41. 

') Varro bei Plut. Qu. Rom. 90 (iytog raSy 
TtiQißoXfoy). Plin. n. h. X 79 (in aedem). So- 
lin. 1, 10 {consaeptum sacellum); vgl. Cleni. 
Alex, protr. II 38 (HgaxXi^s *An6f4vioi). 

') Das Material bei Schwbglbb, Rom. 
Gesch. I 353 f. (hinzuzufügen CIL VI 313). 
Die genaueste Kunde scheint noch Vergil 
zu verraten, welcher unterscheidet Aen. VIII 
269 f. primusque Potitius auctor et domus 
Herculei custos Pinaria sacrif was die 
Scholien nicht mehr verstehen und verschie- 
dentlich autoschediasmatisch erklären. 



222 



Religion nnd KnltiM der Römer, ü. Qötterlehre. 



standschaft innehatten, während den Pinarii die Bewachung des Heilig- 
tums und wahrscheinlich der untergeordnete Opferdienst oblag, bis in der 
Censur des Ap. Claudius Caecus 442 = 312 die Übernahme dieses Gentil- 
kultes auf den Staat erfolgte: wenn hinzugefügt wird, dass zur Strafe 
für die Preisgabe der gentilen Herculesverehrung die Gens Potitia inner- 
halb kürzester Frist bis auf den letzten Mann ausgestorben sei, so soll 
damit der Thatsache Rechnung getragen werden, dass das Geschlecht in 
der Zeit der ausgehenden Republik nicht mehr existiert; für die andere 
Thatsache, dass die Gens Pinaria weiterbestand (Mohhsen, Rom. Forsch. 
I IIB), ihre Beteiligung am Herculesdienste der Ära maxima aber auf- 
gehört hat, erhalten wir keine Erklärung. Die Verstaatlichung geschah 
in der Weise, dass von nun an einmal alljährlich von Staats wegen an 
der Ära maxima durch den Praetor urbanus ein Opfer dargebracht wurde, 
während Aufsicht und Tagesdienst beim Heiligtume, also die Geschäfte 
des Aedituus, von servi publici ausgeübt wurden.^) Die Opferhandlung 
beim Jahresfeste fand graeco rüu statt,*) d. h. der opfernde Praetor han- 
delte unbedeckten Hauptes, s) aber mit Lorbeer bekränzt;^) das Opfei*tier 
war eine vom Joche noch nicht berührte Färse,^) die Weinspende geschah 
aus dem angeblich von Hercules selbst zurückgelassenen, mit Pech ge- 
dichteten Holzbecher {scyphus, Serv. Aen. VHI 278); im Gegensatze zu der 
beim römischen Opfer üblichen generalis invocatio (s. oben S. 33) durfte 
hier keines andern Gottes Name genannt werden (Yarro bei Plut. Qu. 
Rom. 90). Ob dies Ritual in allen Stücken genau dasselbe ist wie das, 
welches zu der Zeit galt, als der Kult noch ein sacrum gentilicium der 
Potitii und Pinarii war, oder ob bei der Übernahme auf den Staat Ab- 
änderungen des Ceremoniells im Sinne eines engeren Anschlusses an grie- 
chische Kultsitte vorgenommen worden sind, ist nicht mit Sicherheit zu 
entscheiden; letzteres wird dadurch wahrscheinlich gemacht, dass ein so 
gut unterrichteter Autor wie Vergil^) von Bekränzung mit Pappellaub 
und von Tänzen und Gesängen von Saliern an der Ära maxima zu er- 
zählen weiss: wollen wir darin nicht einfach willkürliche Erfindungen 
erblicken, so können wir diese Angaben über ein von dem späteren vei*- 
schiedenes Ritual nur auf die Zeit vor der Verstaatlichung des Kultes 
beziehen und müssen annehmen, dass die beiden wahrscheinlich aus Tibur 
stammenden*^) Familien der Potitii und Pinarii den Gott zu Rom in der 
Weise ihrer Heimat verehrten, indem sie gentilizische Salierkollegien (wie 



^) Dies letztere drückt die Ueberliefe- 
rung so aus, dass die Potitii ab Appio Clau- 
dio praemio corrupH sacra servis publicis 
prodiderunt (Macr. S. III 6, 10). Da diese 
Staatssklaven doch in keinem Falle ein 
Priestertum wahrnehmen können, so ist 
MoMMSBNs (De colleg. et sodalic. p. 12) Auf- 
fassung des ganzen Vorganges {,,n(m sacrum 
sed aacerdotium cesserunt reipviblicae* Po- 
titii) unmöglich. 

«) Varro bei Macr. S. III 6, 17. Serv. 
Aen. VIII 276. Liv. I 7, 3; ^valay 'EXXfjyixrjy 
Strab. V 230, e^eaiv tlkXfjyixoh Dion. Hai. I 



40, 3. 

») Macr. S. III 6, 17. Serv. Aen. 111 407. 
VIIl 288 

*) Macr. S. III 12, 2. Serv. Aen. VIH 276. 

^) iuvenca Varro de 1. 1. VI 54; nCvya 
^itfiaUv Dion. Hai. a. a. 0. ; hos eximia Liv. 
I 7, 12. 

») Aen. VIII 276 -288 (danach Prud. c. 
Symm. I 120 f.); die Priester heissen bei 
ihm V. 282 pellibus in moretn cincti, 

^) Tiburtinische Inschrift des Gn. Pina- 
rius Severus, Consuls unter Trajan, CIL 
XIV 3604. 



B. Di noTensides italisoher Herkunft. 41. HerouleB. 223 

die Luperci Quinctiales und Fabiani) bildeten. Das praetorische Opfer an 
der Ära maxima hat, wie die in der Gegend des Heiligtums gefundenen, 
aus dem 2.-4. Jahrhundert n. Chr. stammenden Inschriften von Praetores 
urbani (CIL VI 312 — 319) beweisen, bis in die Zeit Constantins bestanden. 
Der Tag desselben ist nicht überliefert, wird aber durch eine annähernd 
sichere Kombination erschlossen: nach den Hemerologien (fast. Allif. und 
Amit.) fand am 12. August ein Opfer statt Herculi invicto ad circum 
maxim{um)y es war dies also der Stiftungstag eines der Ära maxima be- 
nachbarten Herculestempels,^) der offenbar ebenso neben diese getreten 
war, wie die aedes Martis in campo neben die alte ara Martis (oben S. 133), 
und dessen natalis nach römischem Brauche (s. Aust, De aedib. sacris 
p. 34 ff.) ebenso auf den alten Jahresfesttag der Ara maxima gelegt war, 
wie z. B. der Stiftungstag des Saturntempels auf die Saturnalia. Ein 
zweiter Tempel des Hercules Invictus lag nicht weit davon an der Porta 
Trigemina, also bei dem Altar des Juppiter Inventor,^) und beging nach 
dem Zeugnisse der Fasti Allif ani sein Stiftungsfest am 13. August: es 
bezeugen also Lage, Stiftungstag und Beiname in gleicher Weise die enge 
Zusammengehörigkeit beider Heiligtümer, ohne dass wir allerdings diese 
sonst weiter zu verfolgen im Stande wären. 

Wenn der Herculeskult der Ara maxima, wie oben wahrscheinlich 
gemacht wurde, bei seiner Verstaatlichung Abänderungen im hellenisie- 
renden Sinne erfuhr, so erklärt sich das daraus, dass schon vor jenem 
Akte neben dem tiburtinischen Familiendienste auch die rein griechische 
Verehrung des Hercules in Rom Eingang gefunden hatte. Schon bei dem 
ersten Lectisternium, das die Orakelbewahrer im Pestjahre 355 = 399 
auf Veranlassung sibyllinischer Orakel anordneten, erscheint Hercules,*) 
und er behält diesen Platz auch bei den Wiederholungen dieser Cere- 
monie bis zu dem grossen Zwölfgötter-Lectisternium des J. 537 = 217, 
in dem er keine Stelle mehr findet (Liv. XXII 10, 9); dafür hatte er aber 
im vorausgehenden Jahre 536 =218 zusammen mit Juventas ein eignes 
Lectisternium und eine supplkatio bei seinem Tempel erhalten,*) und 30 
Jahre später (566 = 188) wurde in aede Herculis Signum dei ipsius ex 
decemvirorum response aufgestellt (Liv. XXXVIII 35, 4). Bei all diesen 
Nachrichten ist der Gedanke an den Hercules der Ara maxima (und der 
benachbarten Heiligtümer) ausgeschlossen, da wir das ausdrückliche Zeugnis 



*) Es war nach Vitr. fll 3, 5 ein araeo- 
atyler und nach etruskischer Weise mit Thon- 
ornamenten ausgeschmückter, also offenbar 
recht alter Tempel, der von Gn. Pompejus 



malte (Plin. n. h. XXXV 19). Vgl. über die 
Scheidung dieser Tempel Wissowa, Analecta 
Romana topographica p. 9 ff. 

•) Varro bei Macr. S. III 6, 10 = Serv. 



wiederhergestellt oder neu ausgeschmückt Aen.VlII 363; auch Flut. Qu. Rom. 60 denkt 



wurde, weshalb ihn Vitruv als aedes Herculis 
Pompeianiy Plin. n. h. XXXIV 57 als aedes 
Fotnpei Magni bezeichnet (vgl. auch Plin. 
n. h. XXXV 157. Martial. XIV 178). Ver- 
schieden von ihm ist ein am Forum boarium 
gelegener Rundtempel des Hercules, den 
L. Aemilius PauUus baute oder wiederher- 
stellte {Äemiliana aedes Fest. p. 242 nach 
ScALiOBRS Emendation) und Pacuvius aus- 



an das Heiligtum bei Porta Trijgemina, wenn 
er die Ara maxima als dveiy ßoifiüiy tov 
fieiCoycc bezeichnet. 

») Liv. V 13, 6. Dion. Hai. XII 9. 

*) Liv. XXI 62, 9: Romae quoque et 
lectisternium luventati et supplicatio ad 
aedem Hei'cuJis nominatim, denique unirerso 
populo circa omnia pulvinaria indicta; s. 
dazu WissowA a. a. 0. p. 12. 



224 Religion und Enltns der Römer. II. OOtterlehre« 

besitzen: apud aram maximam observatum, ne ledisternium fiat;^) obwohl 
griechischer Herkunft und graeco rüu verehrt, hat dieser ohne Mitwirkung 
der sibyllinischen Bücher in Rom eingedrungene Gott mit dem Ritus der 
Lectisternien und den verwandten Kultakten des decemviralen Amtskreises 
keine Berührung. Es muss also mindestens im J. 536 = 218 auch einen 
auf Sibyllenspruch hin errichteten Tempel des griechischen Herakles in 
Rom gegeben haben, und dies war aller Wahrscheinlichkeit nach die aedes 
Herculis Magni Custodis in circo Maminio, deren Stiftungstag nach den Fasti 
Venusini und Ovid (fast. VI 209 flf.) auf den 4. Juni fiel:*) Ovid bezeugt, 
dass seine Erbauung durch sibyllinische Orakel angeordnet worden war 
(v. 210 Euboico carmine) und dass die Inschrift Sulla als den Vollender des 
Baues nannte (v. 212 SuUa probavit opus): dieser suUanische Bau war aber 
gewiss nur die Wiederherstellung eines älteren Tempels, dessen Bedeutung 
schon daraus hervorgeht, dass sein als sacrum Herculi sogar in den Bauern- 
kalender (CIL P p. 280) aufgenommener Stiftungstag noch in der Kaiser- 
zeit eine grosse Rolle spielt und durch Circusspiele gefeiert wird.') Wie 
Ovid hier den Wiederhersteller des Tempels, Sulla, an Stelle des ersten 
Gründers nennt, so hat er das Gleiche auch bei der Erwähnung der eben- 
falls in Circo Flaminio gelegenen aedes Herculis Musarum gethan, die wir 
nach seinen Worten (fast, VI 797 flf. zum 30. Juni) für eine Neuschöpfung 
des L. Marcius Philippus halten müssten, wenn wir nicht durch anderweitige 
Zeugnisse darüber unterrichtet wären, dass jener nur der Wiederhersteller 
des von M. Fulvius Nobilior nach der Eroberung von Ambracia (565 = 
189) gestifteten Tempels war.^) Die griechische Herkunft auch dieses 
Kultes steht ausser Frage; wir haben also in Rom zwei Gruppen von 
Herculesheiligtümern, die des tiburtinischen Hercules beim Circus maximus 
und die des griechischen beim Circus Flaminius, und sie verhalten sich 
zu einander etwa so wie die beiden Castortempel am Forum und beim 
Circus Flaminius; die Regel des Vitruv (I 7, 1), man müsse Tempel bauen 
Herculi, in quibus civitatibus non sunt gymnasia neque amphitheatra, ad circum, 
ist wohl nur aus den thatsächlichen römischen Verhältnissen abstrahiert 
und berechtigt nicht zu Schlüssen auf eine innere Beziehung des Hercules 
zu den Circusspielen. Ein vor der Porta Collina gelegenes Herculis iem- 
plum wird nur einmal bei Gelegenheit von Hannibals Erscheinen vor Rom 
im J. 543 =211 erwähnt^) und war vielleicht ebenso nur eine kleine 



M Cornelius Balbos bei Macr. S. III 6, 16. ebensowenig erklärt, wie das von Lyd. de 

Serv. Aen. VIII 176. mens. IV 46 zum 3. April notierte Fest des 

') In den Fasti Vallenses ist das Opfer | 'HgaxX^s iniyixios ola vyielag ^otiJQ. 

durch Verwechslung mit dem Hercules In- | *) Eumen. de restaur. schol. 7. Suet. 

victus am Circus maximus zum 12. August , Aug. 29. Macr. S. I 12,16. PI ut. Qu. Rom. 59. 

notiert; vgl. Mommsek, CIL I* p. 324 (gegen ! Plin. n. h. XXXV 66. Cic. pro Archia 27. 

AusT, De aedib. sacris p. 28) und im allge- ; Serv. Aen. I 8 ; vgl. Klübgmann a. a. O. 

meinen Elübomann, Commentat. Momnisen. p. 262 ff. 



p. 266 f. WissowA a. a. 0. p. 12 f. 

') Philocal. und Polem. Silv., s. Mom- 
SEK CIL I* p. 319 und dazu Bist. Aug. 
Commod. 16, 5. Der bei Philocalus mit 
c{ircense8) m{i8sus) XXIV verzeichnete 
fi{atali8) Herculis (vgl. Auson. de fer. 23 f. 
natalis Herculeus) am 1. Februar ist noch 



^) Liv. XXVI 10, 3. Aus diesem Heilig- 
tume stammt vielleicht die (bei San Lorenzo 
fuori le mura gefundene) Peperinbasis dee 
Diktators M. Minucius vom J. 537 = 217 
(CIL VI 284 = I 1503: Hercolei sacrom 
M. Miniici C. f. dictator vovit; vgl. Klubo- 
MANN, Arch. Zeit. XXXV 109 f.) und die beim 



B. Di noveiiBideB italisoher Herknnffc. 41. Heroules. 



225 



aedicula privater Gründung wie das von L. Mummius Achaicus gestiftete 
Heiligtum, dessen Inschrift (CIL VI 331 = I 541) erhalten, ist, und zahl- 
reiche sonstige Herculeskapellen in und um Rom. 

Eine einschneidende Bedeutung für die Religionsübung des täglichen 
Lebens haben die griechischen Herakleskulte des Circus Flaminius nicht 
gewonnen; um so grösser ist die Popularität des an der Ära maxima ver- 
ehrten Gottes. Die namentlich durch A. Härtung und A. Reifferscheid 
geistreich begründete und neuerdings wieder von R. Peter mit umfassender 
Gelehrsamkeit verfochtene Hypothese, dass in diesem Kulte der griechische 
Name einen italischen Gott decke und man hier älteste einheimische Re- 
ligionsvorstellungen, ja sogar etwas wie einen Ansatz zu einer eignen 
italischen Mythologie noch wiedergewinnen könne, findet bei einer kriti- 
schen Betrachtung der Thatsachen des Kultes keine Stütze. Der am 
meisten ins Auge fallende Brauch im Gottesdienste der Ära maxima ist 
die dort übliche Weihung von decumae mit den daran sich anschliessenden 
Yolksbewirtungen. Ausgegangen ist dieser Brauch ganz sicher vom kauf- 
männischen Verkehr, in welchem man bei einem gefahrvollen und un- 
sicheren Geschäfte den göttlichen Beistand sich dadurch sicherte, dass 
man dem Hercules durch Gelübde eine Gewinnbeteiligung {pars Herculanea, 
Plaut. Truc. 562) in Aussicht stellte; dass das die Grundanschauung ist, 
zeigen sowohl die Stellen der Komödie, an denen dieser Sitte gedacht 
wird,i) als die Erzählung bei Macr. S. IH 6, 11 = Serv. Aen. VIH 363: 
M. Octavius Hersenn us, von Haus aus Pfeifer, gibt diese Kunst, in der 
er nicht das gehörige Fortkommen findet, auf und widmet sich dem Handel, 
wobei er den zehnten Teil des Gewinnes dem Hercules als Anteil gelobt 
und weiht;*) bei der Fortsetzung dieses Geschäftsbetriebes wird er einst 
von Seeräubern überfallen, bleibt aber in tapferer Gegenwehr Sieger, und 
zwar, wie er nachher durch einen Traum erfährt, vermöge des Beistandes 
des Hercules, dem er darum einen Tempel und eine Statue mit der Auf- 
schrift Hercules Victor weiht. Da der Name des Helden nach Tibur ge- 
hört,') so ist die Erzählung offenbar für das dortige Heiligtum des Her- 
cules Victor bestimmt, und die Seeräubergeschichte ist nur deshalb er- 
funden, um den mit der Verehrung des Gottes durch die Kaufleute scheinbai* 
im Widerspruche stehenden Beinamen Victor zu erklären. Wenn später 
Leute wie Crassus von ihrem ganzen Vermögen den Zehnten dem Her- 
cules darbringen,*) so ist das nur eine protzenhafte Weiterbildung jenes 



Bau des Finanzministeriams gefundene In- 
schrift Ephem. emgr. IV 734 = CIL VI 30899 
(vgl. Jordan, Hennes XIV 572). Haltlose 
Kombinationen bei G. Bossi, Stndj e Docu- 
menti di Storia e Diritto XI 1890. 75 ff. 

1) Am deutlichsten Plaut. Stich. 232 f.: 
haec venüsae tarn opus est quantum polest, 
ut decumam partetn HerciUi polluceam; 386 
HerctUes decumam esse adauctam tibi, quam 
rovi, grcUtdor; vgl. Bacch. 665 f.; Mosteil. 
984. Naev. com. 26-29 Ribb. 

') Wie eine Illustration dazu liest sich 

die Inschrift der Vertuleii von Sora CIL X 

5708 = I 1175 = BuEOHELEB, Anth. epigr. 

HftDdbnch der kla«. AltertamiwiaeiiMhAft. Y. i. 



nr. 4): quod re sua d[if]feidefis asper afteicta 
(vgl. Macr. a. a. 0. postquam arti suae dif- 
fisus est) parens titnens heic vovit, voto hoc 
solut[o de]cuma facta poloucta leibereis lu- 
betes donu danunt Hercolei maxsume mereto, 
semol te orant se [v]oti crebro condemnes. 
Andre Weihungen von decumae aus Tibur 
CIL XIV 3541. Aquila IX 3569, Garsioli IX 
4071*, Capua X 3956. 

') Ein Octavius Hersennius hat nach 
Macr. S. III 12. 7 ein Buch de sacris salia- 
ribus Tiburtium geschrieben; vgl. auch 
Dessau CIL XFV p. 367 Anm. 2. 

*) Plut Grass. 2; vgl. Sulla 35; Qu. Rom. 

15 



226 



Religion und Ealtas der Römer, n. Götterlehre. 



Brauches, und auch wenn die Triumphatoren von der Kriegsbeute den 
Zehnten dem Hercules abgeben, i) findet das seine Erklärung darin, dass 
nach ursprünglicher Auffassung die Beute ebenso den Ertrag des Kriegs- 
zuges darstellt, wie der Öeschäftsgewinn den der Handelsfahrt, nicht etwa 
in besonderen kriegerischen Eigenschaften des Gottes der Ära maxima.^) 
Die Darbringung der Decuma findet innerhalb einer Frist von 10 Tagen, 
nachdem der Gelobende voH reus geworden ist, statt,') und zwar in Form 
eines Opferschmauses, bei dem alle essbaren und trinkbaren Dinge (omnia 
esculenta poculenta Fest. p. 253) zugelassen sind. Diese Zehntengabe wurde 
als Ganzes dem Hercules geweiht (dafür gilt der Ausdruck pollucere^)), 
aber nur ein geringer Teil davon blieb im Tempel, das Meiste wurde am 
Abend*) dem Volke preisgegeben (profanare) und zur Bewirtung desselben 
verwendet: das Volk erschien, ebenso wie der Darbringende, mit Lorbeer 
bekränzt, ö) bei der Darbringung waren ursprünglich die Potitii, später 
Staatssklaven als Gehilfen thätig (Fest. p. 237); eine eigne Verordnung be- 
stimmte, dass von dem ganzen Schmause nichts übrig bleiben durfte.^) 
Dieses ganze Ceremoniell ist von Anfang bis zu Ende unrömisch: die Be- 
kränzung mit Lorbeer ist ebenso sicher griechisch, wie die Volksbewirtung 
und überhaupt der ganze Brauch der Zehntendarbringung,^) die uns in 
Rom sonst nur noch gegenüber Apollo, also ebenfalls einem rein griechi- 
schen Gotte, begegnet.^) In denselben Anschauungskreis wie die Decuma 
gehört das propter viam genannte Opfer, das man in Rom dem Hercules 
— jedenfalls an der Ära maxima — bei Antritt einer Reise {proficiscendi 
gratia) brachte r^^) auch für dies Opfer gilt die eben bei der Decuma er- 
wähnte Bestimmung, dass vom Opfermahle nichts übrig bleiben durfte, 
sondern etwaige Reste verbrannt werden mussten (Macr. S. H 2, 4), und 
der innere Zusammenhang zwischen beiden Akten ist offenbar der, dass 
man bei dem Opfer propter viam den Zehnten gelobte, den man nach glück- 
lichem Ausgange der Reise darbrachte. Hier ist deutlich Hercules überall 
in erster Linie als göttlicher Beschützer des Verkehrs, speziell des Handels- 

18. Dion. Hai. I 40, 6. Diod. IV 21, 3, wo He- 
rakles geradezu verspricht roTg ev^afjiipotg 
'HQttxXel TiyV ovalay avfißtjfferav lov ßloy 
evdaifjioviaxBQOP ex6iy. 

») CIL IX 4672 = I 542. Posidonius 
FHG III 262 = Athen. IV 163 C, vgl. V 221 F. 
Bei dieser Gelegenheit wird die Bekleidung 
des Herculesbildes mit dem Triumphal- 
gewande erfolgt sein, von der Plin. n. h. 
XXXIV 33 spricht. 

") Vgl. MoMMSEH CIL P p. 149 f. 240. 

') Das ist der Sinn der Worte des Varro 
sat. Menipp. frg. 413 Buech. = Macr. S. III 
12, 2: matores solitos decimam Herculi vovere 
nee decem dies intermittere, quin poll'ocerent 
ac popitlutn aavfißoXoy cum Corona laurea 
dimitterent cubitum, 

*) Ueber poUucere und profanare s. 
LCbbbbt, Comment. pontific p. 3 fl. Mab- 
QUABDT, Staatsverw. III 148 ff. 

*) Serv. Aen. VIII 269: ut mane et 
vespere ei (dem Hercules) sacrificaretur ; per- 
fecto itaque matutino sacrificio cum circa 



solis occasum essent sacra repetenda u. s. w. 
(folgt die Erwähnung des Schmauses). 

«) Varro a. a. 0. Macr. S. III 12, 3 = 
Serv. Aen. VIII 276. 

*) Serv. Aen. VIII 183: ad aram maxi- 
mam aliquid servari de tauro nefas est: 
nam et corium eius ma^ndunt; die ebenda 
gemachte damit unvereinbare Angabe de hoc 
hove immolato Herculi cames carius vende- 
bantur causa religionis et inde alter redi- 
mehatur, qui ex illius pretio comparattts 
quasi perpetuus esse videhati4r, ist erfunden, 
um die Worte Vergils perpetui tergo hovi^f 
zu erklären. 

*) Ueber ttjy xsQ^itoy dexatBvfAara 
(Callim. epigr. 39, 6) vgl. Hebxakn- Stark, 
Gottesdienstl. Altert. § 20, 4; über Volks- 
bewirtungen Stengel, Kultusalt>ert. S. 80 ff. 

*) Camillus bei der Belagerung von Veji, 
s. ScHWEGLEB, Röm. Gosch. III 214; vgl. 
auch CIL VI 29 = I 187. 

'0) Fest. p. 229; vgl. Plaut. Rud. 150. 



B. Di noTensides italifloher Herkunft. 41. HerouleB. 227 

Verkehrs und des damit verbundenen Gewinnes aufgefasst,^) eine Vor- 
stellung, die im griechischen ^HQaxXrjg rjYs/^ioviog vorgebildet ist; auch in 
späterer Zeit kommt diese Anschauung noch in der geläufigen Verbindung 
von Hercules mit Mercurius^) sowie darin zum Ausdruck, dass Hercules 
über die Richtigkeit von Gewicht und Münze wacht.') Dass unter diesen 
Umständen die Ära maxima als ein geeigneter Ort erscheint, um dort 
Schwüre abzulegen und Verträge abzuschliessen (Dion. Hai. 1 40, 6), ist eben- 
sowenig auffallend, wie der Ausschluss der Frauen von diesem Kulte und 
vom Schwüre bei Hercules.*) Der ausserordentlich geläufige Schwur mehercle 
ist es vor allem gewesen, der durch den Vergleich mit der Beteuerungs- 
formel me dius fidius die römischen Gelehrten veranlasste, Hercules mit 
Dius Fidius und damit auch mit Semo Sancus (s. oben S. 120 f.) zu identifi- 
zieren, wobei die Etymologie des Aelius Stilo Dius Fidius = Diovis filius 
Beistand leistete;^) doch hinderte das andere Gelehrte nicht, Hercules 
vielmehr für identisch mit Mars zu halten, weil beide durch Salier ver- 
ehrt wurden.^) Während diese letztere Identifikation von der neueren 
Forschung mit vollem Rechte als eine verunglückte Hypothese beiseite 
geschoben worden ist, hat die erstgenannte Aufnahme und weitere Aus- 
bildung gefunden, indem man annahm, dass der vorausgesetzte italische 
Gott, der sich unter der Maske des griechischen Herakles verstecke, kein 
anderer sei als eben Dius Fidius oder der — wie man annahm — im 
Grunde von diesem nicht verschiedene Genius oder speziell der Genius 
Jovis. Für diese Hypothese hat Reifferscheid^) in bestechender Argu- 
mentation namentlich eine Reihe von Bildwerken ins Feld geführt, in 
denen Hercules teils in feindlichem Gegensatze, teils in inniger Verbindung 
mit Juno erscheint, und dies aus dem bekannten Verhältnisse von Genius 
und Juno als göttlichen Vertretern der beiden Geschlechter (s. oben S. 154) 
erklärt. Aber so gern man auch zugeben wird, dass die anderweit ver- 
suchten Deutungen dieser Darstellungen nicht befriedigen, so wenig ist 
es doch zulässig, aus diesen Denkmälern verschiedenster Herkunft, von 
denen keines zum Kulte und speziell zum römischen Kulte die geringste 
Beziehung hat — es handelt sich um eine Spiegelzeichnung aus Praeneste, 
eine Kandelaberbasis aus Perusia, einen Goldring etruskischen Fundortes 
und um Henkelstützen etruskischer Gefasse — , Folgerungen für die reli- 
giösen Vorstellungen der Römer zu ziehen: angenommen, diese Darstellungen 
brächten wirklich — was ich weit entfernt bin zu glauben — mytholo- 
gische Beziehungen italischer Götter zum Ausdrucke, so würden sie doch 

>) Aehnlich schon Mommsen, Rom. Gesch. i Prop. V 9, 69. Gell. XI 6, 2; vgl. auch Ter- 



I 178: «als Gott des gewagten Gewinns und 
der ausserordentlichen Vermögensvermeh- 
rung . . . Oberhaupt der Gott der kaufmän- 
nischen Verträge*. 

«) CIL III 633. VI 46. VIII 2498. XII 



tull. ad nat. II 7. 

6) Varro de 1. 1. V 66. Fest. p. 229. 
Paul. p. 147. Prop. V 9, 71 flf. Chans, p. 198. 
17 K. Tertull. de idol. 20. 

•) Varro bei Macr. 8. III 12, 5 ff. Serv. 



1904 und mehrfach auf Bildwerken (s. R. ! Aen. Vlli 275. 

Pbteb in Roschers Lexik. I 2961); Hercules ! ') Annali d. Inst. 1867, 352 ff.; danach 

und Fortuna z. B. CIL IX 4674. dann die bequeme Znsammenstellung und 

■) Hercules ponderum CIL VI 336, vgl. | Würdigung des ganzen Denkmälervorrates 

282; Weihungen von Münzarbeiten CIL VI mit Abbildungen bei R. Pbtbr in Roschers 

44. 298. Lexik. I 2259 ff. 

*) Plut. Qu. Rom. 60. Macr. S. I 12, 28. 



15 



^* 



228 Beligion und Kultus der Römer, ü. GOtterlehre. 

als Zeugnisse nur für die Religionsvorstellungen ihrer speziellen Heimat, 
also Etruriens, gelten können, für die Deutung etruskischer Denkmäler 
aber haben wir wieder kein Recht dasjenige heranzuziehen, was uns vom 
römischen Genius und Dius Fidius bekannt ist.^) Dazu kommt weiter, 
dass die Annahme der Identität von Dius Fidius und Genius oder Genius 
Jovis, die für die ganze Hypothese Ausgangspunkt und Grundlage bildet, 
nicht nur unbeweisbar, sondern auch sicher unzutreffend ist. Für die 
Identität von Dius Fidius und Hercules würde die Nachricht des Plutarch 
(Qu. Rom. 28) sprechen, man habe die Knaben angewiesen, otuv ofivvaun 
Tov ^HgaxXäa ... elg vnai^gov nQoiävai (s. oben S. 121), wenn nicht offenbar 
Plutarch hier einer Quelle folgte, die von dem Brauche sprach, bei Dius 
Fidius nur unter freiem Himmel zu schwören, und dabei einfach Hercules 
für den nach seiner Meinung mit ihm identischen Dius Fidius einsetzte. 
Dass in der oskischen Weihinschrift von Agnone Hereklos das Beiwort 
kerriios = genialis erhält, darf schon deshalb nicht als Beweis für die 
Identität von Hercules und Genius angeführt werden, weil er dieses Epi- 
theton dort mit einer ganzen Reihe von Gottheiten teilt, ja es spricht 
geradezu gegen die Gleichsetzung, da man das Beiwort genialis allen mög- 
lichen Göttern zuteilen kann, nur nicht dem Genius selbst; ebenso liefern 
einen Gegenbeweis die römischen Weihinschriften, in denen Hercules 
neben dem Genius erscheint.*) Die Notiz der Berner Yergilscholien end- 
lich (zu Ecl. 4, 62) nobilibus pueris editis in atrio domus lunoni Lucinae 
lecttis, Herculi mensa ponebatur^) weist im Vergleich mit der Angabe des 
Varro bei Nonius p. 528 (vgl. Serv. Aen. X 76) natus $i erat vüalis . . . diis 
coniugalibus Püumno et Picumno in aedibus lectus stemebatur auf einen jün- 
geren Brauch, und der aus der Kombination beider Stellen gezogene Schluss, 
dass auch Juno und Hercules als di coniugales zu fassen seien, ist un- 
berechtigt: als Ehegötter konnten doch nur der Genius des Hausvaters 
und die Juno seiner Gattin verehrt werden, hier ist aber Juno ausdrück- 
lich als Lucina bezeichnet, also als Geburtsgöttin aufgefasst. Wenn neben 
sie Hercules tritt, so thut er das in seiner Eigenschaft als Hercules domesticus 
(CIL XIV 3542), d. h. als an dem Wohlergehen des Hauses interessierter 
und Unheil von ihm abwehrender Gott; als solcher wird er insbesondere 
auf dem Lande verehrt,^) wo er häufig mit den göttlichen Beschützern 
des ländlichen Anwesens, Silvanus und Liber, vereint angerufen wird^) 

^) Die Bemerkung von ü. von Wila- j Ritus der Ära maxima, wo man sitzend, 
xowiTZ-MoBLLBMDOBFF, EuHp. Herakles P ' nicht liegend, schmaust (Macr. 8. III 6, 16) 
S. 25 Anm. 49 , übrigens folgt aus der Eni- und auch eine mensa sich befindet (Macr. 



lehnung, dass es unerlaubt ist, die Vorstel- 
lungen, die der Latiner mit Hercules ver- 
bindet, ohne weiteres auf den Campaner 
Samniten Brettier zu übertragen, vielmehr 
wird nur die Differenziirung ein wissen- 
schaftlich haltbares Ergebnis liefern*, trifft, 
wie gewöhnlich, den Kernpunkt. 

z. B. CIL VI 210-224. 226 f. 237; 



8.111 11, 7). 

*) Porph. zu Hör. sat. II 6, 12: undepu- 
tant et quod res rt^^tica in tutela 8Ü eitis. 
nam Uli sctcrificia reddunt rustici, cum tu- 
vencos domaverint. Wenn Commodus einen 
Günstling sacerdotio Herculis Rustici prae- 
posuit (Hist. aug. Comm. 10, 9), so handelt 
es sich wohl um einen kaiserlichen Privat- 



ebenso steht auf den pompejanischen Penaten- kult auf seinen Landgütern. 



bildem Helbio, Wandgem. nr. 69. 69 ^ Her- 
cules neben dem Genius. 

') Dass Hercules nicht einen lecttu, son- 
dern eine sacra mensa erhfilt, stimmt zum 



B) Alle drei CIL VI 294, Hercules und 
8ilvanu8 sehr oft, z. B. CIL VI 288. 293. 
295—297. 309 f. u. a., vgl. auch den Altar 
bei ViscoNTi-GuATTANi, Mus. Chiar. Tf. 21. 



B. Di noTenaideB italisoher HerknnfL 41. Hercules. 



229 



und wie diese nach den einzelnen Grundstücken individualisierende Bei- 
namen ffihrt;^) auch das (in den Hemerologien fehlende) Opfer, das nach 
Macr. S. in 11, 10 am 21. Dezember dem Hercules und der Ceres gemein- 
sam dargebracht wurde, sue praegnate, panibus, mulso, gilt offenbar diesem 
ländlichen Hercules. Den Ausgangspunkt für diese Verehrung des Her- 
cules als Tutor (CIL X 3799 Herculi Tutori domus Novelliana), Defensor (CIL 
VI 210. 308. 333), Conservator (CIL VI 305—307 u. a.), Salutaris (CIL VI 
237. 338 f.) u. ähnl. bildet nicht seine Identität mit dem Genius, sondern 
die griechische Vorstellung von ^H^axl^g äXs^ixaxog,^) die in der Anwen- 
dung auf den Schutz des Privathauses durch den Gott ihren klarsten Aus- 
druck findet in der bekannten Thüraufschrift o tov Jiog natg xaXUvixog 
^HQaxkrjg iv^dds xaTOMcT, fitjiiv eigiärm xaxov,^) oder in lateinischer Wieder- 
gabe (CIL VI 329 = BuECHELEB, Anthol. epigr. nr. 23) Hercules invicte, sande 
Silvani nepos, huc advenisti: ne quid hie fiat mali. Damit erklärt sich auch 
das häufige Vorkommen des Hercules unter den Penaten, welches die 
pompejanischen Bilder^) und zahlreiche kleine Bronze-Statuetten des Gottes 
bezeugen, und die hervorragende Rolle, die Hercules als comes et conser- 
vator dominorum nostrorum (CIL VI 305) auf Weihinschriften und Münzen 
der Kaiserzeit spielt. Wenn sich dagegen die Kaiser selbst, wie nament- 
lich Nero, Domitian, Commodus (s. oben S. 83), Maximian als Hercules 
feiern lassen,'^) so ist dabei an den unbesieglichen Überwinder aUer Ge- 
fahren und Ungeheuer gedacht, wie ihn der griechische Mythos darstellte.^) 
Unter den Sagen, in welche die römische Dichtung und Geschicht- 
schreibung in Anlehnung an griechische Vorbilder den Hercules verflocht, 
ist die von seinem Abenteuer mit Cacus darum wichtig, weil man in ihr 
die italische Fassung eines uralten indogermanischen Mythos zu erkennen 
geglaubt und darum aus ihr weitgehende Schlüsse auf Alter und Wesen- 
heit des italischen Herculeskultes gezogen hat.^) Und doch ist gerade in 
dieser Erzählung die Übertragung und aetiologische Umbildung einer grie- 
chischen Sage aufs deutlichste zu erkennen. Die zuerst bei Vergilt) auf- 
tretende Erzählung vom feuerschnaubenden Volcanussohne Cacus, der dem 



z. B. Hercules Aelianus CIL IX 1095, 
Coceeianus VI 3687, lulianua VI 337 u. a. 

>) CIL VI 309 wird der lateinische Text 
Herculi defenaori Papirii auf der Rückseite 
griechisch mit den Worten wiedergegeben 
HQaxXer aXe^ixaxt^ naneiQioi. 

*) Eaibel, Epigr. gr. nr. 1138 und dazu 
DiLTHET, Epigrammata graeca in mnris picta 
duo (Gottingae 1878) p. 3- 10. 

«) Vgl. z. B. auch Rom. Mitt. VIII 26. 

^) Reiche Materialsammlung bei R. Pstsb 
in Roschers Lexik. I 2980 ff. 

*) Die im 4. Jhdt. vorkommende priester- 
liche Würde eines curialis Herculis (CIL VI 
1779, vgl. 1778, Vettius Agorius Praetextatus) 
oder ponHfex Herculis et rector decwriae 
HercuUae (Bull. arch. com. XX 1892, 57) 
ist noch nicht befriedigend erklärt; in der 
langen Aafzfihlting sakraler Titel CIL VI 1779 
steht sie hinter den Staatspriestertümem 
(augur, pontifex Vestcie, pontifex Solis, quin- 



decimvir) und vor den Priesterschaften der 
Fremdkulte (s. oben S. 87 Anm. 3). 

') A. Kuhn, Ztschr. f. deutsch. Altert. 
VI 1848, 117 ff. M. Bk&äl, Hercule et Cacus, 
Paris 1863. R. Pbter in Roschers Lexik. I 
2279 ff. Oldenberg, Religion des Veda S. 144. 
Zum folgenden s. Wissowa, Real-Encycl. III 
1165 ff. Die etruskische Spiegelzeichnung 
mit den Beischriften Cacu, ArtÜe, Caile Vi- 
pinaa und Avle Vipinas (Gbbhakd-EObte, 
Etrusk. Spiegel V Taf. 127, vgl. S. 166 ff.) 
wage ich bei der in der Erklärung dieser 
ganzen Denkmftlergattung herrschenden Un- 
sicherheit nicht heranzuziehen; vgl. auch 
F. MüHZEB, Rhein. Mus. LIII 598 ff. 

8)Aen.VIII190ff.; aus ihm Prep. V 9, 1 ff. 
Ovid. fast. I 543 ff.; jüngere Fassung bei Liv. 
I 7, 3 ff. Dion. Hai. I 39; historisierende Um- 
deutung bei Dion. Hai. I 42, 2 f., euhemeristi- 
sehe Auffassung bei Serv. Aen. VIII 190 = 
Mythogr. Vat.I 66. II 153. [Aur. Vict.] origo 6. 



230 Religion and KnltiiB der Römer. IL GOtterlehre. 

schlafenden Hercules mit listigem Kniffe einen Teil der Rinder des Geryones 
stiehlt und zur Strafe dafttr von dem Gotte nach vergeblicher Gegenwehr 
in seiner flöhle am Aventin erschlagen wird, ist mit offenbarer Anlehnung 
an die griechischen Sagen von den Abenteuern des Herakles mit Alkyo- 
neus und Geryones und vom Rinderdiebstahl des Hermes erfunden und 
im einzelnen derartig ausgestattet, dass sie der aetiologischen Erklärung 
der römischen Localität und ihrer Heiligtümer dient: durch den Namen 
des Forum boarium, die benachbarten Kulte des Hercules Invictus, Jup- 
piter Inventor und vielleicht auch des Euander,^) endlich die von der 
Gegend der Ära maxima nach dem Palatin hinaufführenden scalae Caciae^) 
waren alle Elemente der Dichtung gegeben, deren Ursprung weit über 
Yergil hinaufzudatieren wir kein Recht und keine Veranlassung haben. 
Zum unmittelbaren Vorbilde hat möglicherweise eine unteritalische Sagen- 
version gedient, da die Zeichnung eines capuanischen Bronzegefässes 
(Monum. d. Inst. V 25) auf eine campanische Erzählung verwandten In- 
haltes von der Bestrafung eines herdenraubenden Unholdes durch Herakles 
hinzuweisen scheint;^) aber Cacus ist der Gegner des Hercules sicher erst 
in Rom genannt worden, wo eine alte Göttin Caca bezeugt und die ehe- 
malige Existenz eines Götterpaares Cacus-Caca sehr wahrscheinlich ist 
(s. oben S. 144 f.). Wenn Timaios bei Diod. IV 21 von zwei angesehenen 
Bürgern der Palatingemeinde, Kakios und Pinarios, zu erzählen wusste, die 
den Herakles gastlich aufnahmen, und der Annalist Gn.Gellius (bei Solin. 1, 8) 
den Cacus zu einem Herrscher am Volturnus machte, der, als er das Gebiet 
der (palatinischen) Arkader antastete, von Hercules gestürzt wurde, so sind 
das selbständige und aller Wahrscheinlichkeit nach ältere aetiologische Ver- 
suche, die Cacustreppe in der Nachbarschaft des Herculesbezirks zu erklären, 
während die ganz vereinzelte Angabe des Verrius Flaccus,^) dass der Gegner 
des Cacus nicht Hercules, sondern ein Hirt Namens Garanus gewesen sei, 
dem man wegen seiner ausserordentlichen Körperkraft den Namen Hercules 
gegeben habe, nur eine recht nichtsnutzige euhemeristische Umdeutung der 
Geschichte vom Kampfe des Hercules und Cacus darstellt. — Das burleske 
Märchen von Hercules und Acca Larentina'^) hat mit der Religion nichts zu 
thun und geht wahrscheinlich in seinen Grundzügen auf eine unteritalische 
Phlyakenposse zurück.^) Die Erzählungen endlich, welche die Abschaffung 
der Menschenopfer in Italien und die Einführung der Argeerceremonie mit 
der Anwesenheit des Hercules in Rom in Verbindung bringen oder ihn in 
die Stammbäume latinischer Königsgeschlechter genealogisch einreihen, be- 
ruhen auf dem Bestreben, die älteste römische Geschichte mit der griechi- 
schen zu verknüpfen, und lassen die aetiologischen Anhaltspunkte, von 
denen sie ausgehen, oft noch deutlich erkennen. 7) 

Hennes III 408 f. und zu Pbbllbk, Rom. 
Myth. II 283, 4. 

*) Macr. S. I 10, 12 flF. Flut. Rom. 5 ; 
Qu. Rom. 85. Tertull. ad nat. II 10. August, 
c. d. VI 7. 

*) Zi£LiNSKi,Quae8tione8Comicae(PeterB* 
bürg 1887) p. 113 ff.; s. auch oben S. 188 
und WissowA, Real-Encycl. I 131 ff. 

7) SoHWEGLEB, Röm. Gesch. I 352—383. 



1) Bion. Hai. I 32, 2 EväydQi^ &vaias 
dfAtt&oy vno 'P(o/Aaioiy änueXovfjiiyas . . . ngos 
. . AvByjiyü) . . . rijg TQidvfAOv nvXijg ov noocto, 

«) Solm. 1, 18. Diod. IV 21, 2; vgl. Flut. 
Rom. 20. Notit. urb. reg. VIII. 

') Vgl. dazu auch C. Robbbt, Hermes 
XIX 1884, 480. 

*) Serv. Aen. VIII 203 {Garanus). [Aur. 
Vict] origo 6, 1. 8, 1 {Becaranus); vgl. Jobdan, 



B. Di noTenaideB italisoher Herknnft. 42. Feronia. 231 

Schliesslich sei noch der Thatsache Erwähnung gethan, dass Hercules 
als interpretatio Romana barbarischer Götter namentlich in den germanischen 
und keltischen Provinzen eine hervorragende Rolle spielt, wofür der Grund 
einerseits in einer wirklichen oder vermeintlichen Wesensverwandtschaft 
dieser nordischen Gottheiten mit ihm zu suchen ist, andererseits, und zwar 
in noch höherem Masse, darin, dass der gegen Gelobung der Decuma Ge- 
winn und Beute verleihende Gott sowohl beim römischen Kaufmannsstande 
wie beim römischen Heere in besonders hohem Ansehen stand und darum, 
etwa wie Mars und Mercurius, als nächstliegende Gottheit zur Gleichung 
mit den neu entgegentretenden Hauptgöttern der fremden Völker mit 
Vorliebe herangezogen wurde , zumal es gerade von dem vielgewanderten 
Helden der griechischen Sage sich leicht glaubhaft machen liess, dass er 
auf seinen Abenteuerfahrten auch in die entlegenen Länder des Westens 
und Nordens gekommen sei und dort seinen Kult begründet habeJ) Wir 
finden daher in diesen Ländergebieten nicht nur vielfach epichorische 
Gottheiten mit dem Namen des Hercules bezeichnet, wie den Hercules 
Saxanus des Brohlthales oder den Hercules Magusanus der Bataver, sondern 
die Namen Mars, Hercules, Mercurius bezeichnen geradezu eine germanische 
Göttertrias, die nicht nur durch Tacitus (Germ. 9) bezeugt wird, sondern 
uns auch in den Weihinschriften der keltisch-germanischen Equites sin- 
gulares (s. oben S. 77), vereinzelt auch sonst, entgegentritt. 

Litteratur: J. A. Härtung, Ueber den rOmischen Hercoles, Erlangen 1835 und 
Religion der Römer II 21 ff. W. Hillen, De Herculis Romani fabula et cultu, Dissert. 
Monasterii 1856. A. Rbiffrbbcheid, Annali d. Inst. 1867, 352 ff. R. Peter in Roschers 
Lexikon I 2253 ff. und 2901 ff. 

42. Feronia. Dass Feronia unter die römischen Staatsgötter gehörte 
und einen Tempel im Marsfelde besass, ist erst durch den Festkalender 
der Arvalbrüder festgestellt worden, der zum 13. November*) notiert: 
Feroniae in [ca]mp(o); dadurch tritt die Nachricht des Livius (XXII 1, 18), 
dass im J. 537 = 217 auf sibyllinische Weisung die Frauen freigelassenen 
Standes eine Geldsammlung veranstalteten, um der Feronia ein Geschenk 
zu machen, erst in die richtige Beleuchtung; denn da sie bei dem Fehlen 
jedes andern Hinweises zweifellos auf den römischen Tempel zu beziehen 
ist, so gewinnen wir damit einen festen Terminus ante quem für die Re- 
zeption der Göttin. Auf die Frage nach der Herkunft des Kultes gibt die 
Behauptung Varros (de 1. 1. V 74), Feronia gehöre mit Minerva und den 
Novensides zu den von den Sabinern entlehnten Gottheiten, keine Ant- 
wort. Inschriftliche Zeugnisse lassen uns die Verbreitung des Feronia- 
dienstes im ganzen mittleren Italien mit Ausnahme des eigentlichen La- 
tium») erkennen: sie begegnet uns bei den Vestinern (Aveja, CIL IX 3602), 
Sabinern,*) Picentem (Orelli-Henzen 6000), ümbrern (CIL I 169) und im 
südlichen Etrurien (Nepet, CIL XI 3199); ihre beiden bekanntesten Kult- 



») z. B. für Gallien Diod. IV 19, für 
Germanien Tac. Germ. 3, f&r Britannien 
Parthen. erot. 30 n. b. w. 

') Ueber den Tag s. Elüegmakn, Philol. 
XXVIII 492 f. MoMMSKN CIL P p. 335. 

') FOr Praeneste beweist die Dichtung 
Vergils (Aen. VIII 561 £f.)i der den mit drei- 
fachem Leben ausgestatteten EOnig Endus 



(oder HeriUus) von Praeneste zum Sohne der 
Feronia macht, nichts; die Inschrift Orelli 
1756 = CIL XIV 284* ist gefluscht. Mit 
der ^Qtayitt noXtg in Sardinien bei Ptol. III 
3, 4 ist nichts anzufangen, die Kombinationen 
von C. MüLLBR z. d. St. sind ganz haltlos. 

*) CIL IX 4180. 4321 (Amitemum). 
4873—4875 (Trebula Mutuesca). 



232 



Religion und Kultna der Römer. II. Götterlehre. 



statten aber lagen die eine bei Tarracina, die andre bei Capena. Am 
erstgenannten Orte befand sich etwas vor der Stadt (Plin. n. h. 11 146. 
Tac. bist. Hl 76) ein Hain mit einer Quelle ^) und ein Tempel, m welchem 
die Freigelassenen mit geschorenem Haupte den pilleus, das Zeichen der 
Freiheit, zu empfangen pflegten, und wo ein Sessel die Inschrift trug: bene 
meriti servi sedeant, surgant liberi.*) Weit berühmter noch waren Hain 
(lucus Capenatis Cato frg. 30 Peter, vgl. Verg. Aen. VH 697) und Heiligtum 
der Feronia im Gebiete von Capena am Fusse des Berges Soracte, wo 
sich gegen Ende der Republik ein eignes Gemeinwesen Lucus Feroniae ent- 
wickelte.') Seit alter Zeit war dieses an der Grenze zwischen Etruskern, 
Latinern und Sabinern gelegene Heiligtum die Stätte eines viel besuchten 
Marktes,*) und der Tempel hatte durch reiche Spenden der Anwohner und 
Besucher ein grosses Vermögen erworben, welches im J. 543 = 211 Hanni- 
bal zur Plünderung veranlasste.^) Es kann bei der nahen Nachbarschaft 
und den vielen Beziehungen kaum einem Zweifel unterliegen, dass der 
römische Feroniakult ein Abkömmling des capenatischen ist, übertragen 
wahrscheinlich bei der Annexion von Capena bald nach dem Falle Vejis. 
Über die Bedeutung des Namens und der Göttin selbst war man völlig 
im Unklaren: Varro fasste sie, anknüpfend an die Freilassungen im Tempel 
von Tarracina, als eine Art Libertas und deutete Feronia = Fidonia (Serv. 
Aen. Yin 564), Dionysios von Halikarnass (I 49, 5) weiss zu erzählen, dass 
die Sabiner von Spartanern abstammten, die einst an der pomptinischen 
Küste gelandet wären und dort das Heiligtum der <PoQ<ovia oder (PtQcovia 
ccTio T»;$ nsXayiov qoQtjaewg benannt hätten; andere verdolmetschten den 
Namen griechisch als ^Avx^oifoqoq oder (Pikoaräfpavog oder negaetporrj (Dion. 
Hai. HI 32, 1) oder deuteten die Göttin als Ortsgenossin des ebenfalls in 
Tarracina verehrten jugendlichen Juppiter Anxurus (s. oben S. 109 Anm. 1) 
als Inno virgo,^) Die Neueren haben gewöhnlich diese Paarung der 
Göttin mit dem Juppiter Anxurus von Tarracina oder dem Apollo Soranus 
vom Soracte zur Grundlage ihrer Deutungsversuche genommen:^) aber 
wenn hier wirklich mehr vorliegen sollte als ein zufälliges örtliches Zu- 
sammentreffen — eine Kultverbindung ist nicht bezeugt — , so würde uns 



*) Viridi gaudens Feronia Itico Verg. 
Aen. Vll 800 und Serv. z. d. St.; manusqtie 
tua latnmuSy Feronia, lympha Hör. sat. 1 5, 
24; daher nennt Serv. Aen. VIII 564 die 
Feronia eine nympha Campaniae. Vib. Sequ. 
p. 153, 10 Riese verzeichnet Feronia Terra- 
cinae unter den lacus. 

') Serv. Aen. VI II 564 und dazu Bubohb- 
LER, Rhein. Mus. XLI 1 f. Vermutungen 
über das Kultbild bei De la Blanchebb, 
Revue arch^ol. XLI 1881, 370 ff. 

») Strab. V 24Ü. Plin. n. h. III 51. Ptol. 
III 1, 43 (mit Aovxa xoXtayia verwechselt, 
darum falsch eingereiht, s. C. Müller z. d. 
St.). Lib. col. p. 256, 19, vgl. Grom. lat. 
46, 17. 47, 19 = 77, 20. 78, 14; Lucofero- 
nenses CIL XI 3938. VI 2584. Vgl. E. Bor- 
XANN CIL XI p. 570 f. 

<) Liv. I 30, 5. Dion. Hai. III 32, 1; vgl 
Strab. a. a. 0., der fälschlich die dem Kulte 



des Apollo Soranus (oben S. 191) angehörende 
Ceremonie des Schreitens über glflhende 
Kohlen (WisaoWAinRoschers Lexik. I 2693 f.) 
dem der Feronia zuweist. 

*) Liv. XXVI 11, 8 f. Sü. Ital. XUI 83 ff. ; 
Prodigien werden von hier nach Rom ge- 
meldet und prokuriert in den Jahren 544= 
210 und 558 = 196, Liv. XX VII 4, 14 f. XXXIII 
26, 7. lieber Reste des Heiligtums s. Lan- 
oiANi, Bull. d. Inst. 1870, 26 ff. 

•) Serv. Aen. VII 799; die Inschrift CIL 
V 412 lunoni Feroniae ist wohl als Wei- 
hung an beide Göttinnen aufzufassen; Obblli 
1315 = CIL XI 481'* lunoni Beg{inae) et 
Feroniae ist gefälscht. 

') A. Kuhn, üerabkunft des Feuers 
S. 30 ff. Mankhardt, Ant. Wald- und Feld- 
kulte S. 327 ff. Steudino in Roschers Lexik. 
I 1477 ff. 



B. Di noTensides italiaoher Herkunft. 48. VortimmaB. 



233 



das nicht, weiter helfen, da die Auffassung der genannten beiden Götter 
als Sonnengötter eine ganz willkürliche, für den Gott vom Soracte sogar 
nachweisbar falsche ist. Das Bild der Feronia, wie es sich auf den De- 
naren des P. Petronius Turpilianus findet,^) ein Kopf mit Zackenkrone und 
Perlenhalsband, lehrt nichts. Dass die einzige stadtrömische Weihinschrift 
an Feronia (CIL VI 147) von einer ancUla herrührt, passt ja vortrefflich zu 
dem, was sonst über die Beziehung der Göttin zu den Freigelassenen be- 
kannt ist, aber dafür, dass in Aquileja, wo die Verehrung der Feronia mehr- 
fach bezeugt ist (CIL V 776. 8218), ein coUegium aquatorum sich als tero* 
nienses bezeichnet (CIL V 8307 f.), fehlt jede ausreichende Erklärung, und 
der bei Fest. p. 197, 13 erwähnte picu8 Feronius ist — angenommen, dass 
er überhaupt zu der Göttin gehört — vollends rätselhaft. 

43. Vortnmnns. Auf dem Aventin lag ein Tempel des Vortumnus, 
dessen Stiftungstag die Hemerologien (CIL V p. 325) am 13. August ver- 
zeichnen und von dem wir ausserdem wissen, dass in ihm ein Gemälde 
den M. Fulvius Flaccus als Triumphator in der Purpurtoga darstellte 
(Fest. p. 209), offenbar als den Stifter des Tempels; da nun überliefert ist, 
dass der Gott Vortumnus in Volsinii zu Hause war und diese seine Heimat 
itUer proelia mit Rom vertauschte (Prep. V 2, 3 f.), M. Fulvius Flaccus 
aber im J. 490 = 264 de Vulsinimsihus triumphierte (CIL P p. 172), so ist 
damit die Gründungsgeschichte des Tempels gegeben :>) während der im 
genannten Jahre gegen die mächtige Etruskerstadt Volsinii geführten 
Kämpfe wurde der Hauptgott der Stadt, vielleicht des ganzen etruskischen 
Städtebundes, 3) evoziert und erhielt seinen Tempel in Rom. Dass der Gott^ 
dessen Verehrung wir sonst (aus Rom stammt CIL VI 803) nur vereinzelt 
in Canusium (CIL IX 327), Ancona (CIL IX 5892) und Segusio (CIL V 7235) 
nachweisen können,^) unabhängig von jener Rezeption schon vorher in 
Rom heimisch gewesen sei, wird durch nichts wahrscheinlich gemacht. 
Varro freilich (de 1. 1. V 74) rechnete ihn unter die von Titus Tatius ein- 
geführten Gottheiten, indem er sich für das hohe Alter des Kultes auf 
eine vielfach erwähnte^) Erzstatue des Gottes im Vicus Tuscus berief, 
deren Ursprung man aUgemein in die entlegene Vorzeit hinaufrückte :^) 
aber wenn man selbst das hohe Alter des Bildes zugäbe, so bewiese 
dieses doch durchaus nichts für einen so alten Kult, am wenigsten für 
einen Staatskult des Vortumnus; dass das Bild des Gottes von Volsinii 
gerade in der Tuskergasse stand, war doch gewiss kein Zufall.^) So oft 



*) Babelok, Mono, consol. II 295 £f.; vgl 
BoBOHBsi, Oeuvres II 105 £f. 

') Vgl. Jobdan, De Vortumni et Consi 
aedibus Avenünensibus (Festschr v. Königs- 
berg z. Jabil. d. aroh. Instituts), 1879. Aüst, 
De aedib. saoris p. 15. 

») Deus Etruriae princeps nennt ihn 
Varro de 1. 1. V 46. Auch die etruskische 
Göttin Voltumna, bei deren fanum im Ge- 
biete von Volsinii die Bundesversammlungen 
stattfinden (MOllbb-Debckb, Etrusker 1 329 £f., 
vgl. MoxMSBir, Staatsr. III 666 f. Anm. 1), kann 
von Vortumnus nicht wohl getrennt werden. 

*) CIL X 129 (aus Potentia) Cereri vert 



8ac{rum) u. s. w. hat mit Vortumnus gewiss 
nichts zu thun. 

») Varro de 1. L V 46. Cic. Verr. I 154. 
Liv. XLFV 16, 10; ein sacellum nennt fälsch- 
lich Porph. zu Hör. epist. I 20, 1, der auch 
(wie ebenso Ps. Asoon. z. Cic. Verr. p. 199 
Or.) nach Hör. epist. II 1, 269 aus dem vicus 
Tuscus einen vicus turariiM macht. Mehr 
bei Jobdan, Topogr. I 2 S. 373 f. 

•) S. namentlich Prop. V 2, 59 ff. 

') An eine tuskische Invasion, welche 
den Romulus gegen Titus Tatius unterstützt 
hätte, denken Varro de 1. 1. V 46 und Prop. 
V 2, 49 ff. 



234 



Beligion nnd Kultus der Römer, II. Götierlehre. 



auch der Statue, deren Wiederherstellung noch zur Zeit des Diocletian 
und Maximian die erhaltene Basisinschrift bezeugt, ^) gedacht wird, so 
erfahren wir doch nie etwas Genaueres über ihr Aussehen; nur dass der 
Gott jugendlich dargestellt war, wird man nach den Andeutungen der 
Dichter (z. B. Ovid. met. XIV 684. 766) annehmen dürfen, wahrscheinlich 
auch, dass er einen Schurz trug, den man je nach der Jahreszeit mit 
verschiedenen Früchten zu füllen pflegte.') Doch gab das für Deutungs- 
versuche eine zu unsichere Basis, und man zog es daher vor, sich an den 
Namen und dessen unbezweifelbaren Zusammenhang mit vertere zu halten, 
sei es dass man — der Wahrheit gewiss am nächsten kommend — den 
Gott als den Vertreter des annus vertens auffasste,^) sei es dass man ihn 
(ib amne verso erklärte, weil er die Gewässer des regelmässig austretenden 
Tiberstromes vom Velabrum, wo sein Bild stand, zurückgewendet habe,^) 
oder auch, da der Vicus Tuscus eine Gegend reichen Handelsbetriebes 
war, als praeses vertendarum verum hoc est emendarum ac vendendarum 
deutete,^) oder endlich, und dies am liebsten, ihm die Fähigkeit zuschrieb, 
sich in alle möglichen Gestalten zu verwandeln;^) in diesem Sinne machte 
ihn Ovid (met. XIV 623 ff.) zum Liebhaber der spröden Pomona, der er in 
allen Erscheinungsformen nachgeht, bis er sie in seiner natürlichen Gestalt 
als schöner Jüngling gewinnt. 

Eine spezielle Landsmännin von Vortumnus ist Nortia, die aus- 
schliesslich in Volsinii verehrt wurde ^) und in den römischen Staatskult 
keine Aufnahme fand, weshalb ihrer hier nur anhangsweise gedacht wird. 
Bekannt ist von ihr durch das Zeugnis des Antiquars Cincius (bei Liv. 
Vn 3, 7) aUein die Thatsache, dass in ihrem Tempel zum Zwecke der 
Jahreszählung Nägel eingeschlagen wurden: da die Nageleinschlagung 
zugleich ein sehr geläufiges Symbol der Schicksalsfestigung ist,®) so hat 
man die Göttin in alter und neuer Zeit gewöhnlich als eine Schicksals- 
göttin verstanden.®) 

44r. Venus. Dass der Name Venus im alten Festkalender und über- 
haupt in den ältesten sacralen Urkunden fehlte, fiel bereits den römischen 
Gelehrten auf und wurde von ihnen als Beweisgrund allen denen gegen- 



>) CIL VI 804 ; vgl. auch VI 9393 faber 
arg, [ad Vö]rtumnum, 

'^) Prop. V 2, 11 flF.; vgl. A. Rbipfbb- 
scHBiD, Anoali d. Inst. 1866, 212 f. Benn- 
DOBF-ScHOBNB, Lateran. Museum S. 52. Hbl- 
BIO, Bull. d. Inst. 1877, 55; verfehlt L. A. 
MiLAHi, Notiz, d. Scavi 1884, 270 ff. 

») Prop. V 2, 11 ff. 

*) Prop. V 2, 9 f. Ovid. fast. VI 409 f. 
Öerv. Aen. VIII 90. 

*) Porph. zu Hör. epist. I 20, 1. Ps. 
Ascon. zu Gic. Verr. p. 199, angedeutet schon 
von Plaut. Cure. 484 (vgl. dazu Jobdan, 
Hermes XV 1880, 123); Colum. X 308 mer- 
cibu8 et vemis dives Vertumnus ainmdet 
scheint diese Deutung mit der als Jahres- 
und Frühlingsgott zu kombinieren. 

•) Tib. IV 2, 3. Prop. V 2, 19 ff. Ovid. 
jnet. XIV 643 ff.; fast. VI 409; auch Hör. 



sat. n 7, 14 geht daitiuf. 

'') Als Spezialgottheit von Volsinii er- 
wähnt sie Tertull. apolog. 24; ad nat. II 8, 
als Beschützerin des aus Volsinii stammen- 
den Sejan Juven. 10, 74; ebendort ist der 
Dichter Rufius Festus Avienns zu Hanse 
{Jiare cretus VulsinieThsi)^ von dem wir ein 
Weihgedicht an Nortia besitzen, CIL VI 537 = 
BuBCHBLBB, Authol. opigr. nr. 1530 A. Weih- 
inschriften an sie aus Volsinii CIL XI 2685 f. 

«) Hör. c. I 35, 18. ÜI 24, 5 m. d. Erkl. 
0. Jahk, Ber. d. sftchs. Gesellsch. d. Wiss. 
1855, 106 ff. R. WünscH, Defixionum tabellae 
Atticae (1897) p. III. 

») Schol. Juv. 10, 74 Fartunam vtUt 
intellegi, Mart. Cap. I 88 alü Sortem asse^ 
runt Nemesimque nonnulli Tychenque quam 
plures aut Nortiam; vgl. Mt^LLBR-DsBCKB, 
Etrusker II 52 f. 



B. Di noTensideB italisoher Herkunft. 44. Venus. 235 

über zur Geltung gebracht, die den Namen des Monats Aprilis von Venus- 
Aphrodite herleiteten.^) Auf der andern Seite aber beweist der echt 
italische Name, dass schon vor der Rezeption des griechischen Aphrodite- 
dienstes unter diesem Namen eine einheimische Göttin in Rom Verehrung 
gefunden hatte: dieser Name bezeichnete, wie es scheint, entsprechend 
dem griechichen x^Q^^^ zunächst appellativisch den Reiz und die Blüte in 
der Natur, dann die in diesen waltende Göttin, die sich dem praktischen 
Sinne des Römers zu einer Schützerin der Gärten und des Gemüsebaues 
spezifizierte;^) als dann das Appellativum sich zur Bezeichnung der An- 
mut und Schönheit im allgemeinen erweiterte, hat zwar die italische Göttin, 
soviel wir sehen können, diese Wandlung nicht mitgemacht, aber der 
Name war geeignet geworden, die griechische Liebes- und Schönheits- 
göttin Aphrodite in Rom einzuführen und vorzustellen. Da uns nun be- 
kannt ist, dass sich in nächster Nähe von Rom zwei alte und angesehene 
Venusheiligtümer befanden, das eine unmittelbar bei Ardea gelegen, das 
andere, allen (oder mehreren?) latinischen Gemeinden gemeinsame, aber 
ebenfalls unter der Vorstandschaft der Ardeaten stehende bei Lavinium,^) 
und dass im J. 537 = 217 auf Grund schwerer Prodigien die Decemviri 
sacris faciundis u. a. auch in Ardea, d. h. eben der dortigen Venus, opfern 
(Liv. yyn 1, 19), wie man das bei den Mutterheiligtümem römischer 
Kulte zu thun pflegte, so spricht alles dafür, dass der römische Venuskult 
eben von dem ardeatischen herstammt. Die beiden ältesten nachweisbaren 
Heiligtümer der Göttin in Rom, von denen das eine im Haine der Libitina, 
das andere beim Gircus maximus gelegen war, feierten ihren Stiftungstag 
am gleichen Datum, dem 19. August, am Tage der Vinalia rustica (Fest, 
p. 265): das Alter des ersteren Tempels, dessen Lage mit dazu beitrug, 
die Identifikation von Libitina und Venus zu empfehlen (s. oben S. 197), 
kennen wir nicht, der zweite war im J. 459 = 295 von dem curulischen 
Aedilen Q. Fabius Gurges begonnen und etwas später geweiht worden.^) 
Die Ansetzung beider Stiftungstage auf die Vinalia rustica, welche zur 
Folge hatte, dass dieses Juppiterfest später gemeinhin vielmehr als eine 
Feier der Venus angesehen wurde, ^) gründet sich darauf, dass die italische 
Venus insbesondere Gartengöttin und Schirmherrin der holUores ist, die 
den 19. August als ihren Festtag begehen (Varro de 1. 1. VI 20): es lag 
darum nicht fern, sie auch zum Weinbau, der ja als Teil des Garten- 
baues gerechnet wird, in Beziehung zu setzen. Diese ursprüngliche Be- 
deutung ist zwar späterhin keineswegs ganz vergessen worden,^) aber sie 

') Cincms und Varro bei Macr. S. I 12, *) Liv. X 31, 9. Fast. Vau. z. 19. Aug.: 

12 f. Varro de 1. 1. VI 33. i Veneri ctd circum mcuvimum; die Bezeich - 

') Varro de 1. 1. VI 20; de r. r. I 1, 6. 1 nung dieser Venus als Venus Obsequens (vgl. 

Fest. p. 265, vgl. 289. Fun. n. h. XIX 50; 1 die nicht verdachtfreie tiburtinische Inschrift 

metonymisch Fenu« = ^{«ra Naev. com. frg. CIL XIV 3569) bei Serv. Aen. I 720 ist 

121 Ribb. bei Paul. p. 58 (s. oben S. 9). willkürlich. 

») Strab. V 232: Aaoviyioy ^x^y xotvoV ») Varro de 1. I. VI 20; de r. r. 1 1, 6; 
jtay Aariytay Uqoy 'JfpQodirtjs * inifjieXovyTtt^ ganz analog ist das Verhältnis zwischen dem 
di avTov dui nganoXcjy ^AQdBaxai. Btra Aav- Marsfeste der Quinquatrus und dem auf den- 
QByjoy. wiiqxBixa^ di rovttay ij *A^äa . . . selben Tag fallenden Stiftungstage der Mi- 
Ion da xai ravtfjg nXrjüloy *Aq)Qodiciovy ov nerva auf dem Aventin, s. oben S. 203. 
riaytjyv^lCova$y Aariyoi; vgl. Pomp. Mela ! •) CIL IV 2776 sie te amat quae custo- 
l\ 71. Plin. n. h. III 56 f. du oriu{m) Venus; vgl. auch die inschrift- 



236 



Religion und KnltiiB der Römer. II. Götierlehre. 



ist doch stark in den Hintergrund getreten, als die griechische Aphrodite 
in Rom Aufnahme fand und sich den Namen Venus aneignete, ebenso wie 
sie bei den Oskem Unteritaliens mit der dort heimischen Herentas^) und 
anderswo mit einer sonst verschollenen Göttin Frutis') gleichgesetzt 
wurde. Den Ausgangspunkt für diesen griechischen Gottesdienst bildete 
das auch ausserhalb der Grenzen Siciliens in ganz Unteritalien ^) weitbe- 
rühmte und hochangesehene Aphroditeheiligtum des Berges Eryx,^) das 
die Römer noch später als die Mutterstätte ihres Yenuskultes durch Opfer 
und staatliche Fürsorge auszeichneten.^) Die römischen Heere mögen 
während des ersten punischen Krieges mit diesem Heiligtume und seiner 
Bedeutung näher bekannt geworden sein, und als Tochterkult (oupdQVfia 
Strab. VI 272) erwuchs dann seit der Zeit des hannibalischen Krieges in 
Rom der Kult der Venus Erucina: der erste Tempel dieser Göttin, auf 
dem Capitol gelegen, wurde auf Veranlassung der sibyllinischen Bücher 
im J. 537 = 217 vom Dictator Q. Fabius Maximus gelobt und zwei Jahre 
später eingeweiht,^) ein noch bedeutenderer Tempel vor der Porta Gollina 
wurde im J. 573 = 181 auf Grund eines drei Jahre vorher im ligurischen 
Kriege vom Consul L. Porcius gethanen Gelöbnisses erbaut:^) der Stiftungs- 
tag war der 23. April, der Tag der Vinalia priora,®) was der falschen An- 
sicht, dass die Vinalia nicht dem Juppiter, sondern der Venus zugehörten,^) 
weitere Stützen zu geben schien. Einen dritten Tempel erhielt die grie- 
chische Aphrodite als ^Anoa%QOipia,^^) ebenfalls auf Geheiss der sibyllini- 
schen Orakel, unter dem Namen Venus Verticordia im J. 640 = 114 zur 
Sühne für den Incest dreier Vestalinnen und ein damit zusammenhängendes 
Prodigium;^^) die Lage des Heiligtumes ist unbekannt,^^) der Stiftungstag 



lieh mehrfach bezeugte Venus hortorum 
Sallustianorum, Lanoiani, Bull. arch. com. 
XVI 1888, 8 ff. und dazu Hülsen, Rom. Mitth. 
IV 270 ff. 

*) Herentatei herukinai = Veneri Em- 
c.nae steht auf einer Tischplatte aus Her- 
calaneum, Zybtaieff, Syll. inscr. Ose. nr. 60^; 
sonst 8. aber Herentas Wissowa in Roschers 
Lexik. I 2298. 

*) Venus mater quae IBVutis dicitur 
nennt Cassius Hemina bei Solin. 2, 14 die 
Göttin, welcher Aeneas in agro Laurenti 
das aus Sicilien mitgebrachte Aphroditebild 
weiht; vgl. Paul. p. 90 Frutinal templum 
Veneris i^uti, Jordan zu Prblleb, Rom. 
Mythol. I 436, 4. 

*) Venus Eiucina (Erycina) ausser in 
Sicüien (CIL X 7121. 7253-7255. 7257) in 
Potentia (CIL X 134) und Puteoli (X 8042, 1). 

*) Vgl. K. Tümpel bei Pault- Wissowa, 
Real-Encycl. I 2765. 

*) Diod. IV 83. Tac. Ann. IV 43. Suet. 
Claud. 25. 

•) Liv. XXII 9, 7 ff. 10, 10. XXUI 30, 
13 ff. 31,9; eine Venus Capüolina erwfihnt 
Suet. Galig. 7; Galba 18. Der Stiftungstag 
ist nicht überliefert; sollte sich die Notiz der 
Hemerologien (CIL 1« p. 331) zum 9. Oktober 
Genio ptiblic{o), faustae FelicUati, Venerii) 



victr{ici) in Capüol(io) auf diesen Tempel 
beziehen, so mflssten Name und Bedeutung 
der Göttin im Laufe der Zeit eine wesent- 
liche Aenderung erfahren haben. 

') Liv. XL 34, 4; erwähnt auch Liv. 
XXX 38, 10. App. b. c. I 93. Strab. VI 272. 
Ovid. rem. am. 549, wahrscheinlich auch 
CIL VI 2274. Lanciani (s. oben S. 235 Anm. 6) 
hält den Tempel für identisch mit dem der 
Venus hortorum Sallustianorum, deren aedi- 
tui mehrfach erwähnt werden. 

•) CIL P p. 316; Ovid. fast. IV 863 ff. 
wirft sowohl die Vinalia rustica und priora 
als auch die beiden Tempel der Venus Eru- 
cina auf dem Capitol und vor der Porta 
CoUina durcheinander. 

») Ovid. a. a. 0. 877. Plut. Qu. Rom. 45 ; 
Polemik dagegen bei Varro de 1. 1. VI 20. 

^^) d. h. die vor leidenschaftlichen Ver- 
irrungen bewahrende, s. Pbeller-Robbbt, Gr. 
Myth. I 368. 

") Ovid. fast. IV 133 ff. Obseq. 37 (vgl. 
Gros. V 15, 22); um etwa 100 Jahre früher 
liegt die Weihung eines Bildes der Venus 
Verticordia durch Sulpicia, die Gattin des Q. 
Fulvius Flaccus, von der Val. Max. VIII 15, 12. 
Plin. n. h. VII 120= Solin. 1, 126 erzählen. 

") Wenn Serv. Aen. VIII 636 von einem 
fanum Veneris Verticordiae im Circusthale 



B. Di noTenBldes Italisoher Herknnft. 44. Veniui. 



237 



war der 1. April, der von den Matronen als Festtag begangen wurde und 
noch im Kalender des Philocalus den Namen Veneralia führt. ^) Wissen wir 
auch von den Einzelheiten der Kultübung in diesen Heiligtümern nichts, 
so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass ebenso wie die Kultbilder^) 
auch sämtliche dem Gottesdienste zu Grunde liegenden Vorstellungen grie- 
chische waren: der Kult der Erucina muss in seinen Formen ausschwei- 
fender gewesen sein, als der der Yerticordia, bei welchem die Beteiligung 
der Matronen und die Beziehung des Dienstes auf die Erhaltung der Sitt- 
samkeit stets hervorgehoben wird, während der Stiftungstag des Tempels 
vor Porta CoUina geradezu als Festtag der meretrices galt.') Der gleiche 
Name deckte also offenbar recht verschiedenartige Vorstellungen, und diese 
Mannigfaltigkeit wurde eine noch grössere, als im letzten Jahrhundert des 
Freistaates die Verehrung der Venus in verschiedenen Richtungen durch 
die damaligen Machthaber besondere Förderung erfuhr. Sulla, der sich 
für einen besonderen Liebling der Aphrodite hielt und seinen Beinamen 
Felix griechisch durch ^EnatfQodiiog wiedergab (Flut, de fort. Rom. 4), ver- 
ehrte die Venus insbesondere als Glücksgöttin unter dem Namen Venus 
Felix, und ihr mit den Attributen der Fortuna und der Felicitas, dem 
Steuerruder und dem ramua felicis olivae ausgestattetes Bild kennen wir 
aus zahlreichen Darstellungen der Venus Pompeiana,^) d. h. der Stadtgöttin 
der suUanischen Kolonie {colonia Veneria Cornelia) Pompeji:**) das ist sicher 
nicht, wie vielfach geglaubt worden ist, eine in Campanien heimische^) 
Göttin weiblicher Fruchtbarkeit (vgl. oben S.214 Anm. 10), sondern eine erst 
durch Sulla eingeführte^) Vermengung der Vorstellungen von Venus- Aphro- 
dite und Felicitas, die auch später noch darin zum Ausdrucke kommt, dass 
sowohl mit der auf dem Gapitol verehrten Venus (s. oben S. 286 Anm. 6) 
als mit der Venus Victr ix, welcher Gn. Pompejus auf der Höhe des von 
ihm erbauten Theaters einen am 12. August des J. 699 = 55 eingeweihten 
Tempel errichtete,®) Felicitas als avvvaoq verbunden ist (s. oben S. 215). 
Diese neue Gestalt der Venus als einer siegverleihenden Göttin, die wahr- 
scheinlich in der pergamenischen Uq>Qoi(Tt] vixr^tpoQog^) ihr Vorbild hat. 



spricht, so meint er, wie der Zusammenhang 
zeigt, damit die Kapelle der Morcia (s. oben 
S. 194 Anm. 8), die er willkflrlich als Venus 
Yerticordia deutet. 

») CIL P p. 814. Ovid. a. a. 0. Lyd. de 
mens. IV 45. Macr. S. 1 12, 15. Flut. Num. 19. 

') WissowA, De Veneris simulacris Ro- 
manis p. 10 ff.; auf das Eultbild des Tem- 
pels an der Porta Collina bezieht E. Pbtkbsen, 
Itdm. Mitt. VJI 77 ff. sehr ansprechend 
einen Marmorthron und Kopf aus Villa Lu- 
dovisi. 

') Fast. Praen. z. 25. April: festus est 
pt^erorum lenocintorum, quia proximus su- 
perior meretricum est. Ovid. fast. IV 865 f. ; 
vgl. auch den Titel von Varros Satura Me- 
nippea VincUia negi dg>Qodioltav. 

*) CIL IV 26. 538. 1520. 2457. 

^) Nachgewiesen von Wissowa a. a. 0. 
p. 15 ff. 

*) Campanien und überhaupt ganz Unter- 



italien sind reich an Venuskulten, von denen 
die Venus fisica von Pompeji (CIL IV 520. 
X 928; vgl. oben S. 198) und die Venus 
lovia von Capua (CIL X 3776. Eph. epigr. 
VIII 460) hervorzuheben sind. Ueber ge- 
meinsamen Kult von Venus und Ce»es s. 
unten § 46. 

^) Die inschriftlichen Zeugnisse sind 
jedenfalls sftmtlich jfinger: CIL VI 781. 782. 
8710 {aedüuus Veneris felicis). IX 3429 
(sctcerdos Veneris felicis in Peltuinum). X 
4570; nicht hierher gehörig CIL VI 756. XIV 
2793. 

«) Tertull. de spect. 10. Plin. n. h. VIII 
20 und mehr bei Gilbert, Topogr. d. Stadt 
Rom III 823, 2. CIL P p. 824 (fast Amit. 
AUif.): Veneri victricif Hon{ori) Virt{uti), 
Felicitati in theatro marmoreo. 

•) Liv. XXXII 33 f. = Polyb. XVII 2; 
vgl. Pbrllbb-Robbbt, Griech. Mythol. I 347, 
5. 350, 3. 



238 



Religion und Knltas der Römer. II. Götterlehre. 



hat weiterhin viel Anklang gefunden, sie wird namentlich in den mili- 
tärisch besetzten Grenzprovinzen ^) häufig verehrt, völlig im gleichen Sinne 
wie Victoria,*) die auf Denkmälern auch nicht selten neben Venus er- 
scheint. 8) In der nächsten Zeit werden allerdings Venus Felix wie Venus 
Victrix völlig in den Schatten gestellt durch die caesarische Venus Geni- 
trix. Im Gefolge des erycinischen Venusdienstes hatte die Aeneassage 
und weiterhin die Legende vom troischen Ursprünge Roms Verbreitung 
gefunden, und manche Familien, die sich troischer Abstammung rühmten, 
wie die Julier und Memmier, setzten das Bild der erycinischen Venus auf 
ihre Münzen.^) Caesar selbst hatte vor der Schlacht bei Pharsalos für 
den Fall des Sieges der Venus Victrix einen Tempel gelobt (App. b. c. 11 
68 f.); als aber dies Gelübde zur Erfüllung kam, weihte er den Tempel, 
der den Mittelpunkt des von ihm angelegten Forum Julium bildete,^) nicht 
der Venus Victrix, sondern der Venus Genitrix, d. h. der Stammmutter 
der Aeneaden, zu denen das julische Geschlecht sich rechnete: die den 
Griechen entlehnte Verbindung von Mars und Venus, die schon beim 
Lectistemium von 537 = 217 übernommen worden war (s. oben S. 55), 
erhielt nunmehr eine neue Bedeutung, indem Mars als Vater des Stadt- 
gründers Romulus und Venus als Stammmutter der herrschenden Dynastie 
zu einem göttlichen Eltempaare des neuen Staates verbunden wurden,') 
das nicht nur in dem genannten Tempel, sondern auch in dem von Augustus 
erbauten Tempel des Mars Ultor^) und im Pantheon (Cass. Dio LIII 27) 
gemeinsame Verehrung genoss. Die am 26. September 708 = 46 erfolgte 
Einweihung des Tempels der Venus Genitrix feierte Caesar durch Spiele 
(Cass. Dio XLIII 22), deren dauernde Fortführung noch bei seinen Leb- 
zeiten ein Collegium und nachher, als dieses seine Pflichten vernachlässigte, 
an dessen Stelle Augustus übernahm:^) dies sind die in den Kalendern 
der augusteischen Zeit vom 20.— 30. Juli verzeichneten ludi Vidoriae Cae- 
saris,^) die jedoch das Ende der julisch-claudischen Dynastie kaum über- 
lebt haben werden; denn die ganz persönliche Beziehung der Venus Geni- 
trix zum julischen Hause brachte es naturgemäss mit sich, dass sie einen 
Kult in weiteren Kreisen nicht wohl finden konnte.^'^) Immerhin aber 
mag die durch Caesar herbeigeführte enge Verbindung des Venuskultes 



*) z. B. in den Donaalfindern CIL III 
864 = 7663. 1115. 1797. 1964 f. 2770. 2805. 
3l6a 4152. 4167. 

«) Insbesondere vgl. CIL III 2770 Ve- 
neri victrici Parthicae im Sinne von Vic- 
toriae Parthicae (s. oben S. 129) und Momm- 
SKN z. d. Inschr. nnd CIL l* p. 328. Varro de 
1. 1. V 62. 

•) WissowA a. a. 0. p. 39. 

*) WissowA a. a. 0. p. 13 f. F. Mabx, 
Bonner Studien R. Kekol^ gewidmet S. 115 ff. 

*) Die Zeugnisse bei Jobdan, Topogr. 
1 2 S. 439 f. ; Aber das von Arkesilaos ange- 
fertigte Kultbild WissowA a. a. 0. p. 25 ff. 
L. Ublichs, Arkesilaos (WOrzburg 1887) S. 
9 ff. 

^) Darum wird nach dem Festkalender 
von Cumae (CIL X 8375) der Geburtstag 



Caesars (12. Juli) durch eine supplicatio an 
Mars Ultor und Venus Genitrix gefeiert. 

^) Reiffebschbid, Annali d. Inst. 1863, 
368 f. WissowA a. a. 0. p. 43 f. ; s. auch oben 
S. 133. 

•) Cass. Dio XLV 6. Suet. Aug. 10; pro 
collegio Obseq. 68, vgl. Plin. n. h. II 93; 
im J. 722 = 32 nennt Cass. Dio XLIX 42 
die Consuln als Spielgeber. 

*) Ueber die Verschiedenheit des Namens 
und Datums s. Momksen, CIL I* p. 322 f. 
Eine Nachahmung sind die ludi Veneris in 
der Colonia Julia Genetiva(MoxMSEK, Ephem. 
epigr. III p. 102). 

'^) Die wenigen inschriftlichen Erwäh- 
nungen der Venus Genitrix (CIL II 3270. IX 
1553. 2199. XIV 2903) lassen keine sichere 
Beziehung auf die julische Göttin zu. 



C. Di noTensides griechisoher Herkunft. 46. Apollo. 239 

mit dem Gedanken an die Dynastie und den Staat für Hadrian den Anlass 
geboten haben, in seinem grossartigen templum ürbis, dessen Stiftungstag 
auf den natalis urbis Romae, d. h. den 21. April, fiel (s. oben S. 166), zur 
Stadtgöttin Roma gerade die Venus zu gesellen.^) 



Dritter Abschnitt. 

Di novensides griechischer Herkunft. 

45. Apollo. Unter allen in Rom rezipierten griechischen Kulten 
steht der des Apollo sowohl nach der Zeit seiner Aufnahme wie durch 
seine Bedeutung obenan. Dass die ,Religion des Numa' den Apollo nicht 
kannte, bedürfte für uns keines ausdrücklichen Zeugnisses ;>) die Rezeption 
muss aber bereit« am Ende der Königszeit erfolgt sein. Einen festen 
Terminus ante quem dafür gibt die erste sicher bezeugte Befragung der 
sibyllinischen Bücher im J. 258 = 496, die zur Aufnahme des Kultes von 
Demeter, Dionysos und Köre führte: 3) denn da die Sibylle und ihre Sprüche 
in unlösbarer Verbindung mit dem Dienste des Apollo stehen^) und der 
Römer selbst die sibyllinischen Orakel als die fatorum praediäiones ApoU 
linis (Cic. de bar. resp. 18 = Yal. Max. 11,1) auffasste, so kann kein Zweifel 
daran bestehen, dass Apollokult und Sibyllensprüche gleichzeitig ihren 
Einzug in Rom hielten, während die übrigen griechischen Gottesdienste 
erst auf Grand sibyllinischer Weissagungen, also gewissermassen im Ge- 
folge des Apollokultes, Aufnahme fanden. Damit ist auch die Frage nach 
der Herkunft der römischen Apolloreligion entschieden, denn an dem von 
den Alten allerwege bezeugten cumanischen Ursprünge der römischen 
Sibyllenorakel kann nicht gerüttelt werden:^) dass der römische Apollo 
ein Abkömmling des Burggottes von Gumae^) war, hat der römische Staat 
selbst dadurch anerkannt; dass er bei bestimmten Anlässen durch die Staats- 
priester — wahrscheinlich die Decemviri sacris faciundis — im cumani- 
schen Apollotempel opfern und Geschenke aufstellen liess.^) Von Cumae 
scheint überhaupt der nicht nur in Campanien und Unteritalien, sondern 
auch in Latium und bis nach Umbrien hinein schon in früher Zeit nach- 
weisbare ApoUokult^) durchweg seinen Ausgang genommen zu haben. 
Über Zeit und Anlass seiner Einführung in Rom fehlen alle Nachrichten; 
aber es lässt sich mit Sicherheit behaupten, dass ebenso, wie zur Rezep- 
tion der griechischen Demeter eine Hungersnot den Anstoss gab (s. § 46), 



>) S. Gilbert, Topogr. III 186, 1 und 
unten § 55. 

') Amob. II 73: doctorum in litteris can- 
tinetur ÄpoUinis namen Pompiliana indi- 
ffitamenta nescire. 

s) Dion. Hai. VI 17; s. unten §46. 

^) Zeugnisse bei Marquabdt, Staats- 
verw. III 359. 

^) SoHWEOLEB, Rom. Gesch. I 802; ygl. 



vgl. die cumanische Inschrift CIL X 3688 
und das collegium ApoUinarium ebd. 3684. 

7) August, c. d. III 11. Obseq. 28 [87] 
zum J. 624 = 130. 

*) Nachweise gibt Wbrnicke bei Pauly- 
WissowA, Real-Encycl. II 77—79. Wichtig 
ist besonders, dass unter den archaischen 
Weihinschriften von Pisaurum Apollo sich 
als einziger fremder Gott findet (CIL I 167) 



DiELS, Sibyll. Blätter S. 80 f. Rbitzerstein, ' und dass er in Praeneste mit der Stadtgöttin 
Ined. poet. graec. fragm. II 10 f. Fortuna Primigenia und Juppiter Arcanus in 

•) Serv. Aen. VI 9. Liv. XLIIl 13, 4; Verbindung steht (CIL XIV 2852, vgl 2867). 



240 



Religion und Kultus der Römer. II« Götterlehre. 



die Aufnahme Apollos unter dem Drucke einer schweren Seuche erfolgt 
ist. Denn Apollo ist während der älteren Zeit in Rom stets in erster 
Linie Heilgott gewesen und in dieser Eigenschaft erst später hinter Aescu- 
lapius zurückgetreten: darum fand er mit der Indigitationsformel Apollo 
medice, Apollo Paean selbst in den Gebeten der Yestalinnen seine Stelle 
(Macr. S. I 17, 15), ApoUo medicus heisst er offiziell in dem sogleich zu 
erwähnenden Tempel, der in Zeiten schwerer Pestilenz pro valetudine populi 
gelobt wurde (Liv. IV 25, 3. XL 51, 6), als salutaris et medicinalis wurde 
er von Hilfesuchenden verehrt (CIL VI 39), und heilkräftige Quellen galten, 
wie sonst in Italien,^) so auch in Rom als seinem Schutze unterstellt.^) 
Seine älteste Eultstätte in Rom, das Apollinar, lag — selbstverständlich 
ausserhalb des Pomeriums — auf den prata Flaminia vor der Porta Car- 
men talis: 3) an Stelle dieses fanum wurde ein wirklicher Tempel erst bei 
Gelegenheit der Pest des J. 321 = 433 gelobt und 323 = 431 durch den 
Consul Cn. Julius eingeweiht (Liv. IV 25, 3. 29, 7); er lag zwischen dem 
Forum holitorium und dem Circus Flaminius und blieb nach dem be- 
stimmten Zeugnisse des Asconius (p. 81 K.-S.) bis auf Augustus der ein- 
zige Apollotempel in Rom, so dass sich mehrere Zeugnisse, die scheinbar 
von Neugründungen apollinischer Heiligtümer sprechen, nur auf Wieder- 
herstellungen dieses Tempels beziehen können.^) Sein Stiftungstag wurde 
in augusteischer Zeit am 23. September begangen (Fast. Arval.), und der 
Gottesdienst galt neben Apollo auch der Latona und Diana, ^) wie sich 
insbesondere bei der Einführung des neuen griechischen Ritus der Lecti- 
sternien im J. 355 = 399 zeigt, wo diese Göttertrias die Reihe eröffnet 
(Liv. V 13, 6. Dion. Hai. XII 9). Wie hier steht dieser Tempel auch sonst 
bei allen Kulthandlungen griechischer Herkunft im Vordergrunde: die 
Supplikationen nehmen von ihm ihren Ausgang (Liv. XXVII 37, 11), und 
die Leiter des gesamten graecus ritus, die Decemviri sacris faciundis, werden 
von Livius (X 8, 2) als antistites ApoUinaris sacri bezeichnet. Einen be- 
sonderen Aufschwung nahm wie alle griechischen Gottesdienste vor allem 
auch der Apollokult seit der Zeit des zweiten punischen Krieges: im 
J. 542 = 212 wurde durch die Orakel des Sehers Marcius unter Zustim- 
mung der sibyllinischen Bücher die Einsetzung von ludi ApoUinares an- 
geordnet, victoriae, non valetudinis ergo, wie Livius,^) polemisierend gegen 
eine abweichende, vielleicht richtige Ansicht, betont; nachdem diese Spiele 
vier Jahre lang zwar alljährlich, aber als ludi votivi an nicht fest be- 



M vgl. z. B. die Inschriften der aqtiae 
nüroaes von Ischia CIL X 6786 ff. und der 
Bftder von Vicarello CIL XJ 3285 ff. 

') Frontin. de aqu. 1 4: (fontes) salubrita- 
tem aegris corporibua afferre creduntur, 
sicut Camenarum et Apoüinis et luturncie, 

') Liv. III 63, 7. Ueber ein angebliches 
zweites Apollinar auf dem Quirinal (also 
intrapomerial!), das K. 0. Müller in die Ar- 
geerurkonde bei Yarro de 1. 1. V 52 hinein- 
emendieri hat, vgl. Stüdemund, Philologns 
XLVIII 174. DiKLS, Sibyll. Blätter S. 82, 1. 
AusT, De aedib. sacris p. 50, 1. 



*) NamenÜich Liv. VII 20, 9 (zum J. 
401 = 353) et aedea Äpoüini dediccUa est 
und das templum Apoüinis Sosiani (C. Sosius 
Cos. 722 = 32) bei Plin. n. h. XXXVl 28 
(vgl. XIII 53); s. auch C. Pascal, Bull. arch. 
com. XXI 1893, 46 ff. = Studii di antichita 
e mitologia (1896) p. 3 ff. 

') ApoUini Laton{ae) ad tfieatr{um) 
Marc{elli) fast. ürb. CIL I« p. 252; Altar 
aller drei Gottheiten CIL VI 32. 

•) Liv. XXV 12, 15; vgl. auch Macr. S. 
I 17, 25. 27. 



C. Di noTensideB grieohischer Herkanft. 46. Apollo. 



241 



stimmten, sondern wechselnden Tagen gefeiert worden waren, wurden sie 
im J. 546 == 208 auf Veranlassung einer Seuche unter die ständigen Spiele 
des Jahres aufgenommen und auf den 13. Juli^) festgesetzt, von wo sie 
sich allmälig auf die ganze Zeit vom 6. — 13. Juli ausdehnten.') Als erstes 
ständiges Jahres-Spielfest einer Gottheit des graecus ritus unterstanden 
sie, abweichend von den Ludi Romani und Plebei, der Leitung des Praetor 
urbanus^) und unterschieden sich auch sonst von den altrömischen Spielen, 
namentlich durch starkes Hervortreten der scenischen Vorführungen: es 
hängt damit zusammen, dass in Rom und Italien die Schauspielergesell- 
schaften sich als parasüi Apollinis unter den besonderen Schutz dieses 
Gottes stellen.^) 

Eine Angleichung des griechischen Apollon an irgend eine Gestalt 
des heimischen Götterkreises hat im älteren römischen Kulte nicht statt- 
gefunden, wie sich schon daraus ergibt, dass der griechische Name un- 
verändert beibehalten wurde. ^) Als es später galt, für den altrömischen 
ünterweltsgott Vejovis (s. oben S. 190 f.) ein Tempelbild zu schaffen, wählte 
man dafür den Typus eines jugendlichen, mit Pfeil und Bogen bewehrten 
Apollo, wie ihn die griechische Kunst als Todesgott bildete: für die Gleich- 
setzung beider Gottheiten mag auch der Umstand leitend gewesen sein, 
dass dem Vejovis die Ziege heilig war, die wie im griechischen so auch 
im römischen Gottesdienste dem Apollo geopfert zu werden pflegte.^) Auf 
die Auffassung des Apollo hat die Gleichsetzung mit Vejovis ebensowenig 
einen bestimmenden Einfluss ausgeübt wie die Thatsache, dass man auch 
den Semo Sancus Dius Fidius unter seinem Bilde darstellte (s. oben S. 121); 
wohl aber scheint das besonders intime Verhältnis, in welchem die Gens 
Julia zu Apollo stand (Serv. Aen. X 316), darin seinen Grund zu haben, 
dass sie den Dienst des Vejovis als Familienkult pflegte (CIL XIV 2387) 
und von ihm ihre Verehrung auf den vermeintlich mit Vejovis identischen 
Apollo übertrug. 7) Dieser Umstand gewann besondere Bedeutung dadurch, 
dass Augustus, der manchen als ein Sohn des Apollo galt und sogar 
gelegentlich die Attribute des Gottes anlegte und in seiner Gestalt ab- 
gebildet wurde,®) in den Mittelpunkt der von ihm reformierten Staats- 
religion die Verehrung seiner Hausgottheiten Apollo und Diana setzte. 



') Vielleicht war dies der ursprüngliche 
StiftuDgstag des Apollotempels beim Mar- 
cellustheater, der dann erst bei der Re- 
stauration durch C. Sosins auf den 23. Sep- 
tember, den Geburtstag des Augustus, ver- 
legt worden wäre; über die Beziehungen des 
Augustus zu Apollo s. unten. 

«) Liv. XXV 12, 8 ff. Macr. S. I 17, 27 If. 
Liv. XXVI 23, 3. XXVII 11, 6. 23, 5 f!. CIL 
P p. 321. 

*) MoxMSBN, Rom. Staatsr. II 226. 

*) Fest. p. 826. Martial. IX 28, 9. CIL 
VI 10118. XIV 2113. 2408. 2977. 2988. 3683. 
4198. 4273 (nur in Latium). 

*) Archaisch überall Apolo, Äpolones, 
Apolone (CIL VI 29. X 4632. XIV 2847), 
auch Apolenei (Pisaurum, CIL I 167), Apo- 
line (IX 5803. X 7265), Apolinei (XI 3073); 

Haodirach der klaa«. AltertanMwinaiacbaft. Y, 4. 



oskisch Appelluneis (Mau, Bull. d. Inst. 1882, 
189 — Zybtaibff, Inscr. Ital. infer. dial. 
nr. 156*), etruskisch Aplu; s. Jordan, Krit. 
Beitr. S. 17 ff., der auch den von Paul. p. 22 
volksetymologisch gedeuteten, angeblich alten 
Namen Aperta richtig würdigt. 

^) Ziegenopfer bei den Apollinarspielen, 
Liv. XXV 12, 13. Macr. S. I 17, 29; ebenso in 
dem sibyllinischen Orakel bei Phlegon mirab. 
10, vgl. DiBLs, Sibyll. Blätter S. 50. 

^) A. KiBSSLiNO, Zu augusteischen Dich- 
tem S. 92, 36. C. Pascal, Bull. arch. com. 
XXII 1894, 59 ff. =Stud. d. antich. e mitoL 
p. 51 ff. 

«) Suet. Aug. 70. 94, Serv. Ecl. 4, 10. 
Comm. Cruq. zu Hör. epist. I 3, 17. Pascal 
a. a. 0. S. 62 ff. = Stud. p. 54 ff. 



16 



242 



Religion nnd Knltus der BOmer. II. GöUerlehre. 



Der am 9. Oktober 726 = 28 eingeweihte Tempel des Apollo Palatinus,^) 
der in unmittelbarem Zusammenhange mit dem kaiserlichen Palaste stand, 
stellte nicht nur durch die Pracht der Ausstattung alle andern Tempel 
Roms in den Schatten, sondern wurde auch, obwohl an sich nur eine 
Stätte des kaiserlichen Privatkultes, in seiner rechtlichen Stellung ein 
gefährlicher Rival selbst des obersten Staatsheiligtums auf dem Capitol, 
das u. a. die bisher in seinen Kellern aufbewahrten sibyllinischen Bücher 
an ihn abgeben musste:*) die Bedeutung dieser Massregel sowie die her- 
vorragende Stellung, die der Kaiser dem Götterpaare Apollo und Diana 
bei den Saecularspielen des J. 737 = 17 anwies, ist bereits oben S. 67 f. 
ins gehörige Licht gesetzt worden. Hat der Apollokult auch nach dem 
Tode des Augustus diese dominierende Position nicht behaupten können, 
so ist er doch, wie namentlich die Münzbilder beweisen, während der 
ganzen Kaiserzeit bedeutsam geblieben. Die der gelehrten Spekulation 
geläufige Gleichsetzung mit dem Sonnengotte hat auf die praktische Reli- 
gionsübung keinen bemerkenswerten Einfluss ausgeübt;') der Gott ist viel- 
mehr in Rom wie in den Provinzen in erster Linie immer noch als Heii- 
gott verehrt worden,^) und es ist auch vor allem diese Seite seines Wesens 
gewesen, die für die Gleichsetzung barbarischer Gottheiten mit Apollo 
das Tertium comparationis abgegeben hat. So ist der keltisch-norische 
Belenus von Aquileja, der seit der Belagerung dieser Stadt durch Maxi- 
minus Thrax im J. 288 auch den Römern in weiterem umfange bekannt 
war,^) der Gott einer Heilquelle^) und wird eben darum vielfach als Apollo 
Belenus bezeichnet, ja Ausonius setzt sogar ein paarmal, um mit seiner 
Gelehrsamkeit zu prunken, für Apollo einfach den Namen Belenus ebenso 
ein, wie Consus für Neptunus.'^J Ein Heilgott ist sicher auch der eben- 
falls keltische Apollo Grannus,^) während wir über die Natur des west- 
thrakischen Götterpaares, das auf Soldateninschriften unter den Namen 
Apollo und Diana erscheint,^) nichts Sicheres festzustellen vermögen. 

Litter atur: R. Ubckbr, De ApoUinis apud Romanos cultu, Dissert. Lipsiae 1879. 
Prsllsr-Jordan, Rom. Mythol. I 299 ff. K. Wernickb bei Pauly-Wissowa, Real-Encycl. 
II 77 ff. 

46. Ceres, Liber und Libera. Als im zweiten Jahrzehnt der Repu- 
blik während der Kämpfe mit den Latinern um die Restauration der tar- 
quinischen Dynastie in Rom eine Missernte eintrat und auch die aus- 
wärtige Getreidezufuhr in grosse Unordnung geraten war, befragte man 



1) GiLBBBT, Topogr. III 107 ff. Ueber 
die Tempelbilder (Apollo, Diana, Latona) 
vgl. HOlsbn, Rom. Mitt«il. IX 1894, 240 ff. 

«) Verg. Aen. VI 72 ff. und dazu Serv. 
Tibull. II 5, 17 f. Suet. Aug. 31. 

') Soli Limae Apollini Dianae neben- 
einander in der Weihinsohrift CIL VI 3720. 

*) 8. oben S. 240 Anm. 1 und vgl. z. B. 
auch die Apolloinschriften von Aquae calidae 
in Hispania Tarraconensis CIL II 4487 ff. 

») Herodian. VIII 3, 8. Bist. aug. Ma- 
ximini duo 22, vgl. Tertull. apol. 24 ; ad nat. 
II 8. Weihung der Kaiser Diocletian und 
Maximian CIL V 732; vollständige Material- 



sammlung bei WissowA in Roschebs Myth. 
liOxik. I 755 f. und M. Ihm in Pault-VSTis- 
sowas Real-Encycl. III 199 ff. 

•) Fanti Beleno CIL V 754. 755. 8250. 

') Auson. prof. 4, 9. 10. 19; vgl. Momx- 
ssN, CIL V p. 84. WissowA a. a. 0., anders 
Ihx a. a. 0. 201. 

») Cass. Dio LXXVII 15, 6; verbunden 
mit der sancta Hygia CIL III 5873, mit den 
Nymphen III 5861, S^ugnisse und Litteratur 
in RoscHBRS Mythol. Lexik. I 1738 ff. 

•) V. DoMASZBwsKi, Wostd. Zeitschrift 
XIV 53. 



G. Di noyenaidea grieohischer Herkanft. 46. CerM, Liber and Libera. 243 

in solcher Not die sibyllinischen Bücher und erhielt von diesen die An- 
weisung, die griechischen Gottheiten Demeter, Dionysos und Eore zu ver- 
söhnen: ihnen gelobte im J. 258 = 496 der Dictator A. Postumius einen 
Tempel, der sofort nach beendigtem Kriege in Angriff genommen und 
drei Jahre später 261 = 493 durch den Gonsul Sp. Gassius eingeweiht 
wurde: er lag seitwärts von den Garceres des Circus maximus nach dem 
Aventin zu und war zwar nach tuskischem Grundschema gebaut, aber 
von griechischen Künstlern, Damophilos und Gorgasos mit Namen, aus- 
geschmückt. Aus diesem durchaus glaubhaften Berichte der Stadtchronik^) 
sowie aus der Thatsache, dass zur gleichen Zeit auch der griechische 
Hermes als Handelsgott Mercurius in Rom Aufnahme findet (s. unten § 47), 
ergibt sich der enge Zusammenhang, in welchem die Rezeption dieser 
Kulte mit dem unteritalisch-sicilischen Getreideimport nach Rom steht. ^) 
Für das eigentliche Mutterheiligtum ihres Geresdienstes haben die Römer 
selbst den alten Tempel der Demeter (und Persephone) zu Enna in Sicilien 
angesehen, wo im J. 621 = 133 die Decemviri sacr. fac. der antiquissima 
Ceres auf Grund eines Sibyllenspruches Staatsopfer darbrachten:^) es ist 
aber nicht wohl glaublich, dass die Aufnahme im J. 258 = 496 direkt 
vom entlegenen Innern Siciliens her erfolgt ist, vielmehr werden die näher 
liegenden unteritalischen Griechenstädte die Vermittlerrolle gespielt haben ; 
dafür spricht sowohl ein bestimmtes Zeugnis,*) nach welchem die Prieste- 
rinnen für die Qeheimfeier der Geres überwiegend aus Neapel und Velia 
bezogen wurden, als auch die Thatsache, dass gerade in Gampanien nicht 
nur der Kult der Geres-Demeter,^) sondern auch der des Liber-Dionysos 
in hoher Blüte stand und das ganze Land als der Gegenstand des Wett- 
eifers beider Gottheiten angesehen wurde. ^) Von besonderer Bedeutung ist 
es, dass die nunmehr in Rom rezipierte griechische Göttertrias nicht ihre 
einheimischen Namen behält (wie Apollo, Gastor, Hercules, Aesculapius), son- 
dern durch Angleichung an altrömische Indigetes dem Verständnisse näher 
gerückt wird: der Tempel heisst offiziell (z. B. bei Liv. HI 55, 7. XLI 28, 2 
u. s.) aedes Cereris Liberi Liberaeque, indem Demeter mit der alten Göttin des 
pflanzlichen Wachstums Geres (s. oben S. 159 ff.) gleichgesetzt wird, Dionysos 
und Köre aber mit Liber und Libera, einem zum ältesten Götterkreise ge- 
hörenden Paare schöpferischer Naturgottheiten (vgl. oben S. 126), welches 
im Festkalender des Numa durch das am 17. März verzeichnete Fest der 
Liberalia vertreten war.'') Die Existenz dieses Festes in der ältesten Re- 
ligionsordnung zeigt, dass wir in Liber pater (so Lucil. frg. 8 Baehr., vgl. 

') Dion. Hai. VI 17. 94; vgl. Tac. ann. | *) Cic. pro Balbo 55 ^ Val. Max. 11,1; 

II 49. Vitr. III 3, 5. Plin. n. h. XXXV 154. I eine li^eia JtjfÄtjtQos SeafÄO<p6Qov in Neapel 

GiLBBBT, Topogr. II 242 ff. Hülsen, Diesert. ' Kaibel, Inscr. graec. Sicil. Ital. 756a; sacra 

d. Pontif. Accad. Roman, di Archeol. ser. Demetros in Gamae, der Mntterstadt von 



U t. VI 1896, 237 ff. 

«) Unter dem J. 263 = 491 berichtet 
Liv. II 34, 8 (vgl. Dion. Hai. VII 1) zum 
erstenmale von Getreideankäafen der Con- 
saln nicht nur in Cumae, sondern auch in 
Sicilien. 

») Cic. Verr. IV 108 = Val. Max. 11,1 = 
Lact. inst. II 4, 29; vgl auch Cic. Verr. 
V 187. 



Neapel, CIL X 3685. 

^) Nissen, Pompejan. Studien S. 326 ff. 

•) Plin. n. h. III 60= Flor. TU; vgl. 
auch Auson. Mos. 208 ff. Sil. Ital. VII 162 ff. 

») CIL I« p. 312 (die Beischrift Libero 
Lib(erae) haben die Fasti Caeretani); über 
das zufällige Zusammenfallen des Tages mit 
dem agonium MarticUe s. Wissowa, De fe- 
riis anni Rom. p. XI f. 

16* 



244 Religion und Knltna der Römer. IL GOtterlehre. 

oben S. 23 Anm. 2), der einen Altar auf dem Capitol besass,^) einen alt- 
einheimischen Gott zu erkennen haben, und entzieht einer bestechenden 
modernen Hypothese, die in Liber nur eine Übersetzung des griechischen 
Avaioq oder 'EXev&ägiog sieht, ^) den Boden: dass sich Liber im Laufe der 
Zeit von Juppiter Liber (oben S. 105 f.) zu selbständigem Dasein losgelöst 
hat, wurde schon früher hervorgehoben. Von Festbräuchen der Liberalia 
erfahren wir, dass alte Frauen an der Strasse sitzend Opferkuchen (liba) 
feilboten, von denen sie ein Stückchen im Namen des Käufers auf einem 
tragbaren Herde opferten,') femer dass man an diesem Festtage auf offner 
Strasse zu speisen pflegte (Tert. apolog. 42), sowie dass man ihn mit Vor- 
liebe wählte, um die Anlegung der Männertoga {toga libera) vorzunehmen >) 
In manchen Gegenden Italiens wurde zu Ehren des Liber ein grosser 
Phallus zu Wagen auf dem Lande umher und in die Stadt gefahren, so 
namentlich in Lavinium, wo dem Gotte ein ganzer Monat geweiht war 
und der Phallus, während dessen Umfahrt allerlei anzügliche Lieder und 
Scherze im Schwange waren, durch eine Matrone öffentlich bekränzt wurde. ^) 
Bedeutung, Alter und Herkunft dieser Festbräuche sind im einzelnen nicht 
mehr zu ermitteln, doch sind wir wohl berechtigt, dies Ceremoniell für 
den italischen Liber, wie er vor seiner Gleichsetzung mit dem griechischen 
Dionysos verehrt wurde, in Anspruch zu nehmen; auch haben wir keinen 
Grund, die Angabe Varros, das lavinische Fest habe pro eventibus seminum 
stattgefunden, in Zweifel zu ziehen, zumal auch an andern Stellen der 
Gott gerade mit dem tierischen und pflanzlichen Samen in Verbindung 
gebracht wird.^) Eine spezielle Beziehung auf den Weinbau hat Liber 
erst durch die Gleichsetzung mit Dionysos erhalten, ebenso wie Geres erst 
durch die Identifikation mit Demeter zur Getreidegöttin geworden ist. 

Die führende Stellung in der neuen griechischen Göttertrias nimmt 
Ceres ein, ihre Kinder (Cic. de nat. deor. H 62) Liber und Libera werden 
nur als trvvvaoi &€oi neben ihr verehrt wie Diana und Latona neben 
Apollo; darum heisst der Tempel vielfach auch schlechtweg aedes CererUt 
(Liv. n 41, 10. X 23, 13. XXVH 6, 19 u. s.), sein Stiftungstag ist auf das 
alte Kalenderfest der Cerialia am 19. April gelegt, 7) und als man dieses Fest 
mit Spielen begeht, gelten dieselben zwar allen drei Gottheiten,^) heissen 
aber kurz nur ludi Ceriales; auch die sacerdotes puhlkae Cereris p, R. Q.^) 

') Faat. Farn. CIL I' p. 312. CIL III p. ! J. 18 n. Chr.). 

849 = X 1402. I 8) Cic. Verr. V 36; vgl. Serv. Georg. I 7. 

«) V. Hehn, Kulturpfl. u. Haustiere* . Ovid. fast. III 785 f. Cyprian. de spect. 4. 

S. 66. GiLBBBT, Topogr. II 209 f. Reitzbn- i ») CILVI2181f. Priesterinnen der Ceres 

8TBIN, Epigramm u. Skolion S. 216. finden sich sehr häufig in Campanien (CIL 

«) Varro de I. L VI 14. Ovid. fast. III ' X 812. 1074a Pompeji; 1585. 1812. 1829 Pu- 

713 ff. I teoli; 3912. 3926 Capua; 4793 f. Teannm 

^) Ovid. a. a. 0. 771 ff. Cic. ad Att. VI ! Sidicinum) und den benachbarten Gebieten 



1, 12. 

•) Varro bei Aueust. c. d. VII 21 ; vgl. 
0. Jahn, 6er. d sächs. Gesellsch. d. Wiss. 
1855, 71 f. 



9; vgL VII 2. 3. 16. IV 11. 



(CIL X 5073. 5145 Atina; 6103. 6109 For- 
miae; 6640 Antium; XI 3933 Capena; IX 
3170 Corfinium; 3358 Pinna; 4200 Amiter- 
num), oft auch gemeinsame Priestennnen 



•) Varro bei Angustin. c. d. VII 21. VI der Ceres und Venus (Surrentum CIL X 680. 



688; Pompeji Ephem. epigr. VIII 315 = 855; 



') Fast. EsquiL CIL I« p. 315; auch ! Casinum CIL X 5191 ; Suimo IX 3087. 3089. 
ausserhalb Roms opfert man ihr XIII Kai, \ 3090); eine sacerdos Liberi publica in Aqui- 
Mai., CIL XI 3196 (Inschrift aus Nepet vom | num CIL X 5422. 



G« Di noTenaidea grieohischer Herkunft. 46. Ceres, Liber nnd Libera. 245 



dienten gewiss der Verehrung des gesamten Dreivereins. ^) Von grosser 
Bedeutung ist es, dass die aedes Cereris, deren Einweihung ja zeitlich mit 
der Emanzipation der Plebs zusammenfallt, ein spezifisch plebejisches 
Heiligtum und für die Plebs geradezu die aedes schlechthin wurde; denn 
dass die plebejischen Untermagistrate, die aedües, ihren Namen von der 
aedes Cereris Älhren, lässt sich nicht verkennen, wenn man die engen 
Beziehungen beider zu einander ins Auge fasst: im Cerestempel befindet 
sich das unter der Obhut der Aedilen stehende Archiv der Plebs^) und 
ihre Kasse, in welche die von den plebejischen Beamten verhängten Straf- 
gelder fiiessen,^) und auch die cura annonae der Aedilen zeigt so deutlichen 
Zusammenhang mit dem Kulte der Geres,^) dass Caesar, als er das von 
ihm neu hinzugefügte Aedilenpaar aediles plebei Ceriales nannte,^) damit 
nur den alten Gedanken und wahrscheinlich sogar auch den ursprünglichen 
Namen wieder aufnahm ; auch die Ausrichtung der ludi Ceriales lag ebenso 
wie die der ludi plebei den Aediles plebei ob.^) In welchem Umfange der 
Tempel von Ceres, Liber und Libera als sakraler Mittelpunkt der plebeji- 
schen Sondergemeinde angesehen wurde, erkennt man nicht nur daraus, 
dass die Plebs die Cerialia, d. h. den Stiftungstag des Tempels, mit Gastereien 
festlich beging, 7) sondern mehr noch aus der Festsetzung, dass das Ver- 
mögen dessen, der gegen die zum Schutze der plebejischen Magistratur er- 
lassenen leges sacratae frevelte, eben dieser Göttertrias verfallen sein sollte.^) 
.Die weitere Entwicklung des Kultes von Ceres, Liber und Libera 
lässt sich nur in grossen Zügen verfolgen. Bei den Lectisternien erscheint 
Ceres nicht früher als bei dem grossen Zwölfgöttermahle des J. 587 = 217, 
wo sie mit Mercurius gepaart ist (Liv. XXII 10, 9, vgl. oben S. 55); wieder- 
holentlich aber werden bei ihrem Tempel auf Anordnung sibyllinischer 
Sprüche Supplikationen abgehalten^) oder Geldspenden (stipes) niederge- 
legt, ^o) auch dass das Heiligtum Asylrecht besass, erfahren wir gelegent- 
lich, ^i) Zur Zeit der Schlacht bei Cannae wurde in Rom alljährlich im 
August **) durch die Matronen ein sacrum anniversarium Cereris begangen, 
dessen Abhaltung damals durch die infolge jener Niederlage eingetretene 
allgemeine Familientrauer unmöglich wurde, so dass der Senat sich ver- 
anlasst sah, für die Zukunft die Dauer der Trauerzeit auf 30 Tage zu 
beschränken. ^3) Diese erst kurz vor dem hannibalischen Kriege einge- 
führte Pestfeier (Arnob. 11 73) ist eine völlig griechische und zweifellos 
identisch mit denjenigen Mysterien der Ceres, die Cicero in seiner Sakral- 
gesetzgebung erwähnt und allein von allen Geheimdiensten den Frauen 
gestatten will:^^) die Matronen erschienen dabei in weissen Gewändern 



') Vgl. auch die »(teerdos Cerialia Deia 
Libera in Aesernia CIL IX 2670. 

») Liv. III 55, 13; vgL Zonar. VII 15. 

») Liv. X 23, 13. XXVII 6, 19. 36, 9. 
XXXIII 25, 3 u. a. 

^) vgl. Lacil. frg. 152 Baehr.: deficit 
alma Ceres nee plebes pane potitur, 

^) MoMKSEN, Staatsr. II 471. 

*) MoMKSEN a. a. 0. n 509. 

») Gell. XVIII 2, 11 ; vgl. Plaut. Men. 101. 

«) Dion. Hah VI 89. Liv. III 55, 7; vgl. 



Dion. Hai. X 42. Liv. II 41, 10. 

•) Liv. XLI 28, 2; vgl. Tac. ann. XV 44. 

»0) Obsequ. 43 [103]. 46 [106]. 53 [113]. 

**) Varro de vita p. R. bei Non. p. 44. 

") Nach MoMMSBNS Vermutung (CIL !• 
p. 324) am 10. August. 

>») Liv. XXII 56, 4 f. XXXIV 6, 15. Val. 
Max. I 1, 15. Plut. Fab. Max. 18. Paul. p. 97 
(wo f&lschlich 100 Tage angegeben werden). 

") Cic. de leg. II 21. 37: initienturque 
€0 ritu Cereri, quo Romae initiantur. 



246 Beligion and KnltaB der BOmer. IL GOtterlehre. 

und mit einem besonderen Kopfputz,^) und die Hauptceremonie des an die 
griechische Legende von Raub und Ruckkehr der Persephone anknüpfenden 
(Paul. p. 97) Festes scheinen die den griechischen ^coya/jna*) nachgebildeten 
Orci nuj)tiae,^) d. h. eine Vorführung der Vermählung von Persephone und 
Pluton, gewesen zu sein, bei welchen kein Wein gespendet werden durfte,^) 
die also nach dem Ritus griechischer chthonischer Opfer als vr^^dha tcQa 
begangen wurden.*^) Für die ganze Festzeit war der Genuss des Brotes ver- 
boten/) wahrscheinlich auch die Enthaltung von geschlechtlichem Umgang 
gefordert,^) da die Priesterinnen der Göttin, Frauen griechischer Herkunft, 
denen das römische Bürgerrecht verliehen wurde (Cic. pro Balbo 55), für 
die Dauer ihrer Funktion die gleiche Verpflichtung eingehen und daher, 
falls sie verheiratet waren, von ihren Männern sich trennen mussten.^) 
Ein Fest verwandter Art, ieiunium Cereris, wurde im J. 563 = 191 durch 
die sibyllinischen Bücher zur Sühnung schwerer Prodigien angeordnet, um 
alle 5 Jahre begangen zu werden, in der augusteischen Zeit fand es all- 
jährlich am 4. Oktober statt ;^) ausserdem wurde in derselben Zeit ständig 
am 13. September, dem Stiftungstage des Tellustempels auf den Carinae 
(oben S. 161 f.), ein Lectistemium zu Ehren der Ceres begangen, ^^) und 
am 21. Dezember erhielten Hercules und Ceres ein gemeinsames Opfer 
von einer trächtigen Sau, Brot und Met:^^) dass es sich hier überall um 
Kulthandlungen des graecus ritus handelt, steht ausser Zweifel. Die Ludi 
Ceriales, die uns zuerst im J. 552 = 202 als — damals bereits eine Zeit 
lang bestehendes — ständiges Jahresfest bezeugt sind (Liv. XXX 39, 8), 
erstreckten sich in augusteischer Zeit vom 12. — 19. April und boten man- 
cherlei eigenartige Lustbarkeiten, insbesondere Ausstreuen von Nüssen 
und Fuchshetzen, bei denen den Tieren Feuerbrände an die Schwänze ge- 
heftet waren ;!*) der letzte (im 4. Jhdt. n. Chr. auch der erste) Tag war 
Circusspielen gewidmet,^*) seit wann auch scenische Aufführungen statt- 



') Tertoll. de pall. 4 ; vgl. de fcest. anim. j mit Arnob. V 16 castus tetnperatus ah alt- 
2. Val. Max. I 1, 15. Juven. 6, 50; auch an monio panis; die Ergänzung der Inschrift 
den Cerialia trug man weisse Kleider nach 1 CIL VI 87 (über sie neuerdings G. Pascal, 
Ovid. fast. IV 619. V 355. i Hermes XXX 1895, 548 ff. = Studii d. an- 

*) Namentlich in Syrakus, aber auch ' tich. e mitol. S. 207 ff.) ist ganz unsicher, 
sonst gefeiert, vgl. R. Foebsteb, Raub und I ') Die Schilderung Ovids met. X 431 ff. 

bezieht sich aber nicht auf das rOmische 
Fest, sondern auf eine griechische Demeter- 
feier. 



Rückkehr der Persephone S. 23. 

*) Serv. Georg. I 344: aliud est sacrum, 
aliud nuj)tias Cereri celebrare, in qutbus 
revera vinum adhiberi nefas fuerat, quae j *) Tertull. de monog. 17: Cereris sacer- 

Orci nuptias dicebantur^ quas praesentia I dotes viventibus etiam r«m et consentienti' 

bus amica separatione vidtMntur; durch 



sua pontifices (gewiss ungenau) ingenti sol- 
lemnitate celebrarunt. Hierher gehört wohl 
auch die Notiz Serv. Aen. IV 58: Romae 
cum Cereris Sacra fiuntf observatur, ne quis 



Verallgemeinerung wird darum Ceres zur 
Göttin der Ehescheidung gemacht, Serv. 
Aen. IIl 139. IV 58. 



patrem aut filiam nominet, quod fructus \ •) Liv. XXXVI 37, 4. CIL P p. 331. 

• p. 336 f. Arnob VII 
*) Serv. Georg. I 344. Dion. Hai. I 33, 1 ; Stelle Tertull. de idol. 10 ist füschlich hier- 



matrimonii per liberos constet. \ ") CIL P p. 336 f. Arnob VlI 32; die 



daher Plaut. Aulul. 355 Cereri nuptias facere her bezogen worden, vgl. Wissowa, Gott. 



für ein Fest ohne Wein 

^) Stengel, Griech. Eultusaltert S. 72 f. 
DiBLs, Sibyll. Blätter S. 71. 



gel. Anz. 1891, 29 f. 

»*) Macr. S. III 11, 10, vgL oben S. 229. 
") Fest. p. 177. Ovid. fast. IV 681 ff. 



*) Fest. p. 154 in casto Cereris (unter , >») CIL I« p. 315; vgl. Tac. ann. XV 53 

den Fällen des luctus minutus) verglichen | 74. Cass. Dio XLVII 40. 



C. Di noTenaides griechieoher Herkunft. 46. Ceres, Liber und Libera. 247 

fanden, ist nicht bezeugt. Augustus begann nicht nur einen, nachher von 
Tiberius im J. 17 n. Chr. vollendeten Neubau des im J. 723 =^ 31 durch 
eine Feuersbrunst zerstörten alten Tempels von Geres, Liber und Libera,^) 
sondern errichtete auch im J. 7 n. Chr. im Vicus jugarius einen gemein- 
samen Altar der Ceres mater und Ops augusta, dessen Stiftungstag 
(10. August) unter die Feriae des Jahres aufgenommen wurde (CIL P 
p. 324), wahrscheinlich zu Ehren der Livia, von der wir auch aus andern 
Zeugnissen wissen, dass sie sich als Ceres feiern liess.^) 

Was uns von Zeugnissen des Gottesdienstes von Ceres, Liber und 
Libera aus spätrepublikanischer und kaiserlicher Zeit vorliegt, zeigt, dass 
man Ceres ebenso ausgesprochen als Gottheit des Getreidebaues und der 
Getreideeinfuhr, wie Liber als den Beschützer des Weinbaues verehrte: 3) 
darum wird im Bauernkalender (CIL P p. 281) der Monat der Getreide- 
ernte, der August, als tutela Cereris bezeichnet und zum Oktober ange- 
merkt: vindemiae sacrum Libero, und es erhielten Liber und Libera ebenso 
bei der Weinlese eine Erstlingsspende von jungem Most, sacritna genannt, 
wie Ceres den ersten Ährenschnitt, das praemetium.^) Auf den Münz- 
bildern wird Ceres namentlich als Beschützerin der hauptstädtischen Ge- 
treideversorgung vorgeführt, thronend mit Scepter und Ähren, neben ihr 
ein Getreidemass {moditts) und — zum Zeichen der überseeischen Her- 
kunft des Getreides — ein Schiffsvorderteil: als ihre Dienerin und Be- 
gleiterin steht häufig neben ihr die personifizierte Annona, die sich all- 
mälig als selbständige Figur loslöst und mehrfach auf Inschriften und 
Kunstdenkmälem begegnet.^) Zu den Verehrern der Ceres gehören daher 
namentlich die mensores frumentarii,^) wie zu denen des Liber die Winzer 
und Weinhändler, 7) von denen die letzteren ihn oft zusammen mit Mer- 
curius anrufen, während er von den ersteren häufig durch individuali- 
sierendQ Beinamen^) als Beschützer eines bestimmten Weingutes bezeichnet 
und mit den ländlichen Göttern Silvanus und Hercules verbunden wird.^) 
In den Provinzen ist der Kult der Ceres am verbreitetsten in Afrika, wo 
die Göttin in griechischer Auffassung (Cereri graec[ae\ sacr\u\m CIL VIII 
14381) mit Pluto verbunden wird (CIL VIH 8442. 9020 f.) und häufig in 
der pluralen Namensform Cereres erscheint, was man richtig auf Ceres 
und Proserpina (wie Castores für Castor und Pollux) gedeutet hat.^^) Das 



Cass. Dio L 10, 3. Strab. VIII 881. Tac. 
ann. II 49. 

') CoHBN, Med. imp^r. I* p. 77 nr. 93. 
p. 172 nr. 13; vgl. auch CIL X 7501. 

») DioB. Hai. VI 17, 4 ol di (nämlich 
Demeter, Dionysos, Eore) vnaxovaayxBg zijy 
re y^y naQeoxevaaay avsiyM nXovciovs xa^ 
novg, ov fioyoy rtjy anoQifioy aXXa xai xrjy 
dsv^QotfOQoy, xal rag inswxtovg dyoQug 
imxXvaai fiäXXoy rj n^TSQoy; daher werden 
Ceres nnd Liber zusammen angerufen bei 
Varro de re rast. I 1, 5. 

*) MoMMSBN, CIL P p. 332. Colnm. XII 
18,4. Paul. p. 319. 

*) In der Litteratur personifiziert nur 



1 (Gemme). VI 22. 8470. VIII 7960. XIV 51 ; 
über Eunstdarstellungen Brunn, Annali d. 
Inst. 1849, 135 ff.; Sitz.-Ber. Akad. München 
1881 II 119 ff.; vgl. auch Mabquabdt, Staats- 
▼erw. II* 128, 4. Im allgemeinen Wissowa 
in RoscHBBS Mythol. Lexik. I 359 f. 

•) CIL XrV 2. 409. III 3835 (vgl. VI 22); 
ein horreariu8 in Beneventum CIL IX 1545. 

») CIL V 5543. VI 467. 8826. 

8) CIL VI 463. 466. 1X2631. 

») CIL III 3923. 3957. VI 294. IX 3603. 
XII 3132 

»0) CIL VIII 580. 1548. 1838. 3303. 6359. 
6709. 11826. 12318. 14438 (auch in Puteoli 
eine sacerdos Cerentm CIL X 1585); vgl. 



beiStatsilv. 16, 38; Inschriften CIL II 4976, \ 0. Hibsohpbld, Annali d. Inst. 1866^ 51. 



248 



Beligion und Knltas der Römer. II. GOtterlehre. 



in Rom selbst und Italien verschollene Götterpaar Liber und Libera be- 
gegnet uns ausserordentlich häufig auf Weihinschriften von Dacien, Dal- 
matien und Pannonien,^) wo offenbar zwei engverbundene einheimische 
Gottheiten sich dieser Namen bemächtigt haben.') Mehr noch als im Kulte 
der Ceres, in welchem seit Augustus auch die Einwirkung der eleusini- 
sehen Mysterien sich geltend macht,') tritt in dem des Liber in Rom wie 
in den Provinzen ein orgiastisch-mystischer Zug hervor. Nachdem in der 
Zeit nach dem hannibalischen Kriege die von Unteritalien her in Rom 
eindringenden Geheimkulte des Bacchus von der Behörde gewaltsam unter- 
drückt worden waren,^) hat nach einer vereinzelt stehenden Nachricht 
(Serv. Ecl. 5, 29) Caesar einen neuen Dienst des Liber in Rom eingeführt, 
der jedenfalls ein halborientalischer war: diesem scheint sowohl der von 
Septimius Severus erbaute Tempel (Cass. Dio LXXVI 16) anzugehören, als 
die Mehrzahl der aus den Inschriften bekannten Kultgenossenschaften des 
Gottes,^) die namentlich in der Spätzeit des Heidentums eine grosse Rolle 
spielen^) und mit allen möglichen andern Geheim- und Fremdkulten, wie 
Isis, Mithras, Magna Mater und Hekate, in naher Beziehung stehen. ?) 

Litteratur: Th. Bibt in Roschers Mythol. Lexik. I 859 ff. (Geree). G. Wissowa 
ebd. II 2021 ff. (Liber and Libera) und Real-Encycl. III 1970 ff. (Gerea). A. Pbstalozza 
und G. Ghieba bei Ruooiebo, Dizion. epigraf. II 204 ff. A. ScHN£OBLSBBBe, De Liberi apud 
Romanos cnltu capita duo, Dissert. Marporgi 1894. 

47. Mercurius. Demselben Anlasse, der die Aufnahme der griechi- 
schen Getreidegöttin Demeter-Ceres in Rom herbeiführte, verdankt auch der 
griechische Handelsgott seine Rezeption: die Fürsorge für den Getreide- 
import aus dem griechischen Süden Italiens fand im J. 259 = 495 ihren 
sakralen Ausdruck in der Weihung eines Tempels des Gottes Mercurius, 
mit der zugleich eine Art Getreidebörse und die Stiftung einer Kaufmanns- 
gilde verbunden war.^) Der Bericht über die Gelobung des Tempels fehlt 
in unsern Quellen und damit die direkte Angabe, dass dieselbe auf Grund 
einer Befragung der sibyllinischen Bücher geschah: dass das letztere 
jedoch der Fall war, können wir mit voller Sicherheit daraus »chliessen, 
dass Mercurius schon beim ersten Lectisternium im J. 355 = 399 erscheint 
(Liv. V 13, 6. Dion. Hai. XH 9). Der Tempel») lag beim Circus maximus 



>) Dacien: CIL IH 792. 1093 f. 1303; 
SuppL 7684. 7916; Dahnatien: CIL IIL 1790 
= 6362 (noch in republikanische Zeit hinauf- 
reichender Tempel in Narona). 2908; Panno- 
nien: CIL HI 3234. 3298. 3466. 3506. 4297; 
Suppl. 10343, dazu zahlreiche Weihungen an 
Liber allein. 

') V. DoMASZBWSKi, Westd. Zeitschrift 
XIV 54. 

»J Suet. Aug. 93, vgl. Claud. 25. Aurel. 
Vict. Caes. 14, 4. Bist. aug. M. Aurel. 27, 1 ; 
ein Cereris mystes aus Rom Ephem. epigr. 
IV 866; sacratua Libero et Eleusi[ni]i8 und 
sacrata Cereri et Eleunniis CIL VI 1779 
(Ende des 4. Jhdts. n. Chr.). 

*) s. oben S. 58 und Wissowa, Real- 
Encycl. II 2721 f. 

^) Ein thiasus Placidianus in Puteoli 
verehrt Liber und die Cereres (CIL X 1583 
—1585). 



') Der eigentliche Name dieser Ge- 
nossenschaften scheint spirae gewesen zu 
sein (CIL VI 76. 261. 461 X 6510. Kaibbl, 
Inscr. graec. Sicil. Ital. 925. 977); die Namen 
der einzelnen Grade und Würden sind spi- 
rarches (CIL VI 2251 f.), orgiophanta (CIL 
X 1583), parastata (X 1584), hierophantes 
(VI 507), archibucolus (VI 504. 510). 

'} z. B. CiL VI 500. 504. 507. 510 u. a. 

^) Liv. II 27, 5: certamen consulibus in- 
ciderat, uter dedicaret Mercuri aedem, se- 
flatus a 86 rem ad populum reiecit: lUri 
eorum dedicatio iussu populi data esset, 
eum praeesse annonae, mercatorum coh 
legium instituere, sollemnia pro pontifice 
iussit suscipere. Dasselbe kürzer II 21, 7; 
vgl. Val. Max. IX 3, 6. 

') Wahrscheinlich ein Rundtempel, Serv. 
Aen. IX 408; vgl. Jordan, Tempel der Vesta 
S. 77 Anm. 6. 



G. Di noTensidea griechischer Herkunft. 47. Xercnrins. 249 

hinter den unteren metae nach der Seite des Aventin hin,^) jedenfalls 
extra pomerium; der Stiftungstag fiel auf den 15. Mai (CIL P p. 318), und 
zwar war der Monat offenbar deshalb gewählt, weil man die neben Mer- 
curius in seinem Tempel verehrte (s. unten Anm. 2) Mutter des Gottes 
Maja mit der gleichnamigen altrömischen Göttin, der Genossin des Vol- 
canus, welcher am 1. Mai geopfert wurde (s. oben S. 185), identificierte. 
Der Tag war ein Spezialfesttag der Eaufmannsgilde,^) ebenso wie der Stif- 
tungstag des Minervatempels auf dem Aventin von den Handwerkerzünften 
als Sonderfest begangen wurde; denn dieses collegium mercatorum^) be- 
trachtet sich als unter dem besonderen Schutze des Gottes stehend und 
seine Mitglieder bezeichnen sich daher auch als Mercuriales.^) Diese enge 
Verbindung des Gottes mit dem Eaufmannsstande und die Ersetzung des 
griechischen Eigennamens durch die lateinische Bezeichnung Mercurius (zu 
merces, mercariy) lassen mit aller Deutlichkeit erkennen, dass von den 
verschiedenen im Wesen des griechischen Hermes vereinigten Seiten für 
den römischen Kult nur seine Eigenschaft als Handelsgott in Betracht 
kam : als solcher fand er auf dem Sextans der ältesten römischen Kupfer- 
prägung seinen Platz, und fast ausschliesslich in dieser Auffassung feiern 
ihn die inschriftlich erhaltenen Denkmäler seiner Verehrung,^) in denen 
zuweilen auch Maja neben ihm erscheint, 7) sowie die aus zufalligen Er- 
wähnungen bekannten römischen Kapellen und Bilder des Gottes^) und 
die zahlreichen Bonzestatuetten unserer Museen, die den mit Beutel und 
Caduceus ausgestatteten Mercurius darstellen;^) die auf Inschriften und 
Bildwerken häufige Verbindung des Gottes mit Fortuna, ^^) vereinzelt auch 
mit der Handwerkergöttin Minerva, ^^) findet so ungezwungen ihre Erklärung. 
Wenn bei den Dichteiii vielfach auch griechische Vorstellungen wie die 
von Hermes als dem Erfinder der Lyra oder dem Seelenführer auf den 
römischen Mercurius übertragen werden, ^^) so kann das an der engeren 
Begrenzung der im Kulte zum Ausdrucke kommenden Auffassung nichts 
ändern, und wenn sich Augustus gelegentlich als auf die Erde herabge- 
stiegenen Mercurius feiern liess,^') so hat er sich dabei wohl im wesent- 

«) Ovid. fast. V 669. Apul. met. VI 8; ') CIL X 885 ß, (Pompeji). III 740. V 

vgl. 0. RiCHTBB, Topogr. 843 f. Hülsbn, 6354^ Eph. ep. IV 76. V 1408; vgl. auch 
Dissert. d. Pontif. Accad. Rom. di Archeol. 
»er. II t. VI (1896) p. 264. 

>) Macr. S. 1 12, 19. Lyd. de mens. IV 53 
(beide Dennen Mercurius u.Maja). Paul.jp. 148. 

') Ein solches auch in Capua, CIL X 
3773; vgl. Libbenam, Vereinswesen S. 89 ff, 

*) Cic. ad Qu. fr. II 5, 2. CIL XIV 
2105 (identisch damit die 'E^fdaXorai auf 
Delos, Bull, de corresp. hellen. VIII 94 ff.), 
vgl. auch culiores Mercurii CIL VII 1069 f., 
Mercuresißs) Eph. epigr. III 179. Daher die 
Anwendung von Mercuriaüs bei Hör. sat JI 
3, 25 (vgl. cann. II 17, 29). Pers. 5, 112. 

*) Aeltere Form Mircurius (Mirqurius), 
Vel. Long. G. L. Vll 77 K. CIL I 59. loOO. 
111 3076. IX 5350, vgl. Solmsbk, Stud. z.lat. 
Lautgesch. S. 140 Anm. 1. 



den Rundaltar mit den Bildern beider Gott- 
heiten, den E. Saxtbr, Rom. Mitth. VI II 
1893, 222 ff. richtig erklärt hat. 

^) Mercurius malevolus Fest. p. 161, 
Mercurius sobrius CIL VI 9483. 9714, Mer- 
curius eptUo CIL VI 522; Weihongen der 
Vicomagistri an Mercurius CIL VI 34. 288; 
Mercursquelle bei Porta Capena, Ovid. fast. 
V 673 ff. 

*) Fbiedebichs, Kleine Kunst und In- 
dustrie S. 407 ff. S. Reinach, Rupert, de la 
statuaire II 154 ff. 

^°) R. Petbb in Roschers Mythol. Lexik. 
I 1536 f. CIL VI 23845. 

»») Samtbb, Rom. Mitth. X 1895, 93 f. 

»*) z. B. Hör. carm. I 10. Ovid. fast. V 
665 ff. CIL VI 520 = Büechblbb, Anthol. 
•)2:/ucrtrcpcr<orCILVI520;vgl.V6594. epigr. nr. 1528. 
6596. Plant. Amph. 1 ff. Hör. sat. II 3, 68. ^») Hör. carm. I 2, 41 ff. und obenS. 83; 



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Religion und Kaltos der Römer. II. Qötterlehre. 



liehen als den Mann hinstellen wollen, der nach den Wirren der Bürger- 
kriege Handel und Wandel in seinem Reiche wieder zur Blüte brachte. 
Als Gott des Handels und Verkehrs ist Mercurius endlich auch zu der be- 
deutsamen Rolle gekommen, die er auf keltisch-germanischem Gebiete 
spielt, wo die eindringenden Römer sowohl in dem keltischen Esus,^) wie 
in dem germanischen Wuotan Züge ihres Mercurius wiederfanden und 
diese Götter demgemäss benannten:') auch das Paar Mercurius-Maja, das 
im Rhein- und Moselgebiete zuweilen inschriftlich begegnet,^) ist nicht 
das des römischen Staatskultes, sondern die Bezeichnung eines einhei- 
mischen Götterpaares, jedenfalls wohl desselben, das auf andern Denk- 
mälern der gleichen Gegend die Namen Mercurius und Rosmerta führt.^) 
48. Neptunus. In tiefem Dunkel liegen infolge des Mangels an 
Zeugnissen Wesen und Geschichte des römischen Neptunuskultes. Dass 
Neptunus pater^) zu den altrömischen Indigetes gehörte, beweist, abgesehen 
von dem italischen Namen des Gottes,^) die Aufnahme des Festes der 
Neptunalia in den ältesten Kalender. Diese Festfeier fiel auf den 23. Juli^) 
und stand vielleicht in einer gewissen Beziehung zu dem Hainfeste der 
Lucaria, dessen erster Tag (19. Juli) durch den in der römischen Festord- 
nung bedeutungsvollen^) Zwischenraum von 4 Tagen von ihr getrennt ist 
und an welches auch der einzige für die Neptunalia bezeugte Festbrauch, 
die Errichtung von Laubhütten (umbrae,^) (xxiddsg), anzuklingen scheint. 
Vielleicht war der Zweck dieses Hochsommerfestes, den Gott um Abwehr 
allzu grosser Trockenheit, vor allem des Versiegens der Quellen und Wasser- 
läufe zu bitten ;^^) denn die Beziehung zum Wasser scheint in Neptunus 
eine ursprüngliche zu sein, wenn er auch keinesfalls von Hause aus ein 
Meergott ist. Im Kulte ist ihm eine Göttin Salacia als Salacia Neptuni 
gepaart, ^^) und auch eine zweite Göttin, Namens Venilia, gehört zu seinem 
Kreise :^^) von beiden war den Alten nicht mehr als der nackte Name be- 



aach Commodus trat als riog'EQfdfJs auf, Cass. 
Dio LXXII 17. 19. 

^) Comm. Bern, za Lucan. I 445; vgl. 
R. MowAT, Bullet, monument. 5« sör. IV 1876 
S. 838 ff. Lehner, Eorresp.Bl. d. Westd. 
Zeitschr. XV 1896, 33 ff. 

•j Caes. b. g. VI 17. Tac. Germ. 9; 
ann. XIII 57. Paul Diac. hiet. Lang. I 9; 
vgl. Zanoemeibteb, N. Heidelb. Jahrb. V 1895, 
46 ff. Zahlreiche Weihungen an Mercurius 
in Gallien und Germanien s. CIL XII p. 926. 
Brambach GIRhen. p. 381. Mercuriusstatue 
für die Arvemer von Zenodoros, PHn. n. h. 
XXXI V 45; vgl. Greg. Turon. bist. Franc. I 
29 und Ihm bei Pault- Wissowa, Real-Encycl. 
II 1489 f. 

») CIRhen. 721 f. 1763. 1845. 1876 (Maja 
allein 1835). CIL XII 2570. XIII 1769. 

*) CIRhen. 402. 681. 862 f. 888. Ch. 
Robert, Epigraphie gallo-romaine de la Mo- 
sel! e p. 65 ff. 

6) So Lucü. frg. 8 Baehr. GeU. V 12, 5. 
Act. Arval. CIL VI 2074 1 65. Inschrift des 
Catius Sabinus CIL XIV 1 = Buecheler, An- 
thol. epigr. nr. 251, 6. 



^) Die Etymologie ist ganz unsicher: 
a nando Cic. de nat. deor. II 66 = Firmic. 
Mat. err. prof. rel. 17, 2; q%u>d mare terras 
obnubit Varro de L 1. V 72. Arnob. III 31. 

^) CIL I« p. 323 ; vgl. Varro de 1. 1. VI 19. 

') WissowA, De feriis anni Rom. p. VIII ff. 

•) Paul. p. 377 : umhrae vocantur Nep- 
tundlihiM casae frondeae pro tabemcKMlis; 
über die Errichtung von axuideg und cxrjyal 
bei griechischen Festen vgl. J. Toepffer, 
Athen. Mitteil. XVI 413 ff. = Beitr. z. griech. 
Altertumswiss.